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Widersprüche in der Bibel

 

 

Gliederung:

 

 1. Inspiration des Hl. Geistes und Widersprüche in der Bibel

 2. Schöpfungsbericht

 3. Erbsünde, Voraussetzung für Schuld ist das Können

 4. Rächender Gott bis ins Dritte Glied- barmherziger Gott

 5. Freiheit des Menschen - Vorherbestimmung

 6. Versucht Gott Menschen trotz Allwissenheit Gottes?

 7. Holocaust und Allmacht Gottes

 8. Feindesliebe - Vernichtung der Feinde durch Gott

 9. Tod Jesu notwendig zur Erlösung der Menschen?

                 10. Ein Gott drei Personen

                 11. Bindung Gottes an Entscheidungen der Kirchenbehörde

                 12. Gleichheit vor Gott und Patriarchalismus

                 13. Am Sabbat heilen trotz Sabbatruhe

                 14. Ehebrecher steinigen Jesus verzeiht Ehebrecherin

                 15. Von Gott kein Bildnis machen Jesusbilder

                 16. Kein Reicher ins Himmelreich, trotzdem ist Zachäus Heil widerfahren.

                 17. Alle Sünden werden vergeben, nicht die gegen den heiligen Geist

 

 

 

Kapitel 3. Erbsünde, Voraussetzung für Schuld ist das Können

 

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Ist die Erbsünde wirklich eine Sünde?

3. Erbsünde im Sinne einer Veranlagung

4. Knappheit als Folge der Sünde

5. Mögliche Ursachen für Veränderungen der Erbanlagen

6. Die Rolle von Tabubrüchen

7. Tabubrüche in der Gegenwart

8. Die erste Sünde als Tabubruch

9. Geschlechtsakt als solcher sündhaft?

              10. Ehebruch, die Sünde schlechthin?

 

 

 

1. Das Problem

 

Im letzten Kapitel hatten wir uns mit dem Sündenfall der ersten Menschen befasst. Eng zusammen mit dem in diesem Kapitel behandelten Widerspruch entsteht im Zusammenhang mit dem Begriff der Erbsünde ein weiterer Widerspruch.

 

Im Zusammenhang mit dem Sündenfall Adams und Evas wird zumeist in den christlichen Religionslehren von der Erbsünde gesprochen, welche von den ersten Menschen begangen wurde und welche dann auf alle nachfolgenden Menschen vererbt wurde. Danach gibt man Adam und Eva die Schuld dafür, dass auch alle folgenden Generationen sündig wurden und dass diese Schuld nur dadurch gesühnt werden konnte, dass Gott Vater seinen eigenen Sohn in die Welt entsandte, der durch seinen Kreuzestod dann schließlich die Erbschuld abgelöst hat.

 

Er hat  damit die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass nun doch wiederum alle Menschen dann, wenn sie die göttlichen Weisungen beachten, ins ewige Leben eingehen können, allerdings nicht in dem Sinne, dass sie – wie die ersten Menschen – eigentlich ohne Sünde im Paradies unsterblich geblieben wären, sondern dadurch, dass sie nach ihrem irdischen Tod als nichtirdische Menschen ins ewige Leben eingehen.

 

Ein Widerspruch im Zusammenhang mit dem Begriff der Erbsünde entsteht dadurch, dass der Begriff der Schuld und der Sünde notwendiger Weise voraussetzt, dass der einzelne Mensch sündig wird. Von Schuld lässt sich nämlich nur dann sprechen, wenn der Schuldige etwas getan hat, das er hätte nicht tun dürfen oder etwas unterlassen hat, das er hätte tun müssen. In beiden Fällen kann der einzelne Mensch nur dann schuldig werden, wenn er auch in der Lage ist, das nicht zu tun, das er hätte vermeiden müssen, bzw. das zu tun, das er eigentlich hätte unterlassen müssen.

 

Mit dem Begriff der Erbsünde im Zusammenhang mit dem Sündenfall Adam und Evas wird nun jedoch die Vorstellung verbunden, dass jeder von Adam und Eva abstammende Mensch sündig sei und gerade deshalb ohne das Gnadenwerk Jesu als sündiger Mensch gar nicht in das Himmelreich eingehen könne. Wenn aber die Adam und Eva nachfolgenden Menschen mit einer Erbsünde belastet sind, bringt man damit zu Ausdruck, dass eben die nach Adam und Eva lebenden Menschen insoweit keine persönliche Schuld trifft.

 

 

2. Ist die Erbsünde wirklich eine Sünde?

 

Obwohl also mit dem Begriff Erbsünde zum Ausdruck gebracht wird, dass die nachfolgenden Menschen ihren sündigen Zustand über ihre Eltern letzten Endes von den ersten Menschen geerbt haben und damit gar nicht für diesen Zustand verantwortlich sein können, wird trotzdem in dem Wort Erbsünde von Sünde und damit von Schuld jedes einzelnen Menschen gesprochen. Dieser Begriff ist ein Widerspruch in sich selbst. Entweder sind die sündigen Anlagen der Menschen vererbt, dann kann man in diesem Zusammenhang gerade nicht von Sünde sprechen oder aber jeder Mensch wird aufgrund eigenen Verhaltens, das er auch hätte vermeiden können, zum Sünder, der sich den Geboten Gottes widersetzt, in diesem Falle lässt sich jedoch gerade nicht von einer vererbten Sünde sprechen.

 

Nun spricht der zweite Schöpfungsbericht in Wirklichkeit auch gar nicht von Erbsünde. Dieser Begriff taucht auch nicht an anderer Stelle der Heiligen Schrift – weder im Alten noch im Neuen Testament – auf. Wenn also allgemein im Zusammenhang mit dem ersten Sündenfall Adam und Evas von Erbsünde gesprochen wird, ist dies selbst wiederum bereits eine Interpretation der Geschehnisse, welche sich im zweiten Schöpfungsbericht der Genesis ereignet haben.

 

Als erstes wollen wir also festhalten, dass es sehr missverständlich ist, im Zusammenhang mit dem Sündenfall Adam und Evas von Erbsünde zu sprechen, es entspricht viel eher dem, was man zum Ausdruck bringen will, wenn man davon spricht, dass das Handeln der ersten Menschen dazu geführt habe, dass alle nachfolgenden Menschen eine bestimmte Veranlagung übernommen haben. Und eben diese Veranlagung der nachfolgenden Generationen bringt es mit sich, dass der Mensch unvollkommen in jeder Hinsicht bleibt und immer wieder versucht ist, die Weisungen Gottes zu missachten und damit sündig zu werden. Allerdings kann eben auch nur dann und in dem Maße von persönlicher Schuld gesprochen werden, wenn ein Mensch beim Begehen einer Sünde trotzdem durchaus in der Lage ist, den Weisungen Gottes zu folgen und dass er dann durchaus mit jeder Sünde eine persönliche Schuld auf sich geladen hat, die er auch hätte vermeiden können.

 

 

3. Erbsünde im Sinne einer Veranlagung

 

Fragen wir uns als erstes, worin denn nun diese Veranlagung besteht, die gemeinhin als Erbsünde bezeichnet wird. Folgen wir dem zweiten Schöpfungsbericht, den wir bereits im vorhergehenden Kapitel besprochen haben. Wir hatten dort in Kapitel 2, 16ff. erfahren:

 

16  ‚Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.

17  Zu Adam sprach er: Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens.

18  Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes musst du essen.

19  Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück….

 

23  Gott, der Herr, schickte ihn aus dem Garten von Eden weg, damit er den Ackerboden bestellte, von dem er genommen war.

24  Er vertrieb den Menschen und stellte östlich des Gartens von Eden die Kerubim auf und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.‘

 

Wir hatten im vorhergehenden Kapitel diesen anscheinenden Widerspruch zwischen dem ersten und zweiten Schöpfungsbericht damit zu erklären versucht, dass wir davon sprachen, der Entwicklungsprozess des Menschen sei nicht deterministisch verlaufen, es seien vielmehr im Verlaufe des menschlichen Entwicklungsprozesses Gabelungen entstanden, an denen es von Zufälligkeiten, aber auch vom Verhalten der Menschen abhängt, welchen Weg der Mensch in seiner Entwicklung weiter beschreitet.

 

 

4. Knappheit als Folge der Sünde

 

Ein erster möglicher Weg wäre gewesen, dass die Menschen ein Leben im Paradies weiterführen, in dem keine Knappheit herrscht und in dem gerade deshalb der größte Teil der menschlichen Sünden nicht auftritt, weil Totschlag, Raub und Täuschung des Mitmenschen in erster Linie Folge davon sind, dass Knappheit herrscht und der einzelne Mensch der Versuchung unterliegt, durch diese sündige Taten die für das Überleben notwendigen Güter zu erlangen. 

 

Die paradiesischen Zustände und damit das Fehlen von Knappheit hätte jedoch nur dann aufrechterhalten werden können, wenn sich die Menschen nicht vermehrt und wenn die Menschen damit nicht geschlechtlich verkehrt hätten. Der Nahrungsspielraum des Paradieses reicht eben nicht aus, dass sich die Menschen stark vermehren und gleichzeitig ewig weiterleben. In dem sich die ersten Menschen dazu entschieden haben, geschlechtlichen Verkehr miteinander zu pflegen und sich deshalb zu vermehren, reichte die Nahrungsgrundlage, welche das Paradies bot und welche keine harte Arbeit zur Ernte dieser Früchte notwendig machte, nicht mehr aus und sie mussten nicht nur harte Arbeit leisten, um dem Ackerboden ausreichend Früchte abzuringen, sondern sie mussten gleichzeitig hart darum kämpfen, dass nicht die jeweils anderen Menschen ihnen diese Nahrung streitig machten.

 

Unmittelbare Folge des ersten Sündenfalls war also die Knappheit und die Knappheit selbst wiederum führte zu der Versuchung der Menschen, durch Totschlag, Raub und Täuschung sich das Lebensnotwendige zu sichern. Es war also mit anderen Worten nicht etwa so, dass die Menschen vor dem Sündenfall mit keinerlei Trieben ausgestattet waren, welche sie dazu verleiten konnten, den Mitmenschen zu schaden. Es war vielmehr so, dass deshalb, weil im Paradies keine Knappheit herrschte, Adam und Eva auch ohne diese Entgleisungen (Mord, Raub und Täuschung) über ausreichend Früchte verfügen konnten, welche sie zur Erhaltung ihres Lebens benötigten. Zwar war die Veranlagung zu diesen Entgleisungen sehr wohl auch schon bei den ersten Menschen vorhanden, sie mussten sie aber trotz ihrer Veranlagung zu Geschlechtstrieb und Erhaltungstrieb nicht einsetzen, um überleben zu können.

 

 

5. Mögliche Ursachen für Veränderungen der Erbanlagen

 

Wenn man von Vererbung gewisser Verhaltensweisen spricht, denkt man in erster Linie an eine genetische Vererbung dieser menschlichen Anlagen. Ganz generell muss jedoch bezweifelt werden, ob einzelne Handlungen allein überhaupt in der Lage sind, das an die Kinder weiterzugebende genetische Erbgut maßgeblich zu verändern.

 

Fragen wir uns deshalb zunächst, welche Umstände denn – legt man die moderne Entwicklungstheorie des Menschen zugrunde – Veränderungen in der Erbanlage auslösen. Wir gehen in der Entwicklungstheorie des Menschen davon aus, dass sich auf lange Sicht im Kampf um das Überleben stets die Arten durchsetzen, welche sich am besten aufgrund ihrer Erbanlagen an die jeweilige Umwelt anpassen können.

 

Wir wollen beispielsweise davon ausgehen, dass im Ausgangszustand bestimmte Menschentypen bestehen und dass sich im Zuge der Weiterentwicklung die Lebensbedingungen verändert haben und zwar wollen wir unterstellen, dass sie sich so verschlechtert haben, dass die Menschen bei unverändertem Erbgut nicht mehr überleben könnten und deshalb aussterben würden.

 

Nun gehen wir allerdings auch davon aus, dass sich die Erbanlagen bisweilen zufällig verändern, es werden also keinesfalls immer die genetischen Informationen, welche den Lebensprozess steuern, vollkommen identisch weitergegeben. Zufallsbedingt werden bei einem kleinen Teil der Gene die Informationen verfälscht weitergegeben. Drei Möglichkeiten sind nun zu unterscheiden. Bei einem ersten Teil solcher Veränderungen im Erbgut treten keinerlei Auswirkungen auf, sie sind für das Überleben der Art von keinerlei Bedeutung, sie werden zwar unter Umständen die äußere Gestalt der Menschen oder auch die Verhaltensweisen verändern, ohne dass jedoch diese Veränderung eine Verschlechterung der Startchancen der nachfolgenden Generationen herbeiführt.

 

Ein zweiter Teil dieser rein zufällig auftretenden Veränderungen im Erbgut hat zur Folge, dass die Erbanlagen nun nicht mehr zum Überleben ausreichen und dass diese Arten aussterben oder sich zumindest in geringerem Maße als bisher weiterentwickeln können.

 

Bei einem dritten Teil hingegen bewirkt diese Veränderung des Erbgutes, dass sich die Nachkommen besser an die veränderte Situation anpassen können und dass diese Arten gerade aus diesen Gründen die anderen Lebewesen, welche keine Änderung des Erbgutes erfahren haben, verdrängen.

 

Es sind also insbesondere drei Faktoren, welche darüber entscheiden, in welche Richtung sich Veränderungen im Erbgut festsetzen. Als erstes treten immer wiederum Änderungen in der Umwelt der einzelnen Individuen ein. Der Nahrungsvorrat geht in einem bestimmten Gebiet zu Ende oder das Klima verändert sich so, das nicht mehr alle überleben können.

 

Auf der andern Seite sind es rein zufällige Mutationen im Erbgut, die bei einer geringen Zahl der Nachkommen immer wieder auftreten. Schließlich ist es drittens der Kampf ums Überleben, der darüber entscheidet, welche Arten sich durchsetzen und welche Veränderungen in den Erbanlagen auf Dauer weitergegeben werden.

 

In unserem Beispiel des ersten Sündenfalls haben sich in einem ersten Schritt die ersten Menschen dazu entschieden, miteinander geschlechtlichen Verkehr zu haben. Die Folge war, dass der im Paradies vorhandene Nahrungsvorrat auf Dauer nicht mehr ausreichte, das Überleben aller Menschen zu sichern, ohne dass diese enorme Anstrengungen unternehmen mussten, um der Erde weitere Früchte abzuringen. Automatisch waren dann diejenigen Menschen begünstigt, welche gerade in besonderem Maße diese Fähigkeiten zur Produktion und damit zum Überleben besaßen.

 

Es war nun deren Erbgut, das dann vermehrt an die Nachkommen weitergegeben wurde. Und vielleicht zählte gerade deshalb auch zu den erbbedingten Anlagen dieser Art von Menschen, die sich im Kampf ums Überleben durchsetzen konnten, welche von ihrer Veranlagung her in besonderem Maße bereit und in der Lage waren, sich auch mit Gewalt durchzusetzen und gerade auf diese Weise dann auch die Weisungen Gottes immer wieder missachtet haben.

 

Also nur auf diesem indirekten Weg kann man überhaupt davon sprechen, dass ein bestimmtes Verhalten die genbedingten Erbanlagen nachhaltig ändert. Zunächst hat das Verhalten eines Menschen überhaupt keine Auswirkungen auf die Erbanlagen, welche den Nachkommen weitergegeben werden. Nur dadurch, dass sich unter Umständen gerade diejenigen, welche ein ganz bestimmtes Verhalten an den Tag legen, aus anderen Gründen über Erbanlagen verfügen, aufgrund derer sie besser überleben als andere, muss damit gerechnet werden, dass in diesem Falle in Zukunft unter Umständen auch das sündige Verhalten zunimmt, dem Anschein nach also wie vererbt erscheint.

 

 

6. Die Rolle von Tabubrüchen

 

Es gibt allerdings weitere Möglichkeiten, wie Verhaltensweisen auch auf die Nachkommen weitergegeben werden können. So werden die Verhaltensweisen der Eltern im Zusammenhang mit der Erziehung jeweils an ihre Kinder weitergegeben. Wenn die Eltern es unterlassen haben, ihren Kindern die Beachtung der wichtigsten Gebote zu lehren und vor allem, wenn sie mit schlechtem Beispiel vorangingen, vor den Augen der Kinder die Gebote Gottes missachtet haben, und dies auch noch als eine gerechtfertigte Handlung hingestellt haben, muss in der Tat befürchtet werden, dass auch die Kinder dieses Verhalten ihrer Eltern übernehmen und deshalb ebenfalls sündhaft leben.

 

Aber diesem Prozess der Weitergabe von Verhaltensweisen sind auch Grenzen gesetzt, da es auf der einen Seite durchaus natürliche Hemmnisse gibt, anderen Menschen zu schaden, sodass also in dem Entwicklungsprozess diese natürlich bei fast allen Menschen vorliegenden Anlagen zunächst systematisch verdrängt werden mussten, damit auch die Kinder das Verhalten ihrer Eltern übernehmen.

 

Auf der anderen Seite bringt es der Entwicklungsprozess der einzelnen Menschen mit sich, dass sich von einem bestimmten Alter an die Kinder von ihren Eltern distanzieren, um ein eigenständiges Leben zu beginnen und in diesem Prozess wird zumeist der Versuch unternommen, sich bewusst anders zu verhalten als ihre Eltern. So ist es also keinesfalls selbstverständlich, dass die nachfolgenden Generationen für immer an den von ihren Eltern erlernten Verhaltensweisen festhalten.

 

Margaret Meade und andere Erforscher der frühen primitiven Kulturen haben darüber hinaus auf die zentrale Bedeutung eines Tabus gerade in  den Frühkulturen der Menschheit hingewiesen. Das Wort Tabu ist aus dem Polynesischen entlehnt. Bei einem Tabu handelt es sich zunächst um etwas Geheiligtes oder Unberührbares, es stammt aus der Sakralsphäre. Es bezeichnet ursprünglich alle jene gottgeweihten, heiligen Dinge, die aus religiöser Scheu für den tatsächlichen oder sprachlichen Zugriff des Profanen verboten sind.

 

Zunächst einmal bringt ein Tabu ein absolutes Verbot. Es bezieht sich auf etwas, was auf keinen Fall getan werden darf, über deren Berechtigung man auch nicht diskutieren darf. Es stellt ein von Gott (oder den Göttern) selbst verkündetes Verbot dar. Es ist deshalb hinzunehmen und nicht zu hinterfragen. Gerade weil es sich um ein von Gott selbst verkündetes Verbot darstellt, ist es auch nicht möglich, diese verbotene Handlung zu verbergen, um auf diese Weise einer Strafe zu entgehen. Gott sieht alles, also kann man ihn auch nicht täuschen.

 

Die Strafen, welche bei einem Tabubruch anfallen, sind zumeist gar nicht benannt, sie sind auf jeden Fall ungeheuerlich, gar nicht beschreibbar, niemand kann der gerechten Strafe entgehen. Gerade wegen dieser Schwere der Strafe und wegen der Unmöglichkeit ihr zu entgehen, werden Tabus auch eingehalten. Und gerade dieser Umstand verstärkt die Wirkung eines Tabus. Gerade weil das Tabu bisher stets eingehalten wurde, gibt es auch keine überzeugenden Argumente, dass ein Tabubruch eventuell doch nicht geahndet wird oder dass die Strafe doch nicht so ungeheuerlich ausfällt, dass man auf keinen Fall einen Tabubruch wagen könnte.

 

Gerade weil Regeln oftmals den Charakter eines Tabus haben, spricht man nicht über sie, man ist sich sicher, dass auch die anderen Mitglieder diese Regeln einhalten, man kann sich darauf verlassen, dass diese Regeln nicht durchbrochen werden.

 

Diese selbstverstärkende Wirkung des Tabus hält allerdings nur solange an, als es auch eingehalten wird, als in der Vergangenheit keine einzige Übertretung bekannt wurde. Sobald einmal ein einzelner Mensch aufgetreten ist, der ein Tabu gebrochen hat, bricht die Abwehrwirkung eines Tabus in sich zusammen. Ein Tabubruch stellt dann nicht mehr etwas Unerhörtes dar, vielleicht konnte sogar der Tabubruch vor den Führern des Stammes verheimlicht werden, sodass dann auch die angedrohte Strafe ausblieb. Nun kann sich jeder, der zu einem gewissen Risiko bereit ist, erhoffen, dass er bei einem Tabubruch doch nicht ertappt und deshalb auch nicht bestraft wird.

 

Auch erweist sich unter Umständen die Strafe, welche bei Bekanntwerden des Tabubruchs verhängt wird, als nicht ganz so ungeheuerlich, wie sie solange, als noch nie ein Tabubruch bekannt wurde, als unbeschreibbar ungeheuerlich beschrieben wurde. Die Götter haben die Strafe nicht selbst verhängt, es waren menschliche Richter, welche die Strafe verhängt haben und man kann sich Hoffnung machen, dass Gott diesen Tabubruch vielleicht doch verzeihen kann, da ja die Strafe auch nicht unmittelbar nach dem Tabubruch den Täter heimgesucht hat.

 

Als ein solches Tabu kann z. B. die Umgangssitte in Primitivkulturen angesehen werden im Hinblick auf das Betreten einer fremden Hütte. Geschildert wird, dass die Hütten solcher primitiver Völker keine abschließbaren Türen kennen, sodass jederzeit ein Fremder die Hütte betreten und Wertsachen aus dieser Hütte entwenden könnte. Um nun zu verhindern, dass bei Abwesenheit der Besitzer dieser Hütte Fremde die Hütte unerlaubt betreten, wird an den Eingang ein einfacher Zweig gelegt, der signalisieren soll, dass der Besitzer der Hütte abwesend ist und dass das Betreten der Hütte für Fremde ein Tabu darstellt.

 

Diese einfache Vorrichtung hat lange Zeit ausgereicht, um zu verhindern, dass nicht berechtigte Menschen die Hütte bei Abwesenheit des Besitzers dennoch betreten haben. Es war ein Tabu, das auch lange Zeit eingehalten wurde, obwohl es ein leichtes gewesen wäre, in die Hütte einzudringen. Gerade weil bisher kein Fall bekannt war, dass dieses Tabu gebrochen wurde und weil deshalb auch völlig unklar war, welche Strafe denn denjenigen treffe, der dieses Tabu bricht, wurde es auch lange Zeit eingehalten. Wenn aber dann trotzdem vielleicht ein Fremder, dem die Sitten und Gebräuche dieses Stammes unbekannt waren, dieses Tabu gebrochen hatte, reichte es nicht mehr aus, die einzelnen Hütten auf diese unkomplizierte Weise zu schützen.

 

 

7. Tabubrüche in der Gegenwart

 

In der heutigen Zivilisation kann nicht mehr davon ausgegangen werden, dass Wohnungen für Fremde tabu sind. Irgendwann einmal erfolgte dieser Tabubruch und zwar in so augenfälliger Weise, dass die Versuchung, Wohnungen ohne Erlaubnis zu betreten und auch Wertgegenstände zu entwenden, nun zu einer weitverbreiteten Versuchung wurde. Es bedarf nun eines Staates, der Diebstahl ex pressis verbis verbietet und auch die Übertretungen dieses Gesetzes verfolgt und bestraft. In diesem Sinne leiden die nachfolgenden Generationen tatsächlich daran, dass dieses Tabu eines Tages gebrochen wurde.

 

Bringen wir ein zweites Beispiel für einen Tabubruch. Im Verlaufe der Geschichte gab es zwar vereinzelt Beispiele dafür, dass der sichere eigene Tod des Angreifers dafür eingesetzt wurde, um den Gegner zu besiegen. So haben Kamikazeflieger – japanische freiwillige Kampfflieger – in der Endphase des Zweiten Weltkriegs ihre mit Sprengstoff beladenen Flugzeuge bewusst in die feindlichen Flugzeuge gelenkt und sich selbst in den sicheren Tod gestürzt.

 

Im Allgemeinen wurde jedoch beim Angriff oder bei der Verteidigung dem einzelnen Soldaten die Möglichkeit belassen, auch lebend den Kampf mit dem Feind zu überstehen. Er riskierte zwar sein Leben, er konnte aber immer – vielleicht auch nur mit geringerer Wahrscheinlichkeit – hoffen, sein Leben nicht zu verlieren. Auch hier war es eine Art Tabu, niemand in den sicheren Tod zu schicken.

 

Die terroristischen Selbstmordattentäter haben dieses Tabu eindeutig gebrochen und in Folge dieses Tabubruches verbreiteten sich die Selbstmordattentate wie eine Seuche. Der Umstand, dass den Selbstmordattentätern hierbei versprochen wird, dass sie durch eine solche Tat im Himmel belohnt werden, hat die Verbreitung dieser Seuche noch verstärkt.

 

 

8. Die erste Sünde als Tabubruch

 

Man könnte nun im Zusammenhang mit der Erbsünde davon ausgehen, dass auch in der Sünde der ersten Menschen ein solcher Tabubruch erfolgt ist und dass gerade aus diesen Gründen die nachfolgenden Generationen überhaupt erst in eine Situation geraten sind, in der sie einer beständigen mehr oder weniger großen Versuchung ausgesetzt sind, das Böse zu tun.

 

Für die ersten Menschen galt zunächst bis zu dem ersten Sündenfall das Tabu, auf keinen Fall Früchte vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu essen. Auch dieses Verbot war von Gott selbst erlassen, also auch unbedingt einzuhalten. Und als Strafe für ein Nichteinhalten dieses Verbotes setzte Gott fest: Denn sobald du von den Früchten dieses Baumes isst, wirst du sterben. Für jemand, dem eigentlich ein ewiges Leben ohne Tod verkündet war – inmitten des Paradieses stand der Baum des Lebens –, ist der Tod auf jeden Fall eine sehr harte, wenn man will sogar die denkbar härteste Strafe.

 

Wir hatten oben gesehen, dass Tabus im Allgemeinen von nahezu Allen eingehalten werden und dass gerade der Umstand, dass bisher niemand das Tabu gebrochen hatte, zur Festigung dieses Verbotes entscheidend mittrug. Dies bedeutet: der Umstand, dass ein Mensch dieses Tabu, vom Baume der Erkenntnis von Gut und Böse nicht zu essen, bricht, wirkt wie ein Dammbruch. Gerade weil ein Mensch dieses Tabu gebrochen hat, stellt es für die anderen, nachfolgenden Menschen kein unverbrüchliches Verbot mehr dar und gerade deshalb wird man befürchten müssen, dass in Zukunft dieses Verbot wiederum und vermehrt gebrochen wird. In diesem Sinne kann tatsächlich gelten: Diese Sünde ist durch einen Menschen in die Welt gekommen und alle folgenden Generationen sind von dieser Sünde infiziert.

 

 

9. Geschlechtsakt als solcher sündhaft?

 

Wir kommen nun zu einem weiteren häufig geäußerten Missverständnis im Zusammenhang mit der Erbsünde. Deshalb, weil die erste Sünde der Menschen nach weitgehender Überzeugung darin bestand, dass Adam und Eva geschlechtlichen Verkehr miteinander hatten, obwohl ihnen Gott dies ausdrücklich verboten hatte, wird bisweilen der Überzeugung Ausdruck gegeben, ein Geschlechtsverkehr als solcher stelle ein sündhaftes Verhalten dar und sei sogar die Sünde aller Sünden. Und diese Überzeugung wird dann damit begründet, dass schließlich aufgrund dieses unerlaubten Verhaltens Adam und Eva aus dem Paradies verstoßen wurden und in der Folge die Menschen mit der Erbsünde belastet seien.

 

Einer solchen Betrachtungsweise kann sicherlich nicht zugestimmt werden, bei einer solchen Einschätzung des Geschlechtstriebes liegen schwerwiegende Missverständnisse vor. Es war Gott selbst, der den Menschen so erschaffen hatte, wie er ist und der Mensch ist nun einmal wie jedes andere Lebewesen auch mit einem Geschlechtstrieb von Geburt an ausgestattet, nur dass dieser Trieb erst im Verlaufe der Entwicklung eines jeden Menschen mit Beginn der Pubertät zu wirken beginnt. Alles was Gott geschaffen hat, ist gut, es gibt nicht Teile der Schöpfung, die als gut und andere, welche als schlecht einzustufen sind.

 

Im ersten Schöpfungsbericht haben wir im vorhergehenden Kapitel dieser Vorlesung erfahren, dass nach Beendigung eines Schöpfungstages – und damit ist natürlich nicht der Zeitraum eines menschlichen Tages gemeint, sondern eine sehr lang währende Epoche  – Gott ausdrücklich betonte, dass er das, was er sah, als ausgesprochen gut und gelungen ansah. Hätte Gott den Geschlechtstrieb als etwas Schlechtes und Verwerfliches angesehen und hätte er die Tatsache, dass der Mensch diesen Trieb hat, als nicht gelungen empfunden, dann hätten wir dies erfahren, dass es Gott reute, wie der Mensch so wurde, wie er dann tatsächlich geworden ist.

 

Ganz im Gegenteil erfahren wir bereits im ersten Schöpfungsbericht in Kapitel 1 der Genesis, dass Gott die Menschen aufforderte, sich zu vermehren und diese Aufgabe kann der Mensch nun einmal, so wie er geschaffen wurde, nur dadurch erfüllen, dass die weibliche Eizelle vom männlichen Samen befruchtet wird und dies schließlich erfolgt in der geschlechtlichen Vereinigung von Mann und Frau. Und diese Weisung (wachset und vermehret euch) ist für Gott so wichtig, dass er am Ende der Sintflut Noah gegenüber diese Weisung wiederholt hat.

 

Dass Gott nun in der Tat entsprechend dem zweiten Schöpfungsbericht Adam und Eva den geschlechtlichen Umgang miteinander sogar verboten hatte, hängt – wie wir gesehen haben – damit zusammen, dass Gott offensichtlich zunächst die Absicht verfolgte, den Menschen bereits hier auf Erden ein ewiges Leben zu garantieren. Da der natürliche Nahrungsangebot des Paradieses begrenzt war, konnte diese Absicht aber nur dadurch erfüllt werden, dass die Menschen sich nicht stark vermehren. Der begrenzte Vorrat an Nahrungsmitteln machte es unmöglich, beides sicherzustellen: ein ewiges Leben und eine starke Vermehrung der Menschen aufgrund geschlechtlicher Beziehungen von Mann und Frau.

 

Dass sich die ersten Menschen dazu entschieden haben, entgegen der Weisung Gottes doch geschlechtlichen Umgang miteinander zu pflegen und sich damit stark vermehrten, machte es notwendig, dass sich die Menschen nicht mehr mit dem reichlichen Nahrungsangebot im Paradies zufrieden geben konnten. Nun mussten sie im Schweiße ihres Angesichtes ein wesentlich größeres Nahrungsangebot durch harte Arbeit erkämpfen. In diesem Sinne ist die Weisung Gottes zu verstehen, machet euch die Erde untertan, indem ihr die Naturgesetze zu erkennen versucht und aufgrund dieser so gewonnenen Erkenntnis die Erde vernünftig verwaltet.

 

Da nun auf diese Weise das dann so erreichte Nahrungsangebot in Wirklichkeit für sehr viel mehr Menschen zur Verfügung stand, konnten und sollten sich die Menschen auch vermehren. Die Weisung, vermehret euch, ist allerdings nur solange in dieser engen Interpretation von Bedeutung, als eben der vorhandene Nahrungsspielraum weit mehr Menschen als bisher ernähren kann.

 

Sobald de Gefahr besteht, dass der Nahrungsspielraum nicht mehr ausreicht, alle Menschen zu ernähren und aus diesen Gründen Menschen verhungern müssen, ist die Weisung Gottes (vermehret euch) anders als bisher zu interpretieren, nämlich dafür Sorge zu tragen, dass sich die Menschen nicht schneller vermehren als das hierfür notwendige Nahrungsangebot ebenfalls ausgeweitet werden kann. Beiden Interpretationen unterliegt als übergeordneter, immer gültiger Grundsatz, ein befriedigendes quantitatives Verhältnis zwischen Bevölkerungsgröße und Nahrungsspielraum einzuhalten.

 

Bei einer solchen Interpretation der Weisungen Gottes ist ein Verhalten, das dem Geschlechtstrieb nachgibt, als solches keineswegs bereits etwas schlechtes und sündhaftes. Immer dann, wenn eine Vermehrung der Bevölkerung oder auch nur ein Konstanthalten der Bevölkerungsgröße erwünscht ist, kann diese Aufgabe nur dadurch erfüllt werden, dass der Mensch seinem Geschlechtstrieb folgt, gerade deshalb hat Gott den Menschen mit einem Geschlechtstrieb ausgestattet. Der Geschlechtstrieb hat die Funktion, eine notwendige Vermehrung oder Konstanthaltung der Bevölkerungsgröße sicherzustellen und dies ist durchaus etwas Positives.

 

Allerdings wird vom Menschen verlangt, dass er im Gegensatz zu den Tieren, welche nur ihrem Trieb und Instinkt folgen, verantwortungsvoll handelt, das will heißen, dass er dort, wo eine Vermehrung der Bevölkerung unerwünscht ist, oder dass er dann, wenn z. B. ein außerehelicher Geschlechtsverkehr die Erziehungsfunktion der Eltern gegenüber ihren Kindern gefährdet, auch seinen Geschlechtstrieb zurückhält und sich auch einmal gegen das wendet, zu dem er sich aufgrund seiner natürlichen Instinkte getrieben fühlt. Halten wir also fest, geschlechtlicher Verkehr kann im moralischen Sinne höchst erwünscht sein, manchmal aber auch moralisch höchst bedenklich. Ob eine Sünde im Einzelfall vorliegt, hängt entscheidend davon ab, ob dieses Verhalten zur Erfüllung der von Gott den Menschen aufgetragenen Aufgaben beiträgt oder diese verhindert.

 

Jesus hat auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot geantwortet, dass der Mensch Gott ehren und den Nächsten lieben solle. Wer dem Nächsten also Schaden zufügt oder nicht hilft, wenn dieser Hilfe benötigt, sündigt. Auch im geschlechtlichen Umgang kann der Mensch seinem Mitmenschen Schaden zufügen. Und insofern kann geschlechtlicher Verkehr sehr wohl zur Sünde werden, muss es aber nicht in jedem Falle.

 

 

10. Ehebruch, die Sünde schlechthin?

 

Eng zusammen mit dem im vorhergehenden Abschnitt besprochenen Missverständnis steht die ebenfalls weitverbreitete Auffassung, der Ehebruch sei die Sünde schlechthin, also die schwerste Sünde von allen Vergehen gegen die Weisungen Gottes. Auch hier liegt ein klares Missverständnis vor.

 

Es ist klar, wie dieses Missverständnis entstehen konnte. Schließlich bestand die erste Sünde Adam und Evas darin, dass sie von den Früchten des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen hatten und wir haben gesehen, dass diese Handlung zumeist mit geschlechtlicher Lust und geschlechtlichem Verkehr gleichgesetzt wird. Die Kirche spricht in diesem Zusammenhang  von Erbsünde und dies bedeutet, dass der Umstand, dass alle nachfolgenden Menschen eine sündige Veranlagung aufweisen, gerade Folge dieses sündigen Aktes ist.

 

Demgegenüber erscheint – allerdings nur auf den ersten Blick – die Ermordung eines Menschen als eine weniger gravierende Tat. Die erste Ermordung, von der wir im Alten Testament erfahren, ist die Tötung Abels durch seinen älteren Bruder Kain. Im Buche Genesis Kapitel 4,3-16 erfahren wir:

 

3 ‚Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar;

4  auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer,

5  aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich.

6  Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick?

7  Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn! 

8  Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn.

9  Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?

10  Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden.

11  So bist du verflucht, verbannt vom Ackerboden, der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders aufzunehmen.

12  Wenn du den Ackerboden bestellst, wird er dir keinen Ertrag mehr bringen. Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein.

13  Kain antwortete dem Herrn: Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte.

14  Du hast mich heute vom Ackerland verjagt und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen; rastlos und ruhelos werde ich auf der Erde sein und wer mich findet, wird mich erschlagen.

15  Der Herr aber sprach zu ihm: Darum soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen. Darauf machte der Herr dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde.

16  Dann ging Kain vom Herrn weg und ließ sich im Land Nod nieder, östlich von Eden.‘

 

Dieser Bericht zeigt zwar, dass die Erschlagung Abels durch Kain als schweres Vergehen bezeichnet wird. Kain selbst weiß, dass seine Schuld zu groß sei, als dass er sie ertragen könnte. Und er befürchtet auch, dass er gerade wegen dieses Verbrechens als Ausgestoßener betrachtet wird, welcher als Freiwild von jedem andern erschlagen werden könnte.

 

Aber gerade an dieser Stelle wird deutlich, dass Jahwe ein barmherziger Gott ist, der Menschen seine Tat verzeiht, wenn sie Reue zeigen und zur Umkehr bereit sind. Und Gott sagt zu Kain: Jeder, der dich erschlägt, soll siebenfacher Rache verfallen. Und damit jeder sehe, dass Kain nun unter dem besonderen Schutz Gottes stehe, machte Gott Kain ein Zeichen auf seine Stirn, damit ihn keiner wegen seiner Missetaten erschlage.

 

Im Gegensatz zur Sünde Adam und Evas hat es den Anschein, dass die Tat Kains in viel geringerem Maße als die Tat Adam und Evas die jeweiligen Nachkommen belastet: Adam und Evas Verfehlung hatte zur Folge, dass alle Nachkommen zu Menschen mit sündiger Veranlagung wurden. Dass aber die Nachkommen Kains etwa zu einem Stamm von Mördern geworden seien, davon ist an keiner Stelle der Bibel die Rede.

 

Wenn wir uns noch einmal die Zusammenhänge um den Sündenfall Adam und Evas vor Augen führen, wird klar, warum der geschlechtlichen Verfehlung Adam und Evas eine so herausragende Bedeutung zuerkannt wird. Eben durch die Tat der ersten Menschen war zunächst der Plan Gottes den Menschen bereits hier auf Erden ein ewiges Leben zu bereiten, durchkreuzt worden und die Strafe, welche Gott daraufhin den Menschen auferlegte, sind ja nicht nur Strafen, welche etwa willkürlich von Gott aufgrund dieser Taten verhängt wurden, sondern stellten in allererster Linie die notwendigen Folgen dar, welche sich für das weitere menschliche Leben aus der Vermehrung der Menschen ergab.

 

Man kann also auch nicht davon sprechen, dass der sündhafte Geschlechtsverkehr eine sehr viel schwerere Sünde als alle anderen Sünden zusammen darstellt. Während die Menschen ihr Leben im Paradies verbrachten, gab es eben nur eine Gefahr, die vermieden werden musste, um die Verhältnisse des Paradieses aufrechtzuerhalten, während die später im Dekalog zusammengefassten zehn Gebote die wichtigsten möglichen Verfehlungen eben erst nach der Vertreibung aus dem Paradies darstellten.

 

Und wenn wir uns nach dem heutigen Stellenwert des sechsten Gebotes im Rahmen des Dekaloges fragen, steht eben gerade nicht das im Paradies bestehende Gebot, sondern die Weisungen zur Diskussion, welche das Verhalten der Menschen nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies regeln. Die Sünde des Ehebruchs zählt zwar in der Tat zu den 10 Geboten Gottes, sie stellt jedoch eine Verfehlung neben vielen anderen dar, sie ist also auch nicht die Sünde aller Sünden.