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Berühmte Irrtümer Teil II

 

 

Gliederung:

 

  1. Inflation Voraussetzung für Konjunkturbelebung?

  2. Macht Reichtum wirklich glücklich?

  3. Sicherheit durch Überwachung und korrektes Verhalten?

  4. Moralisches Handeln stets im Interesse jedes einzelnen?

  5. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand

  6. Lügen haben kurze Beine

  7. Abschreckungsstrategie verhindert Atomkrieg?

  8. Rationale Entscheidung stets besser als Intuition?

  9. Bilder lügen nicht

                10. Wo Rauch, da Feuer

11. Angriff ist die beste Verteidigung

12. Recht auf Waffe erhöht die Sicherheit

 

 

Kapitel 2. Macht Reichtum wirklich glücklich?

 

 

Gliederung:

 

0. Das Problem

1. Glück versus Zufriedenheit

2. Hedonismus versus Stoizismus

3. Die Haltung des Christentums zum Reichtum 

4. Unterschiedliche Zielsetzungen: Reichtum, Macht, Ansehen

5. Die Bedeutung der Vergangenheit für die heutige Zufriedenheit

6. Die Rolle der Erwartungen für das heutige Glück

7. Frustrationen als Folge nichterfüllter Erwartungen

8. Die Rolle der Erziehung

9. Zufriedenheit abhängig vom Reichtum der anderen?

 

 

0. Das Problem

 

Nach einer weitverbreiteten Meinung macht Reichtum glücklich. Wir Menschen haben Bedürfnisse und Wünsche und fast alle Bedürfnisse und Ziele erfordern zu ihrer Befriedigung und Verwirklichung materieller Güter.

 

Und dies gilt unabhängig davon, welchen moralischen Wert ein Ziel hat, es ist keinesfalls so, dass moralisch hochstehende Ziele keiner materiellen Güter bedürfen und dass amoralische Ziele gerade darin bestehen, dass ihre Befriedigung einen hohen materiellen Einsatz verlangen. Es gibt moralisch sehr hochstehende Ziele, wie z. B. Hilfe für Menschen, welche aufgrund von Naturkatastrophen alles verloren haben. Dieses Ziel erfordert sogar einen sehr hohen materiellen Einsatz. Und es gibt moralisch verwerfliche Ziele, wie z. B. das Mobbing, welche auch ohne materielle Güter verwirklicht werden können.

 

Wenn also für die meisten unserer Ziele und Bedürfnisse materielle Güter benötigt werden, sollte man doch meinen, dass je reicher Jemand ist, er auch seine Wünsche um so mehr befriedigen und glücklich werden kann und dass deshalb mit dem Reichtum der Individuen auch das individuelle Glück ansteigt.

 

Aber ist dem wirklich so? Widerspricht diese Schlussfolgerung nicht allem, was uns im Alltagsleben begegnet? Kennt nicht Jeder von uns Bekannte, welche im Hinblick auf ihr Einkommen und Besitz als ausgesprochen arm zu bezeichnen sind, von denen man aber den Eindruck hat, dass sie dennoch mit ihrem Leben durchaus zufrieden sind und nicht mit ihrem Schicksal hadern?

 

Natürlich ist es richtig, dass Zufriedenheit sicherlich voraussetzt, dass der Einzelne über ein Mindestmaß an materiellen Gütern verfügt. Das sogenannte Existenzminimum fasst all die materiellen Güter zusammen, welche für ein menschenwürdiges Leben unerlässlich sind. Und in diesem Sinne müssen wir natürlich feststellen, dass ein Glücklichsein in der Tat ein Minimum an materiellen Gütern voraussetzt. Aber sobald diese Schwelle der menschlichen Existenz überschritten ist, lässt sich nicht mehr feststellen, dass das Glücklichsein in dem Maße ansteigt, in dem der Einzelne über mehr Einkommen oder Vermögen verfügt.

 

Ganz im Gegenteil erfahren wir in unserem täglichen Leben immer wieder von Menschen, welche besonders reich waren und die auf keinen Fall Anzeichen einer Zufriedenheit und Glück aufwiesen, vielmehr als Gejagte durch ihr Leben gingen und mit dem bisher Erreichten nicht zufrieden waren, es hat den Anschein, als würde in dem Maße, in dem der Einzelne über immer mehr materielle Güter verfügt, einem Zwang unterliegen, immer noch mehr Reichtum anzusammeln.

 

Rein äußerlich betrachtet scheint diese Erfahrung auch mit einer grundlegenden Prämisse der Wirtschaftstheorie übereinzustimmen, welche von der Annahme ausgeht, dass die Unternehmer ganz allgemein bestrebt sind, jede mögliche Gewinnsteigerung mitzunehmen und dass man das Unternehmerverhalten zumindest in einer Marktwirtschaft als Gewinnmaximierung umschreiben könne.

 

Ich habe an anderer Stelle wiederholt daraufhin gewiesen, dass eine solche Interpretation der Gewinnmaximierungsannahme vollkommen am Sinn dieser Annahme vorbeigeht, dass diese Annahme weniger eine Hypothese über die letztlichen Motive der Unternehmer darstellt als vielmehr in erster Linie das Anreizsystem einer Marktwirtschaft (allerdings nur unter gewissen Bedingungen) umschreibt.

 

An dieser Stelle ist aber von größerer Bedeutung, dass dann, wenn man die Gewinnmaximierungshypothese als grundlegendes Motiv auffassen würde, diese Annahme mit einem weiteren grundlegenden Lehrsatz der Wirtschaftstheorie in Widerspruch geraten würde: nämlich dem Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen.

 

Nach diesem ersten Gossen’schen Gesetz nimmt der Nutzen bei vermehrtem Verbrauch eines Gutes zwar mit jeder neuen Konsumeinheit bis zu der sogenannten Sättigungsgrenze absolut zu, entscheidend ist jedoch, dass der Zuwachs des Nutzens der letzten verbrauchten Gütereinheit immer geringer wird, bis er schließlich auf null absinkt und unter Umständen sogar bei weiterer Ausdehnung des Konsums in Missnutzen (Schaden) umschlägt.

 

Dieses erste nach Gossen benannte Gesetz bezog sich zunächst auf die einzelnen konsumierten Gütereineinheiten, wurde aber später auch auf das gesamte Einkommen bezogen, sodass danach der Nutzenzuwachs mit wachsendem Einkommen immer mehr zurückgeht und bei einer bestimmten Einkommenshöhe auf null absinkt.

 

Entsprechend diesem Gesetz müsste man doch eigentlich erwarten, dass die Menschen dann, wenn ihr Einkommen noch gering ist, in hohem Maße auf eine Steigerung ihres Einkommens hinarbeiten, dass aber in dem Maße, indem das Einkommen steigt, automatisch der Versuch, das Einkommen noch weiter zu steigern, immer mehr nachlässt.

 

Diese Vermutung gilt vor allem deshalb, weil ja auch die Freizeit ein – zwar immaterielles – Gut darstellt und die erwerbswirtschaftliche Arbeit zumeist verbunden ist mit einem automatischen Rückgang in der Freizeit. Wenn nun auch für das Gut ‚Freizeit‘ das Gesetz vom abnehmenden Nutzenzuwachs gilt, müsste danach der Versuch, sein Einkommen durch mehr Erwerbstätigkeit zu vermehren – und das heißt auch durch weniger Freizeit – automatisch zu einem Anstieg im Nutzenverlust der Freizeit führen, was selbst wiederum zur Folge hätte, dass mit wachsendem Einkommen (mit verminderter Freizeit) der Nutzenzuwachs per saldo stark zurückgeht.

 

Es fragt sich nun, warum wir in der Wirklichkeit wiederholt beobachten, dass die besonders Reichen gerade nicht aufhören, nach weiteren Einkommenssteigerungen zu trachten, sondern ganz im Gegenteil hierzu, ihre auf eine Einkommenssteigerung gerichteten Anstrengungen sogar vermehren? Wer reich ist, will also offensichtlich in aller Regel noch reicher werden.

 

Mit der Meinung, dass Reichtum glücklich macht, scheint auch die weitere Tatsache in Widerspruch zu stehen, dass Menschen, welche durch ein Lotterielos plötzlich reich, ja ‚stinkreich‘ geworden sind, sehr oft nach einigen Jahren wiederum verarmt sind, weil sie es offensichtlich nicht verstanden haben, ihr Reichtum so einzuteilen, dass sie für ihr weiteres Leben ausgesorgt haben, obwohl sie eigentlich hätten für immer besonders glücklich sein müssen.

 

Selbst dann, wenn wir diese Zusammenhänge einmal vernachlässigen, also stilschweigend unterstellen, dass mit dem wachsenden Reichtum das Ziel einhergeht, immer weniger Anstrengungen zum weiteren Erwerb vorzunehmen und die kostbare Zeit nun dafür einzusetzen, um den in der Vergangenheit erworbenen Reichtum zu genießen, oftmals werden diese Wunschträume dadurch jäh zunichte gemacht, dass Andere den Reichtum der Wenigen neiden und durch Diebstahl, Erpressung bis hin zum Kidnapping das Glück der Superreichen zunichtemachen.

 

Wir kommen also zu dem Ergebnis, dass die Meinung, Reichtum mache auf jeden Fall glücklich, sicherlich in dieser einfachen Form falsch ist, dass zwar vermutlich Reichtum dazu beitragen kann, die Menschen glücklich zu machen, dass aber der Zusammenhang zwischen Glück und Reichtum sehr viel komplexer ist, dass Reichtum weder ausreicht, Menschen in jedem Falle glücklich zu machen noch dass Reichtum notwendig ist, um wirklich glücklich zu werden.

 

 

1. Glück versus Zufriedenheit

 

Bevor wir uns mit der These, dass Reichtum stets oder zumindest in aller Regel glücklich mache, näher auseinandersetzen, wollen wir uns in einem ersten Schritt kurz mit dem Begriff ‚Glück‘ befassen. Mit diesem Wort soll im Allgemeinen nicht nur zum Ausdruck gebracht werden, dass es der Person, welche Glück erfahren hat, rundum gut geht, zumeist ist vielmehr mit diesem Begriff ein besonderes positives Gefühl verbunden, das der Einzelne – manchmal bis zur Exstase – empfindet und das ihn in einen Zustand versetzt, der ihn alle Alltagssorgen vergessen lässt.

 

Ich bin mir nicht sicher, ob es in diesem Sinne wirklich viele Menschen gibt, denen dieser Zustand je begegnet ist, ja sich schon gar nicht für immer oder zumindest nicht für eine längere Zeit eingestellt hat. Auch habe ich meine Zweifel, ob ein solcher Zustand überhaupt wünschenswert ist.

 

Ich möchte deshalb in diesem Zusammenhang eher von Zufriedenheit sprechen. Dieser Begriff geht davon aus, dass der Mensch in aller Regel von recht unterschiedlichen Bedürfnissen und Zielen hin- und hergerissen ist, dass sehr oft seine eigenen Ziele und Wünsche in einen Widerspruch zu den Geboten der Gemeinschaft geraten und dass Zufriedenheit dann bedeutet, dass der Zufriedene diesen Konflikt nun beherrschen kann, dass er eine Lösung gefunden hat, mit der er in sich im Reinen ist, sodass also in seiner Seele Frieden eingekehrt ist.

 

Zwar müssen wir auch hier davon ausgehen, dass im Allgemeinen Zufriedenheit ein Zustand ist, der keinesfalls alle Menschen – oder der größte Teil von ihnen – erfasst, vielleicht erreichen nur ganz wenige auserwählte Menschen einen solchen Zustand, dass sie von sich sagen können, sie seien nun rundum zufrieden. Und selbst dann, wenn ein Einzelner dieses Ziel jemals vollständig erreicht hat – er wird sich fast immer nur diesem Ziel mehr oder weniger nähern, ohne jemals das Ziel 100 prozentig erreicht zu haben – er kann nicht damit rechnen, dass dieser seelische Zustand nun für immer bestehen bleibt, er kann vielmehr schon kurz danach wiederum in hohem Maße mit sich und der Welt unzufrieden sein.

 

Aber immerhin können wir vermuten, dass dennoch ein viel größerer Teil der Menschheit es geschafft hat, zumindest vorübergehend zufrieden zu sein als man Menschen finden kann, die rund um glücklich sind. Vor allem dürfte für viel mehr Menschen das Ziel der Zufriedenheit auch viel eher erstrebenswert sein als das Ziel glücklich zu werden.

 

 

2. Hedonismus versus Stoizismus

 

Wenn wir nach den Begründungen dafür, dass Reichtum glücklich machen soll, fragen, dann kommt dieser These am ehesten die hedonistische Lehre nahe, welche unter anderen von Jeremy Bentham entwickelt wurde.

 

Jeremy Bentham zählt zu den englischen Frühliberalen und der von ihm vertretene Hedonismus geht nicht nur von der These aus, dass die Menschen ganz allgemein nach einem höchstmöglichen Lustgewinn streben und all ihr Handeln an dieser Maxime ausrichten, diese Verhaltensregel wird auch zum ethischen Grundprinzip erklärt, wonach es auch zu den wichtigsten Zielen einer Gemeinschaft zählt, dass möglichst alle oder zumindest die meisten Menschen ein Maximum an Nutzen erfahren, wobei der Nutzen weitgehend mit der gefühlsbetonten Lust gleichgesetzt wird.

 

Und wenn wir nun berücksichtigen, dass die einzelnen Individuen durch den Konsum der Güter Nutzen erfahren und wegen der Knappheit der materiellen Ressourcen Güter nur dadurch erwerben können, dass sie über Einkommen oder Vermögen verfügen, dann kann man die hedonistische Lehre auch so interpretieren, dass das Glück letztendlich vom Einkommen und Vermögen abhängt und dass dann in der Tat Reichtum ein Nutzenmaximum herbeiführt und in diesem Sinne glücklich macht.

 

Eine Gegenposition zum Hedonismus nimmt der Stoizismus ein. Zu den führenden Stoikern gehörten Zenon von Tarsos und vor allem Seneca. Der Stoizismus war während des Römischen Reiches die am meisten beachtete Philosophie, bevor Konstantin der Große das Christentum zur Staatsreligion erklärt hatte.

 

Fragt man nach der Ethik der Stoiker, geht es vor allem darum, das Leben im Einklang mit der Allnatur, den Gehorsam gegen das göttliche Gesetz und das es aussprechende Pflichtgebot der Vernunft zu bringen. Auf der Grundlage dieser Überzeugung entwickelten die Stoiker auch eine Theorie der Naturgesetze, welche zu einem starken Einfluss auf die römische Rechtsprechung führte.

 

Entsprechend dem Stoizismus liegt das Wohl des einzelnen Menschen nicht in den äußeren Objekten, sondern im Seelenzustand selbst. Deshalb lauten die vier Kardinaltugenden der Stoa – von Platon abgeleitet – : Weisheit, Mut, Gerechtigkeit und Mäßigung.

 

Und wenn wir versuchen, auch den Stoizismus unserem Begriffspaar: Glück versus Zufriedenheit zuzuordnen, dann ist es weniger das auf Lust basierende Glück als die Zufriedenheit, die im Einklang mit den Zielen der Stoa steht. Wer Zufriedenheit anstrebt, geht davon aus, dass die Natur des Menschen auf widerstrebende Bedürfnisse und Ziele angelegt ist und dass der Mensch nur dann sein Leben meistern kann, wenn er diesen inneren Konflikt überwinden kann und Frieden zwischen diesen widersprechenden seelischen Regungen findet.

  

 

3. Die Haltung des Christentums zum Reichtum 

 

Welche Haltung nimmt nun das Christentum zu der These ein, Reichtum mache glücklich? Wenn man zur Beantwortung dieser Frage die Bibel befragt, fällt einem hierzu sofort die Bibelstelle bei Matthäus Kapitel 19 ein, welche vom Reichtum und der Nachfolge handelt. Dort heißt es:

 

23 ‚Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: Amen, das sage ich euch: Ein Reicher wird nur schwer in das Himmelreich kommen.

24 Nochmals sage ich euch: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.

25 Als die Jünger das hörten, erschraken sie sehr und sagten: Wer kann dann noch gerettet werden?

26 Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich.‘

 

Oberflächlich betrachtet könnte man aus diesem Text die Schlussfolgerung ziehen, dass die Menschen überhaupt nur dann zur ewigen Glückseligkeit gelangen könnten, wenn sie auf Reichtum vollkommen verzichten würden und eine solche Forderung ist das Gegenteil von der Vorstellung, dass Reichtum glücklich mache.

 

Eine etwas eingehendere Beschäftigung mit dieser Bibelstelle lässt jedoch erkennen, dass die Schlussfolgerungen, welche aus dieser Bibelstelle zu ziehen sind, etwas komplizierter sind.

 

Als erstes müssen wir uns bei der Interpretation dieser Bibelstelle vor Augen führen, dass sich Jesus einer im Orient üblichen Ausdrucksweise bedient, Wahrheiten pointiert zu formulieren, um seine Zuhörer wachzurütteln und zu einer Umkehr zu bewegen. Hierzu bedarf es keiner hochwissenschaftlichen Abhandlung, sondern eher leicht verständlicher, markanter, vielleicht sogar etwas übertreibender Formulierungen.

 

So antwortete Jesus z. B. auf die Frage des Petrus, ‚Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal‘ nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal. (Mt 18,21f.) Er wollte jedoch damit nicht zum Ausdruck bringen, dass beim 78. Mal keine Verzeihung mehr gewährt werden sollte, sondern dass man dem Sündigen immer verzeihen solle, vorausgesetzt, er bereut seine Tat von ganzem Herzen.

 

Als zweites kann der Sinn einer Bibelstelle nur dann voll erkannt werden, wenn man andere Bibelstellen heranzieht, welche ebenfalls das Thema des Reichtums problematisieren. Das Neue Testament enthält aber sehr wohl weitere Stellen, welche sich mit der Problematik des Reichtums auseinandersetzen. So wird im, Lukasevangelium Kapitel 19 berichtet, wie Jesus bei dem reichen Zöllner einkehrte:

 

1 ‚Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt.

2 Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich.

3 Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein.

4 Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste.

5 Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.

6 Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf.

7 Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt.

8 Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.

9 Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.‘

 

Obwohl also Zachäus sehr reich war und darüber hinaus diesen Reichtum dadurch erworben hatte, dass er im Auftrag der römischen Besatzungsmacht die Juden ausbeutete, war ihm trotzdem das Heil geschenkt. Offensichtlich kommt es weniger darauf an, ob jemand reich ist, sondern, wie er seinen Reichtum einsetzt, welchen Stellenwert sein Reichtum in seinem Leben einnimmt. Dadurch, das Zachäus Jesus versicherte, dass er bereue, Juden ungerecht behandelt zu haben und dass er bereit sei, diesen Schaden wieder gutzumachen, konnte auch ihm das Heil geschenkt werden, obwohl er nach wie vor sehr reich war.

 

Im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus (Lukasevangelium Kapitel 16,19-31) erfahren wir, worin denn das Verabscheuungswürdige eines reichen Mannes besteht:

 

19 ‚Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte.

20 Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war.

21 Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.

22 Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben.

23 In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß.

24 Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer.

25 Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden.‘

 

Der Reiche erleidet also in diesem Gleichnis nach seinem Tode nicht deshalb Höllenqualen, weil er reich ist, sondern deshalb, weil er das Gebot der Nächstenliebe (und dieses Gebot ist nach Jesus Auskunft neben dem Gebot der Gottesliebe das wichtigste Gebot überhaupt) in schändlicher Weise missachtet hat und dem armen und schwerkranken Lazarus noch nicht einmal die Brosamen, welche vom Tisch des Reichen fielen, gegönnt hatte.

 

Drittens zeigt auch eine eingehendere Analyse des Gleichnisses vom Kamel, das durch kein Nadelöhr geht, dass Jesus keinesfalls Reichtum als solchen als Hindernis ansieht, ewige Glückseligkeit zu erlangen. Jesus beginnt nämlich dieses Gleichnis damit, dass er daraufhin weist, es sei für einen Reichen schwierig, ins Himmelreich einzugehen.

 

Schwierig heißt nicht unmöglich, der Reiche muss sich also anstrengen, um das Heil zu erlangen und wenn er sich Mühe gibt, dann kann er sehr wohl wie auch die Armen nach seinem Tode ins Himmelreich eingehen. Und Jesus fährt dann fort: ‚Nochmals sage ich euch…‘ und diese Formulierung besagt eindeutig, dass der Inhalt des ersten Satzes (es ist schwierig) nochmals mit anderen Worten wiederholt werden soll.

 

Und deshalb kann der Vergleich mit dem Kamel, das durch kein Nadelöhr geht, auch nicht bedeuten, dass es für einen Reichen genauso unmöglich ist, das Heil zu erlangen, wie es de facto für ein Kamel unmöglich ist, durch ein Nadelöhr zu gehen. Es soll eben nur durch bewusste pointiert hervorhebende Übertreibung auf die sicherlich gegebene überaus große Schwierigkeit, als Reicher das Heil zu erlangen, hingewiesen werden.

 

Und als die Jünger das hörten, erschraken und dann entsetzt frugen, wer könne dann noch gerettet werden, sah Jesus sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich.

 

Wir kommen also zu dem Ergebnis, dass zwar für einen Christen Reichtum keineswegs das Mittel ist, Glückseligkeit zu erlangen, ohne aber dass Reichtum als solches als unüberwindbares Hindernis anzusehen ist, um zu Glückseligkeit zu gelangen.

 

 

4. Unterschiedliche Zielsetzungen: Reichtum, Macht, Ansehen

 

Wir wollen nun im Folgenden eine Gegenposition zu der These, dass Reichtum und nur Reichtum zu Glück führe, entwickeln. Einer der Hauptfehler der hier zu kritisierenden These besteht bereits darin, dass wie selbstverständlich von der Gleichheit aller Menschen ausgegangen wird und dass unterstellt wird, dass sich deshalb die Menschen in ihrem Streben nach Gleichheit alle gleich verhalten und auch verhalten sollten.

 

Natürlich ist es richtig, dass die Menschen in gewissen Bereichen als gleich zu gelten haben, in anderen Bereichen sind sie jedoch in so hohem Maße auch ungleich, als kein Individuum in allen Punkten einem anderen Individuum gleicht.

 

Und gerade im Hinblick auf die Frage, auf welchem Wege denn die Menschen ihr Glück finden, bestehen beachtliche Unterschiede zwischen den Menschen, nahezu jeder Mensch hat ein unterschiedliches Lebensziel. Und gerade weil die Menschen in dieser Frage unterschiedliche Bedürfnisse haben und unterschiedliche Ziele verfolgen, wird der menschlichen Natur auch nur dann entsprochen, wenn diese Unterschiedlichkeit der einzelnen Individuen voll anerkannt wird.

 

 Es sollte also akzeptiert wird, dass ein Maximum an Zufriedenheit aller Menschen überhaupt nur dann erreicht werden kann, wenn man die Unterschiedlichkeit der einzelnen Individuen akzeptiert und es den Einzelnen auch frei stellt, selbst zu entscheiden, auf welchem Wege der Einzelne sein Glück erreicht.

 

Jeder Versuch, in meritorischer Haltung von Seiten des Staates oder der Gesellschaft festzulegen, wie der Einzelne glücklich zu werden hat, widerspricht dem Wesen des Menschen.

 

Und wenn wir nun auf der Grundlage dieser Überlegungen beobachten, welche Lebensziele sich die einzelnen Menschen stellen, um auf diese Weise Glück oder besser Zufriedenheit zu erlangen, stellen wir fest, dass sich insbesondere drei grundverschiedene Verhaltensmuster abzeichnen.

 

Es gibt einen ersten Menschentyp, dessen Hauptverlangen in der Tat darin besteht, sich möglichst viele materielle Güter anzueignen und von denen man deshalb annehmen kann, dass ihr vorrangiges Lebensziel darin besteht, reich zu werden.

 

Der Prototyp dieses ersten Menschentyps ist der Unternehmer, der entsprechend der liberalen Wirtschaftstheorie bei all seinen Handlungen bestrebt ist, seinen Gewinn zu maximieren.

 

Allerdings wird diese Hypothese zumeist missverstanden. Diese Annahme will nämlich nichts über die letztlichen Motive aussagen, welche die Unternehmer zu ihren Handlungen antreiben. Diese Motive können sogar in durchaus moralisch hochstehenden Zielen bestehen, so etwa die Menschheit durch Erfindung eines Flugzeuges oder des elektrischen Lichtes zu beglücken.

 

Die Gewinnmaximierungsthese will vielmehr in erster Linie etwas aussagen über das Anreizsystem einer freien Marktwirtschaft. Besteht nämlich auf Märkten ein intensiver Wettbewerb der Unternehmer untereinander, so wie es für ein reibungsloses Funktionieren einer Marktwirtschaft unerlässlich ist, so sieht sich der Unternehmer gezwungen, alle möglichen (und natürlich erlaubten) Möglichkeiten der Gewinnsteigerung auszunutzen, um sich auf diese Weise gegen die Konkurrenz zu behaupten.

 

Aber auch dann, wenn einzelne Unternehmer eine Monopolstellung erlangen, stehen sie oftmals unter dem inneren Zwang, nach immer mehr Gewinn Ausschau zu halten. Dieser Zwang hängt damit zusammen, dass gerade dann, wenn ein einzelner Unternehmer einen enormen Reichtum erlangt hat, die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass andere ihm diesen Reichtum neiden und aufgrund dieser Chancen bestrebt sind, in diesen Markt einzudringen. Eine morphologisch gesehen faktische Monopolstellung verhindert – wie vor allem Friedrich von Hayek gezeigt hat – nicht potentielle Konkurrenz.

 

Es gibt jedoch noch einen weiteren, ebenfalls weit verbreiteten Menschentyp: der Machtmensch, welcher bestrebt ist, das allgemeine Geschehen zu bestimmen und die Mitmenschen zu einem ganz bestimmten Verhalten zu zwingen. Es war vor allem Joseph Alois Schumpeter, der darauf hingewiesen hat, dass sich in einer repräsentativen Demokratie auch die Parteien ähnlich wie die Unternehmer in einer Marktwirtschaft verhalten, anstelle der Gewinnmaximierung trete die Maximierung der bei der Wahl zu erlangenden Stimmen.

 

Auch hier ist es weniger die Machtgier der einzelnen Politiker, die sie zu einem solchen Verhalten drängt, sondern es ist wiederum die Tatsache, dass ein Politiker nur dann Aussicht hat die Wahlen zu gewinnen, wenn er jeweils diejenigen Maßnahmen in Aussicht stellt, welche ihm einen maximalen Stimmengewinn garantieren.

 

Aber auch für das politische Subsystem unserer Gesellschaft gilt, dass auch ein alleinregierender Diktator von den äußeren Umständen her getrieben wird, alles für den Ausbau seiner Macht zu tun. Auch hier gilt, dass je größer die bereits erreichte Machtstellung ist, um so größer ist das Verlangen anderer, diese Machtposition zu erreichen und den augenblicklichen Machthaber durch Revolution zu stürzen. Es ist kaum möglich, dass sich ein Diktator auf der erreichten Macht ausruht und darauf verzichtet, seine Macht dadurch zu sichern, dass er noch mehr Macht anstrebt.

 

Ein dritter Menschentyp strebt in erster Linie Ansehen bei seinen Mitmenschen an, er möchte geachtet, ja sogar von den Anderen geliebt werden. Bekanntlich schwimmen auch die Mächtigen gerne im ‚Bad in der Menge‘. Im Gegensatz zu den beiden anderen Menschentypen kommt dieses Verlangen aus dem Inneren, ist vorwiegend psychisch bestimmt. Es gibt auch weniger äußere Anreizsysteme, welche ein solches Verhalten erzwingen.

 

Ansehen, Achtung und Liebe treten im Allgemeinen nur dann auf, wenn derjenige, der von den Anderen geachtet und geliebt werden möchte, zuvor auf den Anderen zugegangen ist, sozusagen eine Vorleistung erbracht hat und auch den anderen ebenfalls achtet und liebt.

 

Insofern unterscheidet sich dieser dritte Menschentyp von den beiden anderen vor allem dadurch, dass ein reziprokes Verhältnis besteht zwischen den Menschen, welche in gegenseitiger Achtung miteinander verbunden sind. Der Reiche erlangt seinen Reichtum vor allem dadurch, dass er die Anderen eher ärmer macht und der Mächtige ist mächtig, in dem Maße, indem die jeweils Anderen ohnmächtig sind.

 

Natürlich handelt es sich bei diesen drei Menschentypen um Idealtypen, welche in dieser Reinheit nur selten auftreten. Die meisten realen Menschen weisen zumeist Merkmale aller drei Typen auf, nur das Mischungsverhältnis ist so, dass die Einzelnen entweder besonders stark nach Reichtum oder nach Macht oder schließlich nach Anerkennung streben.

 

Auch und gerade die Machthaber streben in ihrem Inneren nach Ansehen und da man aber Ansehen nicht erzwingen kann – man kann allenfalls die anderen dazu bringen, dass sie vorgeben, die Mächtigen zu achten – wird ihr letztliches Sinnen auch nicht erfüllt und gerade deshalb sind sie bemüht, durch noch mehr Macht das nie zu erreichende Ziel zu ertrotzen oder zum Ausgleich noch mehr Macht zu gewinnen.

 

Auch können Machthaber eben ihre Macht dazu missbrauchen, dass sie korrupt sind, Reichtum ansammeln und ihren Verwandten Reichtum zuschanzen.

 

Auch ein Superreicher verfügt über Macht, er hat zunächst Macht über seine Arbeitnehmer, die sich seinen Weisungen fügen müssen und er kann sich auch Macht im politischen System erkaufen, indem er den Politikern die materiellen Ressourcen zur Verfügung stellt, ohne die sie ihre Macht weder verteidigen noch ausweiten können.

 

Insgeheim wird auch er nach Ansehen lechzen, die Schwierigkeit liegt nur darin, dass er zumeist von seinen wirtschaftlichen Aufgaben so eingenommen wird, dass er gar nicht die Zeit hat, sich denjenigen zu widmen, von denen er Achtung und Liebe erwartet, aber gerade Ansehen und Liebe kann man eben nur dann erlangen, wenn man sich intensiv dem jeweils Anderen widmet, eine Notwendigkeit, welche natürlich auch für den Machthaber gilt.

 

Schließlich einige Worte zu dem dritten Menschentyp, dem die Achtung und Zuneigung zu Menschen das Wichtigste auf Erden bedeutet. Während sowohl der Reiche wie auch der Mächtige ihre Ziele nur dann erreichen, wenn sie in großen Stile möglichst viele Menschen beeinflussen und Reichtum ansammeln, gilt für den dritten Menschentyp, dass sein Begehren zumeist auf ein oder nur sehr wenige Individuen gerichtet ist, Liebende nehmen sich voll in Anspruch, sie bedürfen nicht wie die Mächtigen des Bades in der Menge, die Liebe und Achtung, die ihm der Liebende entgegenbringt, reicht auch aus, um ihn glücklich zu machen.

 

Hierbei wird man davon ausgehen können, dass Liebe vor allem in der ersten Stufe vorwiegend durch erotische Zuneigung getragen wird und auch im Eros zunächst gefühlsmäßig seinen Höhepunkt erreicht.

 

Allerdings schwinden in dem alltäglichen Zusammensein mit der Zeit zumeist auch diese mehr äußeren Gefühle. Zu wahrer Liebe und gegenseitiger Achtung gelangt nur derjenige, dessen Liebe sich nicht in diesem zunächst auch durchaus egoistischen Gefühl erschöpft, sondern dem Andern mindestens den gleichen Stellenwert wie seinem eigenen Ego zuerkennt und bereit ist, den Andern so zunehmen wie dieser ist und zugunsten dessen Wohl auch bereit ist, seine eigenen Vorlieben zurückzustecken.

 

 

5. Die Bedeutung der Vergangenheit für die heutige Zufriedenheit

 

Aber selbst dann, wenn wir außer Acht lassen, dass Glück und Zufriedenheit nicht nur vom Reichtum abhängen bzw. unterstellen, dass sich zwei Vergleichspersonen im Hinblick auf die anderen Bestimmungsgründe des Glücks und der Zufriedenheit nicht unterscheiden, müssen wir dennoch feststellen, dass diese Vergleichspersonen auch bei gleichem Einkommen oder Vermögen in recht unterschiedlichem Maße glücklich oder unglücklich sind.

 

Nun wird unser Urteil natürlich dadurch erschwert, dass es keinen objektiven, allgemein anerkannten Maßstab gibt, um Zufriedenheit oder Glück exakt zu messen. Es war vor allem Vilfredo Pareto, der an der älteren Wohlfahrtstheorie Kritik übte und bezweifelte, dass man Nutzeneinheiten interpersonell messen kann. Man sei also nicht in der Lage anzugeben, ob zwei Vergleichspersonen einen gleichhohen oder einen höheren bzw. niedrigeren Nutzen aus einem bestimmten gleichhohen Einkommen ziehen.

 

Nutzen sei subjektiver Natur, ein einzelnes Individuum sei zwar in der Lage, zwei Zustände miteinander zu vergleichen und erkennen, ob sie gleichen oder unterschiedlichen Nutzen aus ihrem Einkommen erfahren. Es gäbe aber keinen Weg, das Nutzenniveau zweier Individuen miteinander zu vergleichen.

 

Wenn es auch vereinzelt bedeutende Wirtschaftswissenschaftler gab bzw. gibt, welche wie z. B. Jan Tinbergen dieser Auffassung nicht gefolgt sind und vermeinen, dass sehr wohl Maßstäbe für einen interpersonellen Nutzenvergleich entwickelt werden könnten, der Mainstream der Wirtschaftswissenschaftler ist in dieser Frage Vilfredo Pareto gefolgt.

 

Trotzdem wird man wohl kaum leugnen können, dass in der Realität dennoch immer wieder solche Nutzenvergleiche zwischen verschiedenen Personen durchgeführt werden. So wird in der Öffentlichkeit wohl auch nicht bezweifelt, dass ein Milliardär aus seinem Einkommen einen höheren Nutzen erfährt als eine Person, welche auf Sozialhilfe angewiesen ist.

 

Ganz generell kann man davon ausgehen, dass die Erziehung aufgrund gleicher Kulturwerte auch gleiche oder ähnliche Verhaltensmuster und Bewertungsmaßstäbe bei den einzelnen Menschen hervorgerufen hat und dass sich aufgrund dieser weitgehend gleichen Erziehung auch die Verhaltensweisen, welche den individuellen Gemütszustand widerspiegeln, weitgehend gleichen.

 

Wenn eine Mutter, welche aufgrund einer Naturkatastrophe oder eines terroristischen Anschlages vor Kummer ihre Haare ausreißt, so versteht fast jeder diesen Kummer, er weiß, dass dieser Frau großes Leid zugefügt wurde und er versteht diese Haltung deshalb, weil auch er aufgrund einer gleichen oder ähnlichen Erziehung genauso handeln würde, wenn ihm gleiches widerfahren wäre. Er muss auch nicht befürchten, dass diese Frau nur große Trauer vortäuscht, da in der Vergangenheit auch nie bewusste Täuschungsversuche bei ihr beobachtet wurden.

 

Wenn wir also feststellen müssen, dass zwei verschiedene Versuchspersonen bei gleichem heutigen Reichtum dennoch in sehr unterschiedlichem Maße zufrieden sind, könnte dies daher rühren, dass ihr Reichtum in der unmittelbaren Vergangenheit unterschiedlich hoch war.

 

Ein in der Vergangenheit besonders reicher Mitbürger hat vielleicht den größten Teil seines Vermögens verloren und er ist deshalb heutzutage mit seinem Vermögensstatus höchst unzufrieden, obwohl ihm ein ausreichendes Vermögen geblieben ist. Ein anderer Mitbürger hatte in der Vergangenheit vielleicht überhaupt nichts besessen, hat nun ein kleines Vermögen erworben, das – so wollen wir unterstellen – nun die gleiche Höhe aufweist, wie das des bisher Reichen. Er ist trotzdem überglücklich ob des unverhofften relativen Reichtums.

 

Auch dann, wenn wir mit Pareto zugeben, dass wir den Grad der Zufriedenheit nicht interpersonell exakt bestimmen und vergleichen können, die meisten von uns sind trotzdem davon überzeugt, dass der bisher Arme wesentlich zufriedener ist als der bisher Reiche, obwohl annahmegemäß beide heute über ein gleichhohes Vermögen verfügen.

 

Und der Grund für diesen unterschiedlichen Grad der Zufriedenheit liegt in unserem Beispiel ganz eindeutig darin, dass beide in der Vergangenheit über ein unterschiedlich hohes  Vermögen verfügt haben. Also können wir davon ausgehen, dass weniger das absolute heutige Vermögen, sondern vielmehr  die vergangene Vermögensentwicklung letztendlich dafür verantwortlich ist, wie zufrieden der Einzelne heutzutage tatsächlich ist.

 

 

6. Die Rolle der Erwartungen für das heutige Glück

 

Der eigentliche Grund dafür, dass auch bei gleichem heutigen Reichtum der Grad der Zufriedenheit trotzdem unterschiedlich ausfällt, je nachdem welches Vermögen oder Einkommen der Einzelne in der Vorperiode hatte, liegt darin begründet, dass das Einkommen der Vorperiode die Erwartungen über das heutige Einkommen prägen und dass Zufriedenheit und Glück weniger von der absoluten Höhe des heutigen Einkommens abhängt als vielmehr davon, inwieweit die Erwartungen erfüllt wurden.

 

Die Menschen sind im Allgemeinen so veranlagt, dass sich bei Ihnen ein Glücksgefühl einstellt, wenn sie das, was sie sich vorgenommen haben, realisieren konnten und deshalb hängt der Grad der Zufriedenheit auch davon ab, inwieweit die Erwartungen erfüllt werden konnten. Je geringer diese Differenz zwischen erwartetem und tatsächlich realisiertem Einkommen ist, um so größer ist auch der Grad der Zufriedenheit.

 

Dieser Zusammenhang hängt mit dem von Gossen formulierten Gesetz von der Abnahme des Nutzenzuwachses (des sogenannten Grenznutzens) bei vermehrtem Konsum eines Gutes bzw. bei Zunahme des Einkommens zusammen. Danach erfährt der Einzelne dann, wenn er von einem Gut nur sehr wenig konsumieren kann, einen sehr hohen Nutzenzuwachs, während dann, wenn er von diesem Gut weitere Einheiten konsumiert, zwar immer noch ein Nutzenzuwachs entsteht, dieser jedoch immer geringer wird.

 

So bedeutet Jemandem, der fast verdurstet, das erste Glas Wasser die Lebensrettung und deshalb ist auch der Nutzenzuwachs hier unendlich groß, die Nutzensteigerung jedes weiteren Glas Wasser bringt zwar zunächst weitere Nutzenzuwächse, aber immer geringere, bis dann bei weiterem Konsum dieses Gutes der Nutzen nicht nur null wird, sondern sogar zu einer Abneigung, also zu einem negativen Nutzen führt.

 

Machen wir ums diesen Zusammenhang anhand einer Graphik klar.

 

 

Auf der Abszisse tragen wir die Einkommenshöhe, auf der Ordinate den Grenznutzen ab. Wir gehen davon aus, dass unser Individuum in der Vorperiode das Einkommen E0 erreicht hatte. Wenn es nun in der heutigen Periode ein geringeres Einkommen E-1 erzielt, so entspricht der dem roten Pfeil entsprechenden Fläche wegen des Gesetzes vom abnehmenden Grenznutzen ein deutlich höherer Nutzenverlust als dann, wenn dieses Individuum eine Einkommenssteigerung auf E+1  und damit einen Nutzengewinn erzielt hätte, der dem grünen Pfeil entspricht.

 

Die gleiche, in absoluten Einheiten gemessene Veränderung im Einkommen löst mit anderen Worten eine andere Nutzenveränderung hervor, je nachdem, ob das erwartete Einkommen steigt oder sinkt.  Dieser Effekt wird nun dadurch noch verstärkt, dass der Nutzen, den man in der vergangenen Periode erfahren hatte, bekannt ist, dass man ihn also genau kennt, während die Nutzensteigerungen, welche man aus einem steigenden Einkommen erwartet, ja zunächst einmal noch nicht bekannt sind, es handelt sich hierbei um einen Erwartungswert, den man zwar erhofft, der jedoch mehr oder weniger ungewiss und damit geringer ist, deren Höhe man deshalb auch nicht eindeutig einschätzen kann.

 

Wenn das in der Vergangenheit bisher Erreichte heute nicht mehr zur Verfügung steht, dann wirkt dies vor allem deshalb enttäuschend, weil man ja aus der Vergangenheit weiß, dass es erreichbar war, warum sollte es in der heutigen Periode nicht mehr zur Verfügung stehen? Umgekehrt gilt für das in der zukünftigen Periode zusätzlich zu Erreichende, dass man ja in der vergangenen Periode ohne dies auskommen musste, sodass es auch nicht einen essentiellen, lebensbedrohenden Effekt hat, wenn man in der kommenden Periode ohne diese Steigerung auskommen müsste.

 

Trotzdem liegt es in der Natur des Menschen, das man für die kommenden Periode etwas mehr erreichen möchte als in der Vergangenheit, dass also in unserer Gesellschaft sehr wohl ganz allgemein ein Wachstumsbewusstsein besteht. Und dieses Wachstumsbewusstsein bewirkt nun, dass sich nicht nur dann Unzufriedenheit mit dem heute Erreichten einstellt, wenn dieses gegenüber der Vorperiode geringer wurde, sondern dass schon der Tatbestand, dass man für die heutige Periode nicht mehr erreicht hat als für die vergangene Periode, als etwas Negatives empfunden wird.

 

Eine solche Wachstumshaltung zeigt sich vor allem an der Börse. Hier musste man wiederholt feststellen, dass die Kurse für die Aktien einzelner Unternehmungen nach der Veröffentlichung der Jahresbilanz und der weiteren Gewinnaussichten gefallen sind, obwohl diese Unternehmung hohe, vielleicht sogar überdurchschnittlich hohe Gewinne erzielt hat, ja bisweilen sogar gegenüber der Vorperiode einen deutlichen Gewinnzuwachs ausweisen konnte.

 

Die Kurse einer solchen Unternehmung sind trotzdem gefallen, da die Börsianer ein noch höheres Gewinnwachstum erwartet hatten. Aufgrund dieser Erwartung hatten sie diesen erhofften Zuwachs bereits vorweggenommen und es war aufgrund dieser Haltung bereits die Nachfrage nach diesen Aktien und mit dieser Nachfrage auch die Kurse in der Vergangenheit angestiegen.

 

Da nun der Zuwachs im Gewinn geringer als erwartet ausfiel, musste die zunächst zu positive Erwartung korrigiert werden, Aktien dieser Unternehmung wurden aus Enttäuschung abgestoßen und dies führte dann letztlich zu dem zu beobachteten Kursverlust trotz steigender Gewinne.

 

 

7. Frustrationen als Folge nichterfüllter Erwartungen

 

Frustrationen sind das Gegenstück zu den Erwartungen. Wenn Erwartungen nicht erfüllt werden können, entsteht Enttäuschung, wir sprechen von Frustrationen, welche verhindern, dass Zufriedenheit und Glück eintreten. Hierbei kann man davon ausgehen, dass in dem Maße, in dem Erwartungen enttäuscht werden, also der Abstand zwischen den erwarteten und tatsächlich realisierten Zielsetzungen steigt, auch die Frustration ansteigt.

 

Allerdings gelten diese Zusammenhänge nur ceteris paribus, auch hier gilt, dass der Umfang der Frustrationen von einer Vielzahl von weiteren Begleitumständen abhängt, sodass auch dann, wenn zwei Individuen ein vergleichbares Ausmaß an Abstand zwischen Erwartung und Realisierung erfahren haben – wir wollen einfach einmal davon ausgehen, dass man einen solchen Vergleich auch durchführen könnte – trotzdem beide Individuen sehr wohl ein unterschiedliches Ausmaß an Frustration erfahren.

 

Frustrationen sind psychische Beschaffenheiten, welche wir Menschen von unseren Vorfahren geerbt haben, welche noch nicht die Zivilisierung unserer Gesellschaft erfahren haben, ein Nomadenleben führten und einen permanent anhaltenden Überlebenskampf führen mussten. Die materiellen Ressourcen waren äußerst knapp, man musste zum Erwerb des Notwendigsten sein Leben einsetzen. Die Frustration, welche sich immer dann einstellte, wenn die Gefahr bestand, diesen Kampf zu verlieren, hatte nun die Funktion, die menschlichen Fähigkeiten und physischen Kräfte zu mobilisieren, um diesen Überlebenskampf doch noch zu gewinnen.

 

Diese psychischen Verhaltensformen haben wir nun von unseren Vorahnen ererbt, obwohl sie für unser heutiges Überleben nicht mehr lebenswichtig sind. Jede Frustration führt trotzdem – wenn sie nicht verarbeitet wird – automatisch zu Aggression und verstärkt auf diese Weise ein Verhalten, das sich gegen andere Menschen richtet.

 

Obwohl diese Reaktion bei unseren Vorfahren lebenswichtig war und deshalb eine Funktion hatte, sind diese aggressiven Aktivitäten in unserer heutigen zivilisierten Gesellschaft dysfunktional. Sie sind heute weitgehend unerwünscht, weil sie zur Befriedigung unserer Bedürfnisse gar nicht notwendig sind, weil sie also zu einem Kampfverhalten führen, das sogar in den meisten Fällen eine optimale Realisierung der individuellen Bedürfnisse verhindert.

 

Wenn diese Verhaltensformen auch angeboren sind, bedeutet dies allerdings nicht, dass wir ihnen ausgeliefert sind und dass sie nicht beeinflusst werden könnten. Ganz im Gegenteil ist es gerade eine der wichtigsten Aufgaben der Früherziehung, diesen vererbten und angeborenen Zusammenhang zu durchbrechen.

 

Wir haben gesehen, dass Frustrationen dadurch entstehen, dass Erwartungen nicht in Erfüllung gehen. Die individuellen Erwartungen der einzelnen Menschen entstehen nicht aus dem Nichts und sind auch nicht angeboren. Es ist vielmehr gerade Aufgabe der Erziehung, dass sich die Erwartungen realistisch entwickeln.

 

Realistisch heißt in diesem Zusammenhange, dass Erwartungen stets von den Gegebenheiten auszugehen haben, es wäre z. B. nicht sinnvoll, dass etwas ärmere Eltern ihren Kindern die gleichen Erwartungen mit auf den Weg geben, welche besonders reiche Eltern ihren Kindern mitgeben können. Es wäre einfach unrealistisch zu meinen, dass man aus dem Nichts zu den höchsten Gipfeln aufsteigen kann. Wollten ärmere Eltern ihren Kindern solche Ziele in Aussicht stellen, so wäre die Nichterfüllung dieser Ziele und damit die Frustration vorprogrammiert.

 

Dies heißt natürlich nicht, dass wir uns mit dem Gegebenem zufrieden geben sollten. Gerade weil in der Vergangenheit einzelne Menschen immer wieder Ziele verfolgt haben, welche zunächst als für Menschen unerfüllbar gehalten wurden, konnte der Wohlstand in den letzten beiden Jahrhunderten enorm gesteigert werden und zwar nicht nur für einige wenige reiche Bürger, sondern für den größten Teil der Bürger. Aber auch hier gilt, dass man dann, wenn man zu viel anstrebt, wenn die Ziele realiter unerreichbar sind, dass sie dann im Endergebnis sogar dazu führen können, dass der Wohlstand in Zukunft zurückgeht.

 

Eine der wichtigsten Aufgaben der Früherziehung besteht darin, dass die Kinder lernen mit Frustrationen umzugehen. Nur dann, wenn man die Folgen einer Frustration nicht zu beeinflussen versucht, gilt, dass jede Frustration zu Aggressionen auch dort führt, wo sie nur Schaden für Andere wie auch für einem Selbst verursachen. Aggressionen können sehr wohl durch Erziehung umgelenkt (sublimiert) werden, sodass auf jeden Fall der durch Aggressionen entstehende Schaden verringert werden kann.

 

 

8. Die Rolle der Erziehung

 

Gehen wir nun im folgenden Abschnitt der Frage nach, welche Bedeutung der Erziehung für die Zufriedenheit der einzelnen Menschen zukommt. Wenn – wie wir weiter oben gezeigt haben – der Grad der Zufriedenheit entscheidend von den Erwartungen abhängt, dann liegt es natürlich entscheidend an der Erziehung, welche Ziele der Einzelne verfolgt und welchen Grad an Zufriedenheit der Einzelne erreicht.

 

Ein Mensch kann dazu erzogen werden, mit dem Gegebenen zufrieden zu sein oder aber auch, stets nach Höherem zu streben. Natürlich hängt es auch von den jeweiligen Erbanlagen ab, welche Lebensziele der Einzelne schließlich verfolgen wird, aber erst beide zusammen die Erbanlagen wie auch die Erziehung entscheiden letzten Endes darüber, welche Ziele der Einzelne letztendlich verfolgt.

 

Die Erziehung kann nun darin bestehen, dass der Heranwachsende zwar durchaus bestrebt sein sollte, nach Höherem zu streben, dass der Einzelne jedoch lernt, zu erkennen, was machbar ist und was nicht machbar ist. Und was im Einzelnen machbar ist oder nicht, hängt von Zweierlei ab: von den äußeren Bedingungen, in welche der Einzelne während seines Lebens gestellt wird, aber auch von den vererbten Anlagen.

 

Die äußeren Bedingungen kann der Einzelne nur dadurch beeinflussen, dass er sich in Gemeinschaft mit Anderen für eine Änderung der Gesellschaftsordnung einsetzt und dies setzt wiederum voraus, dass die politische Ordnung überhaupt solche Einflussnahmen erlaubt. Hier sind die Möglichkeiten für Menschen, welche in einer freiheitlichen und demokratischen Ordnung leben, natürlich sehr viel größer als für Menschen, welche in einer Diktatur leben.

 

Und selbstverständlich gilt es zu erkennen, dass für den Erfolg der Erziehung beide: der einzelne Erziehende und die Gesellschaft verantwortlich sind. Oftmals scheitern die Erziehungsbemühungen einfach daran, dass Staat und Gesellschaft nicht die Rahmenbedingungen vorgeben, welche für einen Erfolg der erzieherischen Bemühungen notwendig sind. Aber diese Rahmenbedingungen können noch so hervorragend sein, wenn die von der Gesellschaft vorgegebene Rahmenordnung von den einzelnen Erziehenden nicht ausgefüllt wird, scheitert die Erziehung trotzdem.

 

Eine der Hauptaufgaben jeder Erziehung besteht dann darin, dass der Heranwachsende lernt, seine Begrenzungen zu erkennen und zwar einmal die Begrenzungen, welche seine Erbanlagen bestimmen, zum andern aber auch die Begrenzungen, welche die jeweilige Gesellschaftsordnung, in welcher der Einzelne lebt, vorgibt.

 

Hierbei gilt es zu erkennen, dass eine Erziehung in dieser Hinsicht zu viel, aber auch zu wenig vorgeben kann. Es besteht einmal die Gefahr, dass der Jugendliche angehalten wird, mehr zu erreichen als er aufgrund seiner Veranlagung oder der äußeren, vom Einzelnen nicht zu verändernden Begrenzungen, überhaupt leisten kann. Ein zu wenig liegt hingegen vor, wenn dem Jugendlichen nicht ermöglicht wird, sich seinen vererbten Anlagen entsprechend zu entwickeln.

 

Oft besteht auch die Gefahr, dass die Eltern ihren Kindern Ziele vorzugeben versuchen, welche gar nicht der Veranlagung ihrer Kinder entsprechen, sondern dass die Eltern versuchen, die Ziele, welche sie in ihrer Jugend selbst hatten, aber aus irgendwelchen Gründen nicht erreichen konnten, nun bei ihren Kindern nachzuholen versuchen.

 

Oftmals dienen die Ziele, welche die Eltern ihren Kindern anzuerziehen versuchen, gar nicht in erster Linie dem Wohl der zu erziehenden Jugendlichen, sondern allein oder vorwiegend dem Interesse und gesellschaftlichen Ansehen der Eltern.

 

Halten wir also fest: Welchen Grad der Zufriedenheit die einzelnen Menschen erreichen, hängt entscheidend davon ab, inwieweit es den Erziehenden zusammen mit der Gesellschaftsordnung gelingt, den Jugendlichen Ziele vorzugeben, welche ihrer Veranlagung und Neigung entsprechen.

 

Die Erziehung kann auf indirekte Weise den Grad der Zufriedenheit auch dadurch vergrößern, dass sie aufzeigt, wie man Frustration so bewältigt, dass weder der Heranwachsende noch die Menschen im Umfeld dieses Jugendlichen größeren Schaden erleiden.

 

Ohne diese erzieherischen Bemühungen neigen Menschen dazu, ihre Frustrationen durch aggressives Verhalten abzureagieren. Dieses Verhalten haben wir – wie bereits erwähnt – von unseren Vorfahren in grauer Vorzeit geerbt und es hatte zu der damaligen Zeit durchaus seine Funktion. Der Überlebenskampf um die wenigen materiellen Güter war so stark, dass ein Überleben nur dadurch möglich wurde, dass bei Auftreten von Frustrationen durch einen Adrenalin-Schub, der sich in Aggressionen äußerte, die Anstrengungen der Einzelnen vorübergehend gesteigert wurden.

 

Die Errungenschaften der Industrialisierung brachten eine solche Zunahme der Produktion von Gütern, dass es heutzutage nicht mehr zum Überleben des Einzelnen dieser aggressiven Verhaltensweisen bedarf, ja dass diese sogar ein geregeltes Leben erschweren. Die von Frustrationen ausgelöste Aggression ist also mit anderen Worten heute dysfunktional und es ist eines der wichtigsten Aufgaben der Erziehung, dass Frustrationen so weit wie möglich verhindert werden und wo dies nicht möglich ist, Strategien entwickelt werden, welche die Frustrationen ohne aggressives Verhalten abbauen.

 

Gerade in dieser Frage versagt die Erziehung oftmals, da viele Eltern und Erzieher ihre einzige Aufgabe in dieser Frage darin sehen, auf mehr oder weniger künstlichem Wege für die zu Erziehenden möglichst viele Frustrationen zu erzeugen, in der Meinung, dass es ausreicht, dass die Kinder schon früh Frustrationen ausgesetzt sind. Sie handeln also nach dem Motto, wenn man ein Kleinkind ins Wasser wirft, wird es schon von selbst schwimmen lernen. Genauso würden die Jugendlichen von selbst wissen, wie sie mit einer Frustration umzugehen haben.

 

Diese Betrachtung ist aber aus mehreren Gründen äußerst fragwürdig. Als erstes gilt für fast alle Bevölkerungsgruppen, dass die einzelnen Familien einer Vielzahl von Frustrationen ausgesetzt sind, sodass es gar nicht der Bemühungen bedarf, auf künstlichem Wege neue, zusätzliche Frustrationen zu schaffen.

 

Dies gilt auch in unserer Wohlfahrtsgesellschaft. Wir haben ja weiter oben gesehen, dass mit dem Reichtum auch unsere Bedürfnisse wachsen, sodass auch heute noch kaum jemand alle seine Ziele erreicht und damit gar nicht mehr Frustrationen ausgesetzt wäre. Selbst Superreiche erfahren permanent Frustrationen, sie bestehen zwar nicht darin, dass sie Hunger leiden müssen, aber auch sie sind gleichermaßen wie die übrige Bevölkerung Krankheiten ausgesetzt und haben zumeist unter einem viel stärkeren Konkurrenzdruck zu leiden.

 

Das künstliche Erzeugen von Frustrationen ist vor allem dann schädlich, wenn die zu erziehenden Kinder den Eindruck erhalten, dass diese Frustrationen von ihren Erziehern künstlich geschaffen wurden, also gar nicht notwendiger Weise von außen vorgegeben sind. Die Kinder verstehen dann diese Aktionen als gegen sich selbst gerichtet und dieses Verhalten der Eltern trägt dann erst recht dazu bei, dass diese Frustrationen bei den Kindern Aggressionen hervorrufen. Darüber hinaus lernen Kinder auf diese Weise, dass es ein oben und unten gibt, dass man selbst bestrebt sein sollte, zu denen da oben zu gehören und dass es ganz normal ist, wenn man im Sinne eines Radfahrers nach oben buckelt und nach unten tritt.

 

Aufgabe der Erziehung ist somit im Zusammenhang mit Frustrationen weniger das künstliche Erzeugen von Frustrationen – Frustrationen gibt es auch so genügend –, sondern das Erlernen, wie man mit Frustrationen fertig werden kann, ohne sich selbst oder Anderen Schaden zuzufügen.

 

Hierbei gibt es eine Vielzahl von Strategien der Bewältigung von Frustrationen. Wenn man z. B. auf jemand wütend ist, kann man bewusst darauf verzichten, diesen verbal oder auch handgreiflich anzugreifen. Man schreibt einen gepfefferten Brief, in dem man seine Wut abreagiert, schickt aber diesen Brief nicht ab.

 

Oder aber man lernt Nutzenentgänge anders zu bewerten, indem man ganz bewusst Nutzenentgänge als Preis dafür ansieht, um auf diesem Wege in Zukunft einen höheren Nutzen zu erzielen. Jede Investition erfolgt nach diesem Muster. Man bringt heute z. B. durch Kauf einer kostspieligen Maschine zunächst Kosten auf, um dann in den folgenden Perioden durch den Einsatz der Maschinen ein Vielfaches der bisherigen Produktion und damit auch einen höheren Gewinn zu erreichen.

 

Auch eine sportliche Betätigung kann dazu beitragen, Frustrationen abzubauen. Die Aggression kommt ja dadurch zustande, dass ein Adrenalinstoß den Betroffenen in die Lage versetzen soll, sich im Überlebenskampf besser als bisher durchzusetzen. Der Adrenalinstoß dient hier dazu, durch eigene Anstrengungen seine Leistungsfähigkeit zu steigern, die zusätzliche Kraft wendet sich gegen den eigenen Körper und verursacht dort sogar zusätzliches Leid. Aber da dieses gewollt herbeigeführt wird und dazu dient, den Gesamterfolg zu steigern, weicht die Unzufriedenheit und überwiegt dann die Zufriedenheit.

 

 

9. Zufriedenheit abhängig vom Reichtum der anderen?

 

Bisher gingen wir von der Vorstellung aus, dass die Zufriedenheit in erster Linie von Umständen abhängt, welche in den Bereich desjenigen fallen, dessen Zufriedenheit zur Diskussion steht. Aber hängt die Zufriedenheit nicht auch davon ab, welchen Reichtum Andere haben? Der Einzelne ist ja kein isoliertes Lebewesen, ist viel mehr eingebunden in eine soziale Gemeinschaft. Es liegt nahe, dass die eigene Zufriedenheit auch davon abhängt, welchen Reichtum Andere erreicht haben.

 

Hier wäre als Erstes an die Individuen zu denken, welche in einem engen sozialen Verbund leben. Der Einzelne ist in eine Familie eingebunden, er hat Eltern, welche unter Umständen schon viel erreicht haben und welche als Vorbild dienen, wobei es oftmals die Eltern selbst sind, welche ihre Kinder darauf drängen, möglichst das gleiche wie sie odere sogar mehr als sie selbst zu erreichen. Im mittelalterlichen Bauern- oder Handwerkerbetrieb ergab sich dieses Bestreben von selbst, da die Kinder den eigenen Betrieb ja eines Tages fortsetzen und erweitern sollten.

 

Aber auch der Vergleich unter den Geschwistern kann dazu beitragen, den Geschwistern nachzueifern und nur dann zufrieden zu sein, wenn man eine vergleichbare Position im Erwachsenenleben erreicht hat.

 

Die sozialen Bindungen beschränken sich jedoch nicht nur auf die Blutsverwandtschaft, sie beziehen sich vielmehr auf weitere soziale Kontakte, welche während der Jugendzeit in der Nachbarschaft, später in den Schulen, im Verein und schließlich in dem Betrieb, in dem die Einzelnen beschäftigt sind, geknüpft werden und an deren beruflichen Erfolg auch der eigene Erfolg gemessen wird und damit letzten Endes die Zufriedenheit der Einzelnen abhängt.

 

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der fast Jeder in einem Wettbewerb zu den Anderen steht und der sich gerade dadurch bewähren kann, dass er etwas mehr erreicht als seine Bezugspersonen.

 

Es ist aber nicht nur der Wettbewerbsgedanke, welcher die eigene Zufriedenheit vom Erfolg und Reichtum Anderer abhängig macht. Auch die Gleichheitsidee wird oftmals bemüht, um als Ziel einer Verteilung eine hohe Nivellierung in Einkommen und Vermögen zu erklären.

 

Hierbei wird zwar zumeist zugestanden, dass bei der Verteilung der Einkommen durchaus auch die individuelle Leistung berücksichtigt werden sollte, dass aber die Leistungsunterschiede nur eine kleine Differenzierung erklären könnten. Und so wird eine Abnahme in der Differenzierung der Einkommen gefordert und dies führt dann selbst wiederum dazu, dass der Einzelne seine Zufriedenheit daran misst, wieweit es ihm gelungen ist, in der Einkommenshierarchie aufzusteigen.

 

Kritisch muss man allerdings anmerken, dass die Idee der Gerechtigkeit zwar von der Forderung nach Gleichheit stets bestimmt wird, dass aber nur die Forderung erhoben wird, Gleiches gleich zu behandeln. De facto ist davon auszugehen, dass sich die einzelnen Menschen sogar in starkem Maße sowohl im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit wie auch auf die Leistungsbereitschaft in starkem Maße unterscheiden. Die Forderung nach absoluter Gleichheit würde also gerade dieser Disposition des Menschen widersprechen und auf diese Weise das menschliche Glück der Individuen sogar verhindern.

 

Es ist auch falsch, die Leistung des Einzelnen daran zu messen, welche physische Leistung der Einzelne erbracht hat und damit welches Arbeitsleid erlitten wurde. Wieweit der Einzelne nämlich der Allgemeinheit Wohlfahrt gebracht hat, hängt nicht primär von den psychischen Anstrengungen der einzelnen Arbeitenden ab, sondern allein davon, welchen Nutzen die jeweils Anderen von dieser Arbeitsleistung haben. Ein Arbeitender mag noch so sehr physische und psychische Arbeit geleistet haben, wenn das Produkt seiner Arbeit niemanden nützt, ist der Nutzen der Allgemeinheit trotzdem gleich null.

 

Der Umfang der allgemeinen Wohlfahrt hängt also in keiner Weise davon ab, wie viel Arbeitsleid der Arbeitende erbracht hat. Ein Erfinder mag zu seiner Erfindung rein zufällig gelangt sein, also überhaupt kein Arbeitsleid erfahren haben und trotzdem die Wohlfahrt der Allgemeinheit entscheidend vergrößert haben.

 

Hinter der Vorstellung, dass man das Glück der Menschen dadurch vergrößern könne, dass man die Einkommen und Vermögen nivelliert, steht die weitere Hypothese, dass jedes Weniger bei den Reichen automatisch zu einem weitgehend gleichen Mehr bei den Armen führe. Diese Hypothese ist jedoch aus mehreren Gründen falsch.

 

Zunächst gilt es zu berücksichtigen, dass jede Umverteilung zu Verwaltungskosten führt und dass deshalb nur der restliche Teil der Steuereinnahmen an die Ärmeren weitergeleitet werden kann. Es muss ein Beamtenapparat geschaffen werden, der sowohl die Steuern einzieht und die Transfereinkommen auszahlt.

 

Da sich die betroffenen Reicheren schlechter stellen, ist stets damit zu rechnen, dass ein Teil der Reicheren bemüht ist, die zusätzliche Besteuerung zu umgehen. Umgekehrt führen die zusätzlichen Transfereinkommen bei den Ärmeren bei einem Teil von ihnen zu dem Versuch, die Voraussetzzungen für den Bezug dieser Transfereinkommen zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Der Staat muss also Kontrollen einführen, welche die Verwaltungskosten im Zusammenhang mit jeder Umverteilung um ein weiteres erhöht und die zu verteilende Restsumme vermindert.

 

Auch hat jede Umverteilung zugunsten der Empfänger geringerer Einkommen negative Wachstumseffekte. Die Sparfähigkeit hängt entscheidend von der Höhe der individuellen Einkommen ab, die Reicheren können automatisch mehr sparen als die Ärmeren, mit der Folge, dass bei wachsender Nivellierung für die gesamte Volkswirtschaft weniger gespart wird und somit für Investitionen weniger Kapital zur Verfügung steht. Geht jedoch die gesamtwirtschaftliche Investitionssumme zurück, verringert sich auch die Wachstumsrate.

 

Und dies hat wiederum weitere Folgen für die Einkommensverteilung. Auch dann, wenn die Einkünfte der Lohnempfänger in der heutigen Periode aufgrund der Nivellierung höher ausfallen als ohne Umverteilung, muss trotzdem davon ausgegangen werden, dass wegen der geringeren Wachstumsrate auch die Lohneinkommen geringer ansteigen und das deshalb in Zukunft ein Zeitpunkt erreicht wird, von dem ab die absoluten Einkommen geringer ausfallen als ohne Umverteilung.

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Weiterhin gilt, dass wegen der Progression der Einkommensteuer bei einer Nivellierung die Steuereinnahmen zurückgehen, dass deshalb auch weniger Geld für soziale Hilfe zur Verfügung steht, sodass eine zu starke Nivellierung dazu führt, dass man gewissermaßen den Ast auf dem man sitzt, ansägt.

 

Schließlich sind Erneuerungen und die hierdurch ausgelösten Produktivitätssteigerungen stets mit einem hohen Risiko für diejenigen verbunden, welche das Kapital zur Verfügung stellen. Bei einer starken Nivellierung sinkt vor allem die  Bereitschaft, Risikokapital zur Verfügung zu stellen, da man höhere Risiken nur eingehen kann, wenn man auch über größere Vermögenssummen verfügt.

 

Der Reiche kann sein Vermögen auf unterschiedliche Projekte aufteilen. Auch für ihn gilt, dass stets mit verlustreichen Kapitalanlagen gerechnet werden muss. Indem jedoch der Reiche sein Kapital auf mehrere Anlagen verteilen kann, kann er  auch damit rechnen, dass neben verlustreichen Anlagen auch besonders ertragsreiche Anlagen gegeben sind. Wer hingegen nur über eine geringe Vermögenssumme verfügt und deshalb sein ganzes Kapital auf eine einzige Anlage beschränken muss, verliert bei einer verlustreichen Anlage sein gesamtes Vermögen.

 

Es sind in erster Linie die anerzogenen Werte, welche festlegen, welche Bedeutung der Reichtum der jeweils Anderen für das eigene Glück einnimmt und es sind nicht natürliche, vererbte Anlagen, welche ein Individuum automatisch unglücklich machen, wenn Andere mehr Reichtum erreicht haben als man selbst.

 

Drei verschiedene Wertvorstellungen lassen sich hierbei feststellen. Ein liberales Weltbild erzieht dazu, möglichst viel zu leisten und der alltägliche Konkurrenzdruck führt automatisch dazu, dass man mehr oder zumindest genauso viel erreichen will wie die Bezugspersonen, wobei als Bezugspersonen vorwiegend solche Individuen gelten, mit denen man unmittelbar zu tun hat, also Eltern oder Geschwister, Bekannte aus der Nachbarschaft oder im Verein, schließlich die Arbeitskollegen bei den Arbeitnehmern oder die jeweiligen Konkurrenten der Selbständigen.

 

Ein ganz anderes Wertbild begegnen wir im Sozialismus. Rein äußerlich betrachtet wird auch hier der Einzelne dazu erzogen, sich mit Anderen zu vergleichen. Es sind aber hier weniger die Individuen, welche persönliche Kontakte aufweisen, es wird vielmehr vom Egalitätsprinzip ausgegangen, dass alle Menschen gleich seien, deshalb auch in etwa einen gleichen Reichtum erlangen sollten, wobei zwar zugestanden wird, dass eine höhere Leistung auch ein höheres Einkommen rechtfertigt, die Leistung jedoch am Arbeitsleid gemessen wird und dieses eben nur geringfügige Unterschiede aufweise.

 

Ein solches Weltbild führt automatisch dazu, dass eine hohe Differenzierung in den Einkommen und Vermögen als unerwünscht gilt und deshalb auch Unzufriedenheit bei denen auslöst, welche in der Einkommenshierarchie unten stehen.

 

Das religiöse Weltbild des Christentums ordnet Reichtum ganz anders ein. Das zehnte Gebot verbietet Neid, also das Begehren des Reichtums des Anderen. Reichtum erfüllt hier eine ganz andere Funktion. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Menschen sehr wohl sowohl im Hinblick auf Begabung und Reichtum unterscheiden, dass aber diese Unterschiede auch gerechtfertigt sind, da Reichtum nicht in erster Linie zur eigenen Befriedigung dient, sondern um für die Gemeinschaft, also dienend, tätig zu sein.

 

Dass der Einzelne seinen Reichtum trotzdem auch für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse in begrenztem Maße einsetzen darf, hängt dann damit zusammen, dass der Antrieb zum erfolgreichen Handeln dann größer ist, wenn der Einzelne auch an der von ihm herbeigeführten Wohlfahrtssteigerung beteiligt wird. Aber stets hat zu gelten, dass Eigentum verpflichtet.

 

Wenn aber der Reichtum der Reichen vorwiegend zur Verwirklichung der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt eingesetzt wird, stellt der Reichtum der Reichen auch kein Ärgernis mehr dar und verringert deshalb auch nicht die Zufriedenheit derjenigen, welche ein geringeres Einkommen haben. Die eigene Zufriedenheit hängt dann vorwiegend von den eigenen Eigenschaften ab.