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Berühmte Irrtümer Teil II

 

Gliederung:

 

  1. Inflation Voraussetzung für Konjunkturbelebung?

  2. Macht Reichtum wirklich glücklich?

  3. Sicherheit durch Überwachung und korrektes Verhalten?

  4. Moralisches Handeln stets im Interesse jedes einzelnen?

  5. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand

  6. Lügen haben kurze Beine

  7. Abschreckungsstrategie verhindert Atomkrieg?

  8. Rationale Entscheidung stets besser als Intuition?

  9. Bilder lügen nicht

10. Wo Rauch, da Feuer

11. Angriff ist die beste Verteidigung

12. Recht auf Waffe erhöht die Sicherheit

 

Kapitel 4: Moralisches Handeln stets im Interesse jedes Einzelnen?

 

 

Gliederung:

 

0. Das Problem

1. Ausgangspunkt: Aufklärung

2. Die Goldene Regel

3. Die Annahme vollkommenen Wissens

4. Die Rolle der Macht

5. Die Einführung des staatlichen Gewaltmonopols

6. Die Lynchjustiz

7. Die Rolle der Religion im Mittealter

8. Die Rolle der Religion heute

9. Die Bedeutung der Erziehung

 

 

 

0. Das Problem

 

Gläubige Menschen gehen davon aus, dass das Weltall einschließlich der Menschen von Gott erschaffen wurde und dass Gott den Menschen Gebote gegeben hat, welche ihnen in ihrem Handeln Grenzen setzen. Sie sind auch davon überzeugt, dass sie – allerdings erst nach ihrem Tode – für ihr Handeln zur Rechenschaft gezogen werden, dass sie für ihre guten Taten belohnt und für ihre schlechte Taten bestraft werden. Es ist also der Glaube, der die Gläubigen anhält, sich moralisch zu verhalten.

 

Wie steht es aber um die Atheisten, welche an gar keinen Gott glauben, welche davon überzeugt sind, dass das Weltall rein zufällig ohne Zutun eines göttlichen, vernunftbegabten Wesens durch den Urknall entstanden ist und welche davon ausgehen, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei, dass er also selbst bestimmen kann, was er tun darf und was nicht?

 

Auch die Atheisten kommen nicht darum herum, anzuerkennen, dass menschliches Zusammenleben nur möglich ist, wenn die einzelnen Menschen gewisse Grenzen für ihr Handeln anerkennen, dass ohne Gesetze das menschliche Leben in Chaos versinken würde. Dass der Mensch das Maß aller Dinge sei, wird also auch von Atheisten nicht in dem Sinne verstanden, dass jeder Einzelne tun darf, was er will, sondern dass der Mensch nur in seiner Gesamtheit das bestimmen kann, was zu tun und was zu unterlassen ist.

 

Aber wie können bei einer solchen Ausgangslage die einzelnen Individuen davon überzeugt werden, dass sie sich an moralische Regeln zu halten haben, dass der Einzelne akzeptiert, dass offensichtlich Andere ihm vorgeben, wie er sich zu verhalten hat, was zeichnet Andere aus, dass sie moralische Regeln einfordern dürfen, wo doch gleichzeitig der gleiche Atheismus auch im Allgemeinen davon ausgeht, dass alle Menschen gleich sind?

 

In diesem Zusammenhang kommt der Gedanke der Demokratie ins Spiel. Wenn man es nicht dem jeweils Stärkeren überlassen will, dass er die Anderen unterwirft und ihnen vorschreibt, wie sie sich zu verhalten haben, dann kann dieses Recht, Vorschriften zu erlassen, nur vom ganzen Volk ausgehen. Es ist hier also im Prinzip das gesamte Volk, das bestimmte Repräsentanten wählt, welche dann im Namen des Volkes ganz bestimmte Gesetze erlassen, welche jeder Bürger einzuhalten hat.

 

Hier entsteht jedoch ein schwerwiegendes Problem. Wenn die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit in ihrer Eigenschaft als Wähler letztendlich bestimmen kann, was erlaubt und was verboten ist, muss man dann auch zugeben, dass eben dieses Wahlvolk berechtigt ist, Minderheiten auszubeuten und zu verfolgen?

 

Das Konzept der Demokratie verneint diese Frage eindeutig. Auch dem gesamten Volk sind in der Verfassung Grenzen vorgegeben, es gibt vor allem Menschenrechte, welche für alle Menschen gelten, welche in jedem Falle eingehalten werden müssen, die also deshalb auch über dem Volkswillen stehen.

 

Wie aber wird der Gedanke begründet, dass auch die Gesamtheit der Menschen, vertreten durch die Wähler in den einzelnen Demokratien, nicht alles tun darf, obwohl doch dem Menschen nach Überzeugung der Atheisten von keinem überirdischen Wesen Vorschriften gemacht werden? Ist der Mensch also doch nicht das Maß aller Dinge?

 

 

1. Ausgangspunkt: Aufklärung

 

Im Rahmen der Aufklärung wurde eine Idee geboren, wie man die Prämisse, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei, aufrechterhalten kann, wenn zur gleichen Zeit dem Menschen – vertreten durch das gesamte Volk – dennoch Grenzen gesetzt sind. Nach dieser Idee nützt es nämlich dem einzelnen Menschen sehr wohl, wenn er bestimmte allgemeine Begrenzungen seines Handelns anerkennt.

 

Im Einzelfall stellt sich ein Individuum zwar durchaus schlechter, wenn ihm verboten wird, bestimmte Handlungen zu tun, welche ihm durchaus Nutzenzuwächse gebracht hätten. Man müsse jedoch diesen Nutzeneinbußen diejenigen Nutzensteigerungen gegenüberstellen, welche der Einzelne zu erwarten hat, wenn auch die Anderen auf diese Weise daran gehindert werden, Handlungen vorzunehmen, die einem geschadet hätten.

 

Rechnet man nämlich die Nutzeneinbußen und die verhinderten Schäden durch die Aktivität der Anderen gegeneinander auf, so überwögen ganz eindeutig die Nutzenzuwächse aufgrund der den Anderen auferlegten Begrenzungen. Der relativ geringen Zahl der möglichen Begrenzungen meiner eigenen Aktivitäten stehe die weitaus größere Zahl der Begrenzungen aller anderen Bürger gegenüber, sodass auf lange Sicht jeder Einzelne von einer Selbstbegrenzung seines Handelns profitiere.

 

Immanuel Kant hat in diesem Zusammenhang den kategorischen Imperativ als das vom freien und vernünftigen Menschen nicht zu umgehende Sittengesetz formuliert: ‚Handle stets so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne‘.

 

 

 

2. Die Goldene Regel

 

Aber bereits im Neuen Testament im Matthäus-Evangelium in Kapitel 7,12 erfahren wir von Jesus die goldene Regel: ‚Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten‘, welche diese Maxime nur mit etwas anderen Worten postuliert.

 

Als Maxime dürfte somit dieser Grundsatz einer gewissen Begrenzung menschlichen Handelns sowohl von den Gläubigen wie auch von den Atheisten unbestritten sein. Können wir jedoch auch darauf vertrauen, dass sich die Menschen zumindest im Grundsatz nach dieser Maxime verhalten, sodass in der Tat davon ausgegangen werden kann, dass die Menschen – auch ohne dass sie an Gott glauben – bereit sind, sich in diesem Sinne moralisch zu verhalten?

 

In Beantwortung dieser Frage können wir durchaus als logisch vernünftig und als weitgehend empirisch erwiesen halten, dass sich ein einzelnes Individuum durchaus besser stellt, wenn alle anderen Individuen, welche es mit diesem Einzelmenschen zu tun haben, diesen kategorischen Imperativ beachten. Ohne dieses Verhalten der jeweils Anderen müsste ja unser Individuum befürchten, dass es wiederholt Schaden erleidet, da die anderen Individuen in diesem Falle ohne Rücksicht darauf, ob dieses Verhalten anderen Individuen schadet, ihr Interesse durchsetzen würden.

 

Wir können sogar noch einen Schritt weiter gehen. Wir können weiterhin unterstellen, dass dann, wenn sich dieses Individuum ebenfalls an diesen kategorischen Imperativ hält, ein solches Verhalten selbst wiederum die jeweils Anderen in der Absicht, diese moralischen Regeln zu beachten, bestärkt.

 

Im Allgemeinen wird Jemand einem Anderen gegenüber nur dann freiwillig Einschränkungen hinnehmen, wenn dieser ebenfalls zu solchen Einschränkungen ihm gegenüber bereit ist. Wir können also durchaus zunächst davon ausgehen, dass sich die Beachtung moralischer Regeln durchaus für jeden einzelnen Menschen auszahlt, dass also jedermann in der Tat im eigenen Interesse moralische Regeln anerkennen und sich entsprechend dieser Regeln auch verhalten sollte.

 

 

3. Die Annahme vollkommenen Wissens

 

Aber wir haben in dieser Argumentation eine stillschweigende Annahme gemacht, die erfüllt sein muss, damit auch ganz allgemein moralische Regeln von selbst, also ohne äußeren Zwang, eingehalten werden.

 

Wir haben nämlich stillschweigend unterstellt, dass das Verhalten und damit auch das Einhalten der moralischen Regeln der jeweils Anderen allen Bürgern bekannt ist. Damit die einzelnen Individuen auch bereit sind, sich freiwillig an die moralischen Regeln zu halten, ist weniger die Frage von Bedeutung, ob die jeweils Anderen tatsächlich ebenfalls diese moralischen Regeln beachten, vielmehr ist die ganz andere Frage von Bedeutung, ob die einzelnen Individuen von der Annahme ausgehen, dass sich die jeweils Anderen an den Sittenkodex halten.

 

Somit ist es denkbar, dass es einzelne Individuen gibt, welche den Versuch machen, zwar nach außen hin den Eindruck zu erwecken, dass auch sie den Sittenkodex einhalten, dass es aber ihnen in Wirklichkeit gelingt, ihr tatsächliches amoralisches Verhalten vor den Andern geheim zu halten.

 

In diesem Falle stellen sich diese Individuen besser, wenn sie selbst im Gegensatz zu den Andern in Wirklichkeit keine Rücksicht auf das Interesse der Andern nehmen. Da die Andern in diesem Beispiel bereit sind, sich im Allgemeinen moralisch einwandfrei zu verhalten, profitiert der Täuschende von diesem Verhalten der Anderen, ihm wird kein Schaden zugefügt. Er kann jedoch seinen eigenen Nutzen dadurch vermehren, dass er selbst – im Gegensatz zu den Anderen – nicht bereit ist, die Handlungen zu unterlassen, welche ihm selbst Vorteile bringen, welche aber gleichzeitig Anderen Schaden verursachen.

 

 

4. Die Rolle der Macht

 

Nun ist allerdings die Frage, unter welchen Voraussetzungen denn Jemand in der Lage ist, sein eigenes unsittliches Verhalten vor den Anderen geheim zu halten, selbst wiederum eine Frage der Macht. Nicht Jedem ist diese Möglichkeit eingeräumt, er muss über Macht verfügen, um sein Verhalten vor der Allgemeinheit geheim halten zu können. Es sind also in Wirklichkeit nur die Mächtigen dieser Erde, welche diese Möglichkeiten ausnutzen können.

 

Und da wir davon ausgehen können, dass es in einer Gesellschaft immer nur einige wenige sind, welche diese Position einnehmen, hält sich auch der generelle Schaden, der von einem unsittlichen Verhalten ausgeht, in der Regel in Grenzen.

 

Unterstellen wir einmal in einem Gedankenexperiment, dass die Fähigkeit, sein unsittliches Verhalten den Anderen gegenüber geheim zu halten, jedem Bürger gegeben sei und dass auch jeder von dieser Möglichkeit reichlich Gebrauch machen würde, dann würde es sich auch gar nicht mehr für den Einzelnen lohnen, sich moralisch zu verhalten und auf alle Handlungen zu verzichten, welche einem Anderen Schaden verursachen. Es gäbe dann auch fast kaum Handlungen, welche dem Sittenkodex entsprächen.

 

Und da Jedem, welcher sich in diesem Sinne unsittlich verhält, klar sein kann, dass sich auch die jeweils Anderen in gleicher Weise bemühen, ihre Handlungen vor den Anderen geheim zu halten, würde auch die Bereitschaft, den Sittenkodex anzuerkennen und einzuhalten, um ein Weiteres schwinden, mit der Folge, dass am Ende dieses Prozesses kaum Jemand mehr bereit wäre, die moralischen Regeln einzuhalten.

 

Man wüsste zwar, dass es um diese Welt sehr viel besser bestellt wäre, wenn Jeder von sich aus bereit wäre, den Sittenkodex einzuhalten. Da sich aber fast niemand an diese Voraussetzungen halten würde, würden sich die Menschen trotzdem gegenseitig Schaden zufügen, sofern sie auf diese Weise ihren eigenen Nutzen vermehren könnten.

 

Diese Erkenntnis hat natürlich für die Frage, wie in Wirklichkeit ein gesellschaftliches Chaos vermieden werden kann, entscheidende Folgen. Bevor wir uns jedoch dieser Frage zuwenden, wollen wir uns nochmals mit der Bedeutung der Machtverhältnisse für die Einhaltung moralischer Regeln befassen.

 

Wir haben oben bereits bemerkt, dass es in einer Gesellschaft im Allgemeinen immer nur eine kleine Gruppe gibt, welche über diese Macht verfügt. Wenn diese Gruppe aber über Macht verfügt, ist sie auch in der Lage, bei der restlichen Bevölkerung ein Verhalten zu erzwingen, die moralischen Regeln einzuhalten, selbst dann, wenn sie ihr eigenes Verhalten, das auf die Interessen der jeweils anderen keine Rücksicht nimmt, nicht geheim hält.

 

Hierbei ist nicht nur an die Fälle zu denken, bei denen es den Mächtigen nicht gelingt, ihr schändliches Verhalten geheim zu halten. Es gibt nämlich auch Fälle, bei denen sich die Mächtigen gar nicht darum bemühen, unsittliches Verhalten zu verbergen. Sie verletzen offen die Interessen der Ohnmächtigen, können diese aber aufgrund ihrer Macht trotzdem dazu zwingen, sich gegen die jeweils Anderen, vor allem aber gegenüber den Mächtigen, entsprechend den Sittenregeln zu verhalten.

 

So hielten sich im Mittelalter die Adligen oftmals für berechtigt, die Untergebenen zu unterdrücken. Es bestand für Adlige ein anderer Sittenkodex als für das gemeine Volk. In gleicher Weise halten sich rechtsradikale Politiker für Übermenschen, sie rechtfertigen ihr Verhalten damit, dass sie einer besseren Rasse entstammen und dass sie die minderwertigen Rassen verfolgen und sogar auslöschen dürfen.

 

 

5. Die Einführung des staatlichen Gewaltmonopols

 

Aber vernachlässigen wir hier diese Fälle von Doppelmoral und kehren wir wieder zurück zu der Frage, wie in Wirklichkeit ein gesellschaftliches Chaos vermieden werden kann, wenn nicht damit gerechnet werden kann, dass sich alle aus freien Stücken an den kategorischen Imperativ halten. Vernunftgründe sagen uns zwar, dass die Beachtung der Goldenen Regel Allen zugute käme, aber wir wissen nicht, wie wir zu einem solchen Gesellschaftszustand gelangen, bei dem sich auch Alle an diese Regel halten.

 

Man könnte vermuten, dass sich Alle in einer Art Volksabstimmung dafür aussprechen könnten, diese Regel freiwillig einzuhalten. Aber die geschichtliche Wirklichkeit ist in aller Regel diesem friedlichen Weg nicht gefolgt. De facto sind Staaten mit einer bindenden Rechtsordnung zumeist dadurch entstanden, dass mächtige Völker wie z. B. der römische Staat andere Völker in Schlachten besiegt oder sie auch überfallen haben und dass dann die Sieger den Besiegten eine Rechtsordnung diktiert haben.

 

Aber wie stand es beim Übergang zu den modernen, demokratischen Staatsformen? Können wir hier wenigstens davon ausgehen, dass die Bürger, denen ja individuelle Freiheit zugesichert wird, nun von sich aus – ohne äußeren Zwang – bereit sind, den allgemeinen Sittenkodex einzuhalten?

 

Auch hier müssen wir uns darüber klar werden, dass auch dann, wenn eine moralische Regel für die Menschen allgemein vernünftig erscheint, es stets einzelne Bürger geben wird, welche trotzdem nicht bereit sind, sich an diese Regeln zu halten. Auch wissen wir, dass es nahezu keine Heiligen gibt, welche sich in jedem Einzelfall an die Sittenregeln halten, der größte Teil der Menschheit mag sich zwar im Allgemeinen an diese Regeln halten, wird jedoch durchaus bisweilen schwach und folgt seinen Trieben.

 

 

6. Die Lynchjustiz

 

Darüber hinaus waren – historisch betrachtet – auch die an und für sich rechtschaffenen Bürger nicht von selbst bereit, die Wahrung der Rechtsordnung und die Verfolgung von Straftaten den staatlichen Behörden zu überlassen. Der rechtsstaatlichen Ordnung ging zumeist eine Art Lynchjustiz voraus.

 

Kam es zu schweren Verbrechen, rotteten sich die Bürger zusammen, verfolgten den vermeintlichen Täter und hängten ihn bei schweren Straftaten sofort auf. Sie waren weder bereit, zunächst zu klären, ob der Aufgegriffene überhaupt die Tat begangen hatte noch räumten sie dem Beschuldigten das Recht ein, sich zu verteidigen oder Rechtsbeistand eines Sachverständigen einzuholen. Die Folge bestand darin, dass oftmals Unschuldige dieser Lynchjustiz zum Opfer fielen und dass auch die Strafe zumeist in keiner Weise der Schwere des Verbrechens entsprach.

 

Nur mit der staatlichen Gewalt konnten diese Auswüchse beseitigt werden. Es wurde dem Staat das Gewaltmonopol zugesprochen und jede Art eigenständiger Verfolgung von Straftaten wurde selbst wiederum unter Strafe gestellt. Im Rahmen der Entwicklung zu einem freiheitlichen Rechtsstaat wurden Grundsätze entwickelt, welche sicherstellen sollten, dass nur Schuldige verurteilt wurden und dass bei der Strafzumessung alle Begleitumstände der Tat berücksichtigt werden.

 

So steht dem Angeklagten das Recht zu, von einem Anwalt verteidigt zu werden, er ist weiterhin nicht verpflichtet, sich selbst zu belasten. Er muss weiterhin freigesprochen werden, wenn seine Schuld nicht einwandfrei nachgewiesen werden konnte.

 

Er kann auch in aller Regel gegen das Urteil Berufung einlegen, was dazu führt, dass eine andere, übergeordnete Instanz die Rechtmäßigkeit des Urteils überprüfen muss.

 

Der Übergang von der Lynchjustiz zu einem geregelten rechtsstaatlichen Verfahren war äußerst schwierig, die Bürger waren nur bereit, auf die Lynchjustiz zu verzichten, wenn es dem Staat gelingt, in aller Regel den Schuldigen auch angemessen zu bestrafen.

 

Obwohl es der überlieferten christlichen Moral entspricht, dass es in erster Linie darauf ankommt, dass der Schuldige seine Tat bereut und bereit ist, sich in Zukunft weiterer Straftaten zu enthalten, trat de facto der Sühnegedanke in den Vordergrund. Die Bürger waren nur bereit, dem Staat die alleinige Aufgabe der Strafverfolgung zu übertragen, wenn auch damit gerechnet werden kann, dass es tatsächlich zur Verfolgung fast aller Straftäter kommt und dass möglichst alle Straftaten ausreichend gesühnt werden. Nur in diesen Fällen könnte damit gerechnet werden, dass weitere Straftaten möglichst vermieden werden.

 

Und immer dann, wenn es den Strafverfolgungsbehörden nicht gelingt, den Schuldigen zu bestrafen, vermehrt sich die Gefahr, dass Teile der Bürger wiederum dazu übergehen, die Taten selbst zu verfolgen.

 

Die Strafbehörden stehen deshalb unter starkem Druck, diesen Wünschen vieler Bürger entgegenzukommen und es kommt dann auch vereinzelt dazu, dass viele Beschuldigte zur Anklage kommen, obwohl keine ausreichenden Gründe für eine Verurteilung gegeben sind und der eine oder andere ermittelnde Beamte neigt dann auch dazu, die Beschuldigten stärker anzufassen als es eigentlich dem Grundsatz entspricht, dass jeder solange als unschuldig zu gelten hat, als er noch nicht von einem ordentlichen Gericht für schuldig befunden wurde.

 

Dieser Druck auf die Angeklagten ist in den Ländern wie z. B. den USA, in denen die Staatsanwälte vom Volk unmittelbar gewählt werden, aus natürlichen Gründen wesentlich größer als in Ländern, in denen wie z. B. in der BRD die Staatsanwälte staatliche Bedienstete und damit Beamte sind, deren berufliche Existenz nicht unmittelbar von der Gunst der Bürger abhängt.

 

Wenn also auf der einen Seite davon ausgegangen werden kann, dass im Prinzip alle Bürger davon profitieren, wenn Regeln wie die Goldene Regel eingehalten werden, es aber auf der anderen Seite auch immer Individuen gibt, welche nicht bereit sind, auf freiwilliger Grundlage den Sittenkodex anzuerkennen, bedarf es – wie bereits gezeigt – des Staates, eine solche Ordnung zu erzwingen. Und der Staat kann diese Aufgabe nur erfüllen, wenn ihm das staatliche Gewaltmonopol zugesprochen wird.

 

Und die Regierungen werden deshalb auf der einen Seite Gesetze erlassen, welche unerwünschte Maßnahmen unter Strafe stellen und Polizei sowie die Gerichte werden Übertretungen dieser Gesetze verfolgen und Strafen verhängen.

 

Nun führt eine solche Rechtsordnung allerdings nur dann zu dem erwünschten Ergebnis, wenn die überwiegende Mehrheit der Bürger sich auch an die Gesetze hält und sie nicht übertritt und wenn sich deshalb die Zahl derjenigen, welche diese Gesetze brechen, auf einige wenige Prozent beschränkt.

 

Dies bedeutet jedoch, dass ein rechtlich geordnetes Leben nur möglich ist, wenn der Staat auf der einen Seite überall dort Gesetze erlässt, wo die Gefahr besteht, dass das individuelle Handeln für Andere Schaden verursacht und dass auf der anderen Seite der Staat auch Übertretungen dieser Gesetze verfolgt, also nach einer Tat ermittelt, wer diese Übertretungen begangen hat und anklagt und ordentliche Gerichte je nach Schaden und Schwer der Tat Strafen verhängen.

 

Also die Einsicht, dass eigentlich Alle davon profitieren würden, wenn Jeder aus freien Stücken bereit wäre, auf alle Handlungen zu verzichten, wenn sie Anderen Schaden verursachen, reicht nicht aus, in einem Gemeinwesen ein ordentliches und friedliches Miteinander zu garantieren. Es bedarf auch der Durchsetzung der Gesetze und dies setzt hinwiederum einen starken Staat voraus, was vor allem mit der Forderung nach einem staatlichen Gewaltenmonopol zum Ausdruck gebracht wird.

 

Wenn wir auch davon ausgehen können, dass der größte Teil der Bürger durchaus von sich aus bereit ist, sich an die Gesetze zu halten, müssen wir doch immer wieder befürchten, dass immer wieder Zeiten kommen, in denen der Anteil derjenigen, welche sich nicht an die Gesetze halten, ein bedenkliches Ausmaß annimmt. Der Staat sieht sich deshalb gezwungen, nach Wegen Ausschau zu halten, um diesen Anteil möglichst auf ein Niveau zu reduzieren, bei dem die Rechtsordnung nicht ernsthaft gefährdet ist.

 

 

7. Die Rolle der Religion im Mittealter

 

Im Altertum und im Mittelalter haben Staatsmänner immer wieder den Versuch unternommen, ihre Untergebenen zu einem bestimmten religiösen Bekenntnis zu zwingen. Unabhängig davon, inwieweit auch diese Staatsmänner für sich selbst diese religiöse Bindung bejahten, der Umstand, dass die Bevölkerung an einen Gott glaubt, welcher eines Tages nach dem Tode der Einzelnen Jeden nach seinem Handeln belohnt oder bestraft und der weitere Glaube, dass dieser Gott in die Herzen der Menschen schauen kann, dass also niemand der gerechten Strafe entgehen kann, kann durchaus dazu beitragen, das Verhalten der Menschen dahingehend zu beeinflussen, dass sie insgesamt in geringerem Umfang straffällig werden.

 

Natürlich bedeutet dies nicht, dass es auf diesem Wege gelingt, jede Straftat zu verhindern, es wird leider immer Menschen geben, welche Gesetze übertreten, sei es dass sie selbst nicht an einen allwissenden Gott glauben, sei es, dass ihre Triebe so stark sind oder ihr Gewissen so stark abgetötet wurde, dass sie auch in einer solchen Ordnung immer wieder gegen die Gesetze verstoßen.

 

Die Geschichte zeigt, dass in der Tat keinesfalls immer oder in der Regel die Herrscher selbst an diesen Gott, den die Untergebenen verehren sollen, glauben. Nehmen wir das Beispiel des römischen Kaisers Constantin des Großen, der bekanntlich nach dem Sieg in der Schlacht an der Milvischen Brücke den katholischen Glauben als Staatsreligion einführte und auch selbst in den einzelnen Konzilen die Glaubenswahrheiten selbst zu beeinflussen suchte.

 

Diese Vorgehensweise hinderte jedoch Constantin nicht daran, nach wie vor, wie das auch schon bisher der Fall war, als Staatslenker wie ein Gott verehrt zu werden und als Priester des heidnischen Glaubens nach wie vor die im heidnisch-römischen Glauben vorgeschriebenen Riten zu vollziehen.

 

Hier wird ganz deutlich, dass der Glaube des Volkes hier instrumentalisiert wird, dass also die Bevölkerung weniger deshalb zu einem bestimmten Glauben gezwungen wird, weil auch die jeweiligen Herrscher in ihrem Herzen Gläubige sind, sondern vorwiegend deshalb, weil auf diese Weise die Bevölkerung in größerem Umfang gezwungen werden kann, den staatlichen Gesetze zu folgen.

 

Auch im Mittelalter setzten die Herrschenden darauf, dass das einfache Volk als Gläubige im Allgemeinen bereit ist, die Gesetze einzuhalten. Die Könige und Kaiser waren bemüht, über der Kirche zu stehen, während gleichzeitig einzelne Päpste wie vor allem Gregor VII. bemüht waren, selbst wiederum über den weltlichen Königen und dem Kaiser zu stehen.

 

So erließ im Jahre 1075 Gregor VII. unter der Bezeichnung „Dictatus Papae“ 27 Leitsätze, in denen er die Vorrangstellung der geistlichen Gewalt gegenüber weltlichen Machthabern reklamierte. Im sogenannten Investiturstreit erreichte diese Auseinandersetzung ihren Höhepunkt. Vordergründig ging es hierbei insbesondere um die Amtseinsetzung von Geistlichen durch die weltliche Macht.

 

Aber es stellt sich die Frage, warum überhaupt der Glaube an einen allwissenden und gerechten Gott die Mehrheit der Bürger dazu veranlassen sollte, sich an den Sittenkodex zu halten? Hinter der Annahme, dass vom Gottesglauben tatsächlich insgesamt ein positiver Effekt auf die Einhaltung von Sittengesetzen ausgeht, steht die generelle These, dass eine Rechtsordnung, welche Verbote vorsieht und in welcher der Staat auch bereit ist, Verstöße gegen diese Verbote zu verfolgen und zu bestrafen, auf jeden Fall das Verhalten der Bevölkerung positiv beeinflusst.

 

So entspricht es durchaus der allgemeinen Überzeugung, dass eine Gesellschaft ohne eine Ordnung, welche schädliche Verhaltensweisen verbietet und bestraft, zu einem Chaos führen würde und dies ist gleichbedeutend damit, dass jede Ordnung in der Lage ist, unerwünschtes Verhalten zu verringern. Zwar wird man nie davon ausgehen können, dass auf diesem Wege jede schädliche Handlung vermieden werden könnte, dies bedeutet aber nicht, dass trotzdem ein gewisser positiver Einfluss von einer Rechtsordnung stets ausgeht.

 

Und wenn schon in einer laizistischen Ordnung ein solcher Einfluss bejaht werden muss und auch von fast allen Autoren bejaht wird, so gilt dieser Einfluss in noch stärkerem Maße auch für eine Ordnung, welche sich auf einen Gott beruht und der einen bestimmten Sittenkodex vorschreibt.

 

Zwar erfolgt hier die Bestrafung erst nach dem Tode, während eine laizistische Ordnung ihre Strafen noch zu Lebzeiten der Straftäter ausspricht und dieser Umstand hat sicherlich zur Folge, dass nicht jeder daran glaubt, dass jede Straftat eines Tages gesühnt wird.

 

 

8. Die Rolle der Religion heute

 

Dieser Nachteil, dass die Strafe erst im Jenseits erfolgt, wird jedoch durch den Umstand, dass ein gläubiger Mensch davon ausgeht, dass Gott allwissend ist und dass er also seine Taten auch nicht vor Gott verbergen kann, kompensiert. Ein Großteil der Straftaten von Tätern ohne Glaube an einen allwissenden Gott erfolgt allein deshalb, weil der einzelne Straftäter von der zumeist irrigen Vorstellung ausgeht, dass ihm das perfekte Verbrechen gelinge und dass er deshalb seine Straftaten vor der Öffentlichkeit verbergen kann und das er deshalb auch gar nicht mit einer Strafe rechnen muss.

 

Wenn jedoch eine Straftat gar nicht bestraft wird, kann eine Rechtsordnung auch ein strafwürdiges Verhalten nicht maßgebend beeinflussen. Entweder ist der einzelne Bürger von sich aus bereit, nur Erlaubtes zu tun, er bedarf in diesem Falle gar nicht der Androhung einer Strafe oder aber er lässt sich durch Androhung einer Strafe davon abhalten, Unsittliches zu tun, dann übt aber das Gesetz nur dann einen Einfluss aus, wenn der potentielle Straftäter auch davon ausgeht, dass seine Tat nicht verheimlicht werden kann.

 

Die Frage, ob eine laizistische oder eine göttliche Ordnung de facto in der Lage ist, in stärkerem Maße strafwürdiges Verhalten zu unterbinden, hängt dann vor allem von zwei Faktoren ab. Auf der einen Seite hängt bei einer laizistischen Ordnung der Erfolg wesentlich davon ab, inwieweit es dem Staat gelingt, die Täter einer Straftat zu belangen und zu bestrafen.

 

Auf der anderen Seite kann eine göttliche Ordnung eben nur in dem Maße Einfluss ausüben und sündhaftes Verhalten verhindern, in dem die Bürger nicht nur rein äußerlich, sondern aus Überzeugung an Gott glauben. Wäre der überaus größte Teil der Bevölkerung im wahren Sinne gläubig, ginge vermutlich von einer göttlichen Ordnung der größere Einfluss auf das sittliche Verhalten einer Bevölkerung aus.

 

In unserer heutigen Rechtsordnung können wir nicht mehr davon ausgehen, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung an Gott glaubt und deshalb auch davon überzeugt ist, dass in einem Jenseits alle schlechten Taten angemessen bestraft werden. Unser Grundgesetz gewährt jedem Bürger Religionsfreiheit, dies schließt jedoch mit ein, dass auch Teile der Bevölkerung von diesem Recht in dem Sinne Gebrauch machen, dass sie ungläubig bleiben.

 

 

9. Die Bedeutung der Erziehung

 

In diesem Falle entsteht die Frage, wie kann der Rechtsstaat trotzdem eine Rechtsordnung sicher stellen und garantieren, dass sich der überwiegende Teil der Bevölkerung an die Gesetze hält? Die Beantwortung dieser Frage hängt vor allem von zwei Voraussetzungen ab.

 

Die erste Voraussetzung besteht darin, dass der Staat – wie bereits gezeigt – auch in der Lage ist, den überaus größten Teil der begangenen Straftaten aufzuklären und angemessen zu verurteilen. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass weite Teile der Bevölkerung von dem Verlangen besetzt sind, dass alle größeren Straftaten auch vom jeweiligen Täter angemessen gesühnt werden und dass immer dann, wenn dieser Anspruch dem Staate nicht gelingt, die Gefahr besteht, dass aufgebrachte Teile der Bevölkerung den Versuch machen, das Recht selbst in die Hand zu nehmen, dass aber in diesem Falle eine gerechte Bestrafung nicht erwartet werden kann.

 

Eine zweite Voraussetzung für das Gelingen einer Rechtsordnung liegt im Verhalten der Bürger, also darin, inwieweit der größte Teil der Bevölkerung von sich aus die Gesetze beachtet und deshalb strafbare Taten zu vermeiden versucht.

 

Da nun für den Teil der Bevölkerung, welcher nicht an die Existenz eines gerechten und allmächtigen Gottes glaubt, nicht damit gerechnet werden kann, dass sie aus religiösen Gründen von selbst bestrebt sind, anderen Menschen keinen Schaden zuzufügen, muss nach anderen Möglichkeiten gesucht werden, um diesen Teil der Bevölkerung von der Erwünschtheit der Rechtsordnung trotzdem zu überzeugen.

 

Nun hatten wir eingangs bereits darauf hingewiesen, dass im Rahmen der Aufklärung der Versuch unternommen wurde, nachzuweisen, dass das Einhalten des Sittenkataloges langfristig der gesamten Bevölkerung zugute kommt. Zwar muss der Einzelne im Einzelfall bisweilen darauf verzichten, seinen Nutzen zu maximieren, aber gerade dann, wenn dieses Individuum auch davon ausgehen kann, dass alle Anderen um ihn herum ebenfalls diesen Verzicht leisten, wird es trotzdem per saldo einen Nutzengewinn erzielen.

 

Allerdings haben wir ebenfalls bereits gesehen, dass diese Annahme nur gerechtfertigt ist, wenn die Aussicht, dass eine Tat der Öffentlichkeit verborgen bleibt, äußerst gering ist. Wir haben auch gesehen, dass gerade ein Großteil der tatsächlich ausgeübten Straftaten damit erklärt werden muss, dass der Straftäter von der Überzeugung ausgeht, ihm selbst gelinge das perfekte Verbrechen, bei dem die Öffentlichkeit nicht erkennen kann, wer diese Tat begangen hatte.

 

Wenden wir uns nun der ersten Voraussetzung für eine funktionierende Rechtsordnung zu. Der Staat kann danach langfristig dadurch die Anzahl der Straftaten verringern, dass er die Aufklärungsquote verbessert. Je mehr Straftaten tatsächlich aufgeklärt werden und die Straftäter einer gerechten Strafe zugeführt werden, um so geringer dürfte die Zahl der potentiellen Straftäter sein, welche die Tat deshalb begehen, weil sie davon überzeugt sind, dass ihnen das perfekte Verbrechen gelingt.

 

Nun wurde in der Vergangenheit wiederholt von Seiten des Staates der Versuch unternommen, durch Verstärkung der Überwachung die Aufklärungsquote der Straftaten zu erhöhen. Auf lange Sicht sind die Ergebnisse dieser Bemühungen jedoch fragwürdig. Zumeist ist der Rückgang der Straftaten nur kurzfristig. Langfristig müssen wir nämlich damit rechnen, dass die Straftäter auf die Verschärfung der Überwachung reagieren und nach neuen Wegen suchen, ihre Aktivitäten vor den Strafbehörden geheim zu halten.

 

Auch müssen wir uns darüber klar werden, dass jede Verschärfung der Überwachung den Freiheitsraum aller Bürger verringert. Da die Wahrung der Freiheitsrechte selbst ein hoch geschütztes Grundrecht darstellt, stoßen derartige Maßnahmen ohnehin auf Grenzen. Diese Maßnahmen sind vor allem auch deshalb fragwürdig, da auf diese Weise die Bürger, welche zu dem Kreis der verdächtigten Personen nur deshalb gezählt werden, weil sie sich rein zufällig zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort aufgehalten haben, ohne das geringste mit den Tatverdächtigen zu tun zu haben, stark ansteigt.

 

Gerade aus diesen Gründen ist zu überprüfen, ob der Umfang der Straftaten nicht stärker dadurch auf lange Sicht verringert werden kann, dass man im Rahmen der Erziehung das Verhalten nachhaltig so beeinflussen kann, dass immer mehr Bürger von sich aus bereit sind, auf Handlungen zu verzichten, welche anderen Individuen Schaden verursachen.

 

So kann auch eine sachliche Aufklärung bereits einen positiven Einfluss auf das Verhalten der Jugendlichen nehmen. Zwar mag es richtig sein, dass de facto immer ein gewisser Prozentsatz der Straftaten nicht aufgeklärt werden kann. Trotzdem sollte jedoch der potentielle Straftäter nie davon ausgehen können, dass seine Täterschaft in jedem Falle unbekannt bleibt. Hier auf Erden gibt es allerdings keine absolute Sicherheit. Diese Erkenntnis gilt auch für das Bekanntwerden von Straftaten.

 

Der Sicherheitsgrad des Bekanntwerdens einer Tat hängt stets sowohl vom Verhalten des Täters, aber auch vom Verhalten der Strafbehörden ab. Selbst dann, wenn der Einzelne tatsächlich alles Mögliche getan hat, um unerkannt zu bleiben, er kann bisweilen von besonders findigen Verfolgungsbeamten trotzdem erkannt werden, ganz davon abgesehen, dass jeder Mensch, auch der Verbrecher, im Einzelfall Fehler macht oder ihm die Kenntnis bestimmter Fakten einfach entgeht.

 

Wieweit jemand bereit ist, bei seinem Handeln stets auch das Interesse der Anderen mit zu berücksichtigen, hängt darüber hinaus davon ab, in was für einem sozialen Klima ein Jugendlicher aufgewachsen ist. Wenn er in einer Gruppe aufwächst, in welcher bei fast allen Handlungen jeweils auch das Interesse der Anderen Berücksichtigung findet, dann gewinnt für den Jugendlichen ein solches altruistisches Verhalten den Charakter der Normalität, die nicht hinterfragt werden muss und er wird sich wie von selbst – ohne darüber nachzudenken – diesem Verhalten anpassen.

 

Umgekehrt gilt natürlich: Wenn der Jugendliche in einem Milieu aufwächst, in welchem alles Verhalten der Erwachsenen vom Egoismus geprägt ist, dann erhält ein solches Verhalten wiederum für ihn den Charakter einer Normalität und wenn er diese Verhaltensweisen übernimmt, sieht er darin auch nichts Schlechtes.

 

Ganz generell ist davon auszugehen, dass Kinder vor allem in ihren ersten Lebensjahren, in denen ihre geistige Entwicklung noch nicht so herangereift ist, dass sie bereits den Sinn und Zweck eines bestimmten Tuns erkennen können, das Verhalten der Erwachsenen nachzuahmen versuchen. Und ist ein bestimmtes Verhalten einmal internalisiert, so wird man durch Erziehungsmaßnahmen später nur sehr schwer den zu Erziehenden zu einer grundsätzlichen Umkehr seines Verhaltens bewegen können. Gerade deshalb ist es notwendig, dass die Eltern und Erzieher ihren Kindern oder zu Erziehenden stets mit gutem Beispiel vorangehen, sodass die Kinder schon in frühen Jahren an ein Verhalten gewöhnt werden, das auch die Interessen der jeweils Anderen mitberücksichtigt.