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Widersprüche in der Bibel

 

 

Gliederung:

 

 1. Inspiration des Hl. Geistes und Widersprüche in der Bibel

 2. Schöpfungsbericht

 3. Erbsünde, Voraussetzung für Schuld ist das Können

 4. Rächender Gott bis ins Dritte Glied- barmherziger Gott

 5. Freiheit des Menschen - Vorherbestimmung

 6. Holocaust und Allmacht Gottes

 7. Feindesliebe - Vernichtung der Feinde durch Gott

 8. Tod Jesu notwendig zur Erlösung der Menschen?

                 9. Ein Gott drei Personen

               10. Bindung Gottes an Entscheidungen der Kirchenbehörde

               11. Gleichheit vor Gott und Patriarchalismus

               12. Am Sabbat heilen trotz Sabbatruhe

               13. Von Gott kein Bildnis machen Jesusbilder

               14. Kein Reicher ins Himmelreich, trotzdem ist Zachäus Heil widerfahren.

               15. Alle Sünden werden vergeben, nicht die Sünde gegen den heiligen Geist

 

 

Kapitel 6: Holocaust und Allmacht Gottes

 

 

Gliederung:

 

1. Problemeinführung

2. Gottes Allmacht und die Freiheit des Menschen

3. Schuld der Menschen am Holocaust: Die Naziverbrecher

4. Schuld der Menschen am Holocaust: Die schweigende Mehrheit

5. Die Haltung von Staat und Kirche gegenüber den Juden

6. Die Haltung Gottes gegenüber den Juden in der Bibel

 

 

 

1. Problemeinführung

 

Das Wort Holocaust ist englischen Ursprungs und bezeichnet zunächst die Tötung einer sehr großen Zahl von Menschen bzw. eines ganzen Volksstammes. Heutzutage wird dieser Begriff im Zusammenhang mit der Vernichtung der in Europa angesiedelten Juden während des Dritten Reiches zwischen 1933 und 1945 verwendet.

 

Der systematische Versuch, alle Juden zu vernichten, begann 1933 in Deutschland nach der Machtübernahme des Nationalsozialismus damit, dass die Juden entrechtet und ausgegrenzt wurden, wobei dieser staatlicherseits organisierte Terror immer schärfere Formen annahm. So wurden 1935 auf dem Nürnberger Parteitag der NSDAP die Nürnberger Gesetze:  das »Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« erlassen.

 

Dieses Gesetz bestimmte, dass die vollen Bürgerrechte nur an »Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes« verliehen werden sollten. In dem sogenannten Ariernachweis hatte jeder Bürger nachzuweisen, dass seine Vorfahren arischer Abstammung waren. Dieses Gesetz untersagte die Eheschließung zwischen Juden und »Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes«, die sogenannte »Rassenschande«.

 

In der Nacht vom 9. zum 10. 11. 1938  ereignete sich die Kristallnacht mit den von den Nationalsozialisten organisierten Pogromen gegen die Juden. Es folgte die Kennzeichnungspflicht, welche alle Juden zum Tragen des „Davidsterns“ verpflichtete, später kam es zur Konfiskation des jüdischen Vermögens sowie zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben.

 

Ab 1938 wurde zunächst die systematische Vertreibung der Juden durch Gründung einer »Jüdischen Zentralstelle für Auswanderung« in Wien unter A. Eichmann, und 1939 durch Gründung einer »Reichszentrale für jüdische Auswanderung« unter Leitung von R. Heydrich eingeleitet.

 

Seit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges begann die systematische Überführung der Juden in Konzentrationslager, auf der Wannseekonferenz vom 20. 1. 1942 wurde schließlich der organisierte Völkermord, die sogenannte »Endlösung« beschlossen und die Tötung der Juden in industriell betriebenen Vergasungsanlagen eingeleitet.

 

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurden auf diese Weise mehr als 6 Millionen Juden ermordet. Das auf der Wannseekonferenz verkündete Ziel, die Vernichtung aller Juden Europas, wurde allerdings nicht erreicht.

 

Dieser Holocaust wird nun für jeden gläubigen Juden und Christen zum Problem, da ja beide Religionen von der Überzeugung ausgehen, dass Gott gerecht, gütig und allmächtig ist. Es entsteht nun die Frage, wie Gott  nahezu ein ganzes Volk auslöschen konnte, wobei es besonders unverständlich erscheint, dass diese versuchte Vernichtung gerade an dem von Gott auserwählten Volk der Juden erfolgt ist.

 

Wenn Gott allmächtig ist, hätte man dann nicht eigentlich erwarten müssen, dass Gott diese Vernichtung verhindert? Besonders das Alte Testament ist voll von Berichten über das Eingreifen Gottes in die Geschehnisse dieser Welt. Er bestraft zwar die Juden, wenn sie sich von ihm abgewandt haben; so geschehen etwa bei der Deportierung der Juden in die assyrische und später in die babylonische Gefangenschaft.

 

Aber selbst dort, wo ganze Städte und Volksstämme mit Gottes Hilfe bestraft und vernichtet werden, lässt Gott die wenigen Gerechten, welche sich nicht gegen ihn versündigt hatten, erretten. Die Städte Sodom und Gomorra wurden zwar vernichtet, da Gott noch nicht einmal zehn Gerechte finden konnte, um derentwillen er diese Städte verschont hätte, aber der als gerecht geltende Lot samt seiner Familie wurde trotzdem gerettet.

 

Selbst dann, wenn der Holocaust als Strafe Gottes für die Versündigungen der Juden hätte angesehen werden können, bleibt somit immer noch unklar, weshalb entgegen der sonstigen biblischen Berichte über Bestrafungen der Juden, Gott im Zusammenhang mit dem Holocaust auch gerechte Juden, vor allem auch unschuldige Kinder, welche noch gar keine Schuld auf sich laden konnten, mit bestraft habe.

 

Aber vor allem berichtet die Bibel davon, dass Gott seinem auserwählten Volk wiederholt im Kampf gegen seine Feinde zu Hilfe gekommen ist und auch dort einen Sieg der Israeliten ermöglicht hat, wo sich die Juden einem zahlenmäßig überlegenen Feind zu erwehren hatten. So führte Gott die Israeliten aus Ägypten, in welchem sie Jahrzehnte lang als Sklaven gehalten wurden, weiterhin hatte derselbe Gott die Juden vor den nachrückenden Ägyptern dadurch befreit, dass er auf wundersame Weise den Israeliten die Überquerung des Roten Meeres ermöglichte, oder aber Gott brachte den Juden trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit einen Sieg gegen Jericho.

 

   

2. Gottes Allmacht und die Freiheit des Menschen

 

Als erstes gilt es im Zusammenhang mit diesem Widerspruch festzustellen, dass es nicht Gott, sondern die Menschen waren, welche dieses massenweise Abschlachten der Juden veranlasst und durchgeführt haben und dass deshalb die Schuld an diesem Ereignis die Menschen und nicht Gott trifft.

 

Es bleibt aber bei dieser Beantwortung immer noch die Frage, warum denn Gott es zugelassen hat, dass Menschen dieses Verbrechen begangen haben, hätte man nicht eigentlich erwarten müssen, dass hier Gott eingreift und die nationalsozialistischen Machthaber daran hindert, diese geplanten Verbrechen auch auszuführen? Nach dem oben Gesagten hätte gerade ein solches Eingreifen Gottes erwartet werden müssen, da er ja auch in der Vergangenheit – wie die Bibel berichtet – wiederholt sein auserwähltes Volk vor seinen Feinden mit Erfolg beschützt hat.

 

Zur Beantwortung dieser weiteren Frage muss darauf hingewiesen werden, dass Gott den Menschen als freies Wesen erschaffen hat und dass deshalb der Mensch durchaus in der Lage ist, sich von Gott abzuwenden. Obwohl also der Mensch von Gott die Weisung erhalten hat, die zehn Gebote Gottes zu beachten und jederzeit Schaden von den Mitmenschen abzuwenden, muss dennoch mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass die Menschen sehr oft und nicht nur in Einzelfällen diese Gebote missachten. Wollte man nun unterstellen, dass Gott zwar dem Menschen die Möglichkeit eingeräumt hat, verbrecherische Taten zu planen, dass er aber dann die Menschen stets daran hindert, diese Taten auch durchzuführen, wären die Menschen in Wirklichkeit Marionetten Gottes und hätten auch nicht die Freiheit, ihren Willen durchzusetzen.

 

Der Entschluss und Wille Gottes, den Menschen als ein freies Wesen zu erschaffen, beinhaltet somit notwendiger Weise die Möglichkeit, dass Menschen Verbrechen begehen. Die Allmacht Gottes bedeutet keinesfalls, dass er widersprüchliche Handlungen plant und realisiert, auch ein allmächtiger Gott kann dann, wenn er dem Menschen die Freiheit einräumt, sich auch gegen die Weisungen Gottes zu stellen, nicht verhindern, dass die Menschen von dieser Freiheit Gebrauch machen. Entweder sind die Menschen als freie Wesen geschaffen worden, dann müssen wir auch davon ausgehen, dass Menschen verbrecherische Taten begehen können oder aber Gott hindert die Menschen gewaltsam daran, ihre verbrecherischen Pläne in die Tat umzusetzen, dann ist der Mensch eben doch nicht als freies Wesen erschaffen worden.

 

Natürlich bedeutet diese Erkenntnis noch nicht eine endgültige und befriedigende Beantwortung der Frage, warum Gott  nicht – wie in der Bibel berichtet – den Menschen zu Hilfe kommt und dadurch verhindert, dass die Pläne zur Vernichtung der Juden erfolgreich umgesetzt werden können. Man hätte ja z. B. auch erwarten können, dass Gott der deutschen Bevölkerung so stark ins Gewissen redet, dass sie furchtlos den Ausschreitungen der Nationalsozialisten entgegentreten und diese an den Deportationen hindern. Sicher ist, dass ohne das untätige Zusehen der Massen der deutschen Bevölkerung die Vernichtung der Juden nicht so leicht und auch nicht so erfolgreich hätte durchgeführt werden können.

 

Es bleibt die Frage offen, warum in den zahlreichen Berichten der Bibel die Vernichtungspläne der Feinde Israels wiederholt durch das Eingreifen Gottes verhindert wurden und warum eine solche Vereitelung nicht auch beim Holocaust möglich war. Oft wird in diesem Zusammenhang resignierend darauf hingewiesen, dass Gottes Ratschlag unergründlich und dem Menschen verborgen sei und dass der Mensch eben darauf vertrauen muss, dass Gott letzten Endes die Geschicke der Menschen zum Guten wende, auch dann, wenn der Augenschein dagegen spricht und sich eine solche Weisheit nicht erkennen lässt.

 

Richtig an dieser Einschätzung ist zwar die Feststellung, dass der Mensch metaphysische Fragen in der Tat nicht endgültig klären kann. Aussagen, welche sich auf metaphysische Fragen beziehen, lassen sich weder eindeutig verifizieren, noch eindeutig falsifizieren. Die menschlichen Wahrnehmungsorgane beschränken sich auf die Beobachtung irdischer (weltlicher) Dinge mit Hilfe unserer Sinne und Schlussfolgerungen, welche wir mit Hilfe unseres Verstandes aus diesen Beobachtungen ziehen können. Die Frage, warum Gott diese verheerenden Verbrechen des Nationalsozialismus zugelassen hat, ist eindeutig eine metaphysische Frage und deshalb mit Hilfe der uns zur Verfügung stehenden Wahrnehmungsorganen nicht zu klären. Also – so könnte  man folgern – bleibe dem Menschen gar nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass die Geschicke der Menschen von Gott letztendlich zum Guten gewendet werden, auch dann, wenn der Augenschein dagegen spricht.

 

Zum besseren Verständnis dafür, dass Geschehnisse, welche uns zunächst als außerordentlich verlustreich erscheinen, später doch als sehr nutzenbringend angesehen werden konnten, wird dann bisweilen folgendes Beispiel angeführt.

 

Ein Bürger freut sich während des ganzen Jahres auf seinen Urlaub in der Südsee, er möchte mit dem Flugzeug dieses Ferienziel erreichen. Auf der Fahrt zum Flugplatz gerät er in einen Stau, der zur Folge hat, dass er das Flugzeug verpasst und dass er – da alle anderen möglichen Flüge ausverkauft sind – auf seinen heiß ersehnten Ferienwunsch verzichten muss. Er ärgert sich kolossal. Später wird ihm mitgeteilt, dass das Flugzeug ins Meer abgestürzt ist und dass es keine Überlebenden des Absturzes gebe.

 

Was sich zunächst als eine Vereitelung seines wichtigsten Wunsches gezeigt hat, erweist sich nach einer gewissen Zeit als ein Rettungsakt und als Verhinderung eines gewaltsamen frühen Todes. Das Ereignis, das zunächst als ein Nachteil angesehen wurde, erwies sich also letztendlich als vorteilhaft. In diesem Sinne müsste auch davon ausgegangen werden, dass sich die hier auf Erden erlebten Unglücksfälle schließlich in Glücksfälle verwandelten.

 

Trotzdem ist diese Erklärung höchst unbefriedigend. Die Tatsache nämlich, dass sich auf dieser Welt so viele – offensichtlich ungerechte – Vorfälle ereignen, ist einer der wichtigsten Gründe dafür, dass viele Menschen, die an und für sich durchaus willens sind, an einen Gott zu glauben und sich auch an die zehn Gebote Gottes zu halten, in ihrem Bemühen um einen Glauben daran scheitern, dass trotz der angeblichen Allmacht Gottes soviel Leid auf dieser Welt geschieht. Der bloße Hinweis auf die Unergründlichkeit Gottes ist nicht geeignet, diese Zweifel zu zerstreuen. Also wäre es höchst erwünscht und notwendig, nach Erklärungen dieser anscheinenden Widersprüche zu suchen, welche sich mit dem menschlichen Verstand besser erklären lassen, als einfach der Hinweis, dass Gottes Handlungen vom Menschen nie voll erkannt werden könnten. Und dies gilt auch dann, wenn eine restlose Erklärung all diesen Leides sicherlich auf keinen Fall möglich ist.

 

 

3. Schuld der Menschen am Holocaust: Die Naziverbrecher

 

Wenn wir also davon ausgehen müssen, dass die Verbrechen des Holocausts von Menschen und nicht von Gott verübt worden sind und dass deshalb eben nicht Gott, sondern die Menschen dieser Verbrechen anzuklagen sind, wollen wir im Folgenden der Frage nachgehen, worin denn die eigentlichen Wurzeln für dieses verbrecherische Handeln liegen.

 

Als erstes wäre hier die vom Nationalsozialismus propagierte Ideologie des Rassenwahnsinns zu nennen. Wir können nicht davon ausgehen, dass die historische Entwicklung schließlich ein solches im Holocaust verübten Verhalten mehr oder weniger automatisch herbeigeführt hat, wie z. B. heutzutage davon ausgegangen wird, dass die Völker Europas und Nordamerikas nicht etwa bewusst den ersten Weltkrieg und damit die Tötung von Millionen von Menschen herbeigeführt haben, sondern dass die Staaten mehr oder weniger in dieses Geschehen aufgrund eines weitgehend automatisch funktionierenden Bündnissystems hineingeschliddert sind. Beim Holocaust war es vielmehr die bewusst verfolgte Ideologie des Rassenwahnsinns, die von Anfang an die Vernichtung der Juden geplant hat.

 

Allerdings muss auch gesehen werden, dass diese Ideologie keinesfalls von selbst rein zufällig nach dem ersten Weltkrieg entstanden ist, dass vielmehr mehrere Faktoren notwendig waren, dass sich eine solche Ideologie in Deutschland – im Gegensatz zu den anderen Staaten –  in so starkem Maße in die Tat umsetzen ließ.

 

Eine erste Wurzel für die Entstehung einer rassistischen Wurzel kann bereits in dem Verhalten der Adligen im Altertum und Mittelalter gesehen werden. Zwar lehrt uns die Bibel, dass vor Gott alle Menschen gleich sind. Und gerade deshalb, weil Menschen andere Menschen immer wieder unterdrücken und weil der tatsächliche Reichtum sehr ungleich auf die einzelnen Menschen verteilt ist, hat Jesus immer wieder betont, dass sich Gott auch und gerade der Armen und Geknechteten annimmt und dass es zu den wichtigsten Geboten zählt, den Notleidenden zu Hilfe zu kommen. De facto haben jedoch die Privilegierten des Mittelalters die einfachen Bürger in ihrer Mehrheit versklavt und wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Von einem Angehörigen einer zweiten Klasse Mensch ist es aber nur ein geringer Schritt zum Unmenschen.

 

Eine zweite Wurzel dieser rassistischen Ideologie kann jedoch auch darin gesehen werden, dass mit der Aufklärung die religiösen Bindungen des Menschen aufgegeben wurden, der Mensch wurde als das Maß aller Dinge gehalten, der in freier und willkürlicher Entscheidung selbst darüber befinden kann, was als gut und was als schlecht zu gelten hat. So wurde es auch möglich, dass ein Teil der Menschen einem anderen Teil der Menschheit die Charakterisierung als Mensch aberkannte. Aus den angeblichen Vorteilen und Nachteilen, welche einzelne Rassen im Hinblick auf die Überlebensfähigkeit erlangt haben, wurde dann willkürlich festgesetzt, dass bestimmte Rassen gar nicht mehr als Mensch bezeichnet werden könnten und dass diesen Rassen somit die Rechte, die eigentlich allen Menschen geschuldet sind, aberkannt werden können. Aufgrund dieser geistigen Wurzeln konnte schließlich dann auch die nationalsozialistische Rassenideologie vom arischen Übermenschen und dem semitischen Untermenschen entwickelt werden.

 

 

4. Schuld der Menschen am Holocaust: Die schweigende Mehrheit

 

Es reicht aber für das Zustandekommen eines solchen Verbrechens wie des Holocausts nicht aus, dass eine kleine Schicht von Herrschenden diese Untaten zu begehen beabsichtigt. Der Holocaust konnte nur deshalb vollzogen werden, weil die Masse der Bevölkerung diese Verbrechen duldete und tatenlos zuschaute, wie die Juden gemobbt und schließlich in die Konzentrationslager abgeführt wurden. Worin lag es aber begründet, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen diese gleichgültige Haltung gegenüber den Naziverbrechen einnahm?

 

Offensichtlich war Deutschland nicht das einzige Land, in dem faschistische Ideologien entstanden und verbreitet wurden. Auch in Frankreich, Großbritannien und den USA gab es Bestrebungen ähnlicher Art. Der Unterschied zwischen Deutschland und diesen anderen Staaten lag aber darin, dass die demokratischen Ordnungen in Deutschland erst nach dem zweiten Weltkrieg in der Weimarer Verfassung endgültig eingeführt worden waren, während Frankreich, Großbritannien sowie die USA auf eine sehr lange – mehrere Generationen andauernde – demokratische Tradition zurückblicken konnten. In Großbritannien zeichnete sich der allmähliche Übergang von einer Monarchie zu einer funktionsfähigen Demokratie schon sehr früh im 18. Und 19. Jahrhundert ab, es bedurfte hier im Gegensatz zu Frankreich und den Vereinigten Staaten vom Amerika keiner Revolution, um die Monarchie zu stürzen und die demokratischen Grundprinzipien in den Verfassungen zu verankern.

 

Zwar wurden auch die deutschen Staaten im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert ähnlich wie Frankreich von Revolutionen erschüttert, im Gegensatz zu Frankreich jedoch gelang es in Deutschland nach der Novemberrevolution von 1789 und der Februar- und Märzrevolution von 1832 bzw. 1848 nicht, eine demokratische Ordnung auf Dauer zu installieren, langfristig setzte sich die Restauration immer wieder durch. Es war vor allem der Feind Frankreich, der unter Napoleon einige demokratische Formen des Bürgerlichen Lebens in Deutschland eingeführt hatte, der Widerstand gegen Napoleon wurde zwar zu einer in der deutschen Bevölkerung durchaus verankerten Bewegung, sie richtete sich jedoch primär gegen den ausländischen Feind und im Innern gegen die Vielstaaterei und wurde weniger zur Einführung demokratischer Prinzipien ausgelöst.

 

So blieb die Weimarer Republik trotz ihrer demokratischen Verfassung weitgehend ein autoritärer Staat, in dem die Bürger dazu erzogen worden waren, den im Namen des Staates von den Politikern durchgeführten Handlungen blind zu vertrauen. Die Meinung, dass der Staat immer dem Gemeinwohl verpflichtet sei, war weit verbreitet. Für viele – sonst durchaus integre – Bürger war es auch undenkbar, dass im Namen dieses Staates Verbrechen verübt werden können. So verschlossen auch viele Bürger, welche an und für sich durchaus im normalen Leben die rechtsstaatlichen Prinzipien befolgten, ihre Augen vor den im Namen der nationalsozialistischen Ideologie verübten Verbrechen.

 

 

5. Die Haltung von Staat und Kirche gegenüber den Juden

 

Einige Wurzeln für das Entstehen einer faschistischen Ideologie liegen jedoch noch weiter zurück. So haben die beiden christlichen Kirchen bis zum zweiten Vatikanischen Konzil in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts den Hass auf die Juden allgemein dadurch geschürt oder zumindest geduldet, dass sie die Juden des Mordes von Jesus angeklagt haben. Hierbei spielte der Umstand, dass Judas Ischariot nach den Zeugnissen des Neuen Testamentes Jesus verraten und den jüdischen Kirchenbehörden und den Römern ausgeliefert hatte, die entscheidende Rolle, wobei dann bewusst der einzelne Mensch Judas stellvertretend für alle Juden, also Angehörigen des Volksstammes, dem auch Judas entstammte, verallgemeinernd angeklagt wurden.

 

Diesem Vorwurf gegenüber muss klar gestellt werden, dass erstens nur eine relativ kleine Schicht der Juden (vorwiegend die führenden vierzig Familien der Sadduzäer) die Auslieferung und Ermordung Jesu aktiv betrieben haben – eine Kreuzigung konnten ohnehin nur die Römer beschließen und diese waren sicherlich keine Befehlsempfänger Jüdischer Kirchenbehörden –, der weitaus größte Teil der Juden war für die Kreuzigung Jesu nicht verantwortlich. Vor allem aber ist zweitens zu betonen, dass eine Sippenhaft der heutigen Juden aufgrund etwaiger Verbrechen vor mehr als Zweitausend Jahren (!) weder nach christlichem Verständnis noch nach der allgemeinen abendländischen Sittenlehre erlaubt ist.

 

Der Umstand, dass also die gläubigen Christen von der Überzeugung ausgingen, dass die Juden Jesus und damit Gottes Sohn auf schändliche Weise ermorden ließen, trug dann ebenfalls dazu bei, dass eine generelle Bestrafung der Juden ganz allgemein als durchaus gerechte Strafe für das Jesus angetane Unrecht verteidigt wurde und dass der größte Teil der Bevölkerung es auch nicht für notwendig hielt, den verfolgten Juden zu Hilfe zu kommen.

 

 

6. Die Haltung Gottes gegenüber den Juden in der Bibel

 

Nachdem wir geklärt haben, dass der Holocaust in allererster Linie ein Handeln war, das von Menschen verübt wurde und dass es also auch nicht Gott ist, der für diese Gräueltaten letztlich verantwortlich gemacht werden kann, wollen wir uns nun im Folgenden etwas ausführlicher mit der Frage befassen, warum Gott diese Gräueltaten immerhin zugelassen und nicht in dieses Geschehen eingegriffen hat.

 

Wie bereits eingangs erwähnt, ist das Alte Testament voll von Berichten, dass Gott wiederholt zugunsten der Juden, des auserwählten Volkes, in die historischen Geschehnisse eingegriffen hat und die Israeliten auch dann siegen ließ, wenn sie in der Minderheit waren und nach den normalen Gesetzmäßigkeiten eigentlich von ihren Feinden hätten besiegt werden müssen.

 

Zwar ist es richtig, dass uns das Alte Testament auch von vielen Niederlagen des jüdischen Volkes berichtet, in denen sich Gott offensichtlich nicht zugunsten der Juden eingemischt hatte. Gerade diese Niederlagen z. B. im Zusammenhang mit der assyrischen Gefangenschaft der Nordstaaten und der später erfolgten Verschleppung Judäas in die babylonische Gefangenschaft werden im Alten Testament aber damit begründet, dass sich die Israeliten gegen Gott versündigt hatten und dass Gott selbst diese Strafmaßnahmen veranlasst (gebilligt?) habe.

 

Wenn wir diesen Berichten folgen, hätte man eigentlich nur dann ein so gravierendes Ereignis wie den Holocaust erwarten können, wenn Gott die Juden hätte in besonders starkem Maße wie z. B. bei der Sintflut bestrafen wollen. Aber gerade aus dieser Sicht ist der Holocaust nicht erklärbar. Auf der einen Seite lässt sich wohl kaum belegen, dass sich die Juden im 20. Jahrhundert in so starkem Maße gegen die Gebote Gottes versündigt hatten, dass die versuchte Auslöschung des jüdischen Volkes als von Gott gewolltes Ereignis angesehen werden kann. Die Juden der damaligen Zeit waren normale Menschen, welche  – wie auch die anderen Rassen – zwar nicht heiligmäßig gelebt hatten, aber auch im Durchschnitt keine größeren Verfehlungen gegen Gott verübt hatten. Warum sollte dann Gott nicht auch die Christen wegen ähnlicher Vergehen bestrafen, da ja auch die nichtjüdischen Bürger in gleicher Weise sündig geworden waren?

 

Fragen wir uns nun, wie denn – entsprechend den Auskünften der Bibel – Gott sündhaftes Verhalten der Menschen bestraft. Als erstes erfahren wir, dass Gott Adam und Eva mit der Vertreibung aus dem Paradies dafür bestrafte, dass sie trotz ausdrücklichen Verbots von den Früchten des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen hatten (Gen 3,16-24):

 

16 ‚Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.

17  Zu Adam sprach er: Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens.

18  Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes musst du essen.

19  Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück….

23  Gott, der Herr, schickte ihn aus dem Garten von Eden weg, damit er den Ackerboden bestellte, von dem er genommen war.

24  Er vertrieb den Menschen und stellte östlich des Gartens von Eden die Kerubim auf und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.‘

 

Wir hatten allerdings in den vorhergehenden Kapiteln gesehen: Diese Vertreibung aus dem Paradies war in erster Linie eine zwingende Folge davon, dass sich die Menschen vermehrten und dass deshalb der Nahrungsspielraum des Paradies nicht mehr ausreichte, um alle Menschen zu ernähren.

 

In Kapitel 4 der Genesis erfahren wir weiterhin davon, dass Kain seinen jüngeren Bruder Abel erschlug, dass er deshalb von Gott verflucht wurde, dass er aber seine Tat bereute und Gott daraufhin Kain auf seine Stirn ein Zeichen einbrannte, damit ihn niemand erschlage:

 

8  ‚Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn.

9  Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?

10  Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden.

11  So bist du verflucht, verbannt vom Ackerboden, der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders aufzunehmen.

12  Wenn du den Ackerboden bestellst, wird er dir keinen Ertrag mehr bringen. Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein.

13  Kain antwortete dem Herrn: Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte.

14  Du hast mich heute vom Ackerland verjagt und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen; rastlos und ruhelos werde ich auf der Erde sein und wer mich findet, wird mich erschlagen.

15  Der Herr aber sprach zu ihm: Darum soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen. Darauf machte der Herr dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde.‘

 

Gott hat also Kain für sein Vergehen bestraft, ihn aber auch vor den Verfolgungen der Menschen geschützt, da er seine Tat bereut hat.

 

Von einer besonders großen Bestrafung erfahren wir dann in dem Bericht über die Sintflut. Die Vergehen der Menschen waren so groß, dass Gott beschlossen hatte, die Menschheit durch eine Sintflut auszulöschen. Aber auch hier erfahren wir, dass Noah mit seiner Familie – die einzigen, welche Gottes Gebote befolgt hatten – in einer Arche überleben konnte. Bestraft wurden also auch hier nur vorwiegend die sündigen Menschen (Gen 6,5-8):

 

5  ‚Der Herr sah, dass auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war.

6  Da reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh.

7  Der Herr sagte: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, mit ihm auch das Vieh, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels, denn es reut mich, sie gemacht zu haben.

8  Nur Noach fand Gnade in den Augen des Herrn.‘

 

Weiterhin erfahren wir aus der Bibel, dass Gott zur Lebenszeit von Abraham beschlossen hatte, die Städte Sodom und Gomorra wegen ihrer Vergehen zu vernichten. Das Zwiegespräch, das Abraham zuvor mit Gott führte, macht uns eindringlich klar, dass sich auch Gott an die von ihm erlassenen Weisungen hält, nur Ungerechte zu bestrafen und dass Gott auf die Vernichtung dieser Städte verzichtet hätte, wenn er nur zehn Gerechte in dieser Stadt gefunden hätte. In dem Buch Genesis Kapitel 18  spricht Abraham zu Gott:

 

25  ‚Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?‘

 

Nun, Gott hatte dann noch nicht einmal zehn Gerechte in diesen Städten gefunden, beschloss deshalb die Zerstörung dieser beiden Städte, führte jedoch zuvor Lot mit seiner Familie – der Einzige, welcher sich an die Weisungen Gottes gehalten hatte – aus der Stadt und errettete ihn somit. In Genesis Kapitel 19 heißt es:

 

15  ‚Als die Morgenröte aufstieg, drängten die Engel Lot zur Eile: Auf, nimm deine Frau und deine beiden Töchter, die hier sind, damit du nicht wegen der Schuld der Stadt hinweggerafft wirst.

16  Da er noch zögerte, fassten die Männer ihn, seine Frau und seine beiden Töchter an der Hand, weil der Herr mit ihm Mitleid hatte, führten ihn hinaus und ließen ihn erst draußen vor der Stadt los…..

 

29  Als Gott die Städte der Gegend vernichtete, dachte er an Abraham und ließ Lot mitten aus der Zerstörung fortgeleiten, während er die Städte, in denen Lot gewohnt hatte, von Grund auf zerstörte.‘

 

Von Gottes Zorn erfahren wir dann wiederum, als Moses auf dem Berg Sinai von Gott die zwei ehernen Gesetzestafeln erhielt. Dort, im Buch Exodus Kapitel 32 lesen wir:

 

1  ‚Als das Volk sah, dass Mose noch immer nicht vom Berg herabkam, versammelte es sich um Aaron und sagte zu ihm: Komm, mach uns Götter, die vor uns herziehen. Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus Ägypten heraufgebracht hat – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist.

2  Aaron antwortete: Nehmt euren Frauen, Söhnen und Töchtern die goldenen Ringe ab, die sie an den Ohren tragen, und bringt sie her!

3  Da nahm das ganze Volk die goldenen Ohrringe ab und brachte sie zu Aaron.

4  Er nahm sie von ihnen entgegen, zeichnete mit einem Griffel eine Skizze und goss danach ein Kalb. Da sagten sie: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben.

5  Als Aaron das sah, baute er vor dem Kalb einen Altar und rief aus: Morgen ist ein Fest zur Ehre des Herrn.

6  Am folgenden Morgen standen sie zeitig auf, brachten Brandopfer dar und führten Tiere für das Heilsopfer herbei. Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken und stand auf, um sich zu vergnügen.

 

7  Da sprach der Herr zu Mose: Geh, steig hinunter, denn dein Volk, das du aus Ägypten heraufgeführt hast, läuft ins Verderben.

8  Schnell sind sie von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein Kalb aus Metall gegossen und werfen sich vor ihm zu Boden. Sie bringen ihm Schlachtopfer dar und sagen: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben.

9  Weiter sprach der Herr zu Mose: Ich habe dieses Volk durchschaut: Ein störrisches Volk ist es.

10  Jetzt lass mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt. Dich aber will ich zu einem großen Volk machen.

11  Da versuchte Mose, den Herrn, seinen Gott, zu besänftigen, und sagte: Warum, Herr, ist dein Zorn gegen dein Volk entbrannt? Du hast es doch mit großer Macht und starker Hand aus Ägypten herausgeführt.

12  Sollen etwa die Ägypter sagen können: In böser Absicht hat er sie herausgeführt, um sie im Gebirge umzubringen und sie vom Erdboden verschwinden zu lassen? Lass ab von deinem glühenden Zorn und lass dich das Böse reuen, das du deinem Volk antun wolltest.

13  Denk an deine Knechte, an Abraham, Isaak und Israel, denen du mit einem Eid bei deinem eigenen Namen zugesichert und gesagt hast: Ich will eure Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel, und: Dieses ganze Land, von dem ich gesprochen habe, will ich euren Nachkommen geben und sie sollen es für immer besitzen.

14  Da ließ sich der Herr das Böse reuen, das er seinem Volk angedroht hatte.

 

Wiederum erfahren wir, dass Gott von seinem Zorn ablässt und auf Bitten Moses von der Vernichtung der Israeliten absah. Es ist dann aber Moses, der die Bestrafung derjenigen, welche vom Glauben abgefallen waren, befahl. Später gibt Gott wiederum kund, dass er nur diejenigen vernichtet, welche sich gegen ihn versündigt hatten (Exodus Kapitle 32):

 

19  ‚Als Mose dem Lager näher kam und das Kalb und den Tanz sah, entbrannte sein Zorn. Er schleuderte die Tafeln fort und zerschmetterte sie am Fuß des Berges.

20  Dann packte er das Kalb, das sie gemacht hatten, verbrannte es im Feuer und zerstampfte es zu Staub. Den Staub streute er in Wasser und gab es den Israeliten zu trinken…

 

25  Mose sah, wie verwildert das Volk war. Denn Aaron hatte es verwildern lassen, zur Schadenfreude ihrer Widersacher.

26  Mose trat an das Lagertor und sagte: Wer für den Herrn ist, her zu mir! Da sammelten sich alle Leviten um ihn.

27  Er sagte zu ihnen: So spricht der Herr, der Gott Israels: Jeder lege sein Schwert an. Zieht durch das Lager von Tor zu Tor! Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nächsten.

28  Die Leviten taten, was Mose gesagt hatte. Vom Volk fielen an jenem Tag gegen dreitausend Mann…

 

30  Am folgenden Morgen sprach Mose zum Volk: Ihr habt eine große Sünde begangen. Jetzt will ich zum Herrn hinaufsteigen; vielleicht kann ich für eure Sünde Sühne erwirken.

31  Mose kehrte zum Herrn zurück und sagte: Ach, dieses Volk hat eine große Sünde begangen. Götter aus Gold haben sie sich gemacht.

32  Doch jetzt nimm ihre Sünde von ihnen! Wenn nicht, dann streich mich aus dem Buch, das du angelegt hast.

33  Der Herr antwortete Mose: Nur den, der gegen mich gesündigt hat, streiche ich aus meinem Buch.‘

 

Schwieriger ist jene Stelle einzuordnen, an der Gott die Weisung erteilt, die Vernichtungsweihe zu vollziehen, wenn Menschen in einer Stadt, welche Gott den Israeliten zum Erbrecht gegeben hat, vom Glauben abfallen. Im Buch Deuteronomium Kapitel 13 heißt es:

 

13  ‚Wenn du aus einer deiner Städte, die der Herr, dein Gott, dir als Wohnort gibt, erfährst:

14  Niederträchtige Menschen sind aus deiner Mitte herausgetreten und haben ihre Mitbürger vom Herrn abgebracht, indem sie sagten: Gehen wir und dienen wir anderen Göttern, die ihr bisher nicht kanntet!,

15  wenn du dann durch Augenschein und Vernehmung genaue Ermittlungen angestellt hast und sich gezeigt hat: Ja, es ist wahr, der Tatbestand steht fest, dieser Gräuel ist in deiner Mitte geschehen,

16  dann sollst du die Bürger dieser Stadt mit scharfem Schwert erschlagen, du sollst an der Stadt und an allem, was darin lebt, auch am Vieh, mit scharfem Schwert die Vernichtungsweihe vollstrecken.

 

Hier wird anscheinend von Gott der Befehl erteilt, auch Unschuldige z. B. Kinder, welche noch gar nicht schuldfähig sind, zu vernichten. Diese Weisung steht im grassen Gegensatz zu fast allen anderen Feststellungen über Gottes Gerechtigkeit und Güte. Und gerade deshalb darf die Frage gestellt werden, ob hier nicht einfach nur die Meinung der Führer der Israeliten über Gottes Absicht zum Ausdruck kommt, ob nicht auch hier die Absichten Gottes missverstanden wurden und Gott in Wirklichkeit nur die Bestrafung der Schuldigen gefordert hat.

 

Wir haben weiterhin an anderer Stelle zwischen den für immer gültigen Grundmaximen und den Ausführungsbestimmungen unterschieden, welche die Besonderheiten mitberücksichtigen, die für die konkrete Anwendung dieser Maximen formuliert wurden. Während z B. der Dekalog als eine Zusammenstellung der obersten, immer gültigen Maximen angesehen werden muss, können die dem Dekalog folgenden Bestimmungen in den fünf Büchern der Thora weitgehend als Ausführungsbestimmungen angesehen werden, die für eine ganz bestimmte Situation gelten und die in viel stärkerem Maße auch die persönliche Auffassung derjenigen wiedergibt, die diese Texte formuliert haben.

 

Wiederholt erfahren wir im Alten Testament, dass bestimmte Bestimmungen erlassen wurden, da es nur auf diese Weise möglich war, die Israeliten zur Gefolgschaft Gott gegenüber zu überreden. In diesem Falle waren es also dann eher die Menschen, welche diese harte Bestrafung verlangten als Gott.

 

Schließlich zeigt das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen bei Matthäus Kapitel 13,24-30, wie und wann Gott im Allgemeinen sündige Menschen bestraft.  Dieses Gleichnis vergleicht das Himmelreich mit einem Mann, welcher guten Samen sät, der nach einer gewissen Zeit aufgeht und Ähren bildet. Aber der Sämann muss feststellen, dass auch Unkraut zwischen den Ähren zum Vorschein kam. Aber erst als geerntet wurde, wurden Unkraut und Ähren von einander getrennt. Dann erst wurde das Unkraut in Bündeln zusammengebunden und ins Feuer geworfen, während der Weizen in die Scheune zur Weiterverarbeitung gebracht wurde.

 

Dieses Gleichnis will also eindringlich darauf hinweisen, dass erst beim Anbrechen des Endgerichtes die guten und schlechten Menschen von einander getrennt werden, dass die guten Menschen, welche die Weisungen Gottes beachtet hatten, im Himmel belohnt, die schlechten aber, welche sich gegen Gott gewandt und gesündigt hatten, bestraft werden. Das Gleichnis vom Unkraut zwischen den Ähren berichtet davon, dass die Knechte Gottes schon sehr bald lange vor der Ernte feststellen, dass neben dem guten Samen auch Unkraut heranwächst und sie wollen eigentlich dieses Unkraut sofort ausreißen und vernichten.

 

Der Gutsherr hält jedoch seine Knechte davon ab, das Unkraut bereits jetzt zu entfernen und er gibt als Grund für diese Zurückhaltung an, dass sonst Gefahr bestünde, dass auch gute Ähren mit dem Unkraut vernichtet werden. Der Sämann ist in diesem Gleichnis Gott selbst, das Unkraut sind die bösen Menschen, der Weizen hingegen die Gläubigen, welche die Gebote Gottes beachten. Dass das Unkraut vom Weizen schließlich erst nach der Ernte getrennt wird, soll darauf hinweisen, dass Gott erst am Ende der Zeiten Gericht hält und die Guten belohnen und die Schlechten bestrafen wird.

 

Befassen wir uns etwas ausführlicher mit der Frage, warum denn die Knechte im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen das Unkraut nicht sofort herausreißen sollen, wenn es sichtbar wird. Der Gutsherr antwortet seinen Knechten, als sie das Unkraut sofort herausreißen wollen: ‚Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus.‘

 

Vielleicht bringt diese Antwort einen gewissen Hinweis auf zwei brennende Fragen der Gläubigen: Erstens warum lässt Gott soviel Ungerechtigkeit zu, warum greift er nicht öfters ein und verhindert, dass Unschuldige Schaden erleiden?  Zweitens entspricht es wirklich dem Willen Gottes, dass Menschen für ihre Sünden hier auf Erden eventuell sogar mit dem Tode bestraft werden und gerade deshalb unter Umständen gar nicht mehr die Möglichkeit erhalten, von sich aus d. h. freiwillig umzukehren und ein Gott gefälliges Leben zu führen?

 

Es ist ein zentraler Punkt sowohl der jüdischen wie auch christlichen Lehre, dass Gott den Menschen immer wieder verzeiht, wenn sie ihre sündhaften Taten ehrlich bereuen und zur Umkehr bereit sind. Diese Möglichkeit zur Umkehr wäre ja wohl verbaut, wenn nach jeder gravierenden Sünde die sündigen Menschen wie Unkraut sofort herausgerissen und verbrannt, also vernichtet würden. Wer hingerichtet wird, kann nicht mehr umkehren. Auch diejenigen, welche lange Gefängnisstrafen erwarten, werden in den Gefängnissen eher in ihren verbrecherischen Neigungen bestätigt als zu verantwortungsvollen Menschen erzogen.

 

Auch wirft diese Feststellung, dass das Aussondern des Unkrautes erst am Ende der Zeiten erfolgt, ein Licht auf die Überzeugung einiger christlicher Sekten, wonach jedes Leid, das Menschen widerfährt, als Strafe Gottes für begangene Sünden zu verstehen ist. Nach Meinung dieser Sekten reicht es aus, dass gerade dadurch, dass jemand Leid erfährt, klar ist, dass dieser Mensch gesündigt hat, mag er noch so sehr vor der Öffentlichkeit als integerer Mensch gehalten werden.

 

Ganz davon abgesehen, dass eine solche Auffassung nicht erklären kann, wieso denn dann auch Kindern Schaden zugefügt wird, welche noch gar nicht schuldfähig sind, ist es auch offensichtlich, dass auch größte Verbrecher hier auf Erden keine angemessene Strafen erhalten haben, sodass diese Lehre in keinster Weise durch die tatsächliche Entwicklung bestätigt werden kann. Hier in diesem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen bringt Jesus deutlich zum Ausdruck, dass im Allgemeinen (abgesehen von Ausnahmefällen, über die im Alten Testament berichtet wird) hier auf Erden das göttliche Gericht noch nicht zu erwarten ist und dass deshalb auch keineswegs jeder Schaden, den ein einzelner erleidet, als Strafe Gottes anzusehen ist.

 

Dieser Hinweis (das Unkraut nicht sofort zu vernichten) mag von besonderer Bedeutung sein, da es ja im Alltag, auf welches das Gleichnis hinweist, sehr wohl üblich ist, dass das Unkraut schon sehr früh gejätet wird, um so dem Weizensamen größere Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Die Knechte des Herrn dürften zunächst die Jünger, aber dann auch alle rechtschaffenen Menschen sein, welchen das Wohl der Gemeinschaft anvertraut ist.

 

Nun wird man davon ausgehen müssen, dass es den Menschen nur in den seltensten Fällen möglich ist, den Umfang der Schuld eines Täters eindeutig festzustellen. Als erstes bedeutet die Tatsache, dass eine Verurteilung vor einem irdischen Gericht entsprechend den rechtsstaatlichen Prinzipien nur dann ausgesprochen werden darf, wenn die Schuld einwandfrei erwiesen ist. In sehr vielen Fällen kann jedoch die Schuldfrage nicht eindeutig geklärt werden, sodass ein sicherlich beachtlicher Teil durchaus schuldiger Menschen mangels Beweises freigesprochen werden muss. Auch muss man vermuten, dass eine beachtliche Zahl von Tätern mangels Wissens gar nicht angeklagt wird.

 

Aber auch in den Fällen, in denen eine Verurteilung erfolgt, bestehen oftmals erhebliche Bedenken, ob die Verurteilten tatsächlich für die Tat, welche ihnen vorgeworfen wird, in vollem Umfang verantwortlich sind. Normalerweise stützt sich ein Strafurteil auf ein Schuldbekenntnis des Angeklagten oder darauf, dass die Tat von anderen bezeugt wird. Es gibt jedoch viele Gründe, weshalb sich jemand zu einer Tat bekennen kann, obwohl er diese Tat nicht begangen hat.

 

So kann derjenige, welche die Schuld auf sich nimmt, damit einen geliebten Menschen decken wollen oder er hält sich für schuldig, weil er zwar die Ursache für das verfolgte Ereignis (z. B. Tötung) gesetzt hat, aber ohne dass er diese Ursachenkette hätte verhindern können oder auch ohne dass er von den tatsächlichen Wirkungen seines Handelns wissen konnte. Auch Zeugenaussagen bringen keine eindeutige Überführung des Angeklagten. Zeugen können gekauft sein oder auch einen Menschen beschuldigen, um vom wahren Täter abzulenken.

 

Ganz generell müssen wir davon ausgehen, dass ein Außenstehender gar nicht in der Lage ist, das Ausmaß der Schuld eines anderen abzuschätzen. Nur von Gott unterstellen wir, dass er in unsere Herzen sehen kann und deshalb auch in der Lage ist abzuwägen, welchen Anteil ein Täter an der Tat wirklich hat. Es reicht nicht aus, dass eine objektive Tat und sein Täter nachgewiesen werden kann.

 

Bei gleichem äußeren Erscheinungsbild der Tat kann in dem einen Fall der Täter die Tat begangen haben, obwohl er sehr wohl in Rechtschaffenheit erzogen wurde und auch keinerlei erbliche Veranlagung zu triebhaftem Handeln aufweist und in einem zweiten Fall haben vielleicht die Eltern dem Angeklagten keine moralische Erziehung angedeihen lassen oder er ist vielleicht auf der Straße in Jugendbanden immer wieder zu Straftaten angestachelt worden. In einem dritten Fall mag der Täter vom Opfer ein ganzes Leben lang gedemütigt und misshandelt worden sein und dann aus einer Kurzschlusshandlung heraus seine Tat begangen haben.

 

Es ist klar, dass der Umfang der subjektiven Schuld in allen drei aufgezeigten Fällen recht unterschiedlich groß ist, obwohl annahmegemäß das äußere Erscheinungsbild auf eine gleich schwere Tat hinweist und infolgedessen von den irdischen Gerichten auch einigermaßen gleich bestraft wird, wobei nur subjektive Faktoren wie mildernde Umstände das Strafmaß etwas verringern oder besonders niedere Beweggründe das Strafmaß auch etwas erhöhen können.

 

Darüber hinaus müssen wir berücksichtigen, dass auch die Strafverfolgungsbehörden und die Richter Menschen sind, die durchaus auch in Einzelfällen die genannten Rechtsprinzipien verletzen. Wir müssen davon ausgehen, dass das Verhalten der Polizisten, Staatsanwälte und Richter ganz bestimmten Anreizsystemen unterliegen, welche nicht immer zu der erwünschten Aufklärung führen.

 

Der berufliche Erfolg dieser Beamten hängt nämlich nicht davon ab, in wie viel Fällen eine gerechte Strafe gefällt wurde – diese Frage kann in den meisten Fällen ohnehin nicht eindeutig beantwortet werden –, sondern allein davon, in wie viel Fällen Schuldige für aufgedeckte Straftaten gefunden und überführt wurden und in wie viel Fällen eine Anklage zur Verurteilung des Angeklagten geführt hat. Wenn einer Strafverfolgungsbehörde keine Aufklärung öffentlich gebrandmarkter Straftaten gelingt, unterliegt sie der öffentlichen Kritik auch dann, wenn gerade das Verhalten dieser Behörde unter Umständen dazu beigetragen hat, Fehlurteile und eine Verurteilung Unschuldiger zu verhindern.

 

Wir kommen also zu folgenden Ergebnissen:

 

Eine vollständige Aufklärung des hier behandelten Widerspruchs ist schon vom Ansatz her nicht möglich, da unsere Sinne und unser Verstand gar nicht dazu geschaffen sind, metaphysische Fragen zu klären.

 

Trotzdem sind wir angehalten, allen möglichen Erklärungsversuchen nachzugehen, da gerade dadurch es vielen Menschen erleichtert wird, an einen gütigen und gerechten Gott trotz der Vielzahl der auf Erden nicht gesühnten Untaten zu glauben.

 

Die hier auf Erden verübten Verbrechen erfolgen nicht aufgrund göttlicher Weisung, sondern gehen immer von einzelnen Menschen aus.

 

Dass Gott diese Verbrechen zulässt, hängt damit zusammen, dass er dem Menschen die Freiheit belassen hat, die Gebote Gottes zu achten oder auch zu missachten.

 

Die Möglichkeit, dass Verbrechen tatsächlich geschehen, erwächst unmittelbar aus der Entscheidung Gottes, den Menschen als freies Wesen zu erschaffen.

 

Schließlich bestraft Gott die Menschen nicht stets unmittelbar nach den durchgeführten Verbrechen und zwar deshalb nicht, um ihnen dadurch überhaupt die Möglichkeit zur Umkehr zu geben.

 

Eine endgültige und abschließende Gerechtigkeit erfolgt erst am Ende der Welten.