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Keynesianismus auf dem Prüfstand Teil II

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Die Kritik Keynes am Say‘schen Theorem

3. Das theoretische Konzept von Keynes

4. Politische Schlussfolgerungen des Keynesianismus

5. Politischer Erfolg der Keynesianischen Politik?

6. Kritische Analyse der Keynes’schen Lehre

7. Sekundärwirkungen

 

 

4. politische Schlussfolgerungen des Keynesianismus

 

Welche Schlussfolgerungen lassen sich nun aus diesem theoretischen Konzept für die politischen Maßnahmen schließen, wenn der Staat das Ziel verfolgt, Vollbeschäftigung zu erzielen? Zur Beantwortung dieser Frage wollen wir davon ausgehen, dass bei dem gegebenen Volkseinkommen (E1) Arbeitslosigkeit herrsche und in unserem vereinfachten Modell unterstellen, dass erst bei dem bisher noch nicht erreichten Gesamteinkommen von E2 Vollbeschäftigung erreicht sein würde.

 

 

 

Der  Winkels s, der im Schnittpunkt der Spar- und Investitionskurven entsteht, misst die Sparneigung bzw. die Stilllegungsneigung. Bekanntlich entspricht der Sinus dieses Winkels der Gegenkathede dB dividiert durch die Hypotenuse dE. dB stellt hierbei das jeweilige Budgetdefizit dar. Es gilt also die Gleichung des Einkommensmultiplikators:

 

 

 

Wenn der Staat also das Einkommen um dE steigern möchte, so hat er das Budgetdefizit so festzulegen, dass das Budgetdefizit (dB) gerade der Stilllegungsneigung (s) entspricht.

 

Prinzipiell lassen sich hierbei drei Strategien unterscheiden, wenn der Staat in Anwendung der Keynes’schen Lehren die Beschäftigung durch fiskalpolitische Maßnahmen zu steigern versucht: Er kann sein Ziel über ein deficit spending, ein deficit without spending oder ein spending without deficit erreichen.

 

Von einem deficit spending sprechen wir immer dann, wenn der Staat aus beschäftigungspolitischen Gründen die Staatsausgaben erhöht, diese aber mit Krediten oder Staatsanleihen, also defizitär finanziert.

 

Ein deficit without spending liegt hingegen dann vor, wenn bei konstant bleibender Staatsausgabenhöhe die Steuereinnahmen reduziert werden und auf diese Weise ein Defizit ausgelöst wird.

 

Das Konzept des spending without deficit sieht schließlich vor, dass die Staatsausgaben erhöht, aber durch zusätzliche reguläre Steuereinnahmen finanziert werden.

 

Das erste Konzept des deficit spending erbringt bezogen auf den Beschäftigungseffekt die höchste Effizienz. Entsprechend dem oben entwickelten Einkommensmulti­plikator, welcher in einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne wirtschaftliche Aktivität gerade dem Kehrwert der Sparneigung entspricht, ergibt z. B. bei einer Sparneigung von 20% (1/5) und einer Ausgabensteigerung von 1 Mrd. € (dA) eine Einkommenssteigerung von 5 Mrd.

 

 

Das zweite Konzept des deficit without spending hat einen um eins verringerten Multiplikator und hat somit eine etwas geringere Effizienz:

 

Hierbei bezeichnet dT die Reduzierung der Steuereinnahmen. Der Abzug von dT in der Formel lässt sich verstehen, wenn wir berücksichtigen, dass in der ersten Periode, in welcher die Steuersätze gekürzt werden, lediglich das privat verfügbare Einkommen erhöht wird, während das Volkseinkommen, von dem jedoch der Beschäftigungsgrad abhängt, noch unverändert bleibt. In den folgenden Perioden steigt die Konsumnachfrage aufgrund des erhöhten privat verfügbaren Einkommens der Vorperiode und dies bewirkt eine Steigerung auch im Volkseinkommen.

 

Damit vollzieht sich ab der zweiten Periode ein gleicher multiplikativer Prozess wie bei einem deficit spending. Da aber der Einkommensanstieg in der ersten Periode beim deficit without spending entfällt und dieser beim deficit spending gerade dem Umfang der Staatsausgabensteigerung entspricht, bedeutet dies, dass beim deficit without spending die Einkommenssteigerung insgesamt gerade um den Betrag der Steuersenkung geringer ausfällt als beim deficit spending. In unserem Beispiel würde eine Steuerreduzierung von 1 Mrd. € also zu einem Einkommensanstieg von 4 Mrd. führen.

 

Die geringste Wirkung zeigt das Konzept des spending without deficit. Sie beträgt nur 1, sodass eine Ausgabensteigerung von 1 Mrd. lediglich zu einer  Einkom­mens­steigerung von ebenfalls 1 Mrd. führt.

 

Zunächst mag es unverständlich erscheinen, dass dann, wenn die zusätzlichen Staatsausgaben vollständig mit Steuereinnah­men finanziert werden, überhaupt expansive Effekte auf das Einkommen erwartet werden können. Man könnte vermuten, dass die expansiven Effekte der Staatsausgaben gerade durch die kontraktiven Effekte der gleichhohen Steuereinnahmen kompensiert werden.

 

Der Grund dafür, dass hier trotzdem eine geringe expansive Wirkung erwartet werden kann, liegt daran, dass der Anteil des Staates, welcher bei einem ausgeglichenem Budget eine Ausgabenneigung von eins hat, hier ansteigt und dass deshalb die durchschnittliche Ausgabenneigung der gesamten Volkswirtschaft (staatliche plus private Haushalte) ebenfalls  ansteigt, da die privaten Haushalte eine Ausgaben­neigung geringer als eins haben, während der Stat in diesem Falle ex definitione eine Ausgabenneigung von gerade eins aufweist.

 

Diese drei Konzepte sind allerdings nicht nur nach ihrer Effizienz im Hinblick auf das Beschäftigungsziel zu beurteilen. Die Entscheidungen für oder gegen eines dieser Konzepte hängt auch davon ab, welche Nebenwirkungen auf andere Ziele erwartet werden und wie unterschied­lich sich die einzelnen Methoden politisch durchsetzen lassen.

 

Während der Weltwirtschaftskrise wurde die Frage diskutiert, ob es eines permanenten Eingreifens von Seiten des Staates bedürfe oder ob eine einmalige Konjunkturspritze genüge, um das Wirtschaftssystem aus der Krise herauszu­holen.

 

In den Anfangsjahren der Krise überwog die Meinung, dass der Staat die Konjunktur lediglich ankurbeln müsse und dass das Wirtschaftssystem - einmal wiede­rum in Gang gebracht - selbst in der Lage sei, ein hohes Beschäftigungs­niveau aufrechtzuerhalten.

 

Beschränken wir uns auf die Multiplikatortheorie, so lässt sich eindeutig feststel­len: Eine einmalige Erhöhung der Staatsausgaben wird das Volkseinkommen und mit ihm auch den Grad der Beschäftigung nur vorübergehend erhöhen.

 

Zwar werden die beschäftigungssteigernden Effekte mehrere Perioden eintreten, diese positiven Effekte werden jedoch in jeder Periode abnehmen, bis dann in einer zukünftigen Periode die positiven Effekte auslaufen. Will man also das Einkommensniveau auf lange Sicht anheben, so bedarf es auch eines permanenten Einsatzes der fiskalpolitischen Mittel.

 

Berücksichtigen wir allerdings neben der Multiplikatortheorie auch das Akzelerationsprinzip, so fallen die Schlussfolgerungen keinesfalls mehr so eindeutig aus. Wie P. A. Samuelson gezeigt hat, können von einmaligen Veränderungen der effektiven Nachfrage (also auch von einmaligen Staatsausgabenerhöhungen) durchaus kumulative Effekte ausgehen und das Volkseinkommen für viele Perioden auf das Vollbeschäftigungsniveau anheben.

 

Im Rahmen der konjunkturpolitischen Diskussion wurde weiterhin die Frage diskutiert, ob sich der Staat gewisser automatisch wirkender Mechanismen (built-in flexibility) bedienen solle oder ob der Staat ein Instrumentarium bevorzugen solle, das jederzeit autonome Entscheidungen ermöglicht.

 

Automatisch wirkende Mechanismen liegen z. B. in der Arbeitslosenversicherung oder in der Steuerprogression vor. Innerhalb der Arbeitslosenversicherung steigen in Zeiten der Rezession und Depression automatisch die Ausgaben an (es werden Arbeitslosengelder gewährt), die Beitragseinnahmen gehen aufgrund des Rück­ganges der Leistungseinkommen ebenfalls automatisch zurück. Der Zuwachs in den Ausgaben vergrößert das Niveau der Konsumausgaben, ohne dass dieser expansive Effekt durch kontraktive Wirkungen von Seiten der Beitragseinnahmen kompensiert wird.

 

Auch von der Steuerprogression gehen konjunkturstabilisierende Effekte aus. Steigt das Einkommen aus konjunkturellen Gründen an, so nehmen die Steuereinnahmen wegen der Progression überproportional zu.

 

Automatisch wirkende Mechanismen haben den Vorteil, dass sie von keinem inside lag (von keiner Zeitverzögerung) begleitet sind, also schneller wirken und dass sie auch dann in Wirkung treten, wenn die konjunkturpolitisch notwendigen Maßnahmen unpopulär sind und wenn die Politiker aus wahltaktischen Gründen nicht bereit sind, diese Maßnahmen zu beschließen.

 

Der Nachteil eines eingebauten Stabilisators besteht jedoch darin, dass der Staat hier keine Möglichkeit hat, die beschäftigungspolitischen Maßnahmen auf die konkrete Situation anzupassen. So könnte es z. B. erwünscht sein, je nach Höhe der Arbeitslosigkeit und Schwere der strukturellen Defizite ein unterschiedlich umfangreiches Beschäftigungsprogramm anzustreben. Auf solche Unterschiede muss verzichtet werden, wenn Konjunkturpolitik allein auf dem Wege eingebau­ter Stabilisatoren angesteuert wird.

 

Eine nähere Analyse zeigt zwar, dass in der Tat gewisse beschäftigungssteigernde und die Ausschläge der Konjunkturschwankungen dämpfende Wirkungen von einer gesetzlichen Arbeitslosenversicherung ausgehen, dass aber eine solche Einrichtung auch nicht im Entferntesten in der Lage ist, Vollbeschäftigung herbeizuführen. Machen wir uns diese Gedankengänge anhand eines einfachen Denkmodells klar.

 

Ausgangspunkt sei wiederum das oben entwickelte IS-Modell, wobei der Schnittpunkt beider Kurven bei einem Einkommen unterhalb der Vollbeschäftigung liege. Die Arbeitslosenversicherung führt nun einerseits zu einer Verschiebung der Kaufkraftstillegungskurve parallel nach oben um die Beitragseinnahmen, andererseits zu einer Verschiebung der Kaufkraftschöpfungskurve nach oben aufgrund der Gewährung von Arbeitslosengeldern.

 

Bei Vollbeschäftigung würde die Kaufkraftschöpfungskurve mit der Investitionskurve zusammenfallen, da annahmegemäß kein Arbeitslosengeld zu zahlen ist. Je geringer jedoch das Einkommen und die Beschäftigung ausfallen, umso größer ist der Betrag der Arbeitslosengelder. Selbst dann, wenn das Arbeitslosengeld 100% des bisherigen Lohneinkommens ausmachen würde, stiege die Arbeitslosengeldkurve nur um 45° an. Da aber das Arbeitslosengeld deutlich unter dem bisherigen Lohneinkommen liegen muss, um Missbrauch zu vermeiden, ist die Neigung der Arbeitslosenkurve in Wirklichkeit wesentlich geringer als 45°.

 

Würde das Arbeitslosengeld dem bisherigen Lohn entsprechen, hätten die Arbeitslosen nämlich keinen ausreichenden Anreiz, eine neue Arbeit anzunehmen. Es wäre für sie vorteilhafter, ein Arbeitslosengeld in Höhe des bisherigen Einkommens in Anspruch zu nehmen, ohne dafür die Mühen einer erwerbswirtschaftlichen Arbeit in Kauf zu nehmen.

 

 

 

 

Dieses Modell zeigt, dass selbst dann, wenn das Arbeitslosengeld dem bisher erreichten Lohneinkommen entsprechen würde und wenn weiterhin der Beitragssatz auf null fallen würde, trotzdem der größte Teil der Arbeitslosigkeit weiter bestehen würde. Mit Hilfe des eingebauten Stabilisators ‚gesetzliche Arbeitslosenversicherung‘ allein lässt sich also das Problem einer Massenarbeitslosigkeit nicht lösen. Allenfalls kann man davon sprechen, dass eine solche Einrichtung die sonstigen Maßnahmen einer aktiven Vollbeschäftigungspolitik unterstützt.

 

Im Rahmen der fiskalpolitischen Diskussion wurde schließlich die Frage erörtert, auf welche Weise das Defizit des Staates finanziert werden soll. Folgende Finanzierungsarten lassen sich unterscheiden:

 

-         Finanzierung aus einem vorher angesammelten Überschuss,

-         Finanzierung durch Kapitalmarktmittel,

-         Finanzierung durch Aufnahme eines Kredites bei gleichzeitiger Geldschöpfung.

 

Laut Grundgesetz der BRD dürfen außerordentliche Staatsausgaben allerdings allenfalls vorübergehend durch Kredite bei der Notenbank abgedeckt werden.

 

Die Entscheidung zugunsten der einen oder der anderen Finanzierungsart hängt wiederum von der Beantwortung der Frage ab, in welcher Weise diese Instrumente als effizient gelten können, wie sich diese einzelnen Finanzierungs­arten politisch durchsetzen lassen (ob z. B. eine Finanzierung durch Notenbank­kredite von der Verfassung ausgeschlossen wird) und welche Nebenwirkungen u. U. von den einzelnen Instrumenten ausgehen.

 

Eine Minderung der Effizienz tritt bei einer Finanzierung aus Kapitalmarkt­mitteln ein, da sich die Tatsache, dass der Staat als Nachfrager auf dem Kapitalmarkt auftritt, zinssteigernd auswirkt und da Zins­steigerungen zu einer Verringerung der effektiven Nachfrage (Investition) führen. Auch dann, wenn in Zeiten der Rezession Zinssenkungen keine spürbare Zunahme von Investitionen hervorrufen können, muss trotzdem damit gerechnet werden, dass Zinssteigerungen sich sehr wohl dämpfend auf die Investitionsnachfrage auswirken. Nur dann, wenn in Zeiten der Rezession und Depression die Liquiditätspräferenz hoch und die Zinselastizität der Nachfrage gering ist, kommt diesen Effizienzminderungen allerdings nur eine untergeordnete Bedeutung zu.

 

Bei unseren bisherigen Überlegungen bezogen wir uns ausschließlich auf die Kritik von Keynes an der Annahme, dass über Zinssenkungen eine für Vollbeschäftigung ausreichende Steigerung der Investitions­nachfrage erreicht werden könnte.

 

Nun hatte Keynes das Say’sche Theorem auch deshalb kritisiert, weil er der Meinung war, dass in Zeiten der Rezession und Depression gar nicht alle Ersparnisse auf dem Kapitalmarkt angelegt würden. Diese Überlegungen führten Keynes zur Entwicklung seiner Liquiditäts­präferenztheorie, der wir uns nun zuwenden wollen. Wir wenden uns hierzu dem Geldmarkt zu.

 

Die Nachfrage nach Geld hängt hierbei nach Ansicht von Keynes von zwei Motiven ab. Einmal werde Geld von den privaten Haushalten und den Unterneh­mungen benötigt, um die diversen Transaktionen durchzuführen; diesen Geldbe­darf bezeichnet Keynes als Transaktionsmotiv.

 

Wir haben davon auszugehen, dass die Termine für die täglichen Einnahmen und Ausgaben zeitlich nicht zusammen­fallen. Am ersten eines Monats erhalte ein Arbeitnehmer z. B. sein gesamtes Monatsgehalt, habe also zunächst einen sehr hohen Kassenbestand, er gebe dieses Geld im Laufe der folgenden Tage so aus, dass er erst am Ende des Monats alles Geld ausgegeben hat.

 

In diesem Falle hat er einen durchschnittlichen Geldbestand, dessen Höhe einmal durch die Zahlungssitten, zum andern von der Höhe des Einkommens abhängt. Es wird also unterstellt, dass der Liquiditätsbedarf aufgrund dieses Transaktions­motivs mit wachsendem Einkommen ansteigt.

 

Wie viel Geld von den privaten Wirtschaftssubjekten in Kasse gehalten wird, hängt aber darüber hinaus nach Keynes auch von der Höhe des Zinssatzes ab. Keynes spricht in diesem Zusammenhang vom Spekulationsmotiv. Wir haben bereits weiter oben gesehen, dass es in Zeiten der Rezession und Depression durchaus lohnend sein kann, Geld vorübergehend in Kasse zu halten und auf einen Zinsertrag zu verzichten, weil in diesen Zeiten starke Kursverluste befürchtet werden müssen, welche höher ausfallen als die ohnehin geringen Zinserträge.

 

Diese Nachfrage nach Kasse aufgrund des Spekulationsmotivs hänge von der Höhe des Zinssatzes ab, wobei unterstellt werden kann, dass die Nachfrage nach Kasse aus diesem Motiv heraus umso höher ausfällt, je geringer die Zinsen sind.

 

Wir können nun diese beiden Beziehungen (Transaktionsmotiv und Spekulations­motiv) in einem neuen Diagramm einzeichnen, wobei wir auf der Abszisse die Nachfrage nach Geld, die Liqui­di­täts­präferenz L sowie das Angebot an Geld M und auf der Ordinate die Höhe des Zinssatzes abtragen.

 

 

 

Wenn wir von einem bestimmten Einkommen E1 ausgehen, erhalten wir eine negativ geneigte Kurve der Geldnachfrage L(E1), die Nachfrage steigt also in dem Maße, in dem der Zinssatz sinkt. Wiederum gilt, dass wir nur der Einfachheit halber mit linearen Funktionen rechnen, in der Realität ist davon auszugehen, dass diese Kurven einen gekrümmten Verlauf aufweisen.

 

Unterstellen wir nun ein höheres Einkommen E2, so ist bei gleichbleibenden Zinsen die Nachfrage nach Geld aufgrund des Transaktionsmotivs höher. Wir erhalten auf diese Weise eine ganze Schar von Geldnachfrage­kurven, wobei diese umso weiter nach rechts verschoben werden, je höher das jeweilige Einkommen ist.

 

Wir können nun in diese Graphik auch eine Kurve einzeichnen, welche das Geldangebot wiedergibt. Da wir davon ausgehen, dass die Geldmenge von der Notenbank autonom festgelegt wird, können wir die Kurve des Geldangebotes als Parallele zur Ordinate einzeichnen.

 

Gleichgewicht herrscht auf dem Geldmarkt dort, wo die Geldangebotskurve eine der Nachfragekurven schneidet. Gehen wir von einer ganz bestimmten Einkommenshöhe aus, so gibt es nur einen eindeutigen Schnittpunkt zwischen Geldangebot und Geldnachfrage.

 

 

 

Unsere Graphik zeigt nun, wie auf dem Wege geldpolitischer Maßnahmen der Beschäftigungsgrad gesteigert werden kann. Wir gehen von einem Zinssatz i1 und einem Einkommen E1 aus. Bei diesem Einkommen herrsche Unterbeschäftigung. Nun könnte die Notenbank bei konstantem Zinssatzes und durch ein vermehrtes Geldangebot ein neues Geldmarktgleichgewicht bei einem Einkommen E3 herbeiführen.

 

Diesem neuen Gleichgewicht entspricht auf jeden Fall mit einem höheren Einkommen auch eine höhere Beschäftigung. Somit kennen wir nun drei Möglichkeiten zur Steigerung der Beschäftigung: Der Staat kann erstens über eine defizitäre Ausgabensteigerung die Beschäftigung steigern, zweitens kann über eine Zinssenkung automatisch ein beschäftigungssteigernder Effekt erzielt werden. Schließlich ist es möglich, durch Vermeh­rung des Geldangebotes das Einkommen und mit ihm die Beschäftigung zu steigern.

 

Allerdings sind die beiden letzten Möglichkeiten nicht voneinander unabhängig, die Erhöhung der Geldmenge führt in aller Regel zu einer Verringerung des Zinssatzes, während eine Erhöhung des Leitzinssatzes seitens der Notenbank eine Verringerung der Geldnachfrage auslöst.

 

Allerdings war Keynes weiterhin der Meinung, dass Vollbeschäftigung nur über ein Defizit im Staatshaushalt und nicht über Zinssenkungen oder Ausweitungen der Geldmenge erreicht werden könne. Zinssenkungen seien wegen der geringen Zinselastizität der Investitionen nicht geeignet, mehr Investitionen und damit indirekt auch mehr Beschäftigung herbeizuführen.

 

Auch eine Vermehrung der umlaufenden Geldmenge habe keinen beschäftigungssteigernden Effekt, da ja Geldmengenerhöhungen eben nur über hierdurch ausgelöste Zinssenkungen beschäftigungssteigernde Effekte auslösen könnten. In Wirklichkeit sei darüber hinaus zu befürchten, dass zusätzliches Geld in Zeiten der Krise in den Spekulationskassen verschwinde und insofern gar keinen Einfluss auf Güter- und Arbeitsmärkte nehmen könnte.

 

 

5. Politischer Erfolg der Keynesianischen Politik?

 

Wenden wir uns nun der Frage zu, wie erfolgreich denn die Keynesianische Beschäftigungspolitik bisher war. Wir hatten bereits eingangs festgestellt, dass die ersten Versuche, die Keynesianischen Rezepte politisch umzusetzen, durchaus erfolgreich waren, dies galt mit gewissen Einschränkungen sowohl für die Bemühungen Roosevelts mit seinem New Deal Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts in den USA wie auch für den Versuch Karl Schillers in der ersten größeren Rezession im Nachkriegsdeutschland, die Konjunktur mit Hilfe Keynesianischer Konzepte wieder anzukurbeln.

 

Aber wir haben ebenfalls bereits festgestellt, dass dieser Erfolg nicht anhielt, dass es heutzutage – nach mehr als 80 Jahren Keynesianischer Beschäftigungspolitik – nicht gelungen ist, Massenarbeitslosigkeit zu beseitigen, noch nicht einmal spürbar zu verringern.

 

Natürlich könnte diese Entwicklung unter Umständen damit erklärt werden, dass zwar Roosevelt und auch Schiller, nicht aber ihre Nachfolger die Vorschläge der Keynesianer richtig befolgt und umgesetzt haben. Aber gerade diese Erklärung befriedigt nicht.

 

Ganz im Gegenteil muss man feststellen, dass die Keynesianischen Rezepte wie wohl keine andere von Wirtschaftswissenschaftlern empfohlene Konzeption so eins zu eins umgesetzt wurden wie eben die Vorschläge John Maynard Keynes. Es wurde nicht nur gekleckert, sondern geklotzt, der heutige Misserfolg kann keinesfalls darauf zurückgeführt werden, dass sich die keynesianische Politik falscher, von Keynes und seinen Anhängern gar nicht empfohlener Maßnahmen bedient habe oder das Defizit des Staatshaushaltes nicht in ausreichendem Maße festgelegt habe.

 

Zu diesem Urteil muss man vor allem deshalb kommen, weil zwar nahezu alle größeren Industrienationen – auch die lammfromme BRD – Konjunkturabschwünge mit Hilfe Keynesianischer Rezepte zu überwinden versucht haben, dass aber diese Versuche dennoch mit unterschiedlicher Stärke unternommen wurden und dass die Massenarbeitslosigkeit in den Ländern, die sich besonders intensiv getreu Keynesianischer Empfehlungen verschuldet haben, besonders hoch ausgefallen ist, während in der Bundesrepublik, in welcher in viel geringerem Maße Budgetdefizite ausgewiesen wurden, die Arbeitslosenrate deutlich geringer gehalten werden konnte.

 

Einige Länder hatten sogar in den letzte Jahren eine so hohe staatliche Verschuldung erreicht, dass sie aus eigenen Kräften nicht mehr in der Lage waren, die Finanzkrise zu überwinden und der Hilfe der Europäischen Gemeinschaft und des Internationalen Währungsfonds (IWF) bedurften.

 

Wie ist es aber dann zu erklären, dass die ersten Versuche einer Keynesianischen Beschäftigungspolitik trotzdem erfolgreich waren, dass die gleichen Rezepte zunächst durchschlugen und erst sehr viel später fehlschlugen?

 

Der wohl wichtigste Grund für diese unterschiedliche Entwicklung kann darin gesehen werden, dass sich die von dieser Politik betroffenen Wirtschaftssubjekte an die veränderte Situation angepasst haben, dass diese Anpassung den Erfolg der keynesianischen Politik zunichte machte, dass aber diese Anpassung erst nach einer gewissen Zeit vollzogen wurde, sodass sich also zunächst die Keynesianische Politik – wie von den Keynesianern vorhergesagt – positiv entwickeln konnte.

 

Einer der entscheidenden Fehler der Keynesianischen Lehre bestand also darin, dass sie in ihrer Analyse die Frage ausgeblendet hat, wie die von Keynes empfohlenen Maßnahmen auf das Verhalten der betroffenen Wirtschaftssubjekte wirken und wie diese veränderten Verhaltensweisen dann selbst wiederum auf die Ergebnisgrößen Einfluss ausüben.

 

Wir haben davon auszugehen, dass die Unternehmungen in Zeiten der Rezession nur dann zu einer Aktivitätserweiterung bereit sind, wenn sich die Gewinnerwartungen verbessern. Wenn sich nun die Ausgaben des Staates vergrößern, ist damit zu rechnen, dass die Preise steigen. Sofern diese Preissteigerungen nicht durch gleichhohe Kostensteigerungen kompensiert werden, schlagen sich die Preissteigerungen automatisch in Gewinnsteigerungen nieder.

 

Solange allerdings die Preissteigerungen nicht auch zu Steigerungen der Lohnsätze führen, verschlechtert sich die Lage der Arbeitnehmer. Bei gleichbleibendem nominellen Lohnniveau verschlechtert sich die Kaufkraft der Lohneinkommen, das Reallohneinkommen sinkt also. Gleichzeitig verringert sich der Anteil der Lohneinkommen am Inlandsprodukt.

 

Die Gewerkschaften werden diese Verschlechterung der Position der Arbeitnehmer zum Anlass nehmen, in den folgenden Tarifverhandlungen Lohnsteigerungen im Ausmaß der Preissteigerungen zu fordern und werden aufgrund ihrer Streikmacht auch in der Lage sein, diese Forderungen durchzusetzen.

 

Der Umstand, dass die Tarifverträge zumeist nicht sofort gekündigt werden können, dass erst nach Ablauf der Kündigungsfrist neue Tarifverträge geschlossen werden können, hilft erklären, dass die keynesianische Beschäftigungspolitik zunächst erfolgreich war. Auch kann der Umstand, dass aufgrund dieser Politik die Arbeitslosigkeit zunächst zurückgegangen ist, ebenfalls erklären, warum die Gewerkschaften nicht sofort auf die veränderte Situation mit Lohnforderungen reagiert hatten. Die Arbeitnehmer hatten zwar ein geringeres Einkommen, wurden aber dadurch entschädigt, dass sie weniger arbeitslos wurden.

 

Wenn aber die Gewerkschaften längerfristig durchsetzen werden, dass die Lohnsätze an die Preissteigerungen angepasst werden, wenn also die Reallöhne auf lange Sicht gar nicht reduziert werden, finden auch keine langfristigen Gewinnsteigerungen statt. Die Gewinnsteigerungen waren jedoch der eigentliche Grund, weshalb die Keynesianische Beschäftigungspolitik überhaupt erfolgreich sein konnte.

 

Die Gewinne können aufgrund der Preissteigerung nur dann und in dem Umfang steigen, in dem auch die Kosten, insbesondere die Lohnkosten, nicht oder zumindest deutlich weniger als die Preise steigen. So lässt sich dann auch erklären, weshalb diese Politik zunächst Erfolg hatte, dieser Erfolg aber nicht anhielt.

 

Nun könnte man einwenden, dass ein anfänglicher Anstoß ausreicht, die Konjunktur anzukurbeln, dass es lediglich einer anfänglichen Geldspritze seitens des Staates bedürfe, dass sich dann die Konjunktur selbst weiter entwickeln könnte. In der Tat wurden – wie bereits erwähnt  – ähnliche Gedankengänge während der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts unter dem Namen ‚Pump Priming‘ diskutiert.

 

In der Realität war jedoch eine solche Konzeption nicht in der Lage, das anstehende Problem zu lösen. Unternehmer werden nämlich nur dann neue Arbeitskräfte einstellen, wenn sie davon ausgehen können, dass sich die Absatzlage dauerhaft verbessert oder dass sie dann, wenn die Nachfrage wieder nachlässt, in der Lage sind, sich relativ schnell von den dann nicht mehr benötigten Arbeitskräften zu trennen.

 

Aber gerade diese Möglichkeit verhindert zumeist der gesetzliche oder auch tarifliche Kündigungsschutz. Solange die Unternehmer sich noch nicht klar sind, ob die hereinkommenden Aufträge einmaliger Natur oder von Dauer sind, werden sie deshalb bemüht sein, diese zusätzliche Nachfrage mit Überstunden der bereits vorhandenen Belegschaft zu erfüllen. Dies erklärt dann auch, dass der Keynesianischen Beschäftigungspolitik der langfristige Erfolg verwehrt blieb.

 

Theoretisch gäbe es noch eine weitere mögliche Erklärung, weshalb die Verschuldungspolitik des Staates nur kurzfristig erfolgreich war. Es wäre ja zumindest denkbar, dass sich die Ausgangslage seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts so stark verändert hat, dass zwar die Keynes’schen Vorschläge für die damalige Zeit geeignet waren, Massenarbeitslosigkeit abzubauen, dass sich aber aufgrund einer veränderten Wirtschaftslage die Keynes’schen Rezepturen nicht mehr dazu eignen, Arbeitslosigkeit abzubauen.

 

In der Tat wird in diesem Zusammenhang auf die weltweite Globalisierung seit etwa der Jahrtausendwende hingewiesen. Die Globalisierung hätte zu einer so dramatischen Veränderung der wirtschaftlichen Auswirkungen geführt, dass man deshalb die gesamte Wirtschaftspolitik neu überdenken müsse und dies gelte eben auch für die Keynesianische Beschäftigungspolitik.

 

So sei vor allem die Abhängigkeit der einzelnen Staaten von der Weltkonjunktur so stark geworden, dass es nicht mehr möglich sei, sich von der Weltkonjunktur abzukoppeln und Vollbeschäftigung auf nationaler Ebene mitten in einer weltweiten Rezession zu garantieren.

 

In der Tat mag es richtig sein, dass die Globalisierung zu einer größeren Abhängigkeit der einzelnen Nationen zueinander geführt hat. Wenn ein Land in der Vergangenheit fast nur mit seinem Nachbarland Handel betrieben hatte, so hing seine eigene Konjunkturlage neben internen, hausgemachten Problemen eben auch nur von der Konjunkturlage dieses einen Nachbarlandes ab, konjunkturelle Verwerfungen auf der gesamten sonstigen Welt waren für die inländische Beschäftigungslage weitgehend unerheblich.

 

Wenn nun das gleiche Land heutzutage mit der gesamten Welt Handel betreibt, so hängt nun die eigene Konjunktur auch von den konjunkturellen Rückschlägen entfernter Länder wie z. B. China ab. Aber auch hier liegen die Zusammenhänge nicht so einfach, dass nun die Wahrscheinlichkeit einer konjunkturellen Stabilisierung auf jeden Fall stark gesunken ist.

 

Den größeren möglichen Gefahren stehen nämlich bei einer weltweiten Vernetzung auch größere mögliche Chancen gegenüber. Wenn z. B. aufgrund besonders starker Rückschläge im Nachbarland die Gefahr bestünde, dass auch unsere Volkswirtschaft einknickt, dann vergrößern sich bei einer weltweiten Globalisierung auch die Möglichkeiten, den Absatzverlust aus dem Nachbarland mit einem zusätzlichen Absatz aus irgendeinem Land auf der Welt auszugleichen.

 

Des Weiteren hängt der inländische Beschäftigungsgrad weniger vom absoluten Umfang der weltweiten Export- und Importströme ab. Soweit nämlich die inländische Beschäftigungslage vom Außenhandel bestimmt wird, ist es nicht so sehr das absolute Außenhandelsvolumen, das den Beschäftigungsgrad beeinflusst, sondern das Ausmaß der Ungleichgewichte zwischen Export und Import.

 

Ganz generell gilt, dass vom Export beschäftigungssteigernde, vom Import beschäftigungsmindernde Effekte ausgehen. Dies bedeutet, das auch bei steigender Abhängigkeit vom Ausland keine nennenswerte Beeinträchtigung der Beschäftigung zu erwarten ist, wenn es gelingt, die Zahlungsbilanzen ausgeglichen zu halten. Exportüberschüsse können sogar kurzfristig die Konjunkturlage aufgrund der Globalisierung verbessern.

 

Auch hier zeigt wiederum das Beispiel der BRD, dass gerade die Länder, welche ein überdurchschnittlich hohes Außenhandelsvolumen aufweisen, die interne Konjunkturlage besser stabilisieren konnten als die anderen Länder. Natürlich profitierte die BRD von der Globalisierung unter anderem auch dadurch, dass sie in den meisten Jahren hohe Überschüsse in der Leistungsbilanz erzielt hat.

 

Es waren aber nicht vorwiegend Maßnahmen der BRD, welche zu diesem hohen Leistungsbilanzüberschuss geführt haben, sondern es war eher das Versagen der Notenbanken. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben einer jeden Notenbank, nicht nur für eine interne, sondern auch eine externe Währungsstabilität zu sorgen.

 

Die Notenbanken wären sehr wohl in der Lage, für einen Ausgleich der Leistungsbilanzen zwischen Europa und den anderen Industrienationen zu sorgen. Und wenn es den Notenbanken gelingen würde, auf lange Sicht einen Ausgleich der Leistungsbilanzen zu garantieren, dann wäre auch jedes Land in der Lage, mit Hilfe der Keynesianischen Maßnahmen trotz Veränderung in der Weltkonjunktur im Inland für Vollbeschäftigung zu sorgen, vorausgesetzt, bei der von Keynes entwickelten Beschäftigungstheorie handelt es sich tatsächlich – wie von ihm selbst angekündigt – um eine allgemein gültige Theorie.

 

Und um eben diese Frage zu klären, wollen wir uns im nächsten Abschnitt der Frage zuwenden, inwieweit nach heutigem Wissensstand die Keynesianische Theorie als empirisch bestätigt angesehen werden kann.

 

 

Fortsetzung folgt!