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A L L G E M E I N E

W I R T S C H A F T S P O L I T I K

 

V O N  B E R N H A R D  K Ü L P

 

 

 

Gliederung:

 

01. Betrachtungsweisen            

02. Methoden                              

03. Zielanalyse                            

04. Mittelanalyse                      

05. Trägeranalyse                        

06. Politische Ökonomie              

07. Wohlfahrtstheorie                

08. Ordnungsanalyse                  

09. Ordnungskonzeption           

10. Ordnungsdynamik       

 

 

Kapitel 2: Methoden

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Gibt es ökonomische Gesetze?

2a. Der Streit zwischen Karl Menger und Gustav von Schmoller

2b. Friedrich List: Sind Gesetze auf eine historische Phase beschränkt?

2c. Historische Gesetze in Form von Wirtschaftsstufen

2d. Entwicklungsgesetze

2e. Menschliche Freiheit verhindert Gesetze

2f.  Zu wenig empirische Kenntnisse?

2g. Von Hayek: Beschränkung auf Musteraussagen

2h. Walter Eucken: historisch unterschiedliche Formen

3. Das Prinzip der Werturteilsfreiheit

                3a.  Max Weber: Werturteilsfreiheit

3b. Bewertungen im Umkreis der Wissenschaft

3c.  Drei verschiedene Positionen

3d. Die Soziotechnische Umformulierung

4. Der Vorwurf des Modellplatonismus

4a. Theorie als Denkwerkzeug

4b. Hans Alberts Vorwurf gegen die Neoklassik

4c. Die Bedeutung von Denkmodellen

 

 

 

1. Einführung

 

Das erste Kapitel dieser Vorlesung hat sich mit den Betrachtungsweisen in der Wirtschaftswissenschaft beschäftigt. Statt von Betrachtungsweisen kann man aber auch von Methoden sprechen. Wir wollen in diesem Kapitel der Frage nachgehen, wie sich die methodischen Ansätze der Wirtschaftswissenschaft im Verlauf ihrer Geschichte entwickelt haben.

 

In der Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen hat der Streit um die richtige wissenschaftliche Methode eine entscheidende Rolle gespielt. Zwar wird sich der Laie in erster Linie für die Ergebnisse einer Wissenschaft interessieren und den Methodenstreit gerne den Wissen­schaftlern überlassen. Der Methodenstreit ist trotzdem von Bedeutung, da über die Wahl der Methode die Ergebnisse einer Wissenschaft maßgeblich beeinflusst werden können.

 

Um welche Streitpunkte ging es? Drei Fragen lassen sich unterscheiden.

 

Frage Nr. 1: Welche Bedeutung kommt der historischen Entwicklung für die Erklärung der heutigen wirtschaftlichen Probleme zu? Gibt es im Bereich der Wirtschaftswissenschaften überhaupt zeitlos gültige Gesetze?

 

Frage Nr. 2: Beschränkt sich die Wirtschaftswissenschaft darauf, Sachzusammenhänge aufzudecken oder kann der Wirtschaftswissenschaftler – ohne seine eigenen Grenzen zu überschreiten – wirtschafts- und gesellschaftspolitische Forderungen abschließend bewerten?

 

Frage Nr. 3: Befasst sich die Wirtschaftswissenschaft allein mit dem systematischen Durchleuchten und Ordnen vorgegebener Fakten oder bemüht sich diese Wissenschaft darüber hinaus darum, neue Faktenzusammenhänge aufzufinden, mit anderen Worten: Will die Wirtschaftswissenschaft mehr sein als ein bloßes Denkwerkzeug?

 

 

2.   Gibt es ökonomische Gesetze?

 

2a. Der Streit zwischen Karl Menger und Gustav von Schmoller

 

Unsere erste Frage stand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Mittelpunkt eines Streites zwischen den Anhängern der reinen Theorie und den Verfechtern der historischen Methode. Die reine Theorie wurde vor allem von Karl Menger, die historische Methode insbesondere von Gustav von Schmoller verteidigt. Die historische Schule kritisierte die Verfahrensweise der klassischen Theorie. Man warf den Klassikern der Wirtschaftstheorie vor, sie hätten bestimmte Gesetzmäßigkeiten voreilig verallgemeinert.

 

Gesetze, die für eine hochentwickelte Industrie- und Handelsnation wie das damalige England gelten würden, dürften keinesfalls ungesehen auf Länder übertragen werden, die – wie die damaligen übrigen europäischen Staaten – erst in der Anfangsphase einer industriellen Entwicklung stünden. Diese Verallgemeinerungen seien unzulässig, da die sozialen Gesetze im Gegensatz zu Naturgesetzen einem historischen Wandel unterworfen seien.

 

Man könne den Wirtschaftsablauf einer Nation nur dann voll verstehen, wenn man sich zuvor darüber klar geworden sei, wie sich der Wirtschaftsprozess historisch entwickelt habe und auf welcher Entwicklungsstufe sich eine Nation befinde.

 

Demgegenüber vertrat Karl Menger die Ansicht, die Frage nach den Entwicklungsgesetzen sei zweitrangiger Natur, es komme in der Nationalökonomie primär auf die generellen Erscheinungsformen der Wirtschaft an und diese könnten nur mit einer allgemeinen Theorie, nicht durch historische Forschung allein erkannt werden. Karl Menger leugnete allerdings nicht den Wert der historischen Disziplinen als Hilfswissenschaft für die Nationalökonomie.

 

 

2b. Fr. List: Sind Gesetze auf eine historische Phase beschränkt?

 

In der Frage darüber, worin denn nun der historische Bezug bei der Entwicklung von Wirtschafts­theorien bestehe, gab es innerhalb der historischen Schule recht unterschiedliche Antworten. Als erstes kann auf die Vorstellungen Friedrich List‘s verwiesen werden, auch dann, wenn Friedrich List im Übrigen eigentlich eher dem liberalen Flügel der Wirtschaftswissenschaftlern und nicht der historischen Schule zugerechnet werden kann. Er war der Auffassung, dass die von den Klassikern wie vor allem von Adam Smith entwickelte Theorie, Freihandel komme allen am Außenhandel beteiligten Nationen zugute, lediglich für die Volkswirtschaften gelte, welche bereits auf einer fortgeschrittenen Entwick­lungsstufe stünden.

 

In England habe der Prozess der Industrialisierung bereits etwa 50 Jahre vor Deutschland begonnen. Mit dem Übergang einer Volkswirtschaft zu einer industriellen Produktion seien zunächst hohe Entwicklungs­kosten verbunden, die jedoch einmaliger Natur seien und deshalb nur die Volkswirtschaften belaste, welche sich noch am Anfang des Entwicklungsprozesses befänden.

 

Aus diesen Gründen könne Deutschland keinen Wettbewerb mit England bestehen. Aufgrund der Weiterentwicklung Englands würden bei der Produktion englischer Waren keine Entwicklungskosten mehr entstehen, während in Deutschland gerade deshalb, weil dieses Land zu Lebzeiten von Friedrich List noch am Anfang der Industrialisierung stand, hohe Entwicklungskosten anfielen. Deshalb müssten die deutschen Unterneh­mungen durch Schutzzölle vor der englischen Konkurrenz solange geschützt werden, bis auch die deutsche Wirtschaft den Entwicklungsstand der englischen Industrie erreicht habe.

 

Friedrich List war also keinesfalls ein genereller Gegner von Wirtschaftstheorien, er vermeinte nur darauf hinweisen zu müssen, dass diese Gesetze eine bestimmte historische Entwicklung voraussetzen.

 

Betrachten wir diese These etwas genauer. Als erstes gilt es darauf hinzuweisen, dass diese Aussage als eine allgemeine Einschränkung wirtschaftstheoretischer Zusammenhänge wohl kaum überzeugt. Von Unterneh­mungen erwarten wir ganz allgemein, dass sie sehr wohl in der Lage und willens sind, in der Gegenwart in Form von Investitionen Kosten aufzubringen, welche erst in zukünftigen Perioden Erträge abwerfen. Entscheidend für die Frage, ob ein Unternehmer zu einer solchen Investition bereit sei, ist allein maßgebend, ob die Erträge in der Zukunft so hoch ausfallen, dass sie die in den ersten Perioden anfallenden Kosten kompensieren oder sogar überkompensieren.

 

Es fragt sich, warum diese Gesetzmäßigkeit nicht auch für die Entwicklungskosten gelten sollte. Im Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sind die Entwicklungskosten zur Industrialisierung zu hoch als dass sie durch spätere Erträge kompensiert werden, in diesem Falle wäre es auch volkswirtschaftlich gesehen unerwünscht, diesen Entwicklungsprozess einzuleiten. Oder aber die zukünftigen Erträge reichen aus, um die heutigen Kosten zu kompensieren, dann bleibt es unverständlich, warum sich keine Unternehmer bereitfinden, dieses Risiko auf sich zu nehmen.

 

Ein Fall ist allerdings denkbar, der eine echte Benachteiligung derjenigen  Unternehmungen auslöst, welche sich erst in den Anfängen der Industrialisierung befinden. Wenn wir nämlich unterstellen, dass eine Volkswirtschaft keinen Patentschutz kennt, dann laufen die Unternehmungen, welche die hohen Entwicklungskosten auf sich nehmen, Gefahr, dass dann, wenn die Entwicklungskosten auslaufen und die industriellen Verfahren produktionsreif sind, Imitatoren auftreten, welche diese Verfahren übernehmen, ohne sich an den Entwicklungskosten zu beteiligen und welche gerade deshalb in der Lage sind, die innovatorischen Unternehmungen (die Pioniere, welche die Entwicklungskosten aufgebracht  haben) aus dem Markt zu drängen.

 

Falls also diese Schwierigkeiten in dem weiter fortgeschrittenen Land nicht aufgetreten sind, wohl aber in den nachfo­lgenden Volkswirtschaften bestehen, kann in der Tat davon gesprochen werden, dass kein fairer Wettbewerb möglich ist und dass ein Freihandel in diesem Falle das Land, das erst später mit der Industrialisierung begonnen hatte, benachteiligt.

 

Wir wollen einmal an dieser Stelle davon absehen, dass die eigentliche Lösung des von Friedrich List aufgeworfenen Problems in der Einführung einer Patentgesetzgebung und nicht in der Verhängung von Schutzzöllen liegt. Wir wollen uns hier allein mit der Frage befassen, ob die von List aufgezeigten Probleme den Schluss zulassen, dass im Bereich der Wirtschaft keine allgemeinen Gesetze formuliert werden können.

 

Wir gehen hierzu von der Annahme aus, dass Volkswirtschaften mit unterschiedlichem Entwicklungsstand auch unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es nicht doch möglich wäre, eine allgemeine Theorie zu entwickeln.

 

Volkswirtschaftliche Gesetze werden ja im Allgemeinen nicht so formuliert, dass sie dem Schema: ‚Immer dann, wenn x gegeben ist, tritt auch y auf‘, entsprechen. Oder um ein Beispiel zu bringen. Es stünde die These zur Diskussion: ‚Restlos jeder Unternehmer maximiert seinen Gewinn‘. Volkswirtschaftliche Theorien werden wohl ausnahmslos so formuliert, dass für das Auftreten eines bestimmten Ereignisses x eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein muss.

 

So wird z. B. die These von der Gewinnmaximierung normaler Weise nur für den Fall behauptet, dass die Unternehmer in starkem Wettbewerb zueinander stehen. Unter diesen Bedingungen sieht sich ein Unternehmer gezwungen, jeden möglichen (erlaubten) Gewinn zu realisieren, weil er sonst Gefahr läuft, von den Konkurrenten unterboten und damit langfristig aus dem Markt gedrängt zu werden.

 

Die meisten Unternehmungen werden diesem Druck folgen und selbst dann, wenn einige Unternehmungen diesem Druck vielleicht aus moralischen Gründen nicht folgen würden, dann würden sie eben über kurz oder lang Bankerott gehen, sodass es auf lange Sicht diese Art von Unternehmer gar nicht mehr gäbe.

 

Wenn aber volkswirtschaftliche Theorien immer einen ganzen Satz von Annahmen voraussetzen, die gegeben sein müssen, damit das prognostizierte Ereignis auch eintritt, dann stellen eben auch die Gegebenheiten auf einer historischen Entwicklungsstufe solche Voraussetzungen dar, unter denen allein das besagte Ereignis eintreten wird. Der Beitrag von Friedrich List bezieht sich dann nicht mehr darauf, dass allgemeine Theorien nicht möglich sind, sondern allein darauf, dass bestimmte in den allgemeinen Theorien genannte Voraussetzungen in bestimmten historischen Epochen vermehrt auftreten.

 

 

2c. Historische Gesetze in Form von Wirtschaftsstufen

 

Die Vertreter der älteren historischen Schule lehnten allgemeine Theorien vor allem deshalb ab, weil sich im Verlaufe der Geschichte bestimmte Wirtschaftsstufen und Wirtschaftstile entwickelt hätten, wobei auf jeder Stufe der Entwicklung andere Gesetzmäßigkeiten beobachtet werden könnten. So hatte z. B. Bruno Hildebrand eine regelmäßige Entwicklungsfolge in allen Volkswirtschaften festzustellen geglaubt, so etwa die Entwicklung von einer Natural- zu einer Geld- und diese wiederum zu einer Kreditwirtschaft. Oder Karl Bücher sah eine Entwicklung von einer geschlossenen Hauswirtschaft zu einer Stadtwirtschaft und diese wiederum zu einer Volkswirtschaft.

 

W. W. Rostow sprach hingegen von fünf Entwicklungsstufen, die er zu entdecken glaubte und welche sich von einer traditionellen Gesellschaft, über eine Übergangs-, und dann Aufstiegs-, und einem Reifestadium schließlich zu einer Massenkonsumgesellschaft entwickelt haben.

 

Alfred Müller-Armack schließlich hob den von Werner Sombart geprägten Begriff des Wirtschaftssystems vom Begriff des Wirtschaftsstils ab. Ein konkretes Wirtschaftssystem gehe stets aus der Mischung unterschiedlichster Wirtschaftsstile hervor, während ein Wirtschaftsstil eine idealtypische Ausprägung darstelle.

 

Die Schwierigkeit bei all diesen Stufen- und Stiltheorien besteht darin, dass danach die weiterentwickelte Stufe einfach aus der vorhergehenden Stufe dadurch hervorgeht, dass man eine stärkere Entfaltung der Arbeitsteilung unterstellt. Es sind gedankliche Abläufe, welche hier konstruiert werden und keinesfalls tatsächlich beobachtete Entwicklungen. Die tatsächliche geschichtliche Entwicklung ist allenfalls häufig, aber keinesfalls immer diesem Verlauf gefolgt.

 

Nehmen wir das Beispiel des Zusammenbruchs der deutschen Wirtschaft unmittelbar nach Beendigung des zweiten Weltkriegs. Deutschland stand während der Weimarer Republik und dem Dritten Reich auf der höchsten von Hildebrand formulierten Entwicklungsstufe: der Kreditwirtschaft und wurde dann in der unmittelbaren Zeit nach dem Zusammenbruch von einer Wirtschaftsform abgelöst, bei der neben behördlich organisierter wirtschaftlicher Aktivität vor allem der schwarze Markt mit Anzeichen einer naturalen Tauschwirtschaft im Vordergrund stand.

 

Oder nehmen wir als weiteres Beispiel die These von Karl Marx, dass eine kapitalistische Gesellschaft notwendiger Weise in eine sozialistische Gesellschaft übergehe. Zwar lassen sich die von Karl Marx entwickelten Thesen keineswegs der historischen Schule zuordnen, wir werden auch weiter unten sehen, dass bei der Theorie von Karl Marx eine ganz anders begründete Entwicklungstheorie vorliegt als bei den Vertretern von Wirtschaftsstufen und Wirtschaftsstilen. 

 

Aber auch hier hat die Geschichte eine ganz andere Entwicklung hervorgebracht. Eine kommunistische Gesellschaft wurde nach dem ersten Weltkrieg ausgerechnet in Russland eingeführt, dass nach den Entwicklungsvorstellungen von Karl Marx noch gar nicht auf der Entwicklungsstufe stand, die den Übergang zur sozialistischen Wirtschaft möglich gemacht hätte.

 

Dies gilt übrigens auch für die meisten europäischen Ostblockstaaten mit Ausnahme der DDR. Die DDR wurde jedoch gerade nicht automatisch von einer kapitalistischen Gesellschaft in eine kommunistische Gesellschaft umgewandelt, es war vielmehr das militärische Diktat der Sowjetunion, welche zwangsweise die Überführung in eine kommunistische Gesellschaft verordnet hatte. Die Länder der anfänglichen BRD waren im Übrigen in der Entwicklung zur kapitalistischen Gesellschaft sogar noch in stärkerem Maße fortgeschritten und trotzdem wurde dort – wiederum auf Betreiben der Siegermächte – eine marktwirtschaftliche und nicht eine kommunistische Ordnung eingeführt.

 

 

2d. Entwicklungsgesetze

 

Eine etwas andere Art von historischen Entwicklungsgesetzen finden wir übrigens bereits bei Robert Malthus und David Ricardo sowie bei Karl Marx. Auch hier wird davon ausgegangen, dass sich die Volkswirtschaften auf ganz bestimmte Entwicklungsstufen zubewegen. Bei Robert Malthus und David Ricardo führt die Weiterentwicklung der kapitalistischen Gesellschaft aufgrund einer Tendenz der Bevölkerung zu einem Wachstum entsprechend einer geometrischen Reihe und der gleichzeitigen Begrenzung des Nahrungsspielraums, welcher nur im Sinne einer arithmetischen Reihe wachsen könne, notwendiger Weise zu einer Stagnation, wobei sowohl die Profitrate stets weiter abnehme als auch das Lohneinkommen auf das Existenzminimum absinke.

 

Karl Marx hingegen versuchte nachzuweisen, dass der Zwang zur Akkumulation und die zunehmende Verelendung der Arbeiter zwangsweise zum Sturz der kapitalistischen Gesellschaft führe und damit eine sozialistische Gesellschaft hervorrufe.

 

Zwar müssen wir auch hier wiederum feststellen, dass beide Entwicklungstheorien durch die Geschichte eindeutig widerlegt wurden. Die Bevölkerungsexplosion schlug in den Industrienationen in eine Stagnation um, das Lohneinkommen stieg beachtlich, nach wie vor erzielen die Unternehmer hohe Gewinne und auch die Prophezeiungen von Karl Marx sind bis heute nicht eingetreten.

 

Trotz dieser Feststellung entsprechen die Entwicklungsgesetze sowohl der Klassiker wie auch des Sozialismus in viel stärkerem Maße als die Theorien der Wirtschaftsstufen den Anforderungen, welche an eine überzeugende Entwicklungstheorie zu stellen sind. Der Übergang von einer Wirtschaftsstufe zur nächsten ergibt sich nach den Stufentheorien allein aus einer zunehmenden Arbeitsteilung, die aus logischen Überlegungen heraus als höher entwickelt eingestuft wurde, wobei jedoch keinerlei Anstrengungen gemacht wurden, warum denn in der Realität jeweils die höher entwickelte Stufe notwendiger Weise aus der weniger entwickelten Stufe hervorgehen sollte.

 

Ricardo, Malthus und Marx hingegen haben sich sehr wohl darum bemüht, aufzuzeigen, warum denn die eine Entwicklungsstufe aus der vorhergehenden notwendiger Weise hervorgehe. Der Ansatz zu einem echten Entwicklungsgesetz war hier durchaus gegeben, nur die unterstellen Annahmen entsprachen nicht der Wirklichkeit.

 

 

 2e. Menschliche Freiheit verhindert Gesetze

 

Ein weiterer Grund für die Ablehnung allgemeiner Gesetze im Bereich der Wirtschaft zeigte sich auch im Streitgespräch zwischen Karl Menger und Gustav von Schmoller. Gustav von Schmoller sowie Werner Sombart, der Begründer einer verstehenden Nationalökonomie, vertraten die Auffassung, dass menschliche Handlungen ganz allgemein und damit auch das wirtschaftliche Geschehen immer nur verstanden, aber keineswegs im Sinne der Naturwissenschaft eindeutig erklärt werden könnten.

 

Bei Entscheidungen, welche von Menschen getroffen werden, gelte es immer zu berücksichtigen, dass der Mensch einen freien Willen habe und dass auch dann, wenn noch so sehr gesellschaftliche Zwänge vorlägen, die eine menschliche Entscheidung in eine ganz bestimmte Richtung drängten, trotzdem der einzelne Mensch anders entscheiden könne.

 

Man sei als Wissenschaftler nur in der Lage, nach einer vollzogenen Entscheidung nachzuvollziehen, warum sich eine bestimmte Person gerade so entschieden habe, wie sie sich entschieden habe. Trotzdem wäre es durchaus möglich gewesen, dass sich diese Person unter gleichen Bedingungen doch anders entschieden hätte, sodass aus einer bestimmten Situation heraus niemals eine ganz bestimmte Entscheidung zwingend abgeleitet werden könne.

 

Nun mögen diese Überlegungen ja richtig sein, wenn man den Versuch unternehmen würde, mit Hilfe der Wirtschaftstheorie das Verhalten einzelner Persönlichkeiten etwa eines einzelnen Unternehmers zu erklären. Die Wirtschaftstheorie eignet sich aber nie und nimmer als Blaupause zur Beschreibung von Biographien einzelner Personen.

 

Dies ist aber auch nicht die Absicht der Wirtschaftstheorie. Die Volkswirtschaftstheorie will immer nur allgemeine Vorgänge erklären. Wenn es z. B. darum geht, zu erklären, welche Auswirkungen von einer Preissteigerung auf Angebot und Nachfrage ausgehen, so will keine Theorie behaupten, dass jeder Anbieter und jeder Nachfragende in der von der Theorie behaupteten Weise agiere. Dies ist auch gar nicht notwendig.

 

Im Rahmen der neoklassischen Markttheorie steht lediglich die Frage zur Diskussion, inwieweit die gesamte Nachfrage oder das gesamte Angebot einer Branche auf Preisvariationen reagiert. Wenn also z. B. behauptet wird, dass eine Preiserhöhung zu einer Ausweitung des Mengenangebotes und gleichzeitig zu einer Verminderung der Nachfrage führt, so ist es völlig unerheblich, dass einzelne Wirtschaftssubjekte in anderer Weise auf Preissteigerungen reagieren.

 

Es kann durchaus akzeptiert werden, dass einzelne Personen überhaupt nicht auf Preissteigerungen reagieren und andere Personen sogar ihr Angebot verringern oder ihre Nachfrage ausweiten. Für die Gültigkeit dieser Theorie ist allein maßgebend, dass die Gesamtnachfrage und das Gesamtangebot in dieser Weise reagieren, anderes Verhalten verringert zwar vielleicht die Gesamtbewe­gungen und oftmals heben sich auch entgegengesetzte Verhaltensweisen einander teilweise auf, die Tendenz bleibt jedoch zumeist erhalten.

 

Hierbei ist davon auszugehen, dass sich die von der Theorie unterstellten Verhaltensweisen aufgrund starker Anreize ergeben, welche ein bestimmtes Verhalten nahelegen. So etwa das Ausnutzen jeglicher (erlaubter) Gewinnchancen eines Unternehmers, der dann, wenn er diesem Zwang nicht nachgeben würde, Gefahr liefe, von den Konkurrenten aus dem Markt gedrängt zu werden.

 

Weiterhin muss auch darauf hingewiesen werden, dass die meisten von der Markttheorie aufgestellten Verhaltensannahmen im Verlaufe der Geschichte tausend- und millionenfach belegt wurden, sodass es sich bei diesen Theorien keinesfalls um theoretisch abgeleitete Spekulationen, sondern sehr wohl um wiederholt empirisch nachgewiesene Hypothesen handelt.

 

 

2f.  Zu wenig empirische Kenntnisse?

 

Gustav von Schmoller hatte seine Haltung in dieser Frage in seinen späteren Verlautbarungen etwas korrigiert. Er sprach später nicht mehr davon, dass er generell die Möglichkeit wirtschaftlicher Gesetzmäßigkeiten ablehne, sondern er bejahte sehr wohl die Notwendigkeit und Möglichkeit der Bildung von allgemeinen Theorien, war aber nun der Meinung, dass unser historisches Wissen über die wirtschaftlichen Beweggründe und Gesetzmäßigkeiten noch viel zu gering sei, um bereits damals eine allgemein gültige volkswirtschaftliche Theorie zu entwickeln.

 

In diese Haltung passt auch die Tatsache, dass an den von der historischen Schule lange Zeit beherrschten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten fast nur Forschungsarbeiten vergeben wurden, welche sich auf eine Beschreibung einzelner Branchen in ganz bestimmten Wirtschaftsräumen und bestimmten Zeitepochen beschränkt haben.

 

Man mag Gustav von Schmoller ohne weiteres zugeben, dass der Wissensstand der Volkswirtschaftslehre zu Lebzeiten der Vertreter der historischen Schule ungenügend war, aber dies mag eigentlich auf alle Wissenschaften und zu allen Zeiten gültig sein. Es kann der historischen Schule auch durchaus bescheinigt werden, dass sie aufgrund der Hinwendung zur Beschreibung historischer Gegebenheiten unseren Kenntnis­stand über wirt­schaft­liches Verhalten entscheidend vergrößert hat. Dies gilt insbesondere für die angelsächsische Variante der historischen Schule, also für die Gruppe der Institutionalisten wie Thorstein Veblen, welcher in der Tat unser Wissen über das Konsumentenverhalten sicherlich bereichert hat.

 

Nichtsdestotrotz muss festgestellt werden, das die theoretische Verweigerungshaltung – auch wenn sie nur als vorübergehende Haltung gedacht war – dazu geführt hat, dass die deutsche Nationalökonomie gegenüber der Frage, wie z. B. die in den 20er Jahren grassierende Inflation bekämpft werden kann oder wie Massenarbeitslosigkeit vermieden werden kann oder wie schließlich das Reparationsproblem befriedigend gelöst werden kann, kläglich versagt hat. Es ist das eine, zur Weiterentwicklung einiger spezieller Theorien beigetragen zu haben und das andere, sträflich die Weitergabe des bereits bekannten Wissens der Klassik und der Neoklassik versäumt zu haben.

 

 

 2g. Von Hayek: Beschränkung auf Musteraussagen

 

In diesem Zusammenhang verdient auch die These Friedrichs von Hayeks Beachtung, dass die Wirtschafts­wissenschaft nur Musteraussagen machen könne, aber niemals in der Lage sei, im Sinne von Naturwissenschaften die wirtschaftlichen Vorgänge exakt zu beschreiben. Zwar lassen sich die Arbeiten von Hayeks sicherlich nicht der historischen Schule zuordnen, Hayek zählt zu den Vertretern der liberalen Schule. Trotzdem ist sich von Hayek mit den Vertretern der historischen Schule darin einig, dass die neoklassische Theorie keine befriedigende Analyse des Wirtschaftsprozesses gebracht habe.

 

Nach Auffassung von Hayek sei die Wirtschaftswissenschaft auf keinen Fall in der Lage, exakt anzugeben, um wie viel z. B. die Nachfrage nach einem Gut ansteigt, wenn der Preis dieses Gutes um einen bestimmten Prozentsatz sinke. Die Wirtschaftstheorie könne nur ganz allgemein davon sprechen, dass von Preis­senkungen in aller Regel Nachfrage steigernde Effekte ausgehen, ohne jedoch die genaue Größe dieser Wirkungen angeben zu können.

 

Nun muss man sich in diesem Zusammenhang darüber klar werden, dass der Anspruch, den Wissenschaft und Praxis an eine Theorie stellen, ganz entscheidend davon abhängt, ob diese Theorie die Prozesse in einer Marktwirtschaft zu erklären versucht oder ob diese Theorie als Handlungsanweisung für staatliche Planungsbehörden im Rahmen einer staatlich gelenkten Volkswirtschaft verstanden wird.

 

Sollen mit Hilfe der Theorie allein die Prozesse eines freien, vom Staat unbeeinflussten Marktes beschrieben werden, besteht auch kein Bedarf, exakt zu klären, um wie viel Prozent sich bestimmte Marktvariablen verändern, wenn bestimmte Datenvariationen auftreten. Man geht hier ja davon aus, dass es der freie Markt richtet und dass es keines Eingreifens von Seiten des Staates bedarf. Musteraussagen reichen in diesem Falle vollkommen aus.

 

Die Wirtschaftstheorie ist dann vom Wirtschaftspolitiker gefragt, wenn z. B. der Markt seine Gleichgewichtsfunktion nicht erfüllt; hier gilt es zu klären, woran es liegt, dass der Gleichgewichts­mechanismus versagt hat. So könnte ein Grund für dieses Versagen darin liegen, dass der Gesetzgeber bestimmte Reaktionen z. B. durch lange Kündigungsfristen verhindert. Aufgabe der Wirtschaftstheorie besteht dann darin, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie diese Behinderungen des Marktes beseitigt werden können, ohne dadurch die Zielsetzungen dieser Maßnahmen zu verletzen. Um diese Ratschläge zu erteilen, genügt es vollkommen, die Musteraussagen der Theorie zu kennen, während die Kenntnis über die genauen Elastizitäten des Marktes nicht notwendig ist.

 

    

2h. Walter Eucken: historisch unterschiedliche Formen

 

Walter Eucken hatte sich bemüht, in dem Streit zwischen neoklassischer Theorie und historischer Schule zu vermitteln. Er nahm in dieser Frage eine Zwischenposition ein. Jede konkrete Handlung und jede einzelne Ordnung sei einmalig, trotzdem könne sie auf einige wenige Grundelemente zurückgeführt werden, die mit allgemein gültigen Theorien erklärt werden könnten.

 

Ein gesamtes Ordnungssystem bestehe also immer aus einer Vielzahl, aber doch begrenzten Zahl von einzelnen Ordnungselementen. So sei eine Volkswirtschaft aus einer Vielzahl einzelner Märkte zusammen­gesetzt. Diese Einzelmärkte unterscheiden sich nun aufgrund unterschiedlicher Merkmale. So könne z. B. auf dem einen Markt ein Wettbewerb vieler handelnden Personen auf beiden Markseiten bestehen, während auf einem anderen Markt auf der Angebotsseite ein einziger Unternehmer eine Monopolstellung inne habe, während auf der Nachfrageseite eine Vielzahl kleiner Haushalte stehe.

 

In seiner Marktformenlehre hat Walter Eucken zunächst wie auch Heinrich von Stackelberg zwischen drei Prototypen unterschieden: Es könne auf einer Marktseite ein einziger großer oder eine kleine Zahl mittelgroßer oder schließlich eine Vielzahl kleiner Wirtschaftseinheiten stehen. Da diese Möglichkeiten sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite auftreten können, gibt es bereits 3 x 3 = 9 Konstellationen einer Marktform.

 

Später hatte dann Walter Eucken dieses Schema dadurch erweitert, dass auf den einzelnen Marktseiten ja auch eine Mischung dieser drei Grundtypen auftreten kann: Neben einem großen können entweder einige mittlere Einheiten oder aber auch eine große Zahl kleiner Einheiten auftreten, in diesem Falle spräche man von Teilmonopolen oder begrenzten Monopolen.

 

In ähnlicher Weise wäre es jedoch auch denkbar, dass einige wenige mittelgroße Einheiten zusammen mit vielen Kleinen auftreten. Da diese Möglichkeiten sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite auftreten können, kommen wir somit bereits zu 7 x 7 = 49 Möglichkeiten (1 großer allein, 1 großer mit wenigen mittleren, 1 großer mit vielen kleinen, 1 großer mit wenigen mittleren und vielen kleinen, wenige mittlere, wenige mittlere mit vielen kleinen, viele kleine auf beiden Seiten).

 

Prinzipiell könnte nun auf den abertausenden Märkten eine dieser 49 Spezialtypen verwirklicht sein, was zu einer weiteren Gesamtmenge möglicher Konstellationen führt. Schließlich sind aber auch die Marktformen keinesfalls das einzige Element, in dem sich die Marktbeziehungen unterscheiden. So können sich etwa Märkte nach der realisierten Spezialisierung in den Tauschbeziehungen voneinander unterscheiden, in dem z. B. in der einen Volkswirtschaft der Geldverkehr vorwiegend mit Bargeld bestritten wird, während in einer anderen Volkswirtschaft der größte Teil der Bezahlungen bargeldlos durch Überweisungen oder auch Schecks abgewickelt wird.

 

Bei dieser Vielfalt der einzelnen möglichen Typen kann man sicherlich davon ausgehen, dass das Mischungsverhältnis jedes konkreten Systems historisch durchaus einmalig sei, dass also bezogen auf eine Volkswirtschaft immer wieder andere Mischungsverhältnisse auftreten.

 

Zur Erklärung konkreter Tatbestände bedürfe man also auf der einen Seite der Kenntnis der historischen Fakten, also der Beantwortung der Frage, welche konkreten Formen die zu analysierenden Märkte besitzen. Diese Fakten können sich sehr wohl im Zeitablauf verändern. Seien jedoch die konkreten Fakten bekannt, könne nur aufgrund einer allgemeinen Theorie abgeleitet werden, wie sich die einzelnen Variablen innerhalb eines Grundtyps verhalten.

 

So könnte sehr wohl ganz allgemein davon gesprochen werden, dass sich Marktprozesse unter Konkurrenz­bedingungen nach ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten verhalten und man könnte auch eindeutig feststellen, dass dann, wenn die Marktform des reinen Angebotsmonopols (ein großer auf der Angebotsseite und viele kleine auf der Nachfrageseite) verwirklicht ist, es dem Monopolisten gelingt, den Marktpreis beachtlich über die Grenzkosten anzuheben.

 

 

Fortsetzung folgt!