Lieferengpässe und Inflationsrate

 

In der Öffentlichkeit wird die Befürchtung geäußert, dass die pandemiebedingten Lieferengpässe die Inflationsrate erhöhen würden. In der Tat ist das Preisniveau vor allem bei den Rohstoffen und Halbfabrikaten in den letzten Monaten drastisch gestiegen und auch das Preisniveau der Konsumgüter hat ein neues Rekordniveau erreicht.

 

Es wäre jedoch falsch, wenn man Lieferengpässe als wesentliche Ursache von Inflationsbewegungen ansehen würde. Bei Lieferengpässen handelt es sich um ein einzelwirtschaftliches Problem, einzelne Güter werden knapp, es verschieben sich die Knappheitsrelationen, die sich selbst wiederum in Veränderungen der Preisverhältnisse niederschlagen.

 

Primär verändert sich also zunächst die Preisstruktur. Damit sich diese Veränderungen auch im Preisniveau, also in einer gesamtwirtschaftlichen Größe, niederschlagen, bedarf es weiterer Voraussetzungen und zwar in gesamtwirtschaftlichen Größen.

 

Ohne diese gesamtwirtschaftlichen Ursachen würden die Preissteigerungen bei einzelnen Gütern dazuführen, dass bei zunächst gleichbleibendem Volkseinkommen für andere Güter die Nachfrage zurückgehen müsste, da größere Teile des Einkommens für die überteuerten Güter verwendet werden müssen, für die restlichen Güter verbleibt deshalb bei gleichbleibendem Gesamteinkommen weniger Nachfrage übrig und dieser Rückgang in der Nachfrage dieser anderen Güter führt bei diesen Gütern zu Preisrückgängen. Im Endergebnis bleibt die Inflationsrate unberührt.

 

Natürlich kann damit gerechnet werden, dass bei bestimmten Veränderungen in den gesamtwirtschaftlichen Größen trotzdem durch den Anstieg einzelner Preise aufgrund der Lieferengpässe auch die Inflationsrate ansteigt. Verfügen nämlich die Wirtschaftspersonen über freiwerdende Geldmittel, so können diese dafür eingesetzt werden, dass die Nachfrage nach den übrigen Gütern und Dienstleistungen konstant bleibt, also nicht verringert werden muss und dies bedeutet, dass die Inflationsrate automatisch ansteigt, den gestiegenen Preisen bei einem Teil der Güter entspricht nun kein Rückgang der Nachfrage und damit auch der Preise bei den übrigen Gütern.

 

Nun haben die Notenbanken in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass die umlaufende Geldmenge drastisch erhöht wurde. Eine Zunahme der Geldmenge führt im Allgemeinen zu einer Zunahme in der Nachfrage, welche sich dann in dem Maße in einem Anstieg der Inflationsrate niederschlägt, als die Vermehrung der angebotenen Güter nicht im gleichen Umfang vergrößert werden kann.

 

Nun hatte bereits J. M. Keynes in seiner „General Theorie“ auf das Phänomen des Hortens aufmerksam gemacht. Es ist nämlich keinesfalls sicher, dass eine Zunahme in der Geldmenge auch zu einer gleichgroßen Zunahme der Nachfrage führt. Geld kann auch gehortet werden, also es kann darauf verzichtet werden, vorhandene Gelder zinsbringend auf dem Kapitalmarkt anzulegen. Es ist nun das Verdienst J. M. Keynes, aufgezeigt zu haben, dass es sehr wohl rationale Gründe geben kann, welche einzelne Wirtschaftssubjekte veranlassen kann, Gelder zu horten.

 

Ist nämlich das Zinsniveau konjunkturbedingt stark gefallen, so steigt die Erwartung, dass in naher Zukunft die Zinsen wieder ansteigen. Ex definitione zeichnen sich festverzinsliche Wertpapiere dadurch aus, dass der Zinssatz dieser Papiere konstant bleibt, unabhängig davon, ob der Marktzins steigt oder fällt. Wenn der Marktzins steigt wie angenommen, so lohnt es sich, festverzinsliche Wertpaiere zu verkaufen, um von den Erlösen Wertpapiere mit steigendem Zins zu kaufen. Das vermehrte Angebot an festverzinslichen Wertpapieren führt zu einem Kursverlust, der höher ausfallen könnte, als die ohnehin geringe erwartete Verzinsung. Also würde man in diesen Zeiten einen Nettoverlust erleiden, würde man freistehende Gelder trotzdem in festverzinslichen Wertpapieren anlegen. Horten ist also in diesen Zeiten durchaus rational, es verhindert Verluste.

 

Nun ist das Horten im engeren Sinne keinesfalls die einzige Verwendungsform von Geld, welche nicht der Nachfrage nach Gütern einschliesslich der Dienstleistungen dient. In den vergangenen Jahren wurden Gelder, welche nicht zur Nachfragesteigerung nach Gütern führten, vor allem für drei Verwendungsarten vorgesehen.

 

Erstens wurden diese Gelder in Gold und Silber angelegt. Diese beiden Edelmetalle gelten im Allgemeinen als besonders wertstabil. Sie bringen allerdings keinen Ertrag, ganz im Gegenteil entstehen in diesem Zusammenhange Aufbewahrungs- und Versicherungskosten. Eine Anlage in Gold oder Silberkann jedoch trotzdem lohnend sein, wenn mit steigenden Gold- und Silberpreisen gerechnet werden kann. Wenn sich aber viele Wirtschaftssubjekte eine Preissteigerung von Gold und Silber erhoffen, steigt die Nachfrage nach diesen Edelmetallen und dies führt dann im Sinne einer Selbstbestätigung auch zu der erwarteten Preissteigerung.

 

Zweitens können freiwerdende Gelder auch für Grundstücke spekulativ verwendet werden. Im Normalfall werden Grundstücke erworben, um Wohnhäuser oder Büroräume etc. zu erbauen. In diesem Falle kommt es zum Ankauf von Rohstoffen und Halbfabrikaten. Beim spekulativen Grundstückserwerb hingegen erfolgt die Grundstücksnachfrage in der Erwartung, dass die Grundstückspreise steigen und dass beim zukünftigen Wiederverkauf dieser Grundstücke die Preisdifferenz als Erlös anfällt.

 

Drittens schliesslich können freiwerdende Gelder auch zum Erwerb von Wertpapieren verwendet werden. In normalen Zeiten führt die durch die Mehrnachfrage nach Wertpapieren ausgelöste Kurssteigerung dazu, dass Unternehmungen in die Lage versetzt werden, neue Wertpapiere auszugeben und mit dem dadurch erzielten Erlös Investitionen durchzuführen. In diesem Falle steigt wiederum die Nachfrage nach Gütern.

 

Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass die privaten Haushalte bereit sind, mehr Geld für den Ankauf von Konsumgütern auszugeben, um entweder mehr Güter nachzufragen (bei Erweiterungsinvestitionen) oder wegen gestiegener Qualität mehr für die gleichbleibende Gütermenge (bei Rationalisierungsinvestitionen) zu bezahlen.

 

Diese Erwartungen der Notenbanken in den vergangenen Jahren sind offensichtlich nicht in ausreichendme Maße erfüllt worden. Nun, da aufgrund der Lieferengpäße höhere Preise bezahlt werden müssen, können diese Gelder von den bisher eingesetzten Verwendungen für den Ankauf der im Preis gestiegenen Güter eingesetzt werden, mit der Folge, dass nun die Inflationsrate ansteigt. Es ist aber in erster Linie die verfehlte Politik der Notenbanken in den vergangenen Jahren, die diesen Anstieg in der Inflationsrate ermöglicht hat.