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Kollektivismus - Individualismus

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Der Individualismus

3. Der Kollektivismus

4. Ein Vergleich zwischen beiden Weltbildern

 

 

1. Das Problem

 

Es kann kein Zweifel bestehen: Der Mensch ist ein soziales Wesen, durch und durch. Der einzelne Mensch ist ohne die Hilfe anderer Menschen hilflos verloren.

 

Das menschliche Leben entsteht, indem sich Mann und Frau geschlechtlich vereinen, der Beginn eines jeden menschlichen Lebens liegt darin, dass eine männliche Samenzelle mit einer weiblichen Eizelle verbunden wird.

 

Mehrere Monate verbringt das so neu entstandene Individuum im Leib der Mutter und ist vollkommen von seiner Mutter abhängig. Auch dann, wenn es geboren wird und damit vom Mutterleib getrennt wird, wäre es ohne tatkräftige Hilfe seiner Eltern unweigerlich verloren. Es kann sich in den  ersten Jahren nach der Geburt nicht selbst ernähren, es wäre den Unbilden der Umwelt hoffnungslos ausgeliefert.

 

Nachdem nach einigen Jahren der Erziehungsprozess abgeschlossen ist, kann sich der Mensch zwar zur Not allein ohne Hilfe anderer ernähren und behaupten, wie einige Einsiedler unter Beweis gestellt haben, indem sie sich fern der Zivilisation der anderen Menschen niedergelassen haben.

 

Aber selbst hier zeigt ein genaueres Hinsehen, dass auch die Einsiedler in gewisser Weise ihre Existenz auf dem Vorhandensein anderer Menschen aufbauen. Einsiedler – wie z. B. Johannes der Täufer im biblischen Israel – sahen zumeist ihre Aufgabe darin, die sündigen Mitmenschen zur Umkehr zu bewegen. Und dies bedeutet, dass ihr Lebensziel die Existenz anderer, sündiger Menschen voraussetzt.

 

Im Allgemeinen benötigen Menschen auch nach Abschluss des Erziehungsprozesses die Unterstützung anderer Menschen. Die Bewältigung des Lebens stellt die meisten Menschen vor enorme Aufgaben, an denen sie oftmals fast verzweifeln.

 

Hier hilft es bereits, wenn man alltäglich sieht, dass auch die Mitmenschen vor ähnlichen Problemen stehen und trotz beachtlicher Schwierigkeiten diese auch meistern, warum also sollte es auch nicht einem selbst gelingen, die alltäglich anstehenden Probleme ebenfalls zu meistern?

 

In einer solchen Situation hilft es bereits, dass man in seinem alltäglichen Leben Vertrautem begegnet, die Anderen sind ähnlich gekleidet und gehen die alltäglichen Probleme in gleicher oder ähnlicher Weise an. Zumeist haben sie Erfolg, aber selbst dort, wo sie scheitern, kann der jeweils Andere mit Befriedigung feststellen, dass auch deren Leben weitergeht, dass also die Anderen auch die alltäglichen Schwierigkeiten des Lebens bewältigen und überstehen können.

 

Umgekehrt trägt es für viele Menschen bereits dazu bei, verunsichert zu sein, wenn sie in ihrer Umgebung Ungewohntes wie z. B. ganz andere Kleidung oder fremde Verhaltensweisen feststellen und damit ihr eigenes Tun und Lassen vermeintlich in Frage gestellt ist.

 

Ein solches Verhalten ist ganz natürlich, der Mensch braucht alltäglich der Unterstützung seiner Mitmenschen, nochmals: der Mensch ist durch und durch ein soziales Wesen. Man kann deshalb von Menschen, welche ein solches Verhalten zeigen und Verunsicherung über Fremdes zum Ausdruck bringen, nicht bereits behaupten, dass sie zu der Gruppe der Rechtsradikalen zählen.

 

Es sind vielmehr die Rechtsradikalen, welche ein solches Verhalten für ihre eigenen Zwecke ausnutzen und hoffen, mit ihrem Fremdenhass weite Teile der Bevölkerung für sich zu gewinnen.

 

Die Tatsache, dass man zunächst Fremdes als ungewohnt und deshalb als befremdlich ansieht, gilt ja fortiori gerade auch für Fremde in einem  ungewohnten Land. Während die Einheimischen in der Mehrheit nach wie vor Gleichgesinnten begegnen, ist der Zugereiste allein, für ihn weisen nahezu alle Einheimnischen fremdes Verhalten auf.

 

Gerade aus diesem Umstand erklärt es sich, dass bei früheren Völkern das Gastrecht heilig und unantastbar war, dass man dem Fremden als Gast begegnete selbst dann, wenn dieser einem feindlichem Volk angehörte.

 

Auch gilt es daran zu erinnern, dass das Ausmaß dieses Unbehagens gegenüber Fremdem mit wachsender Bildung zurückgeht. Der Gebildete erkennt, dass Schuld immer nur in dem Maße entstehen kann, als der Betroffene nicht durch vererbte Anlagen ein bestimmtes Verhalten zeigt und dass deshalb die Angehörigkeit zu einem fremden Stamm niemals diesem Individuum angelastet werden darf.

 

Weiterhin begegnet der Gebildete während seines Studiums sehr viel mehr Fremden und lernt, dass ‚anders sein‘ nicht automatisch bedeutet, dass man schuldhaft handelt. Schließlich weiß der Gebildete, dass er bei seiner Berufsausübung in starkem Maße mit Ausländern zu tun hat und selbst im Ausland in eine ähnliche Lage kommen kann.

 

Das einzelne Individuum profitiert allerdings heutzutage noch in viel stärkerem Maße von der Gemeinschaft. Wir leben in einer arbeitsteiligen Welt. Der Einzelne produziert nicht nur für seinen eigenen Bedarf und produziert auch nicht seinen gesamten Bedarf, sondern hat sich zumeist auf wenige produktive Tätigkeiten spezialisiert.

 

Wenn er sich aber auf wenige Tätigkeiten spezialisieren kann, erhöht dies – wie bereits Adam Smith in seinem berühmten Nadelbeispiel gezeigt hat –  die Produktivität enorm. Der Tausch ermöglicht darüber hinaus eine Spezialisierung und die Einführung des Geldes als allgemein anerkanntes Tauschmittel hat eine weitgehende Tauschwirtschaft ermöglicht.

 

In der Einführung des Versicherungsprinzips hat der Mensch weiterhin gelernt, auch mit höheren Risiken zu leben. So können sich die Individuen gegen nahezu alle Risiken des Lebens absichern, in dem sie periodisch Beiträge an eine Versicherung zahlen und dadurch das Recht erlangen, bei Eintritt des Risikos von den dann auftretenden finanziellen Kosten durch die Versicherung entlastet zu werden.

 

Durch Einführung einer allgemeinen Rentenversicherung, in welche jeder Arbeitnehmer bis zu seiner Verrentung Beiträge einzahlt, kann im Prinzip sichergestellt werden, dass der Arbeitnehmer nach seinem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben wirtschaftlich versorgt ist, auch dann, wenn der Rentner nicht auf eine Hilfe seiner Kinder zurückgreifen kann.

 

Oder – um ein zweites Beispiel zu erwähnen – im Rahmen einer allgemeinen Krankenversicherung können auch sehr kostenintensive Krankheitsbehandlungen gezahlt werden, welche die finanziellen Möglichkeiten der meisten Arbeitnehmer übersteigen würden, müssten sie den gesamten Betrag alleine aufbringen.

 

Weiterhin muss davon ausgegangen werden, dass sich stets einige Individuen auf Kosten der Anderen ungerechtfertigt bereichern und andere Individuen anzugreifen versuchen, hier können mit Hilfe staatlicher Gewalt zumindest Anreize gesetzt werden, solche Versuche zu verfolgen und damit zu verringern.

 

Halten wir also fest, dass der Einzelne in vielfältiger Sicht der Gemeinschaft bedarf und Nutzen aus diesen Aktivitäten zieht. Der Mensch ist somit in der Tat ein soziales Wesen.

 

In der Beantwortung der Frage, welche Aufgaben denn nun der Gemeinschaft übertragen werden sollen und welche Aufgaben bei einzelnen Menschen verbleiben sollen, bestehen jedoch ganz erhebliche Unterschiede. Hier in diesem Artikel sollen zwei solcher Leitbilder etwas intensiver untersucht und miteinander verglichen werden und zwar der Individualismus und der Kollektivismus.

 

 

2. Der Individualismus

 

Es kann also kein Zweifel darüber bestehen, dass der Mensch ohne Gemeinschaft nicht lebensfähig ist und dass auch ein wesentlicher Teil der menschlichen Aktivitäten eindeutig ein gemeinsames Handeln voraussetzt.

 

Welche Schlussfolgerungen zieht der Individualismus, welcher im Verlauf der neueren Geschichte insbesondere vom Liberalismus und Neoliberalismus vertreten wurde, aus dieser Problematik?

 

Auch wenn der Individualismus die für den Menschen existentielle Bedeutung der Gemeinschaft anerkennt, geht er dennoch davon aus, dass der wichtigste Unterschied des Menschen gegenüber allen anderen Lebewesen darin besteht, dass der Mensch grundsätzlich frei ist.

 

Er hat zwar wie die Tiere Triebe und Instinkte, er kann aber trotzdem grundsätzlich frei entscheiden, indem er auf der einen Seite zwischen widersprechenden Bedürfnissen entscheidet und auf der anderen Seite sich auch im Einzelfall gegen seine Triebe wenden kann, sofern er diese Entscheidungen aus moralischen Gründen für notwendig ansieht.

 

Freiheit bedeutet aber nicht unbegrenzte Freiheit. Es gilt weder die Aussage, dass eine Verminderung des individuellen Freiheitsraumes in jedem Falle ein Weniger an Freiheit bedeutet, noch dass eine Verminderung der Begrenzungen in jedem Falle ein Mehr an Freiheit zur Folge hat.

 

Dies hängt damit zusammen, dass die Freiheit des Einen gerade darin bestehen kann, dass er die Freiheit eines Anderen beschränkt. Unbegrenzte, durch keine Verbote behinderte Freiheit ist die Freiheit des Stärkeren und führt zwangsweise zur Unfreiheit der Masse der Bevölkerung.

 

Diese Zusammenhänge werden auch klar im Neoliberalismus bejaht, so wie sie vor allem von Walter Eucken, einem der Begründer neoliberaler Gedankengänge Ende des 2. Weltkrieges und Anfang der Nachkriegszeit formuliert wurde. Es wird hier von einem Ordoliberalismus gesprochen, wobei die Ordnung eben darin besteht, dass zur Erhaltung der obersten Werte auch Verbote ausgesprochen werden können, ja müssen.

 

Der Wert der Freiheit zählt somit zu den letztlichen Zielen eines Individualismus. Diese letztlichen Ziele eines Gesellschaftssystems erklären sich von selbst und bedürfen keiner Rechtfertigung. Trotzdem erfährt das Freiheitsziel im Rahmen des Individualismus eine zusätzliche Begründung.

 

Freiheit bedeutet Selbstbestimmung. Nach den Ideen des Individualismus soll jeder Einzelne über seine eigenen Angelegenheiten selbst bestimmen können. Der wichtigste Grund dafür liegt darin, dass die Menschen sowohl im Hinblick auf ihre Fähigkeiten wie auch Neigungen recht unterschiedlich sind.

 

Und dies bedeutet, dass kollektive Entscheidungen in aller Regel suboptimal sind, da kollektive Entscheidungen notwendiger Weise aus einheitlichen Regelungen bestehen. Es ist ganz unmöglich, bei Entscheidungen, welche für die gesamte Gesellschaft getroffen werden, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse jedes einzelnen Bürgers Rücksicht zu nehmen. Der Übergang von einer kollektiven zu einer individuellen Lösung bringt somit stets einen Wohlfahrtsgewinn für die Gesamtheit einer Bevölkerung.

 

Auch für den Individualismus gilt, dass der Einzelne zugunsten der Gemeinschaft beschränkt werden kann, ja in Einzelfällen sogar beschränkt werden muss. Dies erfolgt jedoch nicht etwa deshalb, weil die Gemeinschaft einen Wert für sich darstellt oder sogar die Belange der Gemeinschaft über den Belangen der Einzelnen liegen.

 

Wenn zugunsten der Gemeinschaft gegen die Interessen eines Einzelnen entschieden wird, so erfolgt dies somit keineswegs deshalb, weil die Gemeinschaft einen höheren Stellenwert als das Individuum hat, sondern allein deshalb, weil Entscheidungen des Einzelnen die Freiheit und Wohlfahrt anderer Individuen verletzen kann. Gemeinschaft ist kein eigenes Gebilde mit eigenständigen Zielen, sondern ist stets als Gemeinschaft der Gesamtheit der Individuen zu verstehen.

 

Für die Rechtfertigung eines Weltbildes wie z. B. des Individualismus oder auch Kollektivismus reicht es jedoch nicht aus, die letztlichen Werte zu benennen, welche für eine Gemeinschaft gültig sein sollen. Es kommt auch darauf an, dass aufgezeigt wird, wie eine solche Ordnung funktionieren soll.

 

Ein besonderes Problem des Individualismus besteht nun darin, aufzuzeigen, wie eine Ordnung Erfolg hat, in der jedem Einzelnen das Recht eingeräumt wird, über seine Belange selbst zu bestimmen.

 

Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass auch der Individualismus ohne eine Ordnung, welche jedem Einzelnen bestimmte Handlungen verbietet, nicht auskommt. Wir haben gesehen, dass die Freiheit des Einen immer auch die Gefahr in sich birgt, dass gerade dadurch die Freiheit eines Anderen oder ganz allgemein dessen Wohlfahrt eingeschränkt wird.

 

Oftmals wird gegen den Individualismus eingewandt, dass der Einzelne überfordert sei, die jeweils aus seiner Sicht beste Lösung zu finden. Gerade in unserer hochkomplexen Welt müsse davon ausgegangen werden, dass die wichtigsten Alltagsentscheidungen enormes Fachwissen voraussetzen, über das nicht jeder verfügen kann und für die er auch nicht die Zeit aufbringen kann, welche für eine sachgerechte Lösung notwendig wäre.

Gerade deshalb sei es notwendig, dass der Staat aufgrund seines größeren Wissens in meritorischer (verdienstvoller) Absicht dem Einzelnen die wichtigsten Entscheidungen abnimmt.

 

Vor allem hat sich der Individualismus mit dem Vorwurf auseinanderzusetzen, dass in einer freiheitlichen Wirtschaft, in welcher Konsumenten und Produzenten selbst entscheiden könnten, was sie anbieten und nachfragen, der Eigennutz die Welt regiere und damit automatisch gegen das allgemeine Wohl verstoßen werde.

 

Es war vor allem Adam Smith, welcher bereits im 18. Jahrhundert die Idee von der unsichtbaren Hand entwickelte. Danach zeichnet sich der freie Markt dadurch aus, dass die Produzenten genau dann einen maximalen Gewinn erzielen, wenn sie ihre Produktion bestmöglich an den Bedürfnissen der Konsumenten ausrichten. Eine staatliche Planwirtschaft sei nicht hierzu in der Lage, da die staatlichen Beamten unmöglich die Vielzahl der sehr unterschiedlichen Bedürfnisse der einzelnen Individuen kennen könnten und selbst dann, wenn sie sie kennen würden, nicht realisieren könnten.

 

Natürlich kann dieses günstige Ergebnis einer freien Marktwirtschaft nur dann erwartet werden, wenn eine Reihe von Bedingungen erfüllt sind.

 

Als erstes passt der freie Markt die Produktion nur dann an die Bedürfnisse der Konsumenten bestmöglich an, wenn auf allen Märkten eine vollständige Konkurrenz gegeben ist. Der Wettbewerb ist nur dann vollständig, wenn kein Wettbewerber über eine so große Wettbewerbsmacht verfügt, dass er über eine Reduzierung seines Angebotes das Gesamtangebot des Marktes nachdrücklich beeinflussen kann und damit in der Lage ist, über eine Reduzierung des Gesamtangebotes den Güterpreis in die Höhe zu treiben.

 

Steht er hingegen in vollständigem Wettbewerb mit seinen anderen Konkurrenten, so hat er ein Interesse daran, stets nach Kostensenkungen und Qualitätsbesserungen Ausschau zu halten. Denn auf diese Weise kann er Kunden von Konkurrenten abwerben und wenn diese ebenfalls Kostensenkungen erreichen, kann immerhin verhindert werden, dass Kunden an die Konkurrenten abgegeben werden.

 

Allerdings gehen nicht von jedem Wettbewerb diese positiven Effekte aus. Teilen sich einige wenige große Unternehmungen in den Markt, kommt es sehr oft zu ruinösem Wettbewerb. Man versteht hierunter den Versuch einer Unternehmung, vorübergehend die Preise bewusst unter die Kosten zu senken. Sie machen auf diese Weise Verluste in der Hoffnung, dass der Konkurrent über weniger Vermögen oder Kreditwürdigkeit verfüge und dass deshalb auf diesem Wege Konkurrenten in den Konkurs getrieben und damit ausgeschaltet werden können.

 

War diese Strategie erfolgreich und ist der Oligopolist auf diese Weise zum Monopolisten geworden, hat er die Möglichkeit, die Verluste der vergangenen Perioden durch eine monopolistische Preissteigerung wettzumachen.

 

Die Konsumenten gewinnen bei dieser Strategie zwar vorübergehend, da ja die Preise zunächst gesenkt werden und diese Preissenkungen den Konsumenten zugute kommen. Da aber langfristig die Preise wieder angehoben werden, verschlechtert sich die Position der Konsumenten auf Dauer. Nur vollständiger Wettbewerb, bei dem kein Unternehmer einen so großen Anteil am Gesamtangebot aufweist, dass er Preisvorteile aufgrund einer Verknappung des Angebotes erlangen kann, garantiert die Ausrichtung der Produktion am Bedarf der Konsumenten.

 

Eine zweite Voraussetzung dafür, dass der freie Markt die Produktion bestmöglich am Bedarf der Konsumenten ausrichtet, liegt darin, dass alle bei einer Produktion einer Volkswirtschaft entstehenden Kosten vom Anbieter getragen werden. Die Differenz der gesamtwirtschaftlichen zu den privatwirtschaftlichen Kosten nennt man externe Kosten. Nur dann, wenn keine externen Kosten existieren, entsprechen die Preisverhältnisse der einzelnen Güter den Knappheitsrelationen und nur in diesem Falle wird eine bestmögliche Verwendung der Produktionsfaktoren garantiert.

 

Der wohl wichtigste Fall externer Kosten ist die Umweltverschmutzung. Dadurch, dass bei der Produktion oder auch beim Konsum umweltschädliche Stoffe in die Atmosphäre oder auch in die Gewässer abgeführt werden, entstehen für die Volkswirtschaft extrem hohe Schäden, welche aber ohne umweltpolitische Maßnahmen von den Unternehmungen nicht getragen werden.

 

Wenn aber die Kosten und damit auch die Preise, bei denen Umweltgifte entstehen, nicht alle gesamtwirtschaftlichen Kosten enthalten, sind die Preise dieser umweltverschmutzenden Güter zu niedrig und dies hinwiederum führt dazu, dass von diesen Gütern zu viel und von den restlichen Gütern zu wenig konsumiert wird.

 

Diese Problematik wurde vor allem von Pigou bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erkannt und führte zu dem Vorschlag, eine Steuer, die sogenannte Pigousteuer, in Höhe der externen Kosten zu erheben. In diesem Falle würden ex definitione die privatwirtschaftlichen und gesamtwirtschaftlichen Kosten zusammenfallen, sodass also wiederum – ceteris paribus – eine optimale Ausrichtung der Produktion am Bedarf garantiert wäre.

 

Die Diskussion um die Pigou-Steuer hat jedoch gezeigt, dass die Höhe der externen Kosten dem Staat nicht bekannt sein kann. Die Höhe der Kosten ergibt sich aus dem Zusammenwirken von Angebot und Nachfrage und da es für externe Effekte keinen Markt gibt – diese Güter werden ja wie frei Güter gehandelt – kann der Staat auch nicht die jeweilige Höhe der externen Kosten kennen. Jede Festlegung der Pigou-Steuer wäre also mehr oder weniger willkürlich, sie könnte zu niedrig, aber auch bisweilen zu hoch sein.

 

Hier brachte ein Vorschlag der  property-rights-Bewegung (Harold Demsetz, James M. Buchanan, Ronald Coase u.a.) in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg einen Ausweg aus diesem Dilemma.

 

Die eigentliche Ursache dafür, dass externe Kosten entstehen können, liegt danach daran, dass bestimmte Güter wie z. B. Luft wie freie Güter behandelt werden, an denen keine Eigentumsrechte bestehen und für die auch deshalb auf freien Märkten kein Preis erzielt werden kann.

 

Eine Lösung dieser Problematik kann nun dadurch erzielt werden, dass für diese Güter Eigentumsrechte geschaffen werden. Wer also z. B. bei der Produktion von Gütern giftige Stoffe in die Luft über die Schornsteine entlässt, muss hierzu Verschmutzungsrechte ankaufen.

 

In diesem Falle entsteht für die Produzenten ein starker Anreiz, nach technischen Erneuerungen Ausschau zu halten, aufgrund derer für eine bestimmte Gütermenge weniger Verschmutzungsrechte angekauft werden müssen. Die zunächst erworbenen Verschmutzungsrechte können dann zum Teil auf einem freien Markt verkauft werden.

 

Dies ist jedoch nur der erste Schritt dieses Planes. Verkauft eine Unternehmung Verschmutzungsrechte an eine andere Unternehmung, so werden zunächst noch nicht weniger Umweltschäden hervorgerufen, an die Stelle der einen Unternehmung ist ja nur eine andere Unternehmung getreten.

 

Gerade deshalb sieht der Vorschlag der Einführung von Verschmutzungsrechten zwingend vor, dass in dem Maße, in dem aufgrund verbesserter Technik die gleiche Produktion und Beschäftigung auch mit weniger Umweltschäden erreicht werden kann, der Staat gezwungen ist, in diesem Umfang Verschmutzungszertifikate aufzukaufen und damit zu vernichten. Dies kann der Staat ohne große finanzielle Schwierigkeiten allerdings nur dann, wenn er zuvor bei der Schaffung von Umweltzertifikaten diese den Unternehmungen nicht kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

 

Dritte Voraussetzung für eine optimale Produktion ist die Atomisierung in der Anpassung. Eines der wichtigsten Stärken einer Marktwirtschaft besteht darin, dassöh Ungleichgewichte – gleichgültig welcher Art – automatisch unmittelbar nach ihrem Entstehen abgebaut werden. Ist z. B. die Nachfrage zu gering, so kommt es zu Preissenkungen, welche selbst wiederum zu einer Zunahme der Nachfrage sowie zu einem Abbau des Angebotes führen und damit automatisch einen Abbau des Marktungleichgewichtes bewirken.

 

Die Diskussion um das sogenannte Cobwebsystem hat jedoch gezeigt, dass es in diesem Anpassungsprozess auch ein Zuviel geben kann. Machen wir uns diesen Zusammenhang am Beispiel eines Angebotsüberhanges klar. Die Preissenkung kann zu stark ausfallen, sodass nicht nur der Angebotsüberhang  wie gewünscht abgebaut wird, sondern dass ein Nachfrageüberhang entsteht, der selbst wiederum Preissteigerung auslöst usw.

 

Jetzt gibt es im Grunde genommen drei Möglichkeiten: Die Ungleichgewichte werden immer kleiner, sodass nachwievor ein Gleichgewicht erzielt wird, nur eben zeitlich stark verzögert, da nun nicht wie erhofft der Angebotsüberhang geradlinig abgebaut wird, sondern wellenförmig die Ausschläge vermindert werden.

 

Es ist aber auch möglich, dass dieser Wechsel von Angebots- und Nachfrageüberhang so erfolgt, dass das absolute Ausmaß des Ungleichgewichtes im Zeitablauf konstant bleibt, die Ausschläge vermindern sich also nicht, es findet keine Tendenz zum Abbau des Ungleichgewichtes statt, das Ungleichgewicht erstarrt, man sprach in diesem Zusammenhang vom perpetuum mobile.

 

Schließlich ist es sogar auch möglich, dass die Ungleichgewichte mit jedem Zyklus ansteigen, dass sich also der Umfang der Ungleichgewichte mit der Zeit ausweitet, bis der Markt zusammenbricht. Natürlich sieht sich der Staat sehr viel früher veranlasst, in den Markt einzugreifen und den Anpassungsprozess außer Kraft zu setzen.

 

Welche dieser drei Möglichkeiten in Wirklichkeit eintritt, hängt insbesondere vom Verhältnis der Elastizitäten von Angebot und Nachfrage auf Preisvariationen ab.

 

Solche fehlgeleiteten Anpassungsprozesse lassen sich vor allem an den Börsen beobachten. Die größeren Unternehmungen, welche Wertpapiere anderer Unternehmungen halten, lassen die Entwicklung der Kurse über Programme beobachten, wobei immer dann, wenn die Kurssenkungen einen bestimmten kritischen Umfang überschreiten, automatisch ein Verkauf dieser Papiere veranlasst wird.

 

Das Fatale an dieser Praxis liegt darin, dass sich eine große Zahl von Unternehmungen dieser Programme bedient, mit der Folge, dass auch geringe Kurssenkungen zu rapiden Wertpapierverkäufen führen und der Kurs dieser Papiere stark verfällt, obwohl die realen Ereignisse, welche diesen Prozess ausgelöst haben, nur eine geringe Kurskorrektur benötigt hätten.

 

Die Börsenleitungen reagieren auf diese Prozesse zumeist damit, dass sie den Handel an der Börse für kurze Zeit einstellen, um dem Markt die Möglichkeit zur Beruhigung zu geben.

 

Aber solange die Unternehmungen ihre Verkaufsentscheidungen von den bestehenden Programmen abhängig machen, kann ein solcher Schritt keine Beruhigung auslösen. Es gibt keinen Grund, dass nach Wiedereröffnung der Börse der Abwärtstrend nicht weiter geht.

 

Was vielmehr notwendig wäre, bestünde darin, dass die Anpassungsprozesse zwangsweise verlangsamt werden, dass z. B. die Kursreduktion eines Wertpapieres in der Zeiteinheit relativ gering ausfällt, macht ein Angebotsüberhang größere Kurssenkungen notwendig, dann erfolgt dies eben über eine gewisse längere Periode.

 

Gleichzeitig müsste auch die Verkaufssumme von Wertpapieren in der Zeiteinheit ebenfalls begrenzt werden, sodass sich auch der Verkauf größerer Wertpapiermengen über mehrere Perioden erstrecken würde.

 

Eine solche Atomisierung der Marktreaktionen (sowohl der Preis- wie auch der Mengenreaktionen) würde automatisch die Chance, dass der Abbau der Ungleichgewichte gradlinig erfolgt und dass deshalb das Ungleichgewicht baldmöglichst abgebaut wird, entscheidend vergrößern.

 

Eine letzte Voraussetzung dafür, dass ein freier Markt die Produktion auch tatsächlich am Bedarf der Konsumenten ausrichtet, besteht darin, dass der Staat die Preisrelationen nicht über Steuern oder Subventionen verzerrt. Führt nämlich die Steuer- oder Subventionspolitik dazu, dass die Preisverhältnisse verändert werden, dann entsprechen letztere auch nicht mehr den realen Knappheitsrelationen, diese Entsprechung ist jedoch erforderlich, soll die Produktion am Bedarf bestmöglich ausgerichtet werden.

 

Nun sind die durch Steuerpolitik verursachten Preisverzerrungen je nach Steuerart unterschiedlich. Wenn im Rahmen einer allgemeinen Umsatzsteuer alle Güter prozentual gleich hoch besteuert werden, so verändert die Besteuerung nur die absolute Preishöhe, nicht aber die Preisverhältnisse der einzelnen Güter. Insofern findet in diesem Falle auch keine Verzerrung in den Güterpreisverhältnissen statt.

 

Allerdings verschlechtert auch eine allgemeine Umsatzsteuer trotzdem die Allokation. Umsatzsteuern werden ja nur auf Güter, nicht aber auf Produktionsfaktoren erhoben. Dies bedeutet, dass auf diese Weise der Reallohn bei einer Umsatzbesteuerung vermindert wird und dies wiederum hat Einfluss auf die Beschäftigung.

 

Noch kritischer sind Verbrauchssteuern im engeren Sinne zu beurteilen, da hier bewusst auch das Verhältnis der Güterpreise zueinander verändert wird. Oftmals wird eine solche Besteuerung meritorisch begründet. Um z. B. die Konsumenten von dem als ungesund geltenden Konsum von Rauchwaren abzuhalten, wird oftmals eine Zigarettensteuer gerechtfertigt.

 

Eine solche Begründung ist oftmals zweifelhaft, weil eines der Grundprinzipien der freien Gesellschaft gerade darin besteht, dass man anerkennt, dass die einzelnen Bürger unterschiedliche Bedürfnisse aufweisen und dass deshalb eine kollektiv für alle Bürger geltende Einschränkung notwendiger Weise die gesamte Summe der Wohlfahrten vermindert.

 

Rauchen mag zwar für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung gesundheitliche Schäden verursachen, dies gilt jedoch – wie die Erfahrung zeigt – nicht restlos für alle Menschen. Kanzler Helmut Schmidt rauchte bekanntlich wie ein „Schlot“ und erreichte trotzdem ein sehr hohes Alter.

 

Auch ist es entsprechend der individualistischen Weltanschauung immer noch Sache des Einzelnen, wie hoch er die gesundheitlichen Gefahren und den Genuss beim Rauchen einschätzt. Der Einzelne hat auch das Recht Fehler zu machen. Langfristig wird er gerade durch Fehler lernen. Nur dort, wo durch den Konsum des einzelnen die Interessen anderer verletzt werden, sind kollektive Entscheidungen und einzelne Verbote notwendig und berechtigt.

 

 

3. Der Kollektivismus

 

Wenden wir uns nun dem Weltbild des Kollektivismus zu. Im Gegensatz zum Individualismus wird hier der Gemeinschaft eine wesentlich größere Bedeutung zuerkannt. Beim Individualismus wird – wie wir gesehen haben – der Gemeinschaft nur insofern eine übergeordnete Bedeutung zuerkannt, als die Entscheidungen der Individuen negative Einflüsse auf andere Individuen und damit auf die Gemeinschaft der Anderen haben kann. Der Gemeinschaft kommt kein selbstständiger Eigenwert zu, der Wert der Gemeinschaft ist abgeleitet vom Wert aller einzelnen Individuen.

 

Der Kollektivismus erkennt im Gegensatz hierzu der Gemeinschaft einen eigenen und selbstständigen Wert zu. Und dieser Wert, das Gemeinwohl, ist immer dem Wohl jedes Einzelnen überlegen und zwar nicht einfach deshalb, weil mit einer Verletzung des Gemeinwohls gleichzeitig eine Verletzungen des Wohls vieler Individuen verbunden ist.

 

Nun hat natürlich eine Gemeinschaft – wie sie auch definiert wird – weder eine Stimme noch einen Willen. Das sogenannte Gemeinwohl äußert sich deshalb notwendiger Weise bei einer solchen Interpretation durch die Entscheidung und Stimme des oder der Repräsentanten des Gemeinwohls. Und da der Kollektivismus zumeist von Diktatoren gepredigt wird, bedeutet dies, dass der Wille und die Äußerung des Gemeinschaftsführers zugleich als Wille und Äußerung des Kollektivs zu gelten hat.

 

Und wie steht es bei einer solchen Interpretation mit dem Wohl der einzelnen Bürger, wenn das Allgemeinwohl neben und unabhängig vom Wohl der einzelnen Bürger definiert wird? Das Wohl der Bürger tritt in diesem Falle in Konkurrenz zum Allgemeinwohl. Und da das Allgemeinwohl stets über dem Wohl der einzelnen Bürger steht, bedeutet dies notwendiger Weise eine Verminderung des Wohles der einzelnen Bürger.

 

Wem kommt aber das Gemeinwohl dann zugute? Wenn der Repräsentant einer Gemeinschaft die Ziele und Mittel autonom festlegt, muss damit gerechnet werden, dass die Handlungen zugunsten des Repräsentanten in allerersten Linie das Wohl des Repräsentanten fördern. ‚L'état c'est moi‘ war die Maxime Ludwig des XIV. in Frankreich und auch der Wahlspruch Trump’s: ‚America first‘ versteht sich wiederum so, dass zwischen Eigenwohl des Repräsentanten und dem repräsentierten Volk nicht mehr zu unterscheiden ist.

 

Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Individuen stets bei der Erfüllung des Gemeinwohls beeinträchtigt werden, wenn das Einzelwohl in Konflikt zum Gemeinwohl gerät. Menschen haben sowohl individuelle wie auch soziale Bedürfnisse. Der Vorrang des Gemeinwohls bedeutet zunächst nur, dass entgegenstehende individuelle Bedürfnisse zurückzustehen haben.

 

Als soziales Wesen kann der Einzelne sehr wohl auch aus der Gemeinschaft Befriedigung erfahren. Dass man sich in der Gemeinschaft aufhält und dass man sieht, dass die Anderen einem gleichen, kann sehr wohl bei Einzelnen innere Befriedung auslösen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Individuen gleiche Bedürfnisse aufweisen.

 

Diesem Umstand, dass sich einzelne Menschen in der Masse wohl fühlen und sich in diesem Gefühl wechselseitig verstärken können, steht jedoch gegenüber, dass rationales Handeln in der Menge stark zurückgeht, dass sich vor allem niemand getraut, in der Masse seine wahren Gefühle zu offenbaren, falls diese von den Meinungen der Masse – und sind es nur auch vermeintliche Meinungen  – abweichen.

 

Wie Massenveranstaltungen die freie Meinung der Einzelnen unterdrücken können, hat das Beispiel Joseph Goebbels gezeigt, als er Ende des zweiten Weltkrieges, am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast die Menge der Anwesenden fragte, ob sie den totalen Krieg wollten.

 

Die Menge bejahte frenetisch diese Frage. Und dies, obwohl der größte Teil der Bevölkerung schon längst kriegsmüde war und auch keine Hoffnung mehr hatte, dass der Krieg noch zugunsten Nazi-Deutschlands gewonnen werden konnte.

 

Man war einfach des Krieges müde, da ein Großteil der Bevölkerung durch die täglichen Bombenangriffe ihre Wohnungen eingebüßt und/oder die Kinder ihre Väter, die Eltern ihre Söhne im Felde verloren hatten. Trotzdem getraute sich niemand, seine wahre Gesinnung bekannt zu geben.

 

Die größte Schwäche des Kollektivismus besteht darin, dass eine befriedigende Theorie darüber fehlt, wie kollektive Entscheidungen eine bestmögliche Versorgung der Bevölkerung garantieren sollten. Wählt man den Kollektivismus, so erfolgt die Produktion der Güter vorrangig durch das Angebot an Kollektivgütern. Kollektivgüter zeichnen sich dadurch aus, dass jeder Konsument das gleiche Gut konsumiert. Unterschiede im Bedarf können ex definitione nicht berücksichtigt werden.

 

Im Allgemeinen wird der Kollektivismus damit gerechtfertigt, dass man unterstellt, der Staat verfüge über das bessere Wissen und müsse deshalb in verdienstvoller Absicht, also meritorisch den Einzelnen die Entscheidungen über ihr eigenes Wohl abnehmen.

 

Eine solche Haltung setzt aber voraus, dass es so etwas wie einen objektiven Bedarf gibt und dies bedeutet, dass subjektive Unterschiede zwischen den Einzelnen Individuen geleugnet werden.

 

Aber selbst dann, wenn man von einem objektiven, für jeden einzelnen Menschen gleichen Bedarf ausgeht, wäre es immer noch notwendig, auf die unterschiedlichen Bedingungen bei den einzelnen Bevölkerungsgruppen einzugehen.

 

In der Vergangenheit war der Staat technisch überfordert, diese Aufgabe befriedigend zu erfüllen. Hier mögen die neusten Entwicklungen in der Computertechnik dazu beigetragen haben, dass heutzutage von zentraler Stelle aus Millionen von Einzelentscheidungen bewältigt werden können. Es bleibt aber der Vorwurf, dass die einzelnen Individuen nicht mehr selbst über ihre höchstpersönlichen Belange entscheiden können.

 

 

4. Ein Vergleich zwischen beiden Weltbildern

 

Sowohl der Individualismus wie auch der Kollektivismus stellen Weltbilder dar, welche Auskunft darüber geben, welche letztlichen Werte zu gelten haben und wie ein Konflikt zwischen diesen Werten zu lösen ist.

 

Wie bereits Jeremy Bentham erkannt hatte, lassen sich aber Bewertungen nicht eindeutig wissenschaftlich beweisen. Eine Schlussfolgerung, welche zu einem normativen Schluss kommt, enthält mindestens eine Prämisse, welche selbst wiederum nicht bewiesen werden kann und deshalb als nicht beweisbare oder nicht bewiesene Annahme unterstellt werden muss.

 

Max Weber hat auf der Grundlage dieser Erkenntnis die Forderung erhoben, dass die Wissenschaft auf Werturteile verzichten sollte. Dies bedeutet nicht, dass nicht auch der Wissenschaftler das Recht hat, an den bewertenden Diskussionen über politische Bewertungen teil zu nehmen und Partei zu ergreifen.

 

Der Wissenschaftler soll nach dieser Maxime lediglich bei seinen öffentlichen Verlautbarungen eindeutig unterscheiden zwischen den informativen Aussagen, welche er aus seiner wissenschaftlichen Tätigkeit gewonnen hat und welche deshalb für alle Menschen gültig sind und den bewertenden Kommentaren, welche lediglich die persönliche Meinung des Wissenschaftlers wiedergeben und deshalb auch keinen allgemeinen Wahrheitsanspruch haben können.

 

Es soll also verhindert werden, dass ein Wissenschaftler für seine persönlichen Meinungen den Anspruch erhebt, dass auch diese Aussagen einen generellen Wahrheitsanspruch haben. Für das hier zu behandelnde Problem (Individualismus versus Kollektivismus) bedeutet dies jedoch, dass es mit den Mitteln der Wissenschaft nicht möglich ist, das eine Weltbild zu widerlegen oder den Wahrheitsanspruch für das eine Weltbild nachzuweisen.

 

Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Wissenschaft zu dieser Frage, welches Weltbild eine größere Wahrheit hat, keinen Beitrag leisten kann. Wenn wir nämlich die Werte eines Weltbildes bejahen, haben wir noch nichts darüber ausgesagt, inwieweit die einzelnen Werte überhaupt in ihrer Gesamtheit realisiert werden können.

 

Wir haben stets damit zu rechnen, dass  zwischen zwei Werten Zielkonflikte in dem Sinne bestehen, dass in dem Maße, in dem wir uns dem einen Wert annähern, gleichzeitig die anderen Werte vermindert realisiert werden können. Ob und in welchem Umfang und unter welchen Bedingungen solche Zielkonflikte bestehen, dies nachzuweisen ist legitime Aufgabe der Wissenschaft.

 

Im Grunde können wir davon ausgehen, dass sowohl der Individualismus wie auch der Kollektivismus die Ziele der persönlichen Freiheit, der Gerechtigkeit, der Sicherheit als auch eines möglichst hohen wirtschaftlichen Wachstums verfolgen. Die Unterschiede zwischen beiden Weltbildern bestehen einmal darin, dass diese Ziele unterschiedlich gewichtet werden und dass andere Mittel vorgeschlagen werden, mit deren Hilfe diese letztlichen Werte erreicht werden sollen.

 

Wie wir bereits gesehen haben, stehen für den Individualismus die persönlichen Freiheitsrechte an oberster Stelle, das Ziel der Gerechtigkeit wird im Sinne einer Leistungsgerechtigkeit und nicht der materiellen Gleichheit verstanden, Gleichheit ist nur erwünscht im Sinne einer Gleichheit vor dem Gesetz, man strebt weiterhin ein hohes materielles Wachstum an. Auch Sicherheit ist erstrebenswert, man erkennt jedoch an, dass Wachstum nur erreichbar ist, wenn eine Bereitschaft zum Risiko besteht. Man geht also davon aus, dass ein Mehr an Wachstum nur dadurch erreichbar ist, dass man auch zur Übernahme von Risiken bereit ist.

 

Das Gemeinwohl ist für den Individualismus kein Eigenwert per se, sondern ergibt sich daraus, dass die Ausübung der individuellen Freiheit stets die Gefahr mit sich bringt, die Freiheit eines Anderen zu beschneiden. Insofern bedarf gerade die Verwirklichung des Freiheitspostulates eine Begrenzung, Freiheit endet dort, wo die Freiheit eines Anderen verletzt wird. Freiheit bedarf der Begrenzung, weil ohne Begrenzung die Freiheit zu einer Willkürherrschaft des Stärkeren führt und für die Masse der Bevölkerung Unfreiheit zur Folge hat.

 

Wenn nun aufgrund dieser Zusammenhänge Verbote ausgesprochen werden, so kann man davon sprechen, dass diese Verbote dass Gemeinwohl sichern sollen, aber nicht in dem Sinne, dass das Gemeinwohl einen Wert unabhängig vom Wohl der einzelnen Individuen darstellt, sondern nur in  dem Sinne, dass das Gemeinwohl das Wohl der einzelnen Mitglieder zusammenfasst.

 

Demgegenüber betont der Kollektivismus in erster Linie den Wert des Allgemeinwohls, wobei das Allgemeinwohl ein Wert sui generis darstellt, unabhängig vom Wohl der einzelnen Mitglieder einer Gemeinschaft und dieses Allgemeinwohl ist stets dem Wohl einzelner Mitglieder überlegen, mag noch so sehr das Wohl vieler Individuen auf dem Spiel stehen.

 

Auch das Gerechtigkeitspostulat des Kollektivismus steht an oberer Stelle. Gerechtigkeit wird hier als materielle Gleichheit verstanden. Als Ideal wird eine vollständige Egalität angestrebt, bei der jedes einzelne Mitglied der Gemeinschaft ein gleichhohes reales Einkommen zu beanspruchen hat.

 

Zwar wird zumeist anerkannt, dass gewisse Ungleichheiten in der Verteilung der Einkommen akzeptiert werden können, allerdings nur dann, wenn diese Ungleichheiten durch Leistungsunterschiede begründet werden können. Die Leistung des Einzelnen wird aber nicht wie beim Individualismus daran gemessen, welchen Beitrag der Einzelne zum Gesamtwohl beiträgt. Es zählt nur die Arbeitsleistung, welche am Arbeitsleid gemessen werden kann.

 

Es wird zwar anerkannt, dass die Leistung in diesem Sinne von Arbeitnehmer zu Arbeitnehmer variieren kann, aber diesen Unterschieden sind Grenzen gesetzt, die Leistung des Einen kann das zwei- oder dreifache der durchschnittlichen Leistung ausmachen. Es wird aber nicht akzeptiert, dass ein einzelnes Individuum eine Leistung erbringen kann, welche das zehn- oder sogar hundertfache der durchschnittlichen Leistung ausmacht.

 

Zwar bejaht der Kollektivismus prinzipiell auch die Freiheit des Einzelnen. Diese ist jedoch in starkem Maße in zweierlei Hinsicht begrenzt: Auf der einen Seite wird die Freiheit des einzelnen dem Allgemeinwohl untergeordnet, auch dann, wenn das Wohl der Mehrheit der Bevölkerung auf dem Spiel steht.

 

Zum andern geht man von der Vorstellung aus, dass der Staat (die staatlichen Beamten) besser wissen, was dem Einzelnen wohltut. Und aus dieser Annahme ergibt sich der Anspruch, in meritorischer Absicht dem Einzelnen zu seinem eigenen Glück verhelfen zu müssen.

 

Es werden also den Individuen Handlungen verboten, auch dann, wenn diese Handlungen in keiner Weise anderen Individuen schaden. Es reicht aus, dass die staatlichen Behörden von der Vorstellung ausgehen, bestimmte Handlungen seien für die Individuen schädlich.

 

Der Kollektivismus versucht seine Ziele weniger durch private Tätigkeiten, sondern dadurch zu realisieren, dass er den Bedarf der Bevölkerung auf dem Wege des Kollektivgüterangebotes befriedigt. Kollektivgüter zeichnen sich aber dadurch aus, dass das Kollektivgut für alle Konsumenten gleichartig ist, jeder konsumiert das gleiche Gut und dies bedeutet, dass notwendiger Weise unterschiedliche Bedürfnisse nicht befriedigt werden können.

 

Natürlich strebt auch der Individualist ein möglichst hohes Wachstum und damit ein hohes reales Pro-Kopf-Einkommen an. Das wirtschaftliche Wachstum setzt jedoch Risikobereitschaft voraus, ohne die Bereitschaft, bei der Produktion Risiken einzugehen, gibt es kein Wachstum.

 

Darüber hinaus hängt die Wachstumsrate aber auch von der Verteilung der Einkommen ab. Sowohl die Sparfähigkeit wie auch die Sparneigung steigen mit wachsendem Einkommen. Dies bedeutet jedoch, dass die Sparsumme mit zunehmendem Differenzierungsgrad ansteigt und mit ihm das wirtschaftliche Wachstum.

 

In diesem Falle führt zwar eine durch politische Maßnahmen herbeigeführte Nivellierung der Einkommen zunächst zu einem höheren Lohneinkommen. Da aber aufgrund der geringeren Sparsumme das Wachstum der Einkommen geringer ausfällt, steigen auch die Lohneinkommen mit einer geringeren Wachstumsrate.

 

Und dies hinwiederum hat zur Folge, dass bei einer höheren Differenzierung im Ausgangszeitpunkt von einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft die realen Lohnreinkommen ein höheres Niveau erreichen als bei einer höheren Nivellierung im Ausgangszeitpunkt.

 

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Unsere Überlegungen zeigen, dass prinzipiell beide Weltbilder zwar in etwa die gleichen Werte betonen: Freiheit, Gerechtigkeit, Sicherheit und materielle Wohlfahrt, diese Begriffe jedoch auf der einen Seite anders definiert werden, auf der anderen Seite auch eine andere Gewichtung der einzelnen Werte vorgenommen wird.

 

Wenn wir den Kollektivismus als Weltbild wählen, können wir zwar vielleicht relativ viel Gerechtigkeit im Sinne von Gleichheit in der Verteilung der Einkommen und Sicherheit bei den täglich auftretenden sozialen Gefahren erreichen.

 

Wir können aber nicht gleichzeitig ein hohes, reales Wachstum des Inlandsproduktes sicherstellen, da eben in dem Maße, in dem der Differenzierungsgrad der Einkommen vermindert wird, gleichzeitig auch die materielle Wachstumsrate zurückgeht.

 

Hierbei kommt es weniger auf die Entwicklung in der statistisch nachgewiesenen Wachstumsrate des Inlandsproduktes an. Das Inlandsprodukt ist die Summe der mit den jeweiligen Preisen bewerteten Güter. Diese Zahlen können politisch manipuliert werden. Vergleichen wir z. B. die Wachstumsraten der ehemaligen DDR mit der ursprünglichen BRD. Während die Wachstumsraten der BRD sehr schnell relativ kleine Werte annahmen, erzielten die Wachstumsrate der DDR nach wie vor sehr hohe Werte.

 

Danach hätte man eigentlich erwarten können, dass die DDR sehr schnell den Wohlstand der BRD überholt hätte. In Wirklichkeit blieb jedoch für die gesamte Zeit der DDR das reale Wohlfahrtsniveau weit unter dem Niveau der ursprünglichen BRD. Beim Zusammenbruch der DDR fiel die Produktion in den ehemaligen Ostgebieten nahezu auf null, ein großer Teil der Bürger der ehemaligen DDR zog in den Westen, offensichtlich weil sie davon überzeugt waren, dass der Wohlstand in der BRD weit höher war als in der ehemaligen DDR. Schließlich mussten dreistellige Milliarden zum Aufbau der neuen Länder aufgebracht werden.

 

Das reale Wohlfahrtsniveau eines Landes lässt sich sehr viel besser daran messen, wie viel Bürger ein bestimmtes Wohlfahrtsniveau an bestimmten Gütern erreicht haben wie etwa Wohnungen mit Bad, eigenem WC, Wasch- und Geschirrmaschine etc.

 

Bei einem vorwiegend kollektiv zur Verfügung gestellten Güterangebot lässt sich die Produktion auch nicht auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bevölkerung ausrichten. Kollektivgüter weisen für alle Verbraucher eine gleiche Qualität auf. Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass die Bürger im Hinblick auf den Bedarf sehr große Unterschiede aufweisen, sodass gerade wegen der kollektiven Produktionsweise der Bedarf der Konsumenten in geringerem Maße erfüllt werden kann als unter individualistischen Systemen.

 

Wenn man – wie dies der Kollektivismus tut  – das Allgemeine Wohl unabhängig vom Wohl der einzelnen Bürger definiert, kann ein kollektives System sehr wohl ein hohes Ausmaß an allgemeiner Wohlfahrt erreichen.

 

Aber da stets die Anführer des kollektiven Systems selbst bestimmen, was denn als allgemeine Wohlfahrt angesehen wird, besteht die Gefahr, dass die Parole ‚Amerika first‘ sehr schnell zu der Auffassung ‚L'état c'est moi ‘ führt. Der Einzelne kann sich vielleicht am Ruhm der Gesellschaft berauschen und darin Befriedigung erfahren. Wenn er aber von der offiziellen Meinung abweichende Ziele verfolgt, erfährt er von der Gemeinschaft keine Unterstützung, wird vielmehr verfolgt.

 

Demgegenüber zeichnet sich eine individualistische Gesellschaft dadurch aus, dass auf der einen Seite ein hohes Wachstum erzielt wird und dass auf der anderen Seite die Produktion an den Bedürfnissen der Bürger ausgerichtet wird, mögen die Unterschiede im individuellen Bedarf noch so groß sein.

 

Der Preis einer solchen Ausrichtung liegt einmal darin, dass eine relativ hohe Differenzierung der Einkommen eintritt und dass damit das Ziel möglichst gleicher materieller Verhältnisse verletzt wird und dass auf der anderen Seite ein hohes Wachstum nur dadurch erzielt werden kann, dass es genügend Persönlichkeiten gibt, welche bereit sind, hohe Risiken bis hin zum Konkurs auf sich zunehmen.

 

Allerdings fragt es sich, ob dieser Preis wirklich so hoch - unangenehm hoch - veranschlagt werden muss. Gerade dann, wenn in der Verwirklichung einer materiellen Wohlfahrt nicht der einzige und wichtigste Sinn des Lebens gesehen wird, wenn man in erster Linie in einem glücklichen Leben in der Familie und mit Freunden zusammen eine Befriedigung erfährt, kann man sehr wohl zu der Überzeugung kommen, dass man im Vergleich mit einem Superreichen trotzdem das bessere Los gezogen hat, da man nicht befürchten muss, angefeindet zu werden und plötzlich alles zu verlieren.

 

Auch im Hinblick auf das Sicherheitsbedürfnis braucht der Umstand, dass das Leben insgesamt riskanter ausfällt als in einem kollektiven System, keineswegs in jedem Falle als Nachteil empfunden werden. Ein Großteil der Bürger nimmt z. B. im Sport freiwillig, ohne Zwang hohe Risiken auf sich und  gelangt auf diese Weise zu Höchstleistungen.