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Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Die Arche Noah

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Verkauf des Erstgeburtsrechts an Jakob

  9. Josef und seine Brüder

10. David gegen Goliath

11. David und die Frau des Hethiters

12. Esthers Rettung der Juden

13. Josef in Ägypten

14. Moses vor dem Pharao

15. Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

Kapitel 20: Die Tempelreinigung

 

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Der Text

3. Interpretation

4. Jesus sanftmütig und von Zorn entflammt?

5. Die Blutopfer

6. Gesinnung versus buchstabengetreues Verhalten

7. Der übertragene Sinn des Tempels

 

 

 

1. Das Problem

 

Wir wollen uns in diesem Kapitel der Reinigung des Tempels in Jerusalem durch Jesus zuwenden. Dass diese Erzählung zu den wichtigsten Berichten der vier Evangelisten zählt, geht schon daraus hervor, dass diese Geschehnisse in allen vier Evangelien (des Markus, Matthäus, Lukas und Johannes) hervorgehoben werden, weiterhin von allen vier Evangelisten auch in weitgehend gleichem Wortlaut erzählt werden, wobei Johannes auf diese Ereignisse allerdings am ausführlichsten eingeht.

 

Ein weiterer Unterschied zwischen Johannes und den anderen drei Evangelisten besteht darin, dass Johannes dieses Ereignis ganz an den Anfang des Wirkens Jesu legt, während bei den anderen drei Evangelisten die Reinigung des Tempels gegen Ende der Wanderjahre Jesu – kurz vor Beginn der Leidensgeschichte Jesu – gelegt wird. Im Johannesevangelium gehen der Tempelreinigung lediglich das Wunder bei der Hochzeit zu Kana und der Aufenthalt Jesu – zusammen mit seiner Mutter, seinen Brüdern und den ersten Jüngern – in Kapernaum voraus, wobei nur Johannes von diesem Aufenthalt berichtet.

 

Bei einem ersten Durchlesen dieser Geschichte mag diese Erzählung verwundern. Jesus wird im Verlauf seiner Wanderjahre fast ausschließlich als sanftmütig geschildert, der seine Jünger auffordert, selbst auf Angriffe friedlich zu reagieren. In der Bergpredigt verkündet Jesus:

 

‚Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.‘

 

Und die Bergpredigt leitet Jesus mit den Seligpreisungen ein, wonach diejenigen als selig gepriesen werden, welche keine Gewalt anwenden und die Frieden stiften.

 

Nur an ganz wenigen Stellen berichten uns die Evangelisten von einem zornigen und eifernden Jesus, so etwa im Gleichnis vom großen Festmahl, wo der König einen Gast in die äußerste Finsternis werfen lässt, wo er heulen und mit den Zähnen knirschen wird, und diese Strafe wird nur deshalb vollzogen, weil dieser Gast ohne ein Festgewand zur Hochzeitsfeier erschienen war.

 

Und ähnlich dem Wortlaut dieses Gleichnisses hat auch im Bericht über die Tempelreinigung ein zunächst harmlos erscheinendes Vergehen der Bestraften diese mit Zorn erfüllte Reaktion Jesu ausgelöst. Er traf Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und Geldwechsler im – wohl äußersten – Vorhof zum Tempel an und schon die bloße Tatsache, dass diese Händler diese Geschäfte an diesem Ort – nämlich am Vorplatz und damit in unmittelbarer Nähe zum Tempel – verrichteten, reichte für Jesus aus, diese mit einer Geißel zu vertreiben und davon zu sprechen, dass diese Händler den Tempel zu einer Räuberhöhle gemacht hätten.

 

Wohlbemerkt: Die Tatsache, dass im Vorhof des Tempels, also eigentlich vor und nicht im Tempel selbst überhaupt Geschäftsleute anzutreffen waren, welche Tiere verkauften und Geld wechselten, hing eng mit den im mosaischen Gesetz geforderten Kulthandlungen zusammen. Juden brachten im Tempel zur Ehre Gottes Brandopfer von Tieren dar und es wäre wohl kaum möglich, dass Juden, welche unter Umständen von weit her kamen, die für diese kultische Handlung erforderlichen Tiere selbst mitbrachten.

 

Es kann nur als äußerst zweckmäßig angesehen werden, wenn unmittelbar vor dem Ort, an dem diese Tiere Gott geweiht werden sollten, solche Tiere zum Verkauf angeboten wurden. Und da in den von Juden besiedelten Gegenden auch mit unterschiedlichen Währungen gezahlt wurde, diente es wiederum der reibungslosen Durchführung der geforderten kultischen Handlungen, dass in der Nähe des Orts, an dem die Opfer willigen Juden die für diese Handlungen notwendigen Tiere erwarben, auch die Möglichkeit bestand, falls notwendig das heimische Geld gegen die für den Kauf von Opfertieren geforderte Währung umzutauschen.

 

Fragen wir uns zum Kontrast, wie denn im heiligen römischen Reich des christlichen Mittelalters Kultstätten und Geschäftsräume räumlich angeordnet waren. In einer typischen mittelalterlichen Gemeinde befand sich im Mittelpunkt des Ortes eine Kirche, in welcher Christen Gott verehrten, rings um diese Kirche lag zumeist der Marktplatz, an dem die wichtigsten alltäglichen Käufe der Bürger und Verkäufe der Bauern und Händlern abgewickelt wurden und gegenüber der Kirche befand sich ein Wirtshaus, in das die christlichen Bürger nach dem Ende des Gottesdienstes überwechselten.

 

Zwar wird man darauf hinweisen können, dass der für alle Christen verpflichtende Gottesdienst an Sonn- und Feiertagen, die Verkäufe auf dem Markt hingegen an Werktagen erfolgte, trotzdem standen die Geschäfte vor dem Tempel Jerusalems im Gegensatz zu den normalen Geschäften viel eher in einem engen Zusammenhang zu den geforderten Kulthandlungen.  

 

Wir werden sehen, dass sich dieser offensichtliche Widerspruch, dass Jesus über die Anwesenheit der Viehhändler und Geldwechsler im Vorhof zum Tempel so zornig wurde, nur dadurch auflösen lässt, dass wir uns klar werden, dass diese äußere Handlung wiederum wie fast alle Erzählungen in der Heiligen Schrift gar nicht so sehr das geschilderte Geschehen zum Inhalt haben, sondern lediglich dazu dienen, mit Hilfe dieser äußeren Geschichte auf einen tieferen Zusammenhang hinzuweisen.

 

Auf der einen Seite wendet sich Jesus dagegen, dass die Juden den eigentlichen Sinn, um derentwillen die mosaischen Gesetze eingeführt wurden, aus dem Auge verloren haben und nur – zumeist sogar nur heuchlerisch und nicht aus innerer Haltung heraus  – buchstabengetreu die geforderten kultischen Handlungen vollzogen.

 

Auf der anderen Seite gebraucht Jesus in dieser Erzählung den Tempel in Wirklichkeit als Symbol für sein Leben und seinen Körper. Wenn er nämlich davon spricht, dass er den Tempel in drei Tagen wieder errichten werde, wenn sie den Tempel niederrissen, meint er nicht den realen Tempel, sondern spricht das bevorstehende Leiden, seinen eigenen Tod und seine Auferstehung nach drei Tagen an.

 

 

2. Der Text

 

Wenden wir uns nach dieser Einleitung dem eigentlichen Text dieser Erzählung zu. So lesen wir im Johannesevangelium in Kapitel 2:

 

14 ‚Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen.

15 Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus und ihre Tische stieß er um.

 

16 Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!

17 Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: ‚Der Eifer für dein Haus verzehrt mich‘.

 

18 Da stellten ihn die Juden zur Rede: Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst?

19 Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.

 

20 Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten?

 

21 Er aber meinte den Tempel seines Leibes.

22 Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.‘

 

 

3. Interpretation

 

Versuchen wir nun in einem nächsten Schritt, diesen Text zu interpretieren. Da Jesus offensichtlich die Viehverkäufer und Geldwechsler vertrieb, weil sie ihre Geschäfte in der Tempelanlage durchführten und wir uns darüber klar sein können, dass diese Geschäfte nicht innerhalb des eigentlichen Tempels, sondern eben nur im wahrscheinlich äußersten Vorhof stattfanden, welche den eigentlichen Tempelbereich umschlossen haben, sollten wir uns zunächst die Anlage des Tempels zur Zeit Jesu vor Augen führen.

 

Der Bau des Tempels ging auf die Zeit der Könige zurück. Es war David, der einst beschlossen hatte, dem Herrn ein Haus zu weihen. Allerdings musste sich David darauf beschränken, die Baupläne für den Tempel vorzubereiten und das hierfür benötigte Baumaterial zu besorgen. Die Ausführung dieser Pläne blieb dem Nachfolger Davids auf dem Thron Israels, dem König Salomo vorbehalten, die Heilige Schrift spricht davon, dass Gott David damit bestrafen wollte, dass dieser nicht nur Ehebruch mit der Frau des Hethiters (einem Offizier des Königs) beging, sondern den Hethiter schließlich umbringen ließ (er befahl seinem Befehlshaber, den Hethiter an die Stelle der Front zu stellen, an der er mit Sicherheit getötet werden würde), als die Frau des Hethiters schwanger wurde und es nicht mehr verheimlicht werden konnte, dass dieses Kind aus dem Ehebruch mit David hervorging.

 

Die gesamte Tempelanlage umfasste drei Bereiche: den Vorhof, das Heilige und das Allerheiligste, wobei das Heiligste vom Vorhof durch eine Flügeltür aus kostbarem Zypressenholz bestehend aus zwei Flügeln getrennt wurde. Das Allerheiligste war dann durch eine Wand aus Zedernholz vom Heiligsten getrennt.

 

Das Allerheiligste war für die Bundeslade als Zeichen für die Anwesenheit Gottes vorgesehen und durfte nur vom jeweiligen Hohepriester betreten werden.

 

Dieser Tempel wurde nach einem nicht ganz vierhundertjährigen Bestehen im Jahre 586 vor Christus durch die Chaldäer zerstört. Nach der von dem persischen König Kyros veranlassten Rückkehr der Israeliten aus der babylonischen Gefangenschaft wurde auf ausdrücklichen Geheiß des persischen Königs mit der Wiedererrichtung des Tempels begonnen. Da aber im Zusammenhang mit der vorhergehenden Zerstörung des Tempels die Bundeslade verloren gegangen war, blieb nun das Allerheiligste leer.

 

Während der Kämpfe, welche in der Makkabäerzeit stattfanden, wurde zwischenzeitlich der Tempel geplündert und entweiht, aber danach auf Veranlassung des Judas Makkabäus im Jahre 165 vor Christus wiederhergestellt und neu geweiht. Aus diesem Anlass wurde in der Folgezeit das Tempelweihfest jährlich begangen. Nach der Eroberung Jerusalems durch die Römer verletzte der römische Feldherr erneut den Tempel dadurch, dass er das Allerheiligste betrat, allerdings hierbei keinen Tempelschatz entwendete.

 

Herodes der Große ließ schließlich den Tempel nach den alten, ursprünglichen Plänen neu errichten, wobei die gesamte Tempelanlage von einer Mauer umgeben war, deren Fundamente auch heute noch als Klagemauer bestehen und von den gläubigen Juden dem Gebet dienen. Es wurden mehrere, auf einander gebaute Vorhöfe gebildet, wobei man durch das Tor des Haupteingangs zunächst in den Vorhof der Heiden, dann in den Vorhof der Frauen, den Vorhof der männlichen Israeliten und schließlich in den Vorhof der Priester gelangte. Hinter diesem Vorhof befand sich dann das Heilige und das Allerheiligste. Zwischen beiden hing der Vorhang, der bei Jesu Tod in zwei Teile zerriss.

 

Im Jahre 70 nach Christus wurde der Tempel schließlich bei der Niederwerfung jüdischer Aufstände durch Titus endgültig zerstört.

 

Die Erzählung über die Tempelreinigung beginnt damit, dass Jesus bei seinem Gang zum Tempel dort Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und Geldwechsler vorfindet. Wir haben bereits geklärt, dass diese Händler sicherlich nicht im Heiligsten oder sogar im Allerheiligsten ihre Geschäfte abwickelten, sondern in der Anlage vor den heiligen Kultstätten, vermutlich im äußersten Vorhof, dem sogenannten Vorhof der Heiden. Immerhin war – wie wir gesehen haben  – um die gesamte Tempelanlage eine Mauer gezogen, sodass Jesus diese Händler tatsächlich in der Tempelanlage im weiteren Sinne des Wortes antraf.

 

Dann erfahren wir, dass Jesus – ganz im Gegensatz zu seinem sonst in den Evangelien erzählten Verhalten – zornig wurde, eine Geißel aus Stricken drehte, ihre Tische umstieß und sie aus der Tempelanlage vertrieb. Wir haben weiter unten zu klären, wie wir diese außergewöhnlich heftige – für Jesus gar nicht übliche – Reaktion zu erklären haben. 

 

Bemerkenswert ist nun, wie Jesus sein Verhalten begründet: ‚Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle‘. Noch deutlicher als bei Johannes kommt die ablehnende Haltung Jesu bei Mattäus zum Ausdruck, welcher Jesus den Tempel nicht nur wie bei Johannes mit einer Markthalle, also einer profanen Stätte, sondern mit einer Räuberhöhle vergleicht, in welcher offensichtlich geraubt wird und keine legalen Geschäfte abgewickelt werden. In der Übersetzung Luthers wird sogar – wohl etwas missverständlich übersetzt – von einer Mörderhöhle gesprochen.

 

Gleichgültig welche Wortwahl wir nun nehmen, Jesus wirft den Händlern auf jeden Fall vor, sich so zu verhalten, wie es sich innerhalb der Tempelanlage nicht gehört. Nehmen wir die Version des Johannes, widmen sich die Händler einem weltlichen Geschäft, obwohl der Tempel Gott geweiht ist und obwohl im gesamten Tempel Gott eigentlich hätte verehrt werden sollen. Bei Matthäus und in der Übersetzung Luthers ist der Vorwurf Jesu sehr viel gravierender, in einer Räuberhöhle wird geraubt, in einer Mörderhöhle sogar gemordet, also eindeutig ungesetzliche Handlungen vollzogen.

 

Wie an vielen Stellen des Neuen Testamentes wird auch an dieser Stelle eigens daraufhin gewiesen, dass genau dieses hier geschilderte Verhalten bereits im alten Testament angekündigt war:

 

‚Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: Der Eifer für dein Haus verzehrt mich‘.

 

Im weiteren Verlauf dieser Erzählung findet nun ein abrupter Wechsel statt. Die Juden reagieren empört auf das Verhalten Jesu und fragen ihn, in welchem Auftrag und mit welcher Berechtigung er denn dies tue. Die Vorwürfe der Juden beziehen sich hier sicherlich nicht nur darauf, dass er die Händler so rüde vertrieben hat, also sich in den Augen dieser Juden Rechte angemaßt hatte, welche eigentlich nur der jüdischen Kirchenbehörde vorbehalten war. Vielmehr hat sich nach Meinung dieser Juden Jesus vor allem damit zu rechtfertigen, dass er sich als Sohn Gottes ausgab: Macht das Haus meines Vaters nicht zur Markthalle.

 

Und die hierauf erfolgende Antwort Jesu macht deutlich, dass es Jesus bei seinem Handeln gar nicht in erster Linie darum geht, was mit der realen Tempelanlage geschieht. Er vergleicht nun – hier noch etwas geheimnisumwoben – den real existierenden Tempel mit seinem Leib. Er macht also genau das, was wir in allen Gleichnissen, aber eigentlich in der gesamten Heiligen Schrift immer wieder finden. Es geht gar nicht in erster Linie um die geschilderten äußeren Begebenheiten, diese werden nur angesprochen, um auf eine tiefere Wahrheit hinzuweisen und schwer erkennbare tiefere Wahrheiten auf diese Weise verständlich zu machen. Jesus erwiderte nämlich:

 

‚Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten‘.

 

Die sich mit Jesus im Diskurs befindlichen Juden verstehen allerdings fälschlicher Weise diese Parabel falsch, sie meinen Jesus maße sich an, in drei Tagen den realen Tempel wiederaufzubauen, obwohl für die Errichtung dieses Tempels immerhin 46 Jahre benötigt wurden.

 

Auch den Jüngern Jesu war offensichtlich der wahre Sinn seiner Aussage zunächst überhaupt nicht klar, auch sie vermeinten, Jesu spreche vom realen Tempel. Erst sehr viel später, nach dem er gekreuzigt worden und nach drei Tagen wieder auferstanden war, erinnerten sich die Jünger an diese Worte Jesu.

 

Aus dieser Sicht wird sogar die Übersetzung Luthers, die Händler würden den Tempel zu einer Mörderhöhle machen, nachträglich verständlich, wurde ja der Leib Jesus tatsächlich ermordet.

 

 

4. Jesus sanftmütig und von Zorn entflammt?

 

Wir wollen uns nun etwas ausführlicher mit dem Widerspruch befassen, dass Jesus im Allgemeinen in den vier Evangelien als ein ausgesprochen friedfertiger Mensch geschildert wird, hier jedoch – ganz im Gegensatz hierzu - von Zorn entflammt und – wenn man diesen Bericht wortwörtlich nimmt – auf ein gar nicht gravierendes Fehlverhalten auf diese heftige Weise reagiert. Beginnen wir damit, dass wir auf einige markante Stellen hinweisen, in denen Jesus als ausgesprochen friedfertiger Mensch auftritt. Dies gilt vor allem von der Bergpredigt. In Kapitel 5 des Matthäusevangeliums verkündet Jesus:

 

3 ‚… Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.

4 Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.

5 Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.

6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.

7 Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.

8 Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.

9 Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden….

 

12 Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.‘ 

 

Und Matthäus lässt im Anschluss an diese Seligpreisungen Jesus sagen:

 

21 ‚Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein.

22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.

23 Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat,

24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.

25 Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist. Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben und du wirst ins Gefängnis geworfen.‘

 

Und über das selbstfertige Richten fährt Jesus bei Matthäus Kapitel 7 fort:

 

1 ‚Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!

2 Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden.

3 Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?

4 Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und dabei steckt in deinem Auge ein Balken?

5 Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.‘ 

 

Auch fordert Jesus seine Jünger auf, denjenigen, welche sich gegen uns versündigt haben, immer wieder zu verzeihen. Im Matthäusevangelium Kapitel 18 heißt es:

 

21 ‚Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal?

22 Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.‘ 

 

 Im Johannesevangelium Kapitel 7 lesen wir:

 

1 ‚Jesus aber ging zum Ölberg.

2 Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.

3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte

4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.

5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?

6 Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.

8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

9 Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.

10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?

11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!‘

 

Er wendet sich somit gegen die Steinigung einer auf frischer Tat ertappten Ehebrecherin, obwohl genau dies das mosaische Gesetz verlangt und obwohl er in der Bergpredigt davon spricht, dass ‚wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen habe‘.

 

Allerdings finden sich in den vier Evangelien auch Stellen, in denen Jesus von Vergeltung spricht und die Strafen der Sünder in den grässlichsten Farben schildert. So heißt es bei Lukas in Kapitel 6:

 

24 ‚Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten.

25 Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen.

26 Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht.‘

 

Und entsprechend Matthäus Kapitel 11 verflucht Jesus die Städte Galiläas:

 

20 ‚Dann begann er den Städten, in denen er die meisten Wunder getan hatte, Vorwürfe zu machen, weil sie sich nicht bekehrt hatten:

21 Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Wenn einst in Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären, die bei euch geschehen sind – man hätte dort in Sack und Asche Buße getan.

22 Ja, das sage ich euch: Tyrus und Sidon wird es am Tag des Gerichts nicht so schlimm ergehen wie euch.

23 Und du, Kafarnaum, meinst du etwa, du wirst bis zum Himmel erhoben? Nein, in die Unterwelt wirst du hinabgeworfen. Wenn in Sodom die Wunder geschehen wären, die bei dir geschehen sind, dann stünde es noch heute.

24 Ja, das sage ich euch: Dem Gebiet von Sodom wird es am Tag des Gerichts nicht so schlimm ergehen wie dir.‘ 

 

Auch in Kapitel 18 des Matthäusevangeliums schmückt Jesus die Strafen, welche sündige Menschen zu erwarten haben, mit drastischen Worten aus:

 

6 ‚Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde.

7 Wehe der Welt mit ihrer Verführung! Es muss zwar Verführung geben; doch wehe dem Menschen, der sie verschuldet.

8 Wenn dich deine Hand oder dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Es ist besser für dich, verstümmelt oder lahm in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen und zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen zu werden.

9 Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Es ist besser für dich, einäugig in das Leben zu gelangen, als mit zwei Augen in das Feuer der Hölle geworfen zu werden

 

Besonders grausame Worte findet Jesus (Matthäus Kapitel 22) bei der Erzählung des Gleichnisses vom großen Festmahl:

 

1 ‚Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis:

2 Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der die Hochzeit seines Sohnes vorbereitete.

3 Er schickte seine Diener, um die eingeladenen Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Sie aber wollten nicht kommen.

4 Da schickte er noch einmal Diener und trug ihnen auf: Sagt den Eingeladenen: Mein Mahl ist fertig, die Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit!

5 Sie aber kümmerten sich nicht darum, sondern der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden,

6 wieder andere fielen über seine Diener her, misshandelten sie und brachten sie um.

7 Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen.

8 Dann sagte er zu seinen Dienern: Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet, aber die Gäste waren es nicht wert (eingeladen zu werden).

9 Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein.

10 Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen.

11 Als sie sich gesetzt hatten und der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Mann, der kein Hochzeitsgewand anhatte.

12 Er sagte zu ihm: Mein Freund, wie konntest du hier ohne Hochzeitsgewand erscheinen? Darauf wusste der Mann nichts zu sagen.

13 Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.

14 Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt.‘ 

 

Jesus hat somit sehr wohl bisweilen scharfe Worte der Anklage gefunden. Bei näherer Analyse zeigt sich jedoch, dass diese scharfen Worte nicht dann fallen, wenn er selbst von anderen angegriffen wird. Am Kreuz sagt Jesus: ‚vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun‘ (Lukas Kapitel 23,34). Nur dann, wenn Jesus von den Sünden gegen Gott spricht, gerät er darüber in heiligen Zorn. Und auch beim Vorgehen Jesu im Zusammenhang mit der Tempelreinigung wendet sich Jesus ja gegen den Missbrauch der kultischen Stätten und nicht dagegen, dass er von Pharisäern und Sadduzäern verbal angegriffen wird.

 

 

5. Die Blutopfer

 

Mit dem jüdischen Kult im Tempel war seit Bestehen dieses Gotteshauses die Tradition verbunden, dass zur Ehre Gottes Brandopfer auf dem Altar dargebracht wurden. Schon unmittelbar danach, nachdem Moses vom Berg Sinai den Israeliten die Zehn Gebote Gottes verkündet hatte, sprach der Herr (siehe Exodus Kapitel 20:

 

24  ‚Du sollst mir einen Altar aus Erde errichten und darauf deine Schafe, Ziegen und Rinder als Brandopfer und Heilsopfer schlachten.‘

 

In dem Kapitel dieser Vorlesung, das sich mit der Aufforderung an Abraham befasste, seinen einzigen und geliebten Sohn als Brandopfer darzubringen, hatten wir gesehen, dass diese Erzählung darlegen sollte, dass Jahwe, der Gott Abrahams, im Gegensatz zu den damaligen heidnischen Göttern eben gerade keine Menschenopfer wünsche. Bei dieser Erzählung hatte es noch den Anschein, dass auch die Juden Tiere sehr wohl Gott opfern sollen. Erst später erfahren wir im Buch des Amos, dass Gott offensichtlich auch solche Opfer, bei denen lebende Wesen, also auch Tiere geopfert werden, ablehnt. Amos wirkte gegen Ende der Regierungszeit des Königs Jerobeam II. nach 760 v. Chr. als Prophet im Nordreich Israel. Im Buch Amos in Kapitel 5 über den wahren Gottesdienst lesen wir:

 

21 ‚Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen.

22  Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen.

23  Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören,

24  sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.‘

 

Folgt man Amos, dann äußert sich die Liebe und Achtung zu Gott nicht in erster Linie darin, dass die Menschen Gott von ihren Früchten opfern. Gott benötigt keine Brandopfer. Vielmehr will Gott allein, dass wir die Mitmenschen achten, ihnen keinen Schaden zufügen, Gerechtigkeit walten lassen. Die Liebe zu Gott äußert sich dann gerade darin, dass die Menschen einander achten und – wenn sie in Not geraten sind – helfen.

 

Noch deutlicher findet sich diese Deutung des von Gott verlangten Opfers an mehreren Stellen im Neuen Testament. Wir erfahren z. B. im Markusevangelium Kapitel 12 als Jesus von einem Schriftgelehrten nach dem höchsten Gebot gefragt wird, dass die aufopfernde Nächstenliebe an unseren Mitmenschen weit mehr gilt als ein Gott geweihtes Brandopfer:

 

28 ‚Ein Schriftgelehrter hatte ihrem Streit zugehört; und da er bemerkt hatte, wie treffend Jesus ihnen antwortete, ging er zu ihm hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?

29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.

30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.

31 Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.

32 Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm,

33 und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.‘

 

Hier lässt Markus den Schriftgelehrten antworten, dass Nächstenliebe weit mehr sei als alle Brandopfer und auch alle anderen Opfer.

 

Und eingedenk dieser Worte sieht Jesus in dem Treiben der Händler im Vorhof des Tempels offensichtlich eine Abkehr vom wahren Glauben. Er wirft den Pharisäern und Sadduzäern vor, dass sie zwar nach wie vor bemüht seien, die mosaischen Gesetze buchstabengetreu zu erfüllen, dass sie aber den eigentlichen Sinn dieser Gebote vergessen hätten, dass sie sogar den Sinn dieser Vorschriften in ihr Gegenteil gewendet hätten. Bei dem Treiben der Händler innerhalb der Tempelanlage ging es gar nicht mehr in erster Linie um die Ehrung Gottes, sondern um den persönlichen Gewinn und darum, dass sie sosehr von diesen weltlichen Zielen ergriffen seien, dass sie die eigentlichen Gebote, Gerechtigkeit gegen die Mitmenschen walten zu lassen und den Notleidenden zu helfen, vergessen haben.

 

 

6. Gesinnung versus buchstabengetreues Verhalten

 

Damit ist ein weiteres, zentrales Thema dieser Erzählung angesprochen: Jesus hat zwar nach Matthäus Kapitel 5 betont,

 

‚17 denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.

18 Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.‚

 

Er fordert jedoch nicht ein buchstabengetreues Verhalten, sondern die Erfüllung des Sinnes, um derentwillen die mosaischen Gebote erlassen wurden. So heißt es z. B. Lukas in Kapitel 11:

 

37 ‚Nach dieser Rede lud ein Pharisäer Jesus zum Essen ein. Jesus ging zu ihm und setzte sich zu Tisch.

38 Als der Pharisäer sah, dass er sich vor dem Essen nicht die Hände wusch, war er verwundert.

39 Da sagte der Herr zu ihm: O ihr Pharisäer! Ihr haltet zwar Becher und Teller außen sauber, innen aber seid ihr voll Raubgier und Bosheit.

40 Ihr Unverständigen! Hat nicht der, der das Äußere schuf, auch das Innere geschaffen?

41 Gebt lieber, was in den Schüsseln ist, den Armen, dann ist für euch alles rein.

42 Doch weh euch Pharisäern! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Gewürzkraut und allem Gemüse, die Gerechtigkeit aber und die Liebe zu Gott vergesst ihr. Man muss das eine tun, ohne das andere zu unterlassen.‘

 

Gerade im Hinblick auf das Gebot der Einhaltung des Sabbat, hat Jesus gezeigt, worin der eigentliche Sinn dieses Gebotes besteht und dass durchaus auch gewisse Arbeiten am Sabbat erlaubt sind, wenn dadurch der Sinn dieses Gebotes nicht verletzt wird.

 

So hat er nicht nur am Sabbat geheilt, sondern durchaus auch zugelassen, dass seine Jünger am Sabbat durch die Kornfelder ging und Ähren abrissen, obwohl dies nach Ansicht orthodoxer Pharisäer bereits eine Verletzung des Gebotes der Heiligung des Sabbat bedeutet habe. Bei Markus heißt es in Kapitel 2:

 

23 ‚An einem Sabbat ging er durch die Kornfelder und unterwegs rissen seine Jünger Ähren ab.

24 Da sagten die Pharisäer zu ihm: Sieh dir an, was sie tun! Das ist doch am Sabbat verboten.

25 Er antwortete: Habt ihr nie gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren und nichts zu essen hatten –

26 wie er zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar in das Haus Gottes ging und die heiligen Brote aß, die außer den Priestern niemand essen darf, und auch seinen Begleitern davon gab?

27 Und Jesus fügte hinzu: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.

28 Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.‘

 

In diesem Sinne ist sicherlich auch die Erzählung über die Tempelreinigung durch Jesus zu verstehen. Auch das Gebot, Gott zu ehren und Gott zu opfern, wird offensichtlich nach Überzeugung Jesu von den damaligen Schriftgelehrten und der jüdischen Kirchenbehörde allzu sehr nur nach dem Buchstaben, aber keinesfalls nach der Gesinnung und nach dem Sinn dieser Gebote eingehalten. Allzu sehr steht im Vordergrund der Vorbereitung dieser kultischen Handlungen das Erwerbsstreben der Händler und auch die Priester, welche die Brandopfer durchführen und begleiten, vollziehen danach nur ein Ritual und versuchen hierbei alle Bestimmungen zwar bis in die kleinste Vorschrift zu erfüllen, aber darüber, dass das eigentliche von Gott geforderte Opfer in den guten Werken besteht, das wir den Notleidenden gegenüber verrichten, wird nicht mehr gedacht.

 

 

7. Der übertragene Sinn des Tempels

 

Wir hatten weiter oben gezeigt, dass Jesus – als er vom Tempel sprach – in Wirklichkeit gar nicht so sehr an den real existierenden von Herodes wiederaufgebauten Tempel Jerusalems dachte, sondern in Wirklichkeit vom Tempel seines Leibes sprach. Wir wollen uns in diesem letzten Abschnitt dieses Kapitels über die Tempelreinigung etwas ausführlicher mit dieser Wendung vom realen Tempel zum Leib Jesu als sinnbildlichen Tempel befassen.

 

Vor allem Paulus hat in seinen beiden Korintherbriefen sowie im Epheserbrief diese Thematik aufgegriffen und vertieft. Im ersten Korintherbrief Kapitel 3 lesen wir:

 

16 ‚wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?‘

 

Hier wird sogar davon gesprochen, dass nicht nur der Leib Jesu, sondern aufgrund seines Wirkens der Leib aller Gläubigen einen Tempel darstellt, sofern diese nur den Weisungen Gottes folgen. Und Paulus fährt fort:

 

17 ‚Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr.‘

 

Hier wird das Thema der Tempelreinigung aufgegriffen und zunächst vom Tempel Gottes gesprochen und festgestellt, dass Gott jeden, der seinen Tempel verdirbt, ebenfalls dem Verderben anheimstellen wird. Und dann folgt in einem Nachsatz wiederum der Gleichnischarakter für das Wort Tempel, der eigentliche, hinter dem real existierenden Tempel Gottes ist der menschliche Leib als Ort der menschlichen Seele und dieser Leib ist wie der real existierende Tempel heilig, weil er von Gott als Wohnstätte für die Seele erschaffen wurde genauso wie auch der von Salomon erbaute Tempel als Wohnstätte Gottes angedacht war.

 

Und im 6. Kapitel des 1. Korintherbriefes wird dieser Gedanke aufgegriffen und der menschliche Leib als von Gott erschaffener Tempel des Heiligen Geistes interpretiert und aus diesem Gedanken der Schluss gezogen, dass wir gerade deshalb auch nicht das Recht haben, über unseren Leib zu verfügen:

 

19 ‚Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst.‘

 

Im zweiten Korintherbrief in Kapitel 6 nimmt Paulus dieses Bild vom menschlichen Leib als Tempel Gottes nochmals auf und weist auf den Unterschied zu dem Gebrauch der heidnischen Religionen hin, welche die von ihnen selbst erschaffenen Götzenbilder den göttlichen Wesen gleichsetzen und diese anbeten:

 

16 ‚Wie verträgt sich der Tempel Gottes mit Götzenbildern? Wir sind doch der Tempel des lebendigen Gottes; denn Gott hat gesprochen: Ich will unter ihnen wohnen und mit ihnen gehen. Ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein.‘

 

Hier wird also darauf hingewiesen, dass gerade dadurch, dass der menschliche Leib ein von Gott geschaffener Tempel darstellt, Gott in Wirklichkeit in uns wohnt und uns in der Gestalt des Heiligen Geistes stets begleitet.

 

Noch ausführlicher wird diese Übertragung im Epheserbrief Kapitel 2 des Paulus auseinandergesetzt. Das Zusammenleben der gläubigen Christen wird hier als ein Tempel im Herrn und eine Wohnung Gottes verstanden:

 

17 ‚Er kam und verkündete den Frieden: euch, den Fernen, und uns, den Nahen. 

18  Durch ihn haben wir beide in dem einen Geist Zugang zum Vater.

19  Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.

20  Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst.

21  Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn.

22  Durch ihn werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut.‘

 

Und wenn wir das Wort Tempel in diesem übertragenen Sinne verstehen, wird auch klar, dass sich die Erzählung von der Tempelreinigung in den Evangelien nicht auf die Verunreinigung des real existierenden Tempels durch die Geschäfte der Viehhändler und Geldwechsler bezieht, sondern dass Jesus durch diesen symbolischen Akt die Art und Weise geißeln will, wie ein Großteil der Juden, auch der Geistlichkeit die mosaischen Gesetzte verletzt, da sie zwar den Buchstaben des Gesetzes peinlichst erfüllen, darüber jedoch den eigentlichen Sinn dieser Gesetze, die Achtung der Mitmenschen vernachlässigt haben.