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A L L G E M E I N E

W I R T S C H A F T S P O L I T I K

 

V O N  B E R N H A R D  K Ü L P

 

 

 

Gliederung:

 

01. Betrachtungsweisen            

02. Methoden                              

03. Zielanalyse                             

04. Mittelanalyse                        

05. Trägeranalyse                        

06. Politische Ökonomie              

07. Wohlfahrtstheorie                

08. Ordnungsanalyse                  

09. Ordnungskonzeption           

10. Ordnungsdynamik       

 

 

 

 

Kapitel 6: Politische Ökonomie

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Zur Geschichte der politischen Ökonomik

3. Grundzüge einer politischen Ökonomik

4. Mikro- versus Makrobetrachtung

5. Abgrenzung gegenüber wissenschaftlichem Sozialismus

6. Abgrenzung gegenüber einem Wissenschaftsimperalismus

7. Abgrenzung gegenüber der Lehre von der Wirtschaftspolitik

8. Marktwirtschaft versus Demokratie

9. Individualgüter versus Kollektivgüter

 

 

1. Einführung

 

In diesem Kapitel sollen die Grundzüge der politischen Ökonomie dargestellt werden. Bei der sogenannten politischen Ökonomie handelt es sich um einen Zweig der Wirtschaftswissenschaft, der erst sehr spät und zwar am Ende des zweiten Weltkriegs entstand und welcher sich auch ganz entscheidend von den übrigen Teilen der Wirtschaftswissenschaft unterscheidet und zwar darin, dass sich dieser Teil der Wirtschaftswissenschaften gerade nicht mit dem Geschehen innerhalb des Wirtschaftssystems befasst.

 

In diesem ersten Abschnitt wollen wir uns darauf beschränken, darzulegen, worin denn die Eigenheiten dieser Disziplin liegen, welche allgemeinen Ziele verfolgt werden, aber auch welche Intentionen dieser Wissenszweig gerade nicht hat, aber welche in der Öffentlichkeit gerade immer wieder mit ihm verbunden werden.

 

Diese Missverständnisse beginnen bereits mit dem Namen dieser Disziplin. Im Allgemeinen bezeichnet man mit Ökonomie das Untersuchungsobjekt der Wirtschaftswissenschaften, also das wirtschaftliche System, die wechselseitigen Beziehungen zwischen Haushalten und Unternehmungen, das Zusammenspiel zwischen Anbietern und Nachfragenden von Gütern bzw. Dienstleistungen auf Märkten.

 

Wie wir bereits angedeutet haben, befasst sich zwar die allgemeine Wirtschaftstheorie (die Volkswirtschaftslehre) mit dem Wirtschaftssystem als Studienobjekt, aber gerade nicht die ‚politische Ökonomie‘. Gegenstand der Untersuchungen der politischen Ökonomie sind alle möglichen Gesellschaftssysteme mit Ausnahme des wirtschaftlichen Gesellschaftssystems.

 

Es ist deshalb auch eigentlich falsch hier von politischer Ökonomie zu sprechen. Es ist vielmehr die Art und Weise, wie die traditionelle Wirtschaftstheorie an ihre Probleme herangeht und sie analysiert, was das Wesentliche einer politischen ‚Ökonomie‘ ausmacht. Es sind auch fast ausschließlich Wirtschaftswissenschaftler, welche diesen Zweig der Wissenschaft entwickelt haben und nun diese Methoden auch auf nichtwirtschaftliche Gesellschaftssysteme angewandt haben.

 

Es wäre deshalb auch besser, wenn wir nicht von ‚Ökonomie‘, sondern von ‚economics‘ und in seiner deutschen Übersetzung von Ökonomik sprechen würden. Der Begriff economics bzw. Ökonomik bezieht sich nämlich gerade nicht auf das Studienobjekt, sondern auf den Zweig der Wissenschaft, der sich mit dem Studienobjekt Wirtschaft befasst. Mit dem Begriff Ökonomie bzw. richtigerweise Ökonomik ist also das Subjekt, der untersuchende Wissenschaftler und gerade nicht das Objekt der Untersuchung angesprochen.

 

Des Weiteren ist es auch nicht ganz korrekt, wenn wir von politischer Ökonomie bzw. Ökonomik sprechen. Natürlich ist es richtig: die politische Ökonomik hat damit ihren Ausgang gefunden, dass Joseph Alois Schumpeter 1942 in seiner Arbeit über ‚Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie‘ den Versuch unternommen hat, wirtschaftswissenschaftliche Methoden auch auf das politische System einer repräsentativen Demokratie zu übertragen. Aber schon lange nicht mehr beschränkt sich diese Betrachtungsweise der politischen Ökonomik auf das politische System. In der Zwischenzeit sind fast alle modernen Gesellschaftssysteme unter diesem Blickwinkel untersucht worden.

 

 

2. Zur Geschichte der politischen Ökonomik

 

Fragen wir uns deshalb zunächst nach der Entstehungsgeschichte der politischen Ökonomik sowie der geschichtlichen Entwicklung dieser Disziplin. Wie bereits erwähnt lag die Geburtsstunde der politischen Ökonomik in der Veröffentlichung Joseph Schumpeters ‚Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie‘.

 

Schumpeter verglich in dieser Arbeit das Verhalten der Politiker mit dem der Unternehmer. Er unterstrich, dass die Wirtschaftswissenschaft überhaupt erst zu ihrer heutigen Größe und Bedeutung gefunden hat, als sie aufhörte, das Verhalten der Unternehmer ausschließlich als ein Handeln zur Förderung der allgemeinen Wohlfahrt der Bevölkerung anzusehen; als sie vielmehr erkannt hatte, dass die Unternehmer in allererster Linie ihr Eigenwohl: ihren Gewinn bei ihren unternehmerischen Entscheidungen im Auge hätten.

 

Auch bei der Diskussion über das Verhalten der Politiker käme es darauf an, den Sinn oder die Zielsetzung einer politischen Ordnung von den Motiven zu trennen, welche die Politiker bewegen. Genauso wie die moderne Wirtschaftswissenschaft unterstellt, das sich die Unternehmer von einem Kalkül der Gewinnmaximierung bei all ihren Aktivitäten leiten ließen, müsse man auch für die politischen Entscheidungen davon ausgehen, dass es den Politikern in allererster Linie darum gehe, Macht zu erringen und wenn sie diese errungen haben, diese zu erhalten und zu mehren. In einer repräsentativen Demokratie äußere sich dieses Verhalten in einem Stimmenmaximierungskalkül.

 

Wir müssen allerdings darauf hinweisen, dass diese Erkenntnis keinesfalls bedeutet, dass das eigentliche Ziel einer repräsentativen Demokratie verloren gehe, wonach es darum geht, den Willen der Bevölkerung – ausgedrückt im Willen der Mehrheit der Wähler – zu verwirklichen. Es lässt sich nämlich zeigen, dass stets zwischen den Motiven, welche die Politiker zu ihren Handlungen bewegen und den gesamtpolitischen Zielsetzungen eines Gesellschaftssystems unterschieden werden muss, und dass vor allem die oft geäußerte Meinung, dass das vorherrschende Eigennutzkalkül der Unternehmer oder auch der Politiker schon Beweis genug sei, dass die Ziele des Gemeinwohl hintan gestellt würden, falsch ist.

 

Es war das Hauptanliegen des wirtschaftswissenschaftlichen Liberalismus, nachzuweisen, dass gerade ein Ordnungssystem, das auf dem Eigenwohl der agierenden Individuen aufbaut, letzten Endes dem Allgemeinwohl der Bevölkerung sehr viel mehr entgegenkommt als eine Ordnung, in welcher an die Führungskräfte die Forderung gerichtet ist, bei jeder einzelnen Entscheidung nur an das Gemeinwohl zu denken und das Eigeninteresse hintanzustellen.

 

Die Gedankengänge Schumpeters wurden dann in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts von Philipp Herder-Dorneich zunächst unter dem Pseudonym F. O. Harding aufgegriffen, wobei vor allem das von Pareto und Edgeworth eingeführte Instrumentarium der kollektiven Indifferenzkurven auf den Wahlprozess in einer repräsentativen Demokratie angewandt wurde, um auf diesem Wege das Wahlverhalten zu erklären. Später wandte sich Philipp Herder-Dorneich Fragen der sozialen Kybernetik, also einer Art Theorie gesellschaftlicher Systeme allgemein zu.

 

In den USA war es vor allem James McGill Buchanan, welcher die Gedankengänge Schumpeters aufgriff und vertiefte. Zu seinen diesbezüglichen Hauptwerken zählen die 1954 veröffentlichte Arbeit über  ‚Individual Choice in Voting and the Market‘, weiterhin: die ebenfalls 1954 veröffentliche Arbeit über ‚Social Choice in Voting and Free Markets‘, vor allem das zusammen mit Gordon Tullock herausgegebene Werk ‚The calculus of consent ‘ sowie die Arbeit von 1975 über ‚Die Grenzen der Freiheit zwischen Anarchie und Leviathan‘.Viktor J. Vanberg hat dann die Arbeiten von Buchanan weitergeführt und sich unter anderem im Jahre 1983 mit dem ‚individualistischen Ansatz zu einer Theorie der Entstehung und Entwicklung von Institutionen‘ und im Jahre 1994 mit den ‘rules & choices in economics‘ befasst und auf die notwendige Unterscheidung zwischen der "order of rules" und der  "order of action" hingewiesen.

 

Gordon Tullock hat seine Arbeiten darüber hinaus auch auf den Bereich der staatlichen Bürokratie 1965 ausgeweitet: ‚The Politics of Bureaucracy‘. Bekannt geworden ist Tullock vor allem durch den Nachweis, dass die in Demokratien weit verbreitete Mehrheitsregel sich bestenfalls zufällig als fair erweist. 

 

Auch Antony Downs zählt zu den Mitbegründern der politischen Ökonomik in den USA. Zu seinen beiden Hauptwerken zählen die 1957 veröffentlichte Arbeit: ‚An Economic Theory of Democracy‘ und das 1967 herausgegebene Werk über: ‚Inside Bureaucracy‘. Downs befasste sich unter anderem auch mit der Frage, was die Wähler bewegen kann, sich an den Wahlen zu beteiligen, obwohl der Einfluss des einzelnen Wählers auf die Politik aufgrund der großen Zahl der Wähler extrem gering ist.

 

Obwohl das Verhalten der staatlichen Bürokratie auch schon von Tullock sowie Downs untersucht wurde, war es doch in erster Linie William A. Niskanen, welcher in den 70er Jahren die Beziehungen der Bürokratie zu den gewählten Politikern in den Mittelpunkt der Betrachtung rückte und aufzeigte, dass es den Bürokraten gelingt, das Staatsbudget über das Ausmaß anzuheben, das dem Wunsch der Wähler entspricht.

 

Zu den Vertretern der politischen Ökonomik in den USA zählt weiterhin Dennis C. Mueller. In seinen Arbeiten: ‘Voting paradox’ (1987), sowie: ‘Constitutional  democracy’ (1996) hat er darauf aufmerksam gemacht, dass Verteilungsprobleme nur schwierig im Rahmen der Alltagspolitik lösbar seien, dass aber diese Probleme im Rahmen der Verfassung leichter angehbar seien. Wenn nämlich der Einzelne bei der anstehenden Frage wegen der Langfristigkeit der Wirkungen gar nicht weiß, ob diese Maßnahme ihm selbst überhaupt zugutekomme, entscheide er sich quasialtruistisch.

 

William D. Nordhaus, der ebenfalls zur Gruppe der amerikanischen Vertreter der politischen Ökonomik zählt, vertrat in seiner Arbeit: ‚The political business cycle‘ die Ansicht, dass das Verhalten der Politiker in einer repräsentativen Demokratie zu einer Verschärfung der Konjunkturausschläge beitrage. Unmittelbar nach der Wahl  würden nämlich die Politiker eine kontraktive Politik betreiben. Trotz vorübergehender Einkommenseinbußen sei diese Politik möglich, da Wähler schnell vergessen. Unmittelbar vor der Wahl betreiben die Politiker hingegen eine Beschäftigungspolitik. Diese bringt vorübergehend und relativ schnell Einkommensgewinne und garantiert die Wiederwahl der Politiker. Diese Politik führe insgesamt zu einem permanenten Wechsel von kontraktiven und expansiven Maßnahmen und verschärfe somit die Konjunktur, ganz im Gegensatz zu der Überzeugung der Keynesianer, welche von der Vorstellung ausgingen, sie könnten mittels einer solchen Politik die Konjunkturschwankungen und damit auch die Arbeitslosigkeit verringern.

 

Im deutschsprachigen Bereich haben vor allem Bruno S. Frey und Peter Bernholz die Ideen einer politischen Ökonomik verbreitet. Besonders zu erwähnen sind die Arbeiten von Bruno Frey: ‚Theorie demokratischer Wirtschaftspolitik‘ (1981) sowie ‚Public choice‘, Ergebnisse der letzten 10 Jahre (1991). Danach werden Konjunkturzyklen durch politisches Verhalten mitbestimmt. Bemerkenswert ist auch der Vorschlag, neben der bestehenden regionalen Gliederung der öffentlichen Körperschaften auch funktional abgegrenzte Institutionen zu schaffen.

 

Peter Bernholz veröffentlichte im Jahre 1972 zusammen mit F. Breyer seine Grundlagen der Politischen Ökonomie und hob vor allem in seiner Arbeit über   ‚ Die Bedeutung der Verbände für die Wirtschaftspolitik‘ (1973) die Rolle der Interessengruppen im Rahmen einer repräsentativen Demokratie hervor. Im Jahre 1974 erweiterte er unsere Kenntnisse über den politischen Entscheidungsprozess in seiner Arbeit über: ‚Logrolling, Arrow paradox and decision rules – a genera­lization‘.

         

Wir erwähnten oben bereits, dass sich die politische Ökonomik keineswegs auf das politische System der Demokratie beschränkt hat, dass vielmehr diese Betrachtungsweisen auch auf andere Gesellschaftssysteme übertragen wurden. In diesem Zusammenhang ist vor allem auf die Arbeiten von Richard Posner hinzuweisen. Bei ihm findet sich die Übertragung wirtschaftswissenschaftlicher Methoden auf die Rechtssprechung und auf die Rechtsordnung. Diese Überlegungen finden sich vor allem in der 1973 veröffentlichten Arbeit über : ‚Economic Analysis of Law‘ und ‚Economic Justice and the Economist‘ und in dem 1981 veröffentlichten Grundwerk über ‚The Economics of Justice‘

 

Auch dann, wenn man Friedrich August v. Hayek nicht zu dem engeren Kreis der politischen Ökonomik rechnen kann, hat er doch vor allem in seinen Spätwerken eine Theorie über die Komplexität der modernen globalen Gesellschaftssysteme entwickelt, die durchaus als Weiterführung und Verallgemeinerung dieser Betrachtungsweisen angesehen werden kann.

 

Auch bei Robert A. Dahl und Ch. E. Lindbloom, amerikanischen Ökonomen und Soziologen findet sich eine Verallgemeinerung dieser Betrachtungsweisen und eine Gesamtschau der globalen Gesellschaftssysteme, vor allem in der im Jahre 1953 gemeinsam veröffentlichten Arbeit über: ‚Politics, Economics and Welfare. Planning and Politico-Economic Systems resolves into basic social processes’. Es wird das demokratische System der Politik systematisch mit der Funktionsweise einer Marktwirtschaft verglichen. Es wird gezeigt, dass in einem demokratischen Wahlprozess Stimmengleichheit bestehe, in einem marktwirtschaftlichen System hingegen eine mehr oder weniger große Einkommensdifferenzierung. 

 

Wenn man auch Mancur Lloyd Olson im Allgemeinen als Wirtschaftstheoretiker einstufen kann, der sich in erster Linie mit wirtschaftlichen Organisationen beschäftigt, hat er doch mit seiner 1965 veröffentlichten Arbeit über ‚The logic of collective action‘ entscheidend zum Verständnis der Rolle der Interessengruppen im Rahmen einer repräsentativen Demokratie beigetragen. Ausgangspunkt ist die Definition der Kollektivgüter nach dem Ausschlussprinzip: Ein Gut gilt als Kollektivgut, wenn derjenige, der nicht bereit ist, sich an den Kosten der Erstellung dieses Gutes zu beteiligen, nicht vom Erwerb und Konsum dieses Gutes ausgeschlossen werden kann.

 

In diesem Zusammenhang steht die Erkenntnis, dass der politische Entscheidungsprozess maßgeblich auch durch die Aktivitäten der Interessenverbände sowie der staatlichen Bürokratie beeinflusst wird. Vor allem wird auf die Aktivität von Interessengruppen hingewiesen. Diese würden auch in einer Demokratie Einfluss gewinnen, da sie auf der einen Seite den Politikern Informationen anbieten können, die diese zur Beurteilung der in Angriff genommenen Maßnahmen benötigen; auf der anderen Seite können die Interessengruppen deshalb politischen Einfluss gewinnen, da sie vor Wahlen ihren Mitgliedern gegenüber Empfehlungen aussprechen können.

 

Ungeklärt bleibt zunächst die Frage, warum die Konsumenten nicht ihrerseits politischen Druck auf die Politiker ausüben, obwohl sie doch wegen ihrer Gruppengröße gegenüber viel mehr Wählern Wahlempfehlungen aussprechen könnten. Die Verbandstheorie beantwortet diese Frage damit, dass sich die verschiedenen Interessengruppen unterschiedlich organisieren lassen; die Organisationsfähigkeit der Unternehmerverbände sei hoch, die der Konsumentenverbände hingegen niedrig.

 

Für diese These werden vor allem die unterschiedlichen Transaktionskosten verantwortlich gemacht, die aufgebracht werden müssen, um Interessengruppen zu bilden und einen einheitlichen Willen zu formulieren. Diese Transaktionskosten steigen mit der Größe der Gruppe stark an, sodass die kleine Gruppe der Industrieverbände wesentlich geringere Transaktionskosten aufbringen muss und sich deshalb besser organisieren lässt als die Gruppe der Konsumenten.

 

Dieses Argument wird dadurch noch unterstützt, dass sich Einkommensentstehungsinteressen, die im Vordergrund der Industrieverbände stehen, leichter organisieren lassen als Einkommensverwendungsinteressen, die bei den Konsumentenentscheidungen im Vordergrund stehen. Im Hinblick auf die Einkommensentstehung hat jeder gleiche Interessen, nicht jedoch im Hinblick auf die Einkommensverwendung. Hinzu kommt, dass Bürger im allgemeinen eher bereit sind, sich zum Schutz vor Einkommensverlusten als zur Erreichung höherer Einkommen zu organisieren.

 

Auch hier gilt wiederum, dass sich Industrieverbände vor allem deshalb gegen Freihandel aussprechen, weil sie bei Aufgabe des Protektionismus Einkommensverluste befürchten, während das Interesse der Konsumenten am Freihandel darin begründet liegt, dass Freihandel das Einkommen erhöhen kann.

 

Schließlich seien an dieser Stelle auch die Arbeiten von Gary S. Becker erwähnt. Rein äußerlich unterscheiden sich diese Arbeiten beachtlich von den bisher erwähnten Arbeiten. Während wir bisher vorwiegend auf Untersuchungen hingewiesen haben, die sich mit der Funktionsweise globaler Gesellschaftssysteme befassen, zielen die Arbeiten Beckers auf das Verhalten einzelner Personen und privater Haushalte. Zu seinen Hauptwerken zählen: 1960 ‚An Economic Analysis of Fertility’, 1962: ‘Investment in Human Capital: A theoretical analysis’, 1964: ‘Human Capital’, 1973-74: ‘A Theory of Marriage’ (2 Bände) sowie 1988: ‘A Reformulation of the Economic Theory of Fertility’ zusammen mit R. J. Barro.

 

Becker bringt in diesen Arbeiten eineau

 Anwendung ökonomischer Verhaltensmodelle auf Geburtenrate, Ehe und Fruchtbarkeit. Das Indifferenzkurvensystems wird unter Einbeziehung von wirtschaftlichen Datengrößen ausgeweitet. So wird von der Produktion von Nutzeneinheiten gesprochen, die den Einsatz von Konsumgütern und Freizeit erfordern. Veränderungen der Indifferenzkurven ergeben sich deshalb nicht nur aus Veränderungen in der Bedarfsstruktur, sondern auch in der im Haushalt eingesetzten Technik. Entscheidend dafür, dass auch diese Arbeiten der politischen Ökonomik zugerechnet werden, ist die Tatsache, dass Becker Betrachtungsweisen über das wirtschaftliche Verhalten von Einzelpersonen auch auf nichtwirtschaftliche Aktivitäten der Haushalte wie Geburt, Ehe und Scheidung überträgt.

 

Selbstverständlich kann an dieser Stelle kein vollständiger Überblick über alle wichtigen Veröffentlichungen einer politischen Ökonomik gegeben werden. Sie stellt eine Auswahl dar und ist natürlich wie jede Auswahl - aus vielleicht einer anderen Sicht – willkürlich.

 

 

3. Grundzüge einer politischen Ökonomik

 

Nach dieser lehrgeschichtlichen Einleitung wollen wir nun darlegen, worin denn das Gemeinsame all dieser Beiträge besteht, was denn eigentlich die politisch-ökonomischen Theorien von anderen Wissensdisziplinen unterscheidet.

 

Wir hatten bereits darauf hingewiesen, dass es bei den  politisch-ökonomischen Themen stets darum geht, Betrachtungsweisen, welche ursprünglich für die Analyse wirtschaftlicher Institutionen und wirtschaftlicher Handlungsweisen entwickelt wurden, nun auch auf Bereiche anzuwenden, welche üblicher Weise eben gerade nicht dem wirtschaftlichen Bereich zugerechnet werden; so wenn z. B. Schumpeter davon spricht, dass die Politiker genauso um Stimmen schachern wie Unternehmer bestrebt sind, ihren Gewinn zu vergrößern oder so, wenn Becker eine Eheschließung genauso analysiert wie im Rahmen der wirtschaftlichen Haushaltstheorie die Nachfrage nach Konsumgütern untersucht wird.

 

Der Grund dafür, dass eine solche Übertragung von Betrachtungsweisen auf nichtwirtschaftliche Problemfelder stattfindet, liegt keineswegs darin, dass die Vertreter dieser Disziplin von der Überzeugung ausgehen, dass alle menschlichen Handlungen vom materiellen Interesse geleitet werden. Es werden Motive und Zielsetzungen untersucht, die gerade nicht als wirtschaftliche Interessen angesehen werden.

 

Die Vertreter der politischen Ökonomik gehen vielmehr davon aus, dass vor allem seit der Neuzeit für alle größeren Lebensbereiche gesellschaftliche Systeme entstanden sind, welche gemeinsame oder zumindest ähnliche Eigenschaften und Strukturen aufweisen und gerade deshalb auch mit den gleichen Denkinstrumenten untersucht werden können. Es liegt dann eher an  einem Zufall, dass diese Gesetzmäßigkeiten im Verlauf der Geschichte der Lehrmeinungen zu allererst für den Bereich der Wirtschaft analysiert wurden.

 

Worin bestehen nun diese – alle Gesellschaftssysteme übergreifenden – Strukturen? Es war vor allem Hans Freyer, der in seiner 1955 veröffentlichten Schrift ‚Theorie des gegenwärtigen Zeitalters‘ zwischen den mittelalterlichen Primärgesellschaften und den modernen Sekundärgesellschaften unterschied. Die Primärgesellschaften waren gewachsen und bestanden zumeist wie die Familie aus kleinen, überschaubaren Einheiten, während die Sekundärgesellschaften, wofür die Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts kennzeichnend ist, als ein vom Menschen bewusst hergestelltes sekundäres System angesehen werden muss, das durch große, unüberschaubare Strukturen, eigenem Verwaltungsapparat und Einsatz von Technik geprägt ist. 

 

Auch stellt Freyer fest, dass Staat und Gesellschaft immer weniger voneinander getrennt sind und dass der Wissenschaft eine immer größer werdende Bedeutung zuerkannt wird.

 

In einer solchen Gesellschaft gilt nicht mehr der Grundsatz, dass derjenige, dem ein Amt verliehen wurde, Gott auch den hierzu benötigten Verstand gegeben habe. Vielmehr bedürfe es zur Bewältigung der modernen Probleme eines Sachverstandes. Genauso wie ein Pilot, der ein kleines Flugzeug (eine Einpropellermaschine) fliegen kann, nicht bereits deshalb auch in der Lage ist, ein Düsenflugzeug zu steuern, ergibt sich auch nicht aus der Anwendung eines gesunden Menschenverstandes die Befähigung an der Spitze der modernen Gesellschaften Führungsaufgaben zu übernehmen.

 

Aus diesen Gründen müssen auch die in den sekundären Gesellschaftssystemen agierenden Führungskräfte nach der Sachkompetenz ausgewählt werden. In der Sprache Max Webers reicht nun Gesinnungsethik nicht mehr aus, es bedarf vielmehr der Verantwortungsethik, die man jedoch nur wahrnehmen kann, wenn man über Kompetenz verfügt. Ein Spitzenpolitiker mag noch so sehr guten Willens sein, wenn ihm die Sachkompetenz fehlt, kann er auch nicht zur Lösung der schwierigen Probleme beitragen.

 

Eine wesentliche Folge dieser Entwicklung besteht jedoch darin, dass dann, wenn die Führungskräfte der modernen Gesellschaftssysteme nach Sachkompetenz ausgewählt werden, immer auch ein gewisser Prozentsatz der gewählten Politiker in moralischer Hinsicht fragwürdig erscheint. Es gibt nun keinen Grund mehr für die Annahme, dass der Prozentsatz der moralischen Verfehlungen in der Gruppe der Führungskräfte geringer ausfällt als in jeder anderen Bevölkerungsgruppe.

 

Aus der Sicht der Wohlfahrt der Bevölkerung ist es aber zweckdienlicher, dass z. B. das Problem einer Massenarbeitslosigkeit von einem fachlich kundigen Politiker mit Erfolg gelöst wird, der sich aber vielleicht zu einigen moralischen Verfehlungen im privaten Bereich hinreißen lässt, als dass ein moralisch in jeder Hinsicht unfehlbarer Führer die Geschicke der Nation leitet und auch guten Willens ist, dem es aber trotzdem mangels Sachverstandes nicht gelingt, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen.

 

Auch Friedrich von Hayek hat mit seiner Theorie der komplexen Phänomene zum Verständnis der Wirkungsweise moderner Gesellschaften beigetragen. Die modernen Strukturen seien komplex und könnten gerade deshalb nicht vollständig geplant werden. Während aber die Schlussfolgerungen aus der Theorie von Hans Freyer auf die Möglichkeiten abheben, die im Rahmen dieser sekundären Gesellschaftssysteme entstanden sind, weisen die Überlegungen Friedrich August von Hayek eher auf die Grenzen des in diesen Gesellschaftssystemen Machbaren hin.

 

Das für zentrale Entscheidungen notwendige Wissen sei so groß, dass niemals ein Einzelner über dieses Wissen verfügen könne. Es komme einer Anmaßung von Wissen gleich, wenn Politiker bemüht sind, vielleicht in meritorischer Absicht, aber bei Weitem die Grenzen des Möglichen übersteigend, die gesellschaftlichen Probleme zentral planend zu lösen versuchen. Der Markt, der das Wissen vieler zusammen führe, sei viel eher dazu geeignet, die anstehenden gesellschaftlichen Probleme zu lösen. Diese Zusammenführung im Markt trage dann dazu bei, dass wie von einer unsichtbaren Hand die anstehenden Probleme gelöst werden, obwohl keiner der im Markt agierenden Personen das allgemeine Wohl in direkter Weise anzustreben versucht.

 

 

4. Mikro- versus Makrobetrachtung

 

Im Rahmen des lehrgeschichtlichen Überblicks hatten wir gesehen, dass es trotz großer Gemeinsamkeiten doch auch beachtliche Unterschiede in der Betrachtungsweise der politischen Ökonomik gibt. Genauso wie in der Wirtschaftstheorie können wir auch hier zwischen einer Mikro- und einer Makro-Analyse unterscheiden.

 

In der Wirtschaftstheorie befasst sich die mikrowirtschaftliche Theorie mit dem Verhalten der einzelnen Haushalte bzw. der einzelnen Unternehmungen. Traditionell wird auch die Theorie des Einzelmarktes der Mikrotheorie zugerechnet, obwohl bereits hier der Einzelmarkt eine Vielzahl von einzelnen Marktteilnehmern untersucht und z. B. die Kurve der Nachfrage aus dem Nachfrageverhalten vieler Haushalte und zwar auf dem Wege einer Aggregation hervorgeht. Im engeren Sinne spricht man hier von Mesotheorie, rechnet aber im Allgemeinen auch diesen Teil der Wirtschaftstheorie der Mikroökonomik im weiteren Sinne des Wortes zu.

 

Die Wirtschaftstheorie der Makroökonomik hingegen analysiert das Zusammenwirken der Einzelmärkte sowohl zwischen den einzelnen Gütermärkten als auch zwischen den Märkten für Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital). Hier steht der Kreislaufzusammenhang im Vordergrund der Analyse. So wird z. B. darauf hingewiesen, dass die Nachfrage nach einem einzelnen Gut nicht nur von dem Verhältnis der Güterpreise abhängt, sondern auch von der Höhe der Einkommen bestimmt wird, die selbst wiederum davon abhängen, wie viel Güter jeweils nachgefragt werden.

 

Die Mikrobetrachtung innerhalb der politischen Ökonomik kommt besonders bei den Untersuchungen Gary Beckers zum Zuge. Auch hier beschränkt sich der Autor auf die Analyse des Verhaltens einzelner Haushalte bzw. – da hier das nichtwirtschaftliche Verhalten im Mittelpunkt der Betrachtung steht – auf das Verhalten von Familien bzw. Ehepartnern.

 

Es ist zweckmäßig, die Analysen des Konsumverhaltens bei Gary Becker ebenfalls der Theorie der politischen Ökonomik zuzurechnen, obwohl es sich hier natürlich um ein wirtschaftliches Verhalten im engeren Sinne handelt.

 

In der traditionellen Haushaltstheorie wird die Nachfrage nach Gütern seitens der privaten Haushalte bzw. seitens der Konsumenten unter anderem auf die Bedarfsstruktur der einzelnen Individuen zurückgeführt, welche für den Haushalt ein vorgegebenes Datum, für die Wirtschaftstheorie hingegen eine Datengröße darstellt, die es – zumindest im Rahmen der Wirtschaftswissenschaft – nicht mehr weiter zu untersuchen gilt. Gary Becker hat sich jedoch das Ziel gesetzt, auch die Bedarfsstruktur, welche im System der Indifferenzkurven zum Ausdruck kommt, weiter zu untersuchen. Mit anderen Worten: Gary Becker befasste sich mit Größen, welche bisher nicht den wirtschaftswissenschaftlichen Problemgrößen zugerechnet wurde, sondern allenfalls Studiengegenstand anderer Sozialwissenschaften wie z. B. der Psychologie waren. Die Untersuchungen Beckers sind ein Paradebeispiel für eine Theorie, die zwar der politischen Ökonomik zugerechnet wird, aber keinen politischen Gegenstand im engeren Sinne behandelt.

 

Der größte Teil der politisch ökonomischen Theorien zeichnet sich jedoch durch eine Makro-Betrachtung aus. Dies gilt z. B. für die von Joseph Schumpeter entwickelte Theorie einer repräsentativen Demokratie. Natürlich bauen auch diese Arbeiten auf mikropolitischen Verhaltensweisen auf. Aber diese Analysen werden nur deshalb notwendig, weil nur mit ihrer Hilfe die zentrale Frage dieser Theorien, nämlich die Frage nach der Funktionsweise des politischen Gesamtsystems beantwortet werden kann. Welche Anreize gehen von dem politischen, also nichtwirtschaftlichen System aus, dass auch dann, wenn die einzelnen Akteure vorwiegend ihre eigenen Interessen verfolgen, trotzdem im Endergebnis die gesamtpolitische Wohlfahrt zum Zuge kommt?

 

 

5. Abgrenzung gegenüber wissenschaftlichem Sozialismus

 

Nachdem wir klargestellt haben, was denn die Aussagen einer politischen Ökonomik ausmachen, wollen wir aufzeigen, welche Absichten dieser Wissenschaftszweig gerade nicht verfolgt, obwohl solche Zielsetzungen in der Öffentlichkeit der politischen Ökonomik unterstellt werden.

 

Die Tatsache, dass die Vertreter dieser Wissensdisziplin von einer politischen Ökonomie sprechen, wird oftmals dahin gehend missverstanden, dass bei dieser Betrachtungsweise unterstellt wird, sie wolle alles Geschehen als materiell bedingt verstehen, dass mit anderen Worten die eigentliche Ursache alles Handelns letztlich im materiellen Interesse liege.

 

Eine solche Interpretation der Geschichte finden wir in der Tat im wissenschaftlichen Sozialismus von Karl Marx. Dieser war bekanntlich Schüler Georg Wilhelm Friedrich Hegels. Nach der Geschichtsphilosophie Hegels entwickelt sich die Geschichte in Form von Thesen, welche eine Antithese hervorbrächten, wobei aus der Auseinandersetzung zwischen These und Antithese schließlich eine Synthese hervorgehe, welche beide vorhergehenden Thesen mit umfasse. Bei Hegel sind es also die Ideen, welche die Geschichte vorantreiben.

 

Karl Marx hat zwar dieses Schema von These, Antithese und Synthese übernommen, war jedoch der Auffassung, dass die Lehren Hegels gewissermaßen auf dem Kopf stünden und deshalb zunächst auf die Füße gestellt werden müssten. Es seien nicht die Ideen, sondern die materiellen Verhältnisse, welche letzten Endes die geschichtliche Entwicklung auslösen würden. Die Ideen spielten im Zusammenhang mit der geschichtlichen Entwicklung nur insofern eine gewisse Rolle, als sie den ideologischen Überbau der jeweils mächtigen Gruppe bildeten, welche die Herrschenden zur Rechtfertigung ihrer Aktivitäten vortrügen.

 

Diese Auffassung, dass also materielle Interessen die letztliche Ursache alles Handelns seien, entspricht gerade nicht der Auffassung der Vertreter der politischen Ökonomik. Es wird also im Rahmen dieser Wissensdisziplin nicht behauptet, dass sich die Menschen auch in den nichtwirtschaftlichen Bereichen wie Politik und Kultur ausschließlich von materiellen Interessen leiten lassen. Nochmals: Es ist die Betrachtungsweise, welche von der Wirtschaftstheorie übernommen wird und auch auf andere Gesellschaftsbereiche übertragen wird und nicht eine spezielle These von dem letztlichen Motiv allen gesellschaftlichen Handelns.

 

 

6. Abgrenzung gegenüber einem Wissenschaftsimperalismus

 

Kommen wir nun zu einer weiteren Missinterpretation der politischen Ökonomik. Bisweilen wird nämlich der Versuch dieser Richtung, in der Wirtschaftswissenschaft entwickelte Betrachtungsweisen auch in anderen Bereichen der Wissenschaft anzuwenden, als eine Art Anspruch auf Imperialismus angesehen. Man habe – vielleicht mit Erfolg – im Rahmen der Wirtschaftswissenschaft brauchbare Methoden entwickelt und wolle nun durch Übernahme dieser Betrachtungsweisen auch auf nichtwirtschaftliche Phänomene die bis dahin in diesen Bereichen angewandten Methoden verdrängen.

 

Eine solche Interpretation verkennt jedoch die Absicht der politischen Ökonomik. Es geht eben gerade nicht darum, einer einzigen Betrachtung die Vorherrschaft zuzusprechen. Ganz im Gegensatz hierzu geht der Vertreter der politischen Ökonomik von der Überzeugung aus, dass der Gegenstand jeder Wissenschaft niemals mit einer einzigen Methode vollständig und abschließend erkundet werden könne.

 

Man geht vielmehr davon aus, dass es stets mehrerer Methoden bedarf, um ein vollständiges Bild der Wirklichkeit zu erlangen. Hierbei kann man eine wissenschaftliche Methode mit einer rosaroten Brille vergleichen. Sie mag in der Lage sein, die Dinge, welche wir beobachten, deutlicher und präziser zu erkennen. Sie ist jedoch sicherlich nicht in der Lage, Farben zu erkennen. Ganz im Gegenteil bringt es die rosarote Färbung einer Brille mit sich, dass wir im Hinblick auf die Farbe alles rosarot eingefärbt erkennen, gleichgültig, welche Farbe der Gegenstand der Beobachtung tatsächlich aufweist.

 

Zur Beobachtung der Dinge um uns verfügen wir über unsere Sinne. Wir sehen mit den Augen, hören mit den Ohren, riechen mit der Nase, schmecken mit der Zunge und tasten mit unseren Händen. Die Physiologie hat uns gezeigt, dass diese Sinnesorgane unvollkommen sind, dass wir immer nur einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit erkennen können und dass z. B. Tiere oftmals etwas ganz anderes und sehr viel mehr sehen oder riechen als die Menschen.

 

Ausgehend von diesen Beschränkungen unserer natürlichen Sinne hat die Wissenschaft eine Reihe von Instrumenten entwickelt, welche uns gestatten, sehr viel mehr als mit natürlichen Sinnen wahrzunehmen. So können wir mit Hilfe eines Mikroskops Strukturen erkennen, welche mit unserem Auge allein niemals erkannt werden könnten. Aber gerade diese Detailsicht kann selbst wiederum dafür verantwortlich sein, dass wir vor lauter Bäumen den Wald, also die Gesamtstruktur unseres Studienobjektes nicht mehr wahrnehmen.

 

Wir können aus diesen Erkenntnissen den Schluss ziehen, dass wir erst bei einem Methodenpluralismus ein vollständiges Bild von der Wirklichkeit erlangen und nicht dann, wenn wir uns auf eine einzelne Methode beschränken.

 

Dies bedeutet allerdings nicht, dass alle Methoden einen gleichgroßen Beitrag zur Erkenntnis liefern können. Gerade weil die Forschungsziele recht unterschiedlich sind, wird man gerade dadurch, dass man spezifische Methoden anwendet und den Fokus auf die Merkmale lenkt, welche aufgrund der gewählten Fragestellung als wesentlich angesehen werden, mit diesen spezifischen Methoden mehr erfassen können als mit allen anderen Sichtweisen. Nur bleibt bestehen, dass kein Denkinstrument alle möglichen Merkmale eines Studienobjektes erfassen kann.

 

Wir werden also davon ausgehen können, dass jede Wissenschaft ihre eigenen Methoden entwickelt hat, die besser als andere Methoden die wichtigsten Merkmale eines Studienobjektes erkennen lassen. In diesem Sinne werden die nichtwirtschaftlichen Gesellschaftswissenschaften auch in aller erster Linie die für diese Wissensdisziplinen entwickelten Methoden anwenden. Und diese Methoden werden dann auch nicht verdrängt, wenn man gewisse neue, bisher verschlossene Erkenntnisse mit Hilfe der spezifisch wirtschaftstheoretischen Methoden zu erlangen versucht.

 

Diese Beschränkung einer Methode gilt natürlich auch für die Wirtschaftstheorie. Genauso, wie wir davon ausgehen, dass die in der Wirtschaftstheorie angewandten Methoden mit Erfolg auch in den übrigen Gesellschaftswissenschaften angewandt werden können, müssen wir natürlich auch einräumen, dass die Wirtschaftstheorie ihrerseits der Ergänzung durch andere nichtwirtschaftstheoretische Methoden bedarf. So hat sich neben der Wirtschaftstheorie im engeren Sinne eine Wirtschaftsgeschichte, eine Wirtschaftsgeographie, eine Soziologie der Wirtschaft und eine Wirtschaftspsychologie entwickelt.

 

Fortsetzung!