Startseite 

Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Merkantilismus

4. Klassik

5. wissenschaftlicher Sozialismus

6. historische Schule

7. Wiener Schule

8. Lausanner Schule

9. Cambridge Schule

10. Keynesianismus

11. Neoliberalismus

 

 

8. Lausanner Schule Teil I

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Die wichtigsten Vertreter

3. Das Walras‘sche Gleichungssystem

4. Der Walras’sche Auktionator

5. Annahmen über den Nutzen

6. Das Indifferenzkurvensystem

7. Das Haushaltsgleichgewicht

                  8. Gegenwarts- und Zukunftsgüter

9. Freizeit- versus Konsumnutzen

 

 

 

1. Einführung

 

Ähnlich wie für die Wienerschule gilt auch für die Lausanner Schule, dass sie die Grundgedanken der Klassik wieder aufnimmt, diese aber in bestimmten Punkten korrigiert.

 

So steht auch im Mittelpunkt der Lausanner Schule das Wertproblem. Der Wert eines Gutes stellt hierbei den langfristigen Preis eines Gutes dar. Es wird danach gefragt, von welchen Bestimmungsgründen es abhängt, welchen Wert ein Gut erlangt und auf welche Faktoren der Unterschied in den langfristigen Preisen zurückgeführt werden muss.

 

Ein zweiter Tatbestand ist von gleich großer Bedeutung: Der Wertbegriff bezieht sich auch bei den Vertretern der Lausaner Schule stets auf Wertrelationen und nicht wie etwa bei Karl Marx auf absolute Größen.

 

Es geht nicht darum, den absoluten Wert eines Gutes zu bestimmen, sondern allein die Relationen, die zwischen den einzelnen langfristigen Preisen bestehen. Es sind die Preisrelationen, die darüber entscheiden, welche Güter und in welchen Mengen tatsächlich produziert werden.

 

Die Wiener Schule hob sich vor allem dadurch von der klassischen Lehre ab, dass sie sich nicht als eine objektive Wertlehre verstand, welche den Wert eines Gutes auf die bei der Produktion entstehenden Kosten zurückführt. Vielmehr ging sie davon aus, dass der Nutzen, den ein Gut verursacht, letztendlich den Wert eines Gutes bestimme.

 

Im Gegensatz hierzu hebt die Lausanner Schule stärker auf den gesamtwirtschaftlichen Aspekt ab, während die Klassik stärker auf den Einzelmarkt konzentriert war.

 

Eine gesamtwirtschaftliche Sicht der wirtschaftlichen Probleme findet sich zwar bereits bei den Physiokraten. So hatte der Begründer des Physiokratismus Francois Quesnay, der von 1694 – 1774 lebte und Leibarzt des französischen Königs Ludwig XV. war, im Jahre 1758 eine Arbeit über ein ‚Tableau Economique‘ veröffentlicht. Hier wurden bereits skizzenhaft die Kreislaufbeziehungen der Güterströme zwischen den einzelnen Bereichen der Wirtschaft dargestellt.

 

Diese Tradition nahm nun die Lausanner Schule auf, in dem vor allem Walras das wirtschaftliche Gesamtgeschehen in ein simultanes Gleichungssystem einzufangen versuchte.

 

 

2. Die wichtigsten Vertreter

 

Zu den wichtigsten Vertretern der Lausanner Schule zählen Leon Walras und Vilfredo Pareto. Aber auch Enrico Barone, Gustav Cassel und  Francis Ysidro Edgeworth haben sich mit der Thematik der Lausanner Schule befasst, obwohl sie nicht im engeren Sinne der Lausanner Schule angehören.

 

Als Begründer und Hauptvertreter der Lausanner Schule gilt Leon Walras, ein Schweizerischer Ökonom, welcher von 1834 – 1910 gelebt hatte.

 

Als seine Hauptwerke gelten:

 

Eléments d‘économie pure (1874)

Theorie des Geldes (1886)

Études d'économie politique appliquée (1898)

 

Im Gegensatz zur englischen neoklassischen Tradition der Partialanalyse befasst sich Walras mit der mathematische Bestimmung eines totalen Gleichgewichts in Form von  Gleichungssystemen. Er bemüht sich um den Nachweis eines statischen Gleichgewichts.

 

Das Geld erfüllt lediglich die Rolle eines numeraires, es bestimmt allein die Höhe des Preisniveaus, aber nicht die Preisverhältnisse.

 

Die Preisbildung erfolgt durch einen fiktiven Auktionär, der Preis ändert sich solange, bis Angebot und Nachfrage sich entsprechen.

 

Vilfredo Pareto, ein Italienischer Ökonom, welcher von 1848 – 1929 lebte, zählt neben Walras zu den Hauptvertretern der Lausanner Schule. Er gilt auch als Begründer der modernen Wohlfahrtstheorie.

 

Zu seinen Hauptwerken zählen:

Les nouvelles théories économiques (1892)

Cours d‘économie politique (1896)

Economie mathématique (1911)

 

Zu den wichtigsten Beiträgen von Pareto zählt das ‚Law of income Distribution‘, wonach die personelle Einkommensverteilung durch eine Funktion nx = by-α wiedergegeben werden kann, deren Logarithmus eine Gerade mit dem Steigungswinkel α darstelle. Pareto ging davon aus, dass dieser Parameter im Zeitablauf relativ konstant sei.

 

In seinen wohlfahrtstheoretischen Arbeiten betonte Pareto, dass der Nutzen nur ordinal bestimmt werden könne und deshalb weder kardinal noch interpersonell vergleichbar sei.

 

Entsprechend dem nach ihm benannten Paretokriterium lässt sich  eine Wohlfahrtssteigerung dann feststellen, wenn mindestens eine Person Nutzensteigerung erfährt, ohne dass eine einzige andere Person eine Nutzeneinbuße erfährt. Nutzeneinheiten werden bei Pareto in den sogenannten Indifferenzkurven dargestellt.

 

Enrico Barone ist zwar ein Italienischer Ökonom in Tradition der Cambridge-Schule, er lebte von 1859 bis 1924, er steht aber trotzdem in Zusammenhang mit der Lausanner Schule, da er die Grenzproduktivitätstheorie in das Walras-System einzubauen versuchte.

 

,Bekannt ist auch seine Branchen-Kostenfunktion, bei der die Durchschnittskosten der einzelnen Anbieter nach der Höhe geordnet auf der Abszisse abgetragen werden. So entsteht eine treppenförmige Gesamtkostenkurve.

 

Er ist überzeugt, dass eine effiziente Kalkulation von Preisen auch in einer staatlichen Planwirtschaft möglich ist.

 

Gustav Cassel (1866 – 1945)

Schwedischer Ökonom, aber in der Tradition der Walras‘schen Lehre.

 

Zu seinen Hauptwerken zählen:

Grundrisse einer elementaren Preislehre (1899)

Theoretische Sozialökonomie (1918)

Money and Foreign Exchange after 1914 (1922)

 

Cassel war vor allem darum bemüht, das Walras‘sche Gleichungssystem vereinfachend darzustellen. Er entwickelte eine allein auf dem »Prinzip der Knappheit« aufbauende Preistheorie.

Innerhalb der Außenwirtschaftstheorie entwickelte er die Theorie der Kaufkraftparitäten.

 

Francis Ysidro Edgeworth (1845 – 1924)

Ein irisch-englischer Neoklassiker, der die Neoklassik  mathematischen Analysen unterzieht und hierbei bereits Ansätze zu kollektiven Indifferenzkurven beisteuert.

 

Zu seinen Hauptwerken zählen:

The Hedonical Calculus (1879)

Mathematical Psychics  (1881)

The Law of Error (1887)

 

Die Bedarfsstruktur wird in Indifferenzkurven dargestellt und Gleichgewichtswerte werden in der Edgeworth-Box durch Zusammenführung zweier Marktteilnehmer bestimmt.

Im Rahmen der Zolltheorie werden soziale Indifferenzkurven zur Bestimmung eines optimalen Zollsatzes herangezogen.

 

 

3. Das Walras‘sche Gleichungssystem

 

Im Gegensatz zur englischen Tradition der neoklassischen Partialanalyse bemühte sich Leon Walras und mit ihm die Lausanner Schule um die mathematische Bestimmung eines totalen Gleichgewichts in Form eines simultanen Gleichungssystemen. Die wichtigsten Problemgrößen sind die Preise der einzelnen Güter. Wenn wir von x Gütern ausgehen, dann gilt es auch die x Gleichgewichtspreise zu bestimmen.

 

Diese Determination erfolgt im Rahmen eines simultanen Gleichungssystems. Bekanntlich bedarf es zur Bestimmung von x Unbekannten auch genau x unabhängiger Gleichungen. Nun können wir natürlich für jedes Gut eine Nachfragegleichung bestimmen, die angibt, wie die Nachfrage nach diesem Gut von den Preisen abhängt.

 

Wir verfügen also an und für sich sehr wohl über x Gleichungen. Allerdings ergibt sich eine Gleichung aus den übrigen Gleichungen. Wollen wir z. B. die Konsumnachfrage nach 5 Gütern bestimmen und legen wir für vier Güter die Nachfragebeziehung fest, so lässt sich die Nachfrage nach dem fünften Gut aus dem Rest bestimmen, der sich aus dem zur Verfügung stehenden Gesamteinkommen und der Nachfrage nach den übrigen Gütern ergibt. Wenn wir beispielsweise für die ersten vier Güter 85% des Einkommens ausgeben, so verbleiben für die Nachfrage nach dem 5. Gut gerade 15%.

 

Wir verfügen somit lediglich über x-1 unabhängige Gleichungen für x Güterpreise. Dies bedeutet, dass wir mit unserem simultanen Gleichungssystem nur die Preisrelationen, nicht die absoluten Preise bestimmen können. Anders formuliert: Die Bedarfsstruktur sowie die technischen Produktionskoeffizienten bestimmen allein die Preisrelationen, diese spiegeln jeweils die Knappheitsrelationen wieder.

 

Will man auch die absoluten Preise bestimmen, bedarf es also einer weiteren Gleichung. Diese Gleichung bezieht sich auf die benötigte Geldmenge, der Recheneinheit (dem numeraires) und legt fest, wie viel Geldeinheiten bei einem bestimmten Gesamtumsatz und bei einer unterstellten Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes benötigt wird.

 

Hieraus ergibt sich im Umkehrschluss, dass im Walras’schen System das Geld und seine umlaufende Menge keinen Einfluss auf die Preisrelationen und damit auf die Allokation der Ressourcen nimmt, es ist allokationsneutral.

 

Walras unterstellt, dass die Preise auf einer Börse durch einen Auktionator festgelegt werden, in einem ersten Schritt wird ein zufälliger Preis (z. B. der Preis des Vortages) ausgerufen und es werden solange Preisänderungen vorgeschlagen, bis Angebot und Nachfrage übereinstimmen.

 

Im Gegensatz zu den Nachfragegleichungen in den mikroökonomischen Modellen der Neoklassik hängt die Nachfrage nach einem Gut nicht nur von dem Preis dieses Gutes, sondern auch explizite von allen anderen Güterpreisen ab. Darin kommt zum einen zum Ausdruck, dass zwischen einzelnen Gütern Substitutions- und Komplementärbeziehungen bestehen können.

 

Können zwei Güter gegeneinander ausgetauscht werden, so wird das Substitutionsverhältnis von dem Verhältnis der Preise dieser beiden Güter bestimmt. Sinkt der Preis eines Substitutionsgutes, so lohnt es sich auch bei konstant bleibendem Preis des anderen Gutes von diesem anderen Gut mehr nachzufragen.

 

Ähnliches gilt (mutatis mutandis) für die Beziehungen von komplementären Gütern. Steigt z. B. der Preis eines komplementären Gutes, so bedeutet dies, dass für das Gesamtpaket beider komplementären Güter insgesamt mehr ausgegeben werden muss. In der Regel wird deshalb auch die Nachfrage nach den komplementären Gütern, deren Preis (in einem ersten Schritt) konstant geblieben ist, zurückgehen.

 

In einer gewissen Beziehung stehen natürlich alle Güter in einer Konkurrenzbeziehung zueinander. Alle Güter konkurrieren um das gegebene Einkommen; wird von dem einen Gut mehr nachgefragt, dann muss bei gleich bleibendem Gesamteinkommen von den übrigen Gütern weniger nachgefragt werden.  

 

Dieses Walras-Gleichungssystem gestattet allerdings zunächst nur die Determination der Gleichgewichtspreise, sie ist eine rein statische Theorie, die nichts darüber aussagt, ob in der Realität auch eine Tendenz zu einem vollkommenen Gleichgewicht auf allen Märkten besteht, ob also von einem beliebigen Ungleichgewichtszustand, der durch jede Datenänderung ausgelöst werden kann, auch eine erneute Tendenz zum Gleichgewicht besteht.

 

Die traditionellen Aussagen der dynamischen Theorie beziehen sich im Allgemeinen auf Einzelmärkte. Schon hier ist – wie das cobweb-System gezeigt hat – nur unter gewissen Bedingungen damit zu rechnen, dass die Marktkräfte sich dem neuen Gleichgewichtspreis annähern. Auch dann, wenn wir für jeden einzelnen Markt nachweisen könnten, dass eine Annäherung an die Gleichgewichtspreise stattfindet, wäre über die Frage nach einer Tendenz zu einem totalen Gleichgewicht noch nicht entschieden.

 

Es könnte ja sein, dass der Markt dort, wo zunächst ein Ungleichgewicht eintritt, erfolgreich das Ungleichgewicht abbaut, dass aber gerade durch diese Gleichgewichtsbewegungen über die vielfältigen Substitutions- und Komplementärbeziehungen neue Ungleichgewichte auf anderen Märkten entstünden. Es bedarf einer Reihe weiterer einschränkender Annahmen, um nachzuweisen, dass diese gegenseitigen Ungleichgewichtsbewegungen den Charakter von dämpfenden Schwingungen aufweisen.   

 

So wurde erst sehr viel später, vor allem 1936 von A. Wald der Versuch unternommen, die genauen Bedingungen herauszuarbeiten, unter denen auch in gesamtwirtschaftlicher Sicht von einer Gleichgewichtstendenz gesprochen werden kann. 

 

 

4. Der Walras’sche Auktionator

 

Befassen wir uns nun mit dem von Walras unterstellten Auktionator etwas näher. Walras unterstellt nicht, dass in der Realität auf allen Märkten solche Auktionatoren am Werk sind. Es soll mit dieser Fiktion vielmehr aufgezeigt werden, wie das Geschehen der unsichtbaren Hand bei Adam Smith wirksam wird. Auf Börsen allerdings sorgt in der Tat ein Auktionator dafür, dass Angebot und Nachfrage zusammengeführt werden.

 

Wir haben davon auszugehen, dass dem Auktionator Angebot und Nachfrage bekannt sind, dass aber zunächst Angebot und Nachfrage auseinanderfallen. Unterstellen wir z. B., dass die Nachfrage bei einem vom Auktionator willkürlich festgelegten Anfangspreis das Angebot übersteige.

 

Da wir unterstellen können, dass bei einer Preiserhöhung einige Nachfrager abspringen können und gleichzeitig einige Anbieter ihr Angebot erhöhen werden, wird der Auktionator bei einer solchen Situation einen etwas höheren Preis vorschlagen, mit der Folge, dass der Nachfrageüberhang sowohl durch die verringerte Nachfrage wie auch durch ein erhöhtes Angebot reduziert wird.

 

Wenn der Auktionator auf diese Weise mit weiteren Preissteigerungen fortfährt, wird schließlich ein Zustand erreicht, bei dem gerade ein Gleichgewicht erreicht wird und der Markt geräumt wird.

 

Allerdings besteht hier durchaus die Gefahr, dass ein weiterer Preisanstieg den bisherigen Nachfrageüberhang durch einen Angebotsüberhang ablöst. Im Rahmen des Cobwebsystems wurde aufgezeigt, dass es vom Verhältnis der Preiselastizitäten von Angebot und Nachfrage abhängt, ob auf diesem Wege überhaupt ein Gleichgewicht erreicht werden kann. Allerdings kann diese Gefahr stark verringert werden, wenn der Auktionator in sehr kleinen Schritten Preisänderungen vornimmt.

 

In der Realität werden die Preisänderungen zumeist nicht durch einen solchen Auktionator ausgelöst. Trotzdem finden auch hier Gleichgewichtsprozesse statt. Haben wir ein Nachfrageüberhang, laufen also die Nachfragenden Gefahr, leer auszugehen, sind sie es, welche einen höheren Preis vorschlagen, um die Ware zu erhalten.

 

Natürlich kann auch in diesem Falle der Anbieter mit der Preissteigerung die Initiative ergreifen und von sich aus die Preise zu erhöhen. Die Anbieter gehen in diesem Falle davon aus, dass wegen der Knappheit dieser Güter die Nachfragenden den höheren Preis akzeptieren werden.

 

Umgekehrt liegt es bei einem Angebotsüberhang im Interesse des Anbieters, niedrigere Preise vorzuschlagen, um nicht auf den Waren sitzen zu bleiben.