Startseite

 

A L L G E M E I N E

W I R T S C H A F T S P O L I T I K

 

V O N  B E R N H A R D  K Ü L P

 

 

 

Gliederung:

 

01. Betrachtungsweisen            

02. Methoden                              

03. Zielanalyse                            

04. Mittelanalyse                      

05. Trägeranalyse                        

06. Politische Ökonomie              

07. Wohlfahrtstheorie                

08. Ordnungsanalyse                  

09. Ordnungskonzeption           

10. Ordnungsdynamik       

 

Kapitel 1: Betrachtungsweisen Fortsetzung

 

 

 

Gliederung:

 

1. Die Fragestellung der Wirtschaftstheorie

2. Die Fragestellung der Lehre von der Wirtschaftspolitik

3. Die Fragestellung der Politischen Ökonomik

4. Die Fragestellung der Wohlfahrtstheorie

5. Die Fragestellung der Ordnungstheorie

6. Wirtschaftswissenschaftliche Hilfswissenschaften

 

 

4. Die Fragestellung der Wohlfahrtstheorie

 

Die Wirtschaftstheorie versteht sich als eine positive, also nicht normative Disziplin. Sie will Ereignisse erklären und nicht bewerten. Sie will darlegen, was tatsächlich geschieht und nicht, welche Entwicklungen erwünscht sind. Wenn die Wirtschaftstheorie von der Hypothese ausgeht, dass Unternehmer im Allgemeinen ihre Entscheidungen gewinnorientiert fällen, so soll dies zunächst als Feststellung eines tatsächlichen Verhaltens gelten und es wird zunächst auch nichts darüber ausgesagt, wie dieses Verhalten zu beurteilen ist.

 

Vordergründig hat es den Anschein, als ob diese Kennzeichnung gerade nicht für die Lehre der Wirtschaftspolitik gilt. Der Politiker will Veränderungen durchführen, weil er davon überzeugt ist, dass die gegenwärtigen Verhältnisse zu unerwünschten und zumeist auch ungerechten Ergebnissen führen. Er geht also bewusst von einer Bewertung aus, wer verändern will, unterstellt stilschweigend, dass die geltenden Verhältnisse unbefriedigend sind.

 

Dies gilt zunächst einmal nur für den Politiker, nicht unbedingt für den Lehrer der Wirtschaftspolitik. Für ihn ist das Verhalten der Politiker in gleicher Weise ein vorgegebenes Datum, das er genauso untersucht, wie der reine Wirtschaftstheoretiker das Verhalten der Produzenten und Konsumenten als vorgegebene Tatsache begreift.

 

Aber auch dann, wenn die Ziele der Politiker für den Lehrer der Wirtschaftspolitik als vorgegebenes Datum betrachtet werden, so will ja die Wirtschaftspolitiklehre sehr wohl den Politiker beraten, auf welchem Wege er denn seine Ziele realisieren kann. Es gehört sehr wohl zu den Aufgaben der Wirtschaftspolitiklehre, dass dieser Zweig der Wissenschaft die einzelnen Maßnahmen der Politiker bewertet, also z. B. darauf hinweist, dass bestimmte Maßnahmen als unerwünscht zu gelten haben, weil sie nicht geeignet sind, die erstrebten Ziele zu erreichen.

 

Bei genauerem Hinsehen finden im Rahmen dieser Disziplin sogar auch Bewertungen einzelner Ziele der Wirtschaftspolitik statt. Nehmen wir das Beispiel des Zieles der Geldwertstabilität. Das Festhalten am Ziel der Geldwertstabilität wird für notwendig erachtet und Maßnahmen, welche dieses Ziel verletzen, werden als gefährlich bewertet.

 

Wenn wir uns die Frage stellen, warum denn der wohl größte Teil der Wirtschaftspolitiklehrer das bewusste Ansteuern einer Inflation (und damit Aufgabe des Zieles der Geldwertstabilität) als unerwünscht bewertet, so stoßen wir z. B. auf die Feststellung der Neoliberalen, dass das wirtschaftliche Wachstum bei Inflation gefährdet sei oder dass eine Inflation die Ausrichtung der Produktion an den Konsumentenwünschen gefährde, da mit dem Anstieg des Preisniveaus gleichzeitig – zumindest vorübergehend – auch die Preisrelationen verzerrt werden und somit nicht mehr die Knappheitsverhältnisse korrekt wiedergeben.

 

Bei einer solchen Betrachtung wird jedoch die Geldwertstabilität gar nicht so sehr als ein Ziel, sondern als ein Mittel betrachtet. Es wird nichts darüber ausgesagt, ob das Ziel der Geldwertstabilität um seiner Selbstwillen verfolgt wird, also einen Eigenwert besitzt, es wird nur festgestellt, dass Geldwertstabilität gefordert wird, um nicht übergeordnete Ziele zu gefährden. Und eine solche Betrachtungsweise unterscheidet sich in Nichts von der von Keynes aufgestellten Behauptung, dass zur Erreichung von Vollbeschäftigung defizitär finanzierte Ausgabensteigerungen des Staates notwendig seien.

 

Natürlich kann man sich fragen, warum denn überhaupt im Zusammenhang mit der Geldwertstabilität von Zielen gesprochen wird, obwohl Geldwertstabilität offensichtlich nur deshalb angestrebt wir, weil von einer Inflation unerwünschte Wirkungen auf andere, übergeordnete Ziele ausgehen.

 

Dass in der Öffentlichkeit im Zusammenhang mit der Geldwertstabilität trotzdem nicht von einem Mittel, sondern von einem Ziel gesprochen wird, hängt damit zusammen, dass die Notenbank, welcher die Aufgabe der Geldwertstabilität aufgetragen wurde, gar nicht in der Lage ist, das Preisniveau als solches festzulegen. Sie kann nur indirekt auf das Preisniveau dadurch Einfluss nehmen, dass sie entweder die Mengen der Banknoten oder den Zinssatz, zu dem sie Privatbanken Kredite gewährt, verändert.

 

Damit wir aber von einem Mittel sprechen können, das die Notenbank einsetzt, muss gewährleistet sein, dass die Notenbank auch unmittelbaren Zugriff auf die als Mittel bezeichnete Variable hat. Da dies nicht der Fall ist, da das Preisniveau also nur indirekt beeinflusst werden kann, spricht man hier von einem Ziel der Geldwertstabilität, obwohl diesem Ziel kein Eigenwert zuerkannt wird, wie dies bei anderen Zielen normaler Weise der Fall ist.

 

Obwohl also vordergründig die Wirtschaftspolitiklehre die Maßnahmen der Politiker bewertet und Ratschläge erteilt, wie bestimmte Ziele erreicht werden können, kann man den Gegenstand dieser Disziplin dennoch als positiv und erklärend einstufen. Wie wir weiter oben gesehen haben, lassen sich nämlich die Ziel-Mittelrelationen soziotechnisch aus dem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang der Wirtschaftstheorie ableiten. Noch einmal: Es liegt der gleiche Sachverhalt vor, wenn der Wirtschaftstheoretiker die Veränderung in der Beschäftigung auf eine Veränderung in der Nachfrage nach Gütern zurückführt und wenn in der Wirtschaftspolitiklehre festgestellt wird, dass zu einer Steigerung der Beschäftigung ein Anstieg in der Güternachfrage notwendig ist. Zur Realisierung eines Zieles bedarf es eines bestimmten Mittels und mit dieser Feststellung wird kein bischen mehr ausgesagt als bereits in der Wirtschaftstheorie über diesen Zusammenhang dargelegt wurde.

 

Wenn dem aber so ist, muss auch die Lehre der Wirtschaftspolitik als eine Disziplin bezeichnet werden, welche sich auf erklärende, nicht normative Aussagen beschränkt. Es hat nur äußerlich den Anschein, als ob die Empfehlung eines Mittels zur Erreichung eines Zieles eine Bewertung darstellt. Es wird im Zusammenhang mit einem keynesianischen Beschäftigungsprogramm das Defizit im Staatsbudget nicht als ein Wert an und für sich angesehen, zu dieser Frage wird überhaupt keine Stellungsnahme abgegeben. Es wird lediglich festgestellt, dass dann, wenn man das Ziel einer Verringerung der Arbeitslosigkeit verfolgt, man dieses Ziel dadurch erreicht, dass der Staat seine Ausgaben defizitär finanziert.

 

Aber spielt bei der politischen Beratung nicht doch eine Bewertung im Hintergrund eine Rolle? Wird man von einem verantwortungsvollen Wissenschaftler nicht verlangen können, dass er nur Politiker berät, welche seinen eigenen Wertvorstellungen entsprechend handeln? Und kommen nicht auf diese Weise doch letzten Endes Bewertungen ins Spiel?

 

Wir werden im nächsten Kapitel, das sich mit dem Methodenstreit in der Wirtschaftswissenschaft befasst, sehen, dass auch eine positive, erklärende Wissenschaft durchaus Bewertungen vornimmt und dass sich die Forderung Max Webers nach einer wertfreien Wissenschaft nur auf ganz bestimmte Bewertungen bezieht. Ganz generell wird man auch dann, wenn man aus Gewissensgründen die Beratung von Diktatoren ablehnt, innerhalb der alltäglichen Auseinandersetzung der Parteien genügend Raum für eine wertfreie Beratung finden können.

 

Im Hinblick auf die Wohlfahrtstheorie hat es ganz im Gegensatz zur Lehre der Wirtschaftspolitik auf den ersten Blick den Anschein, als verstehe sich die Wohlfahrtstheorie genauso wie die Wirtschaftstheorie als eine explikative Disziplin. Die Wohlfahrtstheorie setzt sich die Aufgabe, die Bestimmungsgründe der Wohlfahrt einer Bevölkerung zu ergründen. Es hat den Anschein, dass hier formal gesehen genauso vorgegangen wird wie z. B. in der Wachstumstheorie, in welcher nach den Bestimmungsgründen des wirtschaftlichen Wachstums geforscht wird.

 

Trotzdem besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Wissensdisziplinen. Wenn der Wachstumstheoretiker die Frage untersucht, auf welche Ursachen ein rapides Wachstum oder auch das plötzliche Ausbleiben eines Wachstums zurückzuführen ist, nimmt er in keiner Weise zu der Frage Stellung, wie denn dieser Wandel zu beurteilen ist. Wenn jedoch andererseits der Wohlfahrtstheoretiker nachzuweisen versucht, dass gerade in einer Marktwirtschaft die besten Voraussetzungen für eine Optimierung der Gesamtwohlfahrt erfüllt sind, ist mit dieser Feststellung immer auch eine Bewertung verbunden, man will mit dieser Aussage zum Ausdruck bringen, dass von einer marktwirtschaftlichen Regelung positiv zu beurteilende Wirkungen ausgehen.

 

Geht man nun von der von Max Weber formulierten Forderung nach einer wertfreien Wissenschaft aus, so fragt es sich, ob die Beschäftigung mit Wohlfahrtsproblemen überhaupt vereinbar ist mit den allgemeinen Grundsätzen wissenschaftlicher Arbeit. Wir werden im nächsten Kapitel aufzeigen, wie die traditionelle Wohlfahrtstheorie diesen Widerspruch zu lösen versucht. An dieser Stelle wollen wir uns darauf beschränken, dass sich die Wohlfahrtstheorie sicherlich sehr viel weniger jeglicher Bewertung enthält als dies von der reinen Wirtschaftstheorie und auch von der Lehre der Wirtschaftspolitik gesagt werden kann.

 

 

5. Die Fragestellung der Ordnungstheorie

 

Wiederum eine andere Betrachtungsweise begegnet uns in der Ordnungstheorie. Während die Alltagspolitik einzelne, konkrete Ziele verfolgt und insbesondere der Beseitigung von Missständen dient, gilt die Ordnungspolitik der Koordination der Einzelinteressen und einzelner Handlungen. Die modernen Gesellschaftssysteme zeichnen sich dadurch aus, dass arbeitsteilig gehandelt wird und dass sich die einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft spezialisieren. Hier gilt es die Rechte und Pflichten jedes Einzelnen festzulegen. Welche Aufgaben hat jeder Einzelne und welche Aufgaben kommen dem Staat zu.

 

Einer Koordination der Einzelinteressen bedarf es insbesondere in einer Marktwirtschaft. Hier erfolgt die Produktion ja nicht nach einem zentralen Plan, sondern ergibt sich aus den tausend und abertausend Einzelentscheidungen sowohl der Unternehmer wie auch der privaten Haushalte.

 

Es wäre jedoch falsch zu meinen, dass es nur in einem marktwirtschaftlichen Gesellschaftssystem der Koordination bedarf, Koordination ist in jedem größeren System notwendig, auch in der sogenannten Zentralverwaltungswirtschaft, in welcher die Lenkung der Produktion nach einem zentralen Plan erfolgt. Da aber der Diktator niemals in der Lage ist, die Aufstellung des Zentralplans, die Aufteilung der einzelnen Aufgaben auf die einzelnen Individuen sowie die Kontrolle darüber, ob auch wirklich jeder Einzelne seinen Verpflichtungen nachkommt, durchzuführen, bedarf der Diktator an der Spitze der Zentralverwaltungswirtschaft eines großen Heeres von Beamten und Bürokraten, welche die Wirtschaft lenken. Der Regierungschef oder Vorsteher dieser Behörde beschränkt sich dann im Wesentlichen nur auf die Festlegung einiger grundlegender Grundsatzentscheidungen.

 

Jede Ordnung ist ein Regelwerk, während im Grundsatz die Maßnahmen der Alltagspolitik aus Einzelentscheidungen bestehen. Im Einzelnen sind allerdings die Übergänge fließend, wenn man will, stellt aus der Sicht des einzelnen Bürgers jedes Gesetz eine Ordnung dar, welche auf der einen Seite die einzelnen Handlungen der Bürger, welche immer wieder auftreten, regelt und gleichzeitig nahezu immer für eine Vielzahl von Personen – dem Prinzip nach für alle Bürger – verpflichtend ist.

 

Es ist der große Fehler der traditionellen Lehre von der Zentralverwaltungswirtschaft, dass dieses Koordinationsbedürfnis nicht gesehen wurde, dass so getan wurde, als ob es in staatlichen Planwirtschaften nur den Willen des politischen Führers gebe, als ob sich alle Bürokraten hundertprozentig dem Willen des Diktators beugen.

 

Gerade weil sich die staatliche Planwirtschaft dadurch auszeichnet, dass alles von oben geregelt wird und dass dem einzelnen Bürger nur sehr wenige freie Entscheidungen zugestanden werden, ist hier die Gefahr eines Missbrauches sehr viel größer als in einer freien Marktwirtschaft. In einer Marktwirtschaft bedarf es hierbei vor allem deshalb einer geringeren Kontrolle, weil ja jeder Einzelne im Prinzip genau das tun soll, das auch in seinem eigenen Interesse liegt.

 

Eine Ordnung legt die obersten Werte fest, die es innerhalb einer Gemeinschaft zu wahren gilt und sorgt über eine Vielzahl von Anreizsystemen dafür, dass die einzelnen Bürger wie auch die Staatsbeamten und Politiker nicht gegen diese Werte verstoßen. Wie bereits weiter oben angedeutet dient eine Ordnung vor allem dazu, um die Freiheitsrechte eines Jeden gegeneinander abzugrenzen. Die Freiheit des Anderen ist stets der größte Feind der eigenen Freiheit.

 

Und es reicht deshalb nicht aus, wie der ältere Liberalismus unterstellt hat, durch einen einmaligen Akt die staatlichen Zwänge abzuschütteln, es bedarf vielmehr einer andauernden Überwachung darüber, dass diese Ordnung nicht wieder verlassen wird. Sowohl die Politiker wie auch die einzelnen Wirtschaftssubjekte haben ein massives Interesse daran, den Wettbewerb, der diese Freiheit garantieren soll, wiederum zu seinen Gunsten einzuschränken.

 

Diese Anreizsysteme können auf der einen Seite in positivem Sinne eine Art Belohnung für den Fall vorsehen, dass der Einzelne sich so verhält, wie es im Interesse der Gesamtheit liegt. In der Mehrzahl der Fälle bestehen jedoch diese Ordnungselemente aus negativen Anreizen, aus Abschreckungen, um zu verhindern, dass einzelne ihre Freiheit missbrauchen und Handlungen vornehmen, welche die Koordination der Einzelinteressen verhindert.

 

Genauso wie es ein verhängnisvoller Fehler war, wenn die Anhänger einer Zentralverwaltungswirtschaft von dem Irrtum ausgingen, eine staatliche Planwirtschaft bedürfe keiner Koordination, genauso wäre es falsch, wenn man unterstellen würde, in einer freien Marktwirtschaft dürfe der Einzelne alles tun, was in seinem Interesse liegt und es gäbe neben dem Wohl der einzelnen Bürger überhaupt kein übergeordnetes Gemeinwohl aller. Jedes Gesellschaftssystem bedarf einer Ordnung und das Charakteristikum einer jeden Ordnung besteht eben darin, dass in einer Ordnung festgelegt wird, was verboten ist und welche Verpflichtungen verlangt werden.

 

Das Vorhandensein von Verboten steht dem Anspruch einer freiheitlichen Ordnung nicht im Wege. Auch dann, wenn einzelne Handlungen wie etwa Raub und Mord verboten werden, bleibt in aller Regel eine Vielzahl von Alternativen, zwischen denen der Einzelne wählen kann, bestehen. Nicht die Verbote, sondern die Gebote sind der Feind der Freiheit.

 

Im Hinblick auf die Frage, ob die Ordnungstheorie eine explikative oder normative Disziplin darstellt, zeigt sich ein ambivalenter Charakter dieser Theorie. Auf der einen Seite stellen wir fest, dass sowohl der Liberalismus wie auch der wissenschaftliche Sozialismus angetreten sind, um für die Einführung und den Erhalt einer bestimmten Ordnung einzutreten. Sie beschränken sich nicht darauf, gewisse Zusammenhänge zwischen Ordnung und Verhalten und zwischen den einzelnen Ordnungselementen zu beschreiben, sondern sie verteidigen das von ihnen beschriebene und propagierte System nachdrücklich.

 

Auf der anderen Seite enthält jedoch jedes Ordnungskonzept auch eine Vielzahl von Feststellungen, welche nichts darüber aussagen, ob bestimmte Handlungen erwünscht sind und wie bestimmte Ergebnisse zu bewerten sind, sondern Feststellungen, welche Hypothesen aufstellen, die sehr wohl auf ihren Wahrheitsgehalt empirisch überprüft werden können.

 

Wenn sich z. B Adam Smith für eine freiheitliche Marktwirtschaft aussprach, in welcher der Einzelne über seine Belange selbst zu entscheiden hat, so kam Adam Smith nicht nur aufgrund einer ethischen Haltung zu dem Bekenntnis einer Marktwirtschaft. Er war auch zutiefst davon überzeugt, dass gerade der Markt wie eine unsichtbare Hand die Koordination der Einzelinteressen sehr viel besser bewerkstelligen kann als jede vom Staat ausgehende Planung. Während es jedoch im Rahmen einer empirisch ausgerichteten Wissenschaft keine Möglichkeit gibt, eindeutig nachzuweisen, wie sich Menschen zu verhalten haben und wie die Ergebnisse des Marktes zu bewerten sind, ist die Wissenschaft im Grundsatz sehr wohl in der Lage, die Gültigkeit von Wirkungszusammenhängen zu überprüfen.

 

 

6. Wirtschaftswissenschaftliche Hilfswissenschaften

 

Unsere bisherigen Überlegungen befassten sich insgesamt mit Betrachtungsweisen, welche der Wirtschaftswissenschaft im engeren Sinne zugeordnet werden. Aber mit wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Fragen befassen sich auch nichtwirtschaftswissenschaftliche Disziplinen.

 

Hier wäre als erstes die Wirtschaftsgeschichte zu erwähnen. Der Wirtschaftshistoriker befasst sich auch mit unternehmerischen oder politischen Aktivitäten. Im Gegensatz zu dem Wirtschaftstheoretiker interessiert sich der Wirtschaftshistoriker nicht so sehr um allgemeine Gesetzmäßigkeiten. Er will vielmehr das Handeln herausragender Persönlichkeiten erkunden, wie die konkreten, geschichtlichen Ereignisse und Handlungen zu erklären sind und wie diese das Gesamtgeschehen eines Landes und eines bestimmten Zeitraumes nachhaltig beeinflusst haben.

 

Seine Quellen sind deshalb auch weniger Wirtschaftstheorien, obwohl er natürlich bei der Erklärung bestimmter Handlungen die Erkenntnisse der Wirtschaftswissenschaft nicht vollkommen außer Acht lassen kann. Er bezieht sich jedoch in allererster Linie auf die literarischen Quellen, welche die Handlungen und Motive der Handelnden belegen. Wenn er über Wirkungen berichtet, dann sind es in erster Linie die Ereignisse, die sich wiederum anhand historischer Quellen belegen lassen und weniger Theorien, die darstellen, mit welchen Wirkungen eigentlich zu rechnen wäre.

 

Besonders deutlich wird dieser Unterschied in den Betrachtungsweisen zwischen Wirtschaftstheoretiker und Wirtschaftshistoriker. Wenn der Wirtschaftstheoretiker das Verhalten der Unternehmer unter Konkurrenzbedingungen untersucht, spricht er von Gewinnmaximierung. Die Unternehmer seien bestrebt, alle ihre wichtigsten Entscheidungen daran auszurichten, ob sie zu einer Steigerung oder auch zu einer Minderung der Gewinnsumme führen und die Unternehmer würden in der Regel nur solche Entscheidungen treffen, welche zu einer Steigerung der Gewinne oder zumindest nicht zu einer Reduzierung der Gewinne führen.

 

Der Wirtschaftshistoriker hingegen betreibt Motivforschung. Er untersucht, welche Motive berühmte Forscher wie z. B. Zeiss oder Nobel bewogen haben, neue technische Verfahren zu erfinden und in der Praxis anzuwenden. Hier wird nicht von Profitstreben und Geldgier gesprochen, sondern von dem Wunsch, den Menschen neue Entfaltungsmöglichkeiten zu eröffnen.

 

Auch wenn es zunächst den Anschein hat, als stünden die Thesen der Wirtschaftshistoriker in krassem Gegensatz zu den Annahmen der Wirtschaftstheoretiker und kämen die Ergebnisse der historischen Forschung somit zu einer Falsifizierung der Gewinnmaximierungshypothese, stehen in Wirklichkeit die Forschungsergebnisse beider Wissensdisziplinen gar nicht in einem eindeutigen Widerspruch zueinander. Es handelt sich vielmehr um unterschiedliche Betrachtungsweisen.

 

Der Wirtschaftstheoretiker will gar keine Motivforschung betreiben. Für die Beschreibung eines marktwirtschaftlichen Prozesses ist die Frage, aufgrund welcher Motive eine einzelne Person schließlich Unternehmer wurde, überhaupt nicht von Bedeutung. Entscheidend ist vielmehr allein, dass ein intensiver Wettbewerb unter den Unternehmern diese zwingt, alle möglichen Gewinnchancen auszunutzen. Ein Unternehmer, welcher immer wieder Gewinnmöglichkeiten verschenkt, wird sehr bald aus dem Markt gedrängt und zum Konkurs gezwungen. Die Gewinnmaximierungsthese bezieht sich somit gar nicht auf ein mögliches Motiv, sondern bezieht sich auf ein im Wettbewerb vorherrschendes Anreizsystem.

 

Ein Unternehmer muss stets damit rechnen, dass es Konkurrenten gelingt, aufgrund neuer Techniken Kosten einzusparen, dass sie deshalb auch ihre Waren zu geringeren Preisen anbieten können und dass auf diesem Wege immer mehr Kunden diejenigen Unternehmer verlassen, welche sich an diesem Wettbewerb nicht beteiligen. Herrscht intensiver Wettbewerb, dann geht es in Wirklichkeit nicht um ein bischen mehr oder weniger Gewinn, sondern um alles oder nichts. Wer nicht jede Gewinnchance ergreift, läuft Gefahr, wegen Verlusten ganz aus dem Markt auszuscheiden.

 

Wie stark die Berührungspunkte zwischen Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftswissenschaft im engeren Sinne sind, hängt auch davon ab, mit welcher wissenschaftlichen Methode der einzelne Forscher seine Studien betreibt. Die reine theoretische Methode fand sich z. B. bei Carl Menger, einem Hauptvertreter der Neoklassik, der von der Überzeugung ausging, im Rahmen der Wirtschaftswissenschaft gehe es genauso wie in der Naturwissenschaft um die Erforschung allgemeingültiger Gesetzmäßigkeiten.

 

Gustav Schmoller, das Haupt der (jüngeren) historischen Schule war hingegen davon überzeugt, dass wirtschaftliche Handlungen – wie alle Verhaltensweisen des Menschen – keinesfalls ähnlichen Gesetzmäßigkeiten wie die Naturereignisse folgen, der Mensch habe einen freien Willen, deshalb könne auch nie mit absoluter Sicherheit prognostiziert werden, wie sich die einzelnen Menschen verhalten werden. Man könne deshalb wirtschaftliches Geschehen überhaupt nicht erklären, sondern nur im Nachhinein den Versuch unternehmen, menschliches Handeln zu verstehen.

 

Hier rückt der Wirtschaftswissenschaftler in die Nähe der vom Historiker angewandten Methoden und gerade aus diesen Gründen wurde ja im Zusammenhang mit diesen Forschern von der historischen Schule gesprochen. Wir werden uns im nächsten Kapitel, in dem über den Methodenstreit in der Wirtschaftswissenschaft gesprochen wird, noch sehr ausführlich mit dieser historischen Betrachtungsweise befassen und darlegen, welche Folgen diese Vorgehensweise für den Erfolg der Wirtschaftswissenschaften hatte.

 

An zweiter Stelle der nichtwirtschaftlichen Disziplinen, welche sich mit wirtschaftlichen Gegenständen befassen, zählt das Wirtschaftsrecht. Auch der Teil der Rechtswissenschaft, der sich auf wirtschaftliche Rechte bezieht, geht im Grunde genommen von dem gleichen Studienobjekt wie die Wirtschaftswissenschaften aus.

 

Der größte Teil der staatlichen Aktivitäten muss in eine rechtliche Form gebracht werden. Dies gilt für die Gesetze, welche die Parlamente erlassen, für die Verordnungen, welche von der staatlichen Bürokratie auf der Grundlage dieser Gesetze verfügt werden und auch für die Beschüsse der Gerichte, mit denen sie Recht sprechen.

 

Gesetze und Verordnungen legen die Rechte und Pflichten sowohl der staatlichen Stellen wie auch der einzelnen Bürger einer Staatengemeinschaft fest. Wenn wir auch davon ausgehen könen, dass unter normalen Bedingungen die überwiegende Mehrzahl der Bürger die Gesetze einhalten und die staatlichen Behörden ihre vor allem in der Verfassung niedergelegten Grenzen beachten, müssen wir doch stets damit rechnen, dass Recht auch einmal gebrochen wird, auch sonst durchaus verantwortungsvolle Bürger sind nicht vollkommen und begehen bisweilen Gesetzesübertretungen.

 

In einem Rechtsstaat hat jeder Bürger, an dem Unrecht geschehen ist, das Recht, die Gerichte anzurufen und klären zu lassen, ob überhaupt eine Verletzung des Rechts vorliegt und sicherzustellen, dass ihm Recht gesprochen wird. Und immer dann, wenn Gesetzesübertretungen die allgemeine Rechtsordnung gravierend verletzen, haben die Staatsanwälte die Pflicht von Amtswegen auch dann die Gesetzesübertretungen zu verfolgen, wenn die durch Rechtsbruch verletzten Bürger keine Klage erheben.

 

Die einzelnen Gesetze und Verordnungen hängen zum Teil sehr eng miteinander zusammen, durch ein und dieselbe Handlung können bisweilen mehrere Gesetze verletzt werden. Die Gesetze dürfen sich vor allem nicht widersprechen. Dass in der Realität sehr oft überhaupt erst durch Gerichte festgestellt werden muss, ob im Einzelnen Gesetze übertreten wurden und gegebenenfalls, welche Rechte verletzt wurden, hat mehrere Gründe.

 

Mit der zunehmenden Komplexität der Gesellschaftssysteme wurde erstens auch in der Politik eine Arbeitsteilung und Spezialisierung notwendig, mit der Folge, dass die einzelnen Gesetze von unterschiedlichen Ministerien ausgearbeitet werden, auch in den Parlamenten spezialisieren sich die Parlamentarier mit der Folge, dass der Gesamtüberblick bisweilen verloren geht und die Gefahr besteht, dass sich die Gesetze teilweise widersprechen.

 

Zweitens sind die meisten staatlichen Gebilde Teil übergeordneter Gemeinschaften. Die Gemeinden ordnen sich in der Bundesrepublik den Bundesländern, diese dem Bund, dieser wiederum der Europäischen Gemeinschaft unter. Schließlich sind alle Staaten Mitglied der UNO, also der Weltgemeinschaft. Hier muss mit der Gefahr gerechnet werden, dass sich unter- und übergeordnete Gesetzgebungswerke aus Unkenntnis teilweise widersprechen. So sieht z. B.  die Verfassung des Bundeslandes Hessen ausdrücklich das Verbot einer Aussperrung vor, während das Grundgesetz zumindest nach Auffassung der meisten Arbeitsrechtler durchaus Aussperrungen in begrenzten Maße zulässt. Hier ist also zu klären, ob das Grundgesetz im Zweifel vorgeht oder ob das Landesrecht in jedem Falle gewahrt werden muss.

 

Drittens trägt natürlich auch die zunehmende Komplexität der in den Gesetzen zu regelnden Tatbestände dazu bei, dass in den Gesetzen sehr wohl wichtige reale Sachverhalte übersehen werden. Dies gilt vor allem deshalb, weil wir in einer offenen Gesellschaft leben, in der sich permanent Änderungen ergeben, sodass bei der Abfassung der einzelnen Gesetze keinesfalls immer, noch nicht einmal in der Mehrzahl der Fälle auf bekannte und bereits erprobte Regelmäßigkeiten zurückgegriffen werden kann.

 

Die Hauptaufgabe der Rechtswissenschaft besteht deshalb auch darin, darauf zu achten, dass die einzelnen Gesetze ein widerspruchfreies Gesamtsystem ergeben, dass sich also die einzelnen Gesetze in den durch die Verfassung vorgezeichneten Rahmen einfügen und sich nicht gegenseitig widersprechen. Die Aufgabe der Rechtssprechung hingegen besteht darin, zu überprüfen, inwieweit denn im Einzelnen geltendes Recht verletzt wurde, welche Gesetze hierbei anzuwenden sind und welche Maßnahmen im Einzelfall zur Wiederherstellung des Rechts notwendig werden.

 

Da wie gesagt die meisten vom Staat durchgeführten Mittel in der Form von Gesetzen und Verordnungen durchgeführt werden, gehen Wirtschaftswissenschaft wie auch die Rechtswissenschaft, soweit sie sich mit dem Wirtschaftsrecht befasst, vom gleichen Studienobjekt aus. So befasst sich z. B. die Lehre von der Wirtschafts- und Sozialpolitik mit der Sozialversicherung, welche in einem eigenen Gesetzgebungswerk geregelt ist.

 

Die Betrachtungsweise beider Wissensdisziplinen ist allerdings unterschiedlich. Im Rahmen der Wirtschafts- und Sozialpolitik geht es wie gezeigt um die Frage, ob die angestrebten Mittel geeignet sind, die Ziele, um derentwillen diese Gesetze erlassen werden, auch tatsächlich zu realisieren und mit welchen negativen Nebenwirkungen auf andere Ziele der Politik gerechnet werden muss.

 

Der Jurist hingegen hat zu überprüfen, ob bei der Abfassung des hierzu notwendigen Gesetzgebungswerkes auch die übergeordneten Gesetze, allen voran die im Grundgesetz festgelegten Begrenzungen eingehalten wurden. Hierbei hat der Rechtswissenschaftler vor allem zu überprüfen, ob das betreffende Gesetz auch die Gleichheit vor dem Gesetz einhält und ob nicht unter Umständen die Rechtssicherheit verletzt wird. Besteht nämlich Uneinigkeit darüber, wie bestimmte Rechtstatbestände auszulegen sind, entsteht auf der einen Seite die Gefahr, dass gleichgelagerte Rechtsfälle von unterschiedlichen Gerichten unterschiedlich entschieden werden und somit der Grundsatz der Rechtsgleichheit verletzt wird und auf der anderen Seite entsteht gerade wegen der Ungewissheit, wie denn einzelne Gesetze auszulegen sind, eine zusätzliche Unsicherheit bei den einzelnen Wirtschaftssubjekten, welche sich in einer Zunahme der mit der Produktion entstehenden Kosten und einer Abnahme der Produktivität äußert.

 

Obwohl also die Betrachtungsweisen der Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler unterschiedlich sind, bedürfen beide auch des Wissens der jeweils anderen Disziplin. Bei der Überprüfung der Frage, ob eine bestimmte, gerichtlich zu überprüfende Handlung einem Gesetz widerspricht, muss auch die Frage geklärt werden, ob durch diese Handlung die Zielsetzung des Gesetzen verletzt wurde. Jedes Wirtschaftsgesetz hat jedoch zum Inhalt, in der Realität eine ganz bestimmte Wirkung zu erzielen und wenn offensichtlich diese Wirkung eben durch bestimmte Handlungen verhindert wird, muss diese Erkenntnis auch bei der rechtlichen Überprüfung mitberücksichtigt werden.

 

Andererseits hat jedoch auch der Lehrer der Wirtschaftspolitik bei seinen Empfehlungen an die Politik zu berücksichtigen, dass bestimmte Maßnahmen, welche vielleicht als von der Sache her als richtig und erwünscht angesehen werden, trotzdem nicht realisiert werden können und dürfen, da ein Gesetz diese Maßnahmen verbietet.

 

Ein überzeugter Anhänger der keynesianischen Lehre mag noch so davon überzeugt sein, dass das Ziel der Vollbeschäftigung ein hohes Defizit im Staatsbudget voraussetzt; wenn die geltende Verfassung eine neue Staatsverschuldung ausdrücklich verbietet, hat auch der Wirtschaftswissenschaftler bei seinen politischen Beratungen diese Grenzen zu respektieren. Er kann zwar daraufhinweisen, dass dieser Teil des Grundgesetzes wirtschaftlichen Notwendigkeiten widerspricht, er kann sich auch dafür einsetzen, dass nach den im Grundgesetz vorgesehenen Regeln dieser Paragraph der Verfassung geändert wird. Solange aber eine solche Verfassungsänderung nicht erfolgt ist, müssen diese Begrenzungen auch für den Wirtschaftswissenschaftler beachtet werden.

 

An dritter Stelle der für unsere Fragestellung relevanten Nichtwirtschaftswissenschaften sei die Wirtschaftsethik und Wirtschaftsphilosophie erwähnt. Im Grundsatz unterscheiden sich Wirtschaftsethik und Wirtschaftsphilosophie von den Wirtschaftswissenschaften im engeren Sinne dadurch, dass sich die Wirtschaftswissenschaft als eine positive, die wirtschaftlichen Ereignisse erklärende Disziplin versteht, während die Wirtschaftsethik normative Probleme untersucht.

 

Nun hatten wir allerdings gesehen, dass einige Teile der engeren Wirtschaftswissenschaften sehr wohl auch normative Aussagen treffen und dies gilt insbesondere für die Wohlfahrtstheorie sowie für die Ordnungstheorie. Beide Disziplinen beschränken sich, wie bereits angedeutet, nicht auf die Klärung von Sachverhalten, sondern bewerten darüber hinaus sehr wohl die geschilderten Wirtschaftssysteme.

 

Und da sich nun einmal Wertvorstellungen nicht empirisch rechtfertigen lassen, geht die Wirtschaftsethik stets von metaphysischen Grundlagen aus. Man mag noch so sehr feststellen, dass Menschen ethische Normen immer wieder brechen, aus dieser Tatsache allein lässt sich niemals ableiten, dass diese Normen deshalb aufgegeben werden sollen und keinen Wert mehr besitzen.

 

Umgekehrt kann auch aus der Feststellung, dass Menschen in der Mehrzahl egoistisch handeln, nicht bereits abgeleitet werden, dass deshalb diese Verhaltensweisen auch im ethischen Sinne gut sind. So kann auch festgestellt werden, dass der Liberalismus zwar die freie Entscheidung der Mitglieder einer Volksgemeinschaft als solche hoch einschätzt, die wichtigste Aktivität des Liberalismus liegt jedoch darin, dass Liberale auch nachzuweisen versuchen, dass freiheitliche Gesellschaftssysteme die Wohlfahrt der Menschen sehr viel besser erreichen als noch so – sich meritorisch gebende – Diktatoren.

 

Gerade aus diesen letzten Gründen kann man einen Unterscheid zwischen der Wirtschaftsethik und den Teilen der Wirtschaftswissenschaften, welche normative Aussagen treffen, auch drittens darin sehen, dass sich die Wirtschaftsethik in erster Linie darum bemüht, die letztlichen, wissenschaftlich eben gerade nicht mehr nachweisbaren Grundmaximen herauszuarbeiten, während umgekehrt Wohlfahrtstheorie sowie Ordnungstheorie diese letztlichen Maximen als gegeben, nicht weiter auf dem Boden der empirischen Wissenschaften begründbar ansehen und sich deshalb auf die Frage konzentrieren, welche bewerteten Schlussfolgerungen denn aus diesen Maximen für die wirtschaftlichen Aufgaben gezogen werden können.

 

Viertens befassen sich Wirtschaftssoziologie sowie Wirtschaftspsychologie ebenfalls mit wirtschaftlichen Gesellschaftssystemen sowie wirtschaftlichen Handlungsweisen. Diese beiden Disziplinen befassen sich somit vordergründig mit dem gleichen Studienobjekt wie die Wirtschaftswissenschaften im engeren Sinne. Wirtschaftstheorie wie Wirtschaftssoziologe analysieren z. B. die marktwirtschaftlichen Gesellschaftssysteme und untersuchen die im wirtschaftlichen Alltag feststellbaren Gesetzmäßigkeiten. In gleicher Weise gilt, dass auch gerade der mikroökonomische Teil der Wirtschaftstheorie (also die Haushaltstheorie sowie die Unternehmungstheorie) das Studienobjekt, nämlich die wirtschaftlichen Verhaltensweisen innerhalb der privaten Haushalte und Unternehmungen gemeinsam mit der Wirtschaftspsychologie hat.

 

Der Unterschied zwischen wirtschaftstheoretischer und soziologischer Betrachtungsweise liegt darin, dass der Wirtschaftstheoretiker das wirtschaftliche Gesellschaftssysteme stets daraufhin analysiert, inwieweit die wirtschaftlichen Grundaufgaben der Bewältigung der Knappheit in den materiellen Ressourcen erfüllt werden und worin die Ursachen liegen, wenn in der Realität die wirtschaftlichen Gesellschaftssysteme immer wieder versagen. Der Soziologe hingegen befasst sich vorrangig mit Fragen, auf welchem Wege denn die verschiedenen Wirtschaftssysteme gesellschaftliches Leben organisieren und inwieweit sich diese wirtschaftlich ausgerichteten Subsysteme von den anderen, vor allem von den politischen sowie kulturellen Subsysteme unserer Gesellschaft unterscheiden.

 

Eine ähnliche Arbeitsteilung könnte man für Wirtschaftstheorie auf der einen und Wirtschaftspsychologie auf der anderen Seite vermuten. Und eine solche Arbeitsteilung liegt nahe, wenn man von dem Datenkranz im Rahmen der von Walter Eucken entwickelten Grundfragen der Wirtschaft ausgeht. Dort führt Walter Eucken alles wirtschaftliche Handeln der Konsumenten und Produzenten auf sechs vorgegebene Tatbestände zurück, welche für die einzelnen Handelnden vorgegebene Größen, eben in diesem Sinne Daten darstellen, welche zwar maßgeblich das Verhalten der wirtschaftenden Personen bestimmen, welche aber – zumindest in kurzfristiger Sicht, also in der jeweiligen Periode – selbst nicht mehr verändert werden können.

 

Zu diesen 6 Daten zählt Walter Eucken die drei Produktionsfaktoren: Boden bzw. Natur, Arbeit sowie Kapital, weiterhin die Bedürfnisse sowie die angewandte Produktionstechnik und schließlich die vom Staat gesetzte Ordnung.

 

Bei einer solchen Betrachtungsweise liegt es nahe, diese sechs Daten der wirtschaftenden Individuen gleichzeitig auch als Daten der wissenschaftlichen Analysen zu nehmen. Dies würde für das hier vorliegende Problem bedeuten, dass die Bedarfsstruktur der einzelnen wirtschaftenden Individuen für den Wirtschaftstheoretiker als vorgegebenes Datum anzusehen sei und dass es nicht Aufgabe des Wirtschaftstheoretikers sei, die in der Bedarfsstruktur auftretenden Gesetzmäßigkeiten selbst zu untersuchen. Die Bestimmungsgründe für die von den Konsumenten geäußerten Bedürfnisse würden vielmehr von der Wirtschaftspsychologie erforscht und den Wirtschaftstheoretikern zur Verfügung gestellt.

 

Der Wirtschaftstheoretiker habe dann von der Bedarfsstruktur der Individuen auszugehen und in einem Denkmodell aufzuzeigen, welche logischen Folgerungen aus den von den Psychologen erforschten Bedürfnissen schließlich für den Verlauf der Preise und Gütermengen zu ziehen seien. In gleicher Weise beschränke sich der Wirtschaftstheoretiker darauf, die Entwicklung in der angewandten Technik nicht selbst zu untersuchen und die Frage nach den Bestimmungsgründen der angewandten Technik den technischen Wissenschaften zu überlassen.

 

Eine solche Arbeitsteilung zwischen den einzelnen Wissensdisziplinen ist jedoch äußerst unzweckmäßig, da sie im Grunde genommen die wissenschaftliche Analyse äußerst behindert. Sie wurde deshalb auch von Hans Albert als Modellplatonismus angeprangert.

 

Eine solche Vorgehensweise hat ja zur Folge, dass kein Wirtschaftstheoretiker zu den konkreten Fragen an die Wissenschaft abschließend Stellung nehmen kann. Er kann ja nur darauf hinweisen, dass dann, wenn von einer bestimmten Bedarfsstruktur (oder auch Technik) ausgegangen werden kann, die von ihm gezogenen Schlussfolgerungen zu erwarten sind. Ob die Annahmen über Bedarfsstruktur und Technik der Wirklichkeit tatsächlich entsprechen, dazu kann in diesem Falle der Wirtschaftstheoretiker nichts Endgültiges sagen, er muss darauf hinweisen, dass diese Frage ja Gegenstand einer anderen Wissenschaft (der Psychologie in unserm Beispiel) ist und seine Aussagen beschränken sich darauf, dass wenn Bedarfsstruktur und Technik die unterstellten Eigenschaften aufweisen, dass dann auch ganz bestimmte Ergebnisse für den Verlauf der Gütermengen und Güterpreise unterstellt werden kann.

 

Eine solche Arbeitsteilung ist dann deshalb unbefriedigend, weil nämlich der Psychologe oder auch Technologe gar nicht daran denkt, als Hilfswissenschaft für die Wirtschaftstheorie zu fungieren und die Handlungen der Konsumenten bzw. die Entwicklung in den Techniken daraufhin zu untersuchen, ob sie sich so entwickeln, wie es für einen Erfolg des wirtschaftlichen Subsystems notwendig ist.

 

Dies bedeutet aber notwendiger Weise, dass gar keine systematische empirische Überprüfung der in der Wirtschaftstheorie entwickelten Hypothesen möglich wird. Damit wird jedoch die Aufgabe einer jeden Wirtschaftswissenschaft in Frage gestellt. Die Wirtschaftstheorie gelangt wie jede Wissenschaft, welche empirische Sachverhalte analysieren will, nur dadurch zu Erkenntnissen, dass sie in einem ersten Schritt aufgrund gewisser empirischer Beobachtungen vorsichtige Hypothesen formuliert, welche dann in einem zweiten Schritt empirisch überprüft werden müssen.

 

Es wird also dann anhand mehrerer Untersuchungen der Versuch unternommen, diese Hypothesen dadurch zu falsifizieren, dass Fälle gefunden werden, in denen diese Hypothese nicht bestätigt werden kann. Erst dann, wenn es trotz wiederholter Versuche nicht gelungen ist, diese Hypothesen zu widerlegen, kann man von einer vorläufigen Bestätigung sprechen, die Hypothese wird zur akzeptierten Theorie. Aber auch in diesem Falle kann man nur von einer vorläufig verifizierten Theorie sprechen, wir müssen stets damit rechnen, dass wir in keinem Zeitpunkt über ein vollkommenes Wissen verfügen, wir müssen immer damit rechnen, dass die gefundenen Resultate nur deshalb zutreffen, weil bestimmte noch unbekannte Bestimmungsgründe vorlagen, welche in einer offenen und sich permanent verändernden Umwelt in Zukunft unter Umständen nicht mehr gegeben sein werden.

 

In Anbetracht dieser Zusammenhänge ist es sehr viel zweckmäßiger, wenn jede Wissenschaft ihre Forschungen erst dann beendet, wenn die formulierten Hypothesen auch empirisch auf ihre Gültigkeit hin überprüft sind, nur die Wissenschaft, welche diese Hypothesen formuliert hat, hat auch das Interesse und die Befähigung, die Gültigkeit dieser Hypothesen zu untersuchen.

 

In diesem Sinne ist es also nicht zweckmäßig, dass der Wirtschaftstheoretiker darauf vertraut, dass der Psychologe ihm die Hypothesen liefert, die zur Beantwortung der wirtschaftstheoretischen Fragen benötigt werden. Die Aufgabe der Überprüfung der einzelnen Hypothesen muss vielmehr aus der Wirtschaftswissenschaft selbst kommen, nur sie hat eine Interesse gerade an den von ihr formulierten Hypothesen.

 

Diese Schlussfolgerung bedeuten allerdings nicht, dass stets ein- und dieselbe Person als Wirtschaftstheoretiker Hypothesen formuliert und sie auch empirisch testet. Es ist vielmehr zweckmäßiger, dass Hypothesenbildung sowie Hypothesenüberprüfung von unterschiedlichen Personen vorgenommen wird. Der Theoretiker hat ja ein massives Interesse daran, dass seine Hypothesen bestätigt werden und im Falle einer Selbstbestätigung bestünde die Gefahr, dass die Ergebnisse manipuliert werden, dass also nur solche Fälle empirisch überprüft oder bekannt gegeben werden, die zu einer Bestätigung führen.

 

Die Konkurrenz zwischen Theoretiker und Empiriker führt jedoch automatisch dazu, dass der Empiriker sehr wohl ein Interesse daran hat, dass Hypothesen widerlegt werden. Die Gefahr der Manipulation ist also bei dieser Arbeitsteilung wesentlich geringer. Aber es gibt eben auch eine Arbeitsteilung zwischen den Empirikern, welche sich mit wirtschaftstheoretischen und solchen, welche sich mit psychologische Hypothesen beschäftigen.

 

Fünftens befasst sich auch die Wirtschaftsgeographie mit wirtschaftlich relevanten Fragestellungen. Der Wirtschaftsgeograph untersucht vor allem die Frage, in welchen Wirtschaftsräumen bestimmte materielle Ressourcen vorkommen, wie die verschiedenen Arbeitsqualitäten räumlich verteilt sind und auf welche Bestimmungsgründe Ballungsgebiete der Produktion und des Konsums zurückzuführen sind.

 

Nun mag es zunächst von geringerer Bedeutung sein, wie die Rohstofflager räumlich verteilt sind oder in welchen Wirtschaftsräumen besonders ausgebildete Facharbeitskräfte angesiedelt sind. Für das Wachstumsniveau und für die zukünftigen Entwicklungschancen einer Volkswirtschaft ist in erster Linie von Bedeutung, über wie viel Energiequellen oder andere Rohstoffe ein Land verfügt und wie es mit dem Bildungsstand seiner Arbeitskräfte im Vergleich zu anderen Ländern steht.

 

Wenn wir uns aber über die Verteilung der materiellen Ressourcen über die nationalen Grenzen hinweg interessieren, gewinnt die räumliche Verteilung der Produktionsfaktoren eine entscheidende Bedeutung. Denn ohne Rohstoffe lassen sich auch nur wenige Güter (vorwiegend nur Dienstleistungen) erstellen. In diesem Falle müssen also die fehlenden Rohstoffe importiert werden. Die Importe müssen mit Devisen bezahlt werden, welche im Allgemeinen nur dann erzielt werden, wenn in gleichem Wert Güter exportiert werden und dieser Export setzt selbst wiederum voraus, dass ein Land ohne wesentliche Rohstoffquellen über eine Industrie verfügt, in welcher qualitativ hochwertige Investitions- oder Konsumgüter produziert werden können.

 

Auch dann, wenn wir uns weniger um das Gesamtergebnis einer Volkswirtschaft interessieren, sondern nach der Verteilung der Wohlfahrt auf die einzelnen Wirtschaftsräume eines Landes fragen, spielt natürlich die Verteilung der Ressourcen eine entscheidende Bedeutung. Auch die weitere Frage, unter welchen Bedingungen sich denn ein optimaler Wirtschaftsraum entwickeln kann, kann nur bei Kenntnis der räumlichen Verteilung der Produktionsfaktoren befriedigend geklärt werden.

 

Zusammenfassung:

 

01. Die Wirtschaftstheorie versteht sich als positive Theorie, welche die wirtschaftlichen Zusammenhänge zu erklären, aber nicht zu bewerten versucht.

 

02. Die Wirtschaftstheorie fragt nach den Ursachen der wirtschaftswissenschaftlichen Problemgrößen und betrachtet die Problemgrößen als Wirkungen.

 

03. Der Begriff der Bestimmungsgründe umfasst neben den Ursachen auch die Voraussetzungen bestimmter Ereignisse.

 

04. Von funktionellen Zusammenhängen spricht man immer dann, wenn man die Frage, welche Variable die Ursache und welche andere Variable die Wirkung ist, ausklammert.

 

05. Die Wirtschaftswissenschaft bedarf sowohl der theoretischen Analyse sowie der empirischen Überprüfung dieser Hypothesen.

 

06. All-Aussagen lassen sich zwar relativ einfach falsifizieren, jedoch ist keine für alle Zeiten endgültige Verifizierung im Zusammenhang mit empirischen Sachverhalten möglich.

 

07. Im Rahmen der Wirtschaftspolitiklehre wird der Ursache Wirkungszusammenhang der Wirtschaftstheorie soziotechnisch in eine Ziel-Mittelrelation umgewandelt. Das Ziel ist die bewusst angestrebte Wirkung, das Mittel die von der Politik herbeigeführte Ursache.

 

08. Im Rahmen der Effizienzanalyse wird überprüft, ob das Mittel wirklich geeignet ist, das angestrebte Ziel zu realisieren. Im Rahmen der Analyse der Sekundärwirkungen wird überprüft, ob eine Maßnahme auch unerwünschte oder erwünschte Nebenwirkungen auf andere Ziele der Wirtschaftspolitik hat.

 

09. Die Überprüfung möglicher Sekundärwirkungen ist bedeutend schwieriger als die Effizienzanalyse, da es kein Verfahren gibt, um festzustellen, ob man bereits alle anderen Problemgrößen erkannt hat, welche von einem Mittel ausgehen. Erschwert wird die Analyse der Sekundärwirkungen darüber hinaus dadurch, dass diese Wirkungen oftmals erst Jahre oder sogar Jahrzehnte später sichtbar werden.

 

10. Die politische Ökonomik will Betrachtungsweisen, welche im Rahmen der Wirtschaftstheorie mit Erfolg angewandt wurden, nun auch auf nichtwirtschaftliche Problembereiche übertragen. Hierbei geht man von der Vorstellung aus, dass die modernen Sekundärgesellschaften (Politik, Wirtschaft und Kultur) in vielen Punkten ähnlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Sie sind alle Sekundärgesellschaften, welche sich von den Primärgruppen der Familie und der Freundschaft unterscheiden.

 

11. Obwohl die Beantwortung der Frage, inwieweit bestimmte Ordnungsformen die Wohlfahrt der Gesellschaft garantieren, immer auch eine Bewertung enthält, lässt sich die Wohlfahrtstheorie auch ohne Verletzung des Prinzips der Werturteilsfreiheit entwickeln. Die traditionelle Wohlfahrtstheorie fragt in einem ersten Schritt, welche Wertprämissen von der Bevölkerung akzeptiert werden und überprüft in einem zweiten Schritt, inwieweit einzelne Einrichtungen wie der Markt die Einhaltung dieser Werte ermöglicht.

 

12. Es ist zwischen einem Vergleich von idealtypischen und von realen Ordnungsformen zu unterscheiden. Hierbei kann nur ein Vergleich, der sich auf nur idealtypische oder nur reale Ordnungselemente bezieht, zu gültigen Aussagen führen.

 

 

Fragen zu Kapitel 1: 

 

01. Untersucht nur die Wirtschaftswissenschaft wirtschaftliche Probleme?

 

02. Worin unterscheidet sich die Wirtschaftswissenschaft von anderen Wissensdisziplinen?

 

03. Welche Frage versucht die Wirtschaftstheorie zu beantworten?

 

04. Wie unterscheidet sich die Wirtschaftstheorie von der Wirtschaftspolitiklehre?

 

05. Worin liegen Gemeinsamkeiten zwischen Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitiklehre?

 

06. Worin liegt der Unterschied zwischen der Wirtschaftstheorie und der Wohlfahrtstheorie?

 

07. Schildern Sie die Unterschiede zwischen politischer Ökonomik und Wirtschaftstheorie?

 

08. Worin bestehen Unterschiede zwischen Ordnungsanalyse und Wirtschaftstheorie?

 

 09. Warum bedarf es sowohl des Theoretikers wie auch des Empirikers?

 

10. Inwiefern bedarf auch die Wirtschaftstheorie der Wirtschaftsgeographie?

 

11. Warum ist es unzweckmäßig, den Bedarf als wirtschaftstheoretisches Datum anzusehen?

 

12. Welche Variablen bezeichnet Walter Eucken als Daten?

 

 

Antworten zu Kapitel 1:

 

01. Wirtschaftliche Probleme werden auch von Historikern, Politikwissenschaftlern, Ethikern  usw. untersucht. 

 

02. Der Wirtschaftswissenschaftler untersucht, auf welche Bestimmungsfaktoren bestimmte wirtschaftliche Problemgrößen wie Preise, Gütermengen oder Beschäftigung allgemein zurückzuführen sind. Demgegenüber untersucht der Historiker den geschichtlichen Ablauf einzelner wirtschaftlicher Ereignisse sowie deren Einfluss auf konkrete politischen Ereignisse. Der Politikwissenschaftler untersucht im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Problemen, wie Änderungen in den wirtschaftlichen Daten die Politik beeinflussen. Der Ethiker schließlich bemüht sich um allgemeine Kriterien zur moralischen Bewertung des Verhaltens der Wirtschaftssubjekte wie der Politiker.

 

03. Die Wirtschaftstheorie versucht die wirtschaftlichen Ereignisse wie vor allem die Preise der Güter und Produktionsfaktoren sowie die Mengen, bei denen ein Gleichgewicht erreicht wird, zu erklären. Diese Ereignisse werden auf die wirtschaftlichen Daten zurückgeführt, welche sowohl für die wirtschaftenden Subjekte wie auch für die Wirtschaftswissenschaft vorgegeben und zumindest kurzfristig unveränderbar sind.

 

04. Im Rahmen der Lehre von der Wirtschaftspolitik werden im Gegensatz zur Wirtschaftstheorie Problemgrößen und Daten vertauscht. Gegeben ist z. B. das Ziel, allgemeine Preissteigerungen zu vermeiden, gefragt wird nach den politischen Maßnahmen, welche eine Stabilisierung des Preisniveaus auslösen.

 

05. Gemeinsam ist der Wirtschaftstheorie sowie der Lehre von der Wirtschaftspolitik der theoretische Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Ereignissen und ihren Bestimmungsgründen.

 

06. Während die traditionelle Wirtschaftstheorie nach faktischen Zusammenhängen fragt, also einer positiven Fragestellung folgt, versucht die Wohlfahrtstheorie eine Bewertung der Ereignisse, ist also normativer Natur.

 

07. Die Politische Ökonomik überträgt die Fragestellung der Wirtschaftstheorie auf das Verhalten der Politiker. Der Zielsetzung der Gewinnmaximierung bei den Unternehmern z. B. entspricht dann die Zielsetzung der Stimmenmaximierung.

 

08. Im Rahmen der Ordnungsanalyse  wird  untersucht,  welche Wirtschaftssysteme möglich sind und wie die wirtschaftlichen Ergebnisse von der jeweiligen wirtschaftlichen Ordnung bestimmt werden.

 

09. Eine wirtschaftstheoretische Hypothese bedarf stets der empirischen Überprüfung. Erst wenn es in mehreren empirischen Untersuchungen nicht gelungen ist, die Hypothese zu widerlegen, kann von einer vorläufigen Bestätigung dieser Hypothese gesprochen werden. Da eine unendlich große Anzahl von Hypothesen denkbar ist, wäre es sehr unrationell, wollte man alle diese denkmöglichen Hypothesen daraufhin überprüfen, welche Hypothesen tatsächlich gültig sind. Es ist sehr viel rationeller, wenn zunächst im Rahmen theoretischer Modelle diejenigen Hypothesen bestimmt werden, welche aufgrund der bereits empirisch bestätigten Hypothesen als wahrscheinlich gelten.

 

10. Wirtschaftsgeographische Ergebnisse wie z. B. das Vorkommen bestimmter Rohstoffe sind insbesondere in der Außenwirtschaftstheorie von Bedeutung, da das Fehlen dieser Rohstoffe Außenhandel notwendig macht. Wenn Rohstoffe zur Produktion benötigt werden und wenn ein Land nicht selbst über diese Rohstoffe verfügt, müssen diese aus dem Ausland importiert werden. Um die hierfür notwendigen Devisen zu erzielen, muss ein Land die Güter exportieren, welche im Ausland benötigt werden.

 

11. Eine befriedigende Lösung der wirtschaftstheoretischen Probleme kann nur erwartet werden, wenn die Schlussfolgerungen der Wirtschaftstheorie empirisch überprüft werden. Wenn der Wirtschaftstheoretiker die Überprüfung seiner Thesen über die Bedürfnisse der Konsumenten den Psychologen überlässt, besteht die Gefahr, dass diese Überprüfung überhaupt nicht stattfindet, weil der Psychologe ganz andere Probleme in den Mittelpunkt seiner Wissenschaft stellt.

 

12. Walter Eucken kannte 6 Daten, welche sowohl für die wirtschaftenden Personen wie auch für den Wissenschaftler als vorgegeben zu gelten haben. Zu diesen 6 Daten zählen die drei Produktionsfaktoren Arbeit, Boden (Natur) und Kapital, weiterhin die Bedarfsstruktur der Konsumenten, die bei der Produktion angewandte Technik, sowie die vom Staat garantierte Wirtschaftsordnung. Kurzfristig kann ein Unternehmer diese Daten nicht beeinflussen, sie sind für ihn vorgegeben. Aber auch für den Wissenschaftler gilt, dass Daten im Rahmen der eigenen Wissenschaft nicht weiter untersucht werden, also wiederum als vorgegeben angesehen werden.