Startseite

 

A L L G E M E I N E

W I R T S C H A F T S P O L I T I K

 

V O N  B E R N H A R D  K Ü L P

 

 

 

Gliederung:

 

01. Betrachtungsweisen            

02. Methoden                              

03. Zielanalyse                            

04. Mittelanalyse                      

05. Trägeranalyse                        

06. Politische Ökonomie              

07. Wohlfahrtstheorie                

08. Ordnungsanalyse                  

09. Ordnungskonzeption           

10. Ordnungsdynamik       

 

 

Kapitel 2: Methoden Fortsetzung

 

 

Gliederung:

 

1.   Einführung

2.   Gibt es ökonomische Gesetze?

2a. Der Streit zwischen Karl Menger und Gustav von Schmoller

2b. Friedrich List: Sind Gesetze auf eine historische Phase beschränkt?

2c. Historische Gesetze in Form von Wirtschaftsstufen

2d. Entwicklungsgesetze

2e. Menschliche Freiheit verhindert Gesetze

2f.  Zu wenig empirische Kenntnisse?

2g. Von Hayek: Beschränkung auf Musteraussagen

2h. Walter Eucken: historisch unterschiedliche Formen

3.   Das Prinzip der Werturteilsfreiheit

3a.  Max Weber: Werturteilsfreiheit

3b. Bewertungen im Umkreis der Wissenschaft

3c.  Drei verschiedene Positionen

3d. Die Soziotechnische Umformulierung

4.   Der Vorwurf des Modellplatonismus

4a. Theorie als Denkwerkzeug

4b. Hans Alberts Vorwurf gegen die Neoklassik

4c. Die Bedeutung von Denkmodellen

 

 

3. Prinzip der Werturteilsfreiheit

 

                  3a.  Max Weber: Werturteilsfreiheit

 

Die Vertreter der historischen Schule wurden zweitens nicht nur wegen ihrer Methode angegriffen. Man machte ihnen zum Vorwurf, dass sie Werturteile wissenschaftlich zu begründen versuchten. Vor allem Max Weber trat als Verfechter einer wertfreien Wissenschaft auf. Eine empirische Sozialwissenschaft könne nur darüber Auskunft geben, wie bestimmte soziale Probleme tatsächlich gelöst werden, nicht wie sie am besten gelöst werden sollten. Ein Werturteil könne nur aufgrund einer weltanschaulichen Position gefällt, nicht aber wissenschaftlich bewiesen werden.

 

Dies bedeutet allerdings nicht unbedingt, dass von Seiten der Wissenschaftler überhaupt keine politischen Ratschläge gegeben werden dürften. Es würde dem Prinzip der Werturteilsfreiheit durchaus entsprechen, wenn ein Wissenschaftler eine bestimmte Empfehlung aus übergeordneten Zielsetzungen – vielleicht zusam­men mit einigen weiteren Sachverhalten – ableiten würde. Das Prinzip der Werturteilsfreiheit bezieht sich nur auf die Unmöglichkeit, die letztlichen Grundwerte wissenschaftlich nachweisen zu können.

 

Im Allgemeinen werden Wissenschaftler im Rahmen der Politikberatung aufgefordert, Maßnahmen zu empfehlen, welche geeignet erscheinen, bestimmte Ziele zu realisieren. Die Ziele werden hierbei von den Politikern vorgegeben, sie sind also gewissermaßen für die Wissenschaftler tabu und die Vorschläge, welche dann den Politikern unterbreitet werden, lassen sich aus diesen vorgegebenen Zielsetzungen ableiten. Auch hier handelt es sich um bewertende Aussagen seitens der Wissenschaft, ohne dass aber das Prinzip der Werturteilsfreiheit verletzt wird, da diese Art von Bewertung nur eine logische Schlussfolgerung der von den Politikern gesetzten Ziele darstellt.

 

Allerdings wollte Max Weber den Wissenschaftler keineswegs von der politischen Diskussion ausschließen. Max Weber hat selbst wiederholt in die politische Diskussion eingegriffen und damit bekundet, dass das politische Engagement eines Wissenschaftlers nicht dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft widerspreche. Selbstverständlich kann sich auch der Wissenschaftler zu Grundzielen äußern, diese angreifen oder verteidigen. Dies ist ein Recht eines jeden Bürgers, von dem natürlich die Wissenschaftler nicht ausgenommen werden dürfen.

 

Wohl sollte der Wissenschaftler seinen Zuhörer (Leser) nicht im Unklaren darüber lassen, wann er sich auf die Analyse von Sachzusammenhängen bezieht und wann er sich zu politischen Fragen bewertend äußert. Max Weber wollte mit dieser Forderung verhindern, dass persönliche Werturteile im wissenschaftlichen Gewande vorgetragen werden und auf diese versteckte und erschlichene Weise einen höheren Wahrheitsgehalt beanspruchen, als ihnen de facto zukomme. Auf der Ebene der letztlichen Grundwerte, welche sich auf keine anderen höheren Werte zurückführen lassen, ist die Meinung eines Wissenschaftlers genau so viel wert wie die Meinung eines beliebigen Bürgers, nicht mehr aber auch nicht weniger.

 

Diese Forderung gilt vor allem in einer pluralistischen Gesellschaft, in der über letzte Grundwerte keine Einigkeit besteht. Hier liegt die Gefahr nahe, dass der Wissenschaftler sein eigenes Weltbild im Gewande wissenschaftlicher und damit für alle gültiger Ergebnisse ausgibt und sich damit unberechtigte Startchancen sichert.

 

Eine politische Stellungnahme besonderer Art kann darin liegen, dass sich der Wissenschaftler weigert, dem Politiker oder Praktiker gewisse Sachauskünfte zu geben. Besonders aktuell wird diese Frage in Diktaturen. Auch dann, wenn sich der Wissenschaftler auf die Beantwortung von Sachfragen beschränkt, können seine Antworten den Diktator befähigen, die Bevölkerung stärker als bisher zu unterdrücken. Aber auch hier muss gesagt werden, dass dieses Verweigerungsrecht in keiner Weise dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft widerspricht.

 

Im Grunde genommen ergibt sich die Forderung Max Webers aus Feststellungen, welche auch schon vorher von den Vertretern des Frühliberalismus formuliert worden waren. So hatte bereits David Hume festgestellt, dass aus dem Sein niemals ein Sollen unmittelbar abgeleitet werden könne. Die Vernunft allein sei auch nicht in der Lage, moralische Vorschriften abzuleiten. Stets seien moralische Vorstellungen durch Gefühle hervorgerufen. Die Verwerflichkeit z. B. eines Mordes ergebe sich nicht allein aus Vernunftüberlegungen, sondern zu allererst aus dem Gefühl der Missbilligung.

 

 

3b. Bewertungen im Umkreis der Wissenschaft

 

Aus dem von Max Weber formulierten Postulat einer wertfreien Wissenschaft folgt keinesfalls, dass eine Wissenschaft nichts mit Werten zu tun hat. Wir möchten im Folgenden einige Wertbezüge aufzeigen, die durchaus mit dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft vereinbar sind.

 

Es dürfte unbestritten sein, dass Werte und Bewertungen als Studienobjekt in die empirische Sozialwissenschaft eingehen. Das Zustandekommen sozialer Bewertungsprozesse ist sogar ein Hauptproblem jeder Sozialwissenschaft. Die traditionelle Nationalökonomie untersucht primär die Bestimmungsgründe der Preise. Aber was stellt der Preis anderes dar als eine Bewertung der Güter?

 

Drei Fragenkomplexe interessieren in diesem Zusammenhang. Eine empirische Sozialwissenschaft fragt zunächst nach den Bestimmungsgründen sozial relevanter Werte und Bewertungen. So zeigt die Wirtschaftstheorie auf, dass der Preis eines Gutes als Resultante aus Angebots- und Nachfragestruktur entsteht. Weiterhin haben wir danach zu fragen, welche sozialen Folgen sich aus einer bestimmten Bewertung ergeben. So kann etwa eine Lohnsteigerung – eine Umbewertung der Arbeit – produktivitätssteigernd wirken.

 

Schließlich ist es ein berechtigtes Anliegen einer Wissenschaft, die logischen und faktischen Beziehungen einzelner Werte zu beleuchten. Unsere Umwelt ist so kompliziert geworden, dass wir nicht mehr ohne Weiteres erkennen, ob sich zwei Werte gegenseitig bedingen oder ausschließen. Wer will ohne theoretische Vorkenntnisse entscheiden, ob sich die Ziele der Preisstabilität und der Vollbeschäftigung gegenseitig ausschließen?

 

Eine empirische Sozialwissenschaft will in erster Linie Sachzusammenhänge aufdecken. Dieses Ziel darf aber nicht zum Selbstzweck werden. Die Kenntnis dieser Sachzusammenhänge dient uns vielmehr dazu, Entscheidungen in der Politik und im Alltagsleben zu erleichtern. Wir stehen immer wieder vor Entscheidungen. Wir können der Sache nach mehrere Wege beschreiten und wir haben uns darüber klar zu werden, welche der möglichen Alternativen wir beschreiten wollen.

 

Wenn wir uns rational verhalten, entscheiden wir uns für die Alternative mit den meisten Vor- und den geringsten Nachteilen. Welcher Weg uns am vorteilhaftesten erscheint, kann zwar nur durch Bewertung geklärt werden. Dieser hat jedoch die Kenntnis vorauszugehen, welche Konsequenzen mit den einzelnen Alternativen verbunden sind. Bewerten heißt nichts anderes, als die Wirkungen abzuschätzen und zu gewichten. Die Kenntnis über diese Wirkungen vermittelt jedoch der Wissenschaftler. Indem dieser dem Praktiker die Voraussetzungen für eine rationale Entscheidung gibt, erfüllt er eine seiner wichtigsten Funktionen gegenüber der Gesellschaft.

 

Wenn indessen eine rationale Entscheidung die vorherige Kenntnis der Sachzusammenhänge voraussetzt, kann es sein, dass wir unsere politischen Entscheidungen aufgrund neuen Wissens überprüfen müssen. Zwar ist es nicht möglich, vom Sein unmittelbar auf das Sollen zu schließen. Das heißt aber nicht, dass Änderungen im Sein nicht auch Änderungen im Sollen bedingen können.

 

Das Wissen ist nicht nur Voraussetzung für eine rationale Bewertung. Es hängt selbst wiederum in vielfältiger Weise von unseren Wertvorstellungen ab. Es ist ein alter und immer wieder erneut bestätigter Erfahrungssatz, dass die Weltanschauung des einzelnen Wissenschaftlers wie auch seiner Zeit ganz entscheidend den wissenschaftlichen Fortschritt beeinflusst. Das Weltbild kann den wissenschaftlichen Fortschritt hemmen, aber auch fördern. Weltbild und Wissenschaft sind nur im Logischen, nicht aber im Faktischen voneinander zu trennen.

 

Wahrheiten sind oft unbequem und dem eigenen Interesse abträglich und bleiben deshalb oftmals unausgesprochen. Es ist weiterhin eine bekannte Tatsache, dass wir Dinge, die wir nicht sehen wollen, bisweilen auch gar nicht sehen. Wir beobachten die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern wie wir sie zu sehen gelernt haben. Jede noch so objektive Beobachtung kommt als Resultante aus den verschiedensten psychischen Faktoren zustande.

 

Freilich sollten wir aus diesem Erfahrungssatz keine Maxime machen. Wenn auch psychologische und ideologische Faktoren auf unsere wissenschaftliche Arbeit vielfach einwirken, so ist dies kein Grund, diese Beeinflussung als Ideal hinzustellen. Im Gegenteil: Gerade die Tatsache, dass ein solcher Einfluss prinzipiell möglich erscheint, mahnt uns zu doppelter Aufmerksamkeit. Unsere Forderung, diesen Einfluss wo immer nur möglich auszuschalten, bleibt bestehen.

 

Allerdings sollten wir diesen Einfluss auch nicht überschätzen. Die Wissenschaft hat Methoden entwickelt, ihn einzudämmen. Für einen einzelnen Wissenschaftler mag der Zusammenhang zwischen Weltbild und Wissen beachtlich sein. Was jedoch für den einzelnen Wissenschaftler gilt, mag noch lange nicht für die Wissenschaft insgesamt gelten. Auch das Wissen entsteht heute immer mehr aus einer arbeitsteiligen Zusammenarbeit.

 

Wenn ein einzelner Wissenschaftler aufgrund seiner empirischen Untersuchungen zu neuen Hypothesen gelangt, so ist der Entstehungsprozess dieses Wissens keinesfalls bereits abgeschlossen. Lediglich der erste Schritt ist getan. Damit aus unserer Hypothese eine allgemein anerkannte Theorie wird, bedarf es einer eingehenden wissenschaftlichen Diskussion. Gerade in dieser Einrichtung liegt eines der wesentlichen Elemente wissenschaftlichen Arbeitens überhaupt. Auf diese Weise kann eine Hypothese kritisiert und gegebenenfalls falsifiziert werden. Das Ergebnis dieser Diskussion ist in viel geringerem Maße gegenüber Weltanschauung und Interesse anfällig als die Hypothesen eines einzelnen Wissenschaftlers.

 

Weltbild und Interesse können auf den wissenschaftlichen Entstehungsprozess nicht nur einen negativen Einfluss ausüben. Ganz im Gegenteil können vom Weltbild des einzelnen Forschers starke Anreize ausgehen, die den Wissensprozess fördern. Auf lange Sicht dürfte gerade der Umstand, dass der weltanschauliche Kampf auch auf der wissenschaftlichen Tribüne ausgefochten wird, dazu beitragen, alteingesessene Vorurteile zu revidieren. Man sollte deshalb bei dem Versuch einer Entideologisierung der Wissenschaften vorsichtig sein. Auch hier kann es ein Zuviel geben, auch hier besteht die Gefahr, dass wir mit dem Weltbild das Interesse an neuem Wissen beseitigen.

 

Von den Verfechtern einer wertgebundenen Wissenschaft wird oft gegen das Konzept einer wertfreien Wissenschaft eingeworfen, bereits die in jeder Wissenschaft notwendige Abstraktion und Auswahl der Probleme bringe eine Bewertung mit sich. Die Wirklichkeit sei so kompliziert, dass wir uns immer auf einige wenige Wirkungszusammenhänge beschränken müssen. Damit gäben wir jedoch bestimmten Problemen den Vorrang, mit anderen Worten: Wir bewerten.

 

Die Tatsache als solche wird von den Anhängern einer wertfreien Wissenschaft nicht geleugnet. Es handle sich indessen hierbei um eine ganz andere Art von Bewertung, die keine praktischen Empfehlungen an die Politik erlaube. Trotzdem muss eingeräumt werden, dass der Praktiker diese Auswahl bisweilen im Sinne einer Empfehlung versteht.

 

Darüber hinaus weist uns dieses Auswahlproblem darauf hin, dass wir erst aufgrund bestimmter Bewertungen überhaupt zu Wissen gelangen können. Wann wir eine Hypothese als von der Wirklichkeit bestätigt ansehen, kann mit wissenschaftlichen Mitteln allein nicht entschieden werden. Wir haben bereits gesehen, dass eine hundertprozentige Bestätigung einer generellen Aussage logisch gar nicht möglich ist. Es bedarf einer Konvention darüber, wann eine These als verifiziert gilt. Diese Absprache ist bereits eine Bewertung.

 

Von den Anhängern einer wertfreien Wissenschaft wird also nicht gefordert, dass unser Wissen ohne Bewertungen entstehen müsse; dies ist gar nicht möglich. Es wird vielmehr allein bezweifelt, dass aus der empirischen Arbeit heraus aufgrund wissenschaftlicher Ergebnisse unmittelbar wertende Schlussfolgerungen für die Politik gezogen werden können.

 

Der Wissenschaftler hat sich somit bei seiner Arbeit an gewisse Spielregeln zu halten. Diese haben nicht nur den Sinn, den Erfolg der Wissenschaft zu garantieren, sondern auch negative Sekundärwirkungen, die von der wissenschaftlichen Betätigung ausgehen können, soweit wie möglich auszuschalten. Nicht selten könnte unser Wissen durch gewagte und zweifelhafte Experimente verbessert werden. Die Mehrheit der Wissenschaftler lehnt solche Praktiken ab, da diese mit den menschlichen Grundwerten in Konflikt geraten. In der Anerkennung dieser Spielregeln dringt ein weiteres Bewertungselement in den Bereich der Wissenschaft ein. Aber auch dieses Bewertungselement gerät mit dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft nicht in Widerspruch.

 

Fassen wir die Ergebnisse unserer Überlegungen zusammen: Die Forderung nach wertfreier Wissenschaft im Sinne Max Webers darf nicht zu wörtlich genommen werden. Jede Wissenschaft hat es mit Werten und Bewertungen zu tun. Das wird von den meisten Anhängern einer wertfreien Wissenschaft auch gar nicht bestritten. Wenn man will, besteht das Programm einer wertfreien Wissenschaft aus einer Binsenwahrheit und aus einer wohl von den meisten Wissenschaftlern gebilligten Forderung: Aus der Binsenwahrheit, dass man Sollsätze aus Seinssätzen allein nicht logisch ableiten kann, dass also jede politische Stellungnahme auch einen Kern persönlicher Willensentscheidung enthält, und aus der von den meisten gebilligten Forderung, dass bei der Diskussion um politische Werte die persönliche Meinung eines Wissenschaftlers nicht mehr wiegen sollte als die eines anderen Bürgers.

 

               

3c.  Drei verschiedene Positionen

 

Akzeptiert man dieses Prinzip der Werturteilsfreiheit, so gibt es im Grunde nur drei verschiedene Positionen einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit normativen Aussagen. Man kann erstens mit Hans Albert die Meinung vertreten, dass ein Wissenschaftler sich darauf zu beschränken habe, Faktenzusammenhänge im Sinne einer Sachanalyse zu untersuchen. Der Wissenschaftler könne also z. B. untersuchen und darlegen, wie sich eine keynesianische Fiskalpolitik auf die Inflation auswirke, er sei aber nicht in der Lage, mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden über die Erwünschtheit dieser Maßnahmen als Wissenschaftler zu urteilen. Er habe sich also – in seiner Eigenschaft als Wissenschaftler –  jeglicher normativer Aussagen über die Erwünschtheit politischer Maßnahmen oder Zustände zu enthalten.

 

Eine zweite Position nahm Gerhard Weisser (übrigens der Lehrer Hans Alberts) in dieser Frage ein. Der Wissenschaftler könne – ohne mit dem Prinzip der Werturteilsfreiheit in Konflikt zu geraten – sehr wohl zu normativen Aussagen über politische Maßnahmen und Zustände vorstoßen, wenn er zuvor die Wertprämissen offen lege, auf Grund derer er zu diesen Aussagen gelangte.

 

Eine wissenschaftliche Analyse entsprechend dieses von Gerhard Weisser formulierten wissenschaftlichen Normativismus beginnt danach stets mit der Offenlegung der Wertprämissen des Wissenschaftlers, gefolgt von der dann korrekten Ableitung normativer Aussagen aus diesen offengelegten Wertprämissen für konkrete politische Maßnahmen. Ein solches Vorgehen sei – so meinte Weisser  – dem von Hans Albert vorgeschlagenen Weg deshalb vorzuziehen, da der Wissenschaftler viel besser als ein normaler wirtschaftswissenschaftlich nicht ausgebildeter Bürger in der Lage sei, Schlussfolgerungen aus Wertprämissen und Sachzusammenhängen zu ziehen.

 

Kritisch wäre hier allerdings anzumerken, dass diese Schlussfolgerungen in diesem Falle immer nur für diejenigen Bürger Gültigkeit besitzen, welche die Werturteile des Wissenschaftlers teilen. Es besteht hier die Gefahr, dass die Gruppe der Wissenschaftler in weltanschaulich gegliederte Teilgruppen zerfällt und dass damit auch der Anspruch, dass die wissenschaftlichen Aussagen unabhängig von der weltanschaulichen Position des einzelnen Wissenschaftlers Gültigkeit besitzen sollten, verloren geht.

 

Eine dritte Position nahm die traditionelle Wohlfahrtstheorie ein. Sie versuchte in einem ersten Schritt zu überprüfen, welche letztlichen Wertprämissen von der überwiegenden Mehrheit der Bürger akzeptiert werden, um dann in einem zweiten Schritt zu klären, welche konkreten Maßnahmen und Wirtschaftssysteme notwendig sind, um diese allgemein akzeptierten Grundziele zu realisieren. Auch diese dritte Position widerspricht nicht dem von Max Weber formulierten Prinzip der Werturteilsfreiheit.

 

 

3d. Die Soziotechnische Umformulierung

 

Wir haben im ersten Kapitel dieser Vorlesung gesehen: Soziale Tatbestände können als Ursache-Wirkungszusammenhang oder als Zweck-Mittel-Relation dargestellt werden. In beiden Fällen beschränkt sich der Wissenschaftler auf eine Sachanalyse und enthält sich jeden Werturteils.

 

Bringen wir ein Beispiel: Eine Zunahme der Konsumnachfrage steigert – wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind – den Beschäftigungsgrad. Die Zunahme der Konsumnachfrage wird als Ursache, die Steigerung des Beschäftigungsgrades als Wirkung angesehen. Den gleichen Sachverhalt können wir in eine Zweck-Mittel-Relation umformulieren. Man spricht hierbei von einer soziotechnischen Umformulierung. Unser Satz hieße dann: Wenn wir eine Steigerung des Beschäftigungsgrades wünschen (wenn wir also das Ziel verfolgen, den Beschäftigungsgrad zu steigern), müssen wir die Konsumnachfrage (oder auch eine andere Nachfrage) steigern. Maßnahmen, die zu einer Konsumsteigerung führen, wären dann das Mittel, um das Beschäftigungsziel zu erreichen.

 

Mit dieser bedingten Empfehlung spricht der Wissenschaftler keine Bewertung aus, er verbleibt im Rahmen einer Sachanalyse. Wir könnten sogar diese Aussage so umformulieren, dass ihr konditionaler Gehalt gar nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar ist und zunächst wie eine kategorische Empfehlung aussieht: Zur Steigerung des Beschäftigungsgrades bedarf es einer Zunahme der Konsumnachfrage.

 

 

4. Modellplatonismus

 

4a. Theorie als Denkwerkzeug

 

Ein Streit über die Methode innerhalb der Wirtschaftslehre erwuchs drittens aus dem recht unterschiedlichen Gebrauch des Wortes ‚Theorie’. Einige Wissenschaftler verstehen Theorie im Sinne eines Denkwerkzeuges. Ein Denkwerkzeug ermöglicht zwar, die soziale Wirklichkeit in den Griff zu bekommen, es darf jedoch mit der eigentlichen Kenntnis von Faktenzusammenhängen nicht verwechselt werden.

 

Die Theorie im Sinne eines Denkmodells sei eine Methode, unser Wissen zu erweitern, sie sei aber nicht dieses Wissen selbst. Eine solche Theorie beschränke sich darauf, bereits bekannte Fakten zu ordnen und aus vorgegebenen Annahmen weitere Schlussfolgerungen zu ziehen. Das Auffinden neuer Faktenzusammenhänge sei Sache der Soziologen, nicht des Wirtschaftstheoretikers. Die Wirtschaftstheorie könne die Gültigkeit der Annahmen nicht selbst überprüfen. Wenn man von logischen Denkfehlern absehe, könne eine Theorie überhaupt nicht falsch oder richtig, sondern allenfalls aktuell und zweckmäßig oder auch nicht sein.

 

 

4b. Hans Alberts Vorwurf gegen die Neoklassik

 

Diese weitverbreiteten Thesen der neoklassischen Theorie wurden um die Mitte des letzten Jahrhunderts von den Neopositivisten angegriffen. So meinte Hans Albert, dass die Wirtschaftstheorie zu einem Modellplatonismus entartet sei. Von einer echten Theorie könne man nur dann sprechen, wenn sich ihre Aussagen  auf Tatsachenzusammenhänge bezögen, die bereits an der Wirklichkeit überprüft seien oder sich zumindest überprüfen ließen. Die neoklassische Theorie gebe hingegen Lehrsätze, die lediglich aus hypothetisch unterstellten Annahmen logisch abgeleitet seien und noch der empirischen Überprüfung bedürften, bereits als erwiesene empirische Wahrheiten aus.

 

Weiterhin arbeite die Neoklassik mit Annahmen, die aufgrund vergangener empirischer Untersuchungen bereits widerlegt seien. Schließlich sei die Neoklassik in dem Versuch, klassische Positionen zu verteidigen, mehr und mehr in Tautologien geflüchtet, die zwar logisch zwingend immer richtig, aber gerade deshalb zu einer empirisch gehaltlosen Leerformel erstarrt seien.

 

Bei aller berechtigten Kritik an der Neoklassik lassen sich allerdings die meisten neoklassischen Theorien durchaus so umformulieren, dass sie empirisch gehaltvolle Aussagen enthalten, welche sich empirisch überprüfen lassen. Nehmen wir den Fall der Grenzproduktivitätstheorie des Lohnes. Diese von John Bates Clark entwickelte Theorie entspricht in ihrer ursprünglichen Form in der Tat den von Albert gegeißelten Merkmalen.

 

Diese Theorie geht von drei Annahmen aus: erstens der Annahme der Gewinnmaximierung, zweitens der Annahme, dass sich die Unternehmer als Mengenanpasser verhalten, welche den Preis als Datum vom Markt nehmen und drittens die Annahme einer Produktionsfunktion, welche wie etwa die Cobb-Douglas-Produk­tions­funktion vom Gesetz abnehmender partieller Grenzerträge der Arbeit bestimmt wird.

 

Es wird nicht als Aufgabe dieser Theorie angesehen, diese Annahmen empirisch zu testen. Sie werden als gegeben unterstellt. Wenn diesen Theoretikern vorgeworfen wird, dass diese Annahmen ja gar nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmten, wird entgegnet, dass diese Theorie zu dieser Frage gar keine Stellung nehme, dass nur behauptet werde, dass dann, wenn diese Annahmen gegeben seien, die behaupteten Schlussfolgerungen, der Lohn entspreche dem Grenzprodukt der Arbeit, gelten würden.

 

Diese Schlussfolgerungen ergeben sich nun in der Tat aus den drei unterstellten Annahmen. Nehmen wir an, dass ein Unternehmer eine bestimmte Menge an Arbeit nachfrage. Er stehe vor der Frage, ob er seine Nachfrage nach Arbeit ausdehnen solle. Er wird sie ausdehnen, wenn er dadurch seinen Gewinn steigern kann. Und dies ist genau dann der Fall, wenn die Ausgabenzuwächse aufgrund der Mehrnachfrage nach Arbeit um eine Einheit, nämlich dem Lohnsatz geringer ist als der hierdurch erzielte Mehrertrag, nämlich das Grenzprodukt der Arbeit. Also wird der Unternehmer solange seine Nachfrage nach Arbeit ausdehnen, bis das Grenzprodukt der Arbeit gerade dem von  außen gegebenen Lohnsatz entspricht.

 

Diese Schlussfolgerungen ergeben sich in der Tat allein aus den gemachten Annahmen, enthalten deshalb auch keine zusätzlichen Informationen, die über das hinausgehen, was wir bereits in den drei Annahmen unterstellen.

 

Wir wollen nun versuchen, diese Theorie so umzuformulieren, dass sie aus falsifizierbaren Hypothesen besteht. Als erstes stellen wir die Behauptung auf, dass die Unternehmer in Wettbewerb zueinander stehen. Dies ist keine selbstverständliche Annahme, sie muss empirisch überprüft werden, kann jedoch als realistisch eingestuft werden, wenn wir unterstellen, dass eine Kartellbehörde wirksam Monopolbildungen unterbindet.

 

Die zweite Hypothese besagt dann, dass unter Wettbewerbsbedingungen starke Anreize auf die Unternehmungen ausgehen, jede Gewinnsteigerungen auszunutzen, da sie sonst Gefahr laufen, von den Konkurrenten aus dem Markt geworfen zu werden. Auch hierbei handelt es sich keinesfalls um eine selbstverständliche Annahme. Wir könnten z. B. unterstellen, dass Unternehmungen in Art eines informellen Gleichschritts auf gewisse Formen der Gewinnmitnahme verzichten, sie können sich diese Haltung erlauben, weil sie davon ausgehen, dass sich fast alle Mitkonkurrenten in gleicher Weise verhalten. Trotz allem dürfte diese Hypothese einer Gewinnmaximierung durchaus mit der Realität weitgehend übereinstimmen.

 

Als dritte Hypothese wird dann eine Cobb-Douglas-Produktionsfunktion unterstellt, welche ja in der Tat wiederum nicht selbstverständlich ist, wir kennen ja auch andere Produktionsfunktionen wie z. B. die klassische Produktionsfunktion. Aber auch hier können wir davon ausgehen, dass diese Funktion wiederholt empirisch getestet wurde.

 

 

4c. Die Bedeutung von Denkmodellen

 

Mit den Denkmodellen versuchen wir, einen Komplex von Aussagen über einen klar abgegrenzten Sachbereich systematisch zu ordnen. Worin besteht aber das Ordnungsprinzip? Wir untersuchen jede Aussage daraufhin, ob sie von den übrigen Aussagen des Systems abhängt. Aussagen, die sich nicht mehr auf andere Aussagen des Systems zurückführen lassen, also als gegeben vorausgesetzt werden müssen, bezeichnen wir als Prämissen oder Daten des Modells. Bei den von diesen Prämissen abgeleiteten Aussagen handelt es sich hingegen um die Abhängigen, Variablen oder Problemgrößen.

 

Eine erste Aufgabe eines Denkmodells besteht darin, sich darüber klar zu werden, welche Konsequenzen bestimmte Annahmen implizieren. Die Annahmen als solche gelten als gegeben. Das Denkmodell ist nicht in der Lage, ihre Gültigkeit und Wirklichkeitsnähe zu überprüfen. Wir erfahren nicht mehr, als wir bereits in den Annahmen implizite unterstellt haben. Wohl können wir mit Hilfe eines Denkmodells unser tatsächliches Wissen klären, da wir uns nicht immer aller Konsequenzen bestimmter Annahmen ohne weiteres bewusst sind.

 

Wir können Denkmodelle zweitens dazu benutzen, die Voraussetzungen gewisser Aussagen uns vor Augen zu führen. Zugrunde liegt die gleiche logische Beziehung. Während wir aber im ersten Falle die Annahmen als bekannt voraussetzen und uns nach den Konsequenzen fragen, gehen wir hier von einer konkreten, in der Öffentlichkeit geäußerten Behauptung aus und machen uns klar, unter welchen Voraussetzungen überhaupt diese Aussage Gültigkeit beanspruchen kann.

 

Denkmodelle können drittens die Aufgabe erfüllen, die Problematik einer Situation herauszuarbeiten. Das Denkmodell gestattet uns, die logischen Beziehungen zwischen den bisher als gültig angesehenen Annahmen über die Wirklichkeit aufzudecken. Wir legen uns Rechenschaft darüber ab, was wir bereits wissen und was wir noch nicht wissen. Wir können unter Umständen auf gewisse logische Widersprüche verschiedener Aussagen stoßen, und wir können schließlich entscheiden, ob wir alle bekannten Fakten mit Hilfe unserer bisherigen Erkenntnisse klären können. Das Denkmodell hilft uns, die noch nicht befriedigt beantworteten Fragen klarer zu formulieren.

 

Denkmodelle können uns viertens dazu verhelfen, neue Hypothesen zu bilden. Unter Hypothesen verstehen wir noch nicht empirisch überprüfte Aussagen über die Wirklichkeit. A priori sind die unterschiedlichsten Zusammenhänge denkbar. Wir würden hingegen gegen das Prinzip der Rationalität verstoßen, wollten wir in mühseliger Kleinarbeit alle denkbaren Zusammenhänge auf ihre Gültigkeit hin empirisch überprüfen. In praxi wenden wir ein erfolgversprechenderes Verfahren an. Aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen greifen wir unter den Millionen von denkbaren Zusammenhängen einige wenige heraus, die uns realistisch erscheinen und überprüfen diese an der Wirklichkeit. Auch bei diesem Verfahren leistet uns das Denkmodell gute Dienste. Gibt es uns doch an, welche Hypothesen unseren bisherigen Erkenntnissen am besten entsprechen.

 

Eine fünfte Aufgabe des Denkmodells liegt im Pädagogischen. Wir haben nicht nur neue Faktenzusammenhänge aufzudecken, sondern auch die bereits bekannten, aber oft sehr schwierig zu verstehenden Beziehungen dem Studierenden verständlich zu machen. Hier kann es aus pädagogischen Gründen zweckmäßig sein, zunächst bewusst von wirklichkeitsfremden, aber einfachen Annahmen auszugehen, um auf diese Weise bestimmte Beziehungen umso deutlicher hervortreten zu lassen. Sind die einfachsten Zusammenhänge dem Studierenden einmal klargeworden, so ist es bedeutend leichter, das Denkmodell an die Wirklichkeit anzupassen und nun auch komplizierte Gebilde zu verstehen.

 

So ist es üblich, in einem ersten Schritt die Kreislaufzusammenhänge für eine geschlossene Volkswirtschaft ohne wirtschaftliche Aktivität des Staates zu untersuchen, nicht weil man diese Annahmen als realistisch ansieht, sondern deshalb, weil unter diesen vereinfachten Annahmen bestimmte Zusammenhänge besser erkannt werden können. Es ist dann ein leichtes, diese unrealistischen Annahmen in einem zweiten Schritt aufzuheben und zu zeigen, dass die eingangs aufgezeigten Zusammenhänge im Prinzip auch unter realistischeren, komplexeren Annahmen Gültigkeit bewahren.

 

 

Zusammenfassung:

 

01. Unter dem Stichwort "Methodenstreit" wurden im Verlaufe der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften drei Kontroversen ausgetragen. Es ging erstens um die Frage, ob es auch im wirtschaftlichen Bereich allgemein gültige Gesetze gibt, die unabhängig von Zeit und Raum gelten.

 

02. Es ging zweitens um die Frage, inwieweit Bewertungen mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden bewiesen oder widerlegt werden können.

 

03. Es ging drittens um die Rolle von Denkmodellen im Bereich der Wirtschaftswissenschaften.

 

04. G. Schmoller, einer der Hauptvertreter der historischen Schule hat die Meinung geäußert, dass Verhalten und Ergebnisse im Bereich der Wirtschaft nicht mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden erklärt werden könnten, sie könnten lediglich im Rahmen einer historischen Analyse verständlich gemacht werden.

 

05. Demgegenüber verteidigte C. Menger  - einer der Hauptvertreter der Neoklassik in Österreich   - die Suche nach allgemein gültigen Gesetzen auch im Bereich der Wirtschaft.

 

06. W. Eucken nahm in dieser Frage eine Zwischenposition ein. Jede konkrete Handlung und jede einzelne Ordnung sei einmalig, trotzdem könne sie auf einige wenige Grundelemente zurückgeführt werden, die mit allgemein gültigen Theorien erklärt werden könnten.

 

07. Das von M. Weber formulierte Prinzip der Werturteilsfreiheit besagt, dass Wertpositionen wissenschaftlich nicht bewiesen werden können.

 

08. In der Frage, wie unter Gültigkeit dieses Prinzips überhaupt noch im Rahmen der Wissenschaft normative Aussagen begründet werden können, gab es drei Antworten: H. Albert zog den Schluss, dass sich die Wissenschaft darauf beschränken müsse, die politischen Möglichkeiten aufzuzeigen.

 

09. G. Weisser löste das angesprochene Dilemma dadurch, dass er seine eigenen Wertprämissen offen legte.

 

10. Die Wohlfahrtstheoretiker (V. Pareto u. a.) erforschten in einem ersten Schritt die von der Allgemeinheit geteilten Wertprämissen, um dann in einem zweiten Schritt hieraus weitere normative Aussagen abzuleiten.

 

11. Mit dem Vorwurf eines "Modellplatonismus" warf H. Albert der neoklassischen Theorie vor, dass sie sich in Tautologien ergehe, da aus Denkmodellen abgeleitete Schlussfolgerungen nur die Informationen offen legen könnten, die bereits mit den Annahmen des Modells festgelegt worden seien.

 

12. Demgegenüber fordert H. Albert mit K. Popper, dass Theorien immer so formuliert werden müssen, dass sie falsifizierbar seien. Eine Theorie könne weiterhin nur dann als vorläufig bestätigt angesehen werden, wenn es im Rahmen empirischer Tests nicht gelungen sei, diese Thesen zu widerlegen.

 

 

Fragen zu Kapitel 2:

 

01. Welche 3 Fragen wurden unter dem Stichwort des Methodenstreites diskutiert?

 

02. Welche Position nahmen die Vertreter der historischen Schule im Zusammenhang mit dem Methodenstreit ein?

 

03.  Mit welcher Argumentation versuchte Walter Eucken im Methodenstreit zu vermitteln?

 

04.  Was verstand Max Weber unter dem Prinzip der Werturteilsfreiheit?

 

05. Darf sich der Wirtschaftswissenschaftler überhaupt an der politischen Diskussion bewertend beteiligen?

 

06.  Warum hat Friedrich List Schutzzölle gefordert?

 

07. Was versteht von Hayek unter Musteraussagen?

 

08. Inwiefern unterscheiden sich die Entwicklungsgesetze von den allgemeinen Gesetzen der Wirtschaftstheorie?

 

09.  Was verstand Hans Albert unter Modellplatonismus?

 

10. Warum ist die traditionelle Grenzproduktivitätstheorie keine empirisch überprüfbare Theorie?

 

11. Auf welchem Wege lässt sich die Grenzproduktivitätstheorie zu einer empirisch überprüfbaren Theorie umwandeln?

 

12. Kommt Denkmodellen im Rahmen der Wirtschaftstheorie eine positive Funktion zu?

 

 

Antworten zu Kapitel 2:

 

01. Unter dem Stichwort des Methodenstreites wurde erstens die Frage diskutiert, ob in der Wirtschaftswissenschaft allgemeine Gesetze entwickelt werden können, ob zweitens normative Aussagen endgültig bewiesen oder widerlegt werden können und unter welchen Voraussetzungen überhaupt von Theorien gesprochen werden kann.

 

02. Die Vertreter der historischen Schule vertraten die Auffassung, dass die Wirtschaftswissenschaft keine Erklärung der wirtschaftlichen Phänomene im Sinne der Naturwissenschaften abgeben könne.

 

03.  Walter Eucken übernahm zwar die These der Vertreter der historischen Schule, dass alle wirtschaftlichen Vorgänge einmaliger Natur seien, dass aber diese Einmaligkeit daraus entstehe, dass die Wirklichkeit stets aus einem Mix weniger gleichbleibender Ordnungsformen bestehe.

 

04. Max Weber versuchte nachzuweisen, dass eine empirische Wissenschaft nicht in der Lage sei, letztliche Werturteile zu beweisen oder zu widerlegen und dass sich deshalb der Wissenschaftler zu diesen Grundwerten bekennen müsse.

 

05. Das Prinzip der Werturteilsfreiheit verlangt nur, dass der Wissenschaftler seine persönliche Bewertung nicht als Ergebnis einer wissenschaftlichen Analyse ausgibt, welche für alle gültig ist.

 

06. Friedrich List verlangte für Deutschland Schutzzölle, weil er der Auffassung war, dass nur Volkswirtschaften, welche sich auf einer gleichen Entwicklungsstufe befinden, konkurrenzfähig seien. Zu Beginn der industriellen Phase entstünden den Unternehmern hohe Entwicklungskosten, welche für das damalige England nicht mehr anfielen, da England die industrielle Entwicklung schon 50 Jahre vor Deutschland begonnen hatte.

 

07. Von Hayek spricht im Rahmen der Wirtschaftstheorie von Musteraussagen, welche im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Gesetzen nicht die genaue Richtung und den genaue Umfang der Ergebnisvariablen benennen kann.

 

08. Die von der Wirtschaftstheorie gefundenen Gesetzmäßigkeiten haben stets den Charakter einer Wenn dann Aussage. Wenn auf einem Markt ein Angebotsmonopol vorliegt, dann gelingt es den Unternehmern, den Preis über die Grenzkosten anzuheben. Aber diese Aussage gilt immer, sofern die benannten Voraussetzungen erfüllt sind. Die Entwicklungsgesetze der historischen Schule beziehen sich hingegen auf die typischen Merkmale einer ganz bestimmten historischen Entwicklungsphase, sie sind deshalb auch einmalig.

 

09. Hans Albert wollte mit dem Vorwurf eines Modellplatonismus der traditionellen klassischen Theorie vorwerfen, dass sie sich auf tautologische Aussagen beschränke. Alle Schlussfolgerungen seien logische Ableitungen aus den Prämissen der klassischen Modelle, enthielten also keinen zusätzlichen Informationsgehalt. Von einer Theorie könne man nur dann sprechen, wenn ihre Schlussfolgerungen nicht selbstverständlich seien und wenn die Hypothesen empirisch getestet worden seien.

 

10. Die Schlussfolgerungen der traditionellen Grenzproduktivitätstheorie, wonach sich der Lohnsatz im Gleichgewicht auf das Grenzprodukt der Arbeit einstelle, ergeben sich allein durch logische Ableitungen der Prämissen dieses Denkmodells. Allerdings kann man zeigen, dass die Grenzproduktivitätstheorie so umformuliert werden kann, dass sie den Voraussetzungen einer empirischen Theorie entspricht.

 

11. Die Grenzproduktivitätstheorie lässt sich in eine empirisch überprüfbare Theorie umwandeln, indem man von den empirisch überprüfbaren Hypothesen eines Gewinnmaximierungsverhaltens, eines Verzichts auf aktive Preispolitik sowie einer Produktionsfunktion im Sinne von Cobb-Douglas ausgeht.

 

12. Denkmodelle haben durchaus im Rahmen der Wirtschaftstheorie ihre Berechtigung, wenn sie dazu eingesetzt werden, schwierige Prozesse vereinfachend darzustellen.