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Widersprüche in der Bibel

 

 

Gliederung:

 

 1. Inspiration des Hl. Geistes und Widersprüche in der Bibel

 2. Schöpfungsbericht

 3. Erbsünde, Voraussetzung für Schuld ist das Können

 4. Rächender Gott bis ins Dritte Glied- barmherziger Gott

 5. Freiheit des Menschen - Vorherbestimmung

 6. Holocaust und Allmacht Gottes

 7. Feindesliebe - Vernichtung der Feinde durch Gott

 8. Tod Jesu notwendig zur Erlösung der Menschen?

                 9. Ein Gott drei Personen

                 10. Bindung Gottes an Entscheidungen der Kirchenbehörde

                 11. Gleichheit vor Gott und Patriarchalismus

                 12. Am Sabbat heilen trotz Sabbatruhe

                 13. Von Gott kein Bildnis machen  - Jesusbilder

                 14. Kein Reicher ins Himmelreich, trotzdem ist Zachäus Heil widerfahren.

                 15. Alle Sünden werden vergeben, nicht die Sünde gegen den heiligen Geist

 

 

Kapitel 9. Ein Gott drei Personen

 

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Die Götterwelt der Heiden im Altertum

3. Das Gottesbild der Juden

4. Das Gottesbild im Neuen Testament

5. Die Trinitätslehre der katholischen Kirche

 

 

 

1. Das Problem

 

Im großen Glaubensbekenntnis bekennen Katholiken genauso wie die Protestanten und auch die Juden, dass sie an den einen Gott glauben. Dieser Gott ist aber für die Christen im Gegensatz zu den Juden ein dreifaltiger bzw. dreieiniger Gott.

 

Dieser dreifaltige Gott tritt in drei Personen auf: In der Erscheinungsform „des Gott Vaters, des Allmächtigen, der alles geschaffen hat, und zwar Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt.“ 

 

Auch Jesus Christus wird von den Christen als Gott verehrt. „Er ist Gottes eingeborener Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater, durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden…“

 

Christen glauben weiterhin „an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten.“

 

Zumindest dann, wenn wir von dem üblichen Sprachgebrauch ausgehen, liegt in dem Bekenntnis einerseits zu dem einen und einzigen Gott und andererseits zu dem Glauben, dass sich Gott in drei Personen äußert, ein Widerspruch. Im Duden, dem Herkunftswörterbuch in der 4. Auflage (Mannheim 2007) erfahren wir, dass das Wort ‚Person‘ den Menschen als Individuum, den Menschen in seiner besonderen Eigenart bedeutet.

 

Nach dem Duden ist das Wort ‚Person‘ seit dem 13. Jh. bezeugt und aus dem Lateinischen ‚persona‘, entlehnt, was soviel wie Maske des Schauspielers bedeutet. Persona ist somit ursprünglich mit der Rolle gleichzusetzen, die durch diese Maske dargestellt wird.

 

Wenn jemand im alltäglichen Sprachgebrauch davon spricht, dass er in einem bestimmten Raum drei Personen gesehen habe, so will er damit zum Ausdruck bringen, dass in diesem Raum außer ihm drei einzelne Wesen anwesend waren und nicht etwa, dass er nur ein Individuum gesehen habe, das in drei verschiedenen Rollen agiert hat.

 

Wenn also im großen Glaubensbekenntnis von Gott gesprochen wird, der sich in drei Personen äußert, wird nicht auf den heute üblichen Wortsinn zurückgegriffen, das Wort Person wird vielmehr in seiner ursprünglichen Bedeutung als Rolle oder auch Erscheinungsform gebraucht.

 

Weiterhin haben wir uns dann, wenn wir vom dreifaltigen und dreieinigen Gott sprechen, daran zu erinnern, dass alle Aussagen über Gott und dem Jenseits etwas Metaphysisches ansprechen, das wir mit unseren begrenzten Wahrnehmungsorganen gar nicht wahrnehmen können. Die menschliche Wahrnehmung beschränkt sich auf die Sinne, mit deren Hilfe wir beobachten können und auf unseren Verstand, mit dessen Hilfe wir aus diesen Beobachtungen Schlussfolgerungen ziehen. Unsere Sprache ist deshalb auch gar nicht dafür geschaffen und deshalb geeignet, über Sachverhalte Auskunft zu geben, welche jenseits unserer Beobachtungen liegen. Wenn wir von Gott Vater oder von Gottes Sohn sprechen, meinen wir niemals genau das gleiche, was wir üblicherweise ansprechen, wenn wir uns auf das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern beziehen.

 

Alle Worte, welche im Zusammenhang mit dem dreifaltigen Gott formuliert werden, können deshalb auch nicht im sonst üblichen Wortsinn verstanden werden. Wir sprechen von Gott Vater und Gott Sohn, müssen uns aber darüber klar sein, dass die Beziehungen zwischen Gott Vater und Gott Sohn keinesfalls mit den Begriffsinhalten, welche wir im Zusammenhang mit den Beziehungen der Eltern zu ihren Kindern verbinden, voll erfasst werden können. Wie in den Gleichnissen der Bibel werden hier Begriffe angewendet, um auf einen Zusammenhang hinzuweisen, für den wir keinen Begriff besitzen, um ihn umfassend zu erklären, die Verwendung der einzelnen Worte dient hier lediglich dazu, auf eine begrenzte Eigenschaft hinzuweisen, welche üblicherweise mit diesem Wort verbunden wird. Aber gleichzeitig haben wir uns darüber eingedenk zu sein, dass mit diesem Begriff allein niemals der volle Sinn der Beziehungen erfasst werden kann, auf den hin mit diesen Worten hingewiesen werden soll.

 

Wir hatten in Kapitel 3 dieser Vorlesung darauf hingewiesen, dass der Begriff Erbsünde an keiner Stelle der Heiligen Schrift – weder im Alten noch im Neuen Testament  – verwandt wird. In gleicher Weise gilt es festzustellen, dass auch der Begriff eines dreifaltigen und dreieinigen Gottes wiederum an keiner Stelle der Heiligen Schrift eigens erwähnt wird. Wenn also die christlichen Kirchen von drei Personen Gottes sprechen, so handelt es sich nicht um wörtliche Zitate aus der Heiligen Schrift, sondern stets um Schlussfolgerungen, welche die Kirchen aus den Texten der Bibel gezogen haben.

 

 

2. Die Götterwelt der Heiden im Altertum

 

Wir wollen uns nun in den nächsten Abschnitten dieses Kapitels mit dem Gottesbegriff in den einzelnen Religionen befassen und mit der Götterwelt der Heiden beginnen. Zur Zeit Abrahams, als im Judentum der Glaube an einen einzigen Gott Jahwe entstanden war, glaubten die Heiden rings um Kanaan, dem Land, in dem die frühen Juden siedelten, an eine Vielzahl von Göttern.

 

Die Naturgewalten, welche wiederholt zu Naturkatastrophen führten und die Landstriche verwüsteten und die Lebensgrundlage der Anwohner ernsthaft bedrohten, wurden mit den Göttern gleichgesetzt, welche zur Strafe der Menschen oder auch aus blinder Wut Naturkatastrophen schickten. Die Götter galt es dadurch zu besänftigen und milde zu stimmen, indem man den Göttern Gaben vor allem in Form von Brandopfern darbrachte und da ein Menschenleben, vor allem das Leben der eigenen Kinder, das Kostbarste war, was die Menschen besaßen, brachte man auch einzelne Menschen den Göttern als Opfer dar.

 

Später – vor allem im Rahmen der griechischen und römischen Mythologie – erfand man eine ganze Götterwelt, für alle Nöten und Anlässe einen eigenen Gott oder auch eine eigene Göttin, welche die Menschen, die in Not gerieten, zum Schutze anrufen konnten.

 

Der patriarchalische Götterstaat der frühen mykenischen Religion sowie der Toten- und Ahnenkult, aus dem sich der Heroenkult entwickelte, dürften den Ausgangspunkt der griechischen Mythologie gebildet haben, die in den Erzählungen über die Götter und Heroen der griechischen Schriftsteller später künstlerisch frei beschrieben und erschaffen wurden.

 

Nach Hesiod gelten Uranos (Himmel) und Gaia (Erde) als Eltern der 12 Titanen; zu diesen zählen Kronos und Rhea, die Eltern des Zeus und der Hera, des Poseidon und des Hades, der Demeter und der Hestia. Als Kinder des Zeus gelten Athene, Apoll, Artemis, Hermes, Ares und Dionysos, nach Homer auch Aphrodite und Hephaistos.

 

Als Herrscher über Himmel und Erde setzt sich Zeus durch, über das Meer gebietet Poseidon, über die Unterwelt Hades. Wie die jüdische Religion kennt zwar auch die griechische Mythologie einen Schöpfergott (Demiurg), der die Welt aus einer unstrukturierten Materie erschaffen hat, der aber im Gegensatz zu der jüdischen Religion nicht als höchstes Wesen beschrieben wird, sondern dem nur eine untergeordnete Bedeutung zuerkannt wird.

 

Nach Jan N. Bremme (der Brockhaus, wissenmedia GmbH, 2010 ) entsprechen die griechischen Götter keinesfalls „unserer heutigen Vorstellung von Gott. Sie waren weder liebende Götter noch allmächtig, noch allgegenwärtig. Ihre Anwesenheit konnte unheimlich und angsterregend wirken; die übliche Moral band sie nicht: Zeus konnte jedes beliebige Mädchen verführen, selbst wenn es dann - wie Io, die Tochter des Flussgottes Inachos, in eine Kuh verwandelt – herumirren musste. Die Griechen stellten ihre Götter groß, schön und Respekt gebietend dar: als eine Art ‚Supermenschen‘. Diese Orientierung an menschlichen Vorbildern geht wahrscheinlich zum Großteil auf die Epen Homers zurück.“

 

Halten wir also fest: Es gibt in der heidnischen Mythologie im Gegensatz zum jüdischen und auch christlichen Glauben mehrere Götter und nicht nur einen einzigen Gott. Im Gegensatz zur christlichen Trinitätslehre besteht zwischen den einzelnen Götterpersonen keine Wesenseinheit, die griechischen Götter sind Supermenschen, jeder einzelne ein selbstständiges Individuum.

 

 

3. Das Gottesbild der Juden

 

Wenden wir uns nun dem Gottesbild der Juden zu und versuchen zu klären, in welchen entscheidenden Punkten sich dieses Gottesbild von der heidnischen Götterwelt unterscheidet. Der allerwichtigste Unterschied bestand – wie bereits mehrfach erwähnt – darin, dass Jahwe, der Gott der Juden als einziger Gott verehrt wurde. Im Buch Exodus Kapitel 20 erfahren wir von den wichtigsten Geboten Gottes, das erste dieser Gebote stellt klar:

 

‚Du sollst neben mir keine anderen Götter haben…Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott.‘

 

Auch in den wichtigsten Eigenschaften, welche die Menschen Gott bzw. den Göttern zuerkennen, unterscheidet sich das Bild, das sich Abraham von Gott machte, in mehreren Punkten von den Eigenschaften der heidnischen Götter.

 

Das erste Buch Moses beginnt mit der Erzählung darüber, wie Gott in uralter Zeit die Erde erschaffen hat. Die Heilige Schrift beginnt also mit der Feststellung, dass Gott ein schaffender und arbeitender Gott ist. Zwar kennen die heidnischen Mythologien – wie wir bereits gesehen haben – zumeist auch ein göttliches Wesen, das zur frühen Zeit Himmel und Erde erschaffen hatte, dieses Wesen ist jedoch nur ein Gott unter anderen, keinesfalls jedoch wie z. B. Zeus in der griechischen oder Jupiter in der römischen Mythologie der Herrscher des Himmels und der Erde.

 

Dieser Unterschied bedeutet dann auch, dass in der jüdischen und später in der christlichen Religion der Arbeit eine positive Funktion zuerkannt wird. Wenn schon Gott selbst mit der Erschaffung der Erde Arbeit verrichtet hat, kann das Arbeiten des Menschen nichts Schlechtes sein, Arbeiten ist eine Tugend und adelt.

 

Ganz im Gegensatz zu dieser Hochachtung vor handwerklicher Arbeit in der Heiligen Schrift zeichnet sich das christliche Altertum und Mittelalter dadurch aus, dass Arbeit für die Adligen als etwas Unwürdiges angesehen wurde, das nur von den untersten Bevölkerungsschichten zu verrichten sei. Zu Arbeiten oder gar einen Beruf zu haben, der sich in körperlicher, aber auch geistiger Arbeit auswirkte, galt unter den Adligen als unter ihrer Würde.

 

Des Weiteren ist der Gott der Juden und der Christen ein persönlicher Gott, der genauso wie ein Mensch einen freien Willen besitzt und rationale Ziele verfolgt. Dass diese Ähnlichkeit besteht, hängt natürlich damit zusammen, dass nach dem Glauben der Juden und Christen Gott die Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat: ‚Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.‘ (Genesis Kapitel 1,27).

 

Dies bedeutet natürlich nicht, dass Gott restlos alle Eigenschaften der Menschen aufweist. Dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat, heißt ja nur, dass der Mensch in einer einzigen Frage, nämlich in dem Vorhandensein eines freien Willens, Gott ähnlich ist. Insgesamt ist jedoch Gott keinesfalls dem Menschen gleichzusetzen und es ist grundsätzlich falsch, so wie dies z. B. in der griechischen Mythologie der Fall ist, den Göttern menschliche Verhaltensweisen und Schwächen anzudichten.

 

Der Gott Jahwe wird im Alten Testament darüber hinaus als ein Gott geschildert, der am Wohl und Schicksal der Menschen regen Anteil nimmt. Er schließt mit den Menschen Bündnisse und verhilft den Glaubenden zum Sieg gegenüber ihren Feinden. Hierbei berichtet uns die Bibel, dass dieses Eingreifen Gottes in die Welt zumeist unmittelbar, das heißt in Form von Wundern unter Umgehung der Naturgesetze erfolgt. Dass Gott Wunder bewirken kann, ist nach den Auskünften der Bibel unbestritten. Die eigentliche Frage ist jedoch, ob sich Gott trotz Schaffung der sehr komplexen Maschinerie der Naturgesetze ununterbrochen der unmittelbaren Einflussnahme unter Umgehung der Naturgesetze bedient und ob die Schilderungen in der Bibel von wunderbaren Taten Gottes nicht einfach nur zum Ausdruck bringen wollen, dass diese Ereignisse oftmals den Menschen wie ein Wunder vorkamen.

 

Im Gegensatz hierzu sind – wie wir gesehen haben – die heidnischen Götter in aller Regel nur am Rande am Schicksal der Menschen interessiert, sie befassen sich mit ihren eigenen Liebesaffairen oder gegenseitigen Ränkespielen und die Menschen kommen nur dadurch ins Spiel, weil sie in diese Spiele der Götter einbezogen werden. Entsprechend der deistischen Vorstellung schließlich hat Gott zwar die Welt erschaffen, hat sich aber dann vollkommen aus der Welt zurückgezogen und überlässt die Menschen somit sich selbst.

 

Zu der Anteilnahme Gottes am menschlichen Geschehen zählt auch der Glaube an einen gerechten, gütigen wie barmherzigen Gott. Der Gott Jahwe ist gerecht und dies bedeutet, dass diejenigen, welche Gottes Gebote befolgen, belohnt und diejenigen, welche sündigen, bestraft werden, wobei sich diese Gerechtigkeit erst im Endgericht, also am Ende der Zeiten, oder eventuell dann, wenn der Mensch stirbt, verwirklicht.

 

Der Gott Jahwe ist gütig und barmherzig, will heißen, dass Gott bereit ist, den Menschen ihre Sünden zu vergeben, sofern sie nur ihre Tat bereuen und zur Umkehr ehrlichen Herzens bereit sind. Im Gegensatz zu der alltäglichen Praxis wird einem Menschen, der gefehlt hat, nicht nur eine zweite Chance eingeräumt. Die Bereitschaft Gottes zur Vergebung der Sünde gilt ein ganzes Leben lang, bis zum letzten Augenblick, es zählt weder die Häufigkeit noch der Zeitpunkt der Verfehlungen. Es steht ganz im Gegensatz zur weltlichen Gerichtsbarkeit nicht der Sühnegedanke, sondern die aufrichtige Reue im Mittelpunkt des Interesses.

 

Im Gegensatz hierzu haben wir gesehen, dass die als Götter gefeierten Naturgewalten hingegen blind wirken, sie unterscheiden nicht zwischen Guten und Bösen und bestrafen nicht nur diejenigen, welche Gottes Gebote verletzt haben. Die heidnischen Götter der griechischen Mythologie hingegen bestrafen die Menschen vor allem für ihren Hochmut, wenn sich die Menschen anmaßen, den Göttern gleich zu werden.

 

 

4. Das Gottesbild im Neuen Testament

 

Worin unterscheidet sich nun das Gottesbild, das uns nach dem Zeugnis der Evangelisten Jesus Christus gelehrt hat gegenüber dem im Alten Testament vermittelten Gottesbild? Als erstes muss festgestellt werden, dass sich Jesus in erster Linie als ein Jude verstand, der in die Welt gekommen ist, um die Juden zum Heil zu führen und welcher den von Abraham und Moses verbreiteten jüdischen Glauben und mit ihm auch das Gottesbild der jüdischen Religion voll übernimmt. Als Jesus von einem Schriftgelehrten nach dem größten Gebot Gottes gefragt wird, verweist er auf den Dekalog und auf die Lehren der alttestamentlichen Propheten. Bei Matthäus Kapitel 22 lesen wir:

 

34 ‚Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie (bei ihm) zusammen.

35 Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn:

36 Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?

37 Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.

38 Das ist das wichtigste und erste Gebot.

39 Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

40 An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.‘

 

An anderer Stelle ( bei Matthäus Kapitel 5) erfahren wir, dass Jesus kein Jota vom alttestamentlichen Gesetz aufgeben will.

 

17 ‚Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.

18 Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.

19 Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.‚

 

Und das erste der Zehn Gebote Gottes war sicherlich nicht das kleinste gültige Verbot der Juden.

 

Worin liegen aber dann die Unterschiede zwischen dem jüdischen im Alten Testament entwickelten und dem von Jesus gelehrten Gottesbild? In beiden Teilen der Heiligen Schrift wird von einem Messias gesprochen, der eines Tages auf Erden erscheinen wird und den Menschen die Erlösung von den Sünden bringen wird. Im Gegensatz zum Christentum gehen die Juden bis auf den heutigen Tag davon aus, dass dieser Messias noch nicht erschienen ist, dass vor allem Jesus selbst zwar ein bedeutender Prophet darstellt, aber nicht dieser wiederholt verheißene Messias ist. Gerade weil Jesus selbst sich als Messias verstanden hat, trachteten die jüdischen Kirchenbehörden nach dem Leben von Jesus Christus. Bei Matthäus Kapitel 26 heißt es:

 

62  ‚Da stand der Hohepriester auf und fragte Jesus: Willst du nichts sagen zu dem, was diese Leute gegen dich vorbringen?

63  Jesus aber schwieg. Darauf sagte der Hohepriester zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes? 

64  Jesus antwortete: Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.

65  Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Er hat Gott gelästert! Wozu brauchen wir noch Zeugen? Jetzt habt ihr die Gotteslästerung selbst gehört.‘

 

Vor allem aber wird im Alten Testament dann, wenn von Gott gesprochen wird, immer nur von Gott als dem Schöpfer von Himmel und Erde gesprochen, während im Neuen Testament neben Gott Vater, dem Schöpfer dieser Welt auch Jesus Christus zwar als wahrer Mensch, aber eben auch als wahrer Gott verehrt wird. Bei Matthäus Kapitel 16 sehen wir, dass sich Jesus offen dazu bekennt, Sohn Gottes zu sein:

 

13 ‚Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn?

14 Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.

15 Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?

16 Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!

17 Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.‘

 

Nun müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass der Begriff Gottes Sohn bzw. Gottes Kinder von Jesus in zweierlei Sinne gebraucht wird. Während in der oben angeführten Textstelle im Matthäusevangelium Jesus als Gottessohn in dem Sinne verstanden wird, dass er wie sein Vater selbst teilhat am göttlichen Wesen, werden im Vaterunser alle Gläubigen als Kinder Gottes verstanden, aber gerade nicht in dem Sinne, dass wir deshalb auch göttlichen Ursprungs, also Teil des einzigen Gottes sind. Wir dürfen uns hier in dem Sinne als Kinder Gottes verstehen, als alle Menschen letztendlich vom ersten Menschen abstammen und da der erste Mensch von Gott erschaffen wurde und wir insoweit indirekt der Schöpfung Gottes unsere Existenz verdanken. In diesem Sinne wird auch bereits im Alten Testament die Kindschaft Gottes verstanden: ‚Ihr seid Kinder des Herrn, eures Gottes.‘ (Deuteronomium  Kapitel 14,1)

 

Paulus hat in seinem Römerbrief eine etwas andere Interpretation des Wortes Kinder Gottes für die Gläubigen gewählt. Im Römerbrief Kapitel 8 und 9 heißt es:

 

16 ‚So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.‘

17 Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden…

9,8 Das bedeutet: Nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommen anerkannt.‘

 

Von der dritten Person Gottes: dem Heiligen Geist wird ex pressis verbis wiederum erst im Neuen Testament gesprochen. Allerdings wird im Alten Testament wiederholt vom Geist des Herrn gesprochen, so wenn im ersten Buch Samuel, Kapitel 16 gesagt wird:

 

13 ‚Samuel nahm das Horn mit dem Öl und salbte David mitten unter seinen Brüdern. Und der Geist des Herrn war über David von diesem Tag an.‘

 

Im Neuen Testament wird nun der Begriff des Heiligen Geistes präzisiert. So erfahren wir im Matthäusevangelium, im ersten Kapitel, dass die Geburt Jesu durch das Wirken des Heiligen Geistes erfolgt ist:

 

18 Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes.‘

 

Auch im Zusammenhang mit der Taufe Jesu wird davon gesprochen, dass Jesus im Gegensatz zu Johannes nicht mit Wasser, sondern mit dem Heiligen Geist taufe. Mit Hilfe des Heiligen Geistes erfolgt also eine Reinigung der Menschen. Im 3. Kapitel des Matthäusevangeliums heißt es:

 

11 ‚Ich (Johannes) taufe euch nur mit Wasser (zum Zeichen) der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen…

 

16 Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen.‘

 

Wiederum eine etwas andere Bedeutung erfährt das Wort ‚Heiliger Geist‘ im Johannesevangelium in den Kapiteln 14 - 16. Dort fällt dem Heiligen Geist die Aufgabe zu, dann, wenn Jesus nicht mehr unter den Menschen weilt und in den Himmel aufgefahren ist, an der Stelle Jesu die Menschen zu ermahnen und ihnen in ihrem Bemühen Beistand zu gewähren:

 

14,26 ‚Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe…

 

15,26 Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen…

 

16,13 Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.‘

 

Der Gedanke der Dreieinigkeit und Dreifaltigkeit wird – wie bereits angedeutet – in der Heiligen Schrift nicht ausdrücklich erwähnt, die Trinitätslehre der katholischen Kirche hat vielmehr aus den verschiedenen Passagen über das Wirken Gott Vaters, Jesus Christus als Gottes Sohn  und des Heiligen Geistes in der Bibel das Dogma des einzigen Gottes in drei Personen entwickelt.

 

Noch am ehesten klingt diese Zusammenfassung des christlichen Gottesbildes, vor allem die Beziehungen zwischen Gott Vater und Gott Sohn im Prolog des Johannesevangeliums, Kapitel 1 an:

 

1  ‚Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.

2  Im Anfang war es bei Gott.

3  Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.

4  In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.

5  Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.

6  Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes.

7  Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen.

8  Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.

9  Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.

10  Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht.

11  Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.

12  Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben,

13  die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

14  Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.

15  Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war.

16  Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.

17  Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus.

18  Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.‘

 

Dem Autor (möglicher Weise den Autoren) des Johannesevangeliums ging es mit seinem (ihrem) Evangelium in erster Linie darum, aufzuzeigen, welche Beziehungen zwischen Gott, der die Welt erschaffen hat und Jesus Christus bestehen und warum für Jesus mit Recht unterstellt werden kann, dass seine primäre Aufgabe hier auf Erden darin bestand, Gottes Lehre und Anweisungen den Juden, aber auch den Heiden zu offenbaren. Der Prolog des Johannesevangeliums verfolgt das Ziel, den Leser des Evangeliums auf dieses Programm einzustimmen.

 

Der Autor dieses Evangeliums greift hierzu auf den Mythos des Logos (Wortes) zurück, der bereits in den alttestamentlichen Büchern der Psalmen, der Sprüche und der Weisheit Salomos beschrieben wurde.

 

Die Weisheit (der Logos) wird in diesen Schriften als erstes Geschöpf Gottes verstanden und hat von Anbeginn der Zeiten bereits bei der Schöpfung der Welt mitgewirkt. Die Weisheit (der Logos) geht also unmittelbar von Gott aus, ist also Teil Gottes und kann sich den Menschen kundtun. Entsprechend wird im Prolog zum Johannesevangelium davon gesprochen, dass das Wort (der Logos) schon von Anbeginn zur Wirkung kam, das es von Gott ausging und Teil Gottes war.

 

Allerdings kannte auch die antike Philosophie bereits die Vorstellung eines Logos. Während die Bücher der Weisheit Salomos erst um 80 bis 30 v. Chr. entstanden, hatte bereits Heraklit in der Zeit um 500 v. Chr. vom Denkprinzip eines ewigen Logos gesprochen. Auch für die Stoiker galt der Logos als Prinzip der Welt, als eine alle Körper durchdringende Kraft. Allerdings huldigte der Stoizismus einer pantheistischen Weltauffassung, in welcher kein Platz war, um diesen Logos einem Gott als persönliches Wesen zuzuordnen.

 

Der Prolog im Johannesevangelium zeichnet sich nun gegenüber den alttestamentlichen Büchern der Weisheit, vor allem aber gegenüber den heidnischen Wurzeln des Logosmythos dadurch aus, dass das Wort in der Gestalt Jesu Fleisch wurde und unter uns wohnte. Dadurch dass in diesem Prolog die historische Gestalt Jesu von Nazaret mit dem Logos gleichgesetzt wird, werden Mythos und die Geschichte, sowie göttliche und menschliche Welt miteinander verknüpft. Damit unterscheidet sich das Johannesevangelium deutlich von den Schriften des Alten Testamentes, in denen eher die Distanz und Unnahbarkeit Gottes thematisiert wird.

 

Der Prolog des Johannesevangeliums beginnt mit der Feststellung, dass der Logos am Anfang und somit bereits vor der Schöpfung und damit vor allem auch vor der Erschaffung des Menschen bei Gott war. Wie in den alttestamentlichen Büchern der Weisheit wird der Logos hierbei als eigenes handelndes Subjekt begriffen. Für einen Christen ist damit sofort Jesus angesprochen, obwohl der Prolog erst am Ende des Prologs (im 17. Vers) eigens auf Jesus hinweist. Auf diese Weise kann das Verstehen Jesus als eigenes Subjekt verstanden werden, ohne mit der monotheistischen Lehre der jüdischen Religion in Widerspruch zu geraten.

 

Aufgrund der unmittelbaren Nähe und Verbundenheit des Logos mit Gott der Juden kann dann auch im Prolog des Johannesevangeliums davon gesprochen werden, dass Jesus verlässlich als Offenbarer der Botschaft des einen Gottes verstanden werden kann. Da der Logos bereits von Anbeginn an war und deshalb auch die Schöpfung kennt, ist Jesus auch in der Lage, authentisch die Botschaft Gottes den Menschen zu vermitteln.

 

Dadurch aber, dass der Logos Fleisch wurde, ist im Gegensatz zu den heidnischen Vorbildern des Logos-Mythos Jesus trotz seines göttlichen Ursprungs wahrer Mensch mit all seiner Vergänglichkeit. Die Menschen, die den Logos aufnehmen, sind bereits jetzt in die göttliche Wirklichkeit hineingenommen, weil sie in Jesus die Herrlichkeit Gottes bereits sehen können und damit der Barmherzigkeit Gottes ansichtig und teilhaftig werden.

 

 

5. Die Trinitätslehre der katholischen Kirche

 

Befassen wir uns zum Schluss etwas genauer mit der Trinitätslehre der katholischen Kirche. Karl-Heinz Ohlig weist in seinem Artikel ‚Christusbekenntnis: Gott, Mensch, Wort?‘  im Brockhaus, (c) wissenmedia GmbH, 2010 daraufhin, dass in den Uranfängen der frühchristlichen Gemeinde die Bekenntnisse zu Christus aufgrund der kulturellen und ethnischen unterschiedlichen Herkunft zunächst sehr vielfältig und widersprüchlich waren.

 

‚Bezeichneten die einen Jesus als den für ihre religiösen Fragen entscheidenden Menschen - sie nannten ihn zum Beispiel Messias oder Menschensohn -, sprachen andere von ihm als dem inkarnierten Gott. Die Auseinandersetzungen um das richtige Christusbekenntnis prägten die ersten Jahrhunderte der christlichen Theologiegeschichte bis zum Ausgang des Altertums…

 

Schon innerhalb der neutestamentlichen Zeit gab es zwei einander diametral entgegengesetzte Kulturen und aus ihnen resultierende religiöse Strömungen: Die frühesten Gemeinden waren von Kultur und Religion des Judentums geprägt, bald aber wurden die Einflüsse des Hellenismus immer stärker; die Brücke zwischen den beiden Traditionen war das Diasporajudentum.‘

 

Ohlig fährt fort, dass diese beiden Wurzeln bereits im Neuen Testament und damit auch bei Jesus angelegt sind.

 

‚Die judenchristliche Christologie verstand - bei aller Divergenz im einzelnen - Jesus als den, der für das erhoffte Geschichtsheil eine unverzichtbare Funktion wahrgenommen hat. Er ist der eschatologische Mensch - der Menschensohn, Messias, Davidssohn, der im Auftrag Jahwes die geschichtliche Wende herbeigeführt hat. Die Zeit der Sünde und der Herrschaft des Teufels ist grundsätzlich durch ihn beendet, eine neue Zeit, die Königsherrschaft Gottes, ist mit ihm angebrochen. Man hat Jesus auch schon als »Sohn Gottes« bezeichnet, aber im Sinne einer geschichtlichen Rolle, wie auch die jüdischen Könige bei ihrer Inthronisation als »Sohn Gottes« gefeiert wurden.

 

Ganz anders in der hellenistischen Theologie, deren Zentrum bald Alexandria war: Hier musste Jesus Vermittler sein zwischen Fleisch und Geist, zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen; er musste Gott und Mensch sein, damit er denen, die an ihn glauben, zur »Vergöttlichung« verhelfen konnte: Die Zwei-Naturen - Christologie war damit grundgelegt. Jesus Christus ist dann sowohl Mensch wie auch göttlicher »Herr« oder (seinshafter) »Sohn Gottes«, er ist ewiges »Wort«, seine Geburt war die Inkarnation des schon immer präexistenten Sohnes.‘

 

Ohlig zeigt dann, dass sich eine ganz andere Vorstellung von der Natur Jesu in Antiochien (Syrien) mit der sogenannten Bewährungschristologie entwickelt hat:

 

 ‚Der Mensch Jesus wurde von Gott erwählt, und er hat dieser Erwählung entsprochen durch seine liebende Hingabe an den Vater; durch seinen Gehorsam bis zum Tod am Kreuz hat er sich »bewährt«, sodass Gott ihn zu seinem »Sohn« angenommen hat. Konsequent wurde von diesem Ansatz her die Gottessohnschaft Jesu als eine Größe verstanden, die ihm von Gott verliehen wurde. Sie wurde infolgedessen zunächst adoptianisch interpretiert: Gott hat den Menschen Jesus zu seinem Sohn adoptiert (was die Christen auch für sich erhoffen).‘

 

Arius, ein Seelsorger aus Alexandrien, versuchte nun diesen Zwiespalt zwischen den beiden unterschiedlichen Lehren zu verbinden. Danach erhielt Jesus seine göttliche Würde erst aufgrund seiner Bewährung, die er durch sein vorbildliches Leben im Nachhinein erlangt hat.

 

 Diese Interpretation wurde dann im ersten allgemeinen Konzil von Nizäa verurteilt. Danach gilt, dass der »Sohn« dem Vater gleichwesentlich ist. Nach Klärung dieser Frage wurde in zwei unterschiedlichen Entwicklungslinien gedacht:

 

‚Bei stärker hellenistisch denkenden Theologen ist die Tendenz unübersehbar, das »ist« seinshaft zu begreifen. Jesus ist physisch - oder was zunächst gleichbedeutend war: hypostatisch und substanziell - mit dem ewigen Gottessohn eins. Im Monophysitismus, der davon ausgeht, dass es in Jesus Christus nur eine »einzige« gottmenschliche Natur gibt, der sich im 5. Jahrhundert von Konstantinopel aus verbreitete und vor allem in Ägypten Zustimmung fand, wurde diese Lehre in reiner Form vertreten. Allerdings war die Hellenisierung des Römischen Reiches nicht so tiefreichend, dass sich der Monophysitismus durchsetzen ließ; er wurde vom Konzil von Chalkedon verurteilt. Aber die Tendenzen blieben noch bis ins 7. Jahrhundert hinein bestehen.

 

Anders war es bei den syrischen Theologen: Hier war die Trennungschristologie - eine Betonung der Unterscheidung und des Unvermischtseins von Gottheit und Menschsein in Jesus Christus - vorherrschend. Den Satz »Jesus ist der Sohn Gottes« verstand man hier im Sinne einer engen existenziellen Verbindung des Menschen Jesus mit Gott, die durch die Erwählung Jesu und seine Bewährung entstanden war.‘