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A L L G E M E I N E

W I R T S C H A F T S P O L I T I K

 

V O N  B E R N H A R D  K Ü L P

 

 

 

Gliederung:

 

01. Betrachtungsweisen            

02. Methoden                              

03. Zielanalyse                            

04. Mittelanalyse                      

05. Trägeranalyse                        

06. Politische Ökonomie              

07. Wohlfahrtstheorie                

08. Ordnungsanalyse                  

09. Ordnungskonzeption           

10. Ordnungsdynamik       

 

Kapitel 7: Wohlfahrtstheorie Forts. 1

 

 

Gliederung:

 

1. Zwei Vorbemerkungen

2. Die Wertprämissen der Wohlfahrtstheorie

3. Die beiden Gossen’schen Gesetze

4. Wohlfahrtsmaximierung bei Einkommensgleichheit?

5. Die Paretianische Wohlfahrtstheorie

6. Die Kompensationskriterien

7. Das Rentenkonzept

8. Die Theorie des Zweitbesten

9. Die Bedeutung des Wettbewerbes für die Wohlfahrt

               10. Externe Effekte

               11. Die Cost-Benefit-Analyse

               12. Paretooptimale Redistribution

  

 

 

4. Wohlfahrtsmaximierung bei Einkommensgleichheit?

 

Die Wohlfahrtstheorie interessiert sich allerdings in erster Linie um die Wohlfahrt der gesamten Gesellschaft, die Wohlfahrt der einzelnen Haushalte oder Individuen interessiert nur insoweit, als annahmegemäß die Gesamtwohlfahrt von der Wohlfahrt ihrer einzelnen Mitglieder abhängt. Fragen wir uns deshalb, wann wir denn von einer Maximierung der Gesamtwohlfahrt sprechen können.

 

Aus dem individualistischen Ansatz heraus ergibt sich zunächst, dass bei einer gleichmäßigen Vermehrung des Nutzens aller Individuen auch die Gesamtwohlfahrt angestiegen ist, genauso, wie eine gleichmäßige Verminderung der Wohlfahrt jedes einzelnen Mitgliedes auch eine Minderung der Gesamtwohlfahrt bedeutet. Wie steht es jedoch, wenn sich die Wohlfahrt der einzelnen Individuen unterschiedlich entwickelt, wenn die Wohlfahrt einiger Mitglieder steigt, die der anderen jedoch sinkt?

 

Im Rahmen der älteren Wohlfahrtstheorie wurde nun der Versuch unternommen, nachzuweisen, dass eine Gemeinschaft gerade dann ihre Gesamtwohlfahrt maximiert, wenn alle Einkommen die gleiche Höhe aufweisen. Gehen wir von einer Differenzierung der Einkommen aus, kann also nach dieser Überlegung die Gesamtwohlfahrt dadurch gesteigert werden, dass die Einkommen der Reicheren (z. B. über eine Steuer) vermindert werden, die der Ärmeren jedoch (z. B. über die Gewährung von Transfereinkommen) erhöht werden.

 

Entsprechend dem Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen des Einkommens ist der Grenznutzen der letzten Einkommenseinheit der Reicheren geringer als der Grenznutzen der Ärmeren. Schichtet man also das Einkommen zugunsten der Ärmeren um, so ist der bei den Reichen entgangene Wohlfahrtsverlust geringer als der erreichte Wohlfahrtsgewinn bei den Ärmeren. Also sei – so wird gefolgert –  die Wohlfahrt der gesamten Gesellschaft gestiegen.

 

Dieser Wohlfahrtsgewinn aufgrund einer Umverteilung der Einkommen ist solange zu erwarten, als der Grenznutzen der Besteuerten geringer ist als der Grenznutzen der Ärmeren und dies ist solange der Fall, als das Einkommen der Besteuerten höher liegt als das der Begünstigten. Also kann man schließen, dass erst bei einer totalen Egalität (jeder erhält ein gleich hohes Einkommen) der Nutzen der Gesamtheit maximiert ist.

 

Machen wir uns diese Gedankengänge anhand eines Diagramms klar. Der Einfachheit halber gehen wir nur von zwei Personen (A und B) aus, Person A habe im Ausgangszustand ein höheres Einkommen als Person B. Für beide Personen gelte das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen des Einkommens, es werde weiterhin unterstellt, dass beide Individuen die gleiche Bedarfsstruktur aufweisen und dass deshalb für beide eine identische Grenznutzenfunktion gelte. Auf der Abszisse tragen wir die Einkommen beider Personen ab, auf der Ordinate die Höhe der jeweiligen Grenznutzen. Die gemeinsame Grenznutzenfunktion gebe an, wie hoch der Grenznutzen bei alternativen Einkommenshöhen sei.

 

 

Beschreibung: wohl6

 

 

Die Graphik lässt erkennen, dass der Nutzenverlust des Reichen (-) geringer ausfällt als der Nutzengewinn des Armen (+). Also steigt aufgrund einer Nivellierungsmaßnahme der Gesamtnutzen und dies ist solange richtig, als die Einkommen noch unterschiedlich hoch sind.

 

Nun gelten diese Schlussfolgerungen nur unter einer Vielzahl von Annahmen, die keineswegs immer erfüllt sind und die wir deshalb im Folgenden kritisch beleuchten wollen.

 

Erste Annahme: Es gilt das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen des Einkommens. Wir haben oben bereits gesehen, dass diese Annahme nicht von allen Wohlfahrtstheoretikern geteilt wird, bisweilen wird unterstellt, dass die Gesetzmäßigkeit des abnehmenden Grenznutzens nur partiell für die einzelnen Güter, nicht aber gegenüber Einkommensänderungen gilt. Trotz allem gehen die meisten Ökonomen davon aus, dass in der Regel auch für das gesamte Einkommen ein abnehmender Grenznutzenverlauf unterstellt werden kann.

 

Zweite Annahme: Es wird von identischen Bedarfsstrukturen ausgegangen. Diese Annahme dürfte in der Realität im Allgemeinen nicht vorliegen. Es wird vielmehr zumeist davon ausgegangen, dass sich die einzelnen Personen sehr wohl darin unterscheiden, welchen Nutzen sie von einzelnen Gütern und vom Gesamteinkommen maximal erzielen, dass diese Unterschiede auch als erwünscht und keinesfalls als bedenklich angesehen werden; daraus ergibt sich jedoch ein unterschiedlicher Verlauf der Grenznutzenkurven der einzelnen Individuen.

 

Unterstellen wir nun, dass Person A (der Reichere) z. B. aufgrund seiner höheren Ausbildung eine Bedarfsstruktur aufweist, bei welcher die Grenznutzenkurve oberhalb der Grenznutzenkurve von Person B verläuft. Folgende Graphik zeigt, dass in diesem Falle das Maximum an Gesamtwohlfahrt nicht bei vollständiger Gleichheit, sondern bei einer der Differenzierung der Grenznutzenkurven entsprechenden Differenzierung der Einkommen erreicht wird.

 

 

 

 

Wie die Graphik erkennen lässt, ist zwar zu Beginn unter Umständen der Grenznutzen des Reicheren geringer als der des Armen. Eine Gleichheit der Grenznutzen und damit eine Maximierung des Gesamtnutzens ist jedoch bei einer ganz bestimmten Einkommensdifferenzierung (E10 / E20) erreicht. Eine weitere Nivellierung würde zu einer Minderung der gesamten Wohlfahrt führen.

 

Dritte Annahme: Bei unseren bisherigen Überlegungen gingen wir stillschweigend von der Annahme aus, die Umverteilung von den Reichen zu den Armen würde ohne weitere Zusatzkosten erreicht werden. Dies ist natürlich eine vollkommen unrealistische Annahme. In Wirklichkeit bedarf es eines Ressourcenverzehrenden Beamtenapparates, um diese Umverteilung durchzuführen.

 

Die staatlichen Beamten müssen erstens die Einkommen der zu Besteuernden und zu Begünstigenden eruieren, um festzustellen, wer besteuert und wer begünstigt werden soll, weiterhin feststellen, welche Steuerbeträge notwendig sind, um die erwünschte Wohlfahrtssteigerung zu erzielen; Steuern müssen erhoben werden, die Transferzahlungen müssen ausgezahlt werden. Schließlich muss kontrolliert werden, ob Missbräuche stattfinden, bei den Reichen dadurch, dass sie nicht alle Einkommen deklarieren, um weniger Steuern zahlen zu müssen, bei den Armen dadurch, dass sie ein zu geringes Einkommen vortäuschen, um höhere Transferzahlungen zu erhalten.

 

Alle diese Aktivitäten verursachen Kosten, sodass für Transferzahlungen nur ein Teil der Steuereinnahmen zur Verfügung steht, mit der Folge, dass wiederum bereits bei einer bestimmten Einkommensdifferenzierung alle Möglichkeiten einer Wohlfahrtsvermehrung aufgrund Umverteilung ausgeschöpft sind. Folgende Graphik macht diese Zusammenhänge klar:

 

 

 

 

Trotz beachtlicher Einkommensunterschiede sind wegen des Ressourcenverzehrs die Unterschiede in den Nutzenveränderungen beider Personen sehr viel geringer, es ist deshalb auch sehr viel weniger Raum für eine wohlfahrtssteigernde Umverteilung.

 

Vierte Annahme: Wir hatten zwar bisher unterstellt, dass die Betroffenen u. U. ihre tatsächliche Einkommenshöhe zu verschleiern versuchen, es wurde jedoch stets davon ausgegangen, dass die tatsächliche Höhe der Leistungseinkommen insgesamt von der Umverteilung unberührt bleibt. Auch diese Annahme muss kritisiert werden. Sowohl die Reicheren wie auch die Ärmeren haben nämlich bei Umverteilungsaktivitäten des Staates sehr wohl ein Interesse daran, weniger Leistungseinkommen als vor der Umverteilung zu erzielen.

 

Für den Ärmeren bedeuten die Transferzahlungen Einkünfte, welche ohne zusätzliche Leistung erhalten werden, hier kann es sich durchaus nutzensteigernd auswirken, wenn der Betroffene seine Leistung reduziert, er erhält dadurch einen größeren Freizeitnutzen, der unter Umständen aufgrund der größeren Gesamteinkünfte (Leistungseinkommen plus Transferzahlungen) größer ist als der Grenznutzen der letzten Einkünfteeinheit.

 

Für den Reicheren gilt in analoger Weise, dass der Grenznutzen des verbleibenden Nettoeinkommens aufgrund der höheren Besteuerung gesunken ist; auch hier wird es im Allgemeinen nutzensteigernd sein, wenn mehr Freizeit in Anspruch genommen wird. Wenn bisher vor der zusätzlichen Besteuerung die Grenznutzen der erwerbswirtschaftlichen Aktivität und der Freizeit ausgeglichen waren, sind nun aufgrund der Besteuerung die Grenznutzen der erwerbswirtschaftlichen Aktivität gesunken, ein Ausgleich kann dadurch erzielt werden, dass mehr Freizeit in Anspruch genommen wird.

 

 

 

 

 

 

Die grünen Pfeile zeigen die Wirkung der ursprünglichen Umverteilung, die blauen Pfeile unterrichten über den Einfluss der Antileistungsanreize. Der verbleibende Gesamtgewinn an Wohlfahrt wird hierdurch wiederum wesentlich geringer, wiederum mit der Folge, dass auch weniger Raum für eine wohlfahrtssteigernde Umverteilung bleibt.

 

Eine ähnlich wohlfahrtsmindernde Wirkung besteht in dem Umstand, dass Umverteilungen im Allgemeinen nicht allokationsneutral abgewickelt werden können, dass sie die Preisverhältnisse verzerren und auf diese Weise zusätzlich zu einer Aufteilung der knappen Ressourcen auf die einzelnen Güter führen, die von einer optimalen Aufteilung wegführt.

 

Fünfte und sechste Annahme: Bei unseren bisherigen Überlegungen haben wir stets stillschweigend unterstellt, dass sich Grenznutzen kardinal messen und darüber hinaus interpersonell vergleichen lassen. Genau diese Annahmen werden jedoch von Vilfredo Pareto und den Anhängern der Paretianischen Wohlfahrtstheorie bezweifelt. Nach Pareto lassen sich Nutzeneinheiten nur ordinal, nicht aber kardinal messen.

 

Von einem ordinalen Nutzenmaßstab spricht man hierbei immer dann, wenn man sich darauf beschränkt, anzugeben, ob zwei Güterbündel einen gleich hohen Nutzen stiften oder das eine Güterbündel einen höheren Nutzen stiftet als das andere. Von einem kardinalen Nutzenmaßstab würde man hingegen sprechen, wenn darüber hinaus angegeben werden könnte, um das Wievielfache das eine Güterbündel einen höheren Nutzen bieten könnte als das andere.

 

Wenn es auch in der Literatur einzelne Versuche gibt, die Möglichkeit eines kardinalen Nutzenmaßstabes zu verteidigen, gelang es nicht, diesen Nachweis allgemein überzeugend zu erbringen, sodass die Mehrzahl der Wohlfahrtstheoretiker mit Pareto von der Annahme ausgeht, dass Nutzen nur ordinal gemessen werden kann.

 

In diesem Falle ist es jedoch nicht möglich, den Grenznutzenverlauf in einem Diagramm mit kardinalem Nutzenmaßstab abzubilden. Wir können zwar angeben, dass der Grenznutzen mit wachsendem Einkommen zurückgeht, können aber nicht mehr bestimmen, um wie viel Einheiten der Grenznutzen sinkt.

 

Nun ist diese Kritik eher formaler Art. Wir könnten ja ein Nutzendiagramm so interpretieren, dass eben zwei unterschiedlich hohe Punkte auf der Ordinate nur noch darüber Auskunft geben, dass der höhere Punkt auch einen höheren Grenznutzen widerspiegelt, dass aber der konkrete Abstand zwischen diesen Punkten nichts darüber aussagen kann, um wie viel der Grenznutzen des höheren Punktes höher ist als der des niedrigeren Punktes.

 

Viel entscheidender ist die zweite Kritik, dass Nutzeneinheiten nach Ansicht von Pareto nicht interpersonell verglichen werden können. Wenn Person A nicht in der Lage ist, den selbst erfahrenen Nutzen mit dem Nutzen einer andern Person zu vergleichen und wenn deshalb auch ein Dritter (der Staat) die Nutzen zweier Personen nicht miteinander vergleichen kann, dann ist auch keinerlei Aussage darüber möglich, ob die Gesamtwohlfahrt einer Gesellschaft bei einer Nivellierung der Einkommen gesteigert werden kann.

 

Die Beweisführung der älteren Wohlfahrtstheorie, dass Egalität ein Wohlfahrtsmaximum erzeugt, bricht in sich zusammen. Man könnte höchstens davon sprechen, dass der wohlwollende Diktator die Nutzen der betroffenen Personen aus seiner Sicht einschätzt, das kann er natürlich; aber eine solche Vorgehensweise würde dem allgemein akzeptierten Selbstbestimmungskriterium widersprechen.

 

 

5. Die Paretianische Wohlfahrtstheorie

 

Welchen Ausweg aus dem im ersten Teil dieses Artikels beschriebenen Dilemma bietet nun die Paretianische Wohlfahrtstheorie? Vilfredo Pareto hat folgendes – nach ihm benanntes – Kriterium formuliert: Wenn das Wohl der Allgemeinheit von dem Wohl der einzelnen Mitglieder abhängt, dann dürfte mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass man immer dann, wenn alle Individuen eine Wohlfahrtssteigerung erfahren haben, auch davon sprechen kann, dass die allgemeine Wohlfahrt angestiegen ist; genauso übrigens wie eine Minderung der Wohlfahrt bei allen Gemeinschaftsmitgliedern auch eine Minderung des Gesamtwohls bedeutet. Wir erwähnten diese Schlussfolgerung bereits.

 

Wie steht es aber mit der Bewertung der Gesamtwohlfahrt dann, wenn sich die individuellen Wohlfahrten unterschiedlich entwickeln, wenn nur einzelne Individuen einen Wohlfahrtszuwachs erfahren, die Wohlfahrt der restlichen Mitglieder entweder unverändert bleibt oder sogar vermindert wird? Hier legt das Pareto-Kriterium fest: Man könne nur dann eindeutig von einer Wohlfahrtssteigerung (einer Maßnahme, einer Zustandsänderung) sprechen, wenn zumindest ein Individuum der Gemeinschaft eine Wohlfahrtssteigerung erzielt, und wenn gleichzeitig kein anderes Individuum aufgrund der geplanten Änderungen eine Minderung seiner Wohlfahrt erfährt.

 

Über die Frage, ob solche Zustandsänderungen überhaupt möglich sind, ob es nicht bei jeder geplanten Änderung stets Gewinner und Verlierer geben wird, wollen wir weiter unten noch ausführlich diskutieren. An dieser Stelle wollen wir uns mit der Frage befassen, ob das Pareto-Kriterium tatsächlich als allgemein akzeptiert gelten kann. Nehmen wir als Beispiel eine politische Maßnahme, welche einem superreichen Bürger (einem Milliardär) und nur diesem eine Wohlfahrtssteigerung bringe, der Rest der Bevölkerung gehe leer aus, vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten hätten aus dieser Maßnahme keinen Vorteil. Sollte man hier wirklich davon sprechen, dass das Gemeinwohl gestiegen sei, obwohl nur jemand reicher geworden sei, der ohnehin auch schon bisher in Überfluss gelebt hat?

 

Oder um ein zweites Beispiel zu bringen: Nehmen wir den Fall, dass den Superreichen (den Milliardären) eine Zusatzsteuer abverlangt werde und dass diese Steuer dafür verwandt würde, den Ärmsten der Armen ein Einkommen in Höhe des Existenzminimums zu verschaffen oder vielleicht auch, deren Krankheiten zu behandeln. Nach dem Pareto-Kriterium könnte diese Maßnahme nicht eindeutig als wohlfahrtssteigernd eingestuft werden, da ja annahmegemäß einzelne Individuen (die Milliardäre) durch diese Maßnahme Wohlfahrtsverluste erleiden. Würden wir jedoch eine Befragung durchführen, so würde sich sicherlich ein großer Prozentsatz der Befragten dafür aussprechen, dass es sich hierbei um eine wohlfahrtssteigernde Maßnahme handle.

 

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das Pareto-Kriterium besagt nicht, dass in diesem Falle keine Wohlfahrtssteigerung stattfände, sondern allein, dass in diesem Falle nicht wissenschaftlich einwandfrei eine Wohlfahrtssteigerung nachgewiesen werden könne. Es bleibt natürlich jedem Bürger unbenommen, trotzdem in diesem Falle von einer Wohlfahrtssteigerung zu sprechen. Dies stellt eine Bewertung dar, welche mit Hilfe wissenschaftlicher Mittel – und damit für alle Menschen bindend – nicht gefällt werden kann.

 

Immer dann, wenn Verteilungsfragen im Zusammenhang mit Wohlfahrtsveränderungen berührt werden, dürften in der Öffentlichkeit drei unterschiedliche und konkurrierende Positionen vertreten werden: Wir haben erstens die sozialistische Maxime, wonach jede Reduzierung der Einkommensdifferenzierung als erwünscht bezeichnet wird. Nach der einen (radikaleren) Variante wäre ein gesellschaftliches Optimum erst bei einer totalen Einkommensgleichheit erreicht, wenn also alle Bürger über ein gleich hohes Einkommen verfügen würden.

 

Nach einer etwas gemäßigteren Variante werden zwar gewisse Differenzierungen der Einkommen als berechtigt angesehen (wer mehr leistet, soll auch mehr bekommen), es wird jedoch davon ausgegangen, dass die tatsächliche Differenzierung in den Einkommen keinesfalls die Leistungsunterschiede der Bürger widerspiegle und ein nicht mehr zu rechtfertigendes Niveau erreicht habe. Hier sei es erwünscht, dass die Einkommensdifferenzierung soweit abgebaut werde, bis sie nur noch den Leistungsunterschieden (und anderen berechtigten Differenzierungen wie z. B. einem unterschiedlichen Krankheitsniveau) entspreche.

 

Nach einem liberalen Prinzip gilt hingegen jeder Zuwachs des Inlandsproduktes als eine Wohlfahrtssteigerung, wobei wir auch hier wiederum zwischen einer radikalen und einer gemäßigteren Variante unterscheiden können. Bei der radikalen Variante wird nicht danach gefragt, wie sich aufgrund der politisch eingeleiteten Maßnahmen die Einkommensverteilung verändert, der Zuwachs in der Produktion wird als solcher als Wohlfahrtsgewinn eingestuft. Bei der gemäßigteren Variante geht man davon aus, dass die Einkommensverteilung durch diese Maßnahme nicht zuungunsten der Ärmeren verändert wurde und man sieht den Gewinn dieser Maßnahme auch darin, dass aufgrund der gestiegenen Produktion und damit auch gestiegenen Steuereinnahmen sozialpolitische Ziele verstärkt in Angriff genommen werden können.

 

Demgegenüber hat John Rawls das Maximin-Prinzip formuliert. Eine wirtschaftspolitische Maßnahme ist danach unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten zu empfehlen, wenn sie dazu beiträgt, das Einkommen der untersten Einkommensklassen zu erhöhen, auch dann, wenn durch diese Maßnahmen das Einkommen der Reichen stärker zunimmt und somit die Einkommensdifferenzierung ansteigt.

 

Wir wollen uns nun den Unterschied dieser drei Prinzipien anhand einer Graphik klarmachen. Die Bevölkerung werde nach der Einkommenshöhe in zwei Gruppen geteilt: die Empfänger der untersten Einkommensklasse (Earm) und in die restlichen Einkommensklassen (Ereich). Wir tragen auf der Ordinate das Einkommen: Earm und auf der Abszisse das Einkommen: Ereich ab. Zur Diskussion stünde eine politische Maßnahme, die zu einer Steigerung des Inlandsproduktes führe. Die blau eingezeichnete Wachstumsfunktion gebe an, wie sich eine Ausweitung dieser Maßnahme – beginnend vom Ursprung des Diagramms – auf die beiden Einkommensgruppen auswirke. Zur Diskussion stehe die Bewertung dieser Maßnahme entsprechend der drei oben entwickelten Prinzipien (sozialistisches, liberales Prinzip und das Rawl’sche Maximin-Kriterium).

 

 

 

 

Folgen wir dem sozialistischen Prinzip der Egalität, so erreichen wir das Wohlfahrtsoptimum dort, wo die 45°-Linie aus dem Koordinatenursprung die Wachstumsfunktion tangiert (roter Berührungspunkt). Wenden wir hingegen das liberale Prinzip an, so ist das Wohlfahrtsoptimum dort zustande gekommen, wo die links geneigte 45°-Linie die Wachstumsfunktion tangiert (gelber Berührungspunkt). Das Maximin-Prinzip erzielt schließlich dort sein Wohlfahrtsoptimum, wo das Einkommen der Armen ihr Maximum erreicht (grüner Berührungspunkt).

 

Das geringste Wachstum wird erreicht, wenn wir der sozialistischen Maxime folgen, das höchste Wachstum hingegen bei Anwendung liberaler Prinzipien, das Maximin-Prinzip nimmt bezogen auf das Wachstum eine mittlere Position ein. Achten wir jedoch auf das Einkommen der Ärmeren, so erreicht dieses Einkommen bei Befolgung der Maximin-Regel sein Maximum. Es hängt dann weiterhin vom Verlauf der Wachstumsfunktion ab, ob das Einkommen der Ärmeren bei Befolgung einer sozialistischen Regel höher ausfällt als bei Beachtung liberaler Grundsätze.

 

In jedem Falle führt zwar die sozialistische Regel zu einer größeren Einkommensgleichheit. Da aber die sozialistische Regel im Allgemeinen ein geringeres Wachstum zur Folge hat als die liberale Regel, muss durchaus mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass bei Beachtung liberaler Grundsätze das absolute Einkommen der Ärmeren höher ausfällt als bei Beachtung sozialistischer Grundsätze.

 

Geht man jedoch von der Gültigkeit des Pareto-Kriterium aus, so lassen sich zwar alle Versuche einer Umverteilung nicht mehr eindeutig beurteilen, aber immerhin scheint es möglich zu sein, allgemeine Maßnahmen der Politik daraufhin zu beurteilen, ob sie zumindest einer Person Nutzengewinne, und keiner anderen Person Nutzenminderungen versprechen.

 

Wir wollen diese Kritik zunächst zurückstellen und uns die Frage stellen, welche Konsequenzen sich im Rahmen der Wohlfahrtstheorie daraus ergeben, dass Nutzen nur ordinal gemessen werden können. Die Lösung liegt in der Entwicklung der Wahlhandlungstheorie, welche von Pareto initiiert wurde.

 

In einem Diagramm wird auf den Koordinaten der Verbrauch zweier substitutiver Konsumgüter abgetragen. Es wird ein beliebiger Punkt des Diagramms (P1) herausgegriffen, dessen Koordinaten die Verbrauchsmengen beider Güter (x1) und (x2) angeben. Dieses Güterbündel stiftet einen bestimmten Nutzen (Ophelimitätsgrad genannt).

 

Es soll nun das eine Gut (x1) durch das andere Gut (x2) ersetzt werden, indem von Gut (x1) eine Einheit abgezogen wird und von Gut (x2) soviel Güter eingesetzt werden, bis gerade wiederum der Nutzenverlust ersetzt ist, der durch die Wegnahme einer Einheit des Gutes (x1) entstanden ist. Es entsteht auf diese Weise ein zweiter Punkt, der annahmegemäß den gleichen Ophelimitätsgrad wie der erste Punkt aufweist.

 

Auf diese Weise lässt sich für jede mögliche Menge von Gut (x1) eine Menge von Gut (x2) benennen, welche beide zusammen den gleichen Ophelimitätsgrad aufweisen wie die beiden ersten Punkte. Auf diese Weise entsteht eine Indifferenzkurve mit dem Ophelimitätsgrad (O1), die alle Kombinationen von Gut (x1) und Gut (x2) mit dem gleichen Ophelimitätsgrad (O1) auflistet.

 

Auf die gleiche Weise lassen sich weitere Indifferenzkurven mit anderen Ophelimitätsgraden konstruieren. Wenn wir von Punkt 1 ausgehen und nun von beiden Gütern eine Einheit mehr einsetzen, erhalten wir eine Güterkombination, welche eindeutig der Kombination (P1) überlegen ist, also einen höheren Ophelimitätsgrad aufweist. Für diesen neuen Punkt können wir wiederum alle jene Kombinationen bestimmen, welche auf einer neuen Indifferenzkurve liegen. Wenn wir so fortfahren, erhalten wir eine ganze Schar von Indifferenzkurven, wobei jede einzelne Indifferenzkurve einem ganz bestimmten Ophelimitätsgrad zugeordnet ist. Durch jeden Punkt dieses Diagramms geht hierbei eine solche Indifferenzkurve. Der Übersichtlichkeit halber haben wir in unserer Graphik allerdings nur einzelne, keinesfalls alle Indifferenzkurven eingezeichnet.

 

 

Beschreibung: wohl10

 

 

 

Vergleichen wir die beiden Indifferenzkurven (O1) und (O2) miteinander, so können wir zwar eindeutig feststellen, dass O2 eine höhere Ophelimität als O1 widerspiegelt; wir können aber nicht angeben, um wie viel die Ophelimität von O1 nach O2 gestiegen ist, da Ophelimitäts­grade nur ordinale, aber keine kardinalen Größen darstellen.

 

Die eingezeichnete Krümmung der Indifferenzkurven ergibt sich aufgrund der Gesetzmäßigkeit einer abnehmenden Grenzrate der Substitution. Diese Gesetzmäßigkeit bezieht sich auf den gleichen Zusammenhang wie das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen. Wenn ich sukzessive Gut (x1) durch Gut (x2) ersetze, so benötige ich immer mehr Einheiten von Gut (x2) für eine Einheit des Gutes (x1). Dies gilt natürlich genau deshalb, weil der Grenznutzen von Gut (x1) bei Wegnahme dieses Gutes ansteigt, der Grenznutzen des Gutes (x2) hingegen wegen Hinzufügen dieses Gutes sinkt.

 

Um nun in Analogie zum 2. Gossen’schen Gesetz zu bestimmen, bei welcher Aufteilung des Einkommens ein Haushalt sein Nutzenoptimum erreicht, müssen wir nun in das Diagramm die Bilanzgerade einzeichnen, welche angibt, welche Güterkombinationen von (x1) und (x2) bei gegebenen Preisen beider Güter (p1 und p2) und ebenfalls gegebenem Einkommen (e1) tatsächlich möglich sind.

 

 

Beschreibung: wohl11

 

 

Der Winkel, den diese Bilanzgerade mit der Abszisse bildet, misst das Preisverhältnis (p1/p2). Dieser Winkel ist nämlich gleich dem Verhältnis x20/ x10, wobei x20, die Menge von x2 ist, die der Haushalt erhält, wenn er sein gesamtes Einkommen für dieses Gut ausgibt, also e1/p2. In gleichem Maße entspricht x10 der Menge des Gutes x1, wenn der Haushalt sein gesamtes Einkommen für dieses Gut x1 ausgibt, also e1/p1. Setzen wir diese Werte in das Verhältnis x20/ x10 ein, so erhalten wir schließlich das Preisverhältnis (p1/p2).

 

Bei welcher Güterkombination erreicht nun der Haushalt bei gegebenem Einkommen und gegebenen Preisverhältnissen sein Nutzenmaximum? Offensichtlich in dem Punkt, in dem die Bilanzgerade eine Indifferenzkurve tangiert. Die zu wählende Kombination muss notwendigerweise ein Punkt auf der Bilanzgeraden sein. Jeder Punkt, der links oder rechts vom Tangentialpunkt (Bilanzgerade mit einer Indifferenzkurve) liegt, befindet sich auf einer Indifferenzkurve mit einem geringeren Ophelimitätsgrad.

 

Dies bedeutet, dass der einzelne Haushalt genau dann sein Nutzenmaximum erreicht, wenn die Grenzrate der Substitution (die Tangente an die Indifferenzkurve) mit dem Winkel der Bilanzgeraden und somit auch mit dem Güterpreisverhältnis gerade übereinstimmt. Da die Grenzrate der Substitution das subjektive, das Preisverhältnis hingegen das objektive Austauschverhältnis darstellt, kann man auch davon sprechen, dass die individuelle Wohlfahrt dann am größten ist, wenn subjektive und objektive Austauschverhältnisse übereinstimmen.

 

Wie auch im Rahmen der Grenznutzentheorie müssen wir auch hier aufzeigen, bei welcher Güterkombination die gesamte Gemeinschaft ihr Wohlfahrtsoptimum erreicht. Gehen wir von dem oben gezeigten Diagramm der Wahlhandlungstheorie aus, so ersetzen wir erstens die Schar der individuellen Indifferenzkurven durch eine Schar von kollektiven Indifferenz­kurven, wobei die kollektiven Indifferenzkurven angeben, welche Güterkombinationen der gesamten Bevölkerung eine gleiche Ophelimität gewähren, bzw. welche Güterkombinationen im Verhältnis zu einer Vergleichskombination einen höheren oder geringeren Ophelimitäts­grad aufweisen. Auch für diese Indifferenzkurven wird eine konvexe Krümmung unterstellt und auch deren Grenzrate der Substitution (Tangente an eine Indifferenzkurve) sinkt mit wachsender Substitution.

 

 

Beschreibung: wohl12

 

 

Zweitens ersetzen wir die Bilanzgerade durch eine Transformationskurve. Diese gibt an, wie ein vorgegebener Bestand an Ressourcen bei Unterstellung gleichbleibender Technik auf die beiden Güter (Güterbündel) aufgeteilt werden kann. Diese Kurve ist aufgrund der Gesetzmäßigkeit sinkender Grenzerträge der einzelnen Produktionsfaktoren konkav gekrümmt. Die Grenzrate der Transformation (die Tangente an die Transformationskurve) sinkt mit wachsendem Einsatz eines Faktors. Bewegen wir uns entlang der Transformationskurve, so findet auch hier eine Substitution des einen Gutes durch das jeweils andere Gut statt, wobei die jeweilige Neigung der Tangente an diese Kurve angibt, wie viel Gütereinheiten von Gut (x1) zusätzlich produziert werden können, wenn auf die Produktion einer Einheit des Gutes (x2) verzichtet wird.

 

Wie die Graphik zeigt, wird ein Maximum an Wohlfahrt bei der Güterkombination realisiert, bei welcher die vorgegebene Transformationskurve eine kollektive Indifferenzkurve tangiert. Das objektive Verhältnis der Transformation muss dem subjektiven Austauschverhältnis entsprechen.

 

Probleme bereitet in diesem Modell vor allem die Konstruktion kollektiver Indifferenz­kurven. Nach der Vorstellung dieser Theorie werden die kollektiven Indifferenzkurven aus den einzelnen individuellen Indifferenzkurven abgeleitet. Wie ist dies jedoch möglich? Paul A. Samuelson hat nachgewiesen, dass kollektive Indifferenzkurven nur unter sehr restriktiven Annahmen aus den individuellen Indifferenzkurven abgeleitet werden können. Samuelson nennt hierbei drei Alternativen:

 

Erstens wäre die Konstruktion einer kollektiven Indifferenzkurve möglich, wenn wir entweder nur ein einziges Individuum unterstellen, bzw. annehmen, dass ein wohlwollender Diktator in meritorischer Absicht jeweils die Entscheidung trifft, wie die einzelnen Güterkombinationen bewertet werden müssen. Diese Annahme widerspricht natürlich dem Selbstbestimmungskriterium und ist somit keine akzeptable Lösung.

 

Zweitens könnte man dann kollektive Indifferenzkurven aus dem System individueller Indifferenzkurven ableiten, wenn man unterstellen würde, dass alle Individuen identische Bedarfsstrukturen aufwiesen. Schon bei der Kritik an der Grenznutzentheorie haben wir gesehen, dass auch diese Annahme nicht der Wirklichkeit entspricht, da die einzelnen Individuen sich gerade in der Art ihrer Bedarfsstruktur unterscheiden.

 

Drittens könnten kollektive Indifferenzkurven auch dann aus der Schar individueller Indifferenzkurven abgeleitet werden, wenn Veränderungen in der Allokation, also Bewegungen entlang einer Indifferenzkurve, keinen Einfluss auf die Einkommensverteilung nehmen würden. Aber auch diese Annahme widerspricht der Realität, da Allokationsveränderungen im Allgemeinen mit Veränderungen in den Güter- und Faktor-Preisverhältnissen verbunden sind, die Preise jedoch – vor allem die Faktorpreise – auch die jeweilige Einkommensverteilung bestimmen.

 

Lediglich dann, wenn wir für alle Märkte die Marktform eines bilateralen Monopols unterstellen könnten, wenn wir weiterhin davon ausgingen, dass die Marktpartner im Sinne einer schrittweisen Verhandlungsstrategie vorgingen und wenn schließlich homogen-lineare Produktion- und Nutzenfunktionen vorlägen, könnte man unterstellen, dass die Einkommensverteilung weitgehend von der Allokation abgekoppelt ist.

 

Wir kommen somit zu dem Ergebnis, dass unter realistischen Bedingungen gar keine kollektiven Indifferenzkurven unmittelbar aus individuellen Indifferenzkurven abgeleitet werden können. Trotz dieser Kritik wird insbesondere im Rahmen der realen Außenwirtschaftstheorie immer wieder mit kollektiven Indifferenzkurven gearbeitet, sodass diese an und für sich vernichtende Kritik nicht dazu geführt hat, auf dieses Denkinstrument zu verzichten.

 

Nun sollte man dieser Vorgehensweise zu Gute halten, dass natürlich eine Konstruktion kollektiver Indifferenzkurven durchaus denkbar ist, indem man einfach im Rahmen einer Befragung der einzelnen Haushalte die Bewertung der einzelnen Güterkombinationen erfragt und unter Zugrundelegung einer Regel (z. B. dem Mehrheitsprinzip) die Meinung der Gesamtheit feststellt.

 

Gegen eine solche Vorgehensweise kann man natürlich einwenden, dass eine solche Befragung in der Realität aufgrund eines sehr großen Aufwandes keinesfalls durchgeführt werden könnte. Aber dieser Vorwurf gilt natürlich genauso für die Entwicklung individueller Indifferenzkurven, wir können ja nicht erwarten, dass die einzelnen Haushalte vor ihren Konsumentscheidungen jeweils ihre eigenen Indifferenzkurven entwickeln!

 

Fortsetzung folgt!