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Berühmte Irrtümer Teil II

 

 

Gliederung:

 

  1. Inflation Voraussetzung für Konjunkturbelebung?

  2. Macht Reichtum wirklich glücklich?

  3. Sicherheit durch Überwachung und korrektes Verhalten?

  4. Moralisches Handeln stets im Interesse jedes einzelnen?

  5. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand

  6. Lügen haben kurze Beine

  7. Abschreckungsstrategie verhindert Atomkrieg?

  8. Rationale Entscheidung stets besser als Intuition?

  9. Bilder lügen nicht

10. Wo Rauch, da Feuer

11. Angriff ist die beste Verteidigung

12. Recht auf Waffe erhöht die Sicherheit

 

 

Kapitel 9: Bilder lügen nicht

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Das Interesse an Fehlinformationen

3. Die Erkenntnisfähigkeit der Informanten

4. Möglichkeiten der Täuschung durch Bilder

5. Möglichkeiten der Abwehr

 

 

 

1. Das Problem

 

Es gehört zu einem der wichtigsten Vorurteile, dass Bilder im Gegensatz zu Worten nicht lügen könnten, sehe man doch den zu beobachtenden Vorgang mit eigenen Augen. Man ist zwar davon überzeugt, dass in der Öffentlichkeit gelogen wird wie gedruckt, schließlich nehmen es viele Menschen selbst ebenfalls im Alltag nicht so genau mit der Wahrheit, aber wenn ein Berichterstatter seine Behauptungen mit einem Bild belegen kann, dann hat man den Vorgang – so meint man irriger Weise – doch selbst gesehen und nochmals: Bilder können doch nicht lügen.

 

Diesem Vorurteil ist es zu verdanken, dass auch dem Fernsehen eher geglaubt wird als gedruckten Zeitungen und Zeitschriften. Behaupten können die Journalisten sehr viel, aber – so meint man –, wenn ein Berichterstatter seine Behauptungen mit Bildern belegen kann, dann entspreche auch das Gesagte der Wahrheit.

 

Ich möchte im Verlauf dieses Kapitels zeigen, dass es sich hierbei um ein Vorurteil handelt, das weit verbreitet ist, dennoch nicht der Wahrheit entspricht. Mit diesem Vorurteil haben wir es sogar an vielen Stellen unseres Lebens zu tun.

 

Es sind natürlich in erster Linie die Nachrichten, welche wir alltäglich aus den Zeitungen, dem Fernsehen und neuerdings auch im Internet erfahren. Aber die Frage, inwieweit denn Aussagen der Wahrheit entsprechen, spielt vor Gericht ebenfalls eine entscheidende Bedeutung, hängt doch von der Glaubwürdigkeit der von Zeugen geäußerten Aussagen sehr oft das dann ergehende Urteil der Richter ab.

 

Schließlich kursieren neuerdings in den sozialen Medien die unterschiedlichsten Formen der Falschaussagen, welche ebenfalls wiederum oftmals mit Bildern untermalt werden und gerade deshalb fälschlicher Weise an Glaubhaftigkeit gewinnen.

 

Gerade in jüngster Zeit begegneten wir wiederholt Falschmeldungen, welche scheinbar durch Bilder belegt wurden und bei denen erst durch nachträgliche Recherchen die Wahrheit ans Tageslicht kam, die Bilder also gelogen haben.

 

Bringen wir einige Beispiele. Vor einiger Zeit kursierte in den öffentlichen Medien ein Bild, welches die Bundeskanzlerin mit einem Flüchtling zeigte, wobei das Bild den Anschein erweckte, als stünde die Bundeskanzlerin in vertraulichem Gespräch mit diesem Fremden. Später erfuhr man dann, dass dieses Bild gefälscht war.

 

Vor einiger Zeit erfuhren wir weiterhin aus den öffentlichen Medien, dass die syrische Regierung – wiederum zum wiederholten Male – in ihrem Kampf gegen die Rebellen Giftgas eingesetzt habe und dass bei diesem Angriff viele unschuldige Privatpersonen, vor allem auch unschuldige Kinder verletzt wurden. Wiederum wurden diese Behauptungen mit Bildern über verletzte Kinder belegt.

 

Russland, die syrische Schutzmacht, suchte diese Behauptungen sofort zu widerlegen, russische Beobachter hätten diese Behauptung sofort an Ort und Stelle überprüft und festgestellt, dass von Syrien aus kein Giftgasangriff erfolgt sei.

 

Zunächst wurde behauptet, der Giftgasangriff sei von Gegnern des syrischen Regimes vorgenommen wurden und etwas später wurde dann von russischer Seite behauptet, es hätte überhaupt keinen Giftgasangriff gegeben, diese Bilder seien gestellt gewesen und zum Beweis dieser Behauptung wurden dann auch diese Behauptungen mit Bildern belegt.

 

Wir wollen in diesem Kapitel zeigen, wie ein solches Vorurteil entstehen kann, welcher Mittel sich diejenigen bedienen, welche solche ‚Fake News‘ verbreiten und wie solche falschen Nachrichten enttarnt werden können.

 

Es geht also hier in erster Linie um Informationen aus zweiter Hand. Die hier relevanten Informationen haben nicht diejenigen erfahren, welche sie verbreiten. Es entsteht hier nun die Frage, wie können die Adressaten dieser Informationen sicher sein, dass die nachgefragten Informationen auch der Wahrheit entsprechen.

 

Hierbei kann der Teil der Informationen fehlerhaft sein, der in Worten weitergegeben wird oder aber die Fehler liegen bei den Bildern, welche den in Worten ausgedrückten Informationen zur Bestätigung der Wahrheit beigefügt werden.

 

Prinzipiell kann hierbei eine Information einmal deshalb fehlerhaft sein, weil der Informant ein Interesse daran hat, falsche Informationen zu verbreiten, zum andern aber auch, weil er selbst die zu übermittelnden Ereignisse falsch wahr genommen hat und sich gar nicht darüber klar ist, dass es sich um eine Falschmeldung handelt.

 

 

2. Das Interesse an Fehlinformationen

 

Beginnen wir mit den Interessen des Informanten an einer falschen Information.

 

Prinzipiell haben wir davon auszugehen, dass die Interessenlage der Informanten sowie der zu Informierenden oftmals unterschiedlich ist, dass also Informationen, welche den zu Informierenden nützen, gleichzeitig demjenigen schaden, welcher die Information überbringt.

 

Nehmen wir als Beispiel die Aussage eines Zeugen vor Gericht. Er solle beispielsweise bezeugen, den Angeklagten bei der Tat gesehen zu haben. Wenn nun der Zeuge selbst der Täter ist, hat er natürlich unter Umständen ein massives Interesse daran, dass die Aufmerksamkeit von ihm selbst abgelenkt wird und dies geschieht am besten dadurch, dass er einen Anderen der Tat beschuldigt.

 

Bisweilen muss auch damit gerechnet werden, dass der Täter in der Lage ist, einen falschen Zeugen zu benennen. Hier liegt das Interesse des Zeugen daran, dass der wahre Täter ihn für seine Falschaussage belohnt oder vielleicht auch nur ihm androht, dass er dann, wenn er diesem Wunsch nicht entspricht, dem falschen Zeugen Schaden zufügt.

 

Nehmen wir als zweites Beispiel die Auseinandersetzungen der Parteien untereinander. Hier hat jeder Politiker ein Interesse daran, dass er vor der Öffentlichkeit besser dasteht als sein Konkurrent und es besteht hier stets die Gefahr, dass er durch bewusste Verbreitung von Fake News in diesem politischen Kampf punkten kann.

 

Als drittes Beispiel sei eine Unternehmung aufgeführt, welche eine Entscheidung getroffen hat, die zu Unregelmäßigkeiten geführt hat. Diese Unternehmung muss befürchten, dass dann, wenn diese Unregelmäßigkeiten bekannt werden, sich ihre Absatzchancen verringern, sie hat ein Interesse daran, dass diese Informationen geheim bleiben.

 

Umgekehrt haben die anderen Unternehmungen, welche in Konkurrenz zu dieser Unternehmung stehen, gerade ein Interesse daran, dass diese Unregelmäßigkeiten bekannt werden und dass sich dann die Verbraucher in Folge dieser Informationen vermehrt ihren eigenen Produkten zuwenden.

 

Als letztes Beispiel sei erwähnt, dass die Geheimdienste der einzelnen Staaten stets darum bemüht sind, ihre eigenen Positionen geheim zuhalten, gleichzeitig aber möglichst umfangreich über das Wirken der Geheimdienste feindlicher Nationen zu erfahren. In dieser Auseinandersetzung war es schon immer ein Vorteil, wenn es einem Geheimdienst gelang, durch Fake News die Geheimdienste anderer Länder zu täuschen.

 

 

3. Die Erkenntnisfähigkeit der Informanten

 

Wir möchten uns nun in einem weiteren Schritt der Frage zuwenden, inwieweit die Informanten auch stets die Begebenheiten, über die sie berichten, richtig erkannt haben. Auch hierbei haben wir zwischen zwei Fragen zu unterscheiden.

 

Wir müssen nämlich erstens damit rechnen, dass die Erkenntnisfähigkeit der einzelnen Menschen eingeschränkt sein kann. Zweitens müssen wir davon ausgehen, dass zwischen der Beobachtung bestimmter Ereignisse und der Berichterstattung eine längere Zeit verstreicht.

 

Und dies bedeutet, dass es für die Wahrheitsfindung nicht nur darauf ankommt, ob ein bestimmtes Ereignis im Zeitpunkt des Geschehens richtig erkannt wurde, sondern darüber hinaus, ob es in dem späteren Zeitpunkt der Weitergabe der Informationen auch immer richtig erinnert wird. Die menschlichen Fähigkeiten können in beiden Fällen eingeschränkt sein.

 

Wenden wir uns zunächst der Frage zu, wieweit und unter welchen Voraussetzungen denn die Erkenntnisfähigkeit bestimmter Ereignisse eingeschränkt sein kann. Wir haben hierbei davon auszugehen, dass von den einzelnen zu berichtenden Ereignissen eine Vielzahl von Informationen ausgehen, wobei das Ausmaß dieser Informationen bisweilen so enorm ist, dass der Informant gar nicht in der Lage ist, alle Informationen aufzunehmen, er muss also selektieren, gleichzeitig sind auch seine Wahrnehmungsorgane stets begrenzt. Hierbei entsteht die Frage, ob er auch genau die Merkmale erkennt, auf die es bei der Weitergabe der Informationen ankommt.

 

Nehmen wir als Beispiel wiederum eine Person, welche als Zeuge vor Gericht über ein bestimmtes Ereignis berichten soll. Auch dann, wenn dieser Zeuge bei der hier relevanten Tat zugegen war und deshalb die strafbare Tat beobachtet hat, ist keinesfalls sicher, dass er auch gerade die Merkmale zur Kenntnis genommen hat, auf die es bei der Beweisaufnahme ankommt.

 

Er hat z. B. das Fluchtauto, das die Bankräuber benutzt hatten, zwar gesehen, da er sich aber in der Vielzahl der unterschiedlichsten vorhandenen PKW’s  nicht auskennt, nimmt er unter unter Umständen auch gerade die Unterschiede zweier Kraftwagen, welche zur Diskussion stehen, gar nicht wahr.

 

Aber auch dann, wenn der Zeuge im Zeitpunkt der Tat die Merkmale, auf die es bei der Zeugenvernehmung ankommt, richtig erkannt hatte, es besteht zusätzlich die Gefahr, dass er sich bei der Zeugenvernehmung – lange nach dem zu berichtenden Ereignis –  nur fehlerhaft erinnert.

 

Hierbei müssen wir uns darüber klar werden, dass das menschliche Gehirn keineswegs ein vollständiges Abbild eines beobachtenden Ereignis ablegt. Auf der einen Seite werden die Wahrnehmungen zunächst im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert, wobei bereits hier eine gewisse Vorauswahl stattfindet.

 

Später, vor allem während der RAM-Phase des Schlafes, werden dann diese Ereignisspuren vom Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis übertragen. Auch hier findet auf der einen Seite eine Auswahl statt, nur solche Momente, welche als wichtig erkannt wurden, werden im Langzeitgedächtnis abgelegt. Auf der anderen Seite werden diese Spuren nicht an einer Stelle abgelegt, sondern auf verschiedene Areale des Langzeitgedächtnisses verteilt.

 

Dies bedeutet aber, dass bei der Erinnerung Gedächtnisarbeit geleistet werden muss. Verschiedene Teile eines Ereignisses müssen an unterschiedlichen Stellen abgerufen werden und fehlende Teile müssen ergänzt werden. Es besteht hier stets die Gefahr, dass das Bild, das jemand später erinnert, mehr oder weniger von dem tatsächlichen Ereignis abweicht.

 

Die fehlenden Puzzleteile werden nicht – und sie können dies auch nicht – danach eingefügt, was tatsächlich passiert war, sondern was dem Zeugen im Augenblick des Bezeugens plausibel erscheint, wobei vor allem auch Wunschvorstellungen mit einfließen.

 

Dies bedeutet aber auch, dass eine Zeugenaussage auch dann objektiv gesehen falsch sein kann, wenn der Zeuge selbst davon überzeugt ist, dass er die Geschehnisse wahrheitsgemäß berichtet.

 

 

4. Möglichkeiten der Täuschung durch Bilder

 

Wir wollen uns nun im weiteren Verlauf den Fällen etwas ausführlicher zuwenden, in denen auf der einen Seite keine Erkennungs- oder Erinnerungslücken vorliegen und auf der anderen Seite aber beim Informanten der feste Wille besteht, die zu Informierenden zu täuschen. Es soll also nun überprüft werden, welche Möglichkeiten der Täuschung gegeben sind, wenn die Täuschung dadurch erfolgen soll, dass das Bildmaterial bewusst gefälscht wird.

 

Wir können zwar auch davon ausgehen, dass der Täuschende auch in Worten Unwahres verbreiten kann. Allerdings können wir davon ausgehen, dass dann, wenn sich der Täuschende allein falscher Worte bedienen würde, der Täuschungserfolg insgesamt geringer wäre und nicht nur deshalb, weil bei Verwendung von Bildmaterial zusätzlich zu den falschen Worten eben nun Bildmaterial verwendet wird.

 

Im Mittelpunkt dieses Artikels soll ja davon ausgegangen werden, dass die zu zu Informierenden im Allgemeinen gegenüber Informationen, welche mit Hilfe von Worten verbreitet werden sollen, ohnehin skeptisch sind, sie wissen, dass gelogen wird und bringen deshalb den mitgeteilten Worten stets eine gewisse Skepsis mit, vor allem, auch schon deshalb, weil sie ja sich selbst ebenfalls im Alltagsleben sehr oft der Lüge bedienen.

 

Gleichzeitig wird davon ausgegangen, dass die zu Informierenden dem Bildmaterial instinktiv mehr vertrauen, eben, weil Bilder doch angeblich nicht lügen können, man hat die Vorstellung, dass man doch die zu berichtenden Informationen mit eigenen Augen sieht, dass man gerade deshalb auch in diesem Falle den Bildern eher Worten eher trauen kann. Aber wir werden zeigen, dass eben gerade diese Annahme falsch ist.

 

Und das Gefährliche an dieser Situation liegt eben gerade darin, dass die meisten Menschen Bildern instinktiv eher glauben als Worten und dass deshalb das an und für sich notwendige Misstrauen allen Informationen gegenüber gerade dann vernachlässigt wird, wenn die Informationen mit Bildmaterial belegt werden.

 

Fragen wir uns nun als Nächstes, auf welchem Wege denn Bildmaterial gefälscht werden kann.

 

Die Photographie, also die Möglichkeit, Ausschnitte aus der Wirklichkeit für die Dauer festzuhalten, hat eine lange Geschichte und stellt sicherlich eine Erfolgsgeschichte dar. Und in seiner ersten Phase der Verbreitung von Bildern kam es in erster Linie auf das Geschick des Photographen an.

 

Auf der einen Seite konnte der Photographierende nur das festhalten, was tatsächlich der Wirklichkeit entsprach. Aber mit viel Geschick konnte er durch den Winkel und die Stellung durchaus dazu beitragen, um ein mehr oder weniger gelungenes Bild anzufertigen. Auf jeden Fall war das Abbild in der ersten Phase der Photographie alles andere als eine vollständige Wiedergabe aller Facetten des abzubildenden Gegenstandes.

 

Es kam also in dieser Phase in erster Linie auf das Geschick des Photographierenden an und diese mehr oder weniger ausgebildete Fertigkeit entschied darüber, wieweit das Abbild die Wirklichkeit wiedergab.

 

Die technischen Möglichkeiten zur Entwicklung echt aussehender Bilder wurden jedoch mit der Zeit wesentlich verbessert, aber erst die Entwicklung des Computers machte es schließlich möglich, dass man einzelne Teile eines Bildes beeinflussen konnte, dass man im Grunde genommen jedes Bild mit etwas Geschick verfremden konnte.

 

Aber immerhin bedurfte es zunächst einer besonderen Begabung, um mit einem Bild glaubhaft Veränderungen gegenüber der Wirklichkeit vorzutäuschen. Vor allem Fachleute konnten lange Zeit auf diese Weise nicht getäuscht werden.

 

In der Weiterentwicklung der Techniken des Photographierens und in der Bearbeitung der Bilder im Rahmen von Computerprogrammen wurden die anfänglichen Schwierigkeiten, die einzelnen Pixel eines Bildes so zu verändern, dass das fertige retouchierte Bild wie echt aussah, immer mehr überwunden, die eigentliche Kunst der Fälschung wurde immer mehr dem Computerprogramm übertragen und wurde auf diese Weise immer vollkommener. Vor allem konnten nun immer mehr gelungene Bilder auch von Personen mit Hilfe solcher Programme angefertigt werden, welche keinerlei Ausbildung im Photographieren hatten. Die Möglichkeiten der Fake News war geboren.

 

Das Gefährliche an diesen Fake News besteht nun darin, dass Bilder und damit auch die Nachrichten so verfälscht werden können, dass diese Fälschungen auf den ersten Blick nicht erkannt werden und dass sie darüber hinaus so kurzfristig vor den Wahlen veröffentlicht werden, dass die angegriffenen Politiker keine Zeit haben, diese Nachrichten zu widerlegen, auch dann nicht, wenn diese Nachrichten überhaupt nicht der Wahrheit entsprechen. Die zahlreichen sozialen Netzwerke tragen dann zusätzlich dazu bei, dass sich diese Falschmeldungen in Windeseile in der ganzen Bundesrepublik (in der ganzen  Welt) verbreiten.

 

Trotzdem liegt es in letzter Linie am Wähler, welchen Einfluss diese Fake News gewinnen, der Wähler ist in den demokratischen Rechtsstaaten in seiner Wahlentscheidung vollkommen frei. Es liegt an ihm, ob er sich von diesen Falschmeldungen beeinflussen lässt oder nicht.

 

Natürlich liegt es in der Natur von Falschmeldungen, dass vor allem Laien – und dies sind fast alle Wähler in dieser Frage – nicht einwandfrei feststellen können, wie weit diese Nachrichten der Wahrheit entsprechen oder eben Fake News darstellen. Trotzdem gibt es sehr wohl gewisse Anhaltspunkte, welche dann, wenn sie vorliegen, dafür sprechen, dass es sich um gezielte Falschmeldungen handelt.

 

5. Möglichkeiten der Abwehr

 

Ich möchte im folgenden diejenigen Merkmale hervorheben, welche es wahrscheinlich erscheinen lassen, dass es sich um Falschmeldungen handelt.

 

 

Erstens: der Zeitpunkt der Veröffentlichung.

 

Wie bereits erwähnt, versuchen die Verbreiter dieser Nachrichten dadurch Einfluss zu gewinnen, dass sie diese Nachrichten erst kurz vor der Wahl veröffentlichen, mit der Absicht, dass der angegriffene Politiker gar nicht die Zeit hat, diese Falschmeldungen zu widerlegen.

 

Da diese Nachrichten  nicht etwa in den offiziellen Nachrichten der öffentlichen Medien, sondern in den sozialen Netzwerken kund getan werden, haben sich oftmals die Nachrichten schon millionenfach verbreitet, bevor der angegriffene Politiker überhaupt von dieser Nachricht Kenntnis erhalten hat.

 

Die Hauptaufgabe der Politiker, welche sich zur Wahl stellen, besteht darin, bei den Wählern ihre Vorstellungen zu erläutern, sie haben einfach nicht die Zeit, die Vielzahl von sozialen Netzwerken und gehässigen und beleidigenden Kommentare einzelner Nutzer dieser Medien, alle restlos zu verfolgen.

 

In aller Regel handelt es sich bei diesen Fake News um Ereignisse, welche lange vor ihrer Veröffentlichung eingetreten sein sollen. Dass diese Nachrichten erst einmal in der Schublade verschwanden und erst kurz vor den Wahlen veröffentlicht werden, hängt natürlich damit zusammen, dass der angegriffene Politiker diese Falschmeldungen zumeist widerlegen könnte, wenn er hierzu nur genügend Zeit hätte.

 

Es gibt keinen plausiblen Grund, Nachrichten zurückzuhalten und deshalb sollte es eigentlich für einen verantwortungsvollen Wähler selbstverständlich sein, diese Meldungen bei seinen Wahlentscheidungen nicht zu berücksichtigen. Je größer der Abstand zwischen dem behaupteten Ereignis und seiner Veröffentlichung ist, um so wahrscheinlicher ist es, dass es sich in Wirklichkeit um eine Falschmeldung handelt.

 

 

Zweitens: das verwendete Bildmaterial

 

Dass in der Politik oftmals gelogen wird, hat sich ja wohl schon lange herumgesprochen. Und dass man mit Worten fast alles belegen kann, ist auch bekannt. Es besteht jedoch nach wie vor eine weitverbreitete Auffassung, dass das, was man mit eigenen Augen sieht, wie selbstverständlich wahr sein muss.

 

Und gerade diese Überzeugung machen sich diejenigen zu Nutze, welche Fake News erzeugen und verbreiten. Sie verwenden Bilder, fälschen diese und hoffen darauf, dass sie auf diese Weise ihren Lügen Glaubhaftigkeit verleihen können.

 

In Wirklichkeit ist der Wahrheitsgehalt in keinster Weise bei Bildmaterial größer als beim gesprochenen oder geschriebenen Wort. Im Rahmen der Psychologie konnte schon sehr früh gezeigt werden, dass es auf den Blickwinkel ankommt, was erkannt wird, dass es Sinnestäuschungen gibt, welche Gegenstände anders erscheinen lassen, als sie tatsächlich sind.

 

Vor allem aber lassen sich Bilder beliebig retuschieren, es können Teile eines Bildes  weg retuschiert werden genauso wie man auch Gegenstände aus anderen Bildern so einfügen kann, dass diese Veränderungen für den Laien kaum erkannt werden können.

 

Trotzdem gibt es auch hier Möglichkeiten, den Wahrheitsgehalt eines Bildes zu überprüfen. Wenn nämlich die Produzenten dieser Bilder auf Bildmaterial zurückgreifen würden, das in den Medien bereits veröffentlicht wurde, könnte ja bei einem Vergleich mit dem Urmaterial die Fälschung relativ leicht festgestellt und entlarvt werden.

 

Zwar wäre sicherlich der einzelne Wähler auch in dieser Aufgabe überfordert, ihm sind weder alle Bildquellen bekannt, auch sind die Fälschungen oftmals so perfekt, dass ein Laie diese kaum erkennen kann. Wohl aber kann davon ausgegangen werden, dass den öffentlichen Medien dieser Zugang offensteht und dass diese auch über spezialisierte Fachkräfte verfügen, welche den Wahrheitsgehalt überprüfen können. Und der Wähler würde dann in den Medien von der Fälschung erfahren.

 

Gerade aufgrund dieser Enttarnungsmöglichkeiten greifen die Produzenten von Fake News gern auf bisher gar nicht oder in der lang zurückliegender Vergangenheit veröffentlichte Bilder zurück und genau dieser Tatbestand lässt dann darauf schließen, dass die veröffentlichten Bilder mit hoher Wahrscheinlichkeit gefälscht sind. Denn wenn es sich um ungefälschte Nachrichten gehandelt hätte, hätte ja gerade die Bezugnahme auf bereits veröffentlichtes und jederzeit einsehbares Bildmaterial die Glaubwürdigkeit der Anschuldigung erhöht.

 

 

Drittens: Verwendung von Teilwahrheiten

 

‚Lügen haben kurze Beine‘ sagt der Volksmund und in dieser Volksmeinung liegt viel Wahrheit. Ist nämlich eine Nachricht von A bis Z erlogen, so findet sich sehr schnell eine Schwachstelle, die eindeutig widerlegt werden kann. Ist aber eine Teilaussage einer Information als eindeutig falsch entlarvt, wird die gesamte Aussage fragwürdig.

 

Es steht dann die Vermutung im Raum, dass auch die anderen Teilaussagen vermutlich falsch sind und es häufen sich die Versuche, die gesamte Aussage als falsch zu erweisen. Um noch einmal die Sprichwörter zu bemühen: ‚Wer einmal lügt dem glaubt man nicht, auch wenn er die Wahrheit spricht‘.

 

Gerade diesen Zusammenhang machen sich die Verbreiter von Fake News zunutze und stützen ihre Anschuldigungen auf eine Teilwahrheit. Die Aussage als solche kann gerade deshalb auch nicht widerlegt werden, sie ist ja annahmegemäß wahr.

 

Nun zeichnen sich nahezu alle politischen Aktivitäten dadurch aus, dass sie eine Vielzahl von Wirkungen auslösen und eine Maßnahme ist nur dann positiv zu beurteilen, wenn die positiven Wirkungen die negativen überwiegen.

 

Nun liegt ein Teil der möglichen Wirkungen auf der Hand und sind für jeden Betrachter offenkundig, andere Wirkungen sind wegen der komplizierten Zusammenhänge sehr viel schwerer zu erkennen. Wer nun Fake News verbreiten möchte, wird bestimmte negativ bewertete Fakten, welche unmittelbar einsichtig sind, benennen, aber andere durchaus positiv zu bewertende Einzelheiten, welche aber wegen der Komplexität unserer Gesellschaft für den Laien nur schwer verstehbar sind, verschweigen.

 

Die Fake News werden auf diese Weise schwer angreifbar. Gerade weil ja die Aussage als solche wahr ist, kann der angegriffene Politiker diese Aussage auch nicht widerlegen. Mag er noch so sehr andere Argumente anführen, die seine ‚Tat‘ in ein positives Licht bringen könnten, aber von Laien nicht verstanden werden, der Informant dieser Fake News kann immer daraufhinweisen, dass seine Behauptung nicht widerlegt wurde. Und er bleibt gerade deshalb in der Öffentlichkeit glaubhaft, obwohl unter Berücksichtigung aller Umstände die gleiche, angegriffene Handlung unter Umständen sogar positiv beurteilt werden müsste.

 

Auch hier wiederum wird man folgern können, dass sich derjenige, welcher seine Anschuldigungen nur auf Teilhandlungen bezieht und sich weigert, alle Aspekte einer Handlung einer  Bewertung zu unterziehen, gerade deshalb verdächtig macht und dass seine Behauptungen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem falschen Urteil verleiten.

 

 

Viertens: aus dem Zusammenhang gerissene Zitate

 

Ein besonderer Fall von Teilwahrheiten liegt vor, wenn ein Zitat so aus dem Zusammenhang gerissen wird, dass der eigentliche Sinn der Aussage in sein Gegenteil gekehrt wird. Der wohl berühmteste Fall einer solchen Vorgehensweise liegt in der Emser Depesche vor.

 

Zur Erinnerung:  Im Jahre 1868 war der spanische Thron verwaist, da die bisherige Königin Isabella vertrieben wurde. Die Spanier bemühten sich um eine Kandidatur des Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen. Der französische Kaiser Napoleon III. setzte sich bei dem preußischen König Wilhelm I. dafür ein, mit aller Gewalt diese Thronfolge zu verhindern, er drohte auch mit Krieg, falls es dazu komme, da er befürchtete, dass Frankreich in diesem Falle von einer Allianz zwischen Spanien, Österreich und Preußen eingekreist werde.

 

Es fanden mehrere Gespräche zwischen dem französischen Botschafter und dem deutschen Kaiser statt, in denen Frankreich darauf drang, dass sich der preußische König öffentlich festlegte, eine solche Kandidatur nicht zu dulden. Auch nachdem der Prinz Leopold auf eine Kandidatur verzichtet hatte, bestand Frankreich nach wie vor auf eine formelle Ablehnung einer Kandidatur des Prinzen Leopold auch für alle Zukunft.

 

König Wilhelm I. lehnte dieses Ansinnen ab, da es seiner Meinung nach einer Demütigung Preußens gleich käme. Nach seinem letzten Gespräch in dieser Sache mit dem französischen Botschafter Graf Benedetti in Bad Ems, ließ der König Bismarck eine Depesche zukommen, in der er mitteilen ließ, dass er es gegenüber Graf Benedetti abgelehnt habe, sich für alle Zeiten in dieser Frage festzulegen, im übrigen hätte er darauf hingewiesen, dass er noch einen ausführlichen Bericht seitens Bismarck erwarte und dass er deshalb ohnehin noch nichts Endgültiges sagen könne.

 

In einem weiteren Absatz erwähnt die Depesche, dass er (der König) in der Zwischenzeit den Bericht Bismarcks erhalten habe und dass er durch einen Adjutanten dem französischen Botschafter sagen ließ, dass er diese Nachricht nun erhalten habe, dass sich aber seine ablehnende Haltung seit dem letzten Gespräch mit dem französischen Gesandten nicht verändert habe und dass sich deshalb ein weiteres Gespräch erübrige. Die Depesche endet mit dem Hinweis, dass der König Bismarck anheimstelle, den Inhalt dieser Depesche der Presse mitzuteilen.

 

Bismarck ließ nun diese Emser Depesche in einer etwas verkürzten Form veröffentlichen. Es wird darin festgehalten, dass der französische Gesandte auch nach dem offiziellen Rücktritt des Prinzen Leopold von einer Kandidatur auf den spanischen Thron den preußischen König Wilhelm I. aufgefordert habe, für alle Zeiten sich gegen eine Kandidatur von Leopold auszusprechen. Es folgt dann unmittelbar der Satz, der König habe es hierauf abgelehnt, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, dass Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter zu sagen habe.

 

In dieser Form musste die Verlautbarung des preußischen Königs wie ein Affront gegenüber Frankreich erscheinen, vor allem auch deshalb, weil das französische Büro bei der Übersetzung dieser Depesche ins Französische nicht von einem Adjutanten, sondern von einem Unteroffizier sprach.

 

König Wilhelm hatte jedoch in keiner Weise die Absicht, den französischen Kaiser vor den Kopf zu stoßen und zu beleidigen, er wollte nur zum Ausdruck bringen, dass er eben nicht dem Wunsch des französischen Kaisers in der Sache folgen könne und dass sich seine Meinung in dieser Frage seit der letzten Unterredung mit dem französischen Botschafter nicht verändert habe und dass sich aus diesen Gründen ein weiteres Treffen erübrige.

 

Soweit zur Emser Depesche als Beispiel dafür, dass auch wörtliche Zitate etwas verkürzt den Sinn einer Aussage in ihr Gegenteil kehren können.

 

 

Fünftens: ‚Wo Rauch, da Feuer ?‘

 

Die Produzenten von Fake News machen sich darüber hinaus die Volksmeinung zu Nutze, nach der überall dort, wo Rauch sichtbar sei, auch ein Feuer sein müsse. Auch dann, wenn sich der größte Teil der Fake News mit der Zeit als falsch erweise, führten sie trotzdem zu einer Beeinträchtigung der angegriffenen Politiker, da sich eben in der Wählerschaft die Meinung festsetze, dass auch dann, wenn sich die meisten Fake News als falsch herausstellten, trotzdem die Politiker ‚Dreck am Stecken‘ haben müssten. 

 

Und dieser Eindruck wird dadurch noch verstärkt, da aufgrund der sozialen Netzwerke Tausende diese Falschmeldung verbreiten und den Eindruck erwecken, dass hier diese Behauptungen von vielen unabhängig voneinander verbreitet werden. Tausende können doch – so wird gefolgert – nicht irren.

 

Aber genau dieser Eindruck entbehrt jeder Berechtigung. Ganz abgesehen davon, dass ja auch das Bild vom Rauch, das ein Feuer hinterlässt, schon in Wirklichkeit falsch ist. Rauch kann, muss aber nicht von einem ausgetretenen Feuer herrühren, es gibt auch andere Quellen, welche Rauch erzeugen.

 

Und so gilt auch im übertragenen Sinne, dass überall dort, wo Fake News verwendet werden, überhaupt kein Grund vorliegen muss, dass an diesen falschen Behauptungen etwas wahr ist. Fake News sind immer Erfindungen und die Tatsache, dass solche falschen Informationen verbreitet werden, lässt in keinster Weise darauf schließen, dass in diesen Behauptungen auch nur ein Fünkchen Wahrheit liegt.

 

Und vor allem der Umstand, dass nun diese falschen Behauptungen an den unterschiedlichsten Stellen und von unterschiedlichsten, nicht mit einander zusammenhängenden Personen wiederholt werden, erhöht in keinster Weise den Wahrheitswert dieser Behauptungen. Es wird ja von diesen Benutzern der sozialen Netzwerke immer nur das wiederholt, was als erste Information ins Netz gestellt wurde. Und wenn die erste Quelle falsch war, dann ist notwendiger Weise auch jede Wiederholung dieser Meinung genauso falsch wie die erste Aussage.

 

 

Sechstens: ‚in dubio pro reo‘

 

Wir leben in einem Rechtsstaat und zu den ehernen Grundsätzen eines Rechtsstaates gehört die Regel, dass ein Angeklagter erst dann als schuldig angesehen werden darf, wenn er von einem ordentlichen Gericht rechtskräftig verurteilt wurde und ein Gericht darf einen Angeklagten nur dann verurteilen, wenn dieser der Tat eindeutig überführt wurde. Gelingt dieser Nachweis nicht, so ist der Verurteilte mangels Beweisen frei zu sprechen: Im Zweifel ist also zugunsten des Angeklagten zu entscheiden.

 

Warum sollen wir einen Politiker, welcher für die Gemeinschaft tätig werden will, schlechter behandeln als einen normalen Gesetzesbrecher? Auch dann, wenn die Möglichkeit besteht, dass die in den Fake News geäußerten Vorhaltungen der Wahrheit entsprechen und wenn es sich um Aktivitäten handelt, welche einen Verstoß gegen unsere Gesetze und Verordnungen darstellen, noch kein Gericht hat diese Frage sine ira et studio (also voreingenommen) geprüft und den Beschuldigten für schuldig befunden.

 

Selbst dann, wenn diese Frage bisher nicht eindeutig geklärt werden konnte und es deshalb auch nicht einwandfrei feststeht, dass die Anschuldigungen falsch sind, warum weichen wir hier von einem Grundsatz ab, der sogar gegenüber Verbrechern eingehalten wird?

 

 

Siebtens: Nicht das Motiv, sondern allein die tatsächlichen Wirkungen sind von Bedeutung.

 

Die Fake News beziehen sich in aller Regel auf angebliche moralische Verfehlungen der betroffenen Politiker. Es wird der Eindruck erweckt, als käme es in der Politik allein auf die moralische Qualität der einzelnen Politiker an.

 

Vielleicht kam es im Mittelalter allein auf die Integrität der Politiker an, es wurde nach der Maxime gehandelt, wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den hierfür notwendigen Verstand.

 

Dieser Leitspruch lässt sich in unserer modernen, hoch komplexen Gesellschaft schon lange nicht mehr realisieren. Viel zu schwierig sind die anstehenden Aufgaben. Es reicht nun nicht mehr aus, hehre Ziele zu verfolgen, als erfolgreich kann nur derjenige Politiker gelten, der neben den selbstverständlich nach wie vor integeren Zielen auch die Maßnahmen kennt und durchsetzen kann, welche zur Verwirklichung dieser Ziele notwendig sind.

 

Ein Politiker mag noch so hehre Ziele verfolgen, wenn er nicht die Fähigkeit aufweist, diese Ziele auch politisch umzusetzen, trägt er trotzdem nicht zur Wohlfahrtssteigerung der Bevölkerung bei, genauso, wie ein Politiker, welchem im privaten Bereich vielleicht einige moralische Verfehlungen unterlaufen, aber dann trotzdem Maßnahmen beschließt, welche anstehende Probleme einer Lösung zuführen, letztendlich dennoch zur Wohlfahrtssteigerung der Bevölkerung beigetragen hat.

 

Vor allem ist für die Wohlfahrt einer Bevölkerung nicht das Motiv verantwortlich, das den Politiker veranlasst hat, bestimmte Maßnahmen durchzuführen. Allein hat nur zu zählen, ob die in Angriff genommenen Maßnahmen auch wirklich geeignet sind, die anstehenden Probleme zu lösen. Und eine Lösung der anstehenden Probleme kann nur dann erwartet werden, wenn die Ursachen der Fehlentwicklungen richtig erkannt werden und hierzu ist es unerlässlich, dass vor dem politischen Handeln eine umfassende Ursachenanalyse erfolgt.

 

Als Bismarck in seiner Eigenschaft als Reichskanzler in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts die gesetzliche Sozialversicherung einführte, ging es ihm in allererster Linie darum, die Machtposition der preußischen Krone zu stärken und zwar dadurch, dass er auf der einen Seite die Gewerkschaften und sozialistischen Führer bekämpfte, aber gleichzeitig im Sinne einer Politik des Zuckerbrotes und der Peitsche den Arbeitnehmern eine Sicherheit bei Krankheit, Unfall und Alter brachte und damit die Arbeiterschaft ihren Führern entfremdete.

 

Trotz dieser im moralischen Sinne sehr zweifelhaften Motive brachte die Bismarcksche Sozialgesetzgebung trotzdem den Arbeitnehmern eine wesentliche Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage und in der Tat galt dieses Gesetzgebungswerk innerhalb Europa für mehrere Jahrzehnte als vorbildlich.

 

Maßnahmen, welche nur darin bestehen, die als wünschenswert angesehenen Zustände per Gesetz anzuordnen, führen in den wenigsten Fällen zu dem erhofften Ziel. Per Gesetz verordnete Lösungen schaffen fast immer einem Teil der Bürger Nachteile und in einer freien Gesellschaft ist fast immer damit zu rechnen, dass diese Gruppe von Bürgern auf diese Maßnahmen reagieren (das braucht keineswegs darin bestehen, dass zu sittenwidrigen Handlungen Zuflucht genommen wird. Auch bei durchaus legalem Ausweichen werden oftmals die beabsichtigten Zustände verhindert).

 

Diese Überlegungen zeigen, dass das Wohl der Bürger weniger von den Motiven als davon bestimmt wird, welche Wirkungen von den eingeleiteten Maßnahmen ausgehen. Deshalb sollten die Wähler auch weniger nach den Motiven fragen, welche die Politiker dazu geführt haben, politisch zu agieren, sondern ihre Entscheidungen allein davon abhängig machen, wie sich ihre eigene Wohlfahrt aufgrund der bereits durchgeführten oder den versprochenen Maßnahmen verändert.

 

Würde jeder Wähler nach diesem Prinzip handeln, dann würde eine Regierung genau dann abgewählt, wenn sie durch ihre Maßnahmen der Mehrheit der Wähler Schaden zugefügt hat. Und gerade in einer solchen Wirkung liegt der Sinn jeder Wahl, welche in einer repräsentativen Demokratie durchgeführt wird.

 

Auch gilt es zu bedenken, dass die wahren Motive eines Politikers nie endgültig offengelegt werden können. Es sind immer nur Vermutungen, welche von den Gegnern geäußert werden und ob ein Politiker seine wahren Motive offengelegt hat, kann  niemals mit Sicherheit festgestellt werden.

 

Es ist dies aber auch nicht notwendig, weil es nie auf das Motiv ankommt, ob ein Politiker dem Volke nützt oder schadet. Nutzen und Schaden der Bevölkerung hängen immer von den tatsächlich eingeleiteten Maßnahmen ab.

 

 

Achtens: Und wenn die Anschuldigungen doch stimmen?

 

Bei unseren bisherigen Überlegungen gingen wir stets davon aus, dass die von außen eindringende Flut von Angriffen gegen die Politiker mit hoher Wahrscheinlichkeit falsche Nachrichten darstellen, die den einzigen Zweck verfolgen, die Wahlen zu stören. Wir konnten nie mit Sicherheit davon ausgehen, dass jede einzelne Information falsch ist, wir müssen also durchaus mit der Möglichkeit rechnen, dass die eine oder andere Information dennoch  der Wahrheit entspricht.

 

Hier entsteht die Frage, wie groß denn der Schaden ist, wenn die Wähler auch auf Informationen nicht reagieren, welche der Wahrheit entsprechen? Wäre es vielleicht nicht doch für das Allgemeinwohl besser, wenn nur solche Politiker gewählt werden, bei denen kein Verdacht auf amoralisches Verhalten geäußert wurde, unabhängig davon, ob dieser Verdacht tatsächlich zutrifft?

 

Diese Frage kann eindeutig verneint werden. Wir leben in einem Rechtsstaat, in dem dem Grundsatz nach alle bekannt gewordenen Gesetzesübertretungen strafrechtlich verfolgt werden. Nehmen wir also an, dass ein Politiker deshalb gewählt worden sei, weil die Wähler die in der Öffentlichkeit aufgetauchten verbalen Angriffe – wie hier empfohlen – nicht berücksichtigt hätten.

 

Wir können davon ausgehen, dass immer dann, wenn sich diese Vermutungen auf Gesetzesübertretungen im Nachhinein bestätigt haben, eine Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren einleiten würde. In der Bundesrepublik gilt das Prinzip der Gewaltenteilung, die Gerichte entscheiden unabhängig von den exekutiven und legislativen Organe.

 

Zwar besitzen Bundestagsabgeordnete Immunität, können also zunächst einmal strafrechtlich nicht verfolgt werden und dieser Grundsatz soll verhindern, dass die Regierung unliebsame Abgeordnete strafrechtlich verfolgt.

 

Trotzdem kann eine Staatsanwaltschaft jederzeit die Aufhebung der Immunität eines einzelnen Abgeordneten verlangen, wenn ein Verdacht auf eine strafbare Tat besteht. Und die Parlamente haben bisher einem solchen Antrag nahezu immer entsprochen. Da in der Bundesrepublik de facto jede Staatsanwaltschaft Klage erheben kann, ist auch die Gefahr fast ausgeschlossen, dass die Staatsanwaltschaften aus Kunkelei heraus auf eine Strafverfolgung verzichten.

 

Dies bedeutet aber, dass auch dann, wenn zu Unrecht bestimmte in der Öffentlichkeit geäußerte berechtigte Vorwürfe bei der Wahl unbeachtet blieben, trotzdem fest damit gerechnet werden kann, dass dieser Politiker zur Rechenschaft gezogen wird und eben dann auch sein politisches Mandat  niederlegen muss. Selbst in diesen wenigen Fällen entsteht also aus der Nichtberücksichtigung solcher Hinweise in aller Regel kein allgemeiner Schaden.

 

In diesem Falle gebietet es jedoch das Gebot der Fairness, dass bei der Wahlentscheidung nicht bestätigte Vorwürfe auch nicht berücksichtigt werden und somit die Wahlentscheidung auch nicht beeinflussen dürfen. Dem Gemeinwohl ist am ehesten entsprochen, wenn jeder Wähler seinen Kandidaten danach auswählt, wer seinen eigenen Zielvorstellungen am nächsten kommt und nicht danach, welche nicht bewiesenen Behauptungen von den Gegnern eines Politikers ohne Beweis aufgestellt wurden.