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Berühmte Irrtümer Teil II

 

 

Gliederung:

 

  1. Inflation Voraussetzung für Konjunkturbelebung?

  2. Macht Reichtum wirklich glücklich?

  3. Sicherheit durch Überwachung und korrektes Verhalten?

  4. Moralisches Handeln stets im Interesse jedes einzelnen?

  5. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand

  6. Lügen haben kurze Beine

  7. Abschreckungsstrategie verhindert Atomkrieg?

  8. Rationale Entscheidung stets besser als Intuition?

  9. Bilder lügen nicht

10. Wo Rauch, da Feuer

11. Angriff ist die beste Verteidigung

12. Recht auf Waffe erhöht die Sicherheit

 

Kapitel 8: Rationale Entscheidung stets besser als Intuition?

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Was heißt rational handeln?

3. Was heißt intuitiv handeln?

4. Regelgebundenes versus fallweises Handeln

5. Markt versus staatlicher Plan

6. Die Kosten rationalen Handelns

7. Rationales Handeln und Evolution

 

 

1. Das Problem

 

Im Allgemeinen gehen wir in der Wissenschaft davon aus, dass rationales Handeln einem Handeln, das lediglich der Intuition des Handeln folgt, eindeutig überlegen ist. Eine Politik, welche lediglich im Sinne einer Gesinnungsethik die als unerwünscht angesehenen Zustände zu verbieten versucht, wird in der Regel von Seiten der Wissenschaft als falsch und unangemessen kritisiert.

 

Einer solchen Politik wird der Vorwurf gemacht, dass man nur dann in der Politik Erfolg haben kann, wenn man vor der Durchführung der politischen Maßnahmen in einem ersten Schritt nach den Ursachen eines unerwünschten Zustandes fragt, um dann in einem zweiten Schritt die Frage zu beantworten versucht, mit welchen Maßnahmen diese Ursachen beseitigt oder zumindest verringert werden können.

 

Man geht weiterhin davon aus, dass man nach der Effizienz der so gefundenen Maßnahmen fragt, sowie sich der möglichen unerwünschten Nebenwirkungen bewusst wird und erst in einem dritten Schritt diese unterschiedlichen Wirkungen bewertet und sich auf diese Weise für diejenige Maßnahme entscheidet, welche unter den möglichen Maßnahmen die höchstmögliche Effizienz sowie ein Minimum an negativen Sekundärwirkungen aufweist. Max Weber hat hierfür den Begriff der Verantwortungsethik geprägt.

 

Vor allem in den heutigen komplexen Gesellschaftssystemen reiche eine Gesinnungsethik nicht mehr aus. Auf der einen Seite seien aufgrund einer wechselseitigen Verflechtung der einzelnen Institutionen die anstehenden Probleme so komplex geworden, dass der gesunde Menschenverstand nicht mehr ausreiche, um die anstehenden Probleme sachgerecht zu meistern. Hierzu bedürfe es stets des Sachverstandes.

 

Auf der anderen Seite würden sich heutzutage im Vergleich zur altertümlichen und mittelalterlichen Zeit die äußeren Rahmenbedingungen so schnell verändern, dass Lösungen, welche in der Vergangenheit erfolgreich angewandt worden waren, keinesfalls auch die Gewähr dafür abgeben würden, dass sie auch heute noch mit Erfolg angewandt werden können.

 

Trotz dieses eindeutigen Urteils seitens der Wissenschaft begegnen wir im Alltag immer wieder Menschen, welche sich auf ihr Bauchgefühl verlassen und der Überzeugung sind, dass sie auf diese Weise zu weitaus besseren erfolgreicheren Handlungen gelangen als dann, wenn sie rational im oben genannten Sinne vorgehen würden. Es ist im Einzelfall schwer eindeutig festzustellen, ob solche intuitiv gefassten Beschlüsse objektiv betrachtet tatsächlich rationalen Handlungen überlegen sind, trotzdem bleibt diese Gruppe von Menschen bei ihrer Überzeugung, dass Intuition insgesamt bessere Ergebnisse liefere als rational gefällte Handlungen.

 

Im Alltagsleben gibt es weiterhin Situationen, bei denen ein rationales Vorgehen gar nicht möglich ist und trotzdem in aller Regel gute Ergebnisse erwartet werden können. Wenn z. B. in einem Handballspiel die Spieler dem Ball nachlaufen und ihn dann auch erreichen, so käme ein rationales Vorgehen in dem Sinne, wie wir gerade rationales Handeln umschrieben haben, auf keinem Fall zum erwünschten Ergebnis.

 

Denn in diesem Falle müssten die Spieler einhalten und die Kurve, welche der Ball zurücklegt, zunächst einmal berechnen und ausrechnen, an welchem Ort und zu welcher Zeit sie den Ball fangen können. Dies würde jedoch so komplizierte Berechnungen voraussetzen, dass die dann einsetzenden Handlungen auf jeden Fall zu spät erfolgen würden.

 

Obwohl also das korrekte Verhalten im Handballspiel von den einzelnen Spielern gar nicht durchgeführt werden kann, erreichen gute Spieler trotzdem fast immer den Ball und damit ihr Ziel. Wie ist dies möglich? Denn, wenn eine rationale Entscheidung gar nicht möglich ist, müsste man eigentlich vermuten, dass der Ball bisweilen nur rein zufällig getroffen wird, dass in der Mehrzahl der Fälle die Spieler den Ball verfehlen. Dies ist jedoch ganz eindeutig, zumindest bei einigermaßen guten Spielern, nicht der Fall.

 

Eine wissenschaftlich durchgeführte Analyse des tatsächlichen Verhaltens einigermaßen guter Spieler hat gezeigt, dass in aller Regel die Spieler bei einem Handballspiel eine einfache Regel befolgen und auf diese Weise im Allgemeinen auch ihr Ziel erreichen.

 

Sie verfolgen mit ihren Augen den Verlauf des Balles, korrigieren ihr Verhalten auf diese Weise immer wieder von Neuem und erreichen auf diese einfache Weise den Ball. Wenn man will, könnte man hier von einer Art intuitivem Verhalten sprechen. Und das Ergebnis dieses intuitiven Verhaltens ist auf jeden Fall eindeutig besser, als wenn die Spieler immer zuerst den Versuch unternehmen würden, den genauen Verlauf des Balles exakt zu berechnen.

 

Dieses Beispiel macht klar, dass offensichtlich nicht in jedem Fall rationales Verhalten intuitiver Tätigkeit überlegen ist. Allerdings bedeutet dies keineswegs, dass nun rationales Verhalten stets zum Misserfolg führt und dass es stets besser wäre, wenn man intuitiv vorgehen würde.

 

Ganz im Gegenteil dürfte die Erfahrung lehren, dass in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle nach wie vor rationales Handeln intuitiver Eingebung überlegen ist, dass diese Überlegenheit eben nur nicht in jedem Einzelfall gegeben ist.

 

Und dies hinwiederum macht es notwendig, sich darüber klar zu werden, von welchen Umständen es denn abhängt, ob rationales Handlen oder ein Handeln nach Intuition zu den besseren Ergebnissen führt.

 

 

2. Was heißt rational handeln?

 

Beginnen wir unsere Analyse damit, dass wir uns darüber klar werden, wann wir von einer rationalen und wann von einer intuitiven Handlung sprechen. Ein rationales Handeln setzt stets voraus, dass wir uns in einem ersten Schritt darüber klar werden, welches Ziel wir verfolgen und uns also – negativ ausgedrückt – nicht einfach von unseren Trieben und Instinkten leiten lassen.

 

Allerdings reicht es nicht aus, wenn Jemand bestimmte Ziele verfolgt, um bereits von einem rationalen Handeln zu sprechen. Ein rationales Handeln liegt nur dann vor, wenn in einem zweiten Schritt die Frage geklärt wird, auf welchem Wege denn das gesetzte Ziel am besten erreicht werden kann.

 

Wenn wir uns also z. B. das Ziel setzen, einen als unerwünschten Zustand zu beenden, müssen wir uns – wollen wir uns rational verhalten – in einem zweiten Schritt über die Ursachen dieses unerwünschten Zustandes klar werden, denn nur dann können wir auf eine Besserung hoffen, wenn wir die eigentlichen Ursachen eines unerwünschten Zustandes beseitigen oder zumindest verringern.

 

Oftmals gibt es mehrere Wege, um eine bestimmte Ursache abzustellen, die einzelnen Wege versprechen jedoch in aller Regel in unterschiedlichem Maße eine Besserung. Auch müssen wir damit rechnen, dass in vielen Fällen zwar der unerwünschte Zustand beseitigt werden kann, dass aber gleichzeitig andere Ziele beeinträchtigt werden.

 

Es bedarf in diesen Fällen eines Abwägens der unterschiedlichen Vor- und Nachteile einer Maßnahme. Und erst dann, wenn wir uns darüber klar geworden sind, welche der möglichen Maßnahmen die bestmögliche Bewertung erhalten hat, darf der Einzelne zur Tat schreiten, will man von einem rationalen Handeln sprechen. Bevor man also zu handeln beginnt, muss stets die Vernunft eingesetzt werden, um von Rationalität sprechen zu können.

 

 

3. Was heißt intuitiv handeln?

 

Fragen wir uns nun in einem nächsten Schritt, wann wir denn von intuitivem Handeln sprechen. Ähnlich wie bei einem rationalen Handeln beginnt die Handlung auch hier durchaus damit, dass sich der Handelnde seiner Ziele bewusst wird.

 

Negativ ausgedrückt würden wir nicht von intuitivem Handeln sprechen, wenn Jemand planlos ohne jede Zielsetzung in den Tag hinein leben würde und sich nur von seinen Instinkten leiten lassen würde. Hier könnte man überhaupt nicht von Handeln sprechen.

 

Im Gegensatz zum rationalen Handeln folgt jedoch auf die Zielsetzung nicht der zweite Schritt, also dass man sich darüber Gedanken macht, auf welchem Wege dieses Ziel vernünftiger Weise am besten erreicht werden kann. Vielleicht findet sogar ein solches Räsonieren statt, dies hat jedoch nun nicht zur Folge, dass man aufgrund des Ergebnisses dieser Überlegungen die nächsten Schritte plant und diese an diesen Ergebnissen ausrichtet. Man handelt nun trotz besserem Wissen nach dem Bauchgefühl.

 

Ein solches Handeln liegt z. B. typischer Weise dann vor, wenn ein ermittelnder Polizeibeamter zwar keine stichhaltigen Beweise für die Schuld des Beschuldigten nachweisen kann, weder hat der Beschuldigte seine Schuld eingestanden, noch konnte nachgewiesen werden, dass der Beschuldigte tatsächlich bei der Tat zugegen war, aus einem Bauchgefühl heraus ist der ermittelnde Beamte trotzdem fest von der Schuld des Angeklagten überzeugt und versucht nun dadurch, dass er den Beschuldigten in die Enge treibt, einen Zusammenbruch und ein Geständnis des Beschuldigten mit aller Gewalt zu erreichen.

 

Ein solches Verhalten entspricht nicht mehr den Grundsätzen eines Rechtsstaates, schließlich gilt in einem Rechtsstaat der Angeklagte solange als unschuldig, als die Tat nicht einwandfrei nachgewiesen ist und ist deshalb auch mit dem erforderlichen Respekt zu behandeln. Trotzdem ist es unbestritten, dass ein solches Bauchgefühl in vielen (allerdings keinesfalls allen) Fällen schließlich zur Aufklärung des vorliegenden Falles geführt hat.

 

Ein solches intuitives Verhalten führt vor allem bisweilen dort zum Erfolg, wo die möglichen Folgen ganz bestimmter Maßnahmen mit einer hohen Unsicherheit verbunden sind. Man kann also aufgrund der bisherigen Erfahrungen davon ausgehen, dass in der Mehrzahl der Fälle eine bestimmte Maßnahme zu dem erwünschten Erfolg führt, aber trotzdem sehr häufig, vielleicht sogar in 40% der Fälle versagt.

 

Hier kann nie im Einzelfall mit Sicherheit mit dem Eintritt der prognostizierten Wirkungen gerechnet werden, man weiß nur, dass im Allgemeinen, also bei Berücksichtigung aller bisherigen Fälle, in der Mehrzahl das erhoffte Ereignis eingetreten ist.

 

Und gerade deshalb kann eine Maßnahme, welche noch so sehr in der Mehrzahl der Fälle in der Vergangenheit zum Erfolg geführt hat, trotzdem in dem vorliegenden Fall erfolglos bleiben. Und gerade in solchen Fällen mag eine intuitive Handlung sehr wohl zu einer höheren Erfolgsquote führen, als wenn nur entsprechend der rationalen Überlegungen vorgegangen worden wäre.

 

 

4. Regelgebundenes versus fallweises Handeln

 

Eng verwandt mit der Unterscheidung rationaler und intuitiver Handlungen ist die weitere Unterscheidung zwischen regelgebundenem und fallweisem Handeln. So wird vor allem in der Politik zwischen einem Handeln unterschieden, bei welcher die Entscheidung bei jedem einzelnen Fall getrennt gefällt wird, während beim regelgebundenen Handeln die anstehenden Probleme entsprechend einer allgemeingültigen Regel gelöst werden.

 

Obwohl eigentlich nur bei einer fallweisen Entscheidung die jeweils beste Alternative gewählt werden kann, bringt die regelgebundene Entscheidung trotzdem im vielen Fällen eindeutige Vorteile, sodass in der Politik folgerichtig auch sehr häufig zu  dem Weg einer regelgebundenen Lösung gegriffen wird.

 

Bringen wir ein Beispiel. In der Wirtschaftstheorie wird diese Frage unter dem Stichwort des ‚built in flexibility‘ diskutiert. Die Arbeitslosenversicherung sei ein solcher Fall einer regelgebundenen Lösung. Entsprechend der keynesianischen Beschäftigungstheorie ist es erwünscht, dass der Staat Arbeitslosigkeit dadurch bekämpft, dass er seine Ausgaben erhöht und diese zusätzlichen Staatsausgaben defizitär, also mit Krediten finanziert.

 

Durch die Einrichtung der Arbeitslosenversicherung würde bei einer Zunahme der Arbeitslosigkeit eine solche defizitär finanzierte Staatsausgabensteigerung eintreten. Steige nämlich die Arbeitslosigkeit an, so würde auf der einen Seite den Arbeitslosen ein Arbeitslosengeld gezahlt und damit die Ausgaben einer staatlichen Institution (der gesetzlichen Arbeitslosenversicherung) automatisch erhöht, ohne dass hierzu eine eigene neue und der Situation entsprechende Entscheidung seitens des Staates notwendig wäre. Vielmehr bestimmt ein staatliches Gesetz (über die Arbeitslosenversicherung), dass ein Arbeitsloser unter ganz bestimmten Bedingungen einen Anspruch auf ein Arbeitslosengeld hat.

 

Zwar zahlt die gesetzliche Arbeitslosenversicherung in der BRD diese Arbeitslosengelder in erster Linie aus den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung. Trotzdem ist die Wirkung die gleiche, wie wenn der Staat alle Arbeitslosengelder defizitär finanzieren würde. Da nämlich der Arbeitslose nun kein reguläres Lohneinkommen mehr bezieht, vermindert sich auch zur gleichen Zeit das Aufkommen aus der Einkommenssteuer. Und dies bedeutet, dass die Ausgaben des Staates (hier das Arbeitslosengeld) bei gleichzeitigem Rückgang des Steueraufkommens ansteigen.

 

Was spricht nun für ein solches ‚built in flexibility‘? Vor allem aus zwei Gründen ist eine solch regelgebundene Entscheidung einer fallweisen Entscheidung überlegen. Auf der einen Seite erfolgt eine regelgebundene Entscheidung im Allgemeinen sehr viel schneller als eine fallweise Entscheidung.

 

Die staatliche Behörde hat im Fall eines built in flexibility nur zu überprüfen, ob der Arbeitslose, welcher einen Antrag auf Gewährung von Arbeitslosengeld gestellt hat, auch die in der Regel (im Gesetz) genannten Voraussetzungen zum Bezug von Arbeitslosengeld aufweist. Bei einer fallweisen Entscheidung hätten zunächst die Voraussetzungen diskutiert werden müssen, unter denen diese Gelder gewährt werden müssen.

 

Und wenn diese Bestimmungen in einem Gesetz verankert werden müssen, so wäre sehr viel Zeit vergangen, bis dieses Gesetz vom Parlament (unter Umständen sowohl vom Bundestag wie auch vom Bundesrat) verabschiedet worden wäre.

 

Aber auch dann, wenn diese Regelung im Rahmen einer staatlichen Verordnung möglich gewesen wäre und keine parlamentarische Entscheidung notwendig gewesen wäre, so wäre dennoch sehr viel kostbare Zeit verstrichen, bis diese Entscheidung gefallen wäre, da ja mit jeder Ausgabenerhöhung zumeist mehrere Ziele tangiert werden, sodass im Allgemeinen um jede Bestimmung hart gerungen wird.

 

Es kommt noch hinzu, dass bei einer fallweisen Entscheidung jede Entscheidung unterschiedlich ausfallen kann (dies ist ja auch der Sinn und Vorteil einer fallweisen Entscheidung) und dies bedeutet zugleich, dass unter Umständen der durch das Grundgesetz geschützte Gleichheitsgrundsatz verletzt werden könnte.

 

Auf der anderen Seite hat eine regelgebundene Entscheidung den weiteren Vorteil, dass auf diese Weise zwar dringend notwendige, aber trotzdem äußerst unpopuläre Maßnahmen sehr viel leichter durchgeführt werden können.

 

Dieses Argument mag zwar nicht für die gesetzliche Arbeitslosenversicherung gelten. Nehmen wir jedoch den Fall einer drohenden Inflation. Eine Inflation ist in einer freien Marktwirtschaft immer dann zu befürchten, wenn die Güternachfrage das Angebot übersteigt. In einer Marktwirtschaft führen Nachfrageüberhänge stets zu Preissteigerungen, es sei denn, der Staat erzwingt per Gesetz den Verzicht auf Preissteigerungen.

 

Eine inflationäre Entwicklung könnte nun seitens des Staates dadurch bekämpft werden, dass er einen Teil der Steuereinnahmen nicht verausgabt, sondern stilllegt und auf diese Weise einen Budgetüberschuss ansteuert. Genauso nämlich, wie ein Budgetdefizit eine fehlende Güternachfrage erhöht, wird dann, wenn der Staat einen Budgetüberschuss erzielt, die gesamte Güternachfrage vermindert und mit ihr die Tendenz zu Preissteigerungen.

 

Ein Budgetüberschuss könnte zwar auch dadurch erzielt werden, dass bei gleichbleibendem Steueraufkommen die Staatsausgaben reduziert werden. Da jedoch der größte Teil der Staatsausgaben langfristig festgelegt ist und deshalb nicht kurzfristig aufgrund konjunktureller Gründe in großem Umfang reduziert werden kann, werden Budgetüberschüsse in der Praxis vor allem dadurch erzielt, dass das Steueraufkommen erhöht wird.

 

Steuererhöhungen sind jedoch stets unpopulär, auch dann, wenn sie aus allgemeinpolitischen Gründen notwendig sind. Hier brächte eine regelgebundene Entscheidung die Lösung. Die Politiker wären in diesem Falle nicht gezwungen, eigens die Steuersätze zu erhöhen und damit eine unpopuläre Maßnahme durchzuführen, die Erhöhung der Steuersätze würde bei einer regelgebundenen Lösung automatisch erhöht, ohne dass es hierzu eigener neuer Schritte der Politiker bedürfte.

 

Eine solche regelgebundene Lösung wird nun in der Tat im Rahmen einer Steuerprogression erzielt. Machen sich inflationäre Tendenzen bemerkbar, so steigt nicht nur die Güternachfrage, sondern mit ihr auch die Höhe der Einkommen.

 

Steigen jedoch die individuellen Einkommen, steigt aufgrund der Steuerprogression das Steueraufkommen automatisch an. Steuerprogression bedeutet, dass der Steuersatz mit dem Einkommen automatisch zunimmt. Auf diese Weise vergrößern sich die Steuereinnahmen, ohne dass der Staat die Steuergesetze ändern musste.

 

 

5. Markt versus staatlicher Plan

 

Eine ähnliche Unterscheidung wie bei einer fallweisen und regelgebundenen Handlung liegt auch bei dem Begriffspaar Marktwirtschaft versus staatlicher Planwirtschaft vor. Der Unterschied zwischen beiden Wirtschaftssystemen liegt allerdings nicht darin, wie der Name ‚Planwirtschaft‘ vermuten lassen würde, dass im Rahmen einer staatlichen Planwirtschaft geplant und in einer Marktwirtschaft ohne Pläne gehandelt werde. Pläne finden sich in beiden Wirtschaftssystemen.

 

Der Unterschied zwischen beiden Wirtschaftssystemen liegt vielmehr darin, dass in einer reinen staatlichen Planwirtschaft alle wirtschaftlich relevanten, aber insbesondere die Produktionsentscheidungen von staatlichen Behörden ausgehen, es gibt also hier einen zentralen Wirtschaftsplan des Staates, während in einer Marktwirtschaft die eigentlichen Produktionsentscheidungen bei den einzelnen privaten Unternehmungen liegen und die privaten Haushalte über die Verwendung ihrer Einkommen selbst bestimmen können.

 

Und auch dies bedeutet nicht, dass die Ziele der Allgemeinheit nur in einer staatlichen Planwirtschaft zum Zuge kommen, während in einer reinen Marktwirtschaft reiner Egoismus herrscht und die Ziele der Allgemeinheit vernachlässigt werden.

 

Adam Smith der Begründer der neueren Volkswirtschaftslehre und des wirtschaftlich ausgerichteten Liberalismus hat vielmehr gezeigt, dass die gesamtwirtschaftlichen Ziele auch in einer Marktwirtschaft realisiert werden, dass zwar die einzelnen Wirtschaftssubjekte bei ihren wirtschaftlichen Planungen lediglich ihr eigenes Wohl verfolgen, dass aber trotzdem die gesamtwirtschaftlichen Ziele wie von einer unsichtbaren Hand erfüllt werden.

 

Adam Smith war sogar der Überzeugung, dass gerade in einer Marktwirtschaft die gesamtwirtschaftlichen Ziele besser realisiert werden können als in einer staatlichen Planwirtschaft. Die staatlichen Behörden verfügten nämlich gar nicht über die Informationen, welche notwendig sind, um festzulegen, bei welcher Aufteilung der knappen Ressourcen jeweils die Bedürfnisse der Konsumenten bestmöglich erfüllt werden.

 

Nur auf freien Märkten sei garantiert, dass die sich aus dem Spiel von Angebot und Nachfrage gerade ergebenden Preise die Knappheit der Güter richtig erkennen lassen. Und für eine Ausrichtung der Produktion an den Bedürfnissen der Konsumenten sei es unerlässliche Voraussetzung, dass die Preisrelationen die Knappheitsverhältnisse der einzelnen Güter zueinander widerspiegelten.

 

Demgegenüber sei eine staatliche Behörde niemals in der Lage, die Bedürfnisse der einzelnen Bürger richtig einzuschätzen, vor allem auch deshalb nicht, weil sich die Bedürfnisse der einzelnen Konsumenten stark voneinander unterscheiden. Auch ergäben sich die richtigen, das heißt diejenigen Preise, welche die Knappheit widerspiegeln, immer erst im Nachhinein und könnten deshalb von den staatlichen Behörden bei ihren Planungen auch gar nicht richtig eingeschätzt werden.

 

Der freie Markt sei demgegenüber eine Einrichtung, bei der die einzelnen individuellen Zielsetzungen so kanalisiert werden, dass der Unternehmer genau dann seinen Gewinn maximiert, wenn er die Produktion an den Wünschen der Konsumenten ausrichtet.

 

Natürlich müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, damit der Markt auch in der Lage ist, die gesamtwirtschaftlichen Ziele bestmöglich zu realisieren.

 

Die erste wichtige Voraussetzung dafür, dass die Ergebnisse des Marktes auch die gesamtwirtschaftlichen Aufgaben erfüllen, besteht darin, dass auf allen Märkten vollständige Konkurrenz besteht. Nur unter dieser Bedingung stehen die Unternehmer unter dem Zwang, ihre Produktion an den Wünschen der Konsumenten auszurichten. Tun sie dies unter diesen Bedingungen nicht, laufen sie Gefahr, ihre Kunden an die Wettbewerber zu verlieren.

 

Wettbewerb unter den Unternehmungen bewirkt, dass die Unternehmer sich nur dann auf Dauer auf den Märkten behaupten können, wenn sie stets nach Kostensenkungen und Qualitätsverbesserungen Ausschau halten und die hierdurch erzielten Kostensenkungen auch zum größten Teil durch Preissenkungen an die Verbraucher weitergeben.

 

Die Marktform der vollständigen Konkurrenz ist dadurch ausgezeichnet, dass kein Unternehmer in der Lage ist, durch Verknappung den Preis und damit seinen Gewinn künstlich heraufzusetzen. Der in vollständiger Konkurrenz lebende Unternehmer nimmt den Preis aus dem Markt, sein Marktanteil ist zu gering, um über eine künstliche Verringerung seiner Produktion höhere Preise zu erzielen. Vollständige Konkurrenz ist jedoch nicht zu verwechseln mit unfairer und ruinöser Konkurrenz, welche vor allem im Oligopol (wenige große Unternehmungen) zu finden ist.

 

Eine zweite Voraussetzung dafür, dass der Markt zur Erfüllung auch der gesamtwirtschaftlichen Ziele führt, besteht darin, dass sämtliche einer Volkswirtschaft entstehenden Kosten auch den Unternehmungen angerechnet werden und insofern in den Verkaufspreis der einzelnen Güter eingehen.

 

Fallen gesamtwirtschaftliche und privatwirtschaftliche Kosten auseinander, spiegeln die Preisverhältnisse nicht mehr die volkswirtschaftlichen Knappheitsverhältnisse wider und die Produktion wird dann auch nicht mehr an den Bedürfnissen der Konsumenten ausgerichtet.

 

Der wichtigste Fall solcher externer Kosten sind die Umweltbelastungen. So entstehen z. B. dann, wenn Abgase über Schornsteine in die Luft entlassen werden, für die Volkswirtschaft hohe Verluste und wenn nun den Unternehmungen diese Kosten nicht angerechnet werden, sind die Preise dieser Güter zu gering und in Folge werden von diesem die Umwelt belasteten Gut zu viel Einheiten produziert. Eine volkswirtschaftlich erwünschte Produktion setzt also voraus, dass alle einer Volkswirtschaft im Zusammenhang mit der Produktion entstandenen Kosten in den Preis eingehen.

 

Ein Markt kann drittens auch nur dann funktionieren, wenn der Staat bereit ist, die Anpassungsprozesse des Marktes zu dulden. Zu den wichtigsten Anpassungsprozessen eines Marktes zählt der Umstand, dass der Markt Ungleichgewichte automatisch abbaut.

 

Marktungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage entstehen immer wieder dadurch, dass sich die Produktionstechnik verändert und dass Konsumenten ihre Konsumwünsche verändern. Tritt nun ein Marktungleichgewicht auf, so verändern sich auf einem freien Markt die Preise.

 

Ist z. B. das Angebot zu gering, steigen die Preise und diese Preissteigerungen tragen selbst dazu bei, die Knappheit dadurch abzubauen, dass von diesem Gut mehr produziert wird und/oder weniger nachgefragt wird. In dem Maße, indem über die Preissteigerungen die Knappheit vermindert wurde, sinken auf freien Märkten auch wiederum die Preise. Preissteigerungen verringern zwar vorübergehend die Kaufkraft der Einkommen, tragen aber dazu bei, dass die eigentlichen Ursachen dieser Wohlfahrtsverluste baldmöglichst beseitigt werden.

 

Verbietet nun der Staat Preissteigerungen oder lässt er nicht zu, dass die Wirtschaftssubjekte auf die Preisänderungen angemessen reagieren, dann kann der Markt seine Funktionen auch nicht erfüllen, die Voraussetzungen für eine optimale Lösung der Wirtschaftsprobleme sind dann nicht gegeben, aber nicht etwa deshalb, weil der Markt als solcher versagt, sondern weil der Staat in den Markt eingreift und auf diese Weise verhindert, dass der Markt zu optimalen Ergebnissen führt.

 

Eine letzte Voraussetzung für das einwandfreie Funktionieren der Märkte besteht darin, dass die Anpassung an Datenänderungen in kleinen Schritten, also atomisiert erfolgt. Denn immer dann, wenn die Anpassung an Datenänderungen in großen Schritten erfolgt, besteht die Gefahr, dass sie über ihr Ziel hinausschießt.

 

Unterstellen wir einmal, dass ein Angebotsüberhang vorliegt, welcher unter normalen Reaktionen dazu führt, dass Preise sinken und aufgrund dieser Preisreaktionen das Angebot zurückgeht. Wenn nun dieser Rückgang in starkem Maße erfolgt, besteht die Gefahr, dass das Angebot so stark verringert wird und die Nachfrage gleichzeitig so stark ansteigt, dass im Ergebnis ein Nachfrageüberhang entsteht. Dieser löst Preissteigerungen aus und bei sehr starken Reaktionen könnte das Angebot wiederum so stark steigen, dass in der nächsten Periode erneut ein Nachfrageüberhang entsteht.

 

Je nach Reaktionsausmaß muss mit der Gefahr gerechnet werden, dass die Ungleichgewichte langfristig gar nicht abgebaut werden, dass der Markt zwischen Nachfrage und Angebotsüberhänge pendelt, welche im Zeitablauf sogar in ihrem absoluten Umfang ansteigen. Ein Gleichgewicht würde hier nicht erreicht.

 

Herrscht vollständige Konkurrenz, ist diese Gefahr im Allgemeinen gering. Die einzelnen Marktteilnehmer haben einen so geringen Marktanteil, dass ihre Reaktionen auf den gesamten Markt bezogen gering ausfallen. Es kann auch davon ausgegangen werden, dass die Anpassungen bei den einzelnen Wirtschaftssubjekten zu unterschiedlichen Zeiten erfolgen, sodass auch wegen dieser Gründe der Umfang der Reaktionen pro Zeiteinheit gering bleibt.

 

Trotzdem gibt es Fälle, in denen auch bei vollständiger Konkurrenz abrupte Anpassungen erfolgen, welche einen Zusammenbruch des Marktes verursachen. Nehmen wir an, dass alle Unternehmungen ein Computerprogramm benutzen, welches den Verkauf der meisten Wertpapiere automatisch auslöst, wenn der Kurs eines Wertpapieres stärker als sagen wir 20% fällt.

 

Tritt nun dieses Ereignis tatsächlich ein, so erhöht sich das Angebot dieses Wertpapieres an der Börse dramatisch und dies wiederum führt zu einem Kursverfall dieses Wertpapieres. In einer solchen Situation wäre nicht viel gewonnen, wenn die Börsenleitung die Börse kurzfristig schließen würde. Solange die Unternehmungen nach wie vor dieses Programm anwenden, würde nach Wiedereröffnung der Kursverfall weitergehen.

 

Nur dann, wenn die Börsenleitung den Umfang an Wertpapieren, welche in einem einzelnen Zeitpunkt zum Verkauf angeboten werden, begrenzt, könnte diese Gefahr des Zusammenbruches verhindert werden. Eine Beschränkung auf kleine Schritte pro Zeiteinheit würde dazu führen, dass der Markt die Ungleichgewichte stetig abbauen würde.

 

 

6. Die Kosten rationalen Handelns

 

Rationales Handeln verstanden wir bisher stets in dem Sinne, dass man sich vor dem Handeln zunächst bewusst wird, welches Ziel man verfolgt, dass man sich dann darüber Gedanken macht, auf welchem Wege man dieses Ziel erreichen kann, welchen Erfolg die einzelnen Mittel erwarten lassen und mit welchen unerwünschten Nebenwirkungen unter Umständen gerechnet werden muss.

 

Es folgt dann abschließend eine Bewertung der einzelnen Folgen und rationales Handeln liegt nur dann vor, wenn man sich für die Alternative entscheidet, welche per saldo den höchsten Nutzen bringt.

 

Gerade weil in aller Regel Handlungen nicht nur Erfolge bringen, sondern zumeist auch mit unerwünschten Nebenwirkungen verbunden sind, hat nahezu jede Handlung zwei Seiten: Man erwartet einen Ertrag und um diesen Ertrag zu erreichen, fallen zumeist Kosten an. Rationales Handeln liegt in diesem Falle nur dann vor, wenn der Ertrag die Kosten übersteigt und wenn in all den Fällen, in denen mehrere Wege zur Erreichung eines Zieles möglich und bekannt sind, jeweils der Weg beschritten wird, bei dem der Nettoertrag der höchste ist.

 

Die Verwendung der Begriffe Ertrag und Kosten bezieht sich in erster Linie auf wirtschaftliche Größen. Wir sind gewohnt, die Erträge und Kosten unserer Handlungen in Geldgrößen auszudrücken. Dies hat vor allem den Vorteil, dass beide Größen, der Ertrag und die Kosten, in gleichen Einheiten berechnet werden können und dass man gerade deshalb im Allgemeinen Kosten und Erträge miteinander aufrechnen und schließlich zu einem Nettoertrag gelangen kann.

 

Rationales Handeln ist jedoch nicht nur im Rahmen wirtschaftlicher Probleme möglich und notwendig. Auch Handeln außerhalb des wirtschaftlichen Bereiches ist in aller Regel mit positiv und negativ empfundenen Ergebnissen verbunden. Und wenn wir im Allgemeinen Gelderträge positiv und Kosten in Geldeinheiten als etwas negatives bewerten, so tun wir dies nur deshalb, weil wir uns mit Geld Dinge kaufen können, die uns einen Nutzen bringen.

 

Und richtig betrachtet lassen sich auch Kosten als entgangene Nutzeneinheiten auffassen. Wenn ich z. B. zum Erwerb eines bestimmten Gutes Geld aufwenden muss also Kosten habe, so liegt der Nutzenverlust dieses Kaufes letztendlich darin, dass ich das Geld, mit der ich diese Ware gekauft habe, nicht gleichzeitig für ein anderes, nämlich für das zweitbeste Gut einsetzen kann.

 

Eine rationale Handlung liegt hier genau dann vor, wenn ich den Nutzen des erworbenen Gutes (den Ertrag) höher einschätze als der Nutzen, den mir das zweitbeste Gut gebracht hätte und auf den ich nun verzichten muss, da ich mich für das erworbene Gut entschieden habe.

 

Aber auch hier wird die Rationalität in Begriffen des Utilitarismus formuliert. Entsprechend der Lehre des Utilitarismus, wie er vor allem von Bentham im ausgehenden 18. Jahrhundert formuliert wurde, strebt der Mensch ein Maximum an Lustgewinn an. Das Ziel einer Gesellschaft sollte danach darin bestehen, ein Höchstmaß an Lust und eine größtmögliche Vermeidung körperlicher Pein für die größtmögliche Anzahl von Menschen zu erreichen.

 

Nun hat bereits Alois Schumpeter darauf hingewiesen, dass sich der Liberalismus zwar bei der Entwicklung seiner Ideen der utilitaristischen Sprache bedient hat, dass aber seine Lehren dennoch eine jenseits des Utilitarismus geltende allgemein gültige Lehre darstelle. Anstelle von körperlich empfundener Lust und empfundenem Leid zu sprechen, könne man die Lehrsätze des Liberalismus auch generell gültig als Aussagen über den Zielerreichungsgrad verstehen.

 

Anstatt dass wir von maximalem Nutzen sprechen, können wir also die liberalen Gesetze auch in dem Sinne verstehen, dass die Menschen die unterschiedlichsten Ziele verfolgen und hierbei bestrebt sind, einen möglichst hohen Zielerreichungsgrad zu erreichen. In diesem Sinne lässt sich Rationalität auch für ethisch hochstehende, genauso wie für ethisch verwerfliche Ziele verstehen.

 

In diesem Sinne kann eine Handlung nur als rational eingestuft werden, wenn die Erträge des Handelns höher ausfallen als die Kosten. Und da zumeist sowohl die erwarteten Erträge als auch die jeweils anfallenden Kosten nicht eindeutig vor einer Handlung bestimmt werden können, sprechen wir von rationalem Handeln immer dann, wenn die erwarteten Erträge höher ausfallen als die erwarteten Kosten.

 

Nun müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass auch das Nachdenken über die möglichen Alternativen und ihren Erfolgsaussichten sowie über die damit verbundenen negativen Nebenwirkungen selbst wiederum mit Kosten verbunden ist.

 

Die realen Zusammenhänge sind zumeist so komplex, dass sie zumeist nicht gewissermaßen auf der Hand liegen und mit einem gesunden Menschenverstand unmittelbar erkannt werden können. Vielmehr ist davon auszugehen, dass kostenreiche Aufwendungen gemacht werden müssen, um zu diesen Erkenntnissen zu gelangen und dies gilt sogar dann, wenn bestimmte Maßnahmen auch schon in der Vergangenheit wiederholt mit Erfolg beschritten wurden. Die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse sind einem rapiden Wandel ausgesetzt, Erfolg und Misserfolg in der Vergangenheit sagen sehr wenig über Erfolg oder Misserfolg bei den augenblicklich anstehenden Fragen aus.

 

Es kann deshalb auch nicht von Rationalität gesprochen werden, wenn von vornherein mit großer Wahrscheinlichkeit damit gerechnet werden muss, dass bestimmte Ziele nicht zum Erfolg führen können. Hier sind die zu erwartenden Kosten der Eruierung bestimmter Maßnahmen unter Umständen höher als die zu erwartenden Erträge.

 

Unter Umständen kann in diesen Fällen ein Handeln nach Intuition also aus dem Bauch heraus zu einem größeren Erfolg führen, als wenn man zuvor Erkundungen über die Möglichkeiten und Gefahren einzieht und wenn diese Erkundungen besonders kostspielig sind.

 

Kosten der Erkundigung liegen nicht nur dann vor, wenn Geld aufgewandt werden muss, um diese Informationen zu erhalten. Eine besondere Form von Kosten liegt in den sogenannten Zeitkosten vor. Jede Erkundigung braucht Zeit, die beabsichtigte Handlung muss also in die Zukunft verschoben werden und schon der Umstand, dass eine notwendige Handlung nicht sofort, sondern erst nach Ablauf einiger Perioden erfolgt, kann zu erheblichen Verlusten führen.

 

Nehmen wir den Fall, dass jemand mit seinem PKW unterwegs ist und mit mehr als 100 Kilometer Geschwindigkeit auf einer Schnellstraße fährt. Ganz plötzlich sieht der Fahrer einen Menschen vor sich. Und nehmen wir an, dass dem Fahrer nur zwei Möglichkeiten verbleiben, nämlich entweder diesen Menschen zu überfahren oder auszuweichen, in diesem Falle aber mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen einen Baum zu fahren und dann tödlich zu verunglücken.

 

Der Fahrer muss sich in diesem Falle sekundenschnell entscheiden, es bleibt ihm keine Zeit, darüber nachzudenken, welche Alternative für ihn die beste darstellt. Dies ist gleichbedeutend mit der Feststellung, dass die Kosten eines rationalen Handelns, also eines vor der Handlung überlegendes Nachdenken, höher sind als der mögliche Gewinn dieser Handlung. Es ist hier besser, intuitiv zu handeln.

 

Dieses Beispiel mag ein Extremfall darstellen, vor dem wir nur sehr selten stehen. De facto spielen jedoch die Zeitkosten bei einer Vielzahl von anstehenden Entscheidungen eine ausschlaggebende Rolle. So könnten vermutlich viele Einwendungen gegen eine politisch geplante Entscheidung durch eine ausführlichere Diskussion ausgeräumt werden und weiterhin Zusatzmaßnahmen gefunden werden, welche eine Verringerung der negativen Sekundärwirkungen erreichen.

 

Es kann jedoch trotzdem erwünscht sein, die Diskussion vorzeitig abzubrechen, einfach deshalb, weil die bloße Verzögerung um wenige Tage oder Wochen bereits zu erheblichen Verlusten führen würde. Ein Ausdiskutieren aller Folgen einer geplanten Maßnahme kann somit aufgrund dieser Zeitkosten durchaus irrational sein.

 

 

7. Rationales Handeln und Evolution

 

Unter Rationalität verstanden wir zunächst ein zielbewusstes Handeln einzelner Menschen, welche sich vor ihrem Handeln zunächst bewusst werden, auf welchem Wege sie ihre Ziele bestmöglich erreichen können.

 

Wir haben allerdings auch bereits gesehen, dass es Regelwerke gibt, die zu erwünschten Ergebnissen führen, ohne dass die einzelnen Menschen diese Ziele bei ihrem Verhalten eigens ansteuern. So müssen wir z. B. bei der Marktwirtschaft davon ausgehen, dass die einzelnen Akteure (die Unternehmer wie die Konsumenten) vorwiegend nur ihr eigenes Wohl verfolgen, dass aber trotzdem im Endergebnis auch das Wohl der Allgemeinheit gewahrt bleibt, sofern ganz bestimmte Voraussetzungen wie vollständige Konkurrenz oder Fehlen externer Kosten gegeben sind.

 

In diesem Sinne lässt sich auch der Evolutionsprozess der Lebewesen hier auf Erden verstehen. Dieser Prozess trägt dazu bei, dass sich die Menschheit und auch ein großer Teil der tierischen Lebewesen fortpflanzen und sich in ihrer Gesamtheit erhalten konnten, obwohl die einzelnen Lebewesen eines Tages sterben, obwohl sich weiterhin die Umweltbedingungen im Zeitablauf verändern mit der Folge, dass immer wieder einem Teil der Lebewesen die Überlebenschancen fehlen.

 

Wie vor allem Darwin gezeigt hat, hat der Evolutionsprozess dazu geführt, dass trotz starker Veränderungen in den Lebensbedingungen die Menschheit und ein Großteil der Lebewesen in ihrer Gesamtheit überleben konnten, obwohl diese Veränderungen bewirkt haben, dass die natürlichen Eigenschaften der einzelnen Lebewesen nicht ausreichen, um überleben zu können.

 

Dass die Menschheit und ein Großteil der tierischen Lebewesen langfristig dennoch überleben konnten, wurde durch folgende Gegebenheiten erreicht. Die einzelnen Menschen und Tiere sterben eines Tages, ihre Art wird trotzdem dadurch erhalten, dass sie durch geschlechtliche Vereinigung neue Lebewesen in die Welt setzen.

 

Dadurch, dass bei der Geburt das neue Lebewesen durch die Vereinigung zweier Eltern entsteht, werden die Erbanlagen des Neugeborenen stets von zwei verschiedenen Lebewesen gebildet, sodass sich die Erbanlagen immer wieder verändern. Es kommt noch hinzu, dass bei der geschlechtlichen Vereinigung immer wieder Mutationen auftreten, also einzelne Gene verändert werden.

 

Gerade aufgrund dieser immer wieder stattfindenden Veränderungen in den Erbanlagen entsteht die Möglichkeit, dass bestimmte Neugeborene auch dann überleben können, wenn sich aufgrund der Veränderungen in der Umwelt die Überlebenschancen der einzelnen Lebewesen verschlechtern.

 

Auf diese Weise wird erreicht, dass die Lebewesen insgesamt auch dann überleben können, wenn sich die Umweltbedingungen so dramatisch verändern, dass bei gleichbleibenden Erbanlagen ein Überleben der einzelnen Lebewesen nicht mehr möglich gewesen wäre.

 

Aufgrund dieser Tatbestände (Mischung der Erbanlagen und immer wieder auftretende Mutationen) wird erreicht, dass diejenigen Lebewesen, welche über minderwertige Erbanlagen verfügen, mit der Zeit aussterben und dass sich die Lebewesen mit den am besten an die Veränderungen in den Umweltbedingungen angepassten Verhaltensweisen überleben.

 

Auch hier gilt wiederum, dass zumindest in der Vergangenheit die einzelnen Individuen beim Geschlechtsakt vorwiegend ihrem Trieb folgen und sich nicht so verhalten, dass die Neugeborenen jeweils die besten Überlebenschancen aufweisen.

 

Zumindest für die Vergangenheit gilt auch hier, dass der Evolutionsprozess die Auslese steuert und dass deshalb von diesem Prozess aus so etwas wie ein rationales Ergebnis erreicht wird, obwohl jedes einzelne Individuum nur seinem Trieb und Instinkt folgt und die geschlechtliche Vereinigung nicht deshalb erfolgt, weil die einzelnen Partner eine bestmögliche Auslese bewusst herbeiführen möchten.