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Widersprüche in der Bibel

 

 

Gliederung:

 

 1. Inspiration des Hl. Geistes und Widersprüche in der Bibel

 2. Schöpfungsbericht

 3. Erbsünde, Voraussetzung für Schuld ist das Können

 4. Rächender Gott bis ins Dritte Glied- barmherziger Gott

 5. Freiheit des Menschen - Vorherbestimmung

 6. Holocaust und Allmacht Gottes

 7. Feindesliebe - Vernichtung der Feinde durch Gott

 8. Tod Jesu notwendig zur Erlösung der Menschen?

                 9. Ein Gott - drei Personen

                 10. Bindung Gottes an Entscheidungen der Kirchenbehörde

                 11. Gleichheit vor Gott und Patriarchalismus

                 12. Am Sabbat heilen trotz Sabbatruhe

                 13. Von Gott kein Bildnis machen Jesusbilder

                 14. Kein Reicher ins Himmelreich, trotzdem ist Zachäus Heil widerfahren.

                 15. Alle Sünden werden vergeben, nicht die Sünde gegen den heiligen Geist

 

 

 

Kapitel  8. Tod Jesu notwendig zur Erlösung der Menschen?

 

 

 

Gliederung:

 

1. Problemeinführung

2. Jesus als Messias und Menschensohn

3. Das Gleichnis von den bösen Winzern

4. Das Gleichnis vom guten Hirten

5. Christi Tod und die christliche Heilslehre

6. Mysterien und das frühe Christentum

7. Schuld und Sühne

8. Die Auferstehungserwartung im Alten und Neuen Testament

9. Der verworfene Stein wird zum Eckstein

10. Ich gebe mein Leben freiwillig hin

 

 

 

1. Problemeinführung

 

Es gehört zum festen Bestandteil der christlichen Heilslehre, dass Jesu Tod am Kreuze wesentliche Voraussetzung für die Erlösung der Menschen ist. Vor allem der Römerbrief des Paulus weist darauf hin, dass der Sündenfall der ersten Menschen zur Vertreibung Adam und Evas geführt hat und dass die Menschen dadurch das ewige Leben verloren haben, da sie mit der Vertreibung nicht mehr die Früchte des Baumes des ewigen Lebens genießen konnten, dass aber dann der Tod Jesu am Kreuze diese Schuld endgültig getilgt habe und bewirkt habe, dass nicht nur Jesus, sondern nach ihm alle Gläubigen schließlich von den Toten auferstehen und damit das ewige Leben wiedererlangen werden.

 

Sehr leicht wurde dann aus diesem Zusammenhang die Überzeugung, dass die göttliche Ordnung erst dann wieder hergestellt sei, wenn die zahlreichen Sünden der ersten Menschen und nach ihnen fast aller nachfolgenden Menschen gesühnt seien. Die Tatsache, dass fast alle Menschen und nicht nur einmal, sondern wiederholt gesündigt haben, hat die gegen Gott verübte Schuld so anwachsen lassen, dass sie nur dadurch gesühnt werden konnte, dass Jesus als Gottes Sohn und als der reinste und heiligste Mensch, den es jemals auf Erden gab, durch sein Opfer und durch die Hingabe seines Lebens die Menschheit von dieser Schuld befreien konnte und dass nur das Leiden Jesu die Vielzahl und Schwere von Menschen begangenen Sünden aufwiegen konnte.

 

Wenn sich auch für diesen Sühnegedanken Belege im Alten Testament finden lassen, ist diese Verbindung zwischen dem Sündenfall Adam und Evas und dem Tod Jesu am Kreuze nicht in der Lage, das Mysterium um den Tod Jesu vollständig aufzuklären.

 

Die zentrale Botschaft sowohl des Alten wie des Neuen Testamentes ist eben gerade nicht, dass die Menschen ihre Schuld hier auf Erden zu sühnen haben und dass die göttliche Ordnung erst dann wieder hergestellt ist, wenn alle Sünden restlos gesühnt sind, sondern dass Gott barmherzig ist und den Menschen immer wieder ihre Sünden vergibt, sofern sie nur ihre Taten bereuen und ehrlich bemüht sind, umzukehren und damit die Weisungen Gottes zu befolgen. Entscheidend ist, dass Gott willens ist, uns Menschen zu verzeihen und weniger die Frage, ob es hierzu Jesu Tod bedurfte.

 

Diese Betonung der zentralen Rolle der Umkehr vor dem Sühnegedanken, kommt deutlich in jener Stelle des Evangeliums zum Ausdruck, in der die Schriftgelehrten Jesu eine frisch ertappte Ehebrecherin vorführten und Jesu frugen, ob auch er die Steinigung dieser Frau bejahe, so wie es in den Büchern Moses unmissverständlich verlangt werde (Johannesevangelium Kapitel 7,53-8,11):

 

3 ‚Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte

4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.

5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?

6 Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.

8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

9 Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.

10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?

11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!‘

 

Diese Textpassage zeigt uns eindeutig, dass auch Jesus den Ehebruch für eine schwere Sünde gehalten hat. An anderer Stelle hatte Jesus sogar darauf hingewiesen, dass bereits der Gedanke an einen Ehebruch eine Sünde darstelle. Bei Matthäus Kapitel 5 heißt es:

 

27 ‚Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen.

28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.‘

 

Trotzdem hat er die Ehebrecherin weggeschickt, sie also nicht zum Tode durch Steinigung verurteilt, sondern einzig und allein sie aufgefordert, ihre Tat zu bereuen und umzukehren:

 

‚Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.‘

 

Deutlicher hätte nicht klar gestellt werden können, dass es primär nicht auf den Sühnegedanken, sondern auf die Reue und Umkehr ankomme. Wenn aber die eigentliche Botschaft des jüdischen und christlichen Glaubens eben gerade nicht in dem Sühnegedanken, sondern in der Aufforderung zur Reue und Umkehr besteht, warum spielt dann allem Anschein nach der Sühnegedanken im Zusammenhang mit Jesu Tod am Kreuze eine so entscheidende und ausschlaggebende Rolle?

 

Widersprüchlich muss es zusätzlich erscheinen, dass für Gott all die Schuld, welche die Menschen auf sich geladen haben, in dem sie sich von Gott abgewendet haben, allein dadurch getilgt werden konnte, dass ausgerechnet Jesus, der Sohn Gottes mit seinem Tod am Kreuze diese Schuld schließlich tilgen konnte.

 

Auch die Christen und Juden glauben nur an einzigen Gott, Jesus ist göttlichen Ursprungs, und zwar eine Erscheinungsform Gottes (eine Person im ursprünglichen Sinne dieses Wortes), wieso findet dann eine Sühne gerade dadurch statt, dass Gottes Sohn, der doch gar nicht gesündigt hatte, und damit auch Gott selbst, gegen den gesündigt wurde, dieses Opfer bringt? Müsste man nicht eigentlich erwarten, dass Gott – wenn er überhaupt erst dann befriedigt ist, wenn die Sünden der Menschen durch Opfer getilgt worden sind – dieses Opfer auch von den Menschen verlangt, die diese Schuld auf sich geladen hatten? Müsste Gott eigentlich nicht gerade besonders zornig darüber sein, dass Menschen ausgerechnet seinen Sohn ans Kreuz genagelt haben?

 

Genau diese Erwartung wird ja auch in dem Gleichnis von den bösen Winzern, in dem Jesus über seine eigene Rolle als Menschensohn berichtet, ausgesprochen. Der Weinbergbesitzer, der in diesem Gleichnis die Rolle Gottes darstellt, schickt seinen Sohn nicht etwa deshalb zu den Winzern (zu den Menschen), damit diese ihn töten und dass damit all die bisherigen Vergehen der Winzer gesühnt seien, sondern vielmehr in der Hoffnung, dass die Winzer seinem eigenen Sohn weniger die Gefolgschaft verweigern als den bisher gesandten Knechten (Propheten). Und als die Winzer auch seinen eigenen Sohn (den Sohn Gottes) genauso wie die Knechte (Propheten) zuvor getötet hatten, atmet der Weinbergbesitzer nicht etwa auf, dass nun das Opfer vollbracht und damit die bisherigen Sünden gesühnt worden seien, er ist vielmehr wütend und bestraft die Übeltäter ( Matthäusevangelium Kapitel 21,33-46):

 

33 ‚Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land.

34 Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seinen Anteil an den Früchten holen zu lassen.

35 Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, einen dritten steinigten sie.

36  Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso.

37 Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.

38 Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben.

39 Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.

40 Wenn nun der Besitzer des Weinbergs kommt: Was wird er mit solchen Winzern tun?

41 Sie sagten zu ihm: Er wird diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist.

42 Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder?

43 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt.

44 Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen.

45 Als die Hohenpriester und die Pharisäer seine Gleichnisse hörten, merkten sie, dass er von ihnen sprach.

46 Sie hätten ihn gern verhaften lassen; aber sie fürchteten sich vor den Leuten, weil alle ihn für einen Propheten hielten.‘

 

 

2. Jesus als Messias und Menschensohn

 

Wir wollen uns an dieser Stelle etwas ausführlicher mit der Rolle befassen, welche sich Jesus selbst zugedacht hatte. Jesus bezeichnet sich selbst als Menschensohn. Dieser Begriff wurde wiederholt bereits im Alten Testament verwendet, vor allem bei Ezechiel, der im Buch Ezechiel von Gott als Menschensohn angesprochen wird. Ezechiel war im Jahre 597 v. Chr. mit vielen anderen Juden von Nebukadnezzar in die Verbannung nach Babylonien geschleppt worden, wo Gott ihn als Prophet berufen hatte. Zunächst prophezeite Ezechiel die Zerstörung von Jerusalem und dem Tempel im Jahre 586 v. Chr. Später allerdings sagte er voraus, dass Gott das Volk von Judäa befreien werde und dass ein neuer Tempel in Jerusalem entstehen werde.

 

Jesus selbst bezieht sich allerdings in diesem Zusammenhang vermutlich auf eine Stelle im Buch Daniel Kapitel 7,13-14, dort heißt es:

 

 13 ‚Immer noch hatte ich die nächtlichen Visionen: Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt.

14 Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter.‘

 

Diese Stelle verweist eindeutig auf das zukünftige Erscheinen des Messias, des ‚von Gott Gesalbten‘.

 

Auch das Buch Daniel erzählt von der babylonischen Gefangenschaft und wie Daniel auch im heidnischen Babylon seinem Glauben nachgehen kann. Auch Daniel hatte wie Ezechiel göttliche Offenbarungen, welche sich allerdings insbesondere auf die langfristige Weiterentwicklung der Weltgeschichte beziehen und ihre Vollendung in der Königsherrschaft Gottes andeuten. Das Buch Daniel wurde in der heute vorliegenden Version während der Makkabäerzeit verfasst, wobei in die heutige Version recht unterschiedliche Aussagen aufgenommen wurden.

 

Dass sich Jesus selbst als Menschensohn verstand, geht auch aus einer Stelle im Matthäusevangelium und zwar aus Kapitel 16,13-15 hervor:

 

13 ‚Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn?

14  Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.

15  Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?‘

 

Jesus verband weiterhin mit dem Begriff des Menschensohnes die Rolle des im Alten Testamentes verheißenen Messias. So fährt Matthäus in Kapitel 16,16-17 damit fort, dass Simon Petrus die Frage Jesu nach seiner Bedeutung aus der Sicht seiner Jünger mit dem Hinweis beantwortete:

 

‚Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!‘ Und Jesus bestätigt diese Einschätzung ausdrücklich: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.‘

 

Auch als Jesus dann nach seiner Gefangennahme vor den Hohen Rat gebracht wurde, gab er sich als Messias aus. Bei Matthäus Kapitel 26 heißt es:

 

63 ‚Darauf sagte der Hohepriester zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes?

64 Jesus antwortete: Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.‘

 

Allerdings verband Jesus mit der Bezeichnung ‚Messias‘ eine ganz andere Aufgabe als die meisten Juden zur Zeit Jesu. Bereits bei Jesaya Kapitel 9,1-6 wird der Messias angekündigt:

 

1  ‚Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.

2  Du erregst lauten Jubel und schenkst große Freude. Man freut sich in deiner Nähe, wie man sich freut bei der Ernte, wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird.

3  Denn wie am Tag von Midian zerbrichst du das drückende Joch, das Tragholz auf unserer Schulter und den Stock des Treibers.

4  Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers.

5  Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.

6  Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten. Der leidenschaftliche Eifer des Herrn der Heere wird das vollbringen.‘

 

Diese Prophezeiung wurde nun schon immer, aber in besonderem Maße bei den Juden zur Zeit Jesu so interpretiert, dass der verheißene Messias hier auf Erden die Macht übernehme und die Feinde der Juden besiege und insbesondere die verhasste Herrschaft der Römer ein für allemal beende.

 

Jesus hingegen hatte eine ganz andere Vorstellung von seiner Aufgabe als Messias. Im Johannesevangelium Kapitel 18,33-37 finden wir die Antwort auf die Frage, wie Jesus seine Aufgabe als Messias verstand:

 

33 ‚Pilatus ging wieder in das Prätorium hinein, ließ Jesus rufen und fragte ihn: Bist du der König der Juden?

34 Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt?

35 Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan?

36 Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.

37 Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.‘

 

 

3. Das Gleichnis von den bösen Winzern

 

Gehen wir nun nochmals auf das bereits oben zitierte Gleichnis von den bösen Winzern ein, das wie kein anderes Gleichnis die Rolle beschreibt, welche Jesus dem Menschensohn und damit sich selbst zuspricht. Es ist klar: Der Weingutbesitzer ist Gott selbst, die Winzer sind die Menschen, die Knechte, welche der Weinbergbesitzer den Winzern sendet, sind die Propheten und der geliebte Sohn, den der Weinbergbesitzer schließlich zu den Winzern entsendet, ist Jesus selbst.

 

Wenn der Weinbergbesitzer die Knechte zu den Winzern schickt, damit diese den Anteil an den Früchten des Weinbergs holen, so bedeutet dies nichts anderes, als dass Gott die Menschen an die Gebote erinnern will, die er durch Moses den Menschen auferlegt hat und dass diese Entsendung notwendig wurde, da die Menschen diese Gebote immer wieder verletzt haben. Die Propheten und schließlich auch Jesus sollen den Anteil des Weinbergbesitzers an den Früchten holen und diese Früchte äußern sich darin, dass das Reich Gottes anbrechen kann.

        

Als Grund dafür, dass Gott schließlich seinen Sohn auf die Erde entsandt hat, wird in diesem Gleichnis angegeben, dass er darauf vertraue, dass die Menschen vor seinem Sohn mehr Achtung als vor den bisher gesandten Propheten hätten.

 

‚Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.‘

 

Mit der Aussage, dass die Winzer den Sohn des Königs schließlich töten, wird angedeutet, dass auch der Menschensohn von den Menschen getötet wird. Als Grund dafür, dass die Winzer den Sohn des Königs töten, lässt das Gleichnis die Winzer sagen:

 

‚Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben.‘

 

Als Reaktion auf die Ermordung seines Sohnes war der König zornig und wir erfahren, dass er diesen bösen Menschen ein böses Ende bereitete und den Weinberg an andere Winzer verpachtete:

 

‚Wenn nun der Besitzer des Weinbergs kommt: Was wird er mit solchen Winzern tun? Sie sagten zu ihm: Er wird diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten.‘

 

Diese Stelle lässt sich so deuten, dass die herrschende Priesterklasse der Sadduzäer abgelöst wird, dass andere gläubige Juden den Dienst am Glauben übernehmen werden, aber sicherlich enthält dieses Gleichnis, das ja erst sehr viel später, mehrere Jahrzehnte nach diesen Ereignissen aufgeschrieben wurde, auch einen Hinweis darauf, dass die Botschaft Jesu, der zunächst einmal auf Erden geschickt wurde, das auserwählte Volk der Juden zu retten, nach der Ablehnung der führenden Juden auch an die Heiden verkündet werden soll. Im Anschluss an dieses Gleichnis heißt es:

 

‚Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt‘.

 

 

4. Das Gleichnis vom Guten Hirten

 

Wenden wir uns nun dem Gleichnis vom Guten Hirten zu, welches im Johannesevangelium Kapitel 10,1-18  erzählt wird und ebenfalls über die Rolle berichtet, die Jesus selbst dem Menschensohn zuerkennt. Dort heißt es:

 

1  ‚Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.

2  Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.

3  Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.

4  Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.

5  Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.

6  Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.

7  Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.

8  Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.

9  Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein– und ausgehen und Weide finden.

10  Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

11  Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.

12  Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht,

13  weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt.

14  Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

15  wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.

16  Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten.

17  Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen.

18  Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.‘

 

Der gute Hirt ist Jesus, seine Schafe sind die Gläubigen, zunächst die Juden. Der gute Hirt wird mit dem bezahlten Knecht verglichen, der zwar im Auftrag des Farmers tätig wird, aber deshalb, weil ihm die Schafe nicht gehören, diese in dem Augenblick im Stich lässt, in dem ein böser Wolf kommt und die Schafe reißt. Der gute Hirt hingegen kümmert sich um die Schafe, er kennt jedes Schaf beim Namen und die Schafe kennen ihn und vertrauen ihm, weil er dann, wenn die Schafe in Gefahr sind, notfalls sogar sein Leben für die Schafe hingibt.

 

Auch wird in diesem Gleichnis von Dieben und Räubern gesprochen, welche den Stall nur deshalb betreten, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten. Der gute Hirt hingegen ist gekommen, damit ‚die Schafe das Leben haben und es in Fülle haben‘.

 

Auch dieses Gleichnis weist wiederum darauf hin, dass Jesu Botschaft nicht nur dem auserwählten Volk gilt, dass der Gute Hirt auch noch Schafe aus anderen Ställen hat, die er auch führen muss, also Gottes Botschaft auch an die Heiden zu bringen hat, später aber „wird es nur eine Herde geben und einen Hirten“.

 

Dieses Gleichnis schließt mit der Feststellung, dass Jesus sein Leben aus freiem Willen hingibt, dass es niemand ohne seinen Willen entreißen könne. Wir werden auf diese Stelle weitere unten noch ausführlich eingehen.

 

 

5. Christi Tod und die christliche Heilslehre

 

Im Zusammenhang mit der christlichen Heilslehre spielt der Kreuzestod Jesu eine entscheidende Rolle. Danach hat Jesus gerade durch seinen Tod am Kreuze und durch die danach erfolgte Auferstehung am dritten Tage die Menschheit von ihren Sünden erlöst. In diesem Sinne lesen wir z. B. im Hebräerbrief Kapitel 10, 11-14 von Paulus:

 

‚Jeder Priester steht Tag für Tag da, versieht seinen Dienst und bringt viele Male die gleichen Opfer dar, die doch niemals Sünden wegnehmen können. Dieser aber (Jesus) hat nur ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht und sich dann für immer zur Rechten Gottes gesetzt; denn durch ein einziges Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer zur Vollendung geführt.‘

 

Oder im Römerbrief Kapitel 5,12-19 erfahren wir:

 

‚Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten. …. Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheim gefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden..… Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.‘

 

Ähnlich wird im Korintherbrief Kapitel 15,21 davon gesprochen:

 

‚Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten.‘

 

Und unter Zugrundelegung dieses Zusammenhanges wurde dann der Schluss gezogen, dass es offensichtlich Gottes Wille war, dass Jesus schließlich am Kreuze starb und dass deshalb Gott Jesus, seinen Sohn, auf die Erde schickte, um dieses Werk der Erlösung der Menschen zu vollbringen.

 

Von dieser Feststellung ist es dann auch kein großer Schritt mehr zu der Behauptung, dass Judas keineswegs aus böser Absicht Jesus an die Römer ausgeliefert habe, sondern ganz im Gegenteil wesentlich dazu betrug, dass der Wille Gottes vollzogen wurde. Er stand danach mit Gott im Bunde, schlimmstenfalls war er nur ein willenloses Werkzeug Gottes, aus einer etwas für Judas freundlicheren Sicht heraus betrachtet handelte er im Auftrag Gottes, er hat sich sozusagen für das Wohl der Menschen geopfert und das schmutzige Geschäft des Verrats und damit eine Ächtung für alle Zeiten hier auf Erden auf sich genommen.

 

Der Tod Jesu war also offensichtlich – so wird dann gefolgert – von Gott gewollt. Diese These, dass Judas im Auftrag Gottes gehandelt habe, fand dann vor allem Auftrieb, als im Jahre 2006 die amerikanische National Geographic die erstmalige Übersetzung des Judasevangeliums der Öffentlichkeit vorstellte und als die Entdeckung dieses Evangeliums in der Presse als eine Art revolutionäre Sichtweise gefeiert wurde.

 

Die Existenz einer solchen apokryphen (also nicht in den offiziellen Kanon aufgenommenen Schrift) war zwar schon dem Kirchenvater Irenäus (140 bis circa 200) und späteren Bischof von Lyon bekannt, der dann auch den in dieser Schrift verbreiteten Lehren eine klare Absage erteilt hatte, eine Verurteilung, der auch die offizielle Kirche in dem von Kaiser Konstantin d. Gr. im Jahre 325 einberufenen Konzil in Nicäa gefolgt war, in dem sie den im Judasevangelium zugrunde liegenden Gnostizismus als Häresie verwarf.

 

Das Judasevangelium war von der gnostischen Lehre bestimmt, welche bereits in der Frühkirche das Kirchenvolk spaltete. Entsprechend dieser Lehre wurde die Welt dualistisch interpretiert: es gibt das Gute und das Böse. Die materielle Welt sei das Böse von einem Demiurgen (den Schöpfergott des Alten Testamentes!) erschaffen, das Gute sei (der göttliche Funken) in dieser Welt gefangen und müsse erlöst werden, wobei in der christlichen Variante dieser Lehre Christus die Aufgabe zufiel, diese Befreiung herbeizuführen. 

 

Judas wird nun im Judasevangelium als die Person gefeiert, die als Vertrauter Jesu dieses Erlösungswerk in Gang setzte, indem er Jesus an die Römer auslieferte. Die vollständige und nun abgeschlossene Übersetzung des Judasevangeliums hat jedoch dieser offensichtlich revolutionären Deutung der Gefangennahme Jesus und der Rolle, die Judas an diesem Geschehen übernahm, einen deutlichen Dämpfer aufgesetzt.

 

Einerseits ist Judas – entsprechend diesem Evangelium – zwar den übrigen Jüngern überlegen und empfängt Jesu geheime Lehre. Entsprechend dem Text des Judasevangeliums hat Jesus Judas selbst aufgefordert, ihn an die römische Besatzungsmacht auszuliefern um damit den Willen Gottes zu erfüllen. Andererseits äußerte sich Jesus diesem Evangelium zufolge über Judas ausgesprochen negativ. (siehe z. B. Samuel Vollenweider in: Neue Zürcher Zeitung, 29. 03. 2013).

 

In den beiden hier analysierten Gleichnissen von den bösen Winzern und vom guten Hirten findet sich allerdings nichts, was diese Deutung (dass Gott den Tod Jesu gewollt hat und ihn zu diesem Zweck auf die Erde gesandt hatte) unterstützt. Wenn wir versuchen, diese Überlegungen in die Bilder des Gleichnisses von den bösen Winzern zurückzuübersetzen, müssten wir davon sprechen, dass der Gutsbesitzer seinen Sohn nicht etwa deshalb zu den Winzern geschickt habe, „um seinen Anteil an den Früchten holen zu lassen“, sondern deshalb, dass auf diesem Wege über die Ermordung seines Sohnes ein Sühneakt vollzogen und eine Versöhnung zwischen Gutsbesitzer und Winzern ermöglicht werde. Das Gleichnis spricht aber davon, dass der Gutsbesitzer ‚diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten wird‘.

 

Die Winzer brachten weiterhin auch den Sohn ja nicht deshalb um, um auf diese Weise dem Gutsbesitzer ein Opfer zur Versöhnung zu bringen, sondern sie sprachen: ‚Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben. Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.‘

 

Überhaupt müssen wir uns darüber klar werden, dass die Vorstellung, man könne Gott dadurch gnädig stimmen, dass man ihm Brandopfer, ja sogar Menschenopfer bringe, im Grunde ein heidnischer Glaube ist. Zu Abrahams Zeiten gingen die Völker rings um die Heimat Abrahams von der Überzeugung aus, dass die Götter den Menschen Naturkatastrophen schicken, weil sie die Menschen für ihre Sünden bestrafen wollten. Die Menschen versuchten deshalb ihre Götter milde zu stimmen, in denen sie den Göttern das Wertvollste, was sie besaßen – und das waren die eigenen Kinder – opferten.

 

Die Erzählung über die nicht vollzogene Opferung Isaaks durch Abraham machte deutlich, dass sich Jahwe, der Gott der Juden, von all diesen anderen Göttern unterscheidet, indem er Menschenopfer ablehnt. Später erfahren wir aus der Bibel, dass der Gott der Juden auch Brandopfer jeglicher Art ablehnt. So lesen wir im Buch Amos Kapitel 5,21-22:

 

‚Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen.‘

 

Und im Matthäusevangelium Kapitel 12,33 erwidert der Schriftgelehrte, welcher Jesus nach dem obersten Gebot gefragt hatte, auf die Antwort Jesu: ‚den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.‘ Schließlich heißt es bei Matthäus Kapitel 24,40: 

 

‚Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.‘

 

Dies sind die Opfer, welche Gott in Wirklichkeit von uns Menschen erwartet.

 

Zu der These, dass Judas im Auftrag Gottes gehandelt habe, steht weiterhin die Annahme, dass Judas seine Tat bereut und durch Selbstmord seinem Leben ein Ende gesetzt hat, in krassem Widerspruch. Warum soll er eine Tat bereuen, welche er im Auftrag Gottes erfüllt hat? Und wenn man von dem Glauben ausgeht, dass es Gottes Wille war, dass Jesus gekreuzigt wurde, kann man ja auch davon ausgehen, dass dieser Auftrag an Judas erfolgreich zu Ende geführt wurde. Vor allem erwartet man von einem Gottes fürchtigen Menschen nicht, dass er sich selbst umbringt. Folgerichtig wird im Judasevangelium auch nicht davon berichtet, dass sich Judas nach seinem Verrat umgebracht habe.

 

Auch die Stelle bei Matthäus Kapitel 26,24 spricht gegen die These, dass Judas im Auftrag Jesu selbst diesen verraten habe. Dort heißt es:

 

‚Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.‘

 

 

6. Mysterien und das frühe Christentum

 

Die Theologin Angelika Strotmann macht in ihrem Artikel: Mysterien und das frühe Christentum im Brockhaus, wissenmedia GmbH, 2010 auf die Zusammenhänge zwischen den heidnischen Mysterien des Mithras-Kultes und der christlichen Heilslehre aufmerksam. Der Satz: »Auch uns hast du errettet, indem du das (ewige) Blut vergossen hast.« stamme nicht – wie man vermuten könnte  – aus dem christlichen Umfeld, sondern sei die Inschrift des Mithras-Heiligtums in Rom und richte sich an Mithras, den Gott des gleichnamigen Mysterienkultes.

 

Aber die Ähnlichkeit zwischen dieser Inschrift und christlichen Überzeugungen vom sühnenden Heilstod Jesu Christi sei - zumindest auf den ersten Blick - verblüffend. Das in dieser Inschrift zum Ausdruck kommende Mysterium sei aber nicht die einzige Ähnlichkeit zwischen Christentum und Mysterienkulten. So seien z. B. bei den mithrischen Kultfeiern ebenfalls Brot und Wasser unter Aussprechen bestimmter Formeln gereicht worden, was in der Zeit des frühen Christentums als von Dämonen initiierte Nachahmung des christlichen Abendmahls verurteilt wurde. Diese Verteufelung sei aber nur eine Seite des christlichen Umgangs mit den Mysterienkulten. Auf der anderen Seite hätten christliche Theologen völlig unbefangen die Sprache der heidnischen Mysterien dazu benutzt, um die Anhänger der Mysterien für das Christentum zu gewinnen.

 

Diese offenkundigen Ähnlichkeiten zwischen Christentum und Mysterienkulten zum einen und die christliche Übernahme von Mysterienterminologie zum anderen führten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in der religionsgeschichtlichen Schule zu der Auffassung, die christlichen Sakramente seien im Gegensatz zu den frühen Lehren aus den Riten der Mysterienkulte entstanden. Der Mythos vom Sterben und Auferstehen einer Mysteriengottheit habe nämlich das Bekenntnis von Tod und Auferstehung des Gottmenschen Jesus Christus entscheidend beeinflusst, eine Deutung allerdings, welche heutzutage in der christlichen Theologie weitgehend verworfen werde.

 

Angelika Strotmann zeigt dann auf, dass die Mysterienkulte eine besondere, persönliche Beziehung zwischen dem Eingeweihten und den Mysteriengottheiten zum Inhalt haben. Diese Gottheiten gehörten danach fast alle zum Typ des leidenden Gottes, so wie die ägyptische Isis, die ihren getöteten, zerstückelten Bruder und Gemahl Osiris sucht, ihn schließlich findet und mit ihm den Horusknaben zeugt. Im Nachvollzug des göttlichen Schicksals erhielten die Mysten Anteil an Erlösung und Heil der Gottheiten. Dieses Heil konnte sich auf innerweltliche Hoffnungen richten, auf Bewahrung vor Krankheit, Armut, Gefahren auf Reisen, aber auch auf ein besseres Schicksal nach dem Tod im Jenseits.

 

Trotz dieser Ähnlichkeiten bestehe ein wesentlicher Unterschied zwischen den heidnischen und christlichen Lehren vom Mysterium darin, dass die heidnischen Riten eine Wiedergeburt oder Auferstehung des Gottes überhaupt nicht kennen. Osiris lebe z. B. als König der Unterwelt weiter, Persephone, Kore, bleibe zwei Drittel des Jahres auf der Erde und ein Drittel im Hades, aus dem Blut des Attis entstünden Veilchen. Die Ähnlichkeiten zwischen heidnischem und christlichem Kult bestünden aber darin, dass auch das Christentum eine Erlösung durch die Bindung an einen Heilsbringer, nämlich an Jesus Christus lehre. Der Zugang zur christlichen Gemeinschaft sei auch wie in den heidnischen Mysterien von einer persönlichen Entscheidung abhängig, die in der Taufe als einer Art Initiation besiegelt wurde, und das christliche Abendmahl wird eben auch als Vergegenwärtigung von Tod und Auferstehung Jesu Christi verstanden, die im Mitfeiern Heil schafft, ähnlich dem Nachvollzug des göttlichen Schicksals durch die Mysten in den Mysterienkulten.

 

Im einzelnen seien die Unterschiede zwischen Christentum und Mysterienkulten allerdings beträchtlich. Zum Beispiel fehle der Gedanke des Sterbens für andere in den Mysterienkulten. Nach der am Anfang zitierten Mithrasinschrift vergießt Mithras denn auch nicht sein eigenes Blut, sondern das des Urstiers, um das Leben der Welt zu erneuern. Die in einigen Punkten unbestreitbare Ähnlichkeit zwischen Christentum und Mysterienkulten beruhe daher weniger auf der christlichen Übernahme bestimmter Mysterienphänomene, sondern sei vielmehr Ausdruck eines allgemein menschlichen Grundbedürfnisses nach Sicherheit, Glück und Erlösung, das dann zu ähnlichen Riten in der heidnischen und christlichen Lehre geführt habe.

 

 

7. Schuld und Sühne

 

Auch der Gedanke, dass Schuld gesühnt werden muss, dass die Weltordnung durch die Schuld der einzelnen Menschen gestört wurde und dass sie erst dann wiederum hergestellt ist, wenn die Tat vom Täter gesühnt wurde, findet sich nicht nur in den Schriften des Alten und Neuen Testamentes, sondern ist ebenso wie der Gedanke der Mysterien bereits in der heidnischen Welt verankert.

 

Die Tragik von Schuld und Sühne wird vor allem in der altgriechischen Mythologie beschrieben. Erinnern wir uns hierzu an das Schicksal der Iphigenie in Aulis. Helena, die Gemahlin des Königs Menelaos von Theben war von Paris, einem Trojaner, entführt worden und das griechische Heer wollte gegen Troja ziehen, um Helena zurückzuholen und Troja zu zerstören. Da Agamemnon zuvor eine Hirschkuh, das heilige Tier der Jagdgöttin Artemis, getötet und sich gerühmt hatte, er sei – verglichen mit der Göttin – der bessere Jäger, rächte sich Artemis an den Griechen, indem sie eine völlige Windstille verhängte, welche die Krieger daran hinderte, mit ihren Schiffen gegen Troja zu segeln. Der Seher Kalchas weissagte nun, dass Agamemnon seine Tochter Iphigenie der Göttin zur Sühne opfern müsse, um den Feldzug gegen Troja beginnen zu können.

 

Da Agamemnon auf jeden Fall Troja erobern wollte, stimmte er zu, seine älteste Tochter Iphigenie zu opfern. Unter dem Vorwand, sie solle mit Achilleus, den berühmtesten der griechischen Krieger, verheiratet werden, ließ er seine älteste Tochter Iphigenie nach Aulis bringen und sie auf dem Altar der Göttin Artemis opfern. Unmittelbar danach gestattete ein günstiger Fahrtwind die Weiterfahrt nach Troja. Nach einer anderen Version ließ jedoch die Göttin die Opferung Iphigenies nicht zu und entrückte sie nach Tauris, wo sie als Priesterin im Tempel der Göttin Diana ihren Dienst verrichten sollte.

 

Zehn Jahre später kehrt Agamemnon als Schiffsbrüchiger zurück und wird von Orest und Elektra sehnlichst erwartet, welche auf eine Bestrafung ihrer Mutter Klytämnestra brannten, welche in Abwesenheit ihres Mannes Agamemnon Aigisthos zu ihrer Geliebten gemacht hatte. Klytämnestra hatte ihrerseits nicht vergessen, dass Agamemnon einst ihr Kind geopfert hatte. Daher bringt sie ihn im Bad um, auch Kassandra wird getötet.

 

Die Blutrache setzt sich fort, Elektra überredet ihren Bruder Orest, die Ermordung ihres Vaters zu rächen. Pylades, ein naher Verwandter und zugleich treue Gefährte und Freund des jungen Orestes, tötet Aigisthos, worauf Klytämnestra wütend auf Orest zugeht. Orest erschlägt schließlich seine Mutter mit dem gleichen Beil, mit dem bereits seine Mutter ihren Mann ermordet hatte.

 

Von einer ähnliche Tragik wird im Alten Testament berichtet. Jephtha (Jiftach), der als Heerführer gegen die Ammoniter gezogen war, gelobte im Falle eines Sieges das zu opfern, was ihm bei der Rückkehr vor seiner Haustür zuerst begegnen würde. Als erstes begegnete ihm nun bei seiner Heimkehr seine eigene Tochter, sein einziges Kind. Da er sein Versprechen gegenüber Gott nicht brechen wollte und sich die Tochter in ihr Schicksal ergab, wird seine Tochter schließlich Gott geopfert. Im Buch Richter Kapitel 11 lesen wir:

 

29  ‚Da kam der Geist des Herrn über Jiftach und Jiftach zog durch Gilead und Manasse nach Mizpa in Gilead und von Mizpa in Gilead zog er gegen die Ammoniter.

30  Jiftach legte dem Herrn ein Gelübde ab und sagte: Wenn du die Ammoniter wirklich in meine Gewalt gibst

31  und wenn ich wohlbehalten von den Ammonitern zurückkehre, dann soll, was immer mir (als Erstes) aus der Tür meines Hauses entgegenkommt, dem Herrn gehören und ich will es ihm als Brandopfer darbringen.

32  Darauf zog Jiftach gegen die Ammoniter in den Kampf und der Herr gab sie in seine Gewalt.

33  Er schlug sie im ganzen Gebiet zwischen Aroër und Minnit bis hin nach Abel-Keramim vernichtend (und nahm) zwanzig Städte (ein). So wurden die Ammoniter vor den Augen der Israeliten gedemütigt.

34  Als Jiftach nun nach Mizpa zu seinem Haus zurückkehrte, da kam ihm seine Tochter entgegen; sie tanzte zur Pauke. Sie war sein einziges Kind; er hatte weder einen Sohn noch eine andere Tochter.

35  Als er sie sah, zerriss er seine Kleider und sagte: Weh, meine Tochter! Du machst mich niedergeschlagen und stürzt mich ins Unglück. Ich habe dem Herrn mit eigenem Mund etwas versprochen und kann nun nicht mehr zurück.

36  Sie erwiderte ihm: Mein Vater, wenn du dem Herrn mit eigenem Mund etwas versprochen hast, dann tu mit mir, was du versprochen hast, nachdem dir der Herr Rache an deinen Feinden, den Ammonitern, verschafft hat.

37  Und sie sagte zu ihrem Vater: Nur das eine möge mir gewährt werden: Lass mir noch zwei Monate Zeit, damit ich in die Berge gehe und zusammen mit meinen Freundinnen meine Jugend beweine.

38  Er entgegnete: Geh nur!, und ließ sie für zwei Monate fort. Sie aber ging mit ihren Freundinnen hin und beweinte ihre Jugend in den Bergen.

39  Als zwei Monate zu Ende waren, kehrte sie zu ihrem Vater zurück und er tat mit ihr, was er gelobt hatte; sie aber hatte noch mit keinem Mann Verkehr gehabt. So wurde es Brauch in Israel,

40  dass Jahr für Jahr die Töchter Israels (in die Berge) gehen und die Tochter des Gileaditers Jiftach beklagen, vier Tage lang, jedes Jahr.

 

Es ist allerdings umstritten, ob Jephta tatsächlich seine eigene Tochter Gott als Brandopfer darbrachte oder ob er eben nur seine Tochter für den Dienst an Gott im Tempel geweiht hat. Wenn wir den Inhalt der Stelle in der Genesis, an der Abraham sich anschickte, seinen Sohn Isaak zu opfern, recht bedenken, liegt die zweite Deutung (kein Brandopfer) näher, da diese Textstelle ja gerade klar machen will, dass Jahwe, der Gott der Israeliten menschliche Brandopfer entschieden ablehnt.

 

Alle diese Beispiele sollen deutlich machen, dass die Menschen oftmals auf tragische Weise schuldig werden, sich in dieser Schuld verstricken und in dem Versuch, ihrem Schicksal zu entrinnen, immer mehr und immer tiefer in Schuld geraten und ihrem vorherbestimmten Schicksal schließlich nicht entrinnen können.

 

Aber gerade in dieser Frage unterscheidet sich die christliche Heilslehre von den heidnischen Vorbildern. Zwar versündigt sich der Mensch auch hier gemäß der christlichen Überzeugung immer wieder aufs Neue. Aber die Kirche lehrt, dass er diesem Teufelskreis auch entkommen kann, wenn er seine sündigen Taten ehrlich bereut und zu einer Umkehr bereit ist.

 

 

8. Die Auferstehungserwartung im Alten und Neuen Testament

 

Nach M. Rösel und K. Bull ist die Erwartung der Auferstehung, die im Neuen Testament für Jesus Christus als Tatsache und für alle Christen als Hoffnung formuliert wird, im Alten Testament hingegen nur ansatzweise feststellbar. (siehe Elektronische Bibelkunde. Die kanonischen und apokryphen Schriften des AT von Martin Rösel. Und Die kanonischen Schriften des NT und die Apostolischen Väter von Klaus Michael Bull. Digitale Ausgabe, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft).

 

Der Glaube an die Auferstehung der Toten ist nämlich nicht von Anfang an Bestandteil des biblischen Glaubenszeugnisses. Eindeutig zur Sprache kommt er erst in der apokalyptischen Zukunftsschau des Danielbuches (Kapitel 12,13):

 

13  ‚Du aber geh nun dem Ende zu! Du wirst ruhen und am Ende der Tage wirst du auferstehen, um dein Erbteil zu empfangen.‘

 

Die Auferstehung von den Toten ist weiterhin Gegenstand im 2. Makkabäerbuch, Kapitel 7:

 

1  ‚Ein andermal geschah es, dass man sieben Brüder mit ihrer Mutter festnahm. Der König wollte sie zwingen, entgegen dem göttlichen Gesetz Schweinefleisch zu essen, und ließ sie darum mit Geißeln und Riemen peitschen...

 

9  Als der zweite in den letzten Zügen lag, sagte er: Du Unmensch! Du nimmst uns dieses Leben; aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind.‘….

 

10 Danach nahmen sie den Dritten und trieben auch mit ihm ihren Mutwillen. Und als sie es von ihm forderten, streckte er sogleich die Zunge heraus und hielt unerschrocken die Hände hin und sagte tapfer:  11 Diese Glieder sind mir vom Himmel gegeben; darum will ich sie gern gering achten um seiner Gesetze willen; denn ich hoffe, er wird sie mir wiedergeben

 

14 Als es aber mit ihm (dem vierten) zum Sterben ging, sprach er: Das ist für uns ein großer Trost: Die Menschen können uns töten, aber wir hoffen auf Gottes Verheißung, dass er uns wieder auferwecken wird; du aber wirst nicht auferweckt werden zum Leben…

 

19  Deine Toten werden leben, die Leichen stehen wieder auf; wer in der Erde liegt, wird erwachen und jubeln. Denn der Tau, den du sendest, ist ein Tau des Lichts; die Erde gibt die Toten heraus.‘

 

 Und im Buch Ezechiel Kapitel 37 heißt es ähnlich:

 

7  ‚Da sprach ich als Prophet, wie mir befohlen war; und noch während ich redete, hörte ich auf einmal ein Geräusch: Die Gebeine rückten zusammen, Bein an Bein.

8  Und als ich hinsah, waren plötzlich Sehnen auf ihnen und Fleisch umgab sie und Haut überzog sie. Aber es war noch kein Geist in ihnen.

9  Da sagte er zu mir: Rede als Prophet zum Geist, rede, Menschensohn, sag zum Geist: So spricht Gott, der Herr: Geist, komm herbei von den vier Winden! Hauch diese Erschlagenen an, damit sie lebendig werden.

10  Da sprach ich als Prophet, wie er mir befohlen hatte, und es kam Geist in sie. Sie wurden lebendig und standen auf – ein großes, gewaltiges Heer.

11  Er sagte zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Jetzt sagt Israel: Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren.

12  Deshalb tritt als Prophet auf und sag zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel.‘

 

Wir wollen also festhalten, dass der Auferstehungsgedanke im Alten Testament nur vereinzelt, relativ spät und auch mit unterschiedlichem Inhalt angesprochen wird. Aber eine gewisse unterschiedliche Ausgestaltung dieser Lehre findet sich auch noch im Neuen Testament, so wenn bei Lukas Kapitel 14,14 davon gesprochen wird, dass nur die Gerechten auferstehen, um am ewigen Leben teilzunehmen, während in der Apostelgeschichte Kapitel 24,15 gesagt wird, dass Gerechte wie Ungerechte am Ende der Zeiten auferweckt werden, wobei allerdings die Ungerechten dem ewigen Tod oder der ewigen Strafe überantwortet werden. Es wird hier nicht mehr wie teilweise noch im Alten Testament an eine Rückkehr in das alte Leben unter den Bedingungen einer vergangenen Welt gedacht. Die Auferstehung Jesu leitet hierbei den Beginn eines allgemeinen Auferstehungsgeschehens ein.

 

Das beherrschende Thema des Neuen Testamentes in diesem Zusammenhange ist also, dass durch Jesu Tod und Auferstehung nach dem dritten Tag der Tod endgültig überwunden wurde. Im Alten Testament war man zwar auch der Auffassung, dass Gott letztendlich selbstverständlich Herr über Leben und Tod ist. Doch wenn die Menschen Gott darum bitten, von dem Tode erlöst zu werden, so bitten sie zunächst vorwiegend darum, aus Todesgefahr gerettet und dem Leben zurückgegeben zu werden. Selten lässt sich im Alten Testament die Hoffnung erkennen, dass Gott dem Frommen auch nach vollzogenem irdischen Tod neues Leben in unmittelbarer Gemeinschaft mit Gott gewähren könne.

 

 

9. Der verworfene Stein wird zum Eckstein

 

Von entscheidender Bedeutung in dem oben angeführten Gleichnis von den bösen Winzern ist weiterhin, dass Jesus seine Zuhörer auf eine Stelle in der Thora (Psalm 118,22 und Jesaja, 28,16 ) hinweist, in der gesagt wird: ‚Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden‘ und bei Jeaja: ‚Darum – so spricht Gott, der Herr: Seht her, ich lege einen Grundstein in Zion, einen harten und kostbaren Eckstein, ein Fundament, das sicher und fest ist: Wer glaubt, der braucht nicht zu fliehen.‘

 

Natürlich wird auch dann, wenn wir dem Text des Gleichnisses von den bösen Winzern und vom guten Hirten folgen, dem Tod Christi am Kreuz und seiner Auferstehung am dritten Tage für das Heilsgeschehen die entscheidende Rolle zugewiesen, nur wird dem Sühnegedanken in diesem Zusammenhang nicht die eigentliche Bedeutung zuerkannt. Das Gleichnis fährt nämlich fort, dass ‚der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht.‘

 

Obwohl es also rein äußerlich zunächst so aussah, als hätten die Winzer durch das Töten des Sohnes verhindert, dass der Sohn des Weinbergbesitzers seinen Auftrag erfüllen konnte, hat es – diesem Gleichnis zufolge – Gott letzten Endes doch bewirkt, dass gerade dadurch, dass Jesus nicht nur gestorben, sondern am dritten Tage wieder auferstanden ist, den Menschen der Weg gezeigt wurde, wie sie zum ewigen Leben gelangen können. Das Auferstehen, das Weiterleben in einer anderen Welt bringt die entscheidende Wendung und damit Jesus auferstehen kann, musste er zuvor Sterben.

 

Die Menschen, welche Jesus töteten, taten dies, um seine Lehre zu bekämpfen. Die Römer, welche als einzige das Recht und die Möglichkeit hatten, Angeklagte zu kreuzigen, wollten auf diese Weise einen offenen Aufruhr gegen die römische Besatzungsmacht verhindern. Da Jesus von seinen Anhängern als Messias gefeiert wurde und da mit dem Messiasglauben bei den Juden zur Zeit Jesu die Hoffnung auf eine Befreiung von der Herrschaft der Römer verbunden war, waren die Römer davon überzeugt, dass von Jesus eine Gefahr ausgehe und gerade deshalb hielten es die Römer für notwendig, Jesus zu kreuzigen.

 

Der Hohepriester und der Hohe Rat und die Anhänger des Herodes betrieben die Kreuzigung Jesu hingegen vor allem deshalb, weil sie um ihre Vormachtstellung bangten. Sie hatten sich mit den Römern arrangiert, sie erkannten die römische Oberherrschaft an und duldeten auch, dass in der heiligen Stadt Jerusalem öffentlich heidnische Götter und der römische Kaiser als Gott verehrt wurde(n) und erhielten im Gegenzug das Recht, die jüdischen Rituale zu vollziehen und darüber hinaus gewisse eingeschränkte Autonomierechte.

 

Sie mussten nun bei einem Erfolg Jesu um ihre Position fürchten: Auf der einen Seite bestand die Gefahr, dass die jüdischen Bürger mehrheitlich Jesu folgten, auf der anderen Seite war zu befürchten, dass dann, wenn es tatsächlich zu einem öffentlichen Aufruhr gekommen wäre, der Tempel von den Römern zerschlagen worden wäre und den jüdischen Behörden ihre Vormachtstellung streitig gemacht würde, ein Ereignis, das ja auch später im Jahre 70 nach Chr. tatsächlich eingetreten ist.

 

Dadurch, dass Jesus gekreuzigt wurde, hatte es zunächst den Anschein, als sei Jesus mit seinem Auftrag vollkommen gescheitert. Wenn man so will, hatte aber Gott nur eine Schlacht verloren und zwar deshalb, weil er den Menschen als freie Wesen erschaffen hatte, welche sich aus freien Stücken zu Gott bekennen sollten und die deshalb auch die Möglichkeit hatten, sich von Gott abzuwenden.

 

Gott verliert jedoch niemals den Krieg. Gerade der Umstand, dass Jesus gekreuzigt wurde, hat letzten Endes dazu beigetragen, dass sehr schnell nach dem Tode Jesu die Schar der Jünger immer größer wurde und zu einer weltweiten Bewegung wurde. Dadurch, dass Gott Jesus am dritten Tage von den Toten auferweckt hat, ist den gläubigen Menschen vor Augen geführt worden, dass der Tod hier auf Erden nicht das Ende bedeutet, dass es vielmehr ein ewiges Leben nach dem irdischen Tode gibt, dass die Menschen genauso nach ihrem Tode eines Tages auferstehen werden, sodass der Tod für den gläubigen Menschen seinen ‚Stachel‘ verloren hat.

 

 

10. Ich gebe mein Leben aus freiem Willen hin.

 

Wir wollen uns zum Abschluss dieses Kapitels fragen, wie die Aussage von Jesus am Ende des Gleichnisses vom Guten Hirten zu verstehen ist.  Im Johannesevangelium Kapitel 10,17-18 lesen wir: ‘Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin.‘

 

Es wäre sicherlich falsch, wenn man aufgrund dieser Aussage den Schluss ziehen würde, dass diejenigen, welche die Kreuzigung Jesu betrieben (Kaiphas und der Hohe Rat) und durchgeführt (der römische Statthalter Pilatus) haben, keine Schuld auf sich geladen hätten, da ja Jesus diesen Tod freiwillig auf sich genommen habe. Gegen eine solche Schlussfolgerung spricht die Tatsache, dass Jesus bei Getsemani kurz vor seiner Verhaftung seinen Vater gebeten hatte, diesen tödlichen Ausgang wenn immer nur möglich zu verhindern. Im Matthäusevangelium Kapitel 26,36-46 heißt es:

 

36 Darauf kam Jesus mit den Jüngern zu einem Grundstück, das man Getsemani nennt, und sagte zu ihnen: Setzt euch und wartet hier, während ich dort bete.

37 Und er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit sich. Da ergriff ihn Angst und Traurigkeit,

38 und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir!

39 Und er ging ein Stück weiter, warf sich zu Boden und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.‘

 

Jesus ängstige sich sehr wohl wie vermutlich die meisten Menschen vor einem so grausamen Tod. Er nahm es aber freiwillig auf sich, seinen göttlichen Auftrag, die Juden zur Umkehr zu bewegen, zu erfüllen, auch dann, wenn dieser Auftrag mit Gefahren verbunden war und mit dem Leben bezahlt werden musste. Wenn wir nochmals das Bild vom guten Hirten heranziehen, so wollte er seine Aufgabe als Schäfer, die Schafe vor den Wölfen zu schützen, erfüllen, auch dann, wenn diese Aufgabe den Schäfer selbst in Gefahr bringt. Er war sich dieser Gefahr bewusst, war aber trotzdem bereit, diese Aufgabe zu übernehmen, weil er sie für notwendig hielt und aus Gehorsam gegenüber seinem Vater. Natürlich würde es ein guter Hirte auch für besser halten, wenn diese Aufgabe ohne Gefahr für Leib und Leben möglich wäre und das wäre ja auch möglich gewesen, wenn die Menschen die Botschaft Jesu angenommen hätten und deshalb zur Umkehr bereit gewesen wären.

 

Auch wenn wir das Gleichnis von den bösen Winzern heranziehen, so hat der Sohn des Gutsbesitzers seinen Auftrag angenommen, vermutlich in vollem Bewusstsein, dass durchaus mit der Möglichkeit gerechnet werden musste, dass die Winzer auch ihn töten würden, ähnlich wie die Winzer schon vorher Diener des Gutsbesitzers getötet hatten. Aber man kann trotzdem nicht davon sprechen, dass der Sohn des Gutsbesitzers darauf aus war, getötet zu werden, er tat es auch nicht aus Abenteurerlust, sondern aus Verantwortungsgefühl gegenüber seinem Vater und der durchzuführenden Aufgabe. Immerhin klingt in dem Gleichnis eine gewisse Hoffnung an, dass die Winzer den Sohn des Gutsbesitzers eher als zuvor die Knechte achten und ihn deshalb nicht töten werden.

 

Auch die Stelle bei Matthäus Kapitel 26,24 spricht gegen die These, dass diejenigen, welche Jesus gekreuzigt hatten, keine Schuld auf sich geladen hätten. Dort heißt es: ‚Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.‘