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Erziehung auf dem Prüfstand

 

 

Gliederung:

 

1. Verrohung der Sitten und ihre Ursachen

2. Erziehung in den Frühjahren der Kinder

3. Erziehung in den Grundschulen

4. Erziehung in den weiterführenden Schulen

5. Erziehung auf den Hochschulen

6. Weiterbildung als permanente Aufgabe

 

 

 

1. Verrohung der Sitten und ihre Verursachung

 

Seit mehreren Jahrzehnten lässt sich eine allgemeine Verrohung der Sitten erkennen. Sie bezieht sich auf alle Lebensbereiche, alle Jahrgänge sind von ihr befallen und sie macht sich auch in fast allen hochentwickelten Ländern bemerkbar. Auch lassen sich kaum wesentliche Unterschiede zwischen den Führungskräften der Gesellschaft und dem einfachen Volk feststellen.

 

Sehr einfach machen es sich die sogenannten Verschwörungstheorien in dem Versuch, die Verrohung der Sitten zu erklären.

Unter einer Verschwörungstheorie versteht man den Versuch, politische oder wirtschaftliche Ereignisse auf einen einzigen Faktor und auf ganz wenige Personen zurückzuführen.

 

So werden z. B. im Zusammenhang mit dem Sittenverfall im wirtschaftlichen Bereich allein die bösen Unternehmer, die korrupte Marktwirtschaft sowie die neoliberalen Wirtschaftswissenschaftler verantwortlich gemacht, welche die Frechheit besitzen, die freie Marktwirtschaft auch noch zu verteidigen.  Bisher konnten noch alle Verschwörungstheorien widerlegt werden.

 

In unseren hochkomplexen Gesellschaften mit ihren zahlreichen wechselseitigen Verknüpfungen muss jede Fehlentwicklung auf eine Vielzahl von Ursachen zurückgeführt werden.

 

Auch muss davon ausgegangen werden, dass die moderne Gesellschaft durch eine arbeitsteilige Vorgehensweise geprägt ist, wobei den kulturellen Systemen die Erhaltung der letztlichen Werte sowie die Erziehung zu diesen Werten obliegt, weiterhin den politischen Systemen die Aufgabe zufällt, über Anreiz- und Abschreckungssysteme die Einhaltung dieser Werte sicherzustellen.

 

Alleinige Aufgabe des wirtschaftlichen Systems ist hierbei sicherzustellen, trotz Knappheit der materiellen Ressourcen eine möglichst hohe Realisierung der einzelnen Ziele der Bürger sowie der Staatengemeinschaft herbeizuführen. Wir haben davon auszugehen, dass die materiellen Ressourcen nicht ausreichen, um alle Bedürfnisse und Ziele zu befriedigen.

 

Hierbei ist keineswegs davon auszugehen, dass nur die materiellen Bedürfnisse, nicht aber die geistigen Ziele, zu ihrer Realisierung materieller Güter bedürfen. Es gibt moralisch hochstehende Ziele, welche wie z. B. die Unterstützung Notleidender nur mit hohem Einsatz materieller Ressourcen realisiert werden können, während es auf der anderen Seite auch moralisch verwerfliche Ziele wie z. B. das Mobbing gibt, die auch ohne materiellen Einsatz befriedigt werden können. Der Bedarf an materiellen Gütern sagt somit nichts über den moralischen Wert einer Zielsetzung aus.

 

Da nun aber die Befriedigung einzelner Ziele zumeist auf unterschiedliche Weise erreicht werden kann und sich diese unterschiedlichen Methoden darin unterscheiden, wie viel knappe Ressourcen eingesetzt werden müssen, ist es möglich, durch eine Änderung der Herstellungsmethode mit einem bestehenden Bestand an knappen Ressourcen eine höhere Zielrealisierung als bisher zu erreichen.

 

Die einzige Aufgabe des wirtschaftlichen Systems besteht gerade darin, mit Hilfe des vorhandenen knappen Vorrats an materiellen Ressourcen ein Maximum an Zielrealisierung (Bedarfsbefriedigung) zu erreichen. Das wirtschaftliche System ist deshalb auch nicht in erster Linie für den Anstieg der moralischen Verfehlungen verantwortlich. Verantwortlich ist vielmehr in erster Linie das kulturelle System, dessen Aufgabe eben darin besteht, für den Erhalt der Werte Sorge zu tragen. 

 

Das wirtschaftliche System ist in moralischer Hinsicht genau so gut wie die Personen sind, welche sich dieses Systems bedienen.

Mafiabosse können ihre Ziele über den Markt zu erreichen versuchen und dann führt auch vermutlich das Ergebnis des Marktes zu moralisch unerwünschten Ergebnissen.

 

Umgekehrt gilt, dass dann, wenn das kulturelle System seine Aufgabe erfüllen würde, der größte Teil der Bevölkerung bereit wäre, auch im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten unmoralische Handlungen von selbst zu unterlassen, Konsumenten würden keine Waren kaufen, welche mit Kinderarbeit erzeugt wurden und in diesem Falle würden auch die Unternehmer darauf verzichten, ihre Waren mit Kinderarbeit zu erstellen, da sie sonst auf diesen Waren sitzen bleiben würden.

 

Da unter diesen Bedingungen auch der weitaus größte Teil der Unternehmer ebenfalls aus moralischen Gründen Kinderarbeit ablehnen würde, käme es auch gar nicht zu dem Versuch, Waren mit Kinderarbeit herzustellen. Natürlich wird auch dann, wenn das kulturelle System funktionieren würde, damit gerechnet werden müssen, dass einzelne Produzenten oder Konsumenten moralisch verwerflich handeln.

 

Aber der vereinzelte Gebrauch eines Mittels für verbrecherische Handlungen sagt noch nichts über die moralische Qualität dieses Mittels aus. Wenn in jüngster Zeit einzelne Terroristen mit einem Kraftfahrzeug in die Menge fahren und dadurch zahlreiche Passanten ermorden, bleibt das Auto nach wie vor ein brauchbares und moralisch akzeptiertes Mittel, für alle Mittel und Einrichtungen gilt, dass ihr Gebrauch missbraucht werden kann.

 

Deshalb kann man auch nicht das bestehende Wirtschaftssystem für amoralisches Verhalten allein oder auch schwergewichtig verantwortlich machen. Zwar hatte Götz Briefs schon sehr viel früher darauf aufmerksam gemacht, dass der Wettbewerb der Unternehmer untereinander dazu führe, dass sich eine  Grenzmoral durchsetze, dass also nicht die in moralischer Hinsicht besten Unternehmer, auch nicht der Durchschnitt der Unternehmer, sondern derjenige Unternehmer das langfristig allgemeine moralische Niveau bestimme, der die geringsten moralischen Skrupel besitze.

 

Aber ein solches moralisches Klima setzt eben voraus, dass die Unternehmer ganz allgemein gegenüber Vergehen anfällig sind und ein solches allgemeines Verhalten ist eindeutig das Ergebnis von Mängeln in den kulturellen Systemen. Wir wollen uns also mit der Frage befassen, inwieweit das kulturelle System für den allgemeinen Sittenverfall verantwortlich ist.

 

Zuvor wollen wir jedoch daran erinnern, dass in komplexen Gesellschaftssystemen fast immer eine Vielzahl von Bestimmungsgründen für einen Mangel verantwortlich ist, dies gilt auch für die allgemeine Verrohung der Sitten.

 

Sicherlich hat auch die rasante Entwicklung in den angewandten Technologien zu diesen Fehlentwicklungen beigetragen. Dies gilt insbesondere einmal für das Entstehen des Internets und der damit zusammenhängenden sozialen Netzwerken.

 

Es wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass die enorme Zunahme im Mobbingverhalten insbesondere in den sozialen Netzwerken stattfindet, eine solche schnelle Verbreitung von Mobbingverhalten wäre sicherlich ohne diese Entwicklungen nicht möglich gewesen. In gleicher Weise trägt auch die Vielzahl von Computerspielen zu dieser Entwicklung letzten Endes bei.

 

Ein überaus großer Teil der modernen Computerspiele hat Verfolgung und Tötung der jeweiligen Gegner zum Thema, darüber hinaus machen viele Computerspiele süchtig. Natürlich sind die Zusammenhänge nicht so einfach, dass jeder Jugendliche, der sich mit solchen Spielen beschäftigt, automatisch in moralischer Hinsicht verkommt.

 

Ganz im Gegenteil kann man davon ausgehen, dass ein Jugend-licher, der in moralischer Hinsicht bereits gefestigt ist, solche kämpferischen Spiele dazu benutzen kann, sich abzureagieren. Im Verlaufe des Erziehungsprozesses entstehen immer wieder Frustrationen, da Erziehung eben vor allem darin besteht, Grenzen des eigenen Handels aufzuzeigen und zu internalisieren. Solche Begrenzungen bedeuten natürlich für den zu erziehenden Jugendlichen zunächst einmal eine Enttäuschung.

 

Frustrationen führen jedoch, wenn der Erziehungsprozess nicht eine Sublimierung dieser Gefühle und Triebe herbeigeführt hat, automatisch zu aggressivem Verhalten gegenüber den Mitmenschen, um auf diese Weise die innere Wut abzureagieren.  Es kann nun sogar hilfreich sein, wenn Jugendliche ihren Frust in einem Computerspiel abreagieren und somit ihre Wut nicht gegen Mitmenschen richten.

 

Damit aber dieser positive Effekt auch eintreten kann, ist Voraussetzung, dass der Spieler moralisch bereits gefestigt ist und klar zwischen realer und virtueller Welt unterscheiden kann. Aber gerade diese Voraussetzungen schwinden, je häufiger ein Jugendlicher am Computerspiel seine Zeit verbringt und je mehr die Bilder der virtuellen Welt denen der realen Welt entsprechen.

 

Je mehr die öffentlichen Medien weiterhin über die unter-schiedlichsten Grausamkeiten dieser Welt berichten und sie bildhaft darstellen, um so mehr gleichen sich beide Welten an und je häufiger Verbrechen am Bildschirm erlebt werden, um so alltäglicher werden diese Handlungsweisen und um so eher ist zu befürchten, dass sittenwidriges Verhalten als üblich und gerade deshalb als weniger amoralisch angesehen wird.

 

Was alltäglich passiert, kann doch nicht – so wird oft argumentiert – so schlimm sein. Wenn alle sündigen, dann kann doch Sünde auch nicht schlimm sein. Damit wird aber die virtuelle Welt zur Bedrohung der Moral, weil sie zusätzlich zu den realen Bildern der Wirklichkeit nun das Außerordentliche durch die Bilder in den virtuellen Welten verstärkt. Und die technische Entwicklung in der Spielindustrie sorgt dafür, dass auch schon rein äußerlich die Spielszenen kaum noch von der Wirklichkeit zu unterscheiden sind.

 

Dieser amoralisch wirkende Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass nun der moralisch abgesunkene Jugendliche in dieser virtuellen Welt sowie im Internet neue Möglichkeiten aggressiver Handlungen frei Haus geliefert bekommt. Trotzdem kommt bei dem zu beobachtenden Sittenverfall dem kulturellen System ebenfalls eine größere Bedeutung zu, da ja Voraussetzung für diesen Verfall der Sitten ist, dass der Spielende die kulturellen Werte noch nicht verfestigt hat.

 

Wenden wir also unsere Aufmerksamkeit dem kulturellen System zu. Hier scheinen mir vor allem zwei Entwicklungen für den Verfall der Sitten verantwortlich zu sein: Einmal die langfristig zu beobachtende Abwendung vom Glauben, immer mehr Menschen in Europa verstehen sich als Atheisten, zum andern einige nicht zielgerichtete, aber häufig anzutreffende Erziehungsmethoden.

 

Zwar führen nicht alle Gläubigen ein heiligmäßiges Leben und es gibt auch zahlreiche Nichtgläubige, welche sehr wohl die geltenden Sitten peinlichst einhalten. Trotzdem wird man davon ausgehen können, dass von den Religionen zusätzliche Anreize ausgehen, die Gebote zu beachten.

 

Ein großer Teil der Straffälligen begeht die Tat aus dem Glauben heraus, die Tat vor den öffentlichen Strafbehörden verborgen zu halten. So wurde früher auch die Bekenntnisse eines Sterbenden selbst vor Gericht als absolut glaubwürdig angesehen, da davon ausgegangen wurde, dass ein Sterbender, der sich alsbald vor dem Weltenrichter zu verantworten hat, keinesfalls lügen wird.

 

Im Gegensatz zu den weltlichen Behörden, denen sehr wohl zahlreiche Straftaten verborgen bleiben, geht der Gläubige davon aus, dass Gott in die Herzen der Menschen schauen kann, dass deshalb keine Straftat Gott verborgen bleibt und dass er nach seinem Tode für alle seine Sünden gerichtet wird. Vor allem aber dürften Mängel in der Erziehung den Verfall der Sitten mitverantworten, wir wollen uns im Folgenden mit diesen Mängeln etwas näher befassen.

 

 

2. Erziehung in den Frühjahren der Kinder

 

In den ersten drei bis vier Jahren der einzelnen Kinder obliegt der Erziehung vor allem die Aufgabe, Urvertrauen zu erzeugen, also sicherzustellen, dass das Kind ein Selbstwertgefühl ent-wickelt, das notwendig ist, um sich sicher in der Gemeinschaft von Menschen zu behaupten.

 

Darüber hinaus sollte in dieser ersten Entwicklungsphase die Bereitschaft entwickelt werden, Beschränkungen der eigenen Aktivitäten anzuerkennen. Jedes Agieren in der Gesellschaft bringt es mit sich, dass es nicht nur dem eigenen Wohl dient, sondern dass gleichzeitig die Gefahr besteht, dass die Intimsphäre der Anderen beeinträchtigt wird. Die Freiheit wird stets begrenzt durch den Freiheitsraum des jeweils Anderen. Drittens schließlich werden in dieser ersten Entwicklungsphase die Voraussetzungen für das spätere Lernen gelegt.

 

Erziehung in dem Sinne, dass die von der Gesellschaft gesetzten notwendigen Begrenzungen vom Kinde selbst als sinnvoll und berechtigt angesehen werden, obwohl sie den eigenen Handlungsspielraum einengen, ist in dieser ersten Entwicklungsphase noch nicht möglich, da die Entwicklung des menschlichen Verstandes erst in einer zweiten Kindheitsphase einsetzt.

 

Trotzdem ist auch in der Frühphase der Kinder Erziehung not-wendig und auch möglich. Sie ist notwendig, da das Kleinkind in seinem ersten Erkunden seiner Möglichkeiten sich selbst, aber auch den Anderen großen Schaden zufügen kann, den es zu verhindern gilt.

 

Sie ist aber auch möglich, obwohl noch keine Verinnerlichung der Werte aus den genannten Gründen zu erwarten ist, weil das Kind gerade in seinen ersten Jahren instinktiv das Handeln der Erwachsenen nachzuahmen versucht, wie übrigens auch schon die Kinder hochentwickelter Tiere.

 

Hieraus erwächst für die Eltern eine Vorbildfunktion, in dem sie sich darum bemühen, vorbildlich die Handlungsweisen vorzuleben, die das Kind übernehmen und damit lernen soll. Das Kind fragt in dieser Phase noch nicht, warum es so handeln soll, es findet es vielmehr interessant und selbstverständlich, das Verhalten der Erwachsenen nachzuahmen.

 

Auf diese Weise lernt das Kind in dieser Phase sehr viel schneller, als wenn es angehalten würde, sich in diesem Sinne zu verhalten, es könnte den Sinn und die Notwendigkeit oder Erwünschtheit dieses Verhaltens verstandesmäßig noch nicht erfassen.

 

Das eigentliche Problem, das nun Erziehung ganz allgemein so schwierig macht, liegt darin, dass jede Art von Begrenzung mit Frustrationen verbunden ist und dies gilt insbesondere dann, wenn das Kind den Sinn und die Notwendigkeit dieser Begrenzungen noch gar nicht voll erfassen kann.

 

Frustrationen führen jedoch, wenn sie nicht richtig verarbeitet werden, zu aggressivem Verhalten. Eine wesentliche Aufgabe jeder Erziehung besteht somit darin, den Umgang mit Frustrationen zu erlernen, wobei diese Aufgabe nur dann erfüllt wurde, wenn der Einzelne gelernt hat, Frustrationen wo möglich zu vermeiden oder dort, wo dies nicht möglich ist, das Verhalten so umzulenken (zu sublimieren), dass möglichst wenig Schaden für ihn selbst, aber vor allem auch für die jeweils Anderen verursacht wird.

 

Einer der häufigsten Fehler in der Erziehung besteht darin, dass die Erziehenden sich darauf beschränken, ihre Kinder möglichst vielen Frustrationen auszusetzen, indem Frustrationen künstlich gesetzt werden mit der Absicht, dass sie auf diese Weise den Umgang mit Frustrationen von selbst lernen. Bildlich gesprochen wirft man hier die Kinder ins Wasser und erwartet, dass die Kinder das Schwimmen schon von selbst erlernen werden.

 

In Wirklichkeit ist nahezu Jeder einer Vielzahl von Frustrationen ausgesetzt, sodass es nicht notwendig ist, zur Erlernung des richtigen Umgangs mit Frustrationen solche auch noch künstlich herbeizuführen. Dies gilt sogar für die etwas reicheren Eltern und Kinder. Hier bestehen die Frustrationen zwar nicht darin, dass die Alltagsbedürfnisse nicht befriedigt werden können. Trotzdem sind die Reichen ebenfalls zahlreicher Frustrationen ausgesetzt, auch sie können durch Krankheit behindert werden oder müssen gerade wegen ihres Reichtums Angriffe unterschiedlicher Art befürchten.

 

Viel wichtiger als das Hervorrufen von Frustrationen ist es, dass die Kinder lernen, mit Frustrationen umzugehen, wie man eventuell Frustrationen vermeiden oder mildern kann, weiterhin wie man die aufsteigenden Aggressionen dämpfen und so umlenken kann, dass der hierbei entstehende Schaden minimiert wird.

 

So muss – um ein Beispiel zu bringen – die Wut über das Verhalten eines Mitbürgers nicht dazuführen, dass man ihn angreift oder beschimpft. Man kann auch seine ganze Wut in einen Brief fassen, den man nicht abschickt. Dadurch, dass man seine Wut in Worte gefasst hat, wird verhindert, dass der Betreffende seinen Ärger nicht in sich hinein frisst und damit die Wut anhält.

 

Der Umstand, dass er seine Verärgerung in Worte gefasst hatte, trug bereits dazu bei, dass die Frustration abgebaut wird, ohne dass dadurch wie bei einer offenen Aggression einem Mitmenschen Schaden verursacht wird. Das künstliche Erzeugen von Frustrationen kann jedoch auch das Gegenteil von dem bewirken, was eigentlich beabsichtigt wurde. Kinder haben ein sicheres Gefühl dafür, ob Entbehrungen und Enttäuschungen auch für die Eltern vorgegeben sind oder von ihnen künstlich erzeugt wurden.

 

Liegt bei den Kindern der Eindruck eines künstlichen Herbeiführens von Frustrationen vor, sind sie zusätzlich frustriert, dass ihnen dies angetan wird und es besteht die Gefahr, dass sie lernen, dass es ein Oben und ein Unten gibt und dass es erstrebenswert sei, zu denjenigen zu zählen, welche oben stehen. Sie lernen hierdurch, ihre Aggressionen gegen Jüngere oder Schwächere auszuleben.

 

Es besteht die Gefahr, dass wegen falscher Erziehungsmethoden die Heranwachsenden aggressiv werden und sich später nicht in die Gesellschaft einordnen. Nicht das Erzeugen von Frustrationen, sondern ihre sachgerechte Bewältigung sollte deshalb im Erziehungsprozess im Vordergrund stehen.

 

Die Summe der Frustrationen sollte auf keinen Fall größer werden als die Summe der für das Kind angenehm empfundenen Empfindungen und Ereignisse. Nur so kann verhindert werden, dass die erlittenen Frustrationen den Charakter der Heranwachsenden bestimmen und dass die Jugendlichen aufgrund dieser Gefühlslage für jede Art extremer und terroristischer Gesinnungen zugänglich werden.

 

Neben falschen Erziehungsmethoden hat zweitens auch der Umstand, wie der Emanzipationsprozess der Frauen de facto umgesetzt wurde – keineswegs die Emanzipation als solche –, diesen Prozess verstärkt. Durch den Umstand, dass nun Frauen einer ganztätigen Erwerbstätigkeit nachgingen, aber de facto Kindertagesstätten nicht so schnell geschaffen werden konnten, hat dazu geführt, dass den Kindern lange Zeit nicht ausreichend Zeit gewidmet werden konnte.

 

Das Recht auf ein Kindertageplatz für jedes Kind wurde zwar sogar in das Grundgesetz aufgenommen. Jedoch tritt solange keine effektive Entlastung ein, solange die Gemeinden aus Geldmangel gar nicht in der Lage sind, so schnell und in in ausreichendem Maße die erforderliche Kapazität an Kindertagesplätzen zur Verfügung zu stellen.

 

Aber auch dann, wenn man in einem ersten Schritt die Voraussetzungen dafür geschaffen hätte, dass für jedes Kind ein Platz in einer Kindertagesstätte bereitgestellt worden wäre, müsste man immer noch von einer nicht sachgerechten Lösung sprechen.

 

Die Erziehung der Kinder in den ersten zwei bis drei Jahren kann aus mehreren Gründen sehr viel sachgerechter in der Familie als in Kindertagesstätten angegangen werden.

 

Erstens kommt es in den ersten Jahren eines Kindes weniger darauf an, Wissen zu vermitteln, sondern ein Selbstwertgefühl und ein Gefühl zu erzeugen, dass Begrenzungen der eigenen Aktivitäten notwendig sind und dass Lernen auch Spaß machen kann. In dieser Frage sind die Familien eindeutig dem Personal in den Kindertagesstätten überlegen. Gesellschaftliche Einrichtungen sind immer nur dort der einzelnen Familie überlegen, wo spezielles Sachwissen verlangt wird und wo dieses Sachwissen durch Spezialisierung erworben werden kann.

 

Das Selbstwertgefühl wird aber in erster Linie durch körperlichen Kontakt der Kinder mit Ihren Eltern hervorgerufen. Kinderpsychologen machen darauf aufmerksam, dass Kinder, denen dieser körperliche Kontakt in den ersten Jahren verwehrt wurde, in ihren späteren Jahren in ihrer Weiterentwicklung behindert sind.

 

Und Kulturanthropologen weisen darauf hin, dass bei noch nicht sesshaft Primitivkulturen die Kinder den größten Teil der Zeit auf dem Rücken ihrer Mutter verbringen. Dies hat zur Folge, dass die in den zivilisierten Gesellschaften zu beobachtenden psychischen Fehlentwicklungen überhaupt nicht zu beobachten sind.

 

Zweitens verlangt diese Aufgabe, dass der Erzieher nur ganz wenige Kinder zu betreuen hat. In dieser Frage ist die Familie wegen ihrer geringeren Größe eindeutig einer Kindertagesstätte überlegen. Selbst in den heute kaum de facto zu erreichenden Zielvorgaben für Kindertagesstätten, nach denen auf ein Betreuer vier bis fünf Kinder entfallen sollen, ist diese Zahl für einen Erfolg immer noch  zu hoch.

 

Zwar erreicht eine normale Familie auch zwei bis drei Kinder. Im Normalfall erfüllt die Familie diese Aufgabe trotzdem besser, da ja die Kinder zumeist im Abstand von 1 bis 2 Jahren geboren werden, sodass der betreuende Elternteil sich in den ersten Jahren den jeweils Neugeborenen voll widmen kann.

 

Drittens machen Kinderpsychologen ebenfalls darauf aufmerk-sam, dass eine Erziehung in diesen ersten Jahren eines Kindes nur dann befriedigend erfolgen kann, wenn das Kind während dieser Zeit immer den gleichen Betreuer hat.  Aber gerade diese Aufgabe kann in einer Kindertagesstätte schwerlich realisiert werden.

 

Der große Vorteil einer gesellschaftlichen Einrichtung liegt ja gerade darin, dass arbeitsteilig vorgegangen wird und dadurch eine produktivitätssteigernde Wirkung erzeugt wird, dies hat jedoch notwendiger Weise zur Folge, dass das Kind hier von mehreren Personen betreut werden wird.

 

Unsere Überlegungen zeigen also, dass die Erziehungsaufgabe für die ersten Jahren eines Kindes schwergewichtig von der Familie und eben nicht von Kindertagesstätten erfüllt werden sollte.

 

Wir erwähnten bereits, dass die Emanzipationsbewegung der Frauen auch anders, kindergerechter hätte verlaufen können und dies auf durchaus unterschiedliche Weise.

 

Erstens wäre es rein technisch möglich, aber weniger wahr-scheinlich gewesen, dass wie in der Vergangenheit jeweils nur ein Ehepartner erwerbstätig ist und der jeweils andere im Haushalt tätig ist und sich schwergewichtig der Erziehung der eigenen Kinder widmet.

 

Der Unterschied zu früher bestünde dann nur darin, dass die Frage, wer den Haushalt übernimmt, nicht mehr geschlechtsbezogen in dem Sinne erfolgt, dass stets die Frau die Hausarbeit übernimmt, sondern dass diese Frage nach der individuellen Fähigkeit der Ehepartner entschieden wird.

 

Hierzu ist allerdings notwendig, dass die heute noch vorherrschenden Vorurteile abgebaut werden. Männer werden von ihren Geschlechtsgenossen als Hausmänner verspottet, wenn sie keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, Frauen, die sich der Hausarbeit widmen, werden als Verräter an der Emanzipationsidee verschrien.

 

Zweitens wäre es rein technisch möglich gewesen, dass der Anteil der Halbtagsjobs wesentlich erhöht würde, sodass beide Ehepartner einer Halbtagsbeschäftigung nachgehen könnten, der eine Ehepartner vormittags, der andere Nachmittags.

 

Drittens könnten die Ehepartner ihre Erwerbstätigkeit abwechselnd für mehrere Jahre aussetzen und sich in dieser Zeit dem Haushalt und der Erziehung widmen. Gegen diesen Vorschlag wird in der Öffentlichkeit immer wieder eingewandt, dass eine solche Lösung vor allem für Führungskräfte nicht möglich sei.

 

Dieser Einwand lässt jedoch unberücksichtigt, dass aufgrund der Erfindung des Computers und des Internets auch Führungskräfte, welche für einige Jahre nicht in der Unternehmung selbst tätig sind, sehr wohl die betrieblichen Entscheidungen von zu Hause aus verfolgen und sogar bestimmte Entscheidungen mittragen können.

 

Ganz nebenbei sei daran erinnert, dass Führungskräfte früher, als es noch keine Telefonkonferenzen und Handys gab, von den Konzernleitungen in ausländische Tochterunternehmungen abkommandiert wurden und diese Abwesenheit im inländischen Betrieb keineswegs den Betroffenen geschadet hatte.

 

Viertens schließlich ist es heutzutage technisch gesehen durchaus möglich, Teile der Beschäftigung auch zu Hause, am Computer zu erledigen, sodass selbst dann, wenn beide Ehepartner voll erwerbstätig sind, gleichzeitig Erziehungsaufgaben im Haushalt erfüllt werden könnten.

 

Dass diese aufgezeigten Wege in der Vergangenheit kaum ge-wählt wurden, liegt allerdings weniger am Verhalten der einzelnen Arbeitnehmer als vielmehr daran, dass Politik und Gesellschaft es verabsäumt haben, solche Gelegenheiten zu schaffen und zu fördern.

 

 

3. Erziehung in den Grundschulen

 

Der ersten Phase folgt die Erziehung in den Grundschulen. Hier kann ich mich kurzfassen. Bis zur Neuzeit erfolgte auch diese Erziehung weitgehend in der Familie. Die Kinder übernahmen den elterlichen Betrieb und da sich die angewandten Techniken kaum veränderten, waren die Eltern auch gut in der Lage, ihre Kinder in den elterlichen Betrieb einzuführen.

 

Ein grundlegender Wandel trat mit der Industrialisierung ein. Die Jugendlichen verließen ihre Familien und zogen in die Städte, die Eltern konnten deshalb ihre Kinder zumeist gar nicht in das Berufsleben einführen, da ja die Kinder oftmals ganz andere Berufe als ihre Eltern ergriffen.

 

Die Eltern waren trotzdem überfordert, den Kindern das Berufswissen zu lehren, da mit der Industrialisierung immer wieder mit zunehmender Geschwindigkeit neue Produktionstechniken angewandt wurden.

 

Da in dieser zweiten Phase die Erziehung schwergewichtig in dem Erlernen von Grundwissen besteht, sind auch die Grundschulen zur Vermittlung dieses Wissens bestens geeignet. Es entstand der Beruf des Lehrers, während im Mittelalter ent-weder die Eltern ihren Kindern das notwendige Wissen vermittelten oder aber in den adligen Familien Hauslehrer zur Unterrichtung der adligen Kinder eingestellt wurden.

 

In der Schule entwickelte sich sehr bald eine Arbeitsteilung, neben dem Klassenlehrer, der die einzelnen Schüler über das gesamte Jahr hinweg begleitete, konnten sich andere Lehrer auf ganz bestimmte Fächer spezialisieren, wobei diese Spezialisierung das Lernen wesentlich verbesserte.

 

Da dieses in der Grundschule zu vermittelnde Grundwissen für alle Schüler gleich wichtig ist, und alle Schüler am Anfang ihres Lernens stehen, ist es auch zweckmäßig und möglich, alle Schüler, unabhängig von ihrer Herkunft und dem Bildungsstand in den gemeinsamen Grundschulen zu unterrichten.

 

Die augenblicklichen Mängel liegen in diesem Bereich weniger in der inhaltlichen Lehre als in der Ausstattung der Schulen. Schulgebäude wie auch das Mobiliar sind teilweise in katastrophalem Zustand. Auch gilt es zu berücksichtigen, dass gerade im Zusammenhang mit dem Computer neue, erfolgreiche Möglichkeiten des Lernens geschaffen wurden.

 

 

4. Erziehung in den weiterführenden Schulen

 

Eine etwas andere Problematik ergibt sich dann, wenn in einer dritten Phase die Schüler in den weiterführenden Schulen zu unterrichten sind. Hier stehen zwei grundsätzlich unterschiedliche Konzeptionen gegenüber. Traditionell fand eine Trennung zwischen den allgemeinen weiterführenden Schulen und den Gymnasien statt.

 

Während vor allem die CDU/CSU nachwievor diese traditionelle Trennung beibehalten möchte, treten vor allem die Sozial-demokratische Partei und auch die Grünen dafür ein, auch in dieser dritten Erziehungsphase einen einheitlichen Schultyp für alle Schüler vorzusehen. Sie erhoffen sich hieraus, die Benachteiligung und Vorurteile der Jugendlichen aus Akademikerfamilien gegenüber den Jugendlichen aus Arbeiterfamilien zu überwinden. Die Startchancen könnten hier auch für die unteren Einkommensgruppen angeglichen werden, gleichzeitig würden die Vorurteile der einzelnen Bevölkerungsgruppen abgebaut werden.

 

Eine eingehendere Untersuchung zeigt, dass diese Hoffnungen unberechtigt sind und dass eine einheitliche Schule für alle Jugendlichen in dieser Erziehungsphase vor allem aus dreierlei Gründen zu eindeutig schlechteren Ergebnissen führt.

 

Die Zielvorgabe für diese dritte Erziehungsphase bezieht sich erstens auf zwei sehr unterschiedliche Aufgaben. Auf der einen Seite kommt es hier darauf an, den Schülern, welche größere Schwierigkeiten mit dem Lernstoff haben, die bestmöglichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, den im beruflichen Leben mit der Technisierung verbundenen immer höheren Anforderungen gerecht zu werden. Auf der anderen Seite ist es jedoch genauso wichtig, die besonders Begabten soweit wie nur möglich zu fördern.

 

Dass das intellektuelle Niveau der Jugendlichen und damit die Fähigkeit zum Lernen theoretischen Wissens sehr unterschied-lich ausgeprägt ist, hängt einmal damit zusammen, dass in  der Tat die erblichen Voraussetzungen in der Bevölkerung sehr unterschiedlich verteilt sind, nicht jeder bringt einen IQ eines Einsteins mit sich.

 

Auf der anderen Seite hängt jedoch die Fähigkeit zum Erlernen theoretischen Wissens entscheidend davon ab, wie die Eltern in der Frühphase der Erziehung dem natürlichen Entdeckungsdrang der Kleinkinder begegnet sind, haben sie  diese kindliche Neugier abgeblockt, ist die Befähigung zum ernsthaften Lernen für immer abgeblockt.

 

Trotz dieser Unterschiede ist es jedoch falsch, davon auszugehen, dass aus diesen beiden Gründen nur Kinder von Eltern mit Akademikerbildung sowie mit höherem Einkommen für eine Hochbegabung geeignet sind.

 

Obwohl es sicher richtig ist, dass in Familien, bei denen beide Eltern bereits akademisch ausgebildet sind, auch diese Voraussetzungen etwas höher sein dürften als in Nichtakademikerfamilien, müssen wir davon ausgehen, dass die Begabungen in hohem Maße streuen und dass aus diesen Gründen immer wieder auch Kinder aus Nichtakademikerfamilien die Voraussetzungen für eine akademische Laufbahn mitbringen.

 

Der Zugang zu den höheren Bildungsstätten sollte deshalb sowohl aus Gerechtigkeitsgründen wie auch aus Gründen der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt allen Jugendlichen offenstehen. Nicht das Einkommen der Eltern noch der Bildungsstatus der Eltern, sondern allein die Begabung, also die Fähigkeit zum Erlernen auch anspruchsvolleren Wissens dürfen den Ausschlag darüber geben, in welcher Schule, im Gymnasium oder in den allgemein weiterführenden Schulen der einzelne Jugendliche mit seiner Ausbildung fortfahren sollte.

 

Gegen eine einheitliche weiterführende Schule sprechen vor allem folgende drei Punkte: Die Lehrer sind überfordert, Vorurteile werden nicht abgebaut, sondern sogar vertieft, die überragende Bedeutung der informellen Gruppen wird übersehen.

 

Wenden wir uns zunächst dem ersten Einwand zu: Die Lehrer sind überfordert, wenn sie gleichzeitig die beiden oben formulierten Aufgaben (ausreichende Ausbildung auch der Bildungsschwächsten, sowie Förderung der Höchstbegabten) erfüllen sollen. In dem Maße, indem sie bemüht sind, den zu vermittelnden Lehrstoff auch den am wenigsten Begabten beizubringen, bleibt weniger Zeit, um auch die Höchstbegabten zu fördern. Die Zeit ist zu knapp, um beide Aufgaben befriedigend zu erfüllen.

 

Im Endergebnis werden die Lehrer einen Mittelweg ansteuern, aber gerade aus diesen Gründen beide Ziele verfehlen. Die im Hinblick auf die Begabung Schwächsten werden zu wenig ausgebildet und die Begabtesten zu wenig gefördert.

 

Zweiter Einwand: Eigentlich sollte diese Schulform dazuführen, Vorurteile beider Gruppen durch das gemeinsame Lernen abzubauen. In Wirklichkeit ist zu befürchten, dass die Vorurteile in diesen Schulformen sogar verstärkt werden. Die Begabteren erfahren nun täglich gewissermaßen in Natura, wie begriffsstutzig die weniger Begabten sind, letztere verstehen offenbar die einfachsten Zusammenhänge nicht.

 

Gleichzeitig sind die Hochbegabten darüber ärgerlich, dass viel zu wenig Zeit für die eigentlich interessanten Fragen bleibt, dass sie nicht das Ausbildungsniveau erreichen, das ihnen eigentlich versprochen wurde.

 

In gleichem Maße sind aber auch die weniger Begabten frustriert. Es ist ärgerlich, dass permanent Zusammenhänge besprochen werden, die man überhaupt nicht versteht. Es ist noch mehr ärgerlich und demütigend, dass sie ihr Unvermögen immer wieder vor den Begabteren offen legen müssen. Auch hier werden die  Vorurteile der Minderbegabten wachsen.

 

Das Ziel, Vorurteile der einzelnen Bevölkerungsschichten abzubauen, könnte sehr viel besser in folgendem Zweierschritt erreicht werden: Auf der einen Seite lehrt man beide Gruppen voneinander getrennt, dass beide Bevölkerungsschichten in unserer Gesellschaft benötigt werden, die Hochbegabten, um zukünftige Produktivitätssteigerungen zu ermöglichen, die stärker handwerklich Begabten, um die in jeder Gesellschaft benötigten physisch auszuführenden Aufgaben zu erledigen.

 

Gleichzeitig könnte man gemeinsame Treffen mit Aufgaben vereinbaren, in denen nicht von vornherein eine Gruppe eindeutig unterlegen ist. So könnte man z. B. davon ausgehen, dass bei einem gemeinsamen Fußballspiel durchaus die Gruppe der weniger intellektuell Begabten auch einmal eindeutig überlegen ist. Hier könnten die Hochbegabten Respekt für die weniger Begabten gewinnen, gleichzeitig würde der Gewinn eines Spieles der weniger Begabten deren Selbstwertgefühl steigern.

 

Schließlich einige Worte zu dem dritten Einwand (der Vernachlässigung der informellen Gruppen). Der Haupteinwand gegen den Versuch, die Bildungsmisere durch Einheitsschulen zu überwinden, scheint mir darin zu liegen, dass die Bedeutung der informellen Gruppen zu wenig berücksichtigt wurde. Überall dort, wo Menschen in Gruppen viele Stunden zusammenkommen und bestimmte Aufgaben gemeinsam angehen, entstehen neben der formellen Organisation immer auch informelle Gruppen, welche zumeist die Ziele der jeweiligen formellen Organisation behindern und erschweren.

 

In der formellen Organisation (hier Schule) werden die Ziele klar formuliert, es bestehen Anreizsysteme, welche sicherstellen sollen, dass die Ziele auch erreicht werden. Die Führungskräfte werden für ihre Aufgaben ausgebildet und unterliegen zumeist einer Kontrolle.

 

Ganz anderes gilt für die Bildung und für das Wirken der informellen Gruppen. Während in der offiziellen Organisation die Führungskräfte nach ihrer Befähigung ausgesucht werden, gelten für die informellen Gruppen vor allem die beiden Auswahlkriterien: Der physisch stärkste sowie derjenige, welcher in moralischer Hinsicht die wenigsten Skrupel besitzt, setzt sich durch und diktiert die Spielregeln.

 

Das Entscheidende bei Einheitsschulen besteht nun darin, – dass wie bereits gezeigt – in viel größerem Maße als bei einer Trennung zwischen den allgemein weiterführenden Schulen und den Gymnasien während des Unterrichtes sehr viel mehr Frustrationen entstehen, sowohl bei den intellektuell weniger als auch bei den mehr Begabten.

 

Frustration führt jedoch immer dann zu aggressiven Ausbrüchen, wenn es in der ersten Erziehungsphase nicht gelungen ist, Frustrationen abzubauen und in harmlosere Handlungen umzulenken.

 

Diese Gefahr ist jedoch bei den Jugendlichen aus den Nichtakademikerfamilien sehr viel größer. Früher beschränkten sich diese Ausbrüche auf die Pausen im Schulhof und konnten noch einigermaßen jeweils durch eine Aufsichtsperson im Schulhof beschränkt werden.

 

Heutzutage ist diese Kontrolle weitgehend zurückgegangen, da diese Frustrationen verstärkt auf die sozialen Medien umgelenkt wurden, in denen die Lehrer selbst gemobbt werden und kaum Möglichkeiten haben, dieser Aggression weder gegen sich selbst noch gegen einzelne Schüler angemessen zu begegnen.

 

Fortsetzung!