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A L L G E M E I N E

W I R T S C H A F T S P O L I T I K

V O N  B E R N H A R D  K Ü L P

 

 

 

Gliederung:

 

01. Betrachtungsweisen            

02. Methoden                              

03. Zielanalyse                             

04. Mittelanalyse                        

05. Trägeranalyse                        

06. Politische Ökonomie              

07. Wohlfahrtstheorie                

08. Ordnungsanalyse                  

09. Ordnungskonzeption           

10. Ordnungsdynamik       

 

Kapitel 10: Ordnungsdynamik Teil II

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung in die Problematik

2. Die Frage nach der Stabilität einer Ordnung

3. Ordnung und Entwicklungsstand

4. Die Interdependenz der Ordnungen

5. Stützung einer Ordnung durch ausländische Mächte

6. Der Einfluss von Ideen und Persönlichkeiten

7. Eigendynamik der Systeme ?

8. Zur Konvergenzthese

 

 

 

3. Ordnung und Entwicklungsstand

 

Wenn wir die geschichtliche Entwicklung in den europäischen Staaten verfolgen, fällt auf, dass zu Beginn der Industrialisierung der meisten Volkswirtschaften eine staatliche Planwirtschaft vorherrschte. Von einem bestimmten Augenblick an wurden jedoch die Behinderungen der Unternehmungen von Seiten der staatlichen Bürokratie so stark, dass sie die weitere Entwicklung hemmten. Es kam zu der Forderung, der Staat solle sich aus der Wirtschaft zurückziehen und eine weitgehende Liberalisierung der Volkswirtschaften war die Folge. Später nahmen jedoch die dirigistischen Eingriffe des Staates wiederum zu und es kam vor allem im Zuge der beiden Weltkriege wiederum zu einer Hinwendung zu einer staatlichen Planwirtschaft.

 

Es hat also den Anschein, dass die Frage, welches Ordnungssystem gewählt wird, vor allem auch vom Entwicklungsstand einer Volkswirtschaft abhängt, dass zu Beginn der wirtschaftlichen Entwicklung zunächst eine staatliche Planwirtschaft, später dann eine liberale Marktwirtschaft vorherrscht, die aber dann wiederum in eine staatliche Planwirtschaft einmündet.

 

Diese Zusammenhänge lassen sich in gewissem Umfang auch in den heutigen Entwicklungsländern, vor allem Afrikas und Asiens beobachten, auch hier herrscht zunächst in vielen Volkswirtschaften eine bürokratische Wirtschaftsordnung vor, aber auch hier öffnen sich die Volkswirtschaften, welche den Status eines Schwellenlandes annehmen.

 

Eine nähere Untersuchung dieser Entwicklungsstränge zeigt allerdings, dass die Zusammenhänge zwischen Entwicklungsstand und Ordnungsform in Wirklichkeit doch etwas komplizierter sind. Als erstes gilt es festzustellen, dass es auch bedeutende Ausnahmen von dieser Regel gibt, das wichtigste Beispiel sind die USA, welche ihre wirtschaftliche Entwicklung nach der Gründung des nordamerikanischen Staates sofort mit einer marktwirtschaftlichen Ordnung begonnen haben. Darüber hinaus zeigt ein näheres Eingehen auf die geschichtliche Entwicklung, dass auch bei den europäischen Staaten beachtliche Unterschiede in den einzelnen Ordnungsformen und in den Übergängen von bürokratischer Ordnung zu einer liberalen Marktwirtschaft festzustellen sind.

 

Das klassische Beispiel einer bürokratischen Wirtschaftsordnung zu Beginn der Industrialisierung war der Merkantilismus in Frankreich. Wesentlich großzügigere Regelungen lassen sich im Merkantilismus Englands feststellen. Auch der Merkantilismus in den einzelnen deutschen Kleinstaaten äußerte sich in anderen Formen, man sprach in diesem Zusammenhange vom Kameralismus, welcher vor allem in den binnenwirtschaftlichen Beziehungen zum Ausdruck kam.

 

Wieder anderes galt für die Sowjetunion. Bei der Übernahme der kommunistischen Herrschaft war Russland noch durch eine vorwiegend agrarwirtschaftliche Struktur gekennzeichnet. Rein äußerlich begann die Industrialisierungsphase in Russland ebenfalls mit einer staatlichen Planwirtschaft. Es kam allerdings bereits unter Lenin vorübergehend im Rahmen der sogenannten ‚Neueren Ökonomie’ zu einer gewissen Lockerung; die Hinwendung zu einer totalen Zentralverwaltungswirtschaft wurde dann vor allem von Stalin vollzogen. Unter Chruschtschow und später unter Gorbatschow wurde dann durch Konsumfreiheit und Dezentralisierung der Planungsstellen eine gewisse Liberalisierung der Wirtschaft eingeleitet.

 

Ähnliche Entwicklungslinien lassen sich in den europäischen Ostblockstaaten beobachten und auch die kommunistischen Regime in Fernost (vor allem China) begannen zunächst mit planwirtschaftlichen Systemen und brachten im Zuge der Weiterentwicklung eine gewisse Lockerung des bürokratischen Einflusses. Nordkorea weicht allerdings in dieser Abfolge insoweit ab, als hier bisher Liberalisierungstendenzen weitgehend ausblieben.

 

Trotzdem fällt die Entwicklung in den kommunistischen Staaten aus dem bisher gezeichneten Rahmen heraus. Denn nach den Vorstellungen von Karl Marx war eine ganz andere Entwicklung der Ordnungsformen zu erwarten. Im Rahmen des ‚wissenschaftlichen Sozialismus’ versuchte Karl Marx nachzuweisen, dass sich die sozialistischen Gesellschaften zwangsläufig aus marktwirtschaftlichen (kapitalistischen) Ordnungen entwickelten und dass erst ab einer bestimmten Reife der industriellen Produktion der Übergang zu einer kommunistischen Gesellschaft zu erwarten sei. Wie gesagt: De facto begann der Kommunismus in fast allen kommunistischen Staaten umgekehrt mit einer Agrargesellschaft, diese Länder – voran Russland – waren also im Sinne von Karl Marx noch gar nicht reif für eine Entwicklung zum Sozialismus.

 

Nur die damalige DDR wich von dieser Entwicklungstendenz ab und entsprach eigentlich dem von Karl Marx vorgezeichneten Schema, hier wurde die sozialistische Gesellschaft in einer bereits stark industrialisierten Volkswirtschaft eingeführt. Es war aber auch hier nicht der gesellschaftliche Prozess, der diesen Übergang zum Sozialismus – wie von Karl Marx beschrieben – ausgelöst hatte, sondern es war bekanntlich die sowjetische Siegermacht, die diesen Übergang zwangsweise herbeigeführt hat.

 

Fragen wir uns nun nach den Gründen für diese Zusammenhänge zwischen Entwicklungsstand und Ordnungsform einer Volkswirtschaft. Hier kann auf eine ganze Reihe von Zusammenhängen hingewiesen werden. Der Merkantilismus in den europäischen Staaten des 17. und 18. Jahrhunderts war offensichtlich vor allem deshalb notwendig, weil eine hochspezialisierte, arbeitsteilige Volkswirtschaft nur funktionieren kann, wenn sie über ausreichende kollektive Infrastrukturen verfügt. Beim Übergang von der Agrarwirtschaft zur Industriewirtschaft mangelte es vor allem an Verkehrswegen, aber auch an Bildungsstätten und an einer Rechtsordnung, welche für einen reibungslosen Ablauf der Produktions- und Tauschbeziehungen unerlässlich sind.

 

Für das reibungslose Funktionieren einer marktwirtschaftlichen Ordnung ist darüber hinaus Voraussetzung, dass es in ausreichendem Maße Individuen gibt, welche über einen Erwerbssinn verfügen, zur Übernahme von Risiken bereit sind und deshalb unternehmerische Aufgaben übernehmen können. Diese Voraussetzungen waren und sind jedoch in den einzelnen Ländern in sehr unterschiedlichem Maße erfüllt.

 

Während es auf dem europäischen Kontinent bereits im Mittelalter zahlreiche Unternehmerpersönlichkeiten im Handel und im Gewerbe gegeben hatte und während sich auch in den arabischen und in den fernöstlichen Staaten schon sehr früh ein Sinn für erwerbswirtschaftliches Handeln entwickelt hatte, mangelte es an diesen Eigenschaften vor allem in zahlreichen afrikanischen Ländern. Dort herrschte lange Zeit eine Mentalität vor, welche nur dann produktive Tätigkeiten auslöste, wenn materielle Not herrschte und diese Aktivitäten zum bloßen Überleben notwendig waren. In diesen Ländern war es erforderlich, dass die einzelnen Individuen zu einem erwerbswirtschaftlichen Verhalten zunächst einmal erzogen werden mussten, in dem der Staat die Individuen zu einem solchen Verhalten anhielt.

 

Eine dritte Voraussetzung für das Funktionieren marktwirtschaftlicher Systeme liegt darin, dass der Wohlstand immerhin so hoch ist, dass nahezu alle Bürger zumindest über ein materielles Existenzminimum verfügen können. Marktwirtschaftliche Systeme werden immer zu unterschiedlichen Erfolgen bei den einzelnen Haushalten führen, es wird also immer Personen geben, die weit mehr als ein durchschnittliches Einkommen erzielen; wenn jedoch das Inlandsprodukt so niedrig ist, dass das Pro-Kopf-Einkommen nahe am Existenzminimum liegt, besteht die Gefahr, dass ein beachtlicher Teil der Bevölkerung in einer staatlich unbeeinflussten Marktwirtschaft ein Einkommen erwerben wird, das noch nicht einmal dem physischen Existenzminimum entspricht.

 

Gerade in dieser Frage entstand zu Beginn der Industrialisierung in den europäischen Staaten ein in freien Marktwirtschaften kaum zu lösendes Problem. Die Freisetzung der Produktivkräfte durch Übergang zur industriellen Produktionsweise führte zwar auf der einen Seite sehr wohl zu hohen, schnell ansteigenden Wachstumsraten des Inlandsprodukts. Die gleichzeitige Auflösung der feudalen Wirtschaftsordnung des Mittelalters, vor allem die Zerschlagung der Familienstrukturen und die Aufgabe der Beschränkungen bei der Erzeugung von Kindern, führte zu einem rasanten Anstieg der Wachstumsrate der Bevölkerung, die so stark war, dass sie längere Zeit die Wachstumsrate des Inlandsproduktes überstieg und somit notwendigerweise zu einem Rückgang im Pro-Kopf-Einkommen führen musste.

 

Die Folge waren weitverbreitete Armut und soziale Missstände; die einzelnen Arbeiter mussten 12 bis 14 Stunden pro Tag arbeiten, die Kinder wurden auch schon sehr früh zur erwerbswirtschaftlichen Arbeit herangezogen und konnten deshalb auch nicht in ausreichendem Maße ausgebildet werden; die Bedingungen sowohl am Arbeitsplatz wie auch in den Wohnungen waren verheerend und entbehrten den einfachsten gesundheitlichen Mindestbedingungen. Es war ganz klar, dass unter diesen Bedingungen sehr bald die Forderung laut wurde, dass der Staat über sozialpolitische Maßnahmen die schlimmsten dieser Auswüchse zu verhindern habe.

 

Der Umstand, dass gerade im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung in den hochindustrialisierten Volkswirtschaften die Geburtenrate drastisch zurückging, das Wachstum des Inlandsproduktes jedoch anhielt, führte dann schließlich dazu, dass auch das Pro-Kopf-Einkommen der Arbeitnehmer von einem bestimmten Zeitpunkt ab weit über das Existenzminimum ansteigen konnte.

 

Friedrich List hat noch auf eine weitere Voraussetzung für ein Funktionieren einer Marktwirtschaft hingewiesen. Es kommt nicht nur darauf an, dass ein bestimmtes absolutes Wachstumsniveau erreicht wurde; damit eine Marktwirtschaft reibungslos funktionieren kann, ist es offensichtlich – so meinte zumindest Friedrich List – notwendig, dass auch die Volkswirtschaften, welche gegenseitigen internationalen Handel betreiben, auf einem vergleichbaren Wachstumsniveau angelangt sind.

 

Nun hat die wirtschaftliche Entwicklung Englands im ausgehenden 18. Jahrhundert um etwa 50 Jahre vor dem Industrialisierungsbeginn auf den europäischen Kontinentalstaaten begonnen. Dies führte jedoch nach Auffassung von Friedrich List dazu, dass die deutschen Unternehmungen hoffnungslos den englischen Produzenten unterlegen waren. Bei der Einführung neuer Produktionsmethoden entstehen nämlich zunächst sehr hohe Entwicklungskosten, welche später wegfallen.

 

Da die englische Industrialisierung bereits etwa 50 Jahre vor der europäischen begonnen hatte, mussten die deutschen Unternehmungen zu der Zeit Friedrich List‘s aufgrund der noch anfallenden Entwicklungskosten auch höhere Stückkosten als ihre britischen Kollegen aufbringen, mit der Folge, dass sie im Wettbewerb mit den englischen Produzenten unterlagen. Friedrich List war deshalb der Auffassung, dass die deutsche Industrie in ihrer Anfangsphase der Industrialisierung durch Importzölle eine gewisse Zeit geschützt werden müsse. Diese Forderungen führten dann in Deutschland unter Bismarck zum Aufgeben eines Freihandels und zu dem Übergang zu einer weitgehenden Schutzzollpolitik.

 

Diese Vorstellungen Friedrich List‘s sind allerdings nicht unwidersprochen geblieben. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es – vor allem aufgrund des lobbyistischen Einflusses der Industrieverbände auf die Politik – äußerst schwierig ist, einmal gewährte Vergünstigungen zurückzunehmen, auch dann, wenn dies aus sachlichen Gründen geboten wäre; weiterhin muss man befürchten, dass unter dem Schutzschild der Importzölle auch der Anreiz zur Übernahme neuer Technik wegfällt.

 

Vor allem ist es unklar, weshalb es an Unternehmungen mangeln soll, welche bereit sind, auch solche Produktionen aufzunehmen, welche in den ersten Jahren zu Verlusten führen, sich aber trotzdem langfristig als gewinnträchtig herausstellen. Nur dann, wenn diese nachträglichen Gewinne anderen Unternehmungen zufallen, als denjenigen, welche die Erneuerungen eingeführt haben, besteht die Befürchtung zu Recht, dass der Anreiz zur Aufnahme solcher Innovationen zu gering ist. Dieser Gefahr kann man jedoch sehr viel besser über eine Patentgesetzgebung als über eine Schutzzollpolitik begegnen.

 

 

4. Die Interdependenz der Ordnungen

 

Vor allem Walter Eucken machte darauf aufmerksam, dass Ordnungen interdependent sein müssten, dass sich die einzelnen Ordnungen der gesellschaftlichen Subsysteme entsprechen müssten. So geht Walter Eucken davon aus, dass eine Marktwirtschaft nur dann reibungslos funktionieren könne, wenn auf der politischen Ebene eine freiheitlich demokratische Ordnung gegeben ist. Umgekehrt könne eine Zentralverwaltungswirtschaft nur funktionieren, wenn auf der politischen Ebene eine Diktatur verwirklicht sei.

 

Walter Eucken hat seine Überlegungen zur Interdependenz auf die Beziehungen zwischen wirtschaftlichem und politischem Subsystem beschränkt. Nun unterscheiden wir im Allgemeinen zwischen drei Subsystemen unserer modernen Sekundärgesellschaft, neben Wirtschaft und Politik wird drittens noch der kulturelle Bereich unterschieden. In diesem Sinne könnte man das Problem der Interdependenz auch noch auf die Beziehungen zwischen kulturellen und wirtschaftlichen Ordnungen ausdehnen.

 

So kannte das Christentum im Mittelalter ein Zinsverbot, da man von der Auffassung ausging, dass das Verleihen von Geld keine Arbeit darstelle und dass deshalb auch hierfür kein Entgelt verlangt werden dürfte. Ähnlichen Vorstellungen begegnen wir in den islamischen Volkswirtschaften, in denen ein Gottesstaat errichtet wurde. Auch hier ist es Gläubigen aus religiösen Gründen verboten, für ein Kapitalangebot einen Zins zu verlangen. Schließlich kannte der Kommunismus ein Zinsverbot, hier von der Überzeugung geleitet, dass nur der Einsatz von Arbeit Wert erzeuge und deshalb nur die Arbeit einen Anspruch auf Entlohnung habe.

 

Es ist klar, dass ein eindeutiges Zinsverbot die Effizienz jeglichen Wirtschaftens beeinträchtigt. Die Preisrelationen zwischen Lohn und Zins spiegeln die Knappheitsverhältnisse zwischen Arbeit und Kapital wider. Wird für Kapital kein Preis gezahlt, so ist die Nachfrage nach Kapital größer als das Angebot, die Kapitalintensität der Produktionen ist zu hoch, Arbeit wird in zu geringem Maße nachgefragt, es entsteht auf diese Weise massenweise Arbeitslosigkeit.

 

Wie im Rahmen des Artikels über die Ordnungsanalyse gezeigt wurde, hat Walter Eucken lediglich die beiden wirtschaftlichen Ordnungsformen der Verkehrswirtschaft und der Zentralverwaltungswirtschaft unterschieden. Wir selbst waren in diesem Artikel allerdings einer Vierteilung von Markt, Verhandlung, Wahl und Bürokratie gefolgt. Folgt man diesem letzteren Einteilungsschema, so könnte man zwischen der politischen Ordnung des Feudalismus im Mittelalter oder des bisweilen in der modernen Zeit propagierten Ständestaates und der Verhandlungslösung gewisse Korrespondenzen sehen.

 

Die These von der Interdependenz der Ordnungen kann nun erstens in dem Sinne verstanden werden, dass den einzelnen Ordnungen vor allem in ihrer idealtypischen Form ganz bestimmte Leitbilder zugrunde liegen und dass deshalb das gleiche gesellschaftliche Leitbild auch ganz bestimmte Ordnungsarten auf den einzelnen Stufen der Subsysteme erforderlich macht. Das Leitbild einer marktwirtschaftlichen Ordnung ist die größtmögliche Verwirklichung der individuellen Freiheit. Auf politischer Ebene wird dieses Freiheitsideal aber nur in einer rechtsstaatlichen Demokratie realisiert.

 

Umgekehrt gilt, dass sowohl im Rahmen einer Zentralverwaltungswirtschaft wie auch in seiner politischen Entsprechung einer Diktatur das oberste Ziel in der Unterordnung der einzelnen Bürger unter die Ziele der Gesamtgesellschaft liegt, wobei diese Ziele von staatlichen Repräsentanten formuliert werden. Im feudalen System schließlich bildete sich der Gemeinschaftswille aus dem Zusammenwirken der einzelnen Bevölkerungsgruppen (der Stände), sodass hier die wirtschaftliche Ordnung der Verhandlungslösung dieser Zielsetzung am besten entspricht.

 

Die These von der Interdependenz kann zweitens aber auch in dem Sinne verstanden werden, dass das reibungslose Funktionieren einer wirtschaftlichen Ordnung nur dann gewährleistet ist, wenn auf der politischen eine ganz bestimmte Ordnung verwirklicht ist. Während im ersten Falle eher von einem normativen Zusammenhang gesprochen wird, wird im Rahmen des zweiten Zusammenhanges eher an einen Sachzusammenhang gedacht; damit die Wohlfahrt in einer marktwirtschaftlichen Ordnung maximiert werden kann, bedarf es danach einer ganz bestimmten Ordnung auch im politischen Bereich.

 

Eine politische Diktatur führt im Allgemeinen zu einer Behinderung einer Marktwirtschaft. Der Diktator kann nämlich seine Ziele nur dann durchsetzen, wenn diese nicht durch das Zulassen einer marktwirtschaftlichen Freiheit der einzelnen Individuen durchkreuzt werden können. So bringt vor allem der freie Handel mit anderen Volkswirtschaften die Gefahr mit sich, dass die einzelnen Bürger die Leistungen der eigenen Regierung mit den Leistungen der ausländischen Regierung vergleichen können, die Bürger erfahren durch den freien Verkehr mit dem Ausland auch, in welchen Punkten die eigene Regierung versagt hat. Es besteht hier die Gefahr, dass die Kritik an der eigenen Regierung überhandnimmt und dass auf diese Weise die Stellung der eigenen Regierung langfristig gefährdet wird.

 

Nun gab es in den letzten Jahrzehnten auch Versuche kommunistischer Staaten, welche die politische Form der Diktatur gewählt haben, auf wirtschaftlichem Gebiet marktwirtschaftliche Beziehungen zuzulassen. Der Grund hierfür lag vor allem darin, dass sich im Wettbewerb der Systeme (Kapitalismus versus Sozialismus) die Zentralverwaltungswirtschaft der Marktwirtschaft als unterlegen erwiesen hat und dass sich deshalb die kommunistischen Machthaber gezwungen sahen, Methoden der Marktwirtschaft auf wirtschaftlichem Gebiet zu übernehmen.

 

Auf der einen Seite konnte nur dadurch die Gefahr einer Revolution verhindert werden, dass der Konsumstandard dem freiheitlich demokratischer Staaten angepasst wurde, auf der anderen Seite konnte die Verteidigungsbereitschaft gegenüber den ausländischen Staaten nur dadurch aufrechterhalten werden, dass die Effizienz marktwirtschaftlicher Systeme übernommen wurde.

 

In ähnlicher Weise würden jedoch auch die Ziele einer Marktwirtschaft (die Wohlfahrtssteigerung der Individuen) gefährdet, wenn auf politischer Ebene eine Diktatur realisiert wäre. Eine Diktatur wird zur bestmöglichen Erreichung ihrer politischen Ziele immer dann in den Markt eingreifen und die Marktergebnisse korrigieren, wenn die politischen Ziele gefährdet erscheinen. Da der Diktator bestimmte Vorstellungen darüber hat, wie sich der Einzelne zu verhalten habe, was für ihn gut und was für ihn schlecht ist, bedarf es in diesem Falle von Seiten des Staates zahlreicher Korrekturen des freien Marktes.

 

Die These von der Interdependenz kann drittens auch so verstanden werden, dass von den Ordnungsformen der einzelnen gesellschaftlichen Subsysteme Wirkungen auf andere Subsysteme ausgehen, welche entweder die Ordnungen der jeweils anderen Subsysteme gefährden oder umgekehrt deren Stabilität verstärken.

 

So können vor allem die Versuche der Politik, den Markt zu korrigieren, schließlich zu einem Zusammenbruch des marktwirtschaftlichen Systems überhaupt führen. Walter Eucken hat in diesem Zusammenhang die These vertreten, dass Mischsysteme instabil seien und schließlich notwendigerweise dazu führen müssten, dass das Wirtschaftssystem schließlich in einer totalen Zentralverwaltungswirtschaft ende.

 

Walter Eucken erklärt diese Tendenz zur Zentralverwaltungswirtschaft damit, dass wegen der wechselseitigen Beziehungen der Märkte untereinander ein Eingriff in den einen Markt notwendiger Weise Eingriffe in weitere Märkte erzwinge und dass auf diese Weise auf immer mehr Märkten politisch interveniert werden müsse.

 

Dass Märkte miteinander verbunden sind und dass deshalb der Eingriff auf einem Markt weitere Eingriffe nach sich zieht, ist weitgehend unbestritten. Zwischen den einzelnen Märkten bestehen substitutive sowie komplementäre Beziehungen. Wer den Ölmarkt regulieren möchte, um auf diese Weise den Energieverbrauch zu reduzieren, wird nicht darum herumkommen, auch den Gasmarkt in die Regulierung einzubeziehen, da ansonsten damit zu rechnen ist, dass die Verbraucher auf die Energieform Gas ausweichen werden und dass auf diese Weise die Ziele der Regierung durchkreuzt werden können. Gleichzeitig bedarf es einer gemeinsamen Regelung komplementärer Güter, da Knappheitserscheinungen auf dem einen Markt automatisch Rückwirkungen auf Märkten mit komplementären Gütern haben müssen.

 

Trotzdem ist es mehr als fraglich, ob die These, dass Eingriffe auf einzelnen Märkten notwendiger Weise damit enden müssen, dass auf allen Märkten politisch interveniert wird und dass deshalb am Ende dieses Prozesses notwendigerweise eine Zentralverwaltungswirtschaft steht, gültig ist. Die Wirklichkeit spricht eindeutig gegen diese These. So hat die Bundesrepublik in ihren Anfangsjahren mit starken Reglementierungen zahlreicher Märkte begonnen. Diese Reglementierungen führten jedoch nicht dazu, den Umfang der bürokratischen Regelungen auszuweiten, sondern ganz im Gegenteil wurde ein Großteil der reglementierten Märkte wiederum freigegeben.

 

Es bleibt auch unklar, weshalb einzelne Reglementierungen in einer totalen Zentralverwaltungswirtschaft enden sollten, da nicht alle Güter in einem komplementären Verhältnis zueinander stehen. Zwar stehen alle Güter in gewissem Sinne in Konkurrenz zueinander – sie konkurrieren um das gleiche Volkseinkommen – aber die Substitutionselastizität der einzelnen Güter zueinander ist oftmals so gering, dass sie vernachlässigt werden kann.

 

Wir haben also davon auszugehen, dass von politischen Systemen negative Wirkungen auf die wirtschaftliche Ordnung ausgehen und dass diese negativen Wirkungen auf die Marktwirtschaft in stärkerem Maße von einer politischen Diktatur als von einer demokratischen Ordnung zu erwarten sind.

 

Wie steht es jedoch mit dem umgekehrten Zusammenhang, haben wir auch damit zu rechnen, dass z. B. ein freier Markt von sich aus den Zusammenbruch diktatorischer Systeme nach sich zieht? Sicherlich haben in der Vergangenheit kommunistische Diktatoren marktwirtschaftliche Ordnungen vor allem deshalb unterdrückt, weil sie befürchteten, dass freie Märkte das politische System bedrohen. Umgekehrt war es die Hoffnung der westlichen Regierungen, dass durch Einführung marktlicher Elemente der Zusammenbruch der kommunistischen Systeme eingeleitet werde. De facto ist das sowjetische Reich Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts tatsächlich zusammengebrochen.

 

 

5. Stützung einer Ordnung durch ausländische Mächte

 

Im Rahmen der Ordnungsanalyse haben wir gesehen, dass Friedrich von Hayek zwischen Ordnungen unterscheidet, welche ‚spontan‘ gebildet werden und solchen, welche ‚gesetzt‘ werden. Diese Unterscheidung spielt auch im Rahmen der Ordnungsdynamik eine entscheidende Rolle. Die Entwicklung eines Ordnungssystems, seine Entstehung und sein Untergang wurden bisher in Abhängigkeit der Stabilität eines Systems sowie der Interdependenz der einzelnen Ordnungen zueinander betrachtet.

 

Im historischen Verlauf sind jedoch Ordnungssysteme bisweilen entstanden oder beendet worden aufgrund des Eingreifens ausländischer Mächte. Diese Feststellung gilt ganz eindeutig für die Entstehung des Sowjetblocks in der Nachkriegszeit. Nur die Sowjetunion selbst hat eine sozialistische Ordnung aus ihrer eigenen Kraft, durch eine soziale und politische Revolution erhalten. In den anderen von Russland abhängigen Staaten, vor allem in der ehemaligen DDR, wurde die Wirtschaftsordnung von der Siegermacht Sowjetunion aufgezwungen. Weder waren in diesen Staaten die Voraussetzungen zur eigenständigen Entstehung einer sozialistischen Ordnung gegeben, noch haben diese Ordnungen den Zerfall des sowjetischen Reiches überlebt, sie brachen in dem Augenblick zusammen, in dem auch die Sowjetunion ihr Ende fand.

 

In ähnlicher Weise kann man davon sprechen, dass auch in Westdeutschland die Siegermächte dafür verantwortlich waren, dass die ursprüngliche Bundesrepublik als markt­wirtschaftliche Ordnung geschaffen wurde, in beiden Fällen (in Ost- wie Westdeutschland) trugen also die Siegermächte dazu bei, dass in den von ihnen verwalteten Zonen die Wirtschaftsordnung errichtet wurde, welche auch in den eigenen Ländern der Siegermächte vorherrschte.

 

In einem Punkt unterscheidet sich jedoch diese Abhängigkeit von ausländischen Mächten in gravierendem Maße. In Westdeutschland entwickelte sich eine recht stabile Wirtschaftsordnung, welche nicht mehr von der Entwicklung der Wirtschaftsordnung der ehemaligen Siegermächte abhing, wie wir dies für Ostdeutschland feststellen mussten. Natürlich hängen auch in den westlichen Ländern die einzelnen Volkswirtschaften von der Entwicklung in den anderen Staaten ab, auch hier gilt, dass sich eine konjunkturelle Krise, welche z. B. in den USA ihren Ursprung hat, auch auf die anderen marktwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaften negativ auswirkt.

 

Es handelt sich hier jedoch um keine einseitigen Abhängigkeiten, die Konjunkturlage in den USA ist selbst wiederum von der Entwicklung in den europäischen Staaten abhängig, die hier zur Diskussion stehenden Abhängigkeiten ergeben sich aus dem Zusammenspiel der marktwirtschaftlichen Ordnungen zueinander, während in den oben genannten Abhängigkeiten das politische System ausländischer Mächte für diese Abhängigkeit einseitig verantwortlich ist.

 

Natürlich kann man sich die Frage stellen, wie es zu einer solchen Vormachtstellung ausländischer Mächte kommen kann, die so weit geht, dass diese ausländischen Mächte die Wirtschaftsordnung der abhängigen Staaten bestimmen können. In den oben genannten Beispielen ergab sich diese Vormachtstellung aus kriegerischen Auseinandersetzungen, diejenigen Staaten, welche als Sieger aus diesen Konflikten hervorgingen, hatten die Macht, die Wirtschaftsordnung der besiegten Länder festzulegen.

 

Ganz allgemein gibt es auch für das Zusammenwirken der Staaten unterschiedliche Ordnungstypen. Vor allem England hatte lange Zeit eine Strategie des Gleichgewichts verfolgt, wonach England bestrebt war, keine Vorherrschaft innerhalb Europas zuzulassen. England verbündete sich deshalb jeweils mit den Ländern, welche ohne englische Beteiligung Gefahr liefen, zu unterliegen.

 

Auch Bismarck versuchte mit seinen Bündnissen nach Beendigung des französisch-deutschen Krieges der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts den Ausbruch weiterer Kriege durch Bündnisse sowohl mit den potentiellen Verbündeten wie auch Gegnern zu verhindern und damit die Voraussetzungen für das Entstehen einer Vormachtstellung eines der europäischen Länder zu verhindern. Bismarcks Politik erreichte allerdings langfristig nicht ihr Ziel, vor allem weil unter der Herrschaft Wilhelm II. diese wechselseitige Bündnispolitik wieder aufgegeben wurde.

 

Nach dem Zusammenbruch Deutschlands im zweiten Weltkrieg entstand eine neue internationale Ordnung. Auf der einen Seite wurde der Versuch unternommen, durch Bildung der UNO – einer Art Weltregierung – zu verhindern, dass es in Zukunft zu einseitigen Vormachtstellungen kommen kann. De facto wurde die politische Entwicklung in viel stärkerem Maße durch das atomare Gleichgewicht der beiden Großmächte USA und Sowjetunion bestimmt, welche beide über die Macht verfügten, durch einen atomaren Schlag den Gegner auszulöschen, und zwar so, dass auch nach einem überraschenden Erstschlag der angegriffene Staat nach wie vor die Möglichkeit besaß, den Angreifer vernichtend zu schlagen.

 

Da beide Mächte weiterhin rationalen Kalkülen zugänglich waren und nicht bereit waren, aus ideologischen Gründen den eigenen Untergang zu riskieren, wurde durch diese Pattstellung lange Zeit der Ausbruch eines dritten Weltkrieges zumindest scheinbar verhindert. De facto haben auch einige Zufälligkeiten verhindert, dass dieses System in einem dritten Weltkrieg endete. Ein atomarisches Gleichgewicht kann nämlich nur dann aufrechterhalten werden, wenn ganz bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

 

Ein Gleichgewicht des Schreckens kann erstens nur dann garantiert werden, wenn die Zahl der Großmächte im Prinzip auf zwei Staaten oder zumindest Staatengruppen beschränkt ist. Wenn eine Vielzahl von Staaten über Atomwaffen verfügen, kann eine dritte Macht den Eindruck erwecken, als würde eine andere Macht ihren Hauptgegner atomar bedrohen und auf diese Weise einen Atomkrieg auslösen.

 

Weiterhin funktioniert ein solches System zweitens nur dann, wenn sich die Führer beider Atommächte rational in dem Sinne verhalten, dass Kriege nur dann angezettelt werden, wenn auch eine berechtigte Hoffnung auf den Erfolg des Angreifers besteht. Diese Voraussetzungen waren vermutlich bei den Nachfolgern Chruschtschows nicht immer gegeben.

 

Drittens schließlich setzt dieses Gleichgewicht des Schreckens voraus, dass beide Atommächte über Techniken verfügen, um kriegerische Handlungen des jeweiligen Gegners eindeutig und umfassend zu erkennen. Es gibt aber hier auf Erden keine absolut sichere Technik. Es muss immer damit gerechnet werden, dass Techniken in Einzelfällen versagen. Somit kann auch nicht damit gerechnet werden, dass das Gleichgewicht des Schreckens in jedem Falle funktioniert.

 

Durch den Zusammenbruch der Sowjetunion ist nun diese Ordnung zusammengebrochen und es bleibt zunächst unklar, durch welche Strategien der Weltfrieden aufrechterhalten werden kann.

 

 

6. Der Einfluss von Ideen und Persönlichkeiten

 

Geschichtliche Ereignisse lassen sich auf zweierlei Weise analysieren. Im Rahmen der Geschichtswissenschaft werden historische Gegebenheiten als Ergebnis einzelner Persönlichkeiten und deren Ideen verstanden. Es waren herausragende Personen, welche das Ereignis herbeigeführt haben, in dem sie zündende Ideen zur Lösung der anstehenden Probleme hatten, indem sie weiterhin den Mut hatten, ein Risiko auf sich zunehmen und die Tat zu wagen und indem sie die Überzeugungskraft besaßen, die Massen von der Richtigkeit und Notwendigkeit ihrer Handlungen zu überzeugen.

 

Im Rahmen der theoretischen Wissenschaften werden hingegen Ereignisse als Ergebnis ganz bestimmter Konstellationen verstanden, die Zeit war reif für die eingetretenen Veränderungen, die historischen Abläufe können danach eindeutig auf bestimmte objektive Gegebenheiten zurückgeführt werden.

 

Bringen wir für diese beiden Betrachtungsweisen je ein Beispiel. Für den Historiker war es Fürst Bismarck, der es verstanden hatte, die europäischen Verhältnisse so neu zu ordnen, dass ein friedliches Nebeneinander bisher zerstrittener Nationen möglich erschien. Auf der einen Seite war Bismarck davon überzeugt, dass nur ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland aus der Sackgasse herausführen könnte, in welche Europa im Zuge der napoleonischen Kriege gestürzt worden war.

 

Auf der anderen Seite habe Bismarck aber auch Augenmaß besessen, nach dem Sieg Deutschlands gegenüber Frankreich nicht auf weitere Eroberungen zu drängen, sondern durch Abschluss wechselseitiger Verträge mit den wichtigsten Großmächten das bisher Erreichte zu sichern. Immerhin brachte die Bündnispolitik Bismarcks Europa einen Frieden von über 30 Jahren und der erste Weltkrieg brach vor allem deshalb aus, weil die Nachfolger Bismarcks seine Bündnispolitik aufgaben.

 

Versuchen wir andererseits den Zusammenbruch der Sowjetunion als Ergebnis ganz bestimmter historischer Entwicklungen zu verstehen. Die Überlegenheit des Westens, vor allem der USA, in materieller Hinsicht führte dazu, dass Russland im Wettrüsten überfordert wurde. Auch hatte sich die bürokratische Ordnung des Kommunismus als unfähig erwiesen, auf Dauer ein Riesenreich wie Russland mit seinen Satelliten effizient zu führen. Der Zusammenbruch des russischen Imperiums war also nach dieser Sicht nur eine Frage der Zeit.

 

Eine genauere Analyse der Geschichte macht jedoch deutlich, dass sich historische Ereignisse weder allein aufgrund des Wirken einzelner Persönlichkeiten noch aufgrund objektiver Gegebenheiten allein zurückführen lassen. Es bedarf fast immer des Zusammenwirkens beider Kräfte: des Einsatzes von Persönlichkeiten sowie des Vorliegens bestimmter objektiver Strukturen. Die Geschichte kann noch so sehr von außen betrachtet als von einzelnen führenden Personen geprägt erscheinen, es müssen stets bestimmte objektive Voraussetzungen vorliegen, ohne die ein noch so beispielhaftes Handeln nicht zu dem erwünschten Ergebnis führt, die Zeit muss – wie man sagt – für die angestrebten Veränderungen reif sein.

 

So haben führende Ökonomen schon seit den Tagen Adams Smith und vor allem in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg überzeugend darauf hingewiesen, dass eine dirigistische Schutzzollpolitik die materielle Wohlfahrt der internationalen Handel betreibenden Volkswirtschaften beeinträchtige und zwar gilt dies nicht nur für die Länder, gegen die sich die Importzölle richten, sondern auf lange Sicht auch für die den Importzoll erhebenden Länder.

 

Die einseitige Erhebung von Importzöllen verbessert zwar kurzfristig die Terms of Trade für das zollerhebende Land, der Umfang des produktivitätssteigernden Außenhandelsvolumens sinkt jedoch. Langfristig werden sich die negativ betroffenen Regierungen wehren und ihrerseits Zölle erheben; es kommt zum Zollkrieg, die Terms of Trade kehren zu ihrer Ausgangslage zurück, die Reduzierung des Außenhandelsvolumens steigt erneut und mit ihr verringert sich die materielle Wohlfahrt aller am Außenhandel beteiligten Länder.

 

Obwohl im Rahmen der Havanna-Charta der Versuch unternommen wurde, einen freien internationalen Handel einzuführen, blieb es jedoch lange Zeit bei einer Vielzahl dirigistischer Behinderungen des Außenhandels und erst seit den 80er Jahren waren die Politiker – zunächst innerhalb Europas, später auch weltweit – bereit, einen Großteil der dirigistischen Eingriffe in den internationalen Handel abzubauen. Obwohl also schon sehr lange die Idee eines die Wohlfahrt steigernden Freihandels entwickelt worden war, waren die Politiker trotzdem noch nicht bereit, diese Ideen in die Tat umzusetzen, erst aufgrund ganz bestimmter objektiver Entwicklungen war die Zeit dann seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts für die Einführung eines Freihandels reif.

 

Es bedarf also ganz bestimmter objektiver Entwicklungen, damit neue Ideen auch in die Tat umgesetzt werden können. Es reicht nicht aus, dass herausragende Persönlichkeiten neue Gedankengänge entwickeln. Andererseits mag die Zeit für einen Umbruch noch so reif sein, wenn es an Persönlichkeiten mangelt, die über Ideen darüber verfügen, auf welche Weise bestimmte Schwierigkeiten überwunden werden können und die auch bereit sind, diese Ideen unter persönlichem Einsatz – auch gegen größte Widerstände – zu verwirklichen, wird es trotzdem nicht zu der erwünschten Lösung kommen.

 

Nehmen wir nochmals das Beispiel des Zusammenbruchs der Sowjetunion; dieser war schon lange vorausgesagt, wiederholt war darauf hingewiesen worden, dass das kommunistische System eigentlich schon lange hätte zusammenbrechen müssen; es war die Öffnung des sowjetischen Systems sowohl nach außen wie nach innen, welche Gorbatschow eingeleitet hatte, welche dann tatsächlich zu dem Zusammenbruch geführt hatte.

 

Dieses Zusammenspiel zwischen persönlichen Entscheidungen und objektiven Voraussetzungen lässt sich auch im Rahmen des Streits um die Frage feststellen, ob der Mensch die Freiheit zur Entscheidung habe oder ob jegliches Handeln das Ergebnis eines deterministischen Prozesses darstellt. Richtig ist, dass menschliches Handeln stets mehr oder weniger dadurch eingeengt ist, dass aufgrund objektiver Umstände immer nur einige wenige Alternativen überhaupt ergriffen werden können und dass nicht jede beliebige Wunschvorstellung verwirklicht werden kann.

 

Genauso richtig ist es jedoch auch, dass in der Mehrzahl der Fälle sehr wohl der einzuschlagende Weg nicht eindeutig vorgezeichnet ist, dass auch anders hätte gehandelt werden können. Dies gilt auch dann, wenn wir eine Entscheidung eines Individuums auf ganz bestimmte objektive Gegebenheiten – z. B. auf charakterliche Eigenschaften dieser Person – zurückführen können und deshalb im Nachhinein die Entscheidung als deterministisch vorgegeben erscheint; eine andere gegenteilige Entscheidung hätte vermutlich genauso einleuchtend auf andere charakterliche Eigenschaften dieser Person zurückgeführt werden können, da die Persönlichkeit eines Individuums im allgemeinen recht unterschiedliche und sich im Einzelnen durchaus widersprechende Eigenschaften aufweisen kann.

 

Die Frage nach dem Einfluss von Ideen und Persönlichkeiten wurde zunächst ganz allgemein auf jegliche historische Entwicklung bezogen. Diese Überlegungen gelten jedoch ins­besondere auch für die Einführung und Entwicklung von Ordnungssystemen. Sicherlich lässt sich die Einführung einer liberalen Gesellschaft am Ausklang des Merkantilismus Ende des 18. Jahrhunderts nicht ohne die Beiträge von Adam Smith, Jeremy Bentham und John Locke verstehen. Aber auch hier zeigen sich Unterschiede in den einzelnen Ländern. Vergleichen wir hierzu die Einführung des Liberalismus in England und in Frankreich. Beide Länder hatten eine merkantilistische Wirtschaftsverfassung, in beiden Ländern wurde der Merkantilismus durch Einführung liberaler Wirtschaftsformen überwunden.

 

Trotz dieser Gemeinsamkeiten ergaben sich beachtliche Unterschiede zwischen beiden Ländern, welche damit erklärt werden können, dass auf der einen Seite die merkantile Ausgangsform in Frankreich sehr viel ausgeprägter verlief als in England, auf der anderen Seite die geistige Auseinandersetzung mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten von anderen Ideen und Persönlichkeiten geführt wurde. In England ging die Renaissance der Wirtschaft von der Idee der Freihandelsbewegung aus und es waren vor allem Anleihen aus der Physik, welche zur Erklärung des Wirtschaftsprozesses herangezogen wurden, während in Frankreich Quesnay eher den Wirtschaftskreislauf mit biologischen und medizinischen Zusammenhängen zu erklären versuchte.

 

Ähnliche Unterschiede lassen sich auch in der Entwicklung klassischer und liberaler Gedankengänge feststellen. Wir haben auf der einen Seite eine im Wesentlichen auf den deutschen Sprachraum beschränkte Entstehung des Ordo - Gedankens Walter Euckens, der sich aus der Kritik am Nationalsozialismus, aber auch an den interventionistischen Eingriffen während der Weimarer Republik herausbildete, während in den angelsächsischen Staaten der Neoliberalismus von Haberler, Pigou und Friedman vor allem aus der Kritik am Keynesianismus entstanden ist und deshalb vor allem den Bereich der Konjunkturpolitik zum Gegenstand hatte.

 

 

Fortsetzung folgt!