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Widersprüche in der Bibel

 

 

Gliederung:

 

 1. Inspiration des Hl. Geistes und Widersprüche in der Bibel

 2. Schöpfungsbericht

 3. Erbsünde, Voraussetzung für Schuld ist das Können

 4. Rächender Gott bis ins Dritte Glied- barmherziger Gott

 5. Freiheit des Menschen - Vorherbestimmung

 6. Holocaust und Allmacht Gottes

 7. Feindesliebe - Vernichtung der Feinde durch Gott

 8. Tod Jesu notwendig zur Erlösung der Menschen?

 9. Ein Gott drei Personen

                 10. Bindung Gottes an Entscheidungen der Kirchenbehörde

                 11. Gleichheit vor Gott und Patriarchalismus

                 12. Am Sabbat heilen trotz Sabbatruhe

                 13. Von Gott kein Bildnis machen - Jesusbilder

                 14. Alle Sünden werden vergeben, nicht die Sünde gegen den heiligen Geist

 

 

 

Kapitel 12. Am Sabbat heilen trotz Sabbatruhe

 

 

 

Gliederung:

 

1. Der Widerspruch

2. Das Verbot der Arbeit am Sabbat im Alten Testament

3. Das Verbot der Arbeit am Sabbat im Neuen Testament

4. Sonntag anstelle des Sabbat?

 

 

 

1. Der Widerspruch

 

In diesem Kapitel wollen wir uns mit Widersprüchen befassen, welche im Zusammenhang mit dem Sabbat entstehen. Im Grunde handelt es sich hierbei um zwei verschiedene Widersprüche. Auf der einen Seite wird die Sabbatruhe vor allem im Alten Testament als eines der wichtigsten Gebote Gottes angesehen, trotzdem berichten uns die vier Evangelien davon, dass Jesus selbst und seine Jünger das Verbot, am Sabbat zu arbeiten, zumindest auf den ersten Blick wiederholt verletzt haben. Gilt also das Gebot, am Sabbat zu ruhen nur für die Juden, nicht aber für die Christen?

 

Auf der anderen Seite feiern die Christen spätestens ab dem Zeitpunkt, in dem der römische Kaiser Konstantin der Große das Christentum zur offiziellen Staatsreligion erklärt hatte, nicht mehr den Sabbat, sondern den darauf folgenden Sonntag als offiziellen Ruhetag. Muss dies nun als Verletzung des dritten Gebotes Gottes angesehen werden oder ist der Sonntag nichts anderes als ein anderer Name für den Sabbat, sodass das Gebot der Sonntagsruhe bei den Christen dem gleichen Zweck und Sinn dient wie das Gebot der Sabbatruhe?

 

 

2. Das Verbot der Arbeit am Sabbat im Alten Testament

 

Fragen wir uns zunächst, welche Rolle dem Gebot, am Sabbat zu ruhen, im Alten Testament zukommt. Im ersten Buch Moses, der Genesis Kapitel 2 erfahren wir bereits den eigentlichen Sinn dieses Gebotes:

 

1  ‚So wurden Himmel und Erde vollendet und ihr ganzes Gefüge.

2  Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte.

3  Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.

4  Das ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurden.‘

 

Wenn also Gott den Menschen im Dekalog das Gebot verkündete, am Sabbat zu ruhen, so wird darauf zurückgegriffen, dass ja auch Gott – bildlich gesprochen – am siebten Tag nach Vollendung der Schöpfung geruht hat. Der Mensch solle genauso wie Gott nach getaner Arbeit ruhen, um hierbei dem Schöpfungswerk Gottes zu gedenken und Gott hierfür zu danken. Im Dekalog, den Moses vom Berg Sinai herabsteigend den Israeliten verkündet hat, heißt es in Kapitel 20 hierzu:

 

8  ‚Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!

9  Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun.

10 Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat.

11  Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.

 

Den Israeliten wird somit in dem Dekalog befohlen, den siebten Tag, also den Sabbat, als Ruhetag einzuhalten. Dieses Gebot gilt nicht nur für die Israeliten, sondern für alle Menschen in Israel, also auch für die Sklaven. Es reicht also nicht aus, dass die Gläubigen an diesem Tag ausruhen und dies bedeutet, dass der Sabbat zwar auch – worauf vor allem auch Jesus selbst hinweist – für den Menschen da ist, um nämlich sich nach getaner Arbeit immer wieder zu regenerieren, aber eben nicht nur zum Wohle des Menschen, sondern in aller erster Linie zur Ehre Gottes gefeiert werden soll. Denn Gott hat den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.

 

Gott will, dass am Sabbat keinerlei Arbeit verrichtet wird und dies heißt, dass auch die Fremden, welche als Sklaven von den Israeliten gehalten werden, ruhen sollen. Das ganze Leben der Menschen soll an diesem Tag zur Ruhe kommen, es reicht also nicht aus, dass die Israeliten selbst an diesem Tag ruhen und die Arbeit dann von den Nichtgläubigen verrichten lassen, nichts soll an diesem Tag an Arbeit erinnern.

 

Wenn wir diesen Gedanken weiterspinnen, fragt sich, ob dieses Gebot der Ruhe heutzutage in der modernen Welt nicht auch für die Maschinen gelten sollte. Die Arbeit, welche im Altertum und im Mittelalter von Sklaven verrichtet wurde, wird seit der Industrialisierung in immer stärkerem Maße von Maschinen und Robotern übernommen und dies bedeutet, dass auch dann, wenn am gesetzlichen Ruhetag fast nur Maschinen und Roboter tätig wären, trotzdem davon gesprochen werden müsste, dass die Menschen sich an diesem Ruhetag trotzdem vorwiegend der Arbeit widmen, die Maschinerie der Produktion würde in diesem Falle nach wie vor der Verrichtung von Arbeit gelten, also primär dem Wohle des Menschen allein gelten und nicht – ausschließlich oder zumindest vorwiegend – dem Gedenken und dem Danken an Gottes Schöpfung gewidmet sein.

 

Welche Strafen sah nun die Thora vor, wenn Israeliten am Sabbat Arbeit verrichteten? In Exodus Kapitel 13 heißt es:

 

14 ‚Darum haltet den Sabbat; denn er soll euch heilig sein. Wer ihn entweiht, soll mit dem Tod bestraft werden. Denn jeder, der an ihm eine Arbeit verrichtet, soll aus seinen Stammesgenossen ausgemerzt werden.‘

 

Und wie wurde nun das Gebot der Sabbatruhe im Einzelnen ausgelegt? In Exodus Kapitel 35 lesen wir z. B:

 

3 ‚Am Sabbat sollt ihr in keiner eurer Wohnstätten Feuer anzünden.‘

 

Die Heiligung des Sabbats verlangte dann auch, dass an diesen Tagen Gott Brandopfer dargebracht wurden. So lesen wir im 2. Buch der Chronik Kapitel 8:

 

13 ‚Auch an den Sabbaten und Neumondtagen ließ er die Opfer darbringen, die nach dem Befehl des Mose für diese Tage angeordnet waren. Das Gleiche tat er dreimal im Jahr, jeweils an den Festen, am Fest der Ungesäuerten Brote, am Wochenfest und am Laubhüttenfest.‘

 

Im Buch Nehemia Kapitel 10 heißt es dann:

 

32  ‚Wenn die Völker des Landes Waren, besonders Getreide jeder Art, am Sabbat zum Verkauf anbieten, werden wir ihnen am Sabbat oder an einem anderen heiligen Tag nichts abnehmen.‘

 

In Kapitel 13 des Buches Nehemia wird fortgefahren:

 

15 ‚Damals sah ich in Juda Leute, die am Sabbat die Kelter traten. Andere brachten Getreide ein und luden es auf Esel; auch Wein, Trauben, Feigen und Lasten aller Art brachten sie am Sabbattag nach Jerusalem. Ich verwarnte sie, weil sie an diesem Tag Lebensmittel verkauften.

16  Die Leute von Tyrus, die in Juda wohnten, brachten Fische und allerlei Waren und verkauften sie am Sabbat an die Juden, sogar in Jerusalem.

17  Da machte ich den Vornehmen von Juda Vorwürfe und sagte zu ihnen: Wie könnt ihr eine solche Untat begehen und den Sabbat entweihen?

18  Haben das nicht schon eure Väter getan? Dafür ließ unser Gott all dieses Unheil über uns und diese Stadt kommen. Wollt ihr neuen Zorn über Israel bringen, indem ihr den Sabbat entweiht?

 

Und bei Jesaja Kapitel 58 erfahren wir schließlich:

 

13 ‚Wenn du am Sabbat nicht aus dem Haus gehst und an meinem heiligen Tag keine Geschäfte machst, wenn du den Sabbat (den Tag der) Wonne nennst, einen Ehrentag den heiligen Tag des Herrn, wenn du ihn ehrst, indem du keine Gänge machst, keine Geschäfte betreibst und keine Verhandlungen führst,

14 dann wirst du am Herrn deine Wonne haben, dann lasse ich dich über die Höhen der Erde dahinfahren und das Erbe deines Vaters Jakob genießen. Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen.‘

 

Die Thora hat dann auch in Numerus Kapitel 15 klar zwischen den Fällen unterschieden, in denen die Sabbatruhe versehentlich gestört wurde und in denen mit vollem Bewusstsein und voller Absicht der Sabbat verletzt wurde:

 

22 ‚Wenn ihr aus Versehen irgendeines dieser Gebote, die der Herr dem Mose mitgeteilt hat, nicht haltet,

23  irgendetwas, was der Herr euch durch Mose befohlen hat seit dem Tag, an dem der Herr die Gebote gegeben hat, und weiterhin von Generation zu Generation,

24  dann soll, wenn das Versehen vorkam, ohne dass die Gemeinde es bemerkte, die ganze Gemeinde einen Jungstier zum Brandopfer als beruhigenden Duft für den Herrn herrichten, ferner das dazugehörende Speise– und Trankopfer, wie es Vorschrift ist, sowie einen Ziegenbock als Sündopfer.

25  Der Priester soll die ganze Gemeinde der Israeliten entsühnen, dann wird ihnen vergeben werden; denn es war ein Versehen und sie haben ihre Opfergabe als Feueropfer für den Herrn und ihr Sündopfer für ihr Versehen vor den Herrn gebracht.

26  Der ganzen Gemeinde der Israeliten und den Fremden, die bei ihnen leben, wird vergeben werden, denn das ganze Volk war von dem Versehen betroffen.

27  Wenn ein einzelner versehentlich sündigt, dann soll er eine einjährige Ziege als Sündopfer darbringen.

28  Der Priester soll die Person, die versehentlich gesündigt hat, vor dem Herrn entsühnen; dann wird ihr vergeben werden.

29  Für die einheimischen Israeliten und für die Fremden, die bei ihnen leben, gilt das gleiche Gesetz, wenn jemand etwas aus Versehen tut.

30  Wer aber, sei er einheimisch oder fremd, etwas vorsätzlich tut, der begeht eine Gotteslästerung. Ein solcher Mensch soll aus seinem Volk ausgemerzt werden;

31  denn er hat das Wort des Herrn verachtet und sein Gesetz gebrochen. Ein solcher Mensch muss ausgemerzt werden; er hat schwere Schuld auf sich geladen.

32  Als die Israeliten in der Wüste waren, entdeckten sie einmal, dass einer am Sabbat Holz sammelte.

33  Die Leute, die ihn beim Holz Sammeln angetroffen hatten, brachten ihn vor Mose und Aaron und vor die ganze Gemeinde.

34  Man sperrte ihn ein, weil noch nicht entschieden war, was mit ihm geschehen sollte.

35  Der Herr sprach zu Mose: Der Mann ist mit dem Tod zu bestrafen. Die ganze Gemeinde soll ihn draußen vor dem Lager steinigen.‘

36  Da führte die ganze Gemeinde den Mann vor das Lager hinaus und steinigte ihn zu Tod, wie der Herr es Mose befohlen hatte.

 

Und was sagte die Thora schließlich zu den Ausnahmen von diesem Verbot? Es ist klar, dass die Arbeit der Priester und Leviten im Tempel zwar im physischen Sinne auch Arbeit darstellt, aber selbstverständlich nicht unter das Verbot, am Sabbat zu arbeiten, fiel, da diese Arbeiten ja gerade zur Ehre Gottes verrichtet wurden und das Verbot der Arbeit am Sabbat eben gerade dazu erlassen wurde, damit die Israeliten an diesem Tage Gott allein die Ehre erweisen.

 

Im ersten Buch der Makkabäer 2. Kapitel erfahren wir dann, dass die Makkabäer zunächst von der Überzeugung ausgingen, das Gebot der Sabbatruhe verlange auch, dass man sich am Sabbat noch nicht einmal eines äußeren feindlichen Angriffs erwehren dürfe, dass sie sich aber dann zu der Überzeugung durchrangen, dass am Sabbat eine von außen aufgezwungene Gegenwehr durchaus erlaubt sein müsse, da sie sonst vernichtet würden und in diesem Falle die Entehrung Gottes sogar um sich greife:

 

29 ‚Damals gingen viele, die Recht und Gerechtigkeit suchten, in die Wüste hinunter, um dort zu leben.

30  Ihre Kinder und ihre Frauen und auch ihr Vieh nahmen sie mit; denn ihre Lage zu Hause war unerträglich geworden.

31  Aber man meldete den Beauftragten des Königs und der Besatzung, die in der Davidstadt von Jerusalem war: Die Leute, die die Anordnung des Königs missachtet haben, sind in die Wüste zu den Höhlen hinabgezogen.

32  Da setzte ihnen eine starke Truppe nach; als sie die Juden eingeholt hatte, stellte sie sich ihnen gegenüber auf und machte sich zum Kampf bereit. An jenem Tag war gerade Sabbat.

33  Die Soldaten riefen ihnen zu: Jetzt ist noch Zeit. Kommt heraus und tut, was der König sagt; dann bleibt ihr am Leben.

34  Die Juden antworteten: Wir gehen nicht hinaus und tun nicht, was der König sagt; wir werden den Sabbat nicht entweihen.

35  Da gingen die Soldaten sofort zum Angriff über.

36  Die Juden gaben keine Antwort mehr; sie warfen nicht einmal Steine auf sie, noch versperrten sie die Eingänge der Höhlen.

37  Denn sie sagten: Wir wollen lieber alle sterben, als schuldig werden. Himmel und Erde sind unsere Zeugen, dass ihr uns gegen jedes Recht umbringt.

38  Am Sabbat begannen die Soldaten den Kampf; so starben die Juden mit ihren Frauen und Kindern, etwa tausend Menschen, und auch ihr Vieh kam zusammen mit ihnen um.

39  Als Mattatias und seine Anhänger das erfuhren, hielten sie für die Toten eine große Trauerfeier ab.

40  Sie sagten zueinander: Wenn wir alle so handeln, wie unsere Brüder gehandelt haben, und nicht gegen die fremden Völker für unser Leben und unsere Gesetze kämpfen, dann vertilgen sie uns bald von der Erde.

41  Und sie beschlossen noch am gleichen Tag: Wenn uns jemand am Sabbat angreift, werden wir gegen ihn kämpfen, damit wir nicht alle umkommen wie unsere Brüder in den Höhlen.‘

 

 

3. Das Verbot der Arbeit am Sabbat im Neuen Testament

 

Wenn wir uns nun die Frage stellen, wie denn Jesus das Gebot der Sabbatruhe verstanden hat, müssen wir uns als erstes darüber klar werden, dass Jesus immer von den Weisungen in der Thora ausgeht, dass für ihn diese Weisungen genauso so bindend sind wie für die übrigen gläubigen Israeliten und dass er im Grunde kein Jota von dem gültigen Gesetz Gottes abweichen will. So heißt es z. B. bei Matthäus Kapitel 5:

 

17 ‚Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.

18  Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.

19  Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.‘

 

Worin bestehen aber dann die Unterschiede zwischen der Lehre Jesu und den Überzeugungen der Schriftgelehrten zur Zeit Jesu? Folgende Textstellen in Matthäus Kapitel 12 machen den Unterschied deutlich:

 

1 ‚In jener Zeit ging Jesus an einem Sabbat durch die Kornfelder. Seine Jünger hatten Hunger; sie rissen deshalb Ähren ab und aßen davon.

2  Die Pharisäer sahen es und sagten zu ihm: Sieh her, deine Jünger tun etwas, das am Sabbat verboten ist.

3  Da sagte er zu ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren  

4  wie er in das Haus Gottes ging und wie sie die heiligen Brote aßen, die weder er noch seine Begleiter, sondern nur die Priester essen durften? 

5  Oder habt ihr nicht im Gesetz gelesen, dass am Sabbat die Priester im Tempel den Sabbat entweihen, ohne sich schuldig zu machen?

6  Ich sage euch: Hier ist einer, der größer ist als der Tempel.

7  Wenn ihr begriffen hättet, was das heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, dann hättet ihr nicht Unschuldige verurteilt; 

8  denn der Menschensohn ist Herr über den Sabbat.

 

Matthäus fährt in diesem Kapitel 12 fort:

 

10  ‚Dort saß ein Mann, dessen Hand verdorrt war. Sie fragten ihn: Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen? Sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn.

11  Er antwortete: Wer von euch wird, wenn ihm am Sabbat sein Schaf in eine Grube fällt, es nicht sofort wieder herausziehen? 

12  Und wie viel mehr ist ein Mensch wert als ein Schaf! Darum ist es am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun.‘

 

Mit anderen Worten: Gutes zu tun, also z. B. einen Kranken zu heilen oder das Überleben eines Menschen zu sichern, ist immer erlaubt, da diese Handlungen in Übereinstimmung der Gebote der Nächsten- und der Gottesliebe erfolgen. So sagt Jesus nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums Kapitel 7:

 

22  ‚Mose hat euch die Beschneidung gegeben – sie stammt freilich nicht von Mose, sondern von den Vätern –, und ihr beschneidet einen Menschen auch am Sabbat.

23  Wenn ein Mensch am Sabbat die Beschneidung empfangen darf, damit das Gesetz des Mose nicht missachtet wird, warum zürnt ihr mir, weil ich am Sabbat einen Menschen als Ganzen gesund gemacht habe?

24  Urteilt nicht nach dem Augenschein, sondern urteilt gerecht!‘

 

Wir wollen also festhalten: Nach den Aussagen Jesu kommt es bei der Auslegung des Gebotes der Sabbatruhe in erster Linie darauf an, dass man nach dem Sinn dieses Gebotes fragt und dass man mit der richtigen Gesinnung handelt.

 

Zweitens gilt es sich stets des Unterschiedes eines immer gültigen Grundsatzes und der Anwendung dieses Grundsatzes in einer konkreten Situation klar zu werden. Letzten Endes kommt es immer nur auf den immer gültigen Grundsatz an. Die Lehren der Propheten und auch des Jesus Christus werden jedoch fast immer anlässlich eines konkreten Missstandes und somit als Anwendung eines Grundsatzes formuliert. Will man diesen Grundsatz also auf eine ganz andere Wirklichkeit anwenden, so muss stets überprüft werden, ob nicht gerade der eigentliche Sinn einer Vorschrift nur dadurch erreicht werden kann, wenn man entsprechend der veränderten Situation die äußere Formulierung dieses Grundsatzes ändert.

 

Drittens gilt es stets zu beachten, dass in einem konkreten Einzelfall durchaus ein Konflikt zwischen zwei Anweisungen entstehen kann, sodass dann auch der eine oder andere Grundsatz nicht voll zum Zuge kommen kann. Wenn Jesus am Sabbat einen Kranken geheilt hat, so hat er zwar äußerlich gegen das Gebot der Sabbatruhe gehandelt. Er tat dies aber, um ein menschliches Leben zu retten und hat gerade durch diese Handlung das Gebot erfüllt, menschliches Leben zu erhalten, ein Gebot, das einen noch höheren Wert einnimmt als das Gebot der vollständigen Sabbatruhe. In diesem Falle hatte ja der Heilende durchaus das getan, was Gottes oberstes Gebot ist, nämlich dem Mitmenschen zu helfen, er hätte also auch gar nicht gegen den letztlichen Sinn und Zweck dieses Gebotes verstoßen.

 

 

4. Sonntag anstelle des Sabbat?

 

Fragen wir uns zuletzt, aus welchen Gründen die christlichen Gläubigen nicht mehr den Sabbat, sondern an seiner Stelle den Sonntag als Ruhetag und Tag des Dankes an Gott feiern.

 

Das dritte Gebot spricht vom Sabbat. Der Sabbat ist ein jüdischer Feiertag. Die Christen feiern heute ihren Ruhetag am Sonntag. Fragen wir uns, wie es zu diesem Wandel gekommen ist und ob mit dem Sonntag der eigentliche Sinn des Sabbat nach wie vor erfüllt wird.

 

Der Name Sonntag bezieht sich auf die Sonne, er ist also ein Tag, welcher der Sonne gewidmet ist. Diese Benennung folgt somit einem alten germanischen Gebrauch, einer – letztlich von den alten Griechen und Römern übernommenen – Praxis, die einzelnen sieben Wochentage nach den einzelnen Planeten zu benennen. Hierbei galt ursprünglich auch die Sonne als ein Planet, von der unterstellt wurde, dass sie genau so wie z. B. der Mond um die Erde kreiste.

 

Nun müssen wir uns daran erinnern, dass die Urchristen aus dem Judentum hervorgingen und deshalb die Judenchristen zunächst den Sabbat als Ruhetag feierten. Vor allem nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahre 70 n. Chr. und unter dem Einfluss des Apostels Paulus verlagerte sich die Missionstätigkeit der frühen Christen auf die Bekehrung der Heiden, welche  keinen Bezug zum Sabbat hatten. So kam es, dass zunächst neben dem Sabbat auch der Sonntag zur Erinnerung der Auferstehung Jesu gefeiert wurde. Jesu war bekanntlich an einem Freitag gekreuzigt worden und nach der Schrift am dritten Tag danach, also am Sonntag von den Toten auferstanden.

 

In der Folge feierten die Jünger nach der Himmelfahrt Jesu jeweils am ersten Tag der Woche, am Sonntag also, das Abendmahl zum Gedenken an Jesu Auferstehung. Mit der Auferstehung Jesu begann gewissermaßen für die Jünger Jesu ein neues Leben.

 

Damit verschob sich allerdings der eigentliche Sinn des Ruhetages. Der Sabbat galt ja als Ruhetag, genau so wie Gott nach der Erschaffung der Welt bildlich gesprochen am siebten Tag geruht hatte, sollten auch die Juden nach sechswöchiger Arbeit am siebten Tag ruhen und Gott gedenken. Man beginnt jedoch nicht eigentlich die Woche mit einem Tag der Ruhe, der Ruhe bedarf es erst nach getaner Arbeit.

 

Nun gilt es allerdings zu berücksichtigen, dass ja bereits bei Moses die Verkündung der zehn Gebote mit dem Prolog ‚Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus‚ beginnt.‘ (siehe zweites Buch Moses, Kapitel 20, 1-2). Also wird auch hier bereits dem sechsten Schöpfungstag ein weiterer Zeitabschnitt hinzugefügt, der Zeitpunkt, an dem Gott das Volk Israels aus der ägyptischen Versklavung befreit hatte.

 

Den Heidenjuden war dieser Bezug fremd, da sie oder ihre Vorfahren ja nicht in der Knechtschaft Ägyptens gestanden hatten und deshalb auch nicht aus dieser Knechtschaft befreit werden mussten. Wir haben allerdings bereits gesehen, dass in einem übertragenen Sinne davon gesprochen werden kann, dass auch die Heiden vor ihrer Bekehrung zum Christentum in ihrer Sünde versklavt waren und von diesem Joch befreit werden mussten.

 

In diesem Sinne kann man auch davon sprechen, dass Gottes Schöpfungswerk erst nach Erscheinen Jesu hier auf dieser Erde und nach seinem Kreuzestod und seiner Auferstehung zu Ende geführt wurde. In diesem Sinne kann dann auch der Sonntag als eine Art letzter Tag gefeiert werden und in diesem Sinne als Tag der Ruhe nach vollbrachter Schöpfung gefeiert werden.

 

Es war dann Kaiser Konstantin der Große, welcher 321 n. Chr. verfügt hatte, den schon im Dekalog geforderten Ruhetag nicht mehr am Sabbat, sondern am darauffolgenden Sonntag zu feiern. Seither feiert die Christenheit nicht mehr den Sabbat, sondern allein den Sonntag als den im Dekalog geforderten Ruhetag als Tag des Herrn.