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Widersprüche in der Bibel

 

 

Gliederung:

 

 1. Inspiration des Hl. Geistes und Widersprüche in der Bibel

 2. Schöpfungsbericht

 3. Erbsünde, Voraussetzung für Schuld ist das Können

 4. Rächender Gott bis ins Dritte Glied- barmherziger Gott

 5. Freiheit des Menschen - Vorherbestimmung

 6. Holocaust und Allmacht Gottes

 7. Feindesliebe - Vernichtung der Feinde durch Gott

 8. Tod Jesu notwendig zur Erlösung der Menschen?

                 9. Ein Gott drei Personen

                 10. Bindung Gottes an Entscheidungen der Kirchenbehörde

                 11. Gleichheit vor Gott und Patriarchalismus

                 12. Am Sabbat heilen trotz Sabbatruhe

                 13. Von Gott kein Bildnis machen - Jesusbilder

                 14. Kein Reicher geht ins Himmelreich ein, trotzdem ist Zachäus Heil widerfahren.

                 15. Alle Sünden werden vergeben, nicht die Sünde gegen den heiligen Geist

 

 

 

Kapitel 10. Bindung Gottes an Entscheidungen der Kirchenbehörde

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Der Kontext dieser Aussage

3. Beispiel: letztrichterliche Entscheidung

4. Zeitliche Reihenfolge von Entscheidung und Anerkennung

 

 

 

1. Das Problem

 

Im Matthäusevangelium Kapitel 18,18 steht geschrieben:

 

‚Amen, ich (Jesus) sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.‘

 

Nur wenige Textpassagen des Neuen Testamentes sind so kontrovers in der Frage, wie denn diese Aussage zu interpretieren sei und ob Jesus tatsächlich mit dieser Aussage einen Freibrief für alle missbräuchlichen Handlungen der Kirchenbehörden ausgestellt hat.

 

In der Tat muss festgestellt werden, dass die Kirchenbehörden und auch die Staaten vor allem im Mittelalter wiederholt eindeutig missbräuchliches Handeln wohl auf dieser Grundlage durchgeführt und auch gerechtfertigt haben.

 

So hat z. B. Karl der Große bei seinem Kampf gegen die Sachsen alle Personen, welche nicht bereit waren, ihrem heidnischen Glauben abzuschwören und sich taufen zu lassen, niedergemetzelt. Es entspricht jedoch christlichem Glauben, dass sich die Menschen freiwillig zu Gott bekennen.

 

Auch im Zusammenhange mit den Kreuzzügen, welche zu Beginn des 12. und während des 13. Jahrhunderts stattgefunden haben, wurden viele Menschen ungerechtfertigt abgeschlachtet. Als Papst Urban der II. am 27. November 1095 die Christen auf der Synode von Clermont zum Kreuzzug in das Heilige Land aufgerufen hatte, war ein Hilferuf des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos um militärische Unterstützung gegen die Seldschuken vorausgegangen. Seit 638 stand Jerusalem unter muslimischer Herrschaft.

 

Papst Urban II. verstand die Eroberung des Heiligen Landes und die Zurückdrängung der Sarazenen in erster Linie als ein Akt der Verteidigung des Christentums. Urban II. forderte deshalb, die in Jerusalem herrschenden Muslime zu vertreiben und in Jerusalem die heiligen Stätten der Christen wiederum zurückzuerobern.

 

Aber bereits bei diesem ersten Kreuzzug wurden auf dem Wege nach Jerusalem  von den am Kreuzzug teilnehmenden Kreuzrittern tausende von Juden und Christen wahllos niedergeschlachtet. Trotzdem bestanden die folgenden Päpste auf Fortführung der Kreuzzüge und belegten die Herrscher, welche nicht bereit waren, sich an diesen kriegerischen Auseinandersetzung zu beteiligen, in den Kirchenbann. Die Kreuzzüge wurden so sehr schnell zur Verwirklichung und Erhaltung rein weltlicher Machtinteressen instrumentalisiert und die Päpste nutzten diese Kreuzzüge im Kampf um die Vorherrschaft der Kirche gegenüber den weltlichen Königen und Kaisern.

 

Als es dann Kaiser Friedrich II. am 18. Februar 1229 gelungen war, nicht durch kriegerische Eroberungen, sondern auf dem Wege friedlicher Verhandlungen einen Kompromiss mit den Muslimen abzuschließen, der im Frieden von Jaffa besiegelt wurde und den Christen Jerusalem, Bethlehem, Lydda und wohl auch Nazareth zurückgegeben hatte, wurde trotz dieses Erfolges (Zurückeroberung Jerusalems ohne große Menschenverluste) der Bann gegen Friedrich II. erst sehr viel später und zwar im Jahre 1231 aufgehoben, das Verhältnis zwischen Papst und Kaiser besserte sich auch danach kaum. Es ging hier den Päpsten gar nicht mehr um das eigentliche Ziel, um derentwillen diese Kreuzzüge begonnen wurden, sondern in erster Linie darum, die Machtstellung des Kaisers, der nicht bereit war, die Vorherrschaft des Papstes anzuerkennen, zu schwächen.

 

Auch die zahlreichen Verurteilungen der als Ketzer verfolgten Personen seitens der Inquisition sind ein Beispiel dafür, dass die Kirche im Mittelalter lange Zeit wohl unter Berufung auf das Bindungsrecht der Kirche ihre Macht eindeutig missbraucht hat. Als z. B. Galilei im Jahre 1633 der Prozess seitens der Inquisition gemacht wurde, ging es nicht darum, dass Galilei den christlichen Glauben geleugnet oder wesentliche Teile der christlichen Dogmen bezweifelt hatte, er wurde allein wegen seiner Überzeugung, dass das in der Bibel gezeichnete geozentrische Weltbild den Beobachtungen nicht entspreche und deshalb durch das empirisch belegte kopernikanische Weltbild ersetzt werden müsse, angeklagt. Es ging also hier um eine rein wissenschaftliche Frage, die nach heutiger Überzeugung kein Gegenstand der in der Bibel niedergelegten Glaubensgrundsätze sein kann. Also lag auch hier wiederum eindeutig ein massiver Missbrauch der Inquisition in Anwendung ihrer Rechte zum Binden und Lösen vor.

 

Nun könnte man ja immer noch von der Überzeugung ausgehen, dass dieser Missbrauch unerwartet aufgetreten sei, Jesus hätte damals, als er dieses Bindungsrecht ausgesprochen hatte, davon ausgehen können, dass seine Jünger und deren Nachfolger stets nur im Sinne dieses Auftrages handeln würden und dass deshalb auch nicht mit missbräuchlicher Anwendung dieses Grundsatzes in so starkem Maße gerechnet werden konnte.

 

Aber gerade diese Annahme widerspricht dem Text der Bibel. In der Heiligen Schrift und zwar im Alten wie auch im Neuen Testament erfahren wir immer wieder von Verfehlungen einzelner Juden. Hierbei handelt es sich keinesfalls nur oder auch nur vorwiegend um Verfehlungen der einfachen Menschen, die Heilige Schrift berichtet uns vielmehr wiederholt über Missetaten und Verbrechen, welche von den von Gott auserwählten Königen sowie von Jüngern und Aposteln Jesu begangen wurden.

 

So beging Moses, der wohl größte und bedeutungsvollste Prophet des Alten Testamentes, einen Mord, bevor er von Jahwe beauftragt wurde, die Israeliten aus Ägypten herauszuführen. Im Kapitel 2 des zweiten Buches Moses Genesis lesen wir:

 

11 ‚Die Jahre vergingen und Mose wuchs heran. Eines Tages ging er zu seinen Brüdern hinaus und schaute ihnen bei der Fronarbeit zu. Da sah er, wie ein Ägypter einen Hebräer schlug, einen seiner Stammesbrüder.

12 Mose sah sich nach allen Seiten um, und als er sah, dass sonst niemand da war, erschlug er den Ägypter und verscharrte ihn im Sand.

13 Als er am nächsten Tag wieder hinausging, sah er zwei Hebräer miteinander streiten. Er sagte zu dem, der im Unrecht war: Warum schlägst du deinen Stammesgenossen?

14 Der Mann erwiderte: Wer hat dich zum Aufseher und Schiedsrichter über uns bestellt? Meinst du, du könntest mich umbringen, wie du den Ägypter umgebracht hast? Da bekam Mose Angst und sagte: Die Sache ist also bekannt geworden.

15  Der Pharao hörte von diesem Vorfall und wollte Mose töten; Mose aber entkam ihm.‘

 

Hier wird deutlich, dass die Heilige Schrift keinesfalls nur von den Heldentaten der Auserwählten Gottes in leuchtenden Farben schildert, die Welt wird nicht in Heilige und Verbrecher aufgeteilt, auch und gerade diejenigen Juden, welche Gott zur Führung des israelitischen Volkes ausgewählt hatte, unterliegen ebenfalls der Versuchung, Gottes Gebote zu missachten. Zwar hatte Moses diesen hier erzählten Totschlag nicht wie ein Mörder geplant, er sah rein zufällig, wie ein ägyptischer Sklavenaufseher einen Hebräer – vermutlich sogar unberechtigt – schlug, sein Herz schlug für seine versklavten Mitbrüder, durchaus ein lobenswerter Charakterzug. Aber sicherlich konnte man nicht davon sprechen, dass die Tötung des Ägypters notwendig war, um den Hebräer zu retten.

 

In ähnlicher Weise finden wir auch im zweiten Buch Samuel in Kapitel 11 Hinweise dafür, dass selbst David, der gesalbte König Israels, nicht vor einem Mord zurückschreckte. Voraus ging der Ermordung des Hetiters Urija, eines Befehlshabers von David, ein Ehebruch mit der Frau des Hetiters:

 

11,2 ‚Als David einmal zur Abendzeit von seinem Lager aufstand und auf dem Flachdach des Königspalastes hin– und herging, sah er von dort aus eine Frau, die badete. Die Frau war sehr schön anzusehen.

11,3 David schickte jemand hin und erkundigte sich nach ihr. Man sagte ihm: Das ist Batseba, die Tochter Ammiëls, die Frau des Hetiters Urija.

11,4 Darauf schickte David Boten zu ihr und ließ sie holen; sie kam zu ihm, und er schlief mit ihr – sie hatte sich gerade von ihrer Unreinheit gereinigt. Dann kehrte sie in ihr Haus zurück.

11,5 Die Frau war aber schwanger geworden und schickte deshalb zu David und ließ ihm mitteilen: Ich bin schwanger.

11,6 Darauf sandte David einen Boten zu Joab (und ließ ihm sagen): Schick den Hetiter Urija zu mir! Und Joab schickte Urija zu David.

11,7 Als Urija zu ihm kam, fragte David, ob es Joab und dem Volk gut gehe und wie es mit dem Kampf stehe.

Dann sagte er zu Urija: Geh in dein Haus hinab und wasch dir die Füße! Urija verließ das Haus des Königs und es wurde ihm ein Geschenk des Königs nachgetragen.

9  Urija aber legte sich am Tor des Königshauses bei den Knechten seines Herrn nieder und ging nicht in sein Haus hinab.

10  Man berichtete David: Urija ist nicht in sein Haus hinabgegangen. Darauf sagte David zu Urija: Bist du nicht gerade von einer Reise gekommen? Warum bist du nicht in dein Haus hinuntergegangen?

11,11 Urija antwortete David: Die Lade und Israel und Juda wohnen in Hütten und mein Herr Joab und die Knechte meines Herrn lagern auf freiem Feld; da soll ich in mein Haus gehen, um zu essen und zu trinken und bei meiner Frau zu liegen? So wahr du lebst und so wahr deine Seele lebt, das werde ich nicht tun.

11,12 Darauf sagte David zu Urija: Bleib auch heute noch hier; morgen werde ich dich wegschicken. So blieb Urija an jenem Tag in Jerusalem. Am folgenden Tag

11,13 lud David ihn ein, bei ihm zu essen und zu trinken, und machte ihn betrunken. Am Abend aber ging Urija weg, um sich wieder auf seinem Lager bei den Knechten seines Herrn niederzulegen; er ging nicht in sein Haus hinab.

11,14 Am anderen Morgen schrieb David einen Brief an Joab und ließ ihn durch Urija überbringen.

11,15  Er schrieb in dem Brief: Stellt Urija nach vorn, wo der Kampf am heftigsten ist, dann zieht euch von ihm zurück, sodass er getroffen wird und den Tod findet.

11,16  Joab hatte die Stadt beobachtet und er stellte Urija an einen Platz, von dem er wusste, dass dort besonders tüchtige Krieger standen.

11,17  Als dann die Leute aus der Stadt einen Ausfall machten und gegen Joab kämpften, fielen einige vom Volk, das heißt von den Kriegern Davids; auch der Hetiter Urija fand den Tod.‘

 

Im Gegensatz zu dem Beispiel aus der Geschichte Moses lag bei David eindeutig ein geplanter Mord vor, der zusätzlich noch ausdrücklich dazu diente, den zuvor begangenen Ehebruch Davids mit der Frau des Hetiters und deren Folgen (das Schwangerwerden der Frau) zu vertuschen und deshalb aus niederen Beweggründen erfolgte, welche die Schwere der Tat noch vergrößerten. Aber selbst hier wurde der König nicht dafür bestraft, dass er sofort abdanken musste, es reichte auch hier wiederum aus, dass der König echte Reue zeigte und bereit war umzukehren.

 

Im ersten Buch der Könige in Kapitel 11 erfahren wir von den Vergehen Salomos:

 

1 ‚König Salomo liebte neben der Tochter des Pharao noch viele andere ausländische Frauen: Moabiterinnen, Ammoniterinnen, Edomiterinnen, Sidonierinnen, Hetiterinnen.

2  Es waren Frauen aus den Völkern, von denen der Herr den Israeliten gesagt hatte: Ihr dürft nicht zu ihnen gehen und sie dürfen nicht zu euch kommen; denn sie würden euer Herz ihren Göttern zuwenden. An diesen hing Salomo mit Liebe.

3  Er hatte siebenhundert fürstliche Frauen und dreihundert Nebenfrauen. Sie machten sein Herz abtrünnig.

4  Als Salomo älter wurde, verführten ihn seine Frauen zur Verehrung anderer Götter, sodass er dem Herrn, seinem Gott, nicht mehr ungeteilt ergeben war wie sein Vater David.

5  Er verehrte Astarte, die Göttin der Sidonier, und Milkom, den Götzen der Ammoniter.

6  Er tat, was dem Herrn missfiel, und war ihm nicht so vollkommen ergeben wie sein Vater David.

7  Damals baute Salomo auf dem Berg östlich von Jerusalem eine Kulthöhe für Kemosch, den Götzen der Moabiter, und für Milkom, den Götzen der Ammoniter.

8  Dasselbe tat er für alle seine ausländischen Frauen, die ihren Göttern Rauch– und Schlachtopfer darbrachten.

9  Der Herr aber wurde zornig über Salomo, weil sich sein Herz von ihm, dem Gott Israels, abgewandt hatte, der ihm zweimal erschienen war 

10  und ihm verboten hatte, fremden Göttern zu dienen. Doch Salomo hielt sich nicht an das, was der Herr von ihm verlangt hatte.

11  Daher sprach der Herr zu ihm: Weil es so mit dir steht, weil du meinen Bund gebrochen und die Gebote nicht befolgt hast, die ich dir gegeben habe, werde ich dir das Königreich entreißen und es deinem Knecht geben.

12  Nur deines Vaters David wegen werde ich es nicht schon zu deinen Lebzeiten tun; erst deinem Sohn werde ich es entreißen.

13  Doch werde ich ihm das Königtum nicht ganz entreißen; ich lasse deinem Sohn noch einen Stamm wegen meines Knechtes David und wegen Jerusalem, der Stadt, die ich erwählt habe.‘

 

Hier erfahren wir, dass der auserwählte und sonst so gepriesene König Salomo gegen das wichtigste Gebot des Dekalogs mehrfach verstieß: Er errichtete Tempel heidnischer Götter und verehrte diese, nur um einer seiner zahlreichen Frauen zu gefallen.

 

Auch das Neue Testament berichtet von Verfehlungen der Jünger Jesu. Nehmen wir das Beispiel des Petrus, welcher nach der Verhaftung Jesu diesen im Vorhof des Kaiphas gegenüber einer dort anwesenden Magd dreimal hintereinander verleugnet hat: ‚Wahrlich ich kenne diesen Menschen nicht‘. Und ausgerechnet diesen Menschen hat Jesus zu seinem Nachfolger bestimmt: ‚Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen‘. (Matthäus Kapitel 16,18).

 

Und diese Erwählung erfolgte keinesfalls aus Unkenntnis darüber, dass Petrus Jesus später dreimal verraten werde, vielmehr hatte Jesus diesen Verrat bereits nach dem letzten, mit den Aposteln gemeinsam gefeierten Passahmahl beim Gang auf den Ölberg vorausgesagt: ‚Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.‘ (Matthäus Kapitel 26,34)

 

Diese Hinweise zeigen: Wir können nicht davon ausgehen, das der Bindungsauftrag Jesu an die Jünger nur deshalb erfolgte, weil davon ausgegangen werden konnte, dass die Jünger immer ihrem Auftrag gemäß handeln und niemals in missbräuchlicher Weise von diesem Auftrag Gebrauch machen.

 

Ganz im Gegenteil ist davon auszugehen, dass Jesus in voller Kenntnis der Anfälligkeit der Menschen diese Festlegung vornahm. Es gibt aber andererseits keinen Sinn, dass auch in den Fällen, in denen die Handlungen der Kirche eindeutig den Weisungen Gottes widersprechen, davon ausgegangen werden kann, dass solche Weisungen trotzdem auch im Himmel, also von Gott als bindend angesehen werden. Also scheint die oben unterstellte Interpretation selbst fragwürdig zu sein. Es bedarf offensichtlich einer anderen Deutung dieser Aussage.

 

 

2. Der Kontext dieser Aussage

 

Wesentliche Voraussetzung dafür, dass wörtliche Zitate den in diesen Texten zu vermittelnden Inhalt korrekt wiedergeben, ist die Erfüllung der Forderung, dass die zitierten Passagen nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden. Es ist nicht möglich, den Sinn bestimmter Aussagen zu erkennen, wenn man die einzelnen Sätze isoliert von einander analysiert. Oftmals lässt erst der Zusammenhang mit den Sätzen, welche der zitierten Stelle vorausgehen bzw. ihr folgen, den wahren Sinn einer Aussage erkennen.

 

Dass es möglich ist, den Sinn einer Aussage sogar in sein Gegenteil zu verwandeln, wird besonders deutlich bei der Analyse der Emser Depesche.

 

Zur Erinnerung:  Im Jahre 1868 war der spanische Thron verwaist, da die bisherige Königin Isabella vertrieben worden war. Die Spanier bemühten sich um eine Kandidatur des Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen. Der französische Kaiser Napoleon III. setzte sich nun bei dem preußischen König Wilhelm I. dafür ein, mit aller Gewalt diese Thronfolge zu verhindern, er drohte auch mit Krieg, falls es dazu komme, dass Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen den spanischen Thron besteige. Napoleon III. befürchtete nämlich, dass Frankreich in diesem Falle von einer Allianz zwischen Spanien, Österreich und Preußen eingekreist werde.

 

Es fanden mehrere Gespräche zwischen dem französischen Botschafter und dem deutschen Kaiser statt, in denen Frankreich darauf drang, dass sich der preußische König öffentlich festlegte, eine solche Kandidatur nicht zu dulden. Auch nachdem Prinz Leopold auf eine Kandidatur verzichtet hatte, bestand Frankreich nach wie vor auf eine formelle Ablehnung einer Kandidatur des Prinzen Leopold auch für alle Zukunft.

 

König Wilhelm I. lehnte dieses Ansinnen ab, da eine solche Festlegung seiner Meinung nach einer Demütigung Preußens gleichkäme. Nach seinem letzten Gespräch in dieser Sache mit dem französischen Botschafter Graf Benedetti in Bad Ems ließ der König seinem Bundeskanzler Bismarck eine Depesche zukommen, in der er mitteilen ließ, dass er es gegenüber Graf Benedetti abgelehnt habe, sich für alle Zeiten in dieser Frage festzulegen, im Übrigen habe er darauf hingewiesen, dass er noch einen ausführlichen Bericht seitens Bismarck erwarte und deshalb ohnehin in diesem Gespräch noch nichts Endgültiges sagen konnte.

 

In einem weiteren Absatz erwähnt die Depesche, dass er (der König) in der Zwischenzeit den Bericht Bismarcks erhalten habe und dass er danach durch einen Adjutanten dem französischen Botschafter sagen ließ, dass er diese Nachricht nun erhalten habe, dass sich aber seine ablehnende Haltung gegenüber einer Festlegung für alle Zeiten seit dem letzten Gespräch mit dem französischen Gesandten nicht verändert habe und dass sich deshalb ein weiteres Gespräch in dieser Frage erübrige. Die Depesche endet mit dem Hinweis, dass der König Bismarck anheimstelle, den Inhalt dieser Depesche der Presse mitzuteilen.

 

Bismarck ließ nun diese Emser Depesche in einer etwas verkürzten Form veröffentlichen. Es wird darin festgehalten, dass der französische Gesandte auch nach dem offiziellen Rücktritt des Prinzen Leopold von einer Kandidatur auf den spanischen Thron den preußischen König Wilhelm I. aufgefordert habe, für alle Zeiten sich gegen eine Kandidatur von Leopold auszusprechen. Es folgt dann unmittelbar der Satz, der König habe es hierauf abgelehnt, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, dass Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter zu sagen habe.

 

In dieser Form musste die Verlautbarung des preußischen Königs wie ein Affront gegenüber Frankreich erscheinen, vor allem auch deshalb, weil das französische Büro bei der Übersetzung dieser Depesche ins Französische nicht von einem Adjutanten, sondern von einem Unteroffizier sprach. König Wilhelm hatte jedoch in keiner Weise die Absicht, den französischen Kaiser vor den Kopf zu stoßen und zu beleidigen, er wollte nur zum Ausdruck bringen, dass er eben nicht dem Wunsch des französischen Kaisers in der Sache folgen könne und dass sich seine Meinung in dieser Frage seit der letzten Unterredung mit dem französischen Botschafter nicht verändert habe und dass sich aus diesen Gründen ein weiteres Treffen erübrige.

 

Soweit zur Emser Depesche als Beispiel dafür, dass auch wörtliche Zitate etwas verkürzt den Sinn einer Aussage in ihr Gegenteil kehren können.

 

Wenn es also möglich ist, dass der Sinn wörtlicher Zitate, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen werden, in sein Gegenteil umgedreht werden kann, haben wir als erstes zu überprüfen, ob durch Isolierung des Satzes über die Bindung des Himmels an die Entscheidungen hier auf Erden diese Aussage Jesu nicht einfach deshalb sinnentstellt wurde, weil dieser Satz aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Fragen wir uns also danach, in welchem Zusammenhang dieser hier zur Diskussion stehende Satz von der Bindung des Himmels an Entscheidungen hier auf Erden steht. Im Matthäusevangelium Kapitel 18 steht geschrieben:

 

15  ‚Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.

16  Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. 

17  Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.

18  Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.

19  Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.

20  Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.‘

 

Diese Passage zeigt deutlich, dass es Jesus nach Matthäus mit seiner Aussage nicht etwa darum ging, den Jüngern und ihren Nachfolgern einen Freibrief auszustellen, mit sündigen Menschen so zu verfahren, wie sie es für richtig halten. Es wird vielmehr in der Weiterführung dieser Rede gezeigt, dass Jesus uns aufgefordert hat, den Menschen, welche sich gegen uns versündigt haben, zu verzeihen und dies nicht nur einmal oder zweimal oder siebenmal, sondern immer wieder:

 

21 ‚Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal?

22  Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.‚

 

In Wirklichkeit geht es somit an dieser Stelle darum aufzuzeigen, wie nach christlicher Überzeugung mit sündigen Menschen verfahren werden soll und diese Passagen stehen in klarem Widerspruch zu der sonst üblichen Praxis in unseren Staatengemeinschaften, Vergehen gegen Gesetze sofort anzuzeigen und gerichtlich zu verfolgen. Im Gegensatz zu dieser üblichen Praxis weist uns Jesus nach dem Zeugnis des Matthäus darauf hin, dass wir mit sehr viel mehr Nachsicht und Barmherzigkeit vorgehen sollen.

 

In einem ersten Schritt sind wir aufgefordert, den Bruder, der sich gegen uns versündigt hat, aufzusuchen und ihn in einem persönlichen Vieraugengespräch zu ermahnen. War dieses Gespräch erfolgreich, so sei die Angelegenheit erledigt. Zur Wiederherstellung der Ordnung bedarf es also in diesem Falle keinesfalls einer Bestrafung des Sünders.

 

Wenn aber dieses Vieraugengespräch den Sünder nicht dazu geführt hat, einzulenken und nachzugeben, dann sollen in einem zweiten Gespräch ein oder zwei Männer zu diesem Gespräch hinzugezogen werden, damit der Schuldige unter Zeugen seine Haltung korrigieren kann und wenn er dann zur Umkehr bereit ist, gilt die Angelegenheit wiederum als erledigt.

 

War auch dieser zweite Versuch erfolglos, soll der Fall vor die Gemeinde gebracht werden und also in aller Öffentlichkeit der Versuch gemacht werden, den Sünder zur Umkehr zu bewegen. Also soll in diesem dritten Schritt immer noch nicht der Sünder der staatlichen (oder auch kirchlichen) Gerichtsbarkeit zugeführt und öffentlich angeklagt werden.

 

Erst dann, wenn auch dieser dritte Versuch erfolglos bleibt und der Sünder also verstockt bleibt, dann also – quasi als ultima ratio – soll der Sünder wie ein Heide behandelt werden und dies bedeutet dann, dass er in einem letzten Schritt auch aus der Gemeinde ausgeschlossen werden kann und dass in diesem Falle diese Entscheidung auch im Himmel akzeptiert wird.

 

Dadurch, dass wir also die Aussage über die Bindung im Himmel in seinen unmittelbaren größeren Zusammenhang gestellt haben, entpuppt sich der Sinn dieser Aussage geradezu als Gegenteil von dem ersten Eindruck. Es soll mit dieser Textstelle keinesfalls ein Freibrief für die Kirchenbehörde ausgestellt werden, diese wird auf keinen Fall ermutigt, bei Verfehlungen besonders hart und sofort ohne großes Federlesen zuzugreifen, sondern ganz im Gegenteil soll durch diese Aufforderung zu Nachsicht und behutsamen Vorgehen alles unternommen werden, dass es eben gerade nicht zur Bestrafung oder sogar zu einem Ausschluss aus der Gemeinde kommt.

 

In diesem Lichte war auch das Vorgehen der Inquisition gegen die Ketzer alles andere als Vollzug der Weisungen, welche Jesus im Zusammenhang mit dem Bindungssatz den Jüngern gegeben hatte. Anstatt dass man zunächst diejenigen, welche nach Meinung der Kirchenbehörde vom wahren Weg des Glaubens abgewichen waren, in brüderlichen Gesprächen und mit barmherziger Nachsicht vom wahren Glauben zu überzeugen versuchte, waren die Vertreter der Inquisition bemüht, die als Ketzer bezeichneten Sünder durch Folter und Androhung von ewigen Höllenqualen ein Geständnis heraus zu pressen. Dies war aber eindeutig das Gegenteil von dem, das Jesus den Jüngern an der besagten Stelle empfohlen hatte.

 

 

3. Beispiel: letztrichterliche Entscheidung

 

Der Satz der Bindung lässt sich zweitens auch dadurch erhellen, dass wir einen Vergleich damit heranziehen, wie denn in der staatlich weltlichen Ordnung vorgegangen wird, wenn Verfehlungen geahndet werden sollen. Wir hatten bereits darauf hingewiesen, dass Vergehen im Prinzip sofort nach ihrer Kenntnisnahme verfolgt werden. Aber es gibt im Allgemeinen mehrere Instanzen, welche ein Vergehen zu ahnden haben. Wenn ein Vergehen in einer erstrichterlichen Instanz zu einer Verurteilung und zu der Verhängung einer Strafe geführt hat, kann dieses Urteil in aller Regel auf einer Revisionsinstanz angefochten werden. Bei besonders bedeutungsvollen Entscheidungen wird eine dritte Instanz zugelassen, welche auch das zweitrichterliche Urteil revidieren kann. Diese dritte Instanz bringt dann auch ein letztrichterliches Urteil, das dann nicht mehr angefochten werden kann.

 

Nun bedarf es offensichtlich in jedem Rechtsstaat dieser Einrichtung: Immer dann, wenn auf wissenschaftlicher Ebene und auf der Ebene der unteren Gerichtsinstanzen rechtliche Fragen nicht eindeutig geklärt werden konnten, lassen sich die rechtsstaatlichen Prinzipien nur dann aufrechterhalten, wenn dieser Streit damit beendet wird, dass ein oberstes Gericht diese Frage verbindlich entscheidet.

 

Ohne ein solches Grundsatzurteil würden sowohl das Prinzip der Rechtsgleichheit sowie der Rechtssicherheit in gravierender Weise verletzt. Wenn in einer bestimmten Rechtsfrage keine Einigung erzielt werden kann, besteht die Gefahr, dass gleich gelagerte Rechtsfälle von den verschiedenen Gerichten unterschiedlich entschieden werden und das würde bedeuten, dass das Prinzip: ‚gleiches Recht für alle‘ verletzt würde. Je nachdem, bei welchem Gericht ein Rechtsstreit anfällig wäre, könnte nämlich unter Umständen der gleiche Streit anders entschieden werden.

 

Während es sich bei der Forderung nach gleichem Recht für alle um ein Problem der Gerechtigkeit handelt, ist bei Verletzungen der Rechtssicherheit die wirtschaftliche Effizienz der Betroffenen gefährdet. Die Tatsache, dass es nicht sicher ist, wie im Falle eines zukünftigen Rechtsstreites entschieden wird, also Urteile in unterschiedlicher Festlegung möglich erscheinen, erhöht das Risiko, das Unternehmer bei ihren Produktions- und Investitionsentscheidungen eingehen, ganz erheblich.

 

Die Frage, ob eine an und für sich notwendige Produktions- oder Investitionsentscheidung auch tatsächlich ergriffen wird, hängt aber entscheidend von der Höhe des jeweiligen Risikos ab. Vergrößert sich diese Unsicherheit, so besteht die Gefahr, dass auch Investitionen, die aufgrund ihres allgemeinen Risikos als volkswirtschaftlich erwünscht angesehen werden können, nun einfach nur deshalb unterbleiben, weil zu den allgemeinen Risiken nun noch die Unsicherheit über mögliche rechtliche Folgen hinzukommt. In einer solchen Atmosphäre entsteht jedoch auch kein allgemein geteiltes Rechtsbewusstsein.

 

Nur dadurch, dass bei solchen offenen rechtlichen Streitfragen ein oberstes Gericht diese Unsicherheit beenden kann, werden diese beiden negativen Folgen einer Rechtsungleichheit und Rechtsunsicherheit weitgehend vermieden.

 

Nun bedeutet diese Notwendigkeit abschließender Grundsatzurteile natürlich nicht, dass diese Urteile in jedem Falle sachlich richtig sein müssen. Auch die Richter an den obersten Gerichten sind sicherlich nicht unfehlbar, auch bei dieser Gruppe von Personen muss wie für alle Bevölkerungsgruppen damit gerechnet werden, dass ab und zu falsche Entscheidungen, also in unserem Beispiel falsche Urteile gefällt werden. Dies anzuerkennen mindert in keiner Weise die Verpflichtung, dass diese Grundsatzurteile von jedem anerkannt werden müssen, gleichgültig, ob der einzelne Betroffene das konkrete Urteil für sachlich richtig oder falsch ansieht.

 

Im Grunde genommen geht es nämlich in diesem Falle gar nicht in erster Linie um die Frage, ob eine Entscheidung sachlich richtig ist oder nicht, vielmehr geht es hierbei allein darum, dass immer dann, wenn sich mit sachlichen Argumenten keine Einigung erzielen lässt, trotzdem eine Entscheidung getroffen werden muss, weil nur auf diese Weise die allgemeinen Rechtsprinzipien eingehalten werden können.

 

Man kann hier durchaus zugeben, dass dann, wenn auf diese Weise ein Fehlurteil gefällt wird, der Volkswirtschaft ein Schaden zugefügt wird. Wenn aber trotzdem an diesem Urteil festgehalten werden muss, so deshalb, weil der Schaden auf lange Sicht sehr viel größer wäre, wenn ohne diese Möglichkeit zu Grundsatzentscheidungen Rechtsungleichheit und Rechtsunsicherheit bei fast allen strittigen Fragen eintreten würde. Der Schaden, welcher bei einer geringen Zahl von Fehlurteilen zu erwarten ist, muss somit dem Schaden gegenübergestellt werden, der ohne eine solche Institution zu befürchten wäre und es wird davon ausgegangen, dass dieser zweite Schaden sehr viel größer wäre, denn auf der einen Seite würden grundlegende und unverzichtbare Rechtsprinzipien verletzt, auf der anderen Seite wäre auch die Zahl der unbefriedigenden Urteile bei Fehlen einer solchen Institution wesentlich größer als dann, wenn man bisweilen mit fehlerhaften Grundsatzurteilen rechnen muss.

 

Dieses Anerkenntnis bedeutet allerdings nur, dass nach einem solchen Grundsatzurteil die konkreten Rechtsfälle nach diesem Urteil entschieden und von jedem akzeptiert werden müssen, es ist keinesfalls erwünscht, auch die wissenschaftliche Diskussion über diese Grundsatzentscheidungen zu beenden. Es ist natürlich auf jeden Fall für das Allgemeinwohl vorteilhafter, wenn keine oder weniger fehlerhafte Entscheidungen getroffen werden.

 

Und wenn schon einmal eine fehlerhafte Entscheidung hingenommen werden musste, so wäre es sicherlich erwünscht, dass in einem späteren Zeitpunkt, nachdem in einer theoretischen Auseinandersetzung die sachlich richtige Entscheidung gefunden wurde, die fraglichen Grundsatzurteile wiederum revidiert würden. Ein Grundsatzurteil gilt nicht für alle Zeiten, ist vielmehr begrenzt bis auf den Zeitpunkt, bei welchem diese oberste Gerichtsinstanz bei einem neuen Fall ihre bisherige Entscheidung korrigiert. In der Tat haben die obersten Gerichte wiederholt ältere Entscheidungen wiederum aufgrund neuerer Erkenntnisse revidiert.

 

Welche Lehren können wir aus diesem Vergleich für das hierzu behandelnde Thema der Bindung kirchlicher Entscheidungen auch im Himmel ziehen? Dieser Vergleich zeigt uns, dass in jeder größeren Rechtsgemeinschaft – in einer Kirchengemeinde genauso wie in einem Rechtsstaat – immer wieder Situationen entstehen, in denen ein Streit über grundsätzliche Fragen die Gemeinschaft lähmt und sogar bisweilen die Gefahr heraufbeschwört, dass die Gemeinschaft zerfällt. Hier muss gehandelt werden. Und selbst dann, wenn eine einzelne Grundsatzentscheidung sachlich falsch wäre, ist dieses Urteil immer noch einem Zustand vorzuziehen, bei dem die Uneinigkeit so groß wird, dass die Gemeinschaft auseinanderbricht.

 

In diesem Fall erlangt die Bindung im Himmel eine ganz andere Bedeutung. Es steht dann gar nicht in erster Linie die Frage zur Diskussion, ob die Entscheidung letztendlich richtig ist und deshalb auch von Gott für alle Zeiten – auch für die Zeit nach dem Endgericht – mitgetragen wird. Es geht dann vielmehr allein darum, dass die Gemeinschaft überhaupt nur dadurch aufrechterhalten werden konnte, dass eine Einigung herbeigeführt wurde, selbst dann, wenn diese Einigung bisweilen zum Teil auf Unwahrheiten beruht. Dass der Himmel in diesen Fällen trotzdem diese Einigung akzeptiert, will dann vor allem heißen, dass Grundsatzentscheidungen der Kirchenbehörden auch dann noch gerechtfertigt sind, wenn diese Entscheidungen nicht in allen Punkten sachlich richtig waren.

 

Das Zitat aus dem Matthäusevangelium spricht dann sinngemäß davon, dass die Entscheidungen der Kirche zwar im Himmel, aber nicht über das Endgericht hinaus bindend sind. Zwar mag es vielleicht hingenommen werden, dass einzelne Gläubige zu Unrecht verurteilt werden und dass trotzdem diese Urteile akzeptiert werden, da nur auf diese Weise die Ordnung aufrechterhalten werden kann und ein Auseinanderfallen der Gemeinschaft verhindert wird. Beim Endgericht gelten jedoch dann nicht mehr diese Urteile, weil hier Gott selbst richtet und nicht Menschen, die immer mehr oder weniger unvollkommen sein können und weil Gott in die Herzen der Menschen schauen kann und deshalb im Endgericht auch keine Fehlurteile fällen wird.

 

 

4. Zeitliche Reihenfolge von Entscheidung und Anerkennung

 

An dritter Stelle mag auch der Satz, welcher im Matthäusevangelium dem Satz von der Bindung folgt, weiteren Aufschluss darüber geben, wie dieser Text von der Bindung zu interpretieren ist. Dort heißt es:

 

19 ‚Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.‘

 

Vers 19 weist darauf hin, dass offensichtlich diese enge Verbindung zwischen den Gläubigen und Gott auch dann gleichermaßen gilt, wenn nicht über einzelne Vergehen entschieden werden soll, sondern wenn die Gläubigen an Gott Bitten herantragen. Auch hier wird davon gesprochen, dass eine Bitte, welche gemeinsam an Gott gerichtet wird, bereits als erfüllt angesehen werden kann.

 

Auch dieser Satz erscheint auf den ersten Blick als widersprüchlich. Ist nicht fast jedem Gläubigen, der Gott um etwas gebeten hatte, wiederholt die Bitte unerfüllt geblieben? Aber auch hier lässt sich von einer falschen Interpretation dieses Satzes sprechen. Schauen wir hierzu auf die Bitte, welche Jesus selbst an seinen Vater gerichtet hatte, als er seinen Leidensweg begonnen hatte. Bei Lukas Kapitel 22,42 heißt es:

 

‚Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.‘

 

Jesus bittet hier nicht darum, dass Gott seinen Plan verändern solle. Natürlich wäre es für Jesus erträglicher gewesen, wenn dieser Kelch (seine Kreuzigung) von ihm genommen worden wäre. Er bittet aber Gott nur darum, dass dieser Kelch dann von ihm genommen werde, wenn es mit dem Willen Gottes in Einklang stehen würde. Er ist immer bereit, den Willen Gottes zu erfüllen und bittet auch um nichts, das den Plänen Gottes widerspricht.

 

Letzte Klarheit darüber, wie der Satz von der Bindung zu interpretieren ist, bringt dann Vers 20 im 22. Kapitel des Matthäusevangeliums. Dort lesen wir: 

 

20  ‚Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.‘

 

Wenn Gläubige im gemeinsamen Gebet um etwas bitten genauso, wenn die Jünger oder die Nachfolger der Jünger im Auftrag Jesu Entscheidungen treffen, dann ist Jesus mitten unter ihnen. Das bedeutet dann auch, dass die Entscheidenden eine göttliche Erleuchtung erhalten und wenn sie diese beachten, vor Fehlurteilen bewahrt werden.

 

In diesem Falle gilt jedoch für die Reihenfolge der Bindung, dass als erstes Gott (Jesus) denjenigen, die in seinem Namen versammelt sind, erkennen lässt, was Gottes Wille ist, dass dann in einem zweiten Schritt die Vertreter der Kirchenbehörde diesen Eingebungen folgen und ihre Entscheidungen treffen und dass dann folgerichtig auch davon gesprochen werden kann, dass die Entscheidungen der Kirche hier auf Erden auch im Himmel Beachtung finden, da sie ja zumeist dem Willen Gottes auch entsprechen.

 

Bei einer solchen Interpretation stellt der Satz von der Bindung keinesfalls einen Freibrief für die Kirchenbehörde aus, auch Entscheidungen gegen den Willen Gottes zu treffen und dann zusätzlich noch die Rückendeckung des Himmels für diese Fehlentscheidungen zu erhalten. Es handelt sich vielmehr eher um eine Richtschnur, wie die Kirchenbehörden vorzugehen haben als darum, Entscheidungsbefugnisse der Kirchenbehörden zu bestimmen. Immer ist in diese Interpretation mit eingebunden, dass den Entscheidenden auch ein Irrtum unterlaufen kann, dieser Irrtum führt zwar dann nicht automatisch hier auf Erden zu einer Korrektur, aber wir können fest darauf bauen, dass im Endgericht Gott selbst richtet und aufgrund seiner Allwissenheit auch nicht die manchmal durchaus fehlerhaften Entscheidungen der Menschen einfach übernimmt und bestätigt.