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Widersprüche in der Bibel

 

 

Gliederung:

 

   1. Inspiration des Hl. Geistes und Widersprüche in der Bibel

   2. Schöpfungsbericht

   3. Erbsünde, Voraussetzung für Schuld ist das Können

   4. Rächender Gott bis ins Dritte Glied- barmherziger Gott

   5. Freiheit des Menschen - Vorherbestimmung

   6. Holocaust und Allmacht Gottes

   7. Feindesliebe - Vernichtung der Feinde durch Gott

   8. Tod Jesu notwendig zur Erlösung der Menschen?

                   9. Ein Gott drei Personen

                 10. Bindung Gottes an Entscheidungen der Kirchenbehörde

                 11. Gleichheit vor Gott und Patriarchalismus

                 12. Am Sabbat heilen trotz Sabbatruhe

                 13. Von Gott kein Bildnis machen Jesusbilder

                 14. Kein Reicher ins Himmelreich, trotzdem ist Zachäus Heil widerfahren.

                 15. Alle Sünden werden vergeben, nicht die Sünde gegen den heiligen Geist

 

 

 

Kapitel 5. Freiheit des Menschen - Vorherbestimmung

 

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Die Lehre von der Freiheit des Menschen

3. Begrenzungen der Freiheit

4. Die Lehre von der Vorherbestimmung des Menschen

5. Vorherbestimmung und Naturgesetze

6. Die Annahme eines einfachen Kosmos

7. Die Freiheit des Glaubens

8. Bibelbelege für die Freiheit des Menschen

9. Freiheit wovon - Freiheit wozu

                10. Der Mensch als Abbild Gottes

                11. Das von Gott angebotene Bündnis

                12. Bibelbelege für die Vorhersehung Gottes

 

 

1. Das Problem

 

Nach allgemeinem Verständnis hat Gott den Menschen als ein freies Lebewesen erschaffen, das im Gegensatz zu den Tieren einen Handlungsspielraum besitzt, innerhalb dessen er seine Handlungen selbst bestimmen kann, während die Tiere weitgehend instinkt- und triebgesteuert agieren. Während die Tiere also für ihr Agieren auch gar nicht verantwortlich sind und deshalb auch nicht zur Verantwortung gezogen werden können, ist der Mensch gerade deshalb, weil er in begrenztem Maße selbst bestimmen kann, wie er handelt, auch für sein Handeln verantwortlich.

 

Neben der Überzeugung, dass der Mensch grundsätzlich frei ist und somit innerhalb eines gewissen Rahmens frei entscheiden kann, welchen Weg er wählt, wird jedoch zumeist gleichzeitig die Vorstellung geäußert, dass es eine göttliche Vorsehung gibt und dass alles, was sich in dem Leben eines einzelnen Menschen ereignet, von Gott vorherbestimmt ist. Es ist nach dieser Überzeugung Gott selbst, der festlegt, vor welche Alternativen der einzelne Mensch während seines Lebens gestellt sein wird, danach sei es Gott, der bestimmt, von welchen Krankheiten und menschlichen Schicksalsschlägen jedes einzelne Individuum heimgesucht werde und wann die letzte Stunde für den einzelnen Menschen geschlagen hat.

 

Es hat den Anschein, als stünden diese beiden Thesen von der Freiheit des Menschen und von der Vorherbestimmung in einem eindeutigen Widerspruch zueinander. Entweder ist der Mensch frei, dann ist sein Leben eben gerade nicht bis ins Letzte vorherbestimmt oder aber des Menschen Schicksal ist bis ins Einzelne vorherbestimmt, dann besitzt er auch keine Freiheit, diesem Schicksal durch eigene Handlungen zu entgehen.

 

 

2. Die Lehre von der Freiheit des Menschen

 

Natürlich wäre es falsch, zu unterstellen, dass der Mensch beliebig festlegen kann, wie er auf Änderungen in seiner Umwelt reagiert, auch er besitzt Triebe und Instinkte, auch ihn drängen wie die Tiere Instinkte und Triebe zu bestimmtem Agieren. Aber im Gegensatz zum Tier hat der Mensch einen freien Willen, er kann bestimmen, was er will, er kann sich bewusst machen, welche Aktionsmöglichkeiten ihm offen stehen und welche dieser möglichen Alternativen er ergreifen sollte, um diesen Willen auch in die Tat umzusetzen und er kann sich in gewissem Rahmen auch einmal gegen seine eigenen Triebe stemmen, wenn ihm klar wird, dass ihn der Trieb in eine falsche, nicht gewollte Richtung treiben würde.

 

Wir sprechen hierbei von gewissen Möglichkeiten und Pflichten und nicht davon, dass sich jeder einzelne Mensch bei jeder seiner Handlungen auch tatsächlich frei entscheidet. Auch für die Menschen lässt sich feststellen, dass ein Großteil seines Agierens wie beim Tier triebhaft und instinktgesteuert erfolgt, dass er sich keinesfalls immer vor seiner Tat darüber bewusst wird, welches Ziel er verfolgt und welche der möglichen Handlungen ihm eine bestmögliche Zielerreichung garantieren.

 

Im Einzelfall ist der Umfang der offenstehenden Möglichkeiten recht unterschiedlich groß, es muss sicherlich damit gerechnet werden, dass in Einzelfällen auch einmal nur noch eine Alternative offensteht und deshalb hier der freie Wille gar nicht zum Zuge kommt. Es wird nur behauptet, dass im großen Ganzen dem Menschen – allerdings im Einzelfall in sehr unterschiedlichem Umfang – mehrere Alternativen offenstehen und dass er die Möglichkeit besitzt, frei zu entscheiden, welchen dieser möglichen Wege er beschreiten möchte und auch beschreitet.

 

Aus der Tatsache, dass der einzelne Mensch zumeist über einen Freiheitsspielraum verfügt, folgt dann auch die Pflicht und der Wunsch, diese Entscheidung so zu fällen, dass diejenigen Alternativen vermieden werden, welche den Menschen von seiner Bestimmung wegführen würden. Hierbei müssen wir davon ausgehen, dass der Mensch sich zum Teil seine Ziele selbst bestimmen kann, dass aber immer auch ganz bestimmte Zielvorstellungen an ihn herangetragen werden, sei es von der Gesellschaft, insbesondere vom Staat, in dem er lebt, sei es, dass er als gläubiger Mensch anerkennt, dass es einen Gott gibt, der ihn erschaffen hat, dass dieser Gott ihm Weisungen erteilt hat, was er zu tun und was er zu vermeiden hat.

 

 

3. Begrenzungen der Freiheit

 

Freiheit bedeutet somit zunächst, dass dem Einzelnen in aller Regel mehrere Handlungsalternativen offenstehen. Derselbe Tatbestand bringt es aber auch mit sich, dass bestimmte Handlungsweisen, die vielleicht als denkmöglich und wünschenswert angesehen werden können, gerade nicht möglich sind. Dieser Ausschluss an und für sich denkmöglicher Alternativen kann nun einmal dadurch erfolgen, dass die Konstitution des Menschen – und dies schließt auch seine Instinkte und Triebe mit ein – festlegt, dass bestimmte Zielrichtungen und Handlungswege vom Menschen gar nicht beschritten werden können.

 

So kann der Mensch z. B. aufgrund seiner Konstitution nicht aus eigener Kraft wie die Vögel fliegen. Oder aber seine Triebe werden im Einzelfall so stark, dass er vermeint, ohne eine gewisse Triebbefriedigung gar nicht weiterleben kann. So kann der Mensch weiterhin zwar für eine gewisse Zeit durch Fasten auf einen großen Teil der benötigten Nahrung verzichten, aber menschliches Weiterleben ist nur möglich, wenn ihm täglich ein Minimum an Wasser und auf längere Sicht auch ein Minimum an festen Nahrungsmitteln zur Verfügung steht.

 

Die Begrenzungen des jeweiligen Handlungsspielraums rühren jedoch keinesfalls nur von Konstitution und den einzelnen Trieben her, jede gesellschaftliche Ordnung, in welcher der Einzelne lebt, schließt über Verbote bestimmte an und für sich mögliche Handlungsweisen aus, so wenn z. B. dem einzelnen Bürger verboten ist, seine Ziele durch Mord und Raub zu verwirklichen. Diese Art Beschränkung besteht aber zumeist gerade nicht darin, dass der einzelne physisch gesehen an dem Ergreifen bestimmter Alternativen gehindert wird, sondern dass bestimmte von Seiten der Gesellschaft unerwünschte Alternativen mit so hohen Strafen belegt werden, dass der Einzelne im eigenen Interesse auf das Beschreiten dieser verbotenen Alternativen verzichtet.

 

Weiterhin muss berücksichtigt werden, dass diese von Konstitution und Gesellschaft auferlegten Beschränkungen in zeitlicher Hinsicht stark variieren können. Auf kurze Sicht ist ein Süchtiger physisch kaum in der Lage, auf die Einnahme dieser Suchtmittel zu verzichten. Faktisch gesehen hat er dann auch gar nicht die Möglichkeit, kurzfristig auf diese Suchtmittel zu verzichten, mag die Gesellschaft ihn noch so sehr bedrohen oder mag er noch so sehr willens sein, auf die Einnahme dieser Drogen zu verzichten.

 

Auf lange Sicht gesehen kann er aber auch sehr wohl an sich so arbeiten, dass er lernt, auf diese Alternativen zu verzichten, sodass ihm dann auf lange Sicht sehr wohl die Alternative offen steht, z. B. auf Suchtmittel zu verzichten. Es ist der Erziehungsprozess, der weitgehend darüber entscheidet, inwieweit der einzelne Mensch im späteren Leben einen Entscheidungsspielraum und damit auch eine Willensfreiheit erlangt.

 

 

4. Die Lehre von der Vorherbestimmung des Menschen

 

Wenden wir uns nun der Lehre von der Vorherbestimmung der Menschen zu. Nun lässt sich sicherlich als Erstes feststellen, dass es in der Beantwortung der Frage, inwieweit denn der individuelle Handlungsspielraum durch eine von Gott festgesetzte Vorherbestimmung eingeengt wird, große Unterschiede bestehen, dass also durchaus im Rahmen dieser Lehre auch bisweilen eingeräumt wird, dass das Schicksal nur in großen Zügen die individuellen Ereignisse festlegt und in kleinen Einzelheiten durchaus gewisse Freiheitsspielräume belässt.

 

Wie auch diese Frage nach dem Umfang der Vorherbestimmung beantwortet wird, prinzipiell gerät diese These von der Vorherbestimmung in Widerspruch zu der Überzeugung, dass der Mensch von Gott als ein Wesen geschaffen wurde, das im Grundsatz frei ist uns sich für oder auch gegen Gott entscheiden kann. Wenn der Mensch frei ist, dann kann eben gerade deshalb die Frage, wie sich der einzelne Mensch in bestimmten Situationen verhält, nicht auch zusätzlich vorherbestimmt sein.

 

Und in diesem Falle gibt es auch keinen Sinn, dem Menschen Weisungen zu geben, wenn er gar nicht in der Lage ist, sich frei für oder gegen die Weisungen zu entscheiden, wenn er also unabhängig davon, ob es Weisungen gibt oder nicht und ob sich der einzelne Mensch auch darum bemüht, dieses Weisungen zu befolgen, es ohnehin bereits festliegt, wie er sich tatsächlich verhält. Persönliche Schuld kann immer nur vorliegen, wenn der einzelne die Freiheit besitzt, das zu tun, was von ihm verlangt wird bzw. das zu unterlassen, dass ihm verboten ist.

 

Wir können dann weiterhin auch nicht davon ausgehen, dass zwar der Einzelne über einen gewissen Freiheitsspielraum verfügt, innerhalb der er frei entscheiden kann, dass aber zumindest die Frage, welche Entscheidungsspielräume dem Einzelnen verbleiben, vom Schicksal her eindeutig und bis zum Letzten vorherbestimmt sei. Denn, welche Entscheidungsspielräume dem Einzelnen offen stehen, hängt ja selbst wiederum entscheidend davon ab, wie sich die jeweils Anderen mir gegenüber verhalten. Die Zwänge, denen z. B. ein Unternehmer in einer Marktwirtschaft ausgesetzt ist, werden ja wesentlich dadurch bestimmt, ob ein Unternehmer in Konkurrenz zu anderen Unternehmungen steht oder nicht.

 

Wenn wir z. B. von der Marktform der vollständigen Konkurrenz ausgehen und somit unterstellen, diese Marktform sei in der Realität verwirklicht, dann ist der Anteil, den der einzelne Unternehmer am Gesamtangebot einnimmt, so verschwindend gering, dass ihm keine andere Möglichkeit verbleibt, als den vom Markt vorgegebenen Preis wie ein Datum zu betrachten und sein Angebot eben an diesen Preis so anzupassen, dass er unter den gegebenen Möglichkeiten seinen Gewinn maximiert. Diese Begrenzung seines Freiheitsspielraumes liegt jedoch weder daran, dass er aus seiner Konstitution heraus nicht anders handeln könnte, noch daran, dass der Staat diesem Unternehmer alle anderen Handlungsweisen verbietet. Diese Begrenzung erfolgt hier gerade daraus, dass auch andere Individuen den Entschluss gefasst haben, sich am Angebot zu beteiligen. Es ist also hier in erster Linie die Freiheit der anderen, welche den eigenen Handlungsspielraum einengt.

 

Der Handlungsspielraum des einzelnen Unternehmers wird also entscheidend dadurch bestimmt, ob er als Monopolist als einziger Anbieter eines Produktes auftritt oder ob eine Vielzahl anderer Unternehmer in Wettbewerb zueinander stehen. Der Monopolist kann durch Verknappung den Preis seiner Waren in die Höhe treiben, während der Unternehmer, der nur einen verschwindend kleinen Anteil am Gesamtangebot des Marktes hat, muss notgedrungen den vorgegebenen Preis als Datum ansehen und sich diesem Preis anpassen. Diese Überlegungen zeigen also, dass gerade das Verhalten des jeweils anderen meinen eigenen Entscheidungsspielraum bestimmt, sodass in diesem Falle auch kein Platz für eine zusätzliche und schicksalhafte Bestimmung dieses Entscheidungsspielraums verbleibt.

 

 

5. Vorherbestimmung und Naturgesetze

 

Die These, dass das menschliche Geschehen in allen Einzelheiten vorherbestimmt ist, gerät darüber hinaus auch in Widerspruch zu der Überzeugung, dass alles, was hier auf Erden (bzw. in dieser Welt) geschieht, eindeutig durch die natürlichen Gesetze bestimmt wird, welche durch den Urknall in unserem Kosmos entstanden sind und nach der Vorstellung zumindest der Gläubigen von Gott geschaffen und in diese Welt gelegt wurden.

 

Es kann nun kein Zweifel darüber bestehen, dass in der Bibel – sowohl im Alten wie auch Neuen Testament – wiederholt von Wundern erzählt wurde, welche von Gott bzw. seinen Propheten, vor allem aber von Jesus bewirkt wurden. Da die Bibel sozusagen die Magna Charta des christlichen (wie auch jüdischen) Glaubens darstellt, muss im Rahmen des christlichen Glaubens davon ausgegangen werden, dass Wunder von Gott möglich sind und dass Gott auch in der Tat von dieser Möglichkeit wiederholt Gebrauch gemacht hat.

 

Grundsätzlich ergibt sich aus dieser Tatsache im Zusammenhang mit der Frage, ob Wunder überhaupt möglich sind, keine logischen Schwierigkeiten: Wenn die Christen daran glauben, dass es Gott war, welcher die Welt und mit ihr die in ihr wirkenden Naturgesetze erschaffen hat, dann wird man auch daran glauben können, dass derselbe Gott aufgrund seiner Machtfülle in der Lage ist, auch einmal diese Naturgesetze im Einzelfall außer Kraft zu setzen.

 

Es ist wie auch bei irdischen Problemen: Auch hier können wir ja davon ausgehen, dass Menschen zur Vereinfachung und Qualifizierung ihrer Tätigkeiten Maschinen erfinden, welche bestimmte Arbeitsvorgänge automatisch verrichten, dann aber bisweilen doch diese Arbeitsgänge von Hand erledigen, da in Einzelfällen die Handarbeit einer maschinellen Verrichtung dieser Arbeitsgänge bessere Ergebnisse zeigt. Ich kann mir z. B. einen Computer anschaffen und mit Hilfe eines im Computer installierten Textprogrammes Texte schreiben und trotzdem bisweilen einen Brief an einen besonders geschätzten Bekannten mit Hand schreiben, vielleicht einfach deshalb, weil es auf diese Weise möglich ist, dem Brief eine persönliche Note zu verleihen.

 

Nicht die Tatsache, dass Gott im Einzelnen Wunder bewirken kann und auch – wie die Zeugnisse der Bibel zeigen – tatsächlich bewirkt, bedarf einer besonderen Erklärung. Es ist vielmehr die Frage, aus welchen Gründen denn Gott sich trotz Schaffung der Naturgesetze auch der Wunder bedient und in den Verlauf der Geschichte unmittelbar unter Umständen sogar entgegen der Naturgesetze, die er selbst geschaffen hat, eingreift.

 

Diese Frage wird vor allem dann zum Problem, wenn man von der Vorstellung ausgeht, dass Gott nicht nur in Einzelfällen, sondern in jedem Einzelfall die gesamten Geschicke der Menschen im Rahmen der göttlichen Vorsehung unmittelbar lenkt. Hier entsteht die Frage, warum denn Gott überhaupt bei der Erschaffung der Welt automatisch wirkende Naturgesetze vorgesehen hat, wenn er sich zur Erreichung seiner Ziele dennoch in jedem Einzelfall des unmittelbaren Eingriffs bedient. Während wir uns nämlich durchaus vorstellen können, dass automatisch wirkende Mechanismen (die Naturgesetze bzw. in unserem Beispiel der Computer) bisweilen ihr Ziel verfehlen und dass gerade daraus die Notwendigkeit und Erwünschtheit erwächst, in wenigen Einzelfällen unmittelbar in die Geschehnisse auch gegen die Naturgesetze einzugreifen, gibt es keinen erkennbaren Sinn, zunächst die Naturgesetze zu schaffen, sie aber dann in jedem Einzelfall durch persönlichen Eingriff außer Kraft zu setzen.

 

Dieser Schicksalglaube begegnet uns vor allem auch in der altertümlichen klassischen Mythologie, in welcher Schicksalsgöttinnen wie die Fortuna oder die Nornen das individuelle Leben als auch den Weltlauf vollständig bestimmen. Dieser Glaube führt dann schnell zu dem Versuch, auf mythischem Wege durch Beschwörung der Götter die Geschehnisse in einem Orakel vorherzusagen. In der antiken Sagenwelt wird uns dann von den tragischen Helden wie Ödipus oder Odysseus berichtet, welche mit enormen Anstrengungen bemüht sind, dem durch die Orakel vorhergesagten Schicksal zu entgehen und die dann zu allerletzt trotzdem zum Teil gerade durch ihr Agieren von dem vorherbestimmten und nicht durch Menschenhand korrigierbaren Schicksal eingeholt werden.

 

Aus diesen Gründen ist die bei vielen Christen und noch stärker im Islam anzutreffende Lehre, dass das Schicksal jedes einzelnen Menschen und aller Geschehnisse hier auf Erden eindeutig von Gott vorherbestimmt sei, kaum mit den anderen Überzeugungen des christlichen Glaubens zu vereinbaren. Folgerichtig bejahen die offiziellen katholischen Kirchenbehörden zwar die Möglichkeit, dass von einzelnen Menschen durch Gott ein Wunder bewirkt wird, es wird hier jedoch von einer Ausnahmesituation ausgegangen, welche nur sehr selten von heiligmäßig lebenden Menschen bewirkt werden kann und die gerade deshalb genau daraufhin überprüft werden müssen, ob diese Geschehnisse nicht doch auf natürlichem Wege durch das Wirken der Naturgesetze erklärt werden können.

 

 

6. Die Annahme eines einfachen Kosmos

 

Nun könnte man unter Umständen davon ausgehen, dass eine Vorherbestimmtheit aller Schicksale und irdischen Ereignisse durchaus auch dann unterstellt werden kann, wenn man davon ausgeht, dass alles irdische Geschehen durch die Naturgesetze bestimmt wird. Stellen wir uns hierzu einen extrem einfachen Kosmos vor, welcher ein geschlossenes System wie z. B. die einfachen Gesetze der Mechanik darstellt und indem mit einfachen Gleichungen der Verlauf aller Ereignisse in Raum und Zeit exakt berechnet werden kann. In diesem Falle wäre in der Tat das Schicksal jedes einzelnen Menschen vorherbestimmt. Und wenn wir nun von dem Glauben ausgehen, dass Gott allwissend ist, so kommen wir in der Tat zu dem Ergebnis, dass das Schicksal jedes einzelnen Menschen von Gott über die Einsetzung der Naturgesetze vorherbestimmt ist und auch von Gott erkannt werden kann.

 

Die Schwierigkeit besteht bei dieser Deutung nur darin, dass unser Kosmos eben kein geschlossenes System mit einfachen Gesetzmäßigkeiten darstellt, er ist vielmehr äußerst komplex, er ist auch nicht stationär, sondern entwickelt sich und im Rahmen dieses Evolutionsprozesses kommt es immer wiederum zu Gabelungen in dem Sinne, dass mehrere abweichende Entwicklungsstränge möglich werden und dass es von Zufälligkeiten abhängt, welcher dieser Entwicklungsstränge beschritten wird. Der durch die Naturgesetze geschaffene Kosmos ist deshalb auch auf keinen Fall deterministisch, trotz oder gerade wegen der Wirkung der Naturgesetze sind unterschiedliche Entwicklungen möglich und deshalb kann auch nicht davon gesprochen werden, dass der einzelne Mensch seinem Schicksal vollständig unterworfen ist und ihm überhaupt nicht ausweichen kann.

 

 

7. Die Freiheit des Glaubens

 

Die Vorstellung einer vom Einzelnen nicht beeinflussbaren Vorherbestimmung steht weiterhin in krassem Widerspruch zu der christlichen Überzeugung, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild erschaffen hat und dies gilt insbesondere in der Hinsicht, dass auch dem Menschen eine Freiheit gegeben wurde, er kann sich für oder gegen Gott aussprechen, er kann die Gebote Gottes achten oder auch übertreten. Gott wünscht sich nicht einen Menschen, der zum Glauben gezwungen wird, sondern der sich aus freiem Entschluss für Gott entscheidet. Wäre allerdings im Sinne der Lehre vom persönlichen Schicksal das Schicksal des einzelnen in allen Einzelheiten vorherbestimmt, wären die Menschen auch keine freien Lebewesen, sie würden wie Marionetten handeln.

 

 

8. Bibelbelege für die Freiheit des Menschen

 

Wir wollen uns nun im Folgenden der Frage zuwenden, aus welchen Texten der Heiligen Schrift denn hervorgeht, dass die Menschen im Gegensatz zu den Tieren von Gott als freie Wesen erschaffen wurden. Als erstes müssen wir auch bei der Beantwortung dieser Frage wie auch im Hinblick auf andere in der Bibel verankerten Grundwerte feststellen, dass wohl an keiner Stelle diese Aussage direkt angesprochen wird, auch hier gilt, dass sich der Grundwert der Freiheit des Menschen eher indirekt aus dem Gesamtzusammenhang ergibt.

 

Wenn sich in der Bibel der Begriff Freiheit auf den Menschen bezieht, erfolgt dies in erster Linie deshalb um anzudeuten, dass bestimmte Menschen frei sind und im Gegensatz zu den anderen Menschen nicht als Sklaven für andere Menschen dienen. Oder aber Paulus spricht wiederholt davon, dass der Glaube an Jesus die Menschen frei von der Sünde machen kann.

 

Betrachten wir als Erstes den Schöpfungsbericht im ersten Buch Moses (der Genesis) Kapitel 1:

 

26  Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.

27  Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.

28  Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.

29  Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.‘

 

Hier wird davon gesprochen, dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen wurde. Man würde allerdings den Sinn dieser Aussage vollkommen falsch verstehen, wenn man diese Aussage so deuten wollte, als habe Gott den Menschen als unumschränkten Herrscher über seine Mitmenschen und über die Tiere dieser Erde eingesetzt, der nach eigenem Gutdünken Mitmenschen als Objekte ihres individuellen Machttriebes benutzen darf und der niemandem für sein Handeln verantwortlich sei.

 

Auch die Tiere sind von Gott geschaffene Wesen, der Mensch darf sie zwar zur Erleichterung seiner Arbeit bei der Produktion einsetzen und er darf sie auch zumindest seit des Wiederbeginns nach der großen Sintflut – unmittelbar nach der Schöpfung wurden dem Menschen nur die Pflanzen als Nahrungsmittel übergeben – für seinen notwendigen Bedarf schlachten und als Nahrungsmittel verwenden. Schließlich ist mit dieser Aussage keinesfalls dem Menschen das Recht gegeben, die Natur über alle Maßnahmen auszubeuten, auch in diesem Zusammenhang gilt der Grundsatz, dass die natürlichen Ressourcen nur so benutzt und eingesetzt werden dürfen, dass diese Ressourcen auch den nachfolgenden Generationen zur Verfügung stehen.

 

Jesus hat nach dem Matthäusevangelium in Kapitel 20 gesagt:

 

25  ‚Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.

26  Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein,

27  und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein.

28 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.‘

 

Hier wird deutlich, dass die Weisung: ‚machet euch die Erde untertan‘ in dem Sinne zu verstehen ist, dass die Menschen von Gott den Auftrag und damit auch das Recht erhalten haben, die Erde weise zu verwalten. Dies bedeutet: Der Mensch ist aufgefordert, die bei der Schöpfung in die Welt gelegten Naturgesetze zu erforschen und in Kenntnis dieses Wissens sein Wirken so einzusetzen, dass alle Menschen das für das Leben notwendige zur Verfügung haben und dass die den Menschen bedrohenden Gefahren soweit wie möglich vermieden werden können.

 

Petrus hat diesen  Gedanken in dem Petrusbrief Kapitel 4,10 so ausgedrückt: ‚

 

Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.‘

 

***

9. Freiheit wovon - Freiheit wozu

 

In der philosophischen Diskussion über den Sinn der menschlichen Freiheit wird zumeist zwischen einer Freiheit ‚wovon‘ und einer Freiheit ‚wozu‘ unterschieden. Historisch gesehen verfolgte der Liberalismus seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert das primäre Ziel, die Bürger von der Bevormundung des merkantilistischen Staates zu befreien. Hier stand eindeutig das Ziel einer Freiheit wovon im Vordergrund. Hierin unterscheidet sich der historische Liberalismus in der Tat von der Sinngebung im Rahmen der christlichen (und natürlich auch der jüdischen  Religion). Hier steht im Vordergrund die Frage nach der Freiheit wozu.

 

Gott gab somit dem Menschen seine Freiheit nicht dazu, um selbstherrlich zu bestimmen, was er tun und lassen will, sondern allein dazu, um in freier Entscheidung und nicht durch Zwang, sich zu Gott und seinen Geboten zu bekennen. Und da der Wille Gottes gegenüber den Menschen in allererster Linie darin besteht, dass die Menschen einander achten, ihnen keinen Schaden zufügen und ihnen helfen, wenn diese in Not geraten sind, haben gerade diejenigen, welche der Gemeinschaft vorstehen, die Aufgabe, nicht zu herrschen und zu unterdrücken, sondern den Menschen zu dienen. In Psalm 54  in der Elberfelder Übersetzung heißt es:

 

8 ‚Opfern will ich dir aus freiem Antrieb; deinen Namen will ich preisen, HERR, denn er ist gut.‘

 

 

10. Der Mensch als Abbild Gottes

 

Die Aussage, dass der Mensch als Ebenbild Gottes erschaffen wurde, bedeutet weiterhin keinesfalls, dass der Mensch in all seinen Eigenschaften Gott gleich sei. Ganz im Gegenteil ist Gott verglichen mit dem Menschen der ganz Andere, den niemand je gesehen hat und dessen Motive und Handlungen vom Menschen nie vollständig erkennbar sind. Gott ist nach Überzeugung aller Weltanschauungen, welche von der Existenz eines einzigen Gottes ausgehen, stets der vollkommene: Er ist allmächtig, allwissend, gerecht, gütig und barmherzig. Der Mensch hingegen wird uns in der gesamten Bibel als recht unvollkommenes Wesen geschildert. Und dies gilt nicht für das gemeine Volk, sondern auch und gerade von den von Gott auserwählten Propheten, Königen und Apostel.

 

Dass in der Bibel vom Menschen trotzdem behauptet wird, er sei als Abbild Gottes geschaffen, will vielmehr allein besagen, dass im Hinblick auf eine einzelne Eigenschaft (oder vielleicht auch einiger weniger Eigenschaften) der Mensch Gott gleiche, bzw. wie in einem Spiegel auf Gott hinweise. Er ist genauso wie Gott ein Wesen mit eigenem Willen, also im Gegensatz zum Tier nicht nur trieb- und instinktgesteuert. Er besitzt zwar wie das Tier Triebe und Instinkte, er kann sie jedoch bewusst einsetzen, wenn sie zur Sinnerfüllung des Menschen beisteuern, er kann sich aber auch der Triebe erwehren, wenn sie ihn von seiner Sinngebung wegführen. Man kann auch davon sprechen, dass Gott bei der Erschaffung dem Menschen eine Seele eingehaucht hat, dass ein göttlicher Funke in den Menschen gesprungen ist.

 

 

11. Das von Gott angebotene Bündnis

 

Dass Gott den Menschen nicht zwingen will, sich ihm zu unterwerfen, sondern ihm die freie Wahl lässt, sich für ihn zu entscheiden, geht auch schon daraus hervor, dass Gott den Menschen ein Bündnis anbietet. Er unterwirft nicht die Menschen und zwingt sie nicht zum wahren Glauben, wie dies lange Zeit christliche Könige und Kaiser sowie die islamischen Herrscher in aller Regel getan haben. In Genesis Kapitel 9 heißt es z. B.:

 

1 ‚Dann segnete Gott Noach und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, vermehrt euch und bevölkert die Erde! 

2  Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres; euch sind sie übergeben.

3  Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.

4  Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen.

5  Wenn aber euer Blut vergossen wird, fordere ich Rechenschaft, und zwar für das Blut eines jeden von euch. Von jedem Tier fordere ich Rechenschaft und vom Menschen. Für das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner Brüder.

6  Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut wird durch Menschen vergossen. Denn: Als Abbild Gottes hat er den Menschen gemacht.

7  Seid fruchtbar und vermehrt euch; bevölkert die Erde und vermehrt euch auf ihr! 

8  Dann sprach Gott zu Noach und seinen Söhnen, die bei ihm waren:

9  Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen

10  und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren des Feldes, mit allen Tieren der Erde, die mit euch aus der Arche gekommen sind.

11  Ich habe meinen Bund mit euch geschlossen: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.

12  Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen.‘

 

Und im 15. Kapitel der Genesis lesen wir:

 

1  ‚Nach diesen Ereignissen erging das Wort des Herrn in einer Vision an Abram: Fürchte dich nicht, Abram, ich bin dein Schild; dein Lohn wird sehr groß sein.

2  Abram antwortete: Herr, mein Herr, was willst du mir schon geben? Ich gehe doch kinderlos dahin und Erbe meines Hauses ist Eliëser aus Damaskus.

3  Und Abram sagte: Du hast mir ja keine Nachkommen gegeben; also wird mich mein Haussklave beerben.

4  Da erging das Wort des Herrn an ihn: Nicht er wird dich beerben, sondern dein leiblicher Sohn wird dein Erbe sein.

5  Er führte ihn hinaus und sprach: Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein.

6  Abram glaubte dem Herrn und der Herr rechnete es ihm als Gerechtigkeit an.

7  Er sprach zu ihm: Ich bin der Herr, der dich aus Ur in Chaldäa herausgeführt hat, um dir dieses Land zu Eigen zu geben.

8  Da sagte Abram: Herr, mein Herr, woran soll ich erkennen, dass ich es zu Eigen bekomme?...

 

13 Gott sprach zu Abram: Du sollst wissen: Deine Nachkommen werden als Fremde in einem Land wohnen, das ihnen nicht gehört. Sie werden dort als Sklaven dienen und man wird sie vierhundert Jahre lang hart behandeln.

14  Aber auch über das Volk, dem sie als Sklaven dienen, werde ich Gericht halten und nachher werden sie mit reicher Habe ausziehen.

15  Du aber wirst in Frieden zu deinen Vätern heimgehen; in hohem Alter wirst du begraben werden.

16  Erst die vierte Generation wird hierher zurückkehren; denn noch hat die Schuld der Amoriter nicht ihr volles Maß erreicht.

17  Die Sonne war untergegangen und es war dunkel geworden. Auf einmal waren ein rauchender Ofen und eine lodernde Fackel da; sie fuhren zwischen jenen Fleischstücken hindurch.

18  An diesem Tag schloss der Herr mit Abram folgenden Bund: Deinen Nachkommen gebe ich dieses Land vom Grenzbach Ägyptens bis zum großen Strom Eufrat,

19  (das Land) der Keniter, der Kenasiter, der Kadmoniter,

20  der Hetiter, der Perisiter, der Rafaïter,

21  der Amoriter, der Kanaaniter, der Girgaschiter, der Hiwiter und der Jebusiter.‘

 

Auch im Buch Exodus Kapitel 19 erfahren wir:

 

1 ‚Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten – am heutigen Tag – kamen sie in der Wüste Sinai an.

2  Sie waren von Refidim aufgebrochen und kamen in die Wüste Sinai. Sie schlugen in der Wüste das Lager auf. Dort lagerte Israel gegenüber dem Berg.

3  Mose stieg zu Gott hinauf. Da rief ihm der Herr vom Berg her zu: Das sollst du dem Haus Jakob sagen und den Israeliten verkünden:

4  Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe.

5  Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde,

6  ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören. Das sind die Worte, die du den Israeliten mitteilen sollst.

7  Mose ging und rief die Ältesten des Volkes zusammen. Er legte ihnen alles vor, was der Herr ihm aufgetragen hatte.

8  Das ganze Volk antwortete einstimmig und erklärte: Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun. Mose überbrachte dem Herrn die Antwort des Volkes.

9  Der Herr sprach zu Mose: Ich werde zu dir in einer dichten Wolke kommen; das Volk soll es hören, wenn ich mit dir rede, damit sie auch an dich immer glauben. Da berichtete Mose dem Herrn, was das Volk gesagt hatte.‘

 

Auch im Neuen Testament wird davon gesprochen, dass Gott mit den Menschen ein Bund geschlossen hat. Bei Lukas Kapitel 22,20 heißt es:

 

‚Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.‘

 

Und bei Paulus im Hebräerbrief Kapitel 8, Vers 7-13 erfahren wir, was mit dem Neuen Bund gemeint war:

 

‚Wäre nämlich jener erste Bund ohne Tadel, so würde man nicht einen zweiten an seine Stelle zu setzen suchen. Denn er tadelt sie, wenn er sagt: Seht, es werden Tage kommen spricht der Herr –, in denen ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde, nicht wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägypten herauszuführen. Sie sind nicht bei meinem Bund geblieben und darum habe ich mich auch nicht mehr um sie gekümmert – spricht der Herr. Das wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe – spricht der Herr: Ich lege meine Gesetze in ihr Inneres hinein und schreibe sie ihnen in ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein….. Indem er von einem neuen Bund spricht, hat er den ersten für veraltet erklärt. Was aber veraltet und überlebt ist, das ist dem Untergang nahe.‘

 

Auch bei Johannes im Kapitel 13, Vers 34-35 sagt Jesus:

 

‚Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt. 

 

Diese Interpretationen der Heiligen Schrift über die Bedeutung des Wortes ‚Neuer Bund‘ sind jedoch nicht unbestritten. Wir finden nämlich im Neuen Testament andere Passagen, welche den von Jesus begründeten Neuen Bund lediglich als Erneuerung und allenfalls Erweiterung des Alten Bundes darstellen, welcher keinesfalls den Alten Bund, den Gott mit Abraham geschlossen und später mit Moses erneuert hatte, außer Kraft gesetzt hat.

 

Vielmehr erfahren wir bei Matthäus Kapitel 5,17-18:

 

‚Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.‘

 

Dass Jesus überhaupt nicht die Absicht hatte, die Lehren der Thora aufzugeben und an deren Stelle neue Gebote zu setzen, geht deutlich aus dem Gespräch Jesus mit Schriftgelehrten hervor, als ihn ein Pharisäer nach dem obersten Gebot fragte. Bei Matthäus Kapitel 22,34-40 lesen wir:

 

‚Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.‘ 

 

Hier wird deutlich, dass Jesus die von Moses überbrachten zehn Gebote Gottes sowie die von den Propheten immer wieder erneut angemahnten Weisungen voll übernimmt. Die Zehn Gebote Gottes stellen hierbei die Magna Charta des alten Israels dar, welche genauso wie z. B. das Grundgesetz der BRD oder jede andere Verfassung eines Staates die obersten Prinzipien und Grundwerte einer Ordnung festlegt.

 

 

12. Bibelbelege für die Vorhersehung Gottes

 

Fragen wir uns nun im nächsten Schritt, inwieweit denn die Lehre von der Vorherbestimmung des Menschen durch Gott durch Texte der Heiligen Schrift belegt sind. Diese Frage wird im Rahmen der Lehre von der Prädestination im Rahmen der christlichen Theologie behandelt. Es geht hierbei um die Frage, inwieweit der Mensch von vornherein ohne sein Zutun nur durch einen Gnadenakt Gottes zum ewigen Leben oder zur endgültigen Verdammnis bestimmt ist. Steht also mit anderen Worten von Ewigkeit an durch den Ratschluss Gottes fest, ob der einzelne Mensch nach seinem Tod ins ewige Leben oder eben in die ewige Verdammung eingeht oder hat der einzelne Mensch durchaus die Möglichkeit, durch eigenständige freie Wahl durch sein Handeln also und durch seinen freien Willen sein Heil oder eben auch sein Unheil herbeizuführen.

 

Die christliche Prädestinationslehre fußt hierbei insbesondere auf den Briefen von Paulus, vor allem auf den Römerbrief Kapitel 8, 28-30 sowie auf den Brief an die Epheser Kapitel 1, 3-14. Im Brief an die Römer lesen wir:

 

28 ‚Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind; 

29  denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei.

30  Die aber, die er vorausbestimmt hat, hat er auch berufen, und die er berufen hat, hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.‘

 

Im Epheserbrief hingegen wird gesagt:

 

3  ‚Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.

4  Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott;

5  er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen,

6  zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn;

7  durch sein Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.

8  Durch sie hat er uns mit aller Weisheit und Einsicht reich beschenkt

9  und hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat: 

10  Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist.

11  Durch ihn sind wir auch als Erben vorherbestimmt und eingesetzt nach dem Plan dessen, der alles so verwirklicht, wie er es in seinem Willen beschließt;

12  wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, die wir schon früher auf Christus gehofft haben.

13  Durch ihn habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium von eurer Rettung; durch ihn habt ihr das Siegel des verheißenen Heiligen Geistes empfangen, als ihr den Glauben annahmt.

14  Der Geist ist der erste Anteil des Erbes, das wir erhalten sollen, der Erlösung, durch die wir Gottes Eigentum werden, zum Lob seiner Herrlichkeit.‘

 

Vor allem der Kirchenvater Augustinus hat unter Bezug auf die Paulusbriefe betont, dass die Menschen aufgrund der Erbsünde, die durch den Sündenfall von Adam und Eva im Paradies ausgelöst wurde, in ihrer Gesamtheit unfähig zum Guten seien. Gott aber hat durch einen Gnadenakt vorherbestimmt, dass Menschen – und zwar alle Menschen  – zum Glauben und damit auch zum Heil berufen sind. Allerdings gilt in dieser Lehre der Wille Gottes als verborgen und für die Menschen unergründlich.

 

Diese in der Literatur als einfache Prädestination bezeichnete Lehre entspricht weitgehend auch heute noch dem Verständnis der katholischen Kirche. Diese Lehre steht nun mit dem von Martin Luther entwickelten Prinzip von der Gerechtigkeit Gottes in Widerspruch. Nach Luther ist Gottes ewige Gerechtigkeit ein reines Geschenk der göttlichen Gnade, welches der einzelne Mensch allein dadurch erhält, dass er an Jesus Christus als Erlöser der Menschen glaubt. Keinerlei eigenes Dazutun könne die göttliche Gnade herbeiführen. Selbst der Glaube könne ohne diese Gnade Gottes nicht herbeigeführt werden. 

 

Diese Einschätzung steht jedoch offensichtlich in Widerspruch zu zahlreichen Stellen sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament. Moses hatte auf zwei steinernen Tafeln die zehn Gebote Gottes an die Menschen vom Berg Sinai gebracht, eine Art Magna Charta für das geforderte Verhalten der Menschen und Jesus hatte auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot die Gottesliebe und die Nächstenliebe benannt und darauf verwiesen, dass in diesen beiden Geboten Moses samt Propheten enthalten seien.

 

Weiterhin zählt zu den zentralen Themen des Alten und Neuen Testamentes die Aufforderung zur Reue und Umkehr und damit ist nicht nur das Zugeständnis gemeint, dass man in der Vergangenheit gesündigt hatte, sondern dass man in Zukunft alles daran setzen will, den täglichen Versuchungen zum Bösen zu widerstehen und dies setzt in der Tat aktives Handeln voraus.

 

Wenn das friedliche Zusammenleben zweier Menschen dadurch gestört wurde, dass der eine dem andern großen Schaden zugefügt hat, kann dieser Unfriede nur dadurch wieder geheilt werden, dass beide an einer Versöhnung arbeiten. Derjenige, welcher am andern gesündigt hat, muss seine Tat bereuen und zeigen, dass er willens ist, in Zukunft die Regeln des Zusammenlebens zu achten und derjenige, dem Böses getan wurde, muss seinerseits bereit sein, dem andern zu vergeben und mit ihm friedlich zusammenzuleben.

 

Ähnliches gilt für das Verhältnis Gottes zu den Menschen. Wenn die Menschen gesündigt haben, bedarf es zur Versöhnung mit Gott das Mitwirken beider. Der Mensch, der gesündigt hat, muss bereuen und zur Umkehr bereit sein und Gott ist willens, unsere Reue anzunehmen. Beide Akte: die Gnade Gottes wie die Reue und Umkehr der sündigen Menschen sind für eine Aussöhnung der Menschen mit Gott unerlässlich, damit die Menschen schließlich das ewige Leben erlangen können.

 

In diesem Sinne ist es in der Tat richtig, festzustellen, dass ohne die Gnade Gottes keine Versöhnung erreicht werden kann, mag sich der Mensch noch so sehr anstrengen, um seine bisherigen Sünden zu bereuen und in Zukunft nicht mehr den Versuchungen zum Bösen zu erliegen. Die Gnade Gottes kann nicht durch menschliches Handeln ersetzt werden, sie stellt eine notwendige Bedingung für eine Versöhnung dar.

 

In gleicher Weise muss aber auch festgestellt werden, dass die Gnade Gottes noch so groß sein kann, auch der Mensch muss seinen Beitrag zur Versöhnung mit Gott leisten, Reue und tatkräftige Umkehr sind genauso unerlässlich, auch sie stellen eine notwendige Voraussetzung zur Versöhnung dar. Insofern muss man also auch feststellen, dass beide Voraussetzungen allein nicht ausreichen. So lesen wir bei Jakobus, Kapitel 2,14-24:

 

14  ‚Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?

15  Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot

16  und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das?

17  So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat……

 

20  Willst du also einsehen, du unvernünftiger Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?

21  Wurde unser Vater Abraham nicht aufgrund seiner Werke als gerecht anerkannt?...

22  Du siehst, dass bei ihm der Glaube und die Werke zusammenwirkten und dass erst durch die Werke der Glaube vollendet wurde…..

 

24  Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein.‘

 

Halten wir also fest, dass die Lehre von der einfachen Prädestination mit der anderen Lehre nicht in Widerspruch steht, dass der Mensch einen freien Willen hat und somit auch selbst darüber entscheiden kann, ob er die Weisungen Gottes befolgt oder auch nicht. Die von Gott gewährte Gnade, welche für die Erlangung des ewigen Lebens nach dem Tode unerlässlich ist, wird dieser Lehre zufolge allen Menschen zuteil.

 

Von dieser Lehre der einfachen Prädestination unterscheidet sich jedoch die Lehre von der doppelten Prädestination, so wie sie in reiner Form vor allem von Calvin formuliert wurde. Danach kommt die selig machende Gnade nur einzelnen Menschen zu gute und es ist Gott, der in seiner Unergründlichkeit von Ewigkeit her bestimmt hat, welchen Menschen diese Gnade zugutekommt. Wenn jedoch diese Gnade nur einem Teil der Menschheit zugutekommt, muss notwendigerweise der restliche Teil der Menschheit von Anbeginn für die ewige Verdammnis bestimmt sein. So lesen wir bei Calvin in Institutio Christianae Religionis 3. 21. 5:

 

‚Unter Vorsehung verstehen wir Gottes ewige Anordnung, vermöge deren er bei sich beschloss, was nach seinem Willen aus jedem einzelnen Menschen werden sollte! Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet.‘ 

 

Es ist klar, dass eine solche Lehre von der doppelten Prädestination in einen unüberwindlichen Gegensatz zu der Überzeugung steht, dass Gott den Menschen einen freien Willen gegeben hat. Von einem freien Willen in der Frage, ob man Gottes Weisungen akzeptieren will oder nicht, lässt sich nur sprechen, wenn nicht gleichzeitig – unabhängig vom Verhalten des einzelnen Menschen – von vornherein feststeht, wer als Gläubiger Mensch nach seinem Tode Eingang in das ewige Leben findet und wer auf der anderen Seite von vornherein zur ewigen Verdammnis verurteilt ist.