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Widersprüche in der Bibel

 

 

Gliederung:

 

 1. Inspiration des Hl. Geistes und Widersprüche in der Bibel

 2. Schöpfungsbericht

 3. Erbsünde, Voraussetzung für Schuld ist das Können

 4. Rächender Gott bis ins Dritte Glied- barmherziger Gott

 5. Freiheit des Menschen - Vorherbestimmung

 6. Holocaust und Allmacht Gottes

 7. Feindesliebe - Vernichtung der Feinde durch Gott

 8. Tod Jesu notwendig zur Erlösung der Menschen?

                 9. Ein Gott drei Personen

                 10. Bindung Gottes an Entscheidungen der Kirchenbehörde

                 11. Gleichheit vor Gott und Patriarchalismus

                 12. Am Sabbat heilen trotz Sabbatruhe

                 13. Von Gott kein Bildnis machen Jesusbilder

                 14. Alle Sünden werden vergeben, nicht die Sünde gegen den heiligen Geist

 

 

Kapitel 11. Gleichheit vor Gott und Patriarchalismus

 

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Gleichheit und Ungleichheit in der Bibel

3. geschlechtliche Ungleichheit zwischen Mann und Frau

4. religiöse Ungleichheit zwischen Gläubigen und Heiden

5. politische Ungleichheit zwischen Führern und Geführten

6. wirtschaftliche Ungleichheit zwischen Reich und Arm

7. soziale Ungleichheit zwischen Bürgern und Sklaven

 

 

1. Das Problem

 

Durch die gesamte Heilige Schrift, das Alte wie das Neue Testament, zieht sich ein Spanungsverhältnis zwischen Gleichheit und Ungleichheit. Auf der einen Seite erfahren wir, dass Gott die Menschen als gleiche Wesen erschaffen hat und dass wir auch aufgerufen sind, die jeweils anderen als Menschen zu achten, welche genauso Gottes Kinder sind wie wir es selbst sind.

 

Auf der anderen Seite zeigt uns jedoch die Bibel, dass de facto die Menschen bestrebt sind, sich in fast jeder Hinsicht vom andern Menschen abzuheben, etwas besseres zu sein. Man spricht z. B. davon, dass in den Zeiten, von denen die Heilige Schrift handelt, ein patriarchales System vorherrschte, der Mann hatte das Sagen und die Frau hatte sich dem Mann unterzuordnen.

 

Dieses Spannungsverhältnis setzt sich nun vom Altertum bis zur Neuzeit fort. Auch hier gilt, dass die Übernahme des christlichen Glaubens eigentlich die Gleichheit aller Menschen verlangt hätte, dass sich aber trotzdem in Wirklichkeit eine kleine Gruppe von Menschen als eine Art Übermenschen verstand und dem Rest der Bevölkerung jedes Recht, diesen gleich zu sein, entschieden absprachen und sie wie Untermenschen mit keinerlei Rechten behandelte.

 

Selbst in den modernen Rechtsstaaten, in denen die Gleichheit vor dem Gesetz in der Verfassung für jeden Bürger garantiert wird, setzt sich diese Ungleichheit fort. Die einzelnen Bürger sind in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht nach wie vor ungleich und diese Ungleichheit nimmt enorme Maße an, sodass man sie nicht lediglich als Ausdruck dafür ansehen kann, dass hier auf Erden alles Geschehen unvollkommen ist und dass ein politisches Ideal nie hundertprozentig erreicht werden kann.

 

Man könnte nun dieses Spannungsverhältnis einfach als Unterschied zwischen Anspruch und Realität verstehen. Wir haben den Anspruch, dass alle Menschen gleich sind. Da die einzelnen Menschen in ihrem Tun frei sind und dies bedeutet, da stets damit zu rechnen ist, dass die Menschen ihre Freiheit dazu benutzen, sich anders als geboten zu verhalten, wird die Realität immer mehr oder weniger von dem Ideal abweichen. Trotzdem sollte man in dem Versuch, diesem Anspruch zu genügen, nicht halt machen, sondern alle Anstrengungen unternehmen, diesem Anspruch in Zukunft besser als bisher zu entsprechen.

 

Zwischen Anspruch und Realität würde also ein Spannungsverhältnis bestehen, das als ganz normal angesehen werden muss, das eben der menschlichen und unvollkommenen Natur entspricht. Bei einer solchen Deutung hätte man jedoch das Wesentliche dieses Spannungsverhältnisses nicht richtig erfasst. Wenn wir nämlich die Texte der Heiligen Schrift genauer studieren, müssen wir feststellen, dass sehr oft das Abweichen von dieser Norm der Gleichheit gar nicht so sehr als etwas Unerwünschtes angesehen wird, das als etwas Verwerfliches gebrandmarkt werden sollte und das man deshalb mit ganzer Kraft bekämpfen sollte. Ganz im Gegenteil begegnen wir wiederholt in der Heiligen Schrift einer Einstellung, in welcher diese Abweichungen als ganz normal beurteilt werden und keinerlei Anstrengungen unternommen werden, diese normabweichenden Verhaltensweisen zu bekämpfen.

 

Um ein Beispiel zu bringen: In den Büchern Moses ist es sogar Gott selbst, der – folgt man dem Wortlaut der biblischen Texte – es seinem Volk gestattet, die Einwohner besiegter Städte zu Sklaven zu machen, auf der anderen Seite ist es jedoch auch wiederum Gott selbst, der entsprechend der Bücher Moses festlegt, dass gleiches Recht bei euch für den Fremden wie für den Einheimischen gelten soll, denn ich bin der Herr, euer Gott.

 

Dieses Spannungsverhältnis zwischen Gleichheit und Ungleichheit steht selbst wiederum in engem Zusammenhang mit dem Konflikt, der zwischen der Forderung nach Freiheit und nach Gleichheit besteht. Die Französische Revolution von 1789 stand unter der Parole ‚Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘. Die einzelnen Weltanschauungen, welche sich aus dieser Forderung entwickelt haben, unterscheiden sich nun gerade in der Frage, welchem dieser drei Ziele der Vorrang zukommt. Während sich der Sozialismus die Realisierung des Gleichheitspostulates auf die Fahnen schrieb, trat der Liberalismus mit dem Anspruch an, die Freiheit der einzelnen Menschen zu verwirklichen.

 

Wenn also in der Tat der Sozialismus in erster Linie die Forderung nach Gleichheit angestrebt hat, während der Liberalismus in erster Linie das Freiheitsziel verfolgt hat, wäre es zu einfach, hieraus den Schluss zu ziehen, dass der Liberalismus die Forderung nach Gleichheit vollkommen vernachlässigen würde und der Sozialismus seinerseits die Forderung nach Freiheit vollkommen missachten würde.

 

In Wirklichkeit wird zumindest von einem Teil des Sozialismus durchaus auch das Ziel nach mehr Freiheit unterstützt – man spricht in diesem Zusammenhang  vom freiheitlichen Sozialismus –  genauso so wie ein Teil des Liberalismus wie z. B. Walter Eucken, der Begründer des Ordoliberalismus, nicht nur eine gerechte Entlohnung der Arbeitnehmer ex pressis verbis als Ziel der Wirtschaftsordnung ansieht, sondern sogar feststellt, dass die Lösung der sozialen Frage das zentrale beherrschende Thema des 20. Jahrhunderts sei.

 

Trotzdem bestehen natürlich beachtliche Unterschiede in der Art und Weise, wie die Ziele der Freiheit und Gleichheit von beiden Weltanschauungen formuliert werden. Für den Liberalismus gilt erstens, dass die Ziele der Freiheit und Gleichheit anders definiert werden als vom Sozialismus. Während es dem Liberalismus vor allem in seiner Frühphase darum ging, eine Freiheit des einzelnen vor der Macht des Staates sicherzustellen, sahen die Sozialisten die Freiheit der Arbeitnehmer vor allem durch ein zu geringes Einkommen bedroht.

 

Zweitens unterscheiden sich beide Weltbilder in der Gewichtung der einzelnen Ziele. Für den Sozialismus hat das Ziel, Ungleichheit abzubauen, Vorrang vor dem Ziel der individuellen Entscheidungsfreiheit. Kommt es also in der Realität zu einem Konflikt zwischen beiden Zielen, so entscheidet sich ein Sozialist im Allgemeinen dafür, das Gleichheitsziel auf Kosten des Freiheitszieles durchzusetzen. Umgekehrt würde ein überzeugter Liberaler im Konfliktfalle der Erhaltung der individuellen Freiheitssphäre den Vorzug geben.

 

Drittens schließlich liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Weltbildern in der Frage, auf welchem Wege denn die angestrebten Ziele realisiert werden sollen. Sozialisten versuchen im Allgemeinen ihre Ziele auf direktem Wege zu erreichen. Will man z. B. sicherstellen, dass jeder Arbeitnehmer ein Mindesteinkommen erhält, so wird dieses Ziel dadurch zu realisieren versucht, dass den Arbeitgebern gesetzlich befohlen wird, allen Arbeitnehmern einen Mindestlohn auszuzahlen.

 

Der Liberale versucht seine Ziele stärker auf indirekte Weise zu verwirklichen. Er lehnt direkte Eingriffe in den Wirtschaftsprozess ab, da diese in aller Regel, das wichtigste Ziel jedes wirtschaftlichen Systems: die Ausrichtung der Produktion an den Wünschen der Konsumenten sicherzustellen, gefährden. Der Liberale versucht seine Ziele hingegen dadurch zu realisieren, dass er die wirtschaftlichen Entscheidungen den einzelnen Marktteilnehmern belässt und seine Ziele indirekt ansteuert, in dem die den wirtschaftlichen Entscheidungen zugrunde liegenden Daten so verändert werden, dass der freie Marktprozess die politisch gewollten Ziele automatisch erreicht.

 

Wir werden in den folgenden Abschnitten zeigen, dass die Bibel wenige Passagen kennt, in denen die Freiheitsrechte zugunsten einer größeren Gleichheit eingeschränkt werden, dass aber wiederholt eine Ungleichheit wie selbstverständlich und keineswegs wie ein Ärgernis, das es schleunigst zu beseitigen gilt, angesehen wird.

 

 

2. Gleichheit und Ungleichheit in der Bibel

 

Betrachten wir nun als erstes die Stellen des Alten und Neuen Testamentes, welche das Thema der Gleichheit bzw. Ungleichheit behandeln.  Bereits im Schöpfungsbericht im ersten Buch Moses, Kapitel 1 klingt das Thema der Gleichheit an: In dem Gott den ersten Menschen erschuf und alle Menschen von diesem ersten Menschen abstammen und alle Menschen bei ihrer Geburt nach Überzeugung der Bibel den Geist Gottes empfingen, sind alle Menschen als Geschöpfe Gottes gleich und die Forderung, gegenüber allen Menschen Achtung entgegen zu bringen, leitet sich letztendlich auf diese im Schöpfungsbericht beschriebene Gleichheit vor Gott ab. Stets wird hier von denn Menschen und nicht von einzelnen Menschen, die sich von den anderen abheben, gesprochen:

 

7  ‚Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie…



28 Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.

29  Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.‘

 

Im dritten Buch Moses, im Levitikus, Kapitel 19,18 bzw. 24,22 erfahren wir dann, dass aufgrund dieser Gleichheit aller Menschen aufgrund des Schöpfungsaktes Gottes die Israeliten auch gegenüber allen anderen Menschen gleiches Recht gelten lassen sollen:

 

18 ‚An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.‘

 

In der Übersetzung Martin Bubers, der von fast allen Übersetzungen ins Deutsche noch am ehesten dem Sinn der hebräischen Sprache entspricht, heißt es hierzu nicht, liebe deinen Nächsten wie dich selbst, sondern:  

 

18 ‚Halte lieb deinen Genossen, dir gleich.‘

 

Und im Kapitel 24 fährt der Verfasser des Levitikus fort:

 

22 ‚Gleiches Recht soll bei euch für den Fremden wie für den Einheimischen gelten; denn ich bin der Herr, euer Gott.‘

 

Und im Buch Nehemia Kapitel 5 wird dieses oben beschriebene Spannungsverhältnis zwischen Anspruch und Realität besonders deutlich angesprochen:

 

5 ‚Wir sind doch vom selben Fleisch wie unsere Stammesbrüder; unsere Kinder sind ihren Kindern gleich und doch müssen wir unsere Söhne und Töchter zu Sklaven erniedrigen. Einige von unseren Töchtern sind schon erniedrigt worden. Wir sind machtlos und unsere Felder und Weinberge gehören anderen.‘

 

Diese Thematik begegnen wir dann auch im Neuen Testament, wenn Paulus in seinem Epheserbrief seine Zuhörer auffordert:

 

9  ‚Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herrn habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.‘

 

Und in der Apostelgeschichte erfahren wir, dass Paulus seine Zuhörer zu Recht weist, als diese die Apostel zu Göttern erheben wollten, auch die Jünger und Apostel sind nämlich vor Gott gleich wie alle anderen Gläubigen:

 

15 ‚Männer, was tut ihr? Auch wir sind nur Menschen, von gleicher Art wie ihr; wir bringen euch das Evangelium, damit ihr euch von diesen nichtigen Götzen zu dem lebendigen Gott bekehrt, der den Himmel, die Erde und das Meer geschaffen hat und alles, was dazugehört.‘

 

 

3. geschlechtliche Ungleichheit zwischen Mann und Frau

 

Die Forderung nach Gleichbehandlung aller Menschen lässt sich nun im Hinblick auf die unterschiedlichsten menschlichen Merkmale thematisieren. Beginnen wir mit der geschlechtlichen Rolle von Mann und Frau. Ausgangspunkt dieser Diskussion über die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist die unweigerliche Tatsache, dass Mann und Frau in der Tat einen unterschiedlichen Körperbau aufweisen und aufgrund dieser Unterschiede auch unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Nur der Mann kann zeugen und nur die Frau Kinder gebären. Der Mann befruchtet bei der geschlechtlichen Vereinigung mit einer Samenzelle ein Ei in der Gebärmutter der Frau und löst damit bei der Befruchtung den Beginn eines neuen menschlichen Lebens aus.

 

Der wohl größte Teil der anderen, im Verlauf der Geschichte beachteten Unterschiede zwischen Mann und Frau sind jedoch nicht mehr genetisch bedingt, sondern erwachsen aus der Tatsache, dass die früheren Gesellschaftssysteme Mann und Frau unterschiedliche Rollen zuwiesen. Wenn z. B. gesagt wurde, dass eine Frau weniger geeignet sei, Führungsaufgaben in Staat und Gesellschaft zu übernehmen als der Mann und dass umgekehrt die Frau sehr viel besser als der Mann für die Erziehung der Kinder und für die Führung des eigenen Haushaltes geeignet sei, so ergaben sich diese Unterschiede, soweit sie überhaupt feststellbar waren, nicht aus genetischen Unterschieden, sondern fast ausschließlich daraus, dass Frauen eben im Erziehungsprozess während ihrer Kindheit zu diesen Rollen erzogen wurden. Eine andere Erziehung hätte auch ein ganz anderes Rollenverständnis von Mann und Frau hervorgerufen.

 

Neben dieser Tatsache, dass ein Großteil der früher vielleicht feststellbaren Unterschiede zwischen Mann und Frau auf eine bestimmte Erziehung zurückgeführt werden muss, ist aber im Zusammenhang mir der Frage nach der Gleichberechtigung von Mann und Frau der weitere Tatbestand von Bedeutung, dass die genetisch bedingten Unterschiede zwischen Mann und Frau sehr unterschiedlich auf die einzelnen Männer bzw. Frauen aufgeteilt sind. Im Hinblick auf die geschlechtlichen Merkmale lässt sich eine starke Streuung feststellen, nahezu alle Menschen weisen gewisse als männlich und als weiblich gekennzeichnete Merkmale auf, nur das Gewicht dieser einzelnen geschlechtsbezogenen genetischen Merkmale weicht von Mann und Frau in aller Regel ab.

 

Gerade aus diesem Grunde jedoch muss immer mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass eine konkrete einzelne Frau für eine bestimmte Aufgabe besser geeignet ist als ein Mann, auch dann, wenn im gesamten Durchschnitt Frauen zu dieser Aufgabe aus genetischen Gründen weniger geeignet sein sollten. So ist z. B. das Körpergewicht der Frau im Durchschnitt geringer als das der Männer und aus dieser Tatsache mag sich ableiten lassen, dass bestimmte Aufgaben, welche besonders schwere körperliche Arbeit abverlangen, von Männern besser erfüllt werden können. Trotzdem kann im konkreten Fall der Besetzung eines Arbeitsplatzes bei der Bewerbung von Männern und Frauen auf diesen Posten eine konkrete weibliche Kandidatin viel bessere genetische Voraussetzungen zur Erfüllung dieser Aufgabe mitbringen, als ein konkreter männlicher Bewerber.

 

Wie stand es nun mit dieser geschlechtsbezogenen Rollenverteilung im biblischen Altertum? Wir erfahren, dass in der Gesellschaft, in der Abraham und die anderen Patriarchen lebten, genauso übrigens wie in einem großen Teil anderer Kulturen der damaligen Zeit eine ausgesprochen geschlechtsbezogene Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau eingehalten wurde. Die Frau war für den Haushalt und für die Erziehung der Kinder verantwortlich, während es Aufgabe des Mannes war, außerhalb der Wohnstätte für den Erwerb aller für das Leben notwendigen Güter zu sorgen.

 

Diese geschlechtsbezogene Arbeitsteilung war jedoch keineswegs mit einer Diffamierung der Frau verbunden. Ganz im Gegenteil war im Zeitalter der Patriarchen der Aufgabe der Frau der weitaus größere Wert zuerkannt. Gott hatte Abraham verheißen, der Stammvater eines großen Volkes zu werden. Trotzdem hatte Abraham zu einer Zeit, in der er und seine Frau normalerweise gar keine eigenen Kinder mehr zeugen bzw. gebären konnten, noch keinen einzigen Sohn (Tochter) geboren. Offensichtlich waren die Lebensbedingungen, unter denen diese frühen Menschen leben mussten, einer häufigen Geburt abträglich, während die Mühen, welche zur Sicherstellung der Nahrungsmittel aufgewandt werden mussten, im Vergleich zu später durchaus noch erträglich waren. Die Weiden waren fruchtbar und wurden nicht durch andere Völker streitig gemacht. Hier kam der Frau und Mutter aus natürlichen Gründen die viel wichtigere Aufgabe und damit auch die wertvollere Rolle zu.

 

Mit der Zeit veränderte sich jedoch die Bedeutung dieser einzelnen geschlechtsbezogenen Rollen. Es wurden immer mehr Kinder geboren, sodass der Fortbestand der Familie und des Stammes wegen zu geringer Geburten nicht mehr gefährdet erschien, während auf der anderen Seite gerade wegen des Wachstums der Bevölkerung es immer schwerer wurde, den notwendigen Nahrungsspielraum zu erwirtschaften. Gleichzeitig war es immer häufiger notwendig, den eigenen Lebensraum gegenüber Eindringlingen von außen zu verteidigen. Beide Entwicklungslinien trugen dann dazu bei, dass der Wert der Arbeiten, welche von Männern verrichtet wurden im Vergleich zum Wert der Arbeiten, welchen den Frauen zugeteilt waren, immer mehr anstieg, eine Entwicklung, welche schließlich in einer allgemeinen Diffamierung der Frau endete.

 

Diese Entwicklung fand auch ihren Niederschlag in der Heiligen Schrift. Die Heilige Schrift dient dazu, die Glaubenswahrheiten, welche nicht allein mit Hilfe unserer allgemeinen Wahrnehmungsorganen erkannt werden können, zu vermitteln. Im Hinblick auf die historischen Abläufe und unserem Wissen über die Naturgesetze stützt sich die Heilige Schrift auf das allgemein akzeptierte Wissen der Zeit, in der die Schriften der Bibel aufgezeichnet wurden. Genauso wie unser Wissen über die empirischen Vorgänge oftmals falsch und unvollkommen ist und durch die Weiterentwicklung der Wissenschaften immer wieder korrigiert werden muss, gilt diese Korrekturbedürftigkeit ebenso für die in der Bibel aufgezeichneten Feststellungen über das empirische Wissen.

 

Es nimmt deshalb nicht Wunder, wenn damals allgemein gültige Auffassungen über die Rolle der Frau in der Gesellschaft auch in den Bibeltexten unkritisch übernommen werden. Die Bibel will vorrangig aufzeigen, auf welchem Wege die Menschen zum ewigen Heil nach ihrem Ableben gelangen können. Deshalb werden bestimmte Auffassungen, welche durchaus der Kritik auch nach christlicher Auffassung unterliegen, scheinbar unkritisch übernommen, nicht vorrangig deshalb, weil diese Zustände akzeptiert werden, sondern einfach deshalb, weil im Vordergrund des Interesses andere Fragen standen, welche als wichtiger angesehen wurden als gewisse irdische Probleme.

 

In diesem Zusammenhang steht auch die Frage zur Diskussion, welche Rolle der Frau innerhalb der Kirche zukommt. In der katholischen Kirche wird die Ausübung des Priesteramtes nach wie vor Frauen ausnahmslos verweigert und diese Haltung wird damit gerechtfertigt, dass Jesus offensichtlich nach dem Zeugnis der Evangelien nur Männer zu den Aposteln auserwählt habe.

 

Wohl an keiner Stelle des Neuen Testamentes findet sich jedoch eine Äußerung Jesu, welche eindeutig erkennen lässt, dass Jesus Frauen aus der Führung der Kirchengemeinden kategorisch ausschloss. Dass die Evangelien nur von männlichen Aposteln oder Jünger sprechen, kann zunächst daraus erklärt werden, dass nach dem damaligen allgemeinen Verständnis Aufgaben außerhalb der Familie grundsätzlich Männern zugeteilt wurden. Berücksichtigt man diese generellen patriarchalen Überzeugungen der damaligen Zeit, so muss man einräumen, dass vor allem im Lukasevangelium Frauen einen für die damalige Zeit sogar erstaunlich bedeutungsvolle Rolle im Zusammenhang mit dem Wirken Jesu zuerkannt wird. Es waren vorwiegend Frauen, welche für den materiellen Unterhalt der Jünger Sorge trugen, es waren Frauen, welche am Kreuz Abschied von Jesus nahmen und es waren Frauen, welchen Jesus als erste nach seiner Auferstehung begegnete. 

 

Im 1. Korintherbrief macht Paulus allerdings eine Äußerung, die anscheinend als Beleg dafür an gesehen werden kann, dass Frauen in der Kirchengemeinde, vor allem in der Kirchengemeinde, eine untergeordnete Stellung einnehmen sollen. Im 14. Kapitel heißt es:

 

33 ‚… Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist,

34  sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert.‘

 

Bei der Bewertung dieser Aussage gilt es sich allerdings daran zu erinnern, dass in der Hafenstadt Korinth Bordelle überhandnahmen und dass sich der erste Korintherbrief vor allem auch mit den sexuellen Verfehlungen in der Gemeinde befasst. Es besteht die Möglichkeit, dass das negative Urteil von Paulus gegenüber den Frauen im ersten Korintherbrief einfach dadurch bestimmt und ausgelöst wurde, dass in Korinth der Einfluss der Dirnen überhand nahm. So ermahnt Paulus im 6. Kapitel des ersten Korintherbriefes die Korinther:

 

15 ‚Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen? Auf keinen Fall! 

16 Oder wisst ihr nicht: Wer sich an eine Dirne bindet, ist ein Leib mit ihr? Denn es heißt: Die zwei werden ein Fleisch sein. 

17 Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm.

18 Hütet euch vor der Unzucht! Jede andere Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib.

19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; 

20 denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!‘

 

 

4. religiöse Ungleichheit zwischen Gläubigen und Heiden

 

Wenden wir uns nun der Frage zu, inwieweit in der Heiligen Schrift Gläubige und Heiden als vor Gott gleich gestellt angesehen werden. Wir haben bereits gesehen, dass in den Büchern Moses gleiches Recht für Einheimische und Fremde eingefordert wird und dies bedeutet gleichzeitig gleiches Recht für die Israeliten wie für die Heiden.

 

Trotzdem lässt sich im Alten Testament sehr wohl eine Tendenz zugunsten der Israeliten erkennen. Das Gebot der Nächstenliebe, das nicht erst von Jesus eingefordert wurde, sondern auch schon im Alten Testament Erwähnung im Buch Levitikus Kapitel 19,18 findet, versteht offensichtlich unter dem Nächsten, dem man keinen Schaden zufügen soll und dem man dann helfen soll, wenn er in Not ist, in erster Linie die Israeliten und nicht die Fremden, denn das Gebot der Nächstenliebe wird hier mit dem Satz eingeleitet, ‚an den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen‘.

 

Auch im Neuen Testament findet sich wiederholt die Aussage Jesu, dass er in diese Welt gekommen ist, um das Volk Israel und nicht die gesamte Menschheit zum Heil zu führen. In Matthäus Kapitel 15 erfahren wir beispielsweise:

 

22 ‚Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.

23 Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her.

24 Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.‘

 

Und wenn Jesus im Johannesevangelium, Kapitel 10 von sich als dem Guten Hirten spricht und sagt:

 

14  ‚Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

15  wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.‘

 

 kann der Hinweis auf die ‚Meinen‘ sicherlich nur so verstanden werden, dass Jesus selbst sich als einen Boten Gottes verstand, der auf die Welt gekommen ist, um das auserwählte Volk, also die Juden zu befreien.

 

Aber diese Feststellung wird dann sofort wiederum dadurch relativiert, dass Jesus nach der Auslegung bei Johannes fortfährt:

 

16 ‚Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten.‘

 

Auch die oben zitierte Stelle bei Matthäus Kapitel 15 fährt in diesem Sinne fort und bestätigt, dass Jesus auch für die Erlösung der Heiden gekommen ist:

 

25 ‚Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!

26 Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.

27 Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.

28 Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.‘

 

Und obwohl im Alten Testament die Vorstellung überwiegt, dass Gott vor allem um das Wohl des auserwählten Volkes Israel besorgt ist, kommt an gewissen Stellen des Alten Testamentes dennoch die Aussage zum Vorschein, dass letztlich alle Menschen vor Gott gleich sind, dass auch die Nichtisraeliten gerettet werden und dass es am Ende der Zeiten nur noch ein vereinigtes Volk geben wird. So heißt es z. B. bei Jesaja Kapitel 49, 3-6:

 

3 ‚Der Herr sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will…

 

5 Jetzt hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammle. So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt, und mein Gott war meine Stärke.

 

6 Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.‘

 

 

5. politische Ungleichheit zwischen Führern und Geführten

 

Wenn die Menschen vor Gott gleich sind, so gilt diese Aussage für alle Israeliten oder auch alle Bürger eines Landes auf dieser Erde, gleichgültig ob jemand an unterster Stelle oder an der Spitze einer Gemeinschaft steht. Trotzdem besteht überall auf Erden, auch in Israel, ein starkes Machtgefälle zwischen der Masse der Mitglieder eines Volksstammes und den jeweiligen Führern und Königen.

 

Interessanter Weise erfahren wir im Alten Testament jedoch, dass es das Volk selbst war, welche Gott darum gebeten habe, dass an der Spitze ihrer Volksgemeinschaft genauso wie bei den Heiden ein König stehe. Im Buch Deuteronomium Kapitel 17 heißt es z. B.:

 

14 ‚Wenn du in das Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt, hineingezogen bist, es in Besitz genommen hast, in ihm wohnst und dann sagst: Ich will einen König über mich einsetzen wie alle Völker in meiner Nachbarschaft!,

15 dann darfst du einen König über dich einsetzen, doch nur einen, den der Herr, dein Gott, auswählt. Nur aus der Mitte deiner Brüder darfst du einen König über dich einsetzen. Einen Ausländer darfst du nicht über dich einsetzen, weil er nicht dein Bruder ist.‘

 

Aber auch hier werden die Rechte des Königs sofort beschnitten, damit sich die Machtfülle des Königs nicht zu sehr von der Stellung des Volkes abhebe:

 

16 ‚Der König soll sich aber nicht zu viele Pferde halten. Er soll das Volk nicht nach Ägypten zurückbringen, um mehr Pferde zu bekommen; denn der Herr hat zu euch gesagt: Ihr sollt auf diesem Weg nie wieder zurückkehren.

17  Er soll sich auch keine große Zahl von Frauen nehmen, damit sein Sinn nicht vom rechten Weg abweicht. Er soll nicht zu viel Silber und Gold anhäufen.

18  Und wenn er seinen Königsthron bestiegen hat, soll er sich von dieser Weisung, die die levitischen Priester aufbewahren, auf einer Schriftrolle eine Zweitschrift anfertigen lassen.

19  Sein Leben lang soll er die Weisung mit sich führen und in der Rolle lesen, damit er lernt, den Herrn, seinen Gott, zu fürchten, auf alle Worte dieser Weisung und dieser Gesetze zu achten, sie zu halten,

20  sein Herz nicht über seine Brüder zu erheben und von dem Gebot weder rechts noch links abzuweichen, damit er lange als König in Israels Mitte lebt, er und seine Nachkommen.‘

 

Noch deutlicher werden jedoch im Neuen Testament die Rechte und Machtbefugnisse eines Herren oder Herrschers begrenzt. In Matthäus Kapitel 23 heißt es:

 

1 ‚Darauf wandte sich Jesus an das Volk und an seine Jünger 

2  und sagte: Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt.

3  Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen.

4  Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen.

5  Alles, was sie tun, tun sie nur, damit die Menschen es sehen: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang,

6  bei jedem Festmahl möchten sie den Ehrenplatz und in der Synagoge die vordersten Sitze haben,

7  und auf den Straßen und Plätzen lassen sie sich gern grüßen und von den Leuten Rabbi (Meister) nennen.

8  Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder.

9  Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel.

10  Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.

11  Der Größte von euch soll euer Diener sein.

12  Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.‘

 

Noch deutlicher kommt der Gedanke, dass der Herrscher der Diener eines Volkes sein soll, bereits im 20. Kapitel des Matthäusevangeliums zum Ausdruck:

 

20 ‚Damals kam die Frau des Zebedäus mit ihren Söhnen zu Jesus und fiel vor ihm nieder, weil sie ihn um etwas bitten wollte.

21  Er fragte sie: Was willst du? Sie antwortete: Versprich, dass meine beiden Söhne in deinem Reich rechts und links neben dir sitzen dürfen.

22  Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sagten zu ihm: Wir können es.

23  Da antwortete er ihnen: Ihr werdet meinen Kelch trinken; doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die mein Vater diese Plätze bestimmt hat.

24  Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über die beiden Brüder.

25  Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.

26  Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein,

27  und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein.

28  Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.‘

 

 

6. wirtschaftliche Ungleichheit zwischen Reich und Arm

 

Besonders widersprüchlich sind die Auskünfte aus der Bibel im Hinblick auf die Gleichheit und Ungleichheit in wirtschaftlicher Hinsicht. Auf der einen Seite kann kein Zweifel bestehen, dass sich Jesus und mit ihm Gott selbst zum Anwalt gerade der Armen und Geknechteten macht, die Forderung, den Armen zu helfen, zählt sicherlich zu den zentralen, von Jesus aufgestellten und immer wieder unterstrichenen Forderungen:

 

‚Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet.‘ (Matthäus Kapitel 11,5)

 

Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach.‘ (Matthäus Kapitel 19,21)

 

‚Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze.‘ (Lukas Kapitel 4,18)

 

‚Er richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte: Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.‘ (Lukas 6,20)

 

‚Gebt lieber, was in den Schüsseln ist, den Armen, dann ist für euch alles rein.‘ (Lukas Kapitel 11,41)

 

‚Der Diener kehrte zurück und berichtete alles seinem Herrn. Da wurde der Herr zornig und sagte zu seinem Diener: Geh schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt und hol die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen herbei.‘ (Lukas Kapitel 14,2)

 

Und als Jesus vom Weltgericht sprach (siehe Matthäus Kapitel 25,30-46), wurde klar, dass Gott offensichtlich die Fürsorge für die Armen zu seiner eigenen Sache machte und dass er die guten Taten an den Armen als gegen sich gerichtet ansieht:

 

31  Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.

32  Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.

33  Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken.

34  Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist.

35  Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen;

36  ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.

37  Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? 

38  Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben?

39  Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

40  Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

41  Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! 

42  Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;

43  ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.

44  Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?

45  Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.

46  Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.‘

 

Gleichzeitig betonte Jesus, dass es die Reichen auf dieser Welt schwer, sehr schwer sogar haben, nach ihrem Tode ins Himmelreich einzugehen:

 

‚Denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.‘ (Lukas Kapitel 18,2)

 

‚Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte.

Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war....

 

Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben.

In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß.

Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer.

Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden.

Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.‘ (Lukas Kapitel 16,19-26).

 

Es kann also offensichtlich kein Zweifel darüber bestehen, dass die Bekämpfung der Armut zu den zentralen Botschaften Jesu zählt und dass Jesus von den Gläubigen in allererster Linie den Einsatz für die Armen fordert.

 

Auf der anderen Seite finden sich jedoch genügend andere Stellen in der Bibel, welche von Ungleichheiten handeln und bei denen diese Ungleichheit nicht nur hingenommen und als etwas ganz normales angesehen wird, welche vielmehr erkennen lassen, dass Gott diese Ungleichheit auch noch anscheinend vergrößert, in dem er denen gibt, welche von sich aus dazu beigetragen haben, ihr Vermögen zu vermehren.

 

Als erstes verwundert, warum denn Gott die Menschen mit so unterschiedlichen Begabungen erschaffen hat. Die erblich bedingte musikalische Begabung eines Mozart ist hundertfach größer als die Musikalität eines Durchschnittsbürgers. Im Sport werden von einzelnen besonders begabten Sportlern Höchstleistungen erzielt, von denen der einfache Bürger nur träumen kann. Sowohl im Hinblick auf die physische Leistungskraft als auch die intellektuelle Begabung bestehen zwischen den einzelnen Menschen himmelweite Unterschiede. Hätte man nicht eigentlich erwarten können, dass Gott zumindest im Hinblick auf die vererbten Begabungen eine Gleichheit herbeigeführt hätte, wenn ihm die Gleichheit der Menschen in wirtschaftlicher Hinsicht stärker als die individuelle Entscheidungsfreiheit am Herzen gelegen hätte?

 

Auch der Dekalog, den Moses vom Berg Sinai für die Israeliten brachte, ist alles andere als dass in sozialistischer Manie Eigentum für Diebstahl gehalten wird. Wie der Name bereits besagt, enthält der Dekalog lediglich zehn Anweisungen, von denen sich nur sieben Gebote den Beziehungen der Menschen untereinander widmen und zwei dieser sieben Gebote dienen dem Schutz des Eigentums. Das siebte Gebot verbietet das Stehlen und das neunte Gebot untersagt sogar das Begehren des Hab und Gut des Andern.

 

Und im Gleichnis vom anvertrauten Geld bei Matthäus Kapitel 25 erfahren wir dann, dass Gott geradezu denjenigen belohnt, der durch eigene Anstrengungen bereits über ein überdurchschnittlich großes Vermögen verfügt:

 

14  Es ist wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an.

15  Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab. Sofort 

16  begann der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften, und er gewann noch fünf dazu.

17  Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu.

18  Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn.

19  Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen.

20  Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen.

21  Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn! 

22  Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen.

23  Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn! 

24  Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast;

25  weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder.

26  Sein Herr antwortete ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe.

27  Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten.

28  Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat!

29  Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.

30  Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.‘

 

Wäre Jesus ein Sozialist gewesen, der die Forderung nach Gleichheit über die Forderung nach individueller Freiheit gestellt hätte, hätte er vermutlich in der Bergpredigt sagen können:

 

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Ihr sollt von all Euren Erträgen den Zehnten für die Verrichtung des Tempeldienstes und jedes dritte Jahr für die Armen geben.

 

Ich aber sage euch, den Zehnten zu geben ist nicht genug. Jeder, der überdurchschnittliche Erträge erzielt, soll 40% seiner Einkünfte abführen und wer sogar das Doppelte des Durchschnittsertrages erzielt, soll mindestens die Hälfte seiner Einkünfte an Staat und Kirche abführen. Da Ihr aber kaum freiwillig zu diesem Opfer bereit sein werdet, ist es notwendig, die Bürger zu dieser Abgabe per Gesetz zu zwingen.

 

Statt dieser fingierten Aufforderung erfahren wir jedoch bei Matthäus in Kapitel 23, dass Jesus den Pharisäern vorwirft:

 

23 ‚Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.‘

 

Versuchen wir nun diese auf den ersten Blick widersprüchlichen Aussagen über die Erwünschtheit oder Unerwünschtheit von wirtschaftlicher Ungleichheit unter den Menschen genauer zu analysieren und damit die anfänglichen Widersprüche aufzulösen.

 

Im Gleichnis vom anvertrauten Geld bei Matthäus Kapitel 25 teilt der Gutsbesitzer zwar seinen Verwaltern ein unterschiedliches Vermögen zu, dieses Vermögen dient jedoch keinesfalls dazu, dass sich die einzelnen Begünstigten mit diesem Vermögen bereichern, sie sollen vielmehr mit diesem Vermögen arbeiten. Dieses Gleichnis zeigt uns somit, dass die unterschiedlichen Begabungen und Vermögen den einzelnen Menschen gewährt werden, damit sie eine Aufgabe erfüllen können.

 

Im Vordergrund stehen also nicht die Rechte, sondern die Pflichten, die dem Einzelnen mit seinen Begabungen und mit seinem Vermögen zugewiesen werden. Die Rechtfertigung dafür, dass einzelne mit Vermögen und Begabungen ausgestattet werden, liegt allein darin, dass die Aufgaben, die die einzelnen Menschen erfüllen sollen, den Einsatz materieller Mittel voraussetzt.

 

In diesem Falle ist es auch nicht ungerecht, wenn Einzelne mit überdurchschnittlich hohem Vermögen ausgestattet werden, diese Vermögen dienen gerade nicht dem Einsatz für persönliche Bedürfnisse und wenn ein Vermögender sein Vermögen nur oder auch vorwiegend zu seiner eigenen Bereicherung einsetzt, vernachlässigt er seine Pflichten und wird gerade dadurch zum sündigen Menschen. Natürlich widerspricht es dieser Zuweisung von Vermögen nicht, wenn der Vermögende einen Teil auch für seine eigenen Bedürfnisse verwendet, eine solche Handlung trägt dazu bei, dass der Vermögende einen Anreiz hat, sich auch für die ihm übertragenen Aufgaben einzusetzen.

 

Nun mag man einwenden, dass die Mehrheit der Besitzenden gar nicht willens ist, diesen Pflichten nachzukommen und das es deshalb notwendig sei, durch Erhebung von Zwangsabgaben sicherzustellen, dass diese materiellen Mittel auch für öffentliche Ziele eingesetzt werden. Eine solche Betrachtung übersieht auf der einen Seite, dass die Vermögenden stets darum bemüht sein werden, auch diese Zwangsabgaben zu hinterziehen und immer wieder neue Wege ausfindig machen, wie sie ihren Reichtum am Fiskus vorbei schleusen können.

 

Auf der anderen Seite unterschätzt eine solche Auffassung aber auch, dass Private sehr wohl dazu bereit sein können, große Teile ihres Vermögens zum Nutzen der Gemeinschaft einzusetzen, sofern nur die Notwendigkeit dieser Hilfen klar gestellt wird. Als z. B. Bill Gates, eines der reichsten Bürger der USA feststellen musste, dass er in der Liste derjenigen, welche Teile ihres Vermögens für Stiftungen einsetzen, in der Rangliste unter die ersten zehn Spender gefallen war, so war dies für ihn Anlass genug, das Stiftungsvermögen zu vergrößern, um wieder an die Spitze dieser Rangliste zu gelangen. Auch zeigt gerade der persönliche Einsatz vieler Menschen, tatkräftig von Überschwemmungen Betroffener beizustehen, dass die Bereitschaft, eigene Ressourcen für das Gemeinwohl einzusetzen, durchaus gegeben ist.

 

Wenden wir uns nochmals dem oben erwähnten Gleichnis vom Kamel, das durch kein Nadelöhr geht, zu. Im Rahmen der Bibelexegese wurde sehr kontrovers darüber diskutiert, wie denn dieses Gleichnis zu verstehen ist. Es wurde z. B. vermutet, dass mit dem Nadelöhr, das kein Kamel durchschreiten könne, in Wirklichkeit eine enge Pforte in der Mauer von Jerusalem gemeint sei. Diese Pforte ist zwar sehr eng, sodass ein Kamel nur mit großer Mühe, aber immerhin doch hindurch gezwängt werden könnte. Kein Mensch weiß jedoch, ob diese Lücke in der Jerusalemer Stadtmauer bereits zu Jesu Lebzeiten existiert hatte.

 

Andere Exegeten wie z. B. auch die jüdische Religionswissenschaftlerin Ruth Lapide haben darauf hingewiesen, dass hier ein Lesefehler vorliege, das Wort ‚κάμιλος‘ heiße Seil und sei mit dem Wort ‚κάμηλος‘ (Kamel) verwechselt worden. Das in diesem Gleichnis verwendete Bild weise also darauf hin, dass das Anbringen der Seile an die Fischernetze äußerst schwierig sei.

 

Mir scheint auch diese Interpretation nicht überzeugend. Es ist allenfalls denkbar, dass eine solche Verwechslung vorgenommen wurde, es ist aber keinesfalls bewiesen, dass im Urtext von einem ‚κάμιλος‘, also einem Seil und nicht doch von einem ‚κάμηλος‘, also einem Kamel gesprochen wurde.

 

Vor allem wird bei einer solchen Interpretation unverständlich, weshalb Jesus im Zusammenhang mit diesem Bild noch davon spricht, dass es ein Reicher schwer, ja sogar sehr schwer hat, ins Himmelreich zu gelangen. Es mag zwar für jemand, der nicht im Fischereibereich beschäftigt ist, äußerst schwierig sein, das Seil an ein Fischernetz anzubringen. Für einen gelernten Fischer jedoch dürfte diese Aufgabe kein unlösbares Problem darstellen, das Anbringen der Seile an das Fischernetz gehörte sicherlich zu den täglichen Aufgaben eines Fischers. Und wenn wir diese Feststellung unserer Interpretation dieses Gleichnisses zugrunde legen, heißt dies doch, dass jeder Reiche (Fischer), der sein Handwerk ordnungsgemäß erlernt hat, durchaus die Voraussetzungen mitbringt, um schließlich ins Himmelreich einzugehen.

 

Vor allem steht der Versuch, anstelle des Kamels von einem Seil zu sprechen in eklatantem Widerspruch zu der Reaktion, den die Jünger auf dieses Gleichnis zeigten, in dem sie Jesus entsetzt frugen, wer denn dann überhaupt noch ins Himmelreich gelangen könne. Denn wenn diese Interpretation richtig wäre, könnte jeder Reiche, sofern er sich nur etwas Mühe gäbe, sehr wohl ins Himmelreich gelangen. Und Jesus hätte dann auch nicht daraufhin weisen müssen, dass für Gott auch das möglich sei, was dem Menschen unmöglich erscheine. Und die angesprochenen Jünger waren ja zu einem großen Teil Fischer, wussten also über die Schwierigkeit, aber nicht Unlösbarkeit des Anbringens eines Seils an ein Fischernetz.

 

Wie haben wir also das Bild vom Kamel und dem Nadelöhr zu interpretieren? Wir erinnern uns hierzu daran, dass Jesus ganz allgemein sich einer Ausdrucksweise bedient, welche im ganzen orientalischen Raum üblich ist: Nämlich eine Lebensweisheit pointiert, das heißt zugespitzt zu formulieren, um auf diese Weise das Augenmerk des Zuhörers in besonderem Maße auf ein bestimmtes Ziel zu lenken. Das Bild vom Kamel, das durch kein Nadelöhr passt, meint einfach, dass es einfach schwer, sehr schwer sogar, aber nicht unmöglich ist, als Reicher ins Himmelreich zu gelangen. 

 

In dem oben angeführten Gleichnis vom Reichen und von Lazarus bei Lukas Kapitel 16 erfahren wir auch, warum denn der Reiche nach seinem Tode nicht in den Himmel aufgenommen wurde. Der eigentliche Grund war nicht der bloße Umstand, dass der Reiche sehr reich war, sondern dass er es in sträflicher Weise vernachlässigt hatte, den Hungernden und Armen zu Hilfe zu kommen:

 

20  ‚Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war.

21  Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.‘

 

Obwohl also der die größte Not leidende Lazarus vor der Haustür des Reichen lag und obwohl es dem Reichen ein leichtes gewesen war, zu helfen, hat er diese Verpflichtung zur Nächstenliebe nicht erfüllt. Für Jesus war jedoch das Gebot der Nächstenliebe zugleich mit dem Gebot der Gottesliebe das höchste und wichtigste Gebot.

 

Im Lukasevangelium Kapitel 18 erfahren wir dann auch, dass auch ein Reicher durchaus ins Himmelreich eingehen kann:

 

1  ‚Dann kam er (Jesus) nach Jericho und ging durch die Stadt.

2  Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich.

3  Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein.

4  Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste.

5  Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.

6  Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf.

7  Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt.

8  Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.

9  Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.

10  Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.‘

 

Zachäus wurde das Heil geschenkt, obwohl er als sehr reich galt und als Zöllner die Steuern für die Römer eintrieb. Da er jedoch bereit war, das Gebot der Nächstenliebe zu befolgen, konnte auch er ins Himmelreich eingehen. Er war zwar ein Sünder, war aber bereit umzukehren und fortan entsprechend den Geboten Gottes zu leben.

 

 

7. soziale Ungleichheit zwischen Bürgern und Sklaven

 

Wir wollen uns zum Abschluss dieses Kapitels mit der Rolle der sozialen Ungleichheit in den Texten der Bibel befassen. Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass aus wirtschaftlicher Ungleichheit oftmals auch soziale Ungleichheit erwächst. Auch im Hinblick auf die Frage nach der sozialen Gleichheit bzw. Ungleichheit lassen sich in den Schriften der Bibel widersprüchliche Auskünfte erkennen. Auf der einen Seite erfahren wir wie gezeigt, dass gleiches Recht auf alle, gleich welcher Herkunft oder sozialer Stellung angewandt werden soll. Auf der anderen Seite wird jedoch die Einteilung in Freie und Sklaven nicht getadelt, sondern wie selbstverständlich hingenommen, sogar anscheinend von Gott angeordnet.

 

Dieser Widerspruch verliert jedoch etwas an Schärfe, wenn wir uns vergegenwärtigen, welchen Sinn in der Heiligen Schrift den Worten „Knecht“ und „Sklave“ beigemessen wird. Betrachten wir hierzu Jesaja Kapitel 42, in dem er das ferne Kommen des Gottesknechtes ankündigt:

 

1 ‚Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht.

2  Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen.

3  Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht.

4  Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf sein Gesetz warten die Inseln.

5  So spricht Gott, der Herr, der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der den Menschen auf der Erde den Atem verleiht und allen, die auf ihr leben, den Geist:

6  Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein: 

7  blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien.

8  Ich bin Jahwe, das ist mein Name; ich überlasse die Ehre, die mir gebührt, keinem andern, meinen Ruhm nicht den Götzen.

9  Seht, das Frühere ist eingetroffen, Neues kündige ich an. Noch ehe es zum Vorschein kommt, mache ich es euch bekannt.‘

 

Ähnlich wird der Gottesknecht nochmals im Kapitel 49 bei Jesaja angekündigt:

 

1 ‚Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.

2  Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zum spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher.

3  Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will.

4  Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan. Aber mein Recht liegt beim Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.

5  Jetzt aber hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammle. So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt und mein Gott war meine Stärke.

6  Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.

7  So spricht der Herr, der Befreier Israels, sein Heiliger, zu dem tief verachteten Mann, dem Abscheu der Leute, dem Knecht der Tyrannen: Könige werden es sehen und sich erheben, Fürsten werfen sich nieder, um des Herrn willen, der treu ist, um des Heiligen Israels willen, der dich erwählt hat.

8  So spricht der Herr: Zur Zeit der Gnade will ich dich erhören, am Tag der Rettung dir helfen. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund zu sein für das Volk, aufzuhelfen dem Land und das verödete Erbe neu zu verteilen,

9  den Gefangenen zu sagen: Kommt heraus!, und denen, die in der Finsternis sind: Kommt ans Licht!‘ 

 

Hier wird also von einem Knecht gesprochen, obwohl dieser alles andere als die Eigenschaften besitzt, welche wir im allgemeinen mit dem Wort Knecht verbinden. Er – und die Christen verbinden hiermit die Ankündigung des Messias – wird hier nur deshalb als Knecht bezeichnet, weil er in diese Welt kommt, um die Menschen zu erlösen und weil er in dieser Aufgabe Gott, dem Schöpfer dieser Welt, gehorsam ist, gehorsam bis zum Tode.

 

In ähnlicher Weise wird im Neuen Testament vom Sklaventum gesprochen. Bei Matthäus Kapitel 20 lesen wir:

 

25 ‚Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.

26  Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein,

27  und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein.

28  Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.‘

 

Ein Sklave genannt zu werden, bedeutet hier nicht einem sozial missachtenden Geschlecht anzugehören, ganz im Gegenteil wird hier von Menschen gesprochen, welche an der Spitze einer Gemeinschaft stehen. Sklave werden sie nur deshalb genannt, weil ihr ganzes Tun und lassen dem Wohl der Gemeinschaft, die sie anführen, dient und nicht etwa in erster Linie zu ihrer eigenen Bereicherung erfolgt.

 

Wenn im Alten Testament von Sklaven gesprochen wird und hier dieses Wort im üblichen Sprachgebrauch verwandt wird, gilt es im Hinblick auf die Ursache, welche zu diesem Sklaventum geführt hatte, zwischen zwei Situationen zu unterscheiden:

 

Ein Mensch konnte erstens ein Sklave werden, weil ein nichtjüdischer Volksstamm das Volk Israel angegriffen hatte, dann von den Israeliten im Kampf besiegt wurde. Hier ordnete die Thora an, dass alle männlichen Besiegten zu töten seien, während die als unschuldig geltenden Frauen und Kinder als Sklaven gehalten und eventuell verkauft werden durften.

 

Sklave konnte man im alten Israel aber auch dadurch werden, dass man in den alltäglichen wirtschaftlichen Geschäften zahlungsunfähig wurde und sich als Sklave verkaufen musste. Hier waren es also Israeliten, welche zu Sklaven anderer Israeliten wurden.

 

Betrachten wir zunächst die Fremden, welche Israel angegriffen, aber mit Gottes Hilfe von den Israeliten besiegt wurden. Dass die männlichen Mitglieder dieser fremden Volksstämme nach ihrer Niederlage getötet wurden, mag zunächst als gerechte Strafe angesehen werden. Aber warum mussten die Frauen und Kinder der besiegten Volksstämme in die Sklaverei geführt werden, sie konnten doch nicht als schuldig angesehen werden, da sie ja auch nicht für den feindlichen Angriff verantwortlich waren. Aber auch im Hinblick auf die Männer dieser besiegten Volksstämme dürfte doch gelten, dass der größte Teil dieser Personen an dem Angriff nur deshalb beteiligt waren, weil ihnen diese kriegerische Teilnahme befohlen wurde, verantwortlich im juristischen Sinne waren nur einige Führungskräfte dieser Volksstämme.

 

Überhaupt stellt sich die Frage, wie denn dieses Sklaventum mit den sonst geltenden Anweisungen vereinbart werden kann, wonach – wie wir weiter oben gesehen haben – gleiches Recht für Einheimische wie für Fremde zu gelten habe. Demjenigen, der in der Fremde als Sklave dienen muss, wird sicherlich nicht gleiches Recht wie den Einheimischen zuteil.

 

Zwei Erklärungsgründe mögen helfen, diesen Widerspruch zu beseitigen, zumindest zu mildern: Auch dann, wenn in den Büchern der Thora davon gesprochen wurde, dass Gott selbst diese Art Bestrafung angeordnet hatte, wird man diese Formulierung oftmals eher in dem Sinne verstehen müssen, dass diejenigen, welche diese Texte verfasst haben, von der festen Überzeugung ausgingen, dass es Gott selbst war, der diese Handlungen befohlen hatte, ohne dass sie in jedem Falle ex pressis verbis von Gott hierzu aufgefordert wurden.

 

Auch dann, wenn wir davon überzeugt sind, dass Gott zu den Menschen spricht und dass das, was Gott zu den Menschen spricht, als wahr und gerecht zu gelten hat, müssen wir trotzdem davon ausgehen, dass die Personen, zu denen Gott spricht, auch während der Offenbarung Mensch bleiben und deshalb auch in ihrer Unvollkommenheit die Weisungen Gottes missverstehen können oder sogar zu ihren Gunsten umdeuten können. Während der Offenbarung werden die Menschen nicht zu einem bloßen tönernen Gefäß, wobei sich Gott nicht lediglich der menschlichen Stimme bedient. Ganz im Gegenteil müssen wir davon ausgehen, dass auch in der Offenbarung der Mensch seinen freien Willen behält und dass es auf ihn ankommt, inwieweit die an und für sich vollkommene Botschaft Gottes auch vom Menschen vollkommen weitergegeben wird.

 

Als zweites begegnen wir in der Heilgen Schrift oft dem Umstand, dass zwischen dem unterschieden wird, was eigentlich von Gott gewünscht wird und der Realität, in der Abstriche von dem Idealzustand zugelassen werden. So erscheint z. B. die Weisung Gottes, sich die Erde untertan zu machen an zwei Stellen des Alten Testamentes, einmal im Anschluss an den Schöpfungsbericht im ersten Kapitel der Genesis und dann noch einmal, als Noah der Arche entstieg. Im Schöpfungsbericht heißt es, dass Gott sowohl den Tieren wie auch den Menschen lediglich die Pflanzen zur Nahrung gegeben hatte:

 

27 ‚Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.

28  Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.

29  Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.

30  Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es.‘

 

In dem Bericht über das Ende der Sintflut im Buch Genesis Kapitel 9 hingegen erfahren wir:

 

1 ‚Dann segnete Gott Noach und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, vermehrt euch und bevölkert die Erde! 

2  Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres; euch sind sie übergeben.

3  Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.

4  Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen….

 

7  Seid fruchtbar und vermehrt euch; bevölkert die Erde und vermehrt euch auf ihr!‚

 

Dieser Unterschied in den Anweisungen Gottes (im ersten Fall dienen nur die Pflanzen zur menschlichen Nahrung, im zweiten Falle auch die meisten Tiere) wird nun im Allgemeinen damit erklärt, dass im Schöpfungsbericht über den eigentlichen Plan Gottes berichtet wird, wonach Tiere eben nicht zur Nahrung der Menschen getötet werden sollen, dass aber dann, wegen der Unvollkommenheit der Menschen in den Noach verkündeten Weisungen diesen zugestanden wird, dass sie auch Tiere töten dürfen, um auf diese Weise mit ausreichend Nahrung ausgestattet zu werden.

 

Oder nehmen wir als zweites Beispiel den Fall, dass entsprechend der Thora eine Ehebrecherin gesteinigt werden musste, während Jesus der Ehebrecherin, welche die Schriftgelehrten Jesu vorführten, ihre Taten ohne Bestrafung verzieh und sie lediglich aufforderte, nicht mehr zu sündigen, also umzukehren. So heißt es im Levitikus Kapitel 20:

 

10 ‚Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, wird mit dem Tod bestraft, der Ehebrecher samt der Ehebrecherin.‘

 

Im Johannesevangelium Kapitel 8 lesen wir hingegen:

 

2 Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.

3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte

4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.

5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?

6 Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.

8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

9 Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.

10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?

11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!‘

 

Auch hier können wir davon ausgehen, dass in der Thora für Ehebrecher die Todesstrafe vorgesehen ist, weil die Israeliten nur dadurch dazu bewegt werden konnten, die Ehe einzuhalten, wenn ein Ehebruch bestraft, ja sogar mit der schwersten Strafe verhängt wird. In Wirklichkeit ist für Gott jedoch von entscheidender Bedeutung, dass die Menschen ihre Sünden bereuen und zur Umkehr bereit sind, die Bestrafung hier auf Erden tritt demgegenüber in den Hintergrund.

 

Eine gerechte Bestrafung ist hier auf Erden ohnehin nicht möglich, da wir nicht in die Herzen der Menschen schauen können und damit niemals die Frage eindeutig klären können, wie groß der Anteil der Schuld des Einzelnen ist. Stets haben wir davon auszugehen, dass neben der persönlichen Verantwortung immer auch unterschiedliche Erbfaktoren, Erziehung und Umwelteinflüsse eine Tat mitbestimmen. Nur Gott, der in unsere Herzen schauen kann, weiß im Einzelfall, welchen Anteil der einzelne Sünder an seiner Tat hat und wird auch die Sünder im Endgericht gerecht bestrafen.

 

In gleicher Weise müssen wir davon ausgehen, dass auch im Hinblick auf das Zulassen einer Versklavung zwischen den langfristig gültigen Plänen Gottes und der Realisierung dieser Pläne hier auf Erden aufgrund der Unvollkommenheit der Menschen unterschieden werden kann. Eine Versklavung einzelner Menschen ist sicherlich in Gottes Plan nicht vorgesehen. Trotzdem müssen wir mit der Möglichkeit rechnen, dass in einem bestimmten historischen Umfeld auch eine Versklavung geduldet wird, da nur auf diese Weise die Menschen überhaupt bereit sind, die Weisungen Gottes zu befolgen.

 

Wenden wir uns nun den Fällen zu, in denen Israeliten selbst in Israel zu Sklaven gemacht wurden. Hier finden sich im Gegensatz zur Versklavung von Menschen, die nicht dem israelitischen Volksstamm angehören, wohl keine Bibelstellen, aus denen hervorzugehen scheint, dass Gott selbst diese Art von Versklavung aufgrund wirtschaftlichen Konkurses befohlen oder auch nicht ausdrücklich geduldet hatte.

 

Natürlich müssen auch in der Thora die Fälle Erwähnung finden, in denen Menschen Mitmenschen gegen den ausdrücklichen Befehl Gottes versklaven. Dass trotzdem in der Thora dieses Verhalten nicht schärfstens bestraft wird, dürfte dann wiederum mit der Schwäche der Menschen erklärt werden können.

 

Hier finden sich jedoch in der Thora Vorkehrungen, um zumindest die schlimmsten Auswüchse einer Versklavung von Israeliten durch Israeliten zu verhindern. Im Buch Levitikus Kapitel 25 wird die Einrichtung eines Jubeljahres gefordert:

 

8 ‚Du sollst sieben Jahreswochen, siebenmal sieben Jahre, zählen; die Zeit von sieben Jahreswochen ergibt für dich neunundvierzig Jahre.

9  Im siebten Monat, am zehnten Tag des Monats, sollst du das Signalhorn ertönen lassen; am Versöhnungstag sollt ihr das Horn im ganzen Land ertönen lassen.

10  Erklärt dieses fünfzigste Jahr für heilig und ruft Freiheit für alle Bewohner des Landes aus! Es gelte euch als Jubeljahr. Jeder von euch soll zu seinem Grundbesitz zurückkehren, jeder soll zu seiner Sippe heimkehren…

 

23  Das Land darf nicht endgültig verkauft werden; denn das Land gehört mir und ihr seid nur Fremde und Halbbürger bei mir.

24  Für jeden Grundbesitz sollt ihr ein Rückkaufrecht auf das Land gewähren.

25  Wenn dein Bruder verarmt und etwas von seinem Grundbesitz verkauft, soll sein Verwandter als Löser für ihn eintreten und den verkauften Boden seines Bruders auslösen.

26  Hat einer keinen Löser, hat er aber die nötigen Mittel für den Rückkauf selbst aufgebracht,

27  dann soll er die Jahre seit dem Verkauf anrechnen und den Restbetrag dem Käufer zurückzahlen; sein Grundbesitz fällt an ihn zurück.

28  Bringt er die nötigen Mittel für diese Ersatzleistung nicht auf, dann soll der verkaufte Grund bis zum Jubeljahr im Besitz des Käufers bleiben. Im Jubeljahr wird das Grundstück frei und es kommt wieder zu seinem Besitz.

29  Verkauft jemand ein Wohnhaus in einer ummauerten Stadt, so besteht das Rückkaufrecht bis zum Ablauf des Jahres, das dem Verkauf folgt; sein Rückkaufrecht ist zeitlich beschränkt.

30  Erfolgt der Rückkauf bis zum Ablauf des Jahres nicht, dann soll das Haus innerhalb der ummauerten Stadt dem Käufer und seinen Nachkommen endgültig verbleiben; er braucht es im Jubeljahr nicht zu verlassen.

31  Aber die Häuser in Dörfern, die nicht von Mauern umgeben sind, werden als Bestandteil des freien Feldes betrachtet; für sie besteht ein Rückkaufrecht und der Käufer muss es im Jubeljahr verlassen.‘

 

Hier wird deutlich, dass die Praxis der Versklavung durchaus zur Kenntnis genommen wird, dass sie aber als unerwünscht angesehen wird und dass zumindest Maßnahmen vorgesehen werden, um eine Ausweitung der Versklavung so weit wie möglich einzudämmen.

 

Allerdings ist es umstritten, ob diese Forderungen nach einem Jubeljahr im geschichtlichen Verlauf tatsächlich eingehalten wurden. Bisweilen wird die Vermutung geäußert, dass die Einrichtung eines Jubeljahres lediglich eine Zukunftsvision darstelle, die dann, wenn der Messias gekommen ist, verwirklicht werden könnte.