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Wunder, gibt’s die überhaupt? Fortsetzung

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Wunder in der Wissenschaft

3. Wunder in der Bibel

4. Wunder in der Religion

 

 

 

3. Wunder in der Bibel

 

Wir wollen uns nun der Frage zuwenden, welche Bedeutung den Wundern innerhalb der Bibel zufällt. In der Tat weist sowohl das Alte Testament wie auch das Neue Testament zahlreiche Stellen auf, in denen über das Geschehen von Wundern sowie über die Bedeutung dieser Wunder berichtet wird.

 

Beginnen wir mit dem Nachweis, dass bereits im Alten Testament den Wundern eine besondere Rolle zuerkannt wird. Im 2. Buch Moses (Exodus Kapitel 3,20) lesen wir:

 

‚Erst wenn ich meine Hand ausstrecke und Ägypten niederschlage mit allen meinen Wundern, die ich in seiner Mitte vollbringe, wird er euch ziehen lassen.‘

 

Und im 34. Kapitel Vers 10 wird fortgefahren:

 

‚Da sprach der Herr: Hiermit schließe ich einen Bund: Vor deinem ganzen Volk werde ich Wunder wirken, wie sie auf der ganzen Erde und unter allen Völkern nie geschehen sind. Das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, wird die Taten des Herrn sehen; denn was ich mit dir vorhabe, wird Furcht erregen.‘

 

Auch im 5. Buch Moses (Deuteronomium) Kapitel 4,34 sowie Kapitel 26,8 wird über Wunder gesprochen:

 

‚Oder hat je ein Gott es ebenso versucht, zu einer Nation zu kommen und sie mitten aus einer anderen herauszuholen unter Prüfungen, unter Zeichen, Wundern und Krieg, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm und unter großen Schrecken, wie es der Herr, euer Gott, in Ägypten mit euch getan hat, vor deinen Augen?...

 

Der Herr führte uns mit starker Hand und hoch erhobenem Arm, unter großem Schrecken, unter Zeichen und Wundern aus Ägypten…‘

 

Und im Buch Josua Kapitel 6,13-20 erfahren wir über die Wunder bei der Eroberung Jerichos durch Josua:

 

13  ‚Sieben Priester trugen die sieben Widderhörner der Lade des Herrn voraus und bliesen ständig die Hörner. Die bewaffneten Männer zogen vor ihnen her und die Nachhut folgte der Lade des Herrn. Man blies ständig die Hörner.

14  So zogen sie auch am zweiten Tag einmal um die Stadt herum und kehrten wieder ins Lager zurück. Das machten sie sechs Tage lang.

15  Am siebten Tag aber brachen sie beim Anbruch der Morgenröte auf und zogen, wie gewohnt, um die Stadt, siebenmal; nur an diesem Tag zogen sie siebenmal um die Stadt.

16  Als die Priester beim siebten Mal die Hörner bliesen, sagte Josua zum Volk: Erhebt das Kriegsgeschrei! Denn der Herr hat die Stadt in eure Gewalt gegeben.

17  Die Stadt mit allem, was in ihr ist, soll zu Ehren des Herrn dem Untergang geweiht sein. Nur die Dirne Rahab und alle, die bei ihr im Haus sind, sollen am Leben bleiben, weil sie die Boten versteckt hat, die wir ausgeschickt hatten….

 

20  Darauf erhob das Volk das Kriegsgeschrei und die Widderhörner wurden geblasen. Als das Volk den Hörnerschall hörte, brach es in lautes Kriegsgeschrei aus. Die Stadtmauer stürzte in sich zusammen, und das Volk stieg in die Stadt hinein, jeder an der nächstbesten Stelle. So eroberten sie die Stadt.



Schließlich wird auch in den späteren Schriften des Alten Testamentes, im 2. Buch der Makkabäer Kapitel 15,21 sowie bei Sirach Kapitel 45,19 die Bedeutung von Wundern hervorgehoben:

 

‚Der Makkabäer sah, wie die Massen der Feinde dastanden, die verschiedenen Waffengattungen, die zur Wildheit gereizten Tiere. Da erhob er seine Hände zum Himmel und rief zum Herrn, der Wunder vollbringt. Denn er wusste, dass es nicht auf die Waffen ankommt, sondern dass denen der Sieg zufällt, die Gott für würdig erachtet.‘

 

‚da sah es der Herr und wurde zornig, er vernichtete sie in seinem glühenden Zorn. Er bewirkte ein Wunder gegen sie und vertilgte sie in den Flammen seines Feuers.‘

 

Diese Bibelstellen belegen, dass es im Alten Testament in erster Linie Gott selbst ist, der zahlreiche Wunder bewirkt, wobei auch Propheten oder Moses im Auftrag Gottes Wunder vollbringen. Wir erfahren an diesen Stellen, dass Gott diese Wunder vor allem dann vollbringt, wenn es um die Verteidigung des judäischen Volkes gegenüber feindlichen Mächten geht, wenn Gott sichtbar machen möchte, dass Gott mit dem judäischen Volk ein Bund geschlossen hat und dass Gott deshalb dieses Volk auch schützt und rettet, wenn es von Feinden angegriffen wird, auch dann, wenn letztere sich an und für sich in der Übermacht befinden. Es kommt hierbei einmal darauf an, dass das auserwählte Volk den Sieg über seine Feinde erlangt, zum andern dienen die Wunder auch dazu, dass die anderen Völker sehen, dass Gott mit seinem Volk ein Bund geschlossen hat und dass sich das jüdische Volk auf Gott verlassen kann.

 

Moses ging mit seinem Bruder Aaron zum Pharao und verhängte im Auftrag Gottes über Ägypten zehn Plagen (wie etwa die ägyptische Finsternis und der Tod jeder ägyptischen Erstgeburt), um den Pharao dazu zu bewegen, aufgrund dieser Wunder die Israeli aus Ägypten zu entlassen. Als dann der Pharao schließlich die Israelis ziehen ließ und sich die Israelis dem Roten Meer (Schilfmeer) näherten, wurden sie von der ägyptischen Armee verfolgt. Auch hier wieder erfahren wir vermutlich von einem Wunder: Als Moses seinen Arm ausstreckte, teilte sich das Rote Meer und die Israeliten konnten trockenen Fußes das Meer überqueren, während die ihnen folgenden Ägypter im Meer ertranken, da sich die aufgestauten Wasser über den Ägyptern ergossen.

 

Hier wird auch deutlich, dass die von Gott bewirkten Wunder keinesfalls nur in Wohltaten (wie z. B. der Heilung von Kranken) bestanden, sondern teilweise Unglück und Verzweiflung über die so bestraften Menschen gebracht hatten.

 

Auch bei der Schilderung der Eroberung Jerichos lässt Gott durch ein Wunder die Israeliten über die Kanaaniter siegen und zwar dadurch, dass durch das Kriegsgeschrei und das Blasen der Widderhörner schließlich die Mauern Jerichos einstürzten. Auch hier bewirkt das Wunder einmal den Sieg der Israeliten, zum andern aber auch die totale Vernichtung der Kanaaniter.

 

Aber auch bereits im Alten Testament wird berichtet, dass Gott durch die Propheten Menschen, welche erkrankt waren und im Sterben lagen, durch ein Wunder gerettet hat. So heißt es über Elias im 1. Buch der Könige Kapitel 17, 17-24:

 

17 ‚In jenen Tagen erkrankte der Sohn der Witwe, bei der Elija wohnte. Die Krankheit verschlimmerte sich so, dass zuletzt kein Atem mehr in ihm war.

18 Da sagte sie zu Elija: Was habe ich mit dir zu schaffen, Mann Gottes? Du bist nur zu mir gekommen, um an meine Sünde zu erinnern und meinem Sohn den Tod zu bringen.

19 Er antwortete ihr: Gib mir deinen Sohn! Und er nahm ihn von ihrem Schoß, trug ihn in das Obergemach hinauf, in dem er wohnte, und legte ihn auf sein Bett.

20 Dann rief er zum Herrn und sagte: Herr, mein Gott, willst du denn auch über die Witwe, in deren Haus ich wohne, Unheil bringen und ihren Sohn sterben lassen?

21 Hierauf streckte er sich dreimal über den Knaben hin, rief zum Herrn und flehte: Herr, mein Gott, lass doch das Leben in diesen Knaben zurückkehren!

22 Der Herr erhörte das Gebet Elijas. Das Leben kehrte in den Knaben zurück, und er lebte wieder auf.

23 Elija nahm ihn, brachte ihn vom Obergemach in das Haus hinab und gab ihn seiner Mutter zurück mit den Worten: Sieh, dein Sohn lebt.

24 Da sagte die Frau zu Elija: Jetzt weiß ich, dass du ein Mann Gottes bist und dass das Wort des Herrn wirklich in deinem Mund ist.‘ 

 

In gleicher Weise kommt auch im Neuen Testament, vor allem in den vier Evangelien von Markus, Matthäus, Lukas und Johannes den Wundern eine zentrale Rolle zu. Sicherlich steht hier im Mittelpunkt dieser Wunder die Heilung Kranker und Behinderter, welche Jesus im Auftrag seines Vaters bewirkt hat und die vor allem den Zweck verfolgen, Jesus als den von den Propheten angekündigten Messias auszuweisen. Allerdings finden wir auch Hinweise darauf, dass nicht nur Gott und seine beauftragten Propheten Wunder bewirken können. So heißt es bei Matthäus Kapitel in Kapitel 7:

 

15  ‚Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch wie (harmlose) Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe....

 

21  Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.

22  Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht?

 

Und in Kapitel 24 des Matthäusevangeliums wird abschließend von Jesus festgestellt:

 

24 ‚Denn es wird mancher falsche Messias und mancher falsche Prophet auftreten und sie werden große Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, auch die Auserwählten irrezuführen.‘

 

An anderen Stellen wird auch im Neuen Testament darauf hingewiesen, dass Wunder nicht nur die Aufgabe haben, die Guten zu unterstützen und ihnen zu helfen, sondern dass Gott durch Wunder erreichen will, dass sich die Menschen Gott zuwenden und dass er diejenigen bestraft, die trotz Wunder von Gott abfielen: Bei Matthäus Kapitel 11 steht beispielsweise:

 

20 ‚Dann begann er den Städten, in denen er die meisten Wunder getan hatte, Vorwürfe zu machen, weil sie sich nicht bekehrt hatten:

21 Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Wenn einst in Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären, die bei euch geschehen sind – man hätte dort in Sack und Asche Buße getan.

23 Und du, Kafarnaum, meinst du etwa, du wirst bis zum Himmel erhoben? Nein, in die Unterwelt wirst du hinabgeworfen. Wenn in Sodom die Wunder geschehen wären, die bei dir geschehen sind, dann stünde es noch heute.‚

 

In der Apostelgeschichte in Kapitel 2 wird wiederum wie im alten Testament gezeigt, dass Wunder von Gott nicht nur bewirkt werden, um den Gläubigen zu helfen, sondern dass Wunder auch dazu dienen, Ungehorsame zu bestrafen:

 

19 ‚Ich werde Wunder erscheinen lassen droben am Himmel und Zeichen unten auf der Erde: Blut und Feuer und qualmenden Rauch.‚

 

Wiederum auf einen anderen Aspekt wird in dem Gleichnis von den bösen Winzern bei Matthäus Kapitel 21 aufmerksam gemacht:

 

42 ‚Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder.‘

 

Hier wird darauf abgehoben, dass Jesus von Gott in die Welt gesandt wurde, um die Botschaft Gottes zu verkünden, dass aber die Menschen diese Absicht zu vereitlen suchten, in dem sie Jesus kreuzigen ließen und dass nun Gott wiederum durch ein Wunder bewirkt hat, dass Jesus gerade durch den Tod am Kreuze und die hierauf erfolgte Auferstehung am dritten Tage doch den Sieg davon getragen hat.

 

Betrachten wir nun die einzelnen in den Evangelien dargestellten Wunder etwas ausführlicher. Der wohl größte Teil der bei Matthäus geschilderten Wunder haben die Heilung Kranker und Gebrechlicher, in wenigen Fällen sogar die Auferweckung von den Toten (der Tochter eines Synagogenvorstehers sowie des Lazarus, des Jünglings von Nain und des Bruders der Maria und der Martha) zum Thema:

 

 

Die Wirkung des ersten Auftretens: Matthäus Kapitel 4,23–25

 

23  ‚Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.

24  Und sein Ruf verbreitete sich in ganz Syrien. Man brachte Kranke mit den verschiedensten Gebrechen und Leiden zu ihm, Besessene, Mondsüchtige und Gelähmte, und er heilte sie alle.‘

 

 

Die Heilung eines Aussätzigen: Matthäus Kapitel 8,1–4

 

1  ‚Als Jesus von dem Berg herabstieg, folgten ihm viele Menschen.

2  Da kam ein Aussätziger, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde.

3  Jesus streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es werde rein! Im gleichen Augenblick wurde der Aussätzige rein.

4  Jesus aber sagte zu ihm: Nimm dich in Acht! Erzähl niemand davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Opfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis (deiner Heilung) sein.‘

 

 

Der Hauptmann von Kafarnaum: Matthäus Kapitel 8,5–13

 

5  ‚Als er nach Kafarnaum kam, trat ein Hauptmann an ihn heran und bat ihn: 

6  Herr, mein Diener liegt gelähmt zu Hause und hat große Schmerzen.

7  Jesus sagte zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.

8  Da antwortete der Hauptmann: Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund.

9  Auch ich muss Befehlen gehorchen und ich habe selber Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es.

10  Jesus war erstaunt, als er das hörte, und sagte zu denen, die ihm nachfolgten: Amen, das sage ich euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemand gefunden.

11  Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; 

12  die aber, für die das Reich bestimmt war, werden hinausgeworfen in die äußerste Finsternis; dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.

13  Und zum Hauptmann sagte Jesus: Geh! Es soll geschehen, wie du geglaubt hast. Und in derselben Stunde wurde der Diener gesund.‘

 

 

Die Heilung der Schwiegermutter des Petrus: Matthäus Kapitel 8,14–15

 

14  ‚Jesus ging in das Haus des Petrus und sah, dass dessen Schwiegermutter im Bett lag und Fieber hatte.

15  Da berührte er ihre Hand, und das Fieber wich von ihr. Und sie stand auf und sorgte für ihn.‘

 

Die Heilung von Besessenen und Kranken: Matthäus Kapitel 8,16–17

 

16  ‚Am Abend brachte man viele Besessene zu ihm. Er trieb mit seinem Wort die Geister aus und heilte alle Kranken.

17  Dadurch sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Er hat unsere Leiden auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen.‚

 

 

Die Heilung der Besessenen von Gadara: Matthäus Kapitel 8,28–34

 

28  ‚Als Jesus an das andere Ufer kam, in das Gebiet von Gadara, liefen ihm aus den Grabhöhlen zwei Besessene entgegen. Sie waren so gefährlich, dass niemand den Weg benutzen konnte, der dort vorbeiführte.

29  Sofort begannen sie zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Sohn Gottes? Bist du hergekommen, um uns schon vor der Zeit zu quälen? 

30  In einiger Entfernung weidete gerade eine große Schweineherde.

31  Da baten ihn die Dämonen: Wenn du uns austreibst, dann schick uns in die Schweineherde!

32  Er sagte zu ihnen: Geht! Da verließen sie die beiden und fuhren in die Schweine. Und die ganze Herde stürzte sich den Abhang hinab in den See und kam in den Fluten um.‘

 

 

Die Heilung eines Gelähmten: Matthäus Kapitel 9,1–8

 

1 Jesus stieg in das Boot, fuhr über den See und kam in seine Stadt.

2  Da brachte man auf einer Tragbahre einen Gelähmten zu ihm. Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Hab Vertrauen, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! 

3  Da dachten einige Schriftgelehrte: Er lästert Gott.

4  Jesus wusste, was sie dachten, und sagte: Warum habt ihr so böse Gedanken im Herzen?

5  Was ist leichter, zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf und geh umher?

6  Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Darauf sagte er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause!

7  Und der Mann stand auf und ging heim.‘

 

 

Die Auferweckung der Tochter eines Synagogenvorstehers und die Heilung einer kranken Frau: Matthäus Kapitel 9,18–26

 

18  ‚Während Jesus so mit ihnen redete, kam ein Synagogenvorsteher, fiel vor ihm nieder und sagte: Meine Tochter ist eben gestorben; komm doch, leg ihr deine Hand auf, dann wird sie wieder lebendig.

19  Jesus stand auf und folgte ihm mit seinen Jüngern.

20  Da trat eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt, von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes; 

21  denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt.

22  Jesus wandte sich um, und als er sie sah, sagte er: Hab keine Angst, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und von dieser Stunde an war die Frau geheilt.

23  Als Jesus in das Haus des Synagogenvorstehers kam und die Flötenspieler und die Menge der klagenden Leute sah,

24  sagte er: Geht hinaus! Das Mädchen ist nicht gestorben, es schläft nur. Da lachten sie ihn aus.

25  Als man die Leute hinausgedrängt hatte, trat er ein und fasste das Mädchen an der Hand; da stand es auf.

26  Und die Kunde davon verbreitete sich in der ganzen Gegend.‘

 

 

Der Jüngling von Nain:   Lukas Kapitel 7,11-17

 

11 ‚Einige Zeit später ging er in eine Stadt namens Naïn; seine Jünger und eine große Menschenmenge folgten ihm.

12 Als er in die Nähe des Stadttors kam, trug man gerade einen Toten heraus. Es war der einzige Sohn seiner Mutter, einer Witwe. Und viele Leute aus der Stadt begleiteten sie.

13 Als der Herr die Frau sah, hatte er Mitleid mit ihr und sagte zu ihr: Weine nicht!

14 Dann ging er zu der Bahre hin und fasste sie an. Die Träger blieben stehen und er sagte: Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf!

15 Da richtete sich der Tote auf und begann zu sprechen und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück.

16 Alle wurden von Furcht ergriffen; sie priesen Gott und sagten: Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten: Gott hat sich seines Volkes angenommen.

17 Und die Kunde davon verbreitete sich überall in Judäa und im ganzen Gebiet ringsum.‘  

 

 

Die Heilung von zwei Blinden: Matthäus Kapitel 9,27–31

 

27  Als Jesus weiterging, folgten ihm zwei Blinde und schrien: Hab Erbarmen mit uns, Sohn Davids! 

28  Nachdem er ins Haus gegangen war, kamen die Blinden zu ihm. Er sagte zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich euch helfen kann? Sie antworteten: Ja, Herr.

29  Darauf berührte er ihre Augen und sagte: Wie ihr geglaubt habt, so soll es geschehen.

30  Da wurden ihre Augen geöffnet. Jesus aber befahl ihnen: Nehmt euch in Acht! Niemand darf es erfahren.

31  Doch sie gingen weg und erzählten von ihm in der ganzen Gegend.‘

 

 

Die Heilung eines Stummen: Matthäus Kapitel 9,32–34

 

32  Als sie gegangen waren, brachte man zu Jesus einen Stummen, der von einem Dämon besessen war.

33  Er trieb den Dämon aus, und der Stumme konnte reden. Alle Leute staunten und sagten: So etwas ist in Israel noch nie geschehen.

34  Die Pharisäer aber sagten: Mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.‘

 

 

Die Heilung eines Mannes am Sabbat: Matthäus Kapitel 12,9–14

 

9  ‚Darauf verließ er sie und ging in ihre Synagoge.

10  Dort saß ein Mann, dessen Hand verdorrt war. Sie fragten ihn: Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen? Sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn.

11  Er antwortete: Wer von euch wird, wenn ihm am Sabbat sein Schaf in eine Grube fällt, es nicht sofort wieder herausziehen? 

12  Und wie viel mehr ist ein Mensch wert als ein Schaf! Darum ist es am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun.

13  Dann sagte er zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus, und die Hand war wieder ebenso gesund wie die andere‘.

 

 

Krankenheilungen in Gennesaret: Matthäus Kapitel 14,34–36

 

34  ‚Sie fuhren auf das Ufer zu und kamen nach Gennesaret.

35  Als die Leute dort ihn erkannten, schickten sie Boten in die ganze Umgebung. Und man brachte alle Kranken zu ihm

36  und bat ihn, er möge sie wenigstens den Saum seines Gewandes berühren lassen. Und alle, die ihn berührten, wurden geheilt.‘

 

 

Die Erhörung der Bitte einer heidnischen Frau: Matthäus Kapitel 15,21–28

 

21  ‚Von dort zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück.

22  Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.

23  Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her.

24  Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.

25  Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!

26  Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.

27  Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.

28  Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.‘

 

 

Die Heilung vieler Kranker: Matthäus Kapitel 15,29–31

 

29  ‚Jesus zog weiter und kam an den See von Galiläa. Er stieg auf einen Berg und setzte sich.*

30  Da kamen viele Menschen und brachten Lahme, Krüppel, Blinde, Stumme und viele andere Kranke zu ihm; sie legten sie vor ihn hin, und er heilte sie.

31  Als die Menschen sahen, dass Stumme plötzlich redeten, Krüppel gesund wurden, Lahme gehen und Blinde sehen konnten, waren sie erstaunt und priesen den Gott Israels.‘

 

 

Die Heilung eines mondsüchtigen Jungen: Matthäus Kapitel 17,14–21

 

14  ‚Als sie zurückkamen, begegneten sie einer großen Zahl von Menschen. Da trat ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie 

15  und sagte: Herr, hab Erbarmen mit meinem Sohn! Er ist mondsüchtig und hat schwer zu leiden. Immer wieder fällt er ins Feuer oder ins Wasser.

16  Ich habe ihn schon zu deinen Jüngern gebracht, aber sie konnten ihn nicht heilen.

17  Da sagte Jesus: O du ungläubige und unbelehrbare Generation! Wie lange muss ich noch bei euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen? Bringt ihn her zu mir!

18  Dann drohte Jesus dem Dämon. Der Dämon verließ den Jungen, und der Junge war von diesem Augenblick an geheilt.

19  Als die Jünger mit Jesus allein waren, wandten sie sich an ihn und fragten: Warum konnten denn wir den Dämon nicht austreiben?

20  Er antwortete: Weil euer Glaube so klein ist. Amen, das sage ich euch: Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort!, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein.‘

 

 

Die Heilung von zwei Blinden bei Jericho: Matthäus Kapitel 20,29–34

 

29  ‚Als sie Jericho verließen, folgte ihm eine große Zahl von Menschen.

30  An der Straße aber saßen zwei Blinde, und als sie hörten, dass Jesus vorbeikam, riefen sie laut: Herr, Sohn Davids, hab Erbarmen mit uns! 

31  Die Leute aber wurden ärgerlich und befahlen ihnen zu schweigen. Sie aber schrien noch lauter: Herr, Sohn Davids, hab Erbarmen mit uns!

32  Jesus blieb stehen, rief sie zu sich und sagte: Was soll ich euch tun?

33  Sie antworteten: Herr, wir möchten, dass unsere Augen geöffnet werden.

34  Da hatte Jesus Mitleid mit ihnen und berührte ihre Augen. Im gleichen Augenblick konnten sie wieder sehen, und sie folgten ihm.‘

 

 

Heilung der zehn Aussätzigen:  Lukas Kapitel 17,11-19

 

11 ‚Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa.

12 Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen

13 und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!

14 Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein.

15 Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme.

16 Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm. Dieser Mann war aus Samarien.

17 Da sagte Jesus: Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun?

18 Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden?

19 Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen.‘ 

 

 

Die Auferweckung des Lazarus: Johannes Kapitel 11,1-44

 

1 ‚Ein Mann war krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf, in dem Maria und ihre Schwester Marta wohnten.

2 Maria ist die, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar abgetrocknet hat; deren Bruder Lazarus war krank.

3 Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank.

4 Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.

5 Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus.

6 Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.

7 Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen.

8 Die Jünger entgegneten ihm: Rabbi, eben noch wollten dich die Juden steinigen und du gehst wieder dorthin?

9 Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht;

10 wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist.

11 So sprach er. Dann sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.

12 Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden.

13 Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf.

14 Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: Lazarus ist gestorben.

15 Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt. Doch wir wollen zu ihm gehen.

16 Da sagte Thomas, genannt Didymus (Zwilling), zu den anderen Jüngern: Dann lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben.

17 Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen.

18 Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt.

19 Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten.

20 Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus.

21 Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.

22 Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.

23 Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.

24 Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag.

25 Jesus erwiderte ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,

26 und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?

27 Marta antwortete ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.

28 Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen.

29 Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm.

30 Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte.

31 Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen.

32 Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.

33 Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert.

34 Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh!

35 Da weinte Jesus.

36 Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte!

37 Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?

38 Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war.

39 Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, entgegnete ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag.

40 Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?

41 Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.

42 Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast.

43 Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!

44 Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!‘ 

 

 

Von Bedeutung ist vor allem, dass Jesus Wunder auch an Heiden vollbrachte, so an dem Diener des Hauptmanns aus Kafarnaum sowie an der kanaanäischen Frau, obwohl Jesus eigentlich davon überzeugt war, dass er ‚nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt‘ sei. Zum Verständnis dieser beiden Wunder ist es notwendig, sich daran zu erinnern, dass die vier Evangelien erst 40 bis 70 Jahre nach Jesu Tod aufgezeichnet wurden und dass zu dieser Zeit (nach der Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Römer) die Urchristen in allererster Linie die heidnischen Völker zu bekehren versuchten. Hier ging es darum, an Jesu Worte zu erinnern, die deutlich machen, dass er auch für die Heiden in diese Welt gekommen ist.

 

Das Heilungswunder eines Gelähmten: in Matthäus Kapitel 9,1–8 ist von besonderer Bedeutung, da der Heilungsvorgang mit der Vergebung der Sünden verbunden wird. Es soll hier gezeigt werden, dass Jesus tatsächlich der von Gott gesandte Messias und Sohn Gottes ist, denn nur Gott und sein gesandter Sohn haben die Vollmacht, Sünden zu vergeben. Wäre Jesus hier fälschlicher Weise als Messias aufgetreten, so hätte nach Überzeugung der gläubigen Juden Gott sicherlich nicht zugelassen, dass er in Gottes Namen Heilungen vollbracht hätte.

 

Erwähnung bedarf auch die Heilung eines Mannes am Sabbat in Matthäus Kapitel 12,9–14. Hier wird unterstrichen, dass man dann, wenn man auch das Heilen von Krankheiten als eine Arbeit verstehen würde, welche am Sabbath nicht verrichtet werden dürfte, das Verbot des Arbeitens am Sabbath vollkommen missverstehen würde, denn: ‚der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.‘ (Markus Kapitel 2,27)

 

Die Heilung eines mondsüchtigen Jungen in Matthäus Kapitel 17,14–21 macht deutlich, welche Haltung für die Jünger notwendig ist, um im Namen Jesu Wunder zu vollbringen. Die Jünger frugen nämlich Jesu, warum es ihnen nicht gelinge, genauso wie Jesu Kranke zu heilen. Jesus antwortete: ‚Weil euer Glaube so klein ist. Amen, das sage ich euch: Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort!, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein.‚

 

Die Heilung von zwei Blinden bei Jericho in Matthäus Kapitel 20,29–34 verweist darauf, dass wir Menschen durchaus das Recht haben, in unserer Not Gott anzurufen und ihn zu bitten, uns von allem Unbill zu befreien und dass Gott sehr wohl auch aus Mitleid heraus dieser Bitte entsprechen kann. In dem Gleichnis vom hartherzigen Richter und der Witwe bei Lukas Kapitel 18,1-8 erfahren wir: ‚Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt. Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen.‘

 

Bei dem Bericht über die Heilung von zehn Aussätzigen ist von Bedeutung, dass nur einer der Geheilten Jesus ausdrücklich für die Gesundung dankt und dass darauf hingewiesen wird, dass ausgerechnet er, der aus Samaria stammte und somit ein Heide war, als einziger Dank zeigte. (Lukas Kapitel 17,11-19)

 

Die Auferweckung des Lazarus (Johannesevangelium Kapitel 11,1-44) dient schließlich dazu darauf hinzuweisen, dass nicht nur Jesus, sondern am Ende der Tage alle Menschen auferstehen werden und dass also mit dem irdischen Tod das Leben der Menschen nicht zu Ende ist. Auch bei dieser Heilung wird nochmals darauf aufmerksam gemacht, dass Wunder in allererster Linie deshalb erfolgen‚ um aufzuzeigen, dass Jesus der von den Propheten angekündigte Messias ist: ‚aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast.‘

 

Drei weitere Berichte und zwar die Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit in Kana, die Brotvermehrung bei der Speisung der Fünftausend bzw. der Viertausend verweisen auf Wunder, in denen Nahrungsmittel wie Brot, Fische und Wein vermehrt werden. Bei der Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit in Kana hat es den Anschein, dass Jesus eigentlich hier noch kein Wunder vollbringen wollte. Auf den Hinweis seiner Mutter, Sie haben keinen Wein mehr‘ antwortet Jesus: ‚Was willst du von mir,… meine Stunde ist noch nicht gekommen.‘ Vielleicht wird hier zum Ausdruck gebracht, dass die Wunder Jesu in engem Zusammenhang mit seiner zu verkündenden Botschaft stehen, also die Gültigkeit der göttlichen Botschaft unterstreichen sollen und deshalb eigentlich auch erst dann ihre Funktion erfüllen, nachdem Jesus mit seiner Lehre begonnen hat. Vor diesem Bericht erfahren wir lediglich, dass sich Jesus von Johannes taufen ließ und dass er seine ersten Jünger berufen hatte. Trotzdem dürfte Jesus mit diesem erstgenannten Wunder zu Beginn seiner Lehrtätigkeit ein Zeichen gesetzt haben, das Stattfinden einer Hochzeit steht in den Gleichnissen Jesu zumeist für den Anbruch des Reiches Gottes hier auf Erden (der Vermählung Jesu mit seinem Volk) und Wein gehört zu den beliebtesten Hochzeitsgeschenken:

 

 

Die Hochzeit in Kana als Zeichen: nach  Johannes Kapitel 2,1–12

 

1  ‚Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei.

2  Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen.

3  Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.

4  Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

5  Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut!

6  Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter.

7  Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand.

8  Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm.

9  Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen

10  und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.

11  So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.‘

 

Bei den Berichten über die Speisung der Fünftausend bzw. der Viertausend bezieht sich das Wunder auf Brot und Fische, also auf Nahrungsmittel, welche vor allem bei der ärmeren Schicht das Hauptnahrungsmittel dargestellt haben. Ob wir tatsächlich von zwei verschiedenen Ereignissen sprechen können, ist fraglich, da der Text der zweiten Passage fast wortwörtlich dem des ersten Berichtes entspricht, auch findet sich der zweite Bericht nur bei Matthäus und Markus, während der erste Bericht bei allen vier Evangelisten erwähnt wird. Auf jeden Fall dürften diese Umstände darauf hinweisen, dass dieses Wunder in den Augen der Evangelisten ein besonderes Augenmerk verdient hatte.

 

Dass in dem einen Fall von einer Speisung von Fünftausend, das zweite Mal von nur Viertausend die Rede ist, dürfte von geringer Bedeutung sein. Bekanntlich wollen Zahlenangaben in der gesamten Heiligen Schrift nicht wortwörtlich verstanden werden, sie sind zumeist symbolisch zu verstehen und eine Zahl von vier oder fünf Tausend Menschen dürfte einfach darauf hinweisen, dass viele, sehr viele Juden bei diesen Ereignissen Jesus zugehört haben. Auch der Text dieser Passagen verweist ja selbst darauf hin, dass neben den vier oder fünf tausend Männern auch noch ihre Frauen und Kinder an dieser Speisung teilgenommen haben.

 

Die Verwandlung von Wasser in Wein und die Speisung der vier- oder fünf Tausend haben eines gemeinsam: Sie beziehen sich nicht nur auf die alltäglichen Geschehnisse im irdischen Leben, auf eine Hochzeit und auf eine Mahlzeit, sie verweisen gleichnishaft auch auf das Reich des Himmels: Genauso wie die Hochzeit ein Sinnbild des Anbrechens des Reich Gottes auf Erden darstellt, genauso verweist die Speisung der vier oder fünf Tausend auf die geistige Nahrung, die Verkündung Jesu, welche für die Erlangung des ewigen Lebens genauso wichtig ist wie die tägliche Nahrung für die Aufrechterhaltung des irdischen Lebens.

 

Insofern kann auch davon gesprochen werden, dass hier das Abendmahl, das Jesus kurz vor seinem Tod mit seinen engsten Jüngern eingenommen hat, bereits vorweg genommen wurde. In diesem Sinne darf auch nicht erwartet werden, dass diese Speisung zum Ziele hatte, dass sich wirklich viele Tausende Menschen satt essen, sondern das hier abgehaltene Mahl hatte symbolischen Charakter, man bricht zusammen mit den anderen Gläubigen das Brot, um anzudeuten, dass man sich in der Gemeinschaft mit Gott und den andern Gläubigen versammelt hat:

 

 

Die Speisung der Fünftausend: nach Matthäus Kapitel 14,13–21

 

13  ‚Als Jesus all das hörte, fuhr er mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber die Leute in den Städten hörten davon und gingen ihm zu Fuß nach.

14  Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen und heilte die Kranken, die bei ihnen waren.

15  Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät geworden. Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können.

16  Jesus antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!

17  Sie sagten zu ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns.

18  Darauf antwortete er: Bringt sie her!

19  Dann ordnete er an, die Leute sollten sich ins Gras setzen. Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten,

20  und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die übrig gebliebenen Brotstücke einsammelten, wurden zwölf Körbe voll.

21  Es waren etwa fünftausend Männer, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder.‘

 

 

Die beiden letzten hier vorgestellten Berichte beziehen sich auf Jesu Fähigkeit, die Naturgewalten zu bezwingen. Im ersten Falle befahl er den Winden still zu sein und der Sturm legte sich, während im zweiten Fall Jesus – und von ihm aufgefordert dann auch Petrus – befähigt werden, auf dem See zu wandern, ohne unterzugehen. In beiden Berichten wird darauf abgehoben, dass der unerschütterliche Glauben Berge versetzen kann, dass es oftmals der fehlende Glaube ist, der das Gelingen der Vorsätze zunichte macht. Aber auch diese beiden Wunder dienen dazu, die Jünger zum Glauben zu führen: ‚Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.‘

 

 

Der Sturm auf dem See: Matthäus Kapitel 8,23–27

 

23  ‚Er stieg in das Boot, und seine Jünger folgten ihm.

24  Plötzlich brach auf dem See ein gewaltiger Sturm los, sodass das Boot von den Wellen überflutet wurde. Jesus aber schlief.

25  Da traten die Jünger zu ihm und weckten ihn; sie riefen: Herr, rette uns, wir gehen zugrunde! 

26  Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen? Dann stand er auf, drohte den Winden und dem See und es trat völlige Stille ein.

27  Die Leute aber staunten und sagten: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar die Winde und der See gehorchen?‘

 

 

Der Gang Jesu auf dem Wasser: Matthäus Kapitel 14,22–33

 

22  ‚Gleich darauf forderte er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken.

23  Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg.

24  Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind.

25  In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See.

26  Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.

27  Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!

28  Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme.

29  Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu.

30  Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich!

31  Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? 

32  Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind.

33  Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.‘

 

 

4. Wunder in der Religion

 

Unsere vorhergehenden Ausführungen haben eindeutig gezeigt, dass in der Bibel – sowohl im Alten wie auch Neuen Testament – wiederholt von Wundern erzählt wurde, welche von Gott bzw. seinen Propheten, vor allem aber von Jesus bewirkt wurden. Da die Bibel sozusagen die Magna Charta des christlichen (wie auch jüdischen) Glaubens darstellt, muss im Rahmen des christlichen Glaubens davon ausgegangen werden, dass Wunder von Gott möglich sind und dass Gott auch in der Tat von dieser Möglichkeit wiederholt Gerbrauch gemacht hat.

 

Grundsätzlich ergeben sich aus dieser Tatsache zur Frage, ob Wunder überhaupt möglich sind, keine logischen Schwierigkeiten: Wenn die Christen daran glauben, dass es Gott war, welcher die Welt und mit ihr die in ihr wirkenden Naturgesetze erschaffen hat, dann wird man auch daran glauben können, dass derselbe Gott aufgrund seiner Machtfülle in der Lage ist, auch einmal diese Naturgesetze im Einzelfall außer Kraft zu setzen. Es ist wie auch bei irdischen Problemen: Auch hier können wir ja davon ausgehen, dass Menschen zur Vereinfachung und Qualifizierung Maschinen erfinden, welche bestimmte Arbeitsvorgänge automatisch verrichten, dann aber bisweilen doch diese Arbeitsgänge von Hand erledigen, da in Einzelfällen die Handarbeit einer maschinellen Verrichtung dieser Arbeitsgänge bessere Ergebnisse zeigt. Ich kann mir z. B. einen Computer anschaffen und mit Hilfe eines Computer eigenen Textprogrammes Texte schreiben und trotzdem bisweilen einen Brief an einen besonders geschätzten Bekannten mit Hand schreiben, vielleicht einfach deshalb, weil es auf diese Weise möglich ist, dem Brief eine persönliche Note zu verleihen.

 

Nicht die Tatsache, dass Gott im Einzelnen Wunder bewirken kann und auch – wie die Zeugnisse der Bibel zeigen – tatsächlich bewirkt hat, bedarf einer besonderen Erklärung. Es ist vielmehr die Frage, aus welchen Gründen denn Gott sich trotz Schaffung der Naturgesetze auch der Wunder bedient und in den Verlauf der Geschichte unmittelbar unter Umständen sogar entgegen der Naturgesetze, die er selbst geschaffen hat, eingreift.

 

Diese Frage wird vor allem dann zum Problem, wenn man von der Vorstellung ausgeht, dass Gott nicht nur in Einzelfällen, sondern sehr häufig, vielleicht sogar die gesamten Geschicke der Menschen im Rahmen der göttlichen Vorsehung unmittelbar lenkt. Hier entsteht die Frage, warum denn Gott überhaupt bei der Erschaffung der Welt automatisch wirkende Naturgesetze vorgesehen hat, wenn er sich zur Erreichung seiner Ziele dennoch in jedem Einzelfall des unmittelbaren Eingriffs bedient. Während wir uns nämlich durchaus vorstellen können, dass automatisch wirkende Mechanismen (die Naturgesetze bzw. in unserem Beispiel der Computer) bisweilen ihr Ziel verfehlen und dass gerade daraus die Notwendigkeit und Erwünschtheit erwächst, in wenigen Einzelfällen unmittelbar in die Geschehnisse auch gegen die Naturgesetze einzugreifen, gibt es keinen erkennbaren Sinn, zunächst die Naturgesetze zu schaffen, sie aber dann in jedem Einzelfall durch persönlichen Eingriff außer Kraft zu setzen.

 

Dieser Schicksalglaube begegnet uns vor allem auch in der altertümlichen klassischen Mythologie, in welcher Schicksalsgöttinnen wie Fortuna oder die Nornen das individuelle Leben als auch den Weltlauf vollständig bestimmen. Dieser Glaube führt dann schnell zu dem Versuch, auf mythischem Wege durch Beschwörung der Götter die Geschehnisse in einem Orakel vorherzusagen. In der antiken Sagenwelt wird uns dann von den tragischen Helden wie Ödipus oder Odysseus berichtet, welche mit enormen Anstrengungen bemüht sind, dem durch die Orakel vorhergesagten Schicksal zu entgehen und die dann zu allerletzt trotzdem zum Teil gerade durch ihr Agieren von dem vorherbestimmten und nicht durch Menschenhand korrigierbaren Schicksal eingeholt werden.

 

Aus diesen Gründen ist die bei vielen Christen und noch stärker im Islam anzutreffende Lehre, dass das Schicksal jedes einzelnen Menschen und aller Geschehnisse hier auf Erden bis auf die kleinsten Einzelheiten eindeutig von Gott vorherbestimmt sei, kaum mit den anderen Überzeugungen des christlichen Glaubens zu vereinbaren. Folgerichtig bejahen die offiziellen katholischen Kirchenbehörden zwar die Möglichkeit, dass von einzelnen Menschen durch Gott ein Wunder bewirkt wird, es wird hier jedoch von einer Ausnahmesituation ausgegangen, welche nur sehr selten von heiligmäßig lebenden Menschen bewirkt werden kann und die gerade deshalb genau daraufhin überprüft werden muss, ob diese Geschehnisse nicht doch auf natürlichem Wege durch das Wirken der Naturgesetze erklärt werden können.

 

Nun könnte man unter Umständen davon ausgehen, dass eine Vorherbestimmtheit aller Schicksale und irdischen Ereignisse durchaus auch dann unterstellt werden kann, wenn man unterstellt, dass alles irdische Geschehen durch die Naturgesetze bestimmt wird. Stellen wir uns hierzu einen extrem einfachen Kosmos vor, welcher ein geschlossenes System wie z. B. die einfachen Gesetze der Mechanik umfasst und indem mit einfachen Gleichungen der Verlauf aller Ereignisse in Raum und Zeit exakt berechnet werden kann. In diesem Falle wäre in der Tat das Schicksal jedes einzelnen Menschen vorherbestimmt. Und wenn wir nun von dem Glauben ausgehen, dass Gott allwissend ist, so kommen wir in der Tat zu dem Ergebnis, dass das Schicksal jedes einzelnen Menschen von Gott über die Einsetzung der Naturgesetze vorherbestimmt ist und auch von Gott erkannt werden kann.

 

Die Schwierigkeit besteht bei dieser Deutung nur darin, dass unser Kosmos eben kein geschlossenes System mit einfachen Gesetzmäßigkeiten darstellt, er ist vielmehr äußerst komplex, er ist auch nicht stationär, sondern entwickelt sich und im Rahmen dieses Evolutionsprozesses kommt es immer wiederum zu Gabelungen in dem Sinne, dass mehrere abweichende Entwicklungsstränge möglich werden und dass es von Zufälligkeiten und vom Agieren einzelner, freier Menschen abhängt, welcher dieser Entwicklungsstränge beschritten wird. Der durch die Naturgesetze geschaffene Kosmos ist deshalb auch auf keinen Fall deterministisch, trotz oder gerade wegen der Wirkung der Naturgesetze sind unterschiedliche Entwicklungen möglich und deshalb kann auch nicht davon gesprochen werden, dass der einzelne Mensch seinem Schicksal vollständig unterworfen ist und ihm überhaupt nicht ausweichen kann.

 

Die Vorstellung einer vom Einzelnen nicht beeinflussbaren Vorherbestimmung steht weiterhin in krassem Widerspruch zu der christlichen Überzeugung, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild erschaffen hat und dies gilt insbesondere in der Hinsicht, dass auch dem Menschen eine Freiheit gegeben wurde, er kann sich für oder gegen Gott aussprechen, er kann die Gebote Gottes achten oder auch übertreten. Gott wünscht sich nicht einen Menschen, der zum Glauben gezwungen wird, sondern der sich aus freiem Entschluss für Gott entscheidet. Wäre allerdings im Sinne der Lehre vom persönlichen Schicksal das Schicksal des einzelnen in allen Einzelheiten vorherbestimmt, wären die Menschen auch keine freien Lebewesen, sie würden sich darauf beschränken, als Marionetten Gottes zu agieren.

 

Wenn wir die Berichte über die Wunder Jesu in den vier Evangelisten unserer Betrachtung zugrunde legen, können wir davon ausgehen, dass Jesus in der Tat eine Vielzahl von Wundern bewirkt hat. Genau lässt sich diese Zahl nicht beziffern, da in den Evangelien bisweilen von vielen Wundern, welche Jesus in bestimmten Situationen durchgeführt hatte, ohne genaue Angabe über die Anzahl der Heilungen berichtet wird. Auch können wir nicht davon ausgehen, dass die vier Evangelisten alle Wunder Jesu aufgezählt haben.

 

Trotzdem kann man aus einer etwas anderen Sichtweise heraus auch die Frage stellen, warum die Evangelisten nicht von wesentlich mehr Wundern erzählen. Wenn wir nämlich unterstellen, dass Jesus in allererster Linie den Armen und Kranken helfen wollte, erscheint die Anzahl der Wunder, welche in den Evangelien erzählt werden, doch wieder gering. Während Matthäus immerhin von 20 bis 30 einzelnen Wundern besonders berichtet, werden bei Johannes lediglich sieben Wunder einzeln aufgezählt. Vergleicht man nun diese Zahl mit der Anzahl von Patienten, welche ein Arzt während dreier Jahre (Jesus Lehr- und Wanderjahre waren ja auf etwa 3 Jahre beschränkt), behandelt, kommen wir leicht auf einige Tausend behandelte Krankheitsfälle. Demgegenüber ist die Zahl der in den Evangelien eigens erwähnten Wunder doch wiederum relativ gering.

 

Nun hatten wir bereits bei der Analyse der einzelnen Wunder im vorhergehenden Abschnitt gesehen, dass wiederholt in den Berichten über Jesu Wunder hinzugefügt wurde, dass dies (die Wunder) geschehen sei, um die Schrift zu erfüllen. Die Evangelisten verfolgten mit ihren Berichten in allererster Linie das Ziel, nachzuweisen, dass Jesus tatsächlich der von den Propheten angekündigte Messias und Sohn Gottes sei. Da im Alten Testament davon gesprochen wurde, dass dieser Messias durch Wunder auftrete, galt es also auch in den Evangelien eigens darauf hinzuweisen, dass Jesus tatsächlich wiederholt Wunder vollbracht und sich so als Messias ausgewiesen hatte.

 

Die christliche Urgemeinde hatte sich nach dem Tod und nach der Himmelfahrt Jesu einmal gegen die traditionellen Juden zu verteidigen, welche es ablehnten, in Jesus den in der Thora prophezeiten Messias zu sehen. Für viele Juden war Jesus einfach deshalb nicht der verheißene Messias, weil zur Zeit Jesu der Glaube verbreitet war, der Messias werde die Juden in erster Linie von der römischen Besatzungsmacht befreien. Jesus war zwar von sich selbst überzeugt, der angekündigte Messias zu sein, sah jedoch seine Aufgabe gerade nicht darin, die weltliche Macht der Römer anzugreifen.

 

Zum andern wurden die Evangelien, welche ja erst 40 bis 70 Jahre nach Jesu Tod niedergeschrieben wurden, also zu einer Zeit, in der bereits Jerusalem und der Tempel von den Römern zerstört worden war, vor allem für Heiden, welche außerhalb Judäa lebten, geschrieben. Hier ging es also darum, die Vorzüge des christlichen Glaubens gegenüber dem bisherigen Götterglauben der Heiden zu unterstreichen. Sicherlich ist die Bereitschaft, sich einer Religion zuzuwenden, dann besonders groß, wenn gezeigt werden kann, dass dieser nichtheidnische Gott Wunder bewirken kann, also sozusagen Herr über die Naturgesetze ist.