Startseite

 

Widersprüche in der Bibel

 

 

Gliederung:

 

  1. Inspiration des Hl. Geistes und Widersprüche in der Bibel

  2. Schöpfungsbericht

  3. Erbsünde, Voraussetzung für Schuld ist das Können

  4. Rächender Gott bis ins Dritte Glied - barmherziger Gott

  5. Freiheit des Menschen - Vorherbestimmung

  6. Holocaust und Allmacht Gottes

  7. Feindesliebe - Vernichtung der Feinde durch Gott

  8. Tod Jesu notwendig zur Erlösung der Menschen?

                  9. Ein Gott drei Personen

                 10. Bindung Gottes an Entscheidungen der Kirchenbehörde

                 11. Gleichheit vor Gott und Patriarchalismus

                 12. Am Sabbat heilen trotz Sabbatruhe

                 13. Von Gott kein Bildnis machen Jesusbilder

                 14. Kein Reicher ins Himmelreich, trotzdem ist Zachäus Heil widerfahren.

                 15. Alle Sünden werden vergeben, nicht die Sünde gegen den heiligen Geist.

 

 

 

Kapitel  4. Rächender Gott bis ins Dritte Glied - barmherziger Gott           

 

 

 

Gliederung:

 

1. Problemeinführung

2. Mein ist die Rache

3. Sintflut und Vernichtung von Sodom und Gomorra

4. Die Opferung Isaaks

5. Die Verehrung eines goldenen Kalbes

6. Der göttliche Auslöschungsbefehl

7. Sündenverfolgung bis ins dritte Glied

8. Die Rache Gottes im Neuen Testament

9. Die Vertreibung aus dem Paradies

                10. Das Kainszeichen

                11. Die Rettung von Lot und das Zurückweisen von Brandopfern

                12. Führt Gott uns in Versuchung?

                13. Umkehr statt Sühne

                14. Wie oft sollen wir verzeihen?

 

 

 

1. Problemeinführung

 

Nach allgemeiner Überzeugung gilt der Gott der Juden und der Christen als ein ausgesprochen gerechter, gütiger und barmherziger Gott. Gerade in diesen drei Eigenschaften hat sich die jüdische Religion bei ihrem Entstehen zur Zeit Abrahams ganz entscheidend gegenüber den religiösen Vorstellungen rings um Abraham abgehoben. Die Götter der damaligen Heiden wurden mehr oder weniger mit den Naturgewalten gleichgesetzt, welche immer wieder die Menschen auf grausame Weise heimsuchten. Dieses Wirken wurde nun in den heidnischen Religionen der Frühzeit als Strafe dafür angesehen, dass die Menschen gegen die Götter aufbegehrt und gegen die göttlichen Befehle gesündigt hatten.

 

Man versuchte im Rahmen dieser heidnischen Religionen die Götter dadurch mild zu stimmen und eine Abwendung dieser Strafen zu erreichen, dass man den Göttern Sühneopfer brachte, wobei die Meinung vorherrschte, dass der Zorn der Götter nur dadurch besänftigt werden könne, dass man ihnen das Wertvollste opferte und dadurch bewusst einen spürbaren Verzicht leistete. Die Folge dieser Auffassung war dann auch, dass man den Göttern nicht nur Tiere zu opfern hatte. Vielmehr wurden auch Menschen, sogar der eigene Sohn, den Göttern geopfert, der ja eigentlich das Weiterbestehen der eigenen Familie hätte garantieren sollen.

 

Demgegenüber zeigt die Erzählung über die Opferung Isaaks durch Abraham deutlich, dass Jahwe, der Gott der Juden, diese Art von Opfer entschieden ablehnt. Und wenn wir die Geschichte Israels weiterverfolgen, finden wir im Neuen Testament die Auskunft, dass Gott überhaupt keine Brandopfer wünscht und dass die Menschen gerade dadurch ihre Achtung vor Gott unter Beweis stellen, dass sie den Armen und Bedürftigen helfen: Was ihr den Geringsten unter euch getan habt –  sowohl in Gutem wie auch im Schlechten –, das habt ihr mir getan.

 

Trotz dieser eindeutigen Feststellung, dass der Gott der Juden und Christen ein gütiger Gott ist, finden sich in der Heiligen Schrift immer wieder Hinweise darauf, dass Gott als ein Rächer auftritt, die Menschen vernichtend bestraft, sogar hierbei nicht nur diejenigen vernichtet, welche gegen seine Anweisungen gesündigt haben und welche deshalb eine gerechte Strafe verdient haben, sondern ganze Städte und Volksstämme radikal auslöscht und hierbei auch unschuldige Kinder und Frauen, welche sich gar nicht gegen Gott erhoben hatten, bis ins dritte oder vierte Glied verfolgt oder zumindest erlaubt, dass Kinder und Frauen in eine demütigende und schmerzhafte Sklaverei geführt werden.

 

Und es sind nicht nur einige wenige Stellen der Heiligen Schrift, in denen Gott als rächender Gott beschrieben wird, vielmehr ist festzustellen, dass von diesen Bestrafungen der Menschen durch Gott selbst immer und immer wieder – zumindest im Alten Testament – die Rede ist.

 

Wir kommen somit nicht umhin, den Schluss zu ziehen, dass sich diese Berichte zumindest dem Anschein nach widersprechen. Ist der Gott der Juden und Christen nun ein gütiger oder ein rächender Gott, der die Menschen blind verfolgt und gar nicht zwischen guten uns bösen Menschen unterscheidet? Beide Eigenschaften widersprechen sich offensichtlich, Jahwe kann doch wohl nicht zur gleichen Zeit ein gerechter und ein rächender Gott sein, ein gerechter Gott, der die Menschen nach ihren guten Taten belohnt oder nach ihren bösen Taten bestraft, weiterhin ein gütiger Gott sein, der das Wohl der Menschen, zumindest derjenigen, welche seine Gebote beachten, zum Ziel hat und schließlich auch ein barmherziger Gott, der den Menschen verzeiht, wenn sie ihre Sünden bereuen und ehrlich bemüht sind, umzukehren.

 

Wir wollen einmal kurz vergessen, dass wir nach den Eigenschaften Gottes fragen und annehmen, es gehe darum, die Eigenschaften eines Menschen, sagen wir eines Herrschers oder politischen Führers daraufhin einzuordnen, ob sie als gütig und gerecht oder als hart und äußerst ungerecht einzuordnen sind. Und wir wollen unterstellen, dass dieser Herrscher all die Eigenschaften aufweise, welche die Heilige Schrift über Gott selbst aussagt. In diesem Falle würde man vielleicht davon sprechen, dass dieser Herrscher höchst launisch, jähzornig und wankelmütig sei. Bei den geringsten Vergehen seiner Untergebenen würde er sich sehr schnell zu lakonischen Strafen hinreißen lassen, dann aber sehr schnell das Ruder auch wiederum herumreißen und auf die angekündigten Strafen verzichten.

 

Oder aber man könnte diesen Herrscher auch als gutmütig bezeichnen, der beim geringsten Widerstand – auch entgegen seiner Pläne – nachgibt und den Forderungen seiner Untergebenen entgegenkommt. Diesem Herrscher würde man vermutlich nicht zutrauen, große Änderungen auch durchzusetzen, auch dann nicht, wenn diese Änderungen notwendig wären und wenn sich der Widerstand der Untergebenen als nicht berechtigt herausstellen sollte.

 

Aber gerade diese Eigenschaften vertragen sich nicht mit dem Bild, das sich alle theistischen Religionen mit dem Glauben an einen einzigen Gott machen. Mit dem Begriff eines theistischen Gottesbildes ist immer verbunden, dass dieser Gott im Gegensatz zu den Menschen vollkommen in jeder Hinsicht ist. Danach ist Gott allmächtig, gerecht, gütig und barmherzig und auch allwissend. Er tut das, was er für richtig hält und er wird stets nach seinem Handeln davon sprechen, dass das, was er getan hat, gut und richtig war und dass er eben nicht bereuen muss, was er getan hat.

 

Es bedarf also einer anderen Erklärung, um diesen hier aufgezeigten Widerspruch (zwischen einem gütigen und einem rächenden Gott) aufzulösen. Vielleicht hilft hier die Vorstellung, dass in den Berichten über den rächenden Gott die Heiligen Schriften eher darüber berichten, welche Reaktionen Gottes die Menschen erwarten, wenn sie gesündigt haben und dass sie in Wirklichkeit den Willen Gottes vielleicht missverstanden haben, in dem sie ihn als einen rächenden Gott schildern, obwohl die Eigenschaft des jüdischen Gottes im Gegensatz zur Religion der Heiden gerade in erster Linie darin besteht, dass er anders als die Menschen bei Verfehlungen der Menschen keine Rachegefühle empfindet und den Menschen immer wieder die Hand reicht, sofern diese ihre Taten bereuen.

 

Warum sollten diejenigen, welche von den Taten Gottes in den Heiligen Schriften berichten, nicht auch im Hinblick auf die Frage, ob sie die Botschaft Gotteseilgien

 richtig verstanden haben, unvollkommen sein, genauso wie sie nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift doch auch in jeder anderen Hinsicht als unvollkommene Wesen geschildert werden. Die Bibel ist voll von Berichten, in denen über die Unvollkommenheit der Menschen erzählt wird. Dies gilt nicht nur für das einfache Volk, sondern gerade auch für die von Gott auserwählten Führer.

 

Moses weigerte sich zunächst mit Händen und Füßen den Auftrag Gottes, die Juden aus der Sklaverei aus Ägypten herauszuführen, anzunehmen. David, der von Gott gesalbte König, beging Ehebruch mit der Frau des Hethiters. Als er befürchten musste, dass diese Frau schwanger war und der Hethiter sich weigerte, nach Hause zu gehen und die Nächte bei seiner Frau zu verbringen, wies David den obersten Befehlshaber an, den Hethiter an die vorderste Front zu stellen, dorthin, wo er mit Sicherheit in der Schlacht getötet würde. Das war ein klarer Mord. Und ausgerechnet Petrus, welchen Jesus als seinen Stellvertreter hier auf Erde eingesetzt hatte, verleugnete Jesus dreimal hintereinander im Vorhof des Kaiphas gegenüber einer Magd und wir erfahren aus der Heiligen Schrift zusätzlich, dass Jesus diese Verleugnung vorhergesehen hatte und in voller Kenntnis dieser Verleugnung Petrus zum Oberhaupt der christlichen Gemeinde gemacht hatte.

 

 

2. Mein ist die Rache

 

Versuchen wir uns nun zunächst einen Überblick über einige der wichtigsten Bibelstellen zu verschaffen, in denen von einem rächenden Gott berichtet wird. Im Buch Deuteronomium  Kapitel 32,34-43 heißt es:

 

34 ‚Liegt dies nicht bei mir verborgen, in meinen Vorratskammern versiegelt

35 bis zum Tag der Strafe und Vergeltung, bis zu der Zeit, da ihr Fuß wanken wird? Doch der Tag ihres Verderbens ist nah und ihr Verhängnis kommt schnell...

 

39  Jetzt seht: Ich bin es, nur ich, und kein Gott tritt mir entgegen. Ich bin es, der tötet und der lebendig macht. Ich habe verwundet; nur ich werde heilen. Niemand kann retten, wonach meine Hand gegriffen hat.

40  Ich hebe meine Hand zum Himmel empor und sage: So wahr ich ewig lebe:

41  Habe ich erst die Klinge meines Schwertes geschliffen, um das Recht in meine Hand zu nehmen, dann zwinge ich meinen Gegnern die Strafe auf und denen, die mich hassen, die Vergeltung.

42  Meine Pfeile mache ich trunken von Blut, während mein Schwert sich ins Fleisch frisst – trunken vom Blut Erschlagener und Gefangener, ins Fleisch des höchsten feindlichen Fürsten.

43  Erhebt das Siegesgeschrei, ihr Himmel, zusammen mit ihm, werft euch vor ihm nieder, ihr Götter! Denn er erzwingt die Strafe für das Blut seiner Söhne und entsühnt das Land seines Volkes.‘

 

Und in der Elberfelder Übersetzung finden wir im Buch Deuteronomium  Kapitel 32,35 sogar das häufig angeführte Zitat:

 

‚Mein ist die Rache und die Vergeltung für die Zeit, da ihr Fuß wankt. Denn nahe ist der Tag ihres Verderbens, und was ihnen bevorsteht, eilt herbei‘.

 

Martin Buber, dessen Übersetzung noch am ehesten dem hebräischen Urtext entspricht, spricht allerdings nicht von Rache, sondern nur von Ahndung und Zahlung und eine Ahndung widerspricht natürlich nicht der Durchsetzung der Gerechtigkeit. Aber bleiben wir beim Wort Rache. ‚Mein ist die Rache‘ kann durchaus auch so verstanden werden, dass sich die Sünden zunächst gegen Gott richten und dass es deshalb in erster Linie die Sache Gottes selbst ist, darüber zu befinden, was mit denjenigen getan werden soll, welche Gottes Gebote übertreten haben. Dies soll heißen, es ist in aller erster Linie gerade nicht die Sache der Menschen, Sünder zu bestrafen. Und es liegt dann auch an Gott, wenn er in seiner Barmherzigkeit die Reue und Umkehr eines sündigen Menschen zum Anlass nimmt, ihm die Sünde zu verzeihen und ihn wie den verlorenen Sohn wieder aufnimmt.

 

 

 

3. Sintflut und Vernichtung von Sodom und Gomorra

 

Gehen wir nun über zu der Stelle im Alten Testament, an der über die Absicht Gottes berichtet wird, die Erde durch eine Sündflut zu verwüsten. Im Buch Genesis Kapitel 6,5-8 erfahren wir:

 

5 ‚Der Herr sah, dass auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war.

6  Da reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh.

7  Der Herr sagte: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, mit ihm auch das Vieh, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels, denn es reut mich, sie gemacht zu haben.

8  Nur Noach fand Gnade in den Augen des Herrn.‘

 

Weiterhin soll die Vernichtung von Sodom und Gomorra (Genesis Kapitel 18, 20 - 19,14 ) Erwähnung finden:

 

20  ‚Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer.

21  Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen.

22  Die Männer wandten sich von dort ab und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn.

23  Er trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen?‘

 

Hier wird gar nicht ausdrücklich die Absicht Gottes ausgesprochen, er wolle die gesamte Stadt mit allen Schuldigen aber auch Unschuldigen auslöschen, diese Absicht ergibt sich jedoch indirekt aus der Art, wie Abraham mit Gott hadert und geradezu den Versuch macht, die Rettung der Stadt zu erreichen, in dem er mit Gott darüber verhandelt, bei welcher Zahl von Unschuldigen Gott von seinen Racheplänen Abstand nimmt:

 

24  ‚Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort?

25  Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?‘

 

 

4. Die Opferung Isaaks

 

Auch im Zusammenhang mit der Opferung Isaaks berichtet uns das Alte Testament anscheinend davon, dass Gott Abraham aufforderte, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern. Im Buch Genesis Kapitel 22 22,1-2 heißt es:

 

1  ‚Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.

2  Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.‘

 

Zwar wird in der Einleitung zu dieser Erzählung nur davon gesprochen, dass Gott Abraham prüfen wolle, nicht dass er wirklich die Absicht habe, von Abraham zu verlangen, dass er seinen einzigen Sohn tatsächlich als Brandopfer schlachte. Immerhin dürfte aber auch allein die Tatsache, dass Gott ausgerechnet Abraham, fast der einzige der Israeliten, die Gott die Treue hielten, auf die Probe stellen sollte, wo wir doch davon ausgehen, dass Gott allwissend ist und deshalb in die Herzen der Menschen schauen kann und deshalb auch ohne diesen Beweis über die Rechtschaffenheit Abrahams Bescheid weiß.

 

 

5. Die Verehrung eines goldenen Kalbes

 

Auch in dem Gespräch zwischen Gott und Moses, nachdem die Israeliten während der Abwesenheit Moses ein Goldenes Kalb gegossen hatten und es verehrten, wird wiederum im Buch Exedus Kapitel 32 von einem rächenden Gott gesprochen:

 

7  ‚Da sprach der Herr zu Mose: Geh, steig hinunter, denn dein Volk, das du aus Ägypten heraufgeführt hast, läuft ins Verderben.

8  Schnell sind sie von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein Kalb aus Metall gegossen und werfen sich vor ihm zu Boden. Sie bringen ihm Schlachtopfer dar und sagen: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben.

9  Weiter sprach der Herr zu Mose: Ich habe dieses Volk durchschaut: Ein störrisches Volk ist es.

10  Jetzt lass mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt….‘

 

Aber auch hier fährt der Bericht fort:

 

11  ‚Da versuchte Mose, den Herrn, seinen Gott, zu besänftigen, und sagte: Warum, Herr, ist dein Zorn gegen dein Volk entbrannt? Du hast es doch mit großer Macht und starker Hand aus Ägypten herausgeführt.

12  Sollen etwa die Ägypter sagen können: In böser Absicht hat er sie herausgeführt, um sie im Gebirge umzubringen und sie vom Erdboden verschwinden zu lassen? Lass ab von deinem glühenden Zorn und lass dich das Böse reuen, das du deinem Volk antun wolltest.

13  Denk an deine Knechte, an Abraham, Isaak und Israel, denen du mit einem Eid bei deinem eigenen Namen zugesichert und gesagt hast: Ich will eure Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel, und: Dieses ganze Land, von dem ich gesprochen habe, will ich euren Nachkommen geben und sie sollen es für immer besitzen.

14  Da ließ sich der Herr das Böse reuen, das er seinem Volk angedroht hatte.‘

 

Im Endergebnis verzichtet Gott auch hier wiederum darauf, das sündige Volk zu bestrafen. Es bleibt also die Feststellung, dass Gott auf seine Rache sehr schnell wiederum verzichtet. Da es aber mit dem Gottesbegriff, der stets auf die Vollkommenheit in jeder Hinsicht abhebt, auch kaum zu vereinbaren ist, dass Gott immer wieder seine Pläne aufgibt, fragt es sich, ob diese Stelle nicht wiederum so gedeutet werden kann, dass Moses von der Überzeugung ausgegangen ist, Gott wolle sich wie auch ein Mensch an den Sündern rächen und dass dann Moses von Gott eines besseren belehrt wurde, dass er nämlich sehr wohl von Anbeginn an ein gütiger und barmherziger Gott sein will und auch ist.

 

 

6. Der göttliche Auslöschungsbefehl

 

Auch Passagen im 5. Buch Moses, Deuteronomium Kapitel 20 enthalten Stellen, in denen Gott verlangt, anscheinend gegen Schuldige wie Unschuldige gleichermaßen vorzugehen:

 

10  ‚Wenn du vor eine Stadt ziehst, um sie anzugreifen, dann sollst du ihr zunächst eine friedliche Einigung vorschlagen.

11  Nimmt sie die friedliche Einigung an und öffnet dir die Tore, dann soll die gesamte Bevölkerung, die du dort vorfindest, zum Frondienst verpflichtet und dir untertan sein.

12  Lehnt sie eine friedliche Einigung mit dir ab und will sich mit dir im Kampf messen, dann darfst du sie belagern.

13  Wenn der Herr, dein Gott, sie in deine Gewalt gibt, sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen.

14  Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen. Was du bei deinen Feinden geplündert hast, darfst du verzehren; denn der Herr, dein Gott, hat es dir geschenkt.

15  So sollst du mit allen Städten verfahren, die sehr weit von dir entfernt liegen und nicht zu den Städten dieser Völker hier gehören.

16  Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen.

17  Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat,

18  damit sie euch nicht lehren, alle Gräuel nachzuahmen, die sie begingen, wenn sie ihren Göttern dienten, und ihr nicht gegen den Herrn, euren Gott, sündigt.‘

 

Hier wird offenbar von Gott die Weisung erteilt, dass unschuldige Frauen und Kinder in die Sklaverei geführt werden, sofern die Städte, welche im Kampf niedergeschlagen wurden, ‚sehr weit von dir entfernt liegen und nicht zu den Städten dieser Völker hier gehören‘. In Städten hingegen, welche zum Erbbesitz der Israeliten zählen, soll nach ihrer Unterwerfung sogar restlos alles Leben, also auch das unschuldiger Frauen und Kinder, ausgelöscht werden.

 

Auch hier wiederum müssen wir feststellen: das Gebot, Frauen und Kinder der besiegten Völker in Sklaverei zu führen und alles Leben, also auch das unschuldiger Kinder, auszulöschen, sofern die besiegte Stadt zum Erbbesitz der Israeliten zählt, widerspricht eindeutig der Idee eines gerechten und barmherzigen Gottes. Vielleicht lässt sich auch hier wiederum dieser Widerspruch auflösen, wenn man von der These ausgeht, dass die Verfasser dieser Bibelstelle der festen Überzeugung waren, dass Gott selbst diese Rachetaten befohlen habe, dass sie aber die Botschaft Gottes falsch ausgelegt haben.

 

Man kann in der Heiligen Schrift weiterhin unterscheiden zwischen Weisungen wie z. B. den Dekalog, der die letztlichen und immer gültigen Grundmaximen umfasst und Ausführungsbestimmungen, die den Zweck verfolgen, diese Grundmaximen auf eine ganz bestimmte Situation anzuwenden. Vielleicht lassen sich diese Weisungen auch so interpretieren, dass nur dadurch, dass Gott die Bestrafung aller besiegten Menschen zulässt, das israelische Volk überhaupt dazu angehalten werden konnte, Gott die Treue zu halten. Es wäre dann ein Zugeständnis an die Sieger, das aber nicht allgemeine Gültigkeit besitzt und das in Zukunft einmal auch wiederum aufgehoben werden kann und auch sollte. 

 

 

7. Sündenverfolgung bis ins dritte Glied

 

 Im Buch Deuteronomium Kapitel 5,9 in der Übersetzung nach Luther lesen wir weiterhin:

 

9 ‚Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen.‘

 

Auch hier entsteht die Frage, ob es nicht ausgesprochen ungerecht ist, wenn Kinder für die Taten ihrer Eltern bestraft werden. Sieht die jüdische und religiöse Religion wirklich Sippenhaft vor? Setzt Schuld nach allgemeinem Verständnis nicht voraus, dass nur derjenige schuldig werden kann und Strafe verdient, der selbst für die verbotenen Taten verantwortlich ist?

 

Eine mögliche Interpretation dieser zunächst unverständlichen Aussage könnte unter Umständen darin liegen, dass Gott auch Straftaten derjenigen ahndet, welche das sündhafte Tun der Eltern übernehmen, obwohl sie eigentlich sehen müssten, dass eine verbotene Handlung auch dann eine Sünde bleibt, wenn bereits die Elterngeneration diese Verfehlungen beging. In diesem Sinne wäre diese Aussage (Gott verfolge die Sünden bis ins dritte oder vierte Glied) ein Hinweis darauf, dass es kein Gewohnheitsrecht gibt und dass es keine Entschuldigung darstellt, wenn man darauf hinweist, dass auch alle anderen vor mir dieser Taten schuldig wurden.

 

 

8. Die Rache Gottes im Neuen Testament

 

Im Neuen Testament wird insgesamt – vor allem von Jesus – viel weniger vom rächenden Gott gesprochen. Die Hauptbetonung liegt hier ganz eindeutig auf dem gütigen und barmherzigen Gott. Trotzdem finden sich auch hier einige Stellen, welche das Thema der Rache andeuten. So lesen wir etwa im Matthäusevangelium Kapitel 8,11-12 in der Elberfelder Übersetzung:

 

11 ‚Ich sage euch aber, dass viele von Osten und Westen kommen und mit Abraham und Isaak und Jakob zu Tisch liegen werden in dem Reich der Himmel, 

12 aber die Söhne des Reiches werden hinausgeworfen werden in die äußere Finsternis: da wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.

 

Oder im 11. Kapitel des Matthäusevangeliums Vers 20-24 (Einheitsübersetzung) heißt es:

 

20 ‚Dann begann er den Städten, in denen er die meisten Wunder getan hatte, Vorwürfe zu machen, weil sie sich nicht bekehrt hatten:

21 Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Wenn einst in Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären, die bei euch geschehen sind – man hätte dort in Sack und Asche Buße getan.

22 Ja, das sage ich euch: Tyrus und Sidon wird es am Tag des Gerichts nicht so schlimm ergehen wie euch.

23 Und du, Kafarnaum, meinst du etwa, du wirst bis zum Himmel erhoben? Nein, in die Unterwelt wirst du hinabgeworfen. Wenn in Sodom die Wunder geschehen wären, die bei dir geschehen sind, dann stünde es noch heute.

24 Ja, das sage ich euch: Dem Gebiet von Sodom wird es am Tag des Gerichts nicht so schlimm ergehen wie dir.‘ 

 

Im Gleichnis vom Fischnetz bei Matthäus Kapitel 13,47-52 wird weiterhin das Himmelreich mit einem Netz verglichen, mit dessen Hilfe Fische gefangen werden. Allerdings enthält das Netz auch schlechte Fische, welche weggeworfen werden müssen. Nur die guten, essbaren Fische werden in Körben gesammelt:

 

47 ‚Weiter ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Netz, das man ins Meer warf, um Fische aller Art zu fangen.

48 Als es voll war, zogen es die Fischer ans Ufer; sie setzten sich, lasen die guten Fische aus und legten sie in Körbe, die schlechten aber warfen sie weg.

49 So wird es auch am Ende der Welt sein: Die Engel werden kommen und die Bösen von den Gerechten trennen

50 und in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen. 

51 Habt ihr das alles verstanden? Sie antworteten: Ja.‘

 

Schließlich wird in der Offenbarung des Johannes Kapitel 14,14-20 über das Endgericht berichtet:

 

14  ‚Dann sah ich eine weiße Wolke. Auf der Wolke thronte einer, der wie ein Menschensohn aussah. Er trug einen goldenen Kranz auf dem Haupt und eine scharfe Sichel in der Hand.

15  Und ein anderer Engel kam aus dem Tempel und rief dem, der auf der Wolke saß, mit lauter Stimme zu: Schick deine Sichel aus und ernte! Denn die Zeit zu ernten ist gekommen: Die Frucht der Erde ist reif geworden.

16  Und der, der auf der Wolke saß, schleuderte seine Sichel über die Erde und die Erde wurde abgeerntet.

17  Und ein anderer Engel trat aus dem himmlischen Tempel. Auch er hatte eine scharfe Sichel.

18  Vom Altar her kam noch ein anderer Engel, der die Macht über das Feuer hatte. Dem, der die scharfe Sichel trug, rief er mit lauter Stimme zu: Schick deine scharfe Sichel aus und ernte die Trauben vom Weinstock der Erde! Seine Beeren sind reif geworden.

19  Da schleuderte der Engel seine Sichel auf die Erde, erntete den Weinstock der Erde ab und warf die Trauben in die große Kelter des Zornes Gottes.

20  Die Kelter wurde draußen vor der Stadt getreten und Blut strömte aus der Kelter; es stieg an, bis an die Zügel der Pferde, eintausendsechshundert Stadien weit.

 

 

9. Die Vertreibung aus dem Paradies

 

Wenden wir uns nun den Bibelstellen zu, die von einem gütigen und barmherzigen Gott berichten. Wie bereits angedeutet, ist es unter jüdischen und christlichen Theologen weitgehend unbestritten, dass die eigentliche Botschaft der Heiligen Schrift darin besteht, dass die Gläubigen einen gütigen und barmherzigen Gott verehren, welcher bereit ist, den Menschen immer wieder zu verzeihen, wenn sie gesündigt haben, sofern sie nur bereit sind, ihre Vergehen zu bereuen und ehrlich um Umkehr bemüht sind.

 

Gerade in dieser Botschaft hat sich die jüdische und christliche Religion vom Götterglauben der Heiden zur Zeit der Entstehung des jüdischen Glaubens unterschieden. Gott ist eben gerade kein rächender Gott, der die Menschen für jede einzelne Missetat hart bestraft und der in seinem Zorn dann auch – wie wir dies von den Naturkatastrophen gewohnt sind –, keinen Unterschied zwischen Gut und Böse macht.

 

Diese Eigenschaften Gottes als im Grunde gütigen und gnädigen Gott sind auch bereits – entgegen dem ersten oberflächlichen Anschein – von dem Schöpfungsbericht in der Genesis bis zu dem Erscheinen Jesu zu erkennen, wenn man nur bereit ist, den Kern der in der Heiligen Schrift niedergeschriebenen Botschaften Gottes zu erkennen.

 

Danach hat Gott für die ersten Menschen ein Paradies und ein ewiges Leben vorgesehen. Die Tatsache, dass Gott den Menschen nach ihrem ersten Sündenfall aus dem Paradies vertrieben hat, stellt nur oberflächlich einen Akt eines rächenden, unbarmherzigen Gottes dar. In Kapitel 2 hatten wir gesehen, dass die Vertreibung der Menschen aus dem Paradies eine notwendige Folge davon sein musste, dass sich die ersten Menschen dazu entschlossen, sich entgegen der Weisung Gottes durch eine geschlechtliche Beziehung von Mann und Frau zu vermehren und dass auf diese Weise der im Paradies vorgesehene Vorrat an Nahrungsmitteln nicht ausreichen konnte, um die wachsende Zahl an Menschen zu ernähren.

 

Trotz dieser Änderungen hat Gott seine Absicht, den Menschen ein ewiges Leben zu gewähren, nicht aufgegeben. Zwar ist nun das irdische Leben begrenzt, jeder Mensch stirbt eines Tages, es gehört aber zu den wesentlichen Aussagen der christlichen Religion, dass die Menschen – sofern sie nur bereit sind, den Weisungen Gottes zu folgen – nach ihrem Tode verklärt in das ewig dauernde Himmelreich eingehen. Und vor allem im Römerbrief des Apostels Paulus erfahren wir im Kapitel 5, dass diese zweite Form des den Menschen gewährten ewigen Lebens vor allem durch das Wirken Jesu bewirkt wurde:

 

15 ‚Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheim gefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden…

19 Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.‘

 

 

10. Das Kainszeichen

 

Von einem durchaus gütigen Gott erfahren wir dann weiterhin nach der Erschlagung Abels durch Kain. Im Buch Genesis Kapitel 4,8-15 lesen wir:

 

8  ‚Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn.

9  Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?

10  Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden.

11  So bist du verflucht, verbannt vom Ackerboden, der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders aufzunehmen.

12  Wenn du den Ackerboden bestellst, wird er dir keinen Ertrag mehr bringen. Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein.

13  Kain antwortete dem Herrn: Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte.

14  Du hast mich heute vom Ackerland verjagt und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen; rastlos und ruhelos werde ich auf der Erde sein und wer mich findet, wird mich erschlagen.

15  Der Herr aber sprach zu ihm: Darum soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen. Darauf machte der Herr dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde.‘

 

Zwar verflucht Gott den Kain wegen seiner Tat. Aber Kain ist einsichtig und bekennt, dass seine Schuld größer ist als dass er sie ertragen könnte und er lebt in der Furcht, wegen seiner Tat ebenfalls von anderen Menschen erschlagen zu werden. Gerade wegen dieser Einsicht gewährt aber Gott Kain einen besonderen Schutz, in dem er ankündigt, dass jeder, der Kain ebenfalls erschlägt, siebenfacher Rache verfalle. Obwohl auch hier wieder von einem rächenden Gott gesprochen wird, liegt die eigentliche Botschaft dieser Erzählung darin, dass Kain fortan unter einem besonderen Schutz Gottes steht, in dem das Zeichen auf seiner Stirn (auch als Kainszeichen bezeichnet) die Menschen davon abhalten soll, Kain ebenfalls zu töten. Es geht also Gott hier in erster Linie nicht um Rache, sondern darum, weiteres Blutvergießen zu verhindern.

 

 

11. Die Rettung von Lot und das Zurückweisen von Brandopfern

 

Machen wir uns nochmals den Bericht über die Zerstörung von Sodom und Gomorra klar. Abraham hatte ja befürchtet, dass Gott alle Menschen aus Sodom und Gomorra wegen ihrer Sünden auslösche, die Gerechten genauso wie die Ungerechten. Rein äußerlich liest sich dieser Bericht so, wie wenn Gott sich erweichen lasse, seine ursprüngliche Absicht, die beiden Städte in ihrer Gesamtheit zu vernichten, auf das Drängen Abrahams aufzugeben, sofern eine gewisse Zahl von Gott treuen Menschen gefunden werden könnte.

 

Abraham bricht dann sein Handeln mit Gott ab, als er scheinbar Gott dazu bewegt hatte, auf die Zerstörung dieser beiden Städte zu verzichten, wenn in diesen Städten mindestens zehn Getreue Gottes gefunden werden könnten. In Wirklichkeit fanden sich auch nicht einmal zehn Menschen, sondern nur ein einziger Mensch oder eine einzige Familie, nämlich Lot mit seiner Verwandtschaft, welche(r) Gott ergeben war(en). Es kam zwar deshalb zur Zerstörung von Sodom und Gomorra, aber selbst der einzige getreue Mensch: Lot wurde gerettet.

 

Gott hatte also in diesem Beispiel keinen einzigen gerechten Menschen mit den anderen mitbestraft, nur diejenigen, welche von Gott abgefallen waren, entgingen der Bestrafung nicht. Auch wird ja in dieser Erzählung keinesfalls ex pressis verbis davon gesprochen, dass Gott zunächst die Absicht verfolgte, jeden Bürger dieser Städte zu vernichten, auch die Gerechten und dass er dann auf das Drängen Abrahams hin schließlich seinen ursprünglichen Plan aufgegeben habe. Es wird nur davon erzählt, dass Abraham von dieser – vielleicht irrigen – Annahme ausging, Gott könnte in seinem Zorn auch die Unschuldigen vernichten. In Wirklichkeit können wir durchaus davon ausgehen, dass Gott von Anfang an nur die Absicht verfolgte, die Ungerechten zu bestrafen.

 

Auch der Bericht über die Aufforderung Gottes, dass Abraham seinen einzigen Sohn als Brandopfer darbringen solle, kann keineswegs als Beweis für einen rächenden und hartherzigen Gott gedeutet werden. Schon nach dem reinen Wortlaut dieser Bibelstelle wird nur davon gesprochen, dass Gott Abraham mit dieser Aufforderung auf die Probe stellen wollte. Er wollte in Wirklichkeit kein Brandopfer fordern, sondern er wollte – so scheint es der Bericht anzudeuten – nur überprüfen, ob Abraham wirklich bereit ist, Gottes Weisungen ohne wenn und aber zu erfüllen.

 

Die moderne Exegese legt die Betonung dieser Bibelstelle auf einen ganz anderen Aspekt. Der eigentliche Sinn dieser Erzählung soll verdeutlichen, dass die frühen Menschen zur Zeit Abrahams von der Überzeugung ausgingen, die Menschen hätten den Göttern das Wertvollste zu opfern, um sie gnädig zu stimmen und das Wertvollste, was die Menschen den Göttern opfern können, sei eben das eigene Kind. Die Schilderung dieser Vorgänge soll nun zeigen, dass Jahwe, der von Abraham verehrte Gott, gerade dieses Opfer nicht verlangt und sich durchaus mit nichtmenschlichen Brandopfern zufrieden gebe.

 

Wenn wir spätere Bibelstellen hinzunehmen, erfahren wir sogar, dass Gott jede Art von Brandopfer (von Mensch und Tier) ablehnt und dass das eigentliche von Gott geforderte Opfer darin besteht, dass die Menschen auf Güter verzichten, um sie den Notleidenden zu geben. So heißt es z. B. bei Amos Kapitel 5,21ff.:

 

‚Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach‘.

 

Dieser Gedanke wird dann im Markusevangelium Kapitel 12, 32ff. wieder aufgenommen. Jesus wird von einem Schriftgelehrten nach dem wichtigsten Gebot gefragt und gibt zur Antwort, dass die Gottesliebe und die Nächstenliebe die größten Gebote seien, kein Gebot sei größer als diese beiden. Und Markus fährt fort: ‚Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer‘.

 

 

12. Führt Gott uns in Versuchung?

 

Nun beginnt jedoch die obengenannte Bibelstelle in der Tat mit dem Satz, Gott habe Abraham auf die Probe stellen wollen. Es fragt sich jedoch, ob man das Verhalten Abrahams nicht auch anders deuten kann. Abraham hatte eine Vision, in der er glaubte, Gott habe von ihm dieses Opfer verlangt. Aber könnte es nicht auch sein, dass Abraham von diesem Glauben einfach deshalb ausging, weil ein den Göttern geweihtes Menschenopfer zu dieser Zeit ganz allgemein als notwendig angesehen wurde? Abraham ging somit dieser Erzählung entsprechend davon aus, dass auch der Gott Jahwe solche Menschenopfer fordere.

 

Bezeichnenderweise wird in Genesis Kapitel 22, Satz 1 nicht von Jahwe, sondern von Elohim gesprochen. Bekanntlich werden für den Namen Gottes im Alten Testament mehrere Gottesbegriffe verwendet. Diese Tatsache wird darauf zurückgeführt, dass das Alte Testament auf mehrere Quellen basiert. Aber auch der Begriffsumfang der verschiedenen Bezeichnungen für Gott ist unterschiedlich. Der Name Jahwe wird nur verwandt, wenn auf den einen einzigen Gott der Israeliten Bezug genommen werden soll. Die Bezeichnung Elohim wird hingegen auch als Gattungsbegriff verwandt, der auch dann gebraucht werden kann, wenn man von den Göttern der anderen Religionen sprechen will. In diesem Sinne könnte man die Aufforderung Elis eben unter Umständen auch so verstehen, dass Abraham von der damals allgemeinen Überzeugung ausging, dass die Götter ein Menschenopfer verlangen. Als dann ein Engel Gottes Abraham aufforderte, Isaak nicht zu opfern und Abraham stattdessen einen Widder schlachtete, nannte Abraham ‚jenen Ort Jahwe-Jire‘, was nichts anderes als der Herr sieht bedeutet (Kapitel 22, Satz 14). Hier wird also nicht mehr von Elohim, sondern von Jahwe gesprochen.

 

Vielleicht lässt sich das hier vorliegende Problem auch dadurch erhellen, dass wir den Text des Vaterunsers heranziehen. Im 6. Kapitel des Matthäusevangeliums Vers 9 - 13 heißt es:

 

‚So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde. Gib uns heute das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen. Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.‘ 

 

Ganz davon abgesehen, dass es wohl kaum erklärt werden kann, warum ein gütiger und gerechter Gott uns Menschen in Versuchung führten sollte, diese Übersetzung widerspricht eindeutig einer Stelle im Jakobusbrief Kapitel 1, Satz 13-14, dort lesen wir:

 

„Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung. Jeder wird von seiner eigenen Begierde, die ihn lockt und fängt, in Versuchung geführt“.

 

Und wenn Gott den Menschen verbietet, Menschen zu töten, dann gilt dieses Verbot auch dann noch, wenn die Menschen dies tun in dem falschen Glauben, Gott verlange diese Menschenopfer. Ein gütiger Gott wird aber niemals einen Menschen auch nur dazu verleiten, etwas zu tun, das an und für sich nicht erlaubt ist.

 

 

 13. Umkehr statt Sühne

               

Als Jesus verhindert, dass eine Ehebrecherin gesteinigt wird, so wie es die Thora an und für sich verlangt, wird deutlich, dass es in der christlichen Religion weniger auf den Sühnegedanken als vielmehr auf Reue und Umkehr ankommt. Im Johannesevangelium Kapitel 8,3 - 11 lesen wir:

 

3 ‚Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte

4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.

5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?

6 Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.

8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

9 Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.

10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?

11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!‘

 

Die Gerechtigkeit verlangt entsprechend dem Sühnegedanken, dass ein Vergehen gegen den Dekalog, der Ehebruch bestraft wird. Trotzdem handelt Jesus nicht nach diesem Gesetz. Vielmehr hält er den Pharisäern, welche diese Frau steinigen wollten, entgegen, nur derjenige, welcher ohne Sünde sei, habe auch das Recht, die Frau zu steinigen. Da sich dann niemand an der Steinigung der Frau beteiligen wollte, sagte Jesus zu dieser Ehebrecherin: ‚Auch ich verurteile dich nicht‘. Allerdings wird die Frau ermahnt, fortan nicht mehr zu sündigen, also die bisherige Tat zu bereuen und umzukehren.

 

Auch hier gilt wiederum: Der Dekalog beschränkt sich darauf, den Ehebruch zu verbieten, ohne dass die Strafe für eine solche Tat bestimmt wird. In den weiteren Texten der Thora wird dann festgelegt, dass derjenige, welcher die Ehe gebrochen hat, gesteinigt werden soll. Dieser Text stellt eine Art Ausführungsbestimmung zu dem sechsten Gebot des Dekalogs dar. Diese Ausführungsbestimmung wurde für notwendig erachtet, da offensichtlich das israelitische Volk zur Zeit Moses noch nicht bereit war, ohne diese Androhung einer drastischen Strafe die Weisungen Gottes zu befolgen. Es ist also die besondere Situation in der Zeit Moses, welche die Strafe notwendig machte. Für die immer gültige Maxime des Dekalogs kommt es hingegen allein darauf an, dass Menschen, die gesündigt haben, ihre Tat bereuen und zur Umkehr bereit sind. Für Gott kommt es also nicht in erster Linie auf die Sühne, sondern vielmehr auf die Reue und Umkehr an.

 

 

14. Wie oft sollen wir verzeihen?

 

 Bei Matthäus Kapitel 18 erfahren wir weiterhin von unserer Pflicht zur Vergebung:

 

21 ‚Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal?

22  Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.‘

 

Gemeint ist hier natürlich nicht, dass beim 78. Mal keine Vergebung mehr erwünscht sei, sondern wie üblich in der Bibel wird in einer bildhaften Sprache zum Ausdruck gebracht, dass wir angehalten sind, unseren Schuldigern immer wieder von Neuem zu vergeben, genauso wie auch Gott uns unsere Sünden immer wieder vergibt und er somit auch kein rächender, sondern ein barmherziger Gott ist. Einzige Voraussetzung ist die Reue und der Wille zur Umkehr des sündigen Menschen und Bereitschaft derjenigen, welchen Unrecht angetan wurde, genauso zu verzeihen, wie es Gott gegenüber sündigen Menschen tut.