Folgen eines Stopps für russisches Gas und Öl

 

In der öffentlichen Diskussion wird oftmals davon ausgegangen, dass ein Embargo des russischen Öles oder Gases unmittelbar die russische Wirtschaft schwäche und Putin zwinge, den Angriff gegen die Ukraine zu beenden.

 

Fragen wir uns deshalb, mit welchen Folgen bei einem Öl- oder Gasembargo für Russland sowie für die europäischen Staaten, insbesondere für Deutschland, vermutlich zu rechnen ist.

 

Entscheidend ist hierbei, wie sich die gesamte Weltnachfrage nach sowie das gesamte Weltangebot an Gas und Öl verändern wird. Mehrere Fälle sind denkbar.

 

Fall 1: Sowohl Angebot wie auch Nachfrage bleiben unverändert. Das heißt, die Europäer bzw. die Deutschen verringern ihre Nachfrage nach diesen beiden Energiequellen nicht wesentlich, sie bemühen sich lediglich, die Gas- und Ölmengen, welche sie bisher von Russland bezogen haben, in anderen Ländern einzukaufen. Weiterhin wird bei diesem ersten Fall angenommen, dass die nichtrussischen Anbieter von Öl und Gas nach wie vor die gleiche Menge an Gas und Öl liefern.

 

In diesem Fall kann Russland nachwievor etwa die gleiche Menge an Gas und Öl absetzen, da die Länder, aus denen die europäischen Staaten nun ihr Öl bezw. Gas beziehen, annahmegemäß andere Staaten weniger beliefern können, sodass diese Staaten notwendiger Weise vermehrt Öl und Gas von Russland beziehen müssen.

 

Halten wir fest: Langfristig verschlechtert sich in diesem Falle die wirtschaftliche Situation Russlands nicht, kurzfristig muss zwar mit Übergangsschwierigkeiten gerechnet werden, das gilt aber auch für die BRD sowie für die anderen europäischen Staaten, wobei vermutet werden muss, dass vor allem Deutschland sehr viel größere Übergangsschwierigkeiten haben wird.

 

So dauert z. B. der Bau eines Terminals für Flüssiggas 3 - 4 Jahre, wobei der Bau eines solchen sehr kostspieligen Terminals ohnehin fragwürdig ist, wenn Deutschland auf mittlere Frist die fossilen Energiequelle vollständig aufgeben möchte. Russland hingegen liefert bereits an China Öl und Gas und hat vermutlich bereits eine Vergrößerung der Liefermengen mit China vereinbart.

 

Nur dann, wenn die nichtrussischen Anbieter von Öl oder Gas ihr Angebot ausweiten würden, um Europa für den Ausfall des russischen Öles und Gases zu beliefern, würden sich die Absatzmöglichkeiten Rußlands verschlechtern.

 

Fall 2: Viel günstiger aus Sicht der EU ist es, wenn Europa das Embargo damit verbindet, dass es Öl und Gas zumindest zum Teil durch andere Energiequellen wie Sonnenenergie oder Windkraft ersetzt. Denn in diesem Falle verringert sich die Weltnachfrage nach Gas und Öl und dies bedeutet, dass Russland große Schwierigkeiten hat, sein bisheriges Angebot aufrechtzuerhalten.

 

Und da die russische Wirtschaftskraft vorwiegend auf der Förderung von Energie (Gas, Öl und Kohle) beruht, würde Russland in erhebliche Schwiergkeiten geraten und diese Schwierigkeiten könnten nur in dem Maße überwunden werden, in dem es Russland gelingt, dass andere Länder ihre Nachfrage nach diesen fossilen Energieträgern erhöhen, ohne dass die übrigen Anbieter dieser Energiequellen ihr Angebot ebenfalls erhöhen.

 

Ein solches Szenario ist jedoch für die euopäischen Staaten sehr unwahrscheinlich. Die EU plant auf lange Sicht, aus den fossilen Energieträgern auszusteigen. Dieser Ausstieg ist mit sehr hohen Kosten verbunden, schon bisher konnten die festgelegten Ziele nicht eingehalten werden.

 

Wenn die europäischen Staaten höchstens in der Lage sind, die bisher beschlossenen Ziele durchzusetzen, ändert sich an der Situation nichts, es bedarf keines politisch verhängten Embargo, die Nachfrage nach russischen Öl und Gas sinkt so oder so und da in diesem Falle durch das Embargo ohnehin kein schnellerer Ausstieg aus russischen Energiequellen erreicht werden kann, wäre es besser, auch kein Embargo auszusprechen, da dieses die Gefahr mit sich bringt, dass Russland seine Angriffsziele auch auf die europäischen Staaten ausweitet.

 

Fall 3: Für die Erreichung des Ziels: möglichst schnelle Beendigung des Krieges in der Ukraine am günstigsten wäre es, wenn die Bürger von sich aus bereit wären, ihre Nachfrage nach Gas und Öl drastisch, das heißt stärker als bisher, zu verringern.

 

In diesem Falle würde die Nachfrage nach russischem Gas und Öl von selbst ohne zusätzliche politische Maßnahmen zurückgehen und dies hätte einen zweifachen Vorteil: Auf der einen Seite würde das von der EU gesteckte Ziel des Ausstiegs aus den fossilen Energiequellen schneller als bisher erreicht. Auf der anderen Seite wäre deshalb, weil das Embargo nicht von den Politikern eigens beschlossen werden müsste, die Gefahr einer Verschärfung der Lage insgesamt geringer.

 

Nun muss man sich darüber im Klaren sein, dass ein beschleunigter Ausstieg aus Gas und Öl für die beteiligten Bürger ganz erhebliche Einschränkungen mit sich bringt. Zwar haben in einer Umfrage etwa die Hälfte der Befragten angegeben, dass sie einen sofortigen Stopp russischen Öls und Gas befürworten würden. Nun wurde offensichtlich den Befragten nicht bekannt gegeben, mit welchen Einschränkungen sie zu rechnen haben, bzw. es wurde nicht die Frage gestellt, welche Beeinträchtigungen sie gegebenfalls bereit sind hinzunehmen, also z. B. für mehrere Monate Kurzarbeit oder sogar Arbeitslosigkeit hinzunehmen oder mehrere Monate ohne Heizung in den Wohnungen auszuharren. Es besteht die Gefahr, dass die Befragten nach dem Motto handelten: „Wasch mir den Pelz, mach mich aber nicht naß“.

 

Käme es zu einem von der Politik verhängten vollständigen sofortigen Stopp von Gas und Öl aus Russland, so müsste vermutlich der größte Teil der Haushalte, welche eine Gas- oder Ölheizung haben, eine neue Heizanlage bestellen und bei diesem sprunghaften Anstieg der Nachfrage müßte mit sehr langen Lieferengpässen sowohl bei den Herstellern dieser alternativen Heizungsanlagen als auch bei den Installateuren, die diese Anlagen einzubauen hätten, gerechnet werden.

 

Wenn hingegen die Haushalte von sich aus bereit wären, auf eine umweltgerechte Heizungsanlage umzustellen, wären die Einschränkungen geringer, da die Nachfrage zeitlich verteilt auftreten würde und nicht wie bei einer gesetzlichen Regelung an einem bestimmten Stichtag fällig würde.