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Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Noah im Rausch

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Der Segen für Jakob, dem Jüngeren

  9. Josef und seine Brüder

10. Moses vor dem Pharao

11. Ruth die moabitische Frau und Ahnfrau Davids

12. David gegen Goliath

13. David und die Frau des Hethiters

14. Esthers Rettung der Juden

15. Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas  

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

 

Kapitel 24: Der ungläubige Thomas

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Der Text

3. Interpretation

4. Glauben und Glaubwürdigkeit in der Wissenschaft

5. Verifikation und Falsifikation von Wissen

6. Beschäftigung mit Glaubenswahrheiten erwünscht?

 

 

1. Das Problem

 

In diesem letzten Kapitel dieser Vorlesung über Erzählungen der Heiligen Schrift wollen wir uns mit Thomas befassen, einem der 12 Apostel, welcher nicht zugegen war, als Jesus seinen Jüngern das erste Mal nach seiner Auferstehung erschienen war und der nicht willens war, dieses Wunder zu glauben und erst an die Auferstehung Jesu glaubte, als er selbst Jesus begegnet war und sich selbst davon überzeugen konnte, dass Jesus auferstanden war.

 

Generalthema dieses letzten Kapitels ist der Glaube, also die Frage, welche Bedeutung in unserem Leben und vor allem auch im Zusammenhang mit den religiösen Grundlagen dem Glauben zukommt, was wir unter Glauben zu verstehen haben, warum wir zu glauben haben und inwiefern sich diese religiös motivierte Haltung von unseren alltäglichen und weltlichen Erfordernissen zu unterscheiden hat.

 

Es entspricht einer weitverbreiteten Ansicht, dass sich Wissen und Glauben einander ausschließen, dass ein ernstzunehmender Wissenschaftler nicht zur gleichen Zeit ein Gläubiger, also z. B. ein überzeugter und praktizierender Christ sein könne. Schließlich sei der Versuch einiger Philosophen und Kirchenväter im Altertum, die Existenz Gottes mit Mitteln der Wissenschaft exakt nachzuweisen, eindeutig gescheitert.

 

Auch enthalte die Bibel – vor allem das Alte Testament –  zahlreiche Faktenbehauptungen, die sich in der Zwischenzeit eindeutig als falsch erwiesen hätten. Worüber man jedoch nicht reden könne, darüber müsse man – einer Auffassung von Ludwig Joseph Johann Wittgenstein folgend – schweigen.

 

Mich hat diese Auffassung nie überzeugt, sie beruht meines Erachtens auf falschen Vorstellungen sowohl über die Möglichkeiten der empirischen Wissenschaften als auch über den Anspruch der – zumindest christlichen – Religionen.

 

Wir wollen in diesem Kapitel der Frage nachgehen, welche Bedeutung dem Glauben und der Glaubwürdigkeit innerhalb der Religionen zukommt und aufzeigen, dass auch die Wissenschaft ohne ein Mindestmaß an Glauben nicht auskommt.

 

In einem weiteren Schritt werden wir der Frage nachgehen, inwieweit im Rahmen der empirischen Wissenschaften Aussagen verifiziert werden können. Wir werden zeigen, dass auch hier im Hinblick auf generelle Aussagen zu faktischen Zusammenhängen gar keine eindeutige und endgültige Verifikation möglich ist, sodass es unmöglich ist, Wahrheiten zu verifizieren und zwar nicht nur im Bereich der Religionen, sondern auch bei den sogenannten exakten Wissenschaften – zumindest im Zusammenhang mit empirischen Faktenzusammenhängen.

 

In einem letzten Schritt wollen wir der Frage nachgehen, ob das Diktat von Wittgenstein, dass man dort schweigen solle, wo man keine eindeutigen Antworten wissenschaftlich geben könne, auch für den Bereich der Glaubenswahrheiten gilt. Wir werden zeigen, dass es im Hinblick auf den Glauben sehr wohl sinnvoll und notwendig sein kann, Antworten zu formulieren, auch wenn diese Antworten nicht eindeutig mit Hilfe unserer Wahrnehmungsorgane nachgewiesen werden können.

 

 

2. Der Text

 

Beginnen wir auch dieses letzte Kapitel mit dem Text dieser Erzählung. Im Johannesevangelium Kapitel 20 lesen wir:

 

24 ‚Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.

25 Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.

 

26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!

27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!

 

28 Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott!

29 Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.‘ 

 

 

3. Interpretation

 

Die Erzählung über den ungläubigen Thomas, welcher erst an die Auferstehung Jesu glaubt, nachdem er seine Finger in die Male der Nägel legen konnte, findet sich nur im Johannesevangelium.

 

Nach dem übereinstimmenden Zeugnis aller vier Evangelien erschien Jesus nach seiner Auferstehung zunächst den Frauen und zwar – wie Lukas berichtet – Maria Magdalene, Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus und er beauftragte sie, den Jüngern zu berichten, dass sie ihn gesehen haben. Bei Matthäus Kapitel 28 lesen wir:

 

9 ‚Plötzlich kam ihnen Jesus entgegen und sagte: Seid gegrüßt! Sie gingen auf ihn zu, warfen sich vor ihm nieder und umfassten seine Füße.

10  Da sagte Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen und dort werden sie mich sehen.‘

 

Aber zunächst war nicht nur Thomas ungläubig, sondern dies galt im Grunde für die meisten Jünger. Bei Markus Kapitel 16 heißt es z. B.:

 

11 ‚Als sie [die Jünger] hörten, er lebe und sei von ihr gesehen worden, glaubten sie es nicht….

14 Später erschien Jesus auch den Elf, als sie bei Tisch waren; er tadelte ihren Unglauben und ihre Verstocktheit, weil sie denen nicht glaubten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten.

15 Dann sagte er zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!

16 Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.‘

 

Auch Lukas berichtet in Kapitel 24 von großen Zweifeln der Jünger:

 

10 ‚…auch die übrigen Frauen, die bei ihnen waren, erzählten es den Aposteln.

11 Doch die Apostel hielten das alles für Geschwätz und glaubten ihnen nicht….

36 ‚Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!

37 Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen.

38 Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen?

39 Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht.

40 Bei diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße.

41 Sie staunten, konnten es aber vor Freude immer noch nicht glauben. Da sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier?

42 Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch;

43 er nahm es und aß es vor ihren Augen.‘

 

Bei Matthäus schließlich begegnet Jesus den elf Aposteln erst auf einem Berg in Galiläa, den Jesus den Frauen genannt hatte. Aber selbst hier berichtet Matthäus in Kapitel 28 davon, dass einige der Apostel immer noch Zweifel hatten, ob Jesus tatsächlich auferstanden sei:

 

16 ‚Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte.

17  Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Einige aber hatten Zweifel.

18  Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde.‘

 

Wir wollen also festhalten, dass zunächst nahezu alle Apostel und Jünger diese Zweifel hatten und auch genauso, wie Thomas erst an die Auferstehung Jesu geglaubt hatte, als Jesus den Jüngern gestatteten, seine Wundmale zu fühlen.

 

Im Grunde ist eine solche Haltung auch gar nicht verwunderlich. Die Jünger hatten miterlebt, wie Jesus verhaftet und schließlich gekreuzigt wurde und wie sein Leichnam ins Grab gelegt wurde.

 

Dass die Menschen schließlich am Ende der Zeiten auferstehen bzw. auferweckt werden, wurde zwar im Alten Testament erwähnt, war jedoch keinesfalls eine von allen jüdischen Gelehrten akzeptierte Wahrheit. Die Sadduzäer z. B. glaubten nicht an eine Auferstehung der Menschen am Ende der Zeiten. Der Hinweis, dass Gott die Menschen nach ihrem Tode wieder auferwecke, findet sich auch erst sehr spät in den Schriften des Alten Testamentes, so etwa im 2. Makkabäerbuch sowie bei Daniel. Im 2. Makkabäerbuch, Kapitel 12 heißt es:

 

44 ‚Als er in den letzten Zügen lag, sagte er: Du Unmensch! Du nimmst uns dieses Leben; aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind.‘

 

Und im Buch Daniel in Kapitel 12 lesen wir:

 

13 Du aber geh nun dem Ende zu! Du wirst ruhen und am Ende der Tage wirst du auferstehen, um dein Erbteil zu empfangen.‘

 

Der Auferstehungsglaube war also zu Lebzeiten Jesu keinesfalls allgemein akzeptiert. Zwar finden wir im Neuen Testament zahlreiche Hinweise darauf, dass Jesus die Auferstehung der Menschen predigte. Wir müssen jedoch berücksichtigen, dass die vier Evangelien erst 30 bis 70 Jahre nach dem Ableben Jesu niedergeschrieben wurden, sodass also den Evangelisten die Auferstehung Jesu bekannt war und dass sie deshalb aufgrund dieses Wissens den Auferstehungsgedanken unter Umständen stärker betonten als es Jesus zu seinen Lebzeiten vor seiner Ermordung getan hatte.

 

Der Apostel Thomas begegnet uns allerdings auch schon vor Jesu Kreuzigung. So heißt es im 10. Kapitel des Johannesevangeliums:

 

1  ‚Ein Mann war krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf, in dem Maria und ihre Schwester Marta wohnten.

2  Maria ist die, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar abgetrocknet hat; deren Bruder Lazarus war krank.

3  Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank.

4  Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.

5  Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus.

6  Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt….

 

11  … Dann sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.

12  Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden.

13  Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf.

14  Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: Lazarus ist gestorben.

15  Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt. Doch wir wollen zu ihm gehen.

16 Da sagte Thomas, genannt Didymus (Zwilling), zu den anderen Jüngern: Dann lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben.‘

 

Hier spricht Jesus die Auferstehung eines Menschen (des Lazarus an), er spricht zwar nur davon, dass er jetzt schlafe, obwohl in Wirklichkeit Lazarus zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben war.

 

Und wir lernen an dieser Bibelstelle einen Thomas kennen, der ohne größere Zweifel willens ist, mit Jesus zu gehen um mit ihm zu sterben.

 

In Kapitel 14 des Johannesevangeliums spricht Jesus das Thema der Auferstehung – sowohl seine eigene wie auch die der Jünger und Gläubigen – in Anwesenheit des Apostels Thomas erneut an:

 

3  ‚Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.

4  Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr.

5  Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen? 

6  Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.

7  Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.‘

 

 

4. Glauben und Glaubwürdigkeit in der Wissenschaft

 

Es hat zunächst den Anschein, als ob Glaube ohne genaues Wissen nur in der Religion, nicht aber in der Wissenschaft notwendig sei. Aber auch die Wissenschaft kann ohne Glauben nicht auskommen, der enorme wissenschaftliche Fortschritt in der Vergangenheit war überhaupt nur dadurch möglich, dass sich der einzelne Wissenschaftler auf die Aussagen bisheriger Wissenschaftler – ohne eigene Überprüfung dieser Aussagen – verlassen hat.

 

Wissen entsteht immer durch Kumulation, also dadurch, dass man zu den bereits bekannten und als erwiesen betrachteten Aussagen weitere hinzufügt. Die Fähigkeit des Einzelnen, Wissen zu überprüfen, ist begrenzt, nie ist es möglich, die Gesamtheit des bisher entdeckten Wissens selbst zu überprüfen, ein Fortschreiten und Hinzufügen neuen Wissens ist überhaupt nur dadurch möglich, dass man das bisher aufgedeckte Wissen ohne eigene Überprüfung übernimmt und darauf aufbauend weiter forscht, also das glaubt und als bewiesen übernimmt, was andere Wissenschaftler vor ihm entdeckt haben bzw. behaupten, entdeckt zu haben.

 

Natürlich ist ein solches Vorgehen nur möglich, wenn man bestimmte Spielregeln über den Wissenserwerb anerkennt. Es muss Übereinstimmung darüber bestehen, mit welchen Methoden im Rahmen der Wissenschaft neues Wissen kreiert wird, wann man davon sprechen kann, dass bestimmte Aussagen als bewiesen und andere als widerlegt angesehen werden können. Die anderen Wissenschaftler, deren Wissen man übernimmt, müssen als ‚glaubwürdig’ angesehen werden.

 

Zu diesen Spielregeln zählt vor allem auch, dass die einzelnen Schritte, aufgrund derer ein Wissenschaftler zu neuen Erkenntnissen gelangt ist, ganz bestimmten, allgemein akzeptierten Spielregeln folgen müssen und dass die Ergebnisse offen gelegt werden, sodass diese Erkenntnisse jederzeit von einem anderen Wissenschaftler überprüft werden können. Von neuem gesichertem Wissen wird deshalb auch nicht bereits dann gesprochen, wenn ein einzelner Wissenschaftler bestimmte wissenschaftliche Ergebnisse veröffentlicht.

 

Mit der Veröffentlichung dieser Ergebnisse beginnt überhaupt erst der erste Schritt des Entdeckungsprozesses der Wissenschaft. Neues Wissen wird in einem vielschichtigen arbeitsteiligen Prozess kreiert, an dem viele Wissenschaftler beteiligt sind. Und eine neue Erkenntnis wird im Rahmen der Wissenschaft erst dann als erwiesen und als allgemeines Wissen angesehen, wenn neue Entdeckungen von anderen Wissenschaftlern überprüft wurden und deshalb als allgemeines Wissen akzeptiert werden können.

 

Trotzdem muss man gewissermaßen mehr oder weniger blind den Kollegen darauf vertrauen, dass sie sich auch immer an diese Spielregeln halten. Nun sind die Wissenschaftler auch nur Menschen mit menschlichen Schwächen; auch dann, wenn man überzeugt sein kann, dass die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler bereit ist, sich an diese Spielregeln zu halten, wird man trotzdem damit rechnen müssen, dass diese Spielregeln vereinzelt verletzt werden, dass Wissenschaftler im Einzelfall durchaus mit unsauberen Methoden arbeiten und Ergebnisse schönen, also fälschen.

 

Zu diesem unerwünschten Verhalten kommt es einerseits immer wieder dadurch, dass die Überprüfung der Untersuchungen oftmals sehr erschwert ist und auch nicht immer vorgenommen werden kann. Andererseits ist das Bestreben eines Wissenschaftlers nach wissenschaftlichem Ruhm und Anerkennung so groß, dass man durchaus damit rechnen muss, dass in dem einen oder anderen Fall gepfuscht wird.

 

Natürlich handelt es sich hierbei sicherlich um Einzelfälle. Man kann durchaus davon ausgehen, dass sich die überwiegende Mehrheit der Forscher korrekt verhält und nur tatsächlich bewiesene Aussagen veröffentlicht. Das Problem liegt nur darin, dass man eben im Einzelfall nicht weiß und auch nicht wissen kann, ob die Aussagen einzelner Forscher korrekt gewonnen wurden oder auch nicht. Wie gerade Beispiele der jüngsten Vergangenheit zeigen, können solche Unkorrektheiten durchaus auch bei sogenannten Koryphäen auftreten.

 

So musste vor kurzer Zeit eine Koryphäe in der Embryonenforschung aus Südkorea einräumen, dass bei der Präsentation der Daten das Material teilweise gefälscht wurde.

 

Vor einigen Jahren hatte – um ein zweites Beispiel zu nennen – ein führender Vertreter der Forstwissenschaft aus Deutschland eingeräumt, dass die bisher gemachten Feststellungen, der deutsche Wald sei in einem verheerenden Zustand, die meisten Bäume seien krank, weniger der tatsächlichen Entwicklung entsprochen hätten als eher dem Zustand, der auf der Grundlage der bisherigen Theorien hätte eigentlich erwartet werden müssen.

 

In Wirklichkeit hätten die Bäume in der Vergangenheit den auftretenden Gefahren besser getrotzt als vermutet wurde und es wurden neue, bisher unbekannte Anpassungsmechanismen entdeckt.

 

 

5. Verifikation und Falsifikation von Wissen

 

Ich habe eingangs davon gesprochen, dass die These von der Unvereinbarkeit von Glauben und Wissenschaft auf der Überschätzung dessen beruht, was mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden an ‚gesicherten’ Erkenntnissen gewonnen werden kann. Wir wollen uns mit diesen Begrenzungen der Wissenschaft im Folgenden etwas ausführlicher befassen.

 

Hierzu ist es zweckmäßig von zwei Begriffspaaren auszugehen. Wir unterscheiden erstens zwischen singulären und zwischen generellen Aussagen. Eine singuläre Aussage bezieht sich allein auf eine einzelne Tatsache in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort. So könnte man die These aufstellen, dass der Unternehmer Andreas Frohwein, welcher im 19. Jahrhundert in Deutschland gelebt habe, unter allen möglichen Alternativen jene gewählt habe, die ihm einen maximalen Gewinn verschafft habe.

 

Diese Aussage bezieht sich nicht nur auf ein bestimmtes einzelnes Individuum, sondern auf eine einzelne Verhaltensweise an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit. Auch wenn man diese Aussage für wahr hält, kann nicht hieraus allein der Schluss gezogen werden, dass dieses Individuum zu anderen Zeiten oder an anderen Orten das gleiche Verhalten an den Tag gelegt hat, noch kann daraus zwingend abgeleitet werden, dass andere Unternehmer ein gleiches oder ähnliches Verhalten zeigen.

 

Eine generelle Aussage würde hingegen mit dem Satz vorliegen, ‚alle Unternehmer maximieren ihren Gewinn’. Diese Aussage würde sich nicht nur auf einige wenige Unternehmer, sondern auf alle Unternehmer beziehen, welche bisher gelebt haben und streng genommen auch in Zukunft noch leben werden. Wir werden weiter unten sehen, dass zur Feststellung genereller Aussagen andere Überprüfungsmethoden angewandt werden müssen als zur Überprüfung individueller Aussagen.

 

Wir unterscheiden im Allgemeinen zweitens zwischen Wahrheiten, welche auf logischen Zusammenhängen beruhen und solchen Wahrheiten, welche sich aufgrund von faktischen Zusammenhängen ergeben. Logische Wahrheiten lassen sich eindeutig allein dadurch beweisen, dass man überprüft, ob bestimmte Aussagen mit anderen Aussagen in einem logischen Widerspruch stehen. Widersprechen sich zwei Aussagen, so muss mindestens eine dieser Aussagen verworfen werden.

 

Logische Wahrheiten ergeben sich allein aus definitorischen Festlegungen. Der Satz: ‚alle Menschen müssen sterben’ ist genau dann aus logischen Gründen wahr, wenn wir zuvor in einer Definition festgelegt haben, dass zu den essentiellen Merkmalen eines Menschen auch die Eigenschaft gehört, sterblich zu sein.

 

Die Aussage: ‚alle Menschen müssen eines Tages sterben’ stellt in diesem Falle somit auch keine neue Erkenntnis dar, sie wurde bereits in der Definition des Menschen festgelegt. Natürlich wäre es möglich, dass sich ein Teil der Individuen bisher dieser Wahrheit nicht gegenwärtig war und dass deshalb diese Aussage für diese Individuen eine Erkenntnisbereicherung bringt.

 

Für die Menschheit insgesamt ist jedoch der Erkenntnisstand durch diese Aussage nicht erweitert worden, die Eigenschaft der Sterblichkeit ist nicht nur bereits im Begriff des Menschen enthalten, diese Wahrheit ist auch durch eine mehr oder weniger willkürliche Entscheidung festgelegt worden. Es bestand keine unausweichliche Notwendigkeit, mit dem Begriff des Menschen die Sterblichkeit als essentiellen Teil des Menschen zu verbinden.

 

Nebenbei bemerkt könnte man natürlich die Aussage: ‚alle Menschen sterben’ auch als faktische Aussage verstehen, wenn man die Eigenschaft der Sterblichkeit dem Menschen nicht aufgrund einer Definition zusprechen würde, sondern mit diesem Satz zum Ausdruck bringen möchte, dass Lebewesen, die aufgrund anderer essentieller Merkmale als Menschen bezeichnet werden, aber an und für sich nur aufgrund der definitorischen Festlegungen auch unsterblich sein könnten, bisher de facto doch immer gestorben sind.

 

Die Feststellung, ob eine Aussage aufgrund faktischer Zusammenhänge als wahr zu gelten hat, erfolgt durch andere Überprüfungsmethoden. Hier reicht es nicht aus, diese Aussage mit anderen Aussagen auf ihre logische Verträglichkeit hin zu überprüfen. Die oben erwähnte Aussage ‚alle Unternehmer maximieren ihren Gewinn’ steht sicherlich in keinem logischen Widerspruch zu anderen Aussagen, etwa der definitorischen Festlegung des Begriffes eines Unternehmers.

 

Mit der Feststellung jedoch, dass diese Aussage nicht in Widerspruch zur Definition eines Unternehmers steht, ist jedoch diese Aussage noch lange nicht bewiesen. Auch dann, wenn es logisch möglich wäre, dass alle Unternehmer ihren Gewinn maximieren, könnte diese Aussage trotzdem falsch sein.

 

Wir wollen uns im Folgenden auf empirische Wissenschaften beschränken. Empirische Wissenschaften verfolgen den Zweck, zu generellen, also allgemeingültigen Aussagen über faktische Zusammenhänge zu gelangen, welche sich nicht bereits aufgrund logischer Zusammenhänge ergeben.

 

Zu den Grundaussagen der neopositivistischen Philosophie zählt die These, dass generelle Aussagen zu Faktenzusammenhängen niemals eindeutig bewiesen werden können, dass lediglich die Möglichkeit bestehe, generelle Aussagen dieser Art zu widerlegen.

 

Der wissenschaftliche Fortschritt bestehe also weniger darin, dass im Sinne eines Kumulationsprozesses immer wieder neues Wissen kreiert werde, sondern darin, dass aus der Vielzahl der bisher aufgestellten Thesen über die Wirklichkeit diejenigen ausgeschieden werden, die sich als falsch erwiesen haben.

 

Die Gesamtheit der Aussagen über die Wirklichkeit steigt somit mit zunehmender Forschung nicht an, sondern vermindert sich sogar, der wissenschaftliche Fortschritt äußert sich dann darin, dass der Wahrheitsgehalt einzelner Aussagen immer größer wird und dass immer weniger falsche Aussagen aufrechterhalten werden können.

 

Wissenschaftliche Forschung besteht dann in folgenden Schritten: Als erstes wird eine Hypothese aufgestellt. Wichtigste Voraussetzung ist hierbei, dass diese Aussage falsifizierbar erscheint, dass sie sich also nicht aus logischen Zusammenhängen von selbst ergibt. Man will ja neue Wahrheiten erkunden, logische Zusammenhänge ergeben sich hingegen aus den definitorischen Festlegungen, stellen also für die Gesamtheit der Wissenschaftler kein neues Wissen dar.

 

Diese Hypothesen sollten natürlich durchaus sinnvoll sein und aufgrund der bisherigen Forschung als plausibel und wahrscheinlich gelten. Natürlich würde es dem Wahrheitsanspruch auch genügen, wenn man in einem ersten Schritt von vollkommen willkürlich aufgestellten Hypothesen ausginge. Dies wäre jedoch ein recht ineffizientes Verfahren. Forschung benötigt stets sachliche und menschliche Ressourcen, diese sind knapp. Es ist also zweckmäßig, diese knappen Mittel für die Überprüfung solcher Hypothesen einzusetzen, welche aufgrund der bisherigen Erkenntnisse als recht wahrscheinlich anzusehen sind.

 

So wird man etwa von bisher bestätigten Aussagen ausgehen und den Versuch unternehmen, diese Aussagen zu verallgemeinern, also auf einen größeren Geltungsbereich zu beziehen. Die Aussage: ‚Unternehmer maximieren ihren Gewinn’ könnte man z. B. dadurch verallgemeinern, dass man die These untersucht: ‚alle wirtschaftenden Personen maximieren ihren Nutzen. Die Gewinnmaximierungsthese wäre dann ein Unterfall der allgemeineren These von der Nutzenmaximierung.

 

Man könnte auch von einer bisher nicht eindeutig bestätigten Hypothese ausgehen und nun den Versuch unternehmen, durch Präzisierung der näheren Merkmale und Umstände zu Ergebnissen zu gelangen, welche der Wirklichkeit besser entsprechen.

 

Das Aufstellen einer Hypothese ist immer nur der erste Schritt im Prozess der Entstehung neuen Wissens. In einem zweiten Schritt muss diese Hypothese getestet werden. Dieser Test besteht darin, dass man nach Beispielen sucht, welche dieser Hypothese widersprechen. Der empirische Test besteht also darin, dass man die Hypothese bewusst zu widerlegen versucht. Nur dann, wenn dieser Versuch misslingt, kann man davon sprechen, dass die untersuchte Hypothese (vermutlich) wahr ist, dass sich der Wahrheitsgehalt dieser Hypothese erhöht hat.

 

Allerdings kann man nicht davon ausgehen, dass bereits dann, wenn man in einem Testverfahren keine Fälle entdecken konnte, welche dieser Hypothese widersprechen, diese Aussage als endgültig bestätigt angesehen werden kann. Es besteht immer die Gefahr, dass aus Zufall heraus nicht die Fälle gefunden wurden, welche der aufgestellten Hypothese widersprechen. Also erst dann, wenn es in einer Vielzahl von Fällen nicht gelungen ist, die These zu falsifizieren, kann man davon sprechen, dass diese Aussage einen hohen Wahrheitsgehalt aufweist.

 

Aber auch dann ist eine endgültige Klärung nicht erreicht. Es muss immer mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass in Zukunft neue Fälle bekannt werden, welche mit der untersuchten Hypothese in Widerspruch geraten. Es ist ja denkbar, dass in der Vergangenheit und Gegenwart ganz bestimmte zunächst nicht erkannte Bedingungen vorlagen und dass nur aufgrund dieser speziellen Bedingungen die Hypothese bestätigt wurde. Fallen nun in der Zukunft diese Bedingungen weg, so wäre es durchaus denkbar, dass neue Fälle gefunden werden, welche in Widerspruch zu der bisher allgemein formulierten Hypothese stehen.

 

Allerdings zeigt gerade dieses zuletzt genannte Beispiel auch, dass es im Allgemeinen nicht ausreicht, ein einziges Beispiel oder auch einige wenige Beispiele zu finden, welche eine Hypothese zu widerlegen scheinen, um eine Hypothese, welche sich in der Praxis viel tausendfach bewährt hatte, endgültig aufzugeben. Man wird vielmehr davon sprechen müssen, dass die bisher bestätigten Fälle auf bisher nicht bekannte zusätzliche Merkmale zurückzuführen seien, dass man den Geltungsbereich dieser Hypothese einengen müsse, dass man aber bei Vorliegen etwas anderer Bedingungen immer noch an dieser These – nur eben in eingeschränkter Form – festhalten könne.

 

Wenn wir also nun davon ausgehen müssen, dass in dem Bereich empirischer Wissenschaften allgemeine Aussagen überhaupt nicht endgültig bestätigt werden können, dass es nur möglich ist, falsche Hypothesen zu falsifizieren, so ergibt sich hieraus auch eine ganz andere Beurteilung der Glaubenswahrheiten.

 

Noch nicht einmal in dem Bereich der empirischen Wissenschaften ist es also möglich, Aussagen endgültig zu verifizieren. Der Nachweis, dass empirische Aussagen nicht verifiziert werden konnten, lässt keinesfalls bereits den Schluss zu, dass aus diesen Gründen die untersuchten, aber nicht endgültig bestätigten Hypothesen widerlegt sind. Wenn dies schon für den Bereich der exakten Wissenschaften gilt, gilt a fortiori für Glaubenswahrheiten, dass ein Scheitern des Versuches, bestimmte Glaubenswahrheiten wie z. B. die Frage nach einem Leben nach dem Tode zu beweisen, nicht gleichbedeutend ist mit dem Nachweis, dass diese Hypothesen widerlegt sind.

 

Wäre der Glaube an ein Leben nach dem Tode eine empirische Hypothese, so könnte diese Aussage nur dadurch widerlegt werden, dass man im Rahmen empirischer Tests nach Fällen sucht, in denen diese Hypothese nicht eingetreten ist, also falsch war. Aber genau dieses Verfahren ist im Bereich metaphysischer Aussagen, zu denen auch die religiösen Glaubenswahrheiten zählen, nicht möglich. Wir haben keine Möglichkeit, mit empirischen Mitteln zu überprüfen, was sich nach dem Tode eines Menschen ereignet, ob der Mensch nach seinem Tode seine vollständige Existenz verliert oder ob – wie die meisten Religionen behaupten – der Mensch lediglich seine Zustandsform verändert, also zumindest ein Teil des Menschen – Seele genannt – in einem gewissen Sinne weiter existiert.

 

Metaphysische Wahrheiten lassen sich somit weder verifizieren noch falsifizieren – zumindest nicht mit Hilfe der in den empirischen Wissenschaften üblichen Methoden. Die fehlende Verifikationsmöglichkeit haben Glaubenswahrheiten mit den generellen Aussagen der empirischen Wissenschaften gemeinsam. Immerhin gibt es im Bereich der empirischen Wissenschaften die Möglichkeit der Falsifikation. Diese Möglichkeit besteht jedoch nicht für Glaubenswahrheiten.

 

 

6. Beschäftigung mit Glaubenswahrheiten erwünscht?

 

Wir haben oben gesehen, dass Wittgenstein die Meinung geäußert hatte, dass man darüber, worüber man nicht reden könne, schweigen solle. Übertragen auf unser hier zu behandelndes Problem hieße dies, dass man über metaphysische Probleme keine Aussagen machen sollte, dass vor allem der Wissenschaftler darauf verzichten sollte, sich mit metaphysischen Problemen zu befassen und Aussagen zu formulieren und hiermit einen Wahrheitsanspruch zu verbinden, welcher mit wissenschaftlichen Methoden weder verifiziert noch falsifiziert werden kann.

 

Nun mag dieser Grundsatz für allgemeine Situationen durchaus plausibel erscheinen, es ist jedoch fragwürdig, ob er auch dann berechtigt erscheint, wenn es sich um metaphysische und religiöse Glaubenswahrheiten handelt. Hier scheint mir ein anderer Grundsatz notwendig zu sein.

 

Bei religiösen Problemen handelt es sich letztlich um die zentrale Frage eines jeden Menschen, worin der Sinn seines Lebens besteht, warum er hier auf Erden ist und was sein Hauptanliegen sein sollte. Ob jemand als gläubiger Christ, Jude oder Moslem an das Vorhandensein eines Gottes glaubt, ob er davon überzeugt ist, dass es ein Leben nach dem Tode gibt und dass der Einzelne nach seinem Tode danach beurteilt wird, wie er sich in seinem Leben seinen Mitmenschen gegenüber verhalten hat oder ob er vielmehr als überzeugter Atheist an alle diese metaphysischen Überzeugungen nicht glauben kann, da sie mit den Mitteln der Vernunft allein nicht endgültig nachgewiesen werden können, hat ganz entscheidenden Einfluss darauf, welche Ziele der Einzelne Mensch in seinem Leben tatsächlich verfolgt und verfolgen sollte und wie er sich gegenüber den Wechselfällen des Lebens tatsächlich verhält.

 

Ein Atheist geht im Allgemeinen von der Überzeugung aus, dass der Mensch das Maß aller Dinge ist und dass er sein Leben so einrichten sollte und darf, dass er selbst in diesem irdischen Leben ein Maximum an sinnlicher und materieller Wohlfahrt erfährt.

 

Dies bedeutet natürlich nicht, dass ein überzeugter Atheist keinerlei Rücksichtnahme auf die Mitmenschen nimmt und nur seinem eigenen Nutzen nachgeht. Natürlich kann man aufzeigen, dass Rücksichtnahme gegenüber den Mitmenschen und Beachtung von Menschenrechten und daraus abgeleitet das Einhalten von Gesetzen letztendlich auch dem Einzelnen selbst wiederum zu Gute kommt.

 

In einer Gesellschaft, in der jeder Einzelne nur sich und nur seinem eigenen Wohl verpflichtet fühlt, und deshalb keine Rücksicht gegenüber dem Nächsten nimmt und nur Dinge tut, die vordergründig und kurzfristig sein eigenes Wohl mehren, unabhängig davon, wie das Wohl der Mitmenschen dadurch beeinträchtigt wird, herrscht Chaos, es gilt das Recht des Stärkeren und fast jedes Individuum muss damit rechnen, dass es durch Aktivitäten seiner Mitmenschen in vielfältiger Weise beeinträchtigt wird und deshalb letztlich mehr Schaden erleidet, als wenn es gewisse Rücksichtnahme gegenüber seinen Mitmenschen zeigt.

 

Aus der Sicht des Einzelnen erfährt ein Individuum – unabhängig davon, wie es sich selbst verhält – genau dann ein maximal mögliches Eigenwohl, wenn sich alle Mitmenschen an allgemeine Gesetze halten, wenn alle anderen darauf verzichten, ihr eigenes Wohl durch Raub und Totschlag und durch Hintergehen des anderen durchzusetzen.

 

Wie steht es aber mit der Frage, inwieweit der Einzelne dadurch sein Nutzen vergrößert oder zumindest keinen Schaden erleidet, dass er selbst die Gesetze beachtet, auch dann, wenn er vordergründig sein eigenes Wohl dadurch einschränken muss? In gewisser Hinsicht mag auch eine Unterordnung unter gesellschaftliche Belange in langfristiger Hinsicht dem Einzelnen durchaus Nutzen bringen. Denn nur dann, wenn der Einzelne davon ausgehen kann, dass sich jeder im Grundsatz an diese allgemeinen Regeln hält, wird auch er bereit sein, sein Eigenwohl unter das Allgemeinwohl unterzuordnen.

 

Zumindest wird man davon ausgehen können, dass die Bereitschaft der jeweils Anderen, sich unter die gemeinschaftlichen Gesetze unterzuordnen, um so unwahrscheinlicher wird, je mehr der Einzelne befürchten muss, dass andere sich nicht dem allgemeinen Gesetz unterwerfen. Handeln also Einzelne nur nach Eigenwohl ohne Beachtung der Interessen der andern, dann besteht die Gefahr, dass die Bereitschaft zur Unterordnung generell zurückgeht und in diesem Sinne liegt es durchaus auch im langfristig verstandenen eigenen Interesse, die Gesetze auch dann zu beachten, wenn sie kurzfristig mit einer Verminderung der eigenen Wohlfahrt verbunden sind.

 

Dieser Zusammenhang gilt jedoch offensichtlich nur unter bestimmten Voraussetzungen. Die Beachtung des Gemeinwohls liegt nämlich nur dann im Interesse des Einzelnen, wenn auf der einen Seite Übertretungen der Gesetze Einzelner auch der Öffentlichkeit bekannt werden und wenn auf der anderen Seite diese Straftaten verfolgt werden und die Gesetzesbrecher bestraft werden.

 

Hier beginnen jedoch die Schwierigkeiten. Ein Großteil von Gesetzesübertretungen kommen eben nicht ans Licht der Öffentlichkeit; und je größer der gesellschaftliche Einfluss eines Individuums ist, um so größer sind auch die Möglichkeiten, dafür zu sorgen, dass seine eigenen Straftaten nicht bekannt werden und deshalb auch nicht verfolgt werden können. Selbst dann, wenn Verdachtsmomente auftreten, dass bestimmte Individuen Straftaten begangen haben, können Personen, welche über Reichtum und Macht verfügen, verhindern, dass sie einer gerechten Strafe zugeführt werden, sie sind vielleicht in der Lage, sich Zeugen und damit falsche Alibis zu besorgen oder es gelingt ihnen, Polizei und Gerichtsbarkeit zu bestechen.

 

Dass mit einem solchen Verhalten der Mächtigen durchaus gerechnet werden muss, zeigt die weitverbreitete Auffassung unter Führungskräften in Wirtschaft, Politik und Kultur, dass die Straftat als solche das geringere Verbrechen darstelle, dass der größere Fehler darin bestehe, dass sich der Einzelne erwischen ließ; es komme nämlich nur darauf an, sich nicht erwischen zu lassen.

 

Wenn man also von der Überzeugung ausgeht, dass der Einzelne auf lange Sicht nur seinem eigenen Interesse verpflichtet ist, dann ist die Bereitschaft, sich dem Gemeinwohl auch dort unterzuordnen, wo kurzfristig die eigenen Interessen zurückgestellt werden, nur dort gegeben, wo dieses Verhalten zwar das kurzfristige, nicht aber das langfristige Eigeninteresse verletzt. Wenn es möglich ist, Straftaten zu begehen und die Täterschaft geheim zu halten und damit auch eine Bestrafung zu umgehen, gibt es keinen Grund, weshalb der Einzelne, der nur seinem Eigenwohl verpflichtet ist, auf solche Straftaten  verzichtet.

 

Ganz anderes gilt für einen gläubigen Menschen. Er geht davon aus, dass der eigentliche Sinn des Menschen nicht darin liegt, hier auf Erden ein Maximum an Reichtum und Macht zu erreichen, dass das irdische Leben nur eine Art Bewährungsprobe darstellt, nach der er nach seinem Tode beurteilt wird, wobei davon ausgegangen wird, dass Gott gegenüber eben keine Möglichkeit besteht, Straftaten zu verheimlichen und somit einer gerechten Strafe ausweichen zu können.

 

Aufgrund dieser veränderten Ausgangssituation wird ein Gläubiger eben nicht nur deshalb bereit sein, Gesetze einzuhalten, weil er befürchten muss, dass eine Straftat hier auf Erden bestraft wird oder dass die Nichtbeachtung des Gemeinwohls letztendlich auch die eigene irdische Wohlfahrt beeinträchtigt. Der Gläubige wird bereit sein, aufgrund seines Glaubens die Rechte und Belange der Mitmenschen zu berücksichtigen, er wird auch dort dem Mitmenschen Zuwendungen zukommen lassen, wo diese nicht eigens per Gesetz verlangt werden oder wo Wohlverhalten nicht bereits zu einer Belohnung hier im irdischen Zeitraum führt.

 

Natürlich bedeutet dies nicht, dass der bloße Umstand, dass sich ein Mensch als Gläubiger ausgibt, bereits ausreicht, damit Gesetze und Sitten stärker beachtet werden, als wenn der Einzelne ungläubig wäre. Sich z. B. Christ zu nennen, kann viele Gründe haben, vielleicht ist er in diesen Glauben hineingeboren und ist nur zu bequem, aus der Kirche auszutreten, vielleicht nennt er sich nur deshalb Christ, weil er der Meinung ist, dass er seine Interessen besser verfolgen kann, wenn er von seinen Mitmenschen als Christ angesehen wird.

 

Nur ein Individuum, das sich aufgrund innerer Überzeugung als Gläubiger bekennt, wird auch bestrebt sein, unabhängig von den gültigen Gesetzen und der Wahrscheinlichkeit der Bestrafung, nach Sitte und Gesetz zu handeln. In diesem Sinne hängt das Verhalten des Einzelnen weniger davon ab, ob er in formaler Hinsicht einer Religionsgemeinschaft angehört, sondern ob er innerlich bereit und bemüht ist, sich entsprechend der religiösen Gebote zu verhalten.

 

Auch wird man durchaus einräumen müssen, dass auch das Verhalten eines Gläubigen nicht nur durch sein Glauben bestimmt wird, dass vielmehr die vom Staat ausgehenden Zwänge sehr wohl den Einzelnen mitprägen. Umgekehrt kann natürlich auch nicht davon ausgegangen werden, dass ein überzeugter Atheist per se das Gemeinwohl nur dann beachtet, wenn er damit rechnen muss, dass Straftaten auch mit Erfolg geahndet werden. Es gibt durchaus Individuen, welche aus Veranlagung oder Erziehung heraus durchaus mildtätig sind und bestrebt sind, das Wohl der Mitmenschen zu berücksichtigen. Es bleibt jedoch die Feststellung, dass die Grundentscheidung eines Menschen, die Frage also, wie die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet wird, wesentlich darüber entscheidet, wie der Einzelne sein Leben einrichtet.

 

Angesichts dieser Überlegungen ist jedoch die Beantwortung metaphysischer Fragen ein Problem, das man nicht einfach beiseiteschieben und unbeantwortet lassen kann, weil Menschen nicht in der Lage sind, diese Fragen mit den Methoden einer empirischen Wissenschaft eindeutig zu beantworten.

 

Wenn es richtig ist, dass ein Mensch sein Leben entscheidend anders gestalten wird, wenn er an ein jenseitiges Leben glaubt als dann, wenn er von der Auffassung ausgeht, dass jedes Leben mit dem Tode endet, ist es durchaus erwünscht und notwendig, über diese Fragen nachzudenken, auch dann, wenn die dann gefundenen Antworten nicht mit den Mitteln der exakten Wissenschaften eindeutig verifiziert oder falsifiziert werden können. Diese Fragen erreichen dann für den Einzelnen ein solches Gewicht, dass er sich auf jeden Fall zu einer Antwort durchringen wird, unabhängig davon, ob die Mitmenschen ebenfalls diese Antwort teilen.

 

Wichtig in diesem Zusammenhange ist natürlich die bereits oben dargestellte Feststellung, dass die Richtigkeit einer Antwort auf religiöse und metaphysische Fragen mit den Methoden der exakten Wissenschaft nicht falsifiziert werden kann. Es besteht zwar keine Möglichkeit, z. B. die Existenz Gottes oder die Frage eines Lebens nach dem Tode eindeutig wissenschaftlich zu verifizieren. Da aber auch keine Falsifikation möglich ist, eine Antwort aber in entscheidendem Maße Einfluss darauf nimmt, wie ein Mensch sein Leben einrichtet und welchen Grundzielen er folgen wird, scheint es für den Einzelnen Menschen erwünscht zu sein, eine Antwort auf diese Frage nach dem Sinn des Lebens zu wagen, auch dann, wenn es keine Möglichkeit gibt, die Richtigkeit der gefundenen Antwort exakt zu überprüfen.

 

Gerade weil es aber nicht möglich ist, mit den Methoden der exakten Wissenschaft die gefundenen Antworten zu verifizieren oder zu falsifizieren, kommt es natürlich entscheidend darauf an, dass die Glaubwürdigkeit derjenigen, welche Antworten auf diese Fragen geben, unter Beweis gestellt wird. Ganz gleichgültig, ob sich jemand zu einer Religion oder zum Atheismus bekennt, er wird diesen Schritt nur tun, wenn er von den Antworten überzeugt ist, wenn sie ihm mindestens plausibel erscheinen.

 

So ist es zu verstehen, dass sowohl die Religionen als auch der Atheismus einen großen intellektuellen Aufwand betreiben, um ihre Antworten zu belegen. Sie sind zumindest bemüht aufzuzeigen, dass sich ihre Position nicht in offensichtliche Widersprüche verwickelt. Offensichtlich verhalten sich weder die Religionen noch überzeugte Atheisten im Sinne Wittgensteins, der die Meinung geäußert hatte, dass man über Fragen, die man nicht beantworten könne – gemeint war wohl mit Hilfe der Methoden der exakten Wissenschaften – einfach schweigen sollte.