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 Widersprüche in der Bibel

 

 

Gliederung:

 

 1. Inspiration des Hl. Geistes und Widersprüche in der Bibel

 2. Schöpfungsbericht

 3. Erbsünde, Voraussetzung für Schuld ist das Können

 4. Rächender Gott bis ins Dritte Glied - barmherziger Gott

 5. Freiheit des Menschen - Vorherbestimmung

 6. Versucht Gott Menschen? trotz Allwissenheit Gottes

 7. Holocaust und Allmacht Gottes

 8. Feindesliebe - Vernichtung der Feinde durch Gott

 9. Tod Jesu notwendig zur Erlösung der Menschen?

                 10. Ein Gott - drei Personen

                 11. Bindung Gottes an Entscheidungen der Kirchenbehörde

                 12. Gleichheit vor Gott und Patriarchalismus

                 13. Am Sabbat heilen trotz Sabbatruhe

                 14. Ehebrecher steinigen - Jesus verzeiht Ehebrecherin

                 15. Von Gott kein Bildnis machen - Jesusbilder

                 16. Kein Reicher ins Himmelreich, trotzdem ist Zachäus Heil widerfahren.

                 17. Alle Sünden werden vergeben, nicht die Sünde gegen den heiligen Geist

 

 

 

Kapitel  2. Schöpfungsbericht

 

 

Gliederung:

 

1. Der Schöpfungsbericht in Genesis, Kapitel 1

2. Der Schöpfungsbericht in Genesis Kapitel 2 und 3

3. Die Unterschiede zwischen beiden Schöpfungsberichten

4. Ist von der Kindheitsphase der Menschheit die Rede?

5. Knappheit als wichtigste Ursache von Sünden

6. Deterministischer versus offener Entwicklungsprozess

7. Folgen einer Bevölkerungsvermehrung für den Knappheitsgrad

8. Die beiden Weisungen im ersten Schöpfungsbericht

9. Geht es um die Erkenntnis von Gut und Böse?

 

 

 

1. Der Schöpfungsbericht in Genesis, Kapitel 1

 

Besonders auffällig erscheinen die beiden Schöpfungsberichte sowie die Darstellung des ersten Sündenfalls Adam und Evas, welche uns im ersten Buch Moses, in der Genesis in den drei ersten Kapiteln erzählt werden. Das erste Buch Moses beginnt mit folgendem Text (Gen Kapitel 1,1 - Kapitel 2,3):

 

1  ‚Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; 

2  die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.

3  Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.

4  Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis

5  und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.

 

6  Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser.

7  Gott machte also das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes. So geschah es

8  und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend und es wurde Morgen: zweiter Tag.

 

9  Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde. So geschah es.

10  Das Trockene nannte Gott Land und das angesammelte Wasser nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war.

11  Dann sprach Gott: Das Land lasse junges Grün wachsen, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, und von Bäumen, die auf der Erde Früchte bringen mit ihrem Samen darin. So geschah es.

12  Das Land brachte junges Grün hervor, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, alle Arten von Bäumen, die Früchte bringen mit ihrem Samen darin. Gott sah, dass es gut war.

13  Es wurde Abend und es wurde Morgen: dritter Tag.

 

14  Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen; 

15  sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin leuchten. So geschah es.

16  Gott machte die beiden großen Lichter, das größere, das über den Tag herrscht, das kleinere, das über die Nacht herrscht, auch die Sterne.

17  Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde hin leuchten,

18  über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war.

19  Es wurde Abend und es wurde Morgen: vierter Tag.

 

20  Dann sprach Gott: Das Wasser wimmle von lebendigen Wesen und Vögel sollen über dem Land am Himmelsgewölbe dahinfliegen.

21  Gott schuf alle Arten von großen Seetieren und anderen Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt, und alle Arten von gefiederten Vögeln. Gott sah, dass es gut war.

22  Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und vermehrt euch und bevölkert das Wasser im Meer und die Vögel sollen sich auf dem Land vermehren.

23  Es wurde Abend und es wurde Morgen: fünfter Tag.

 

24  Dann sprach Gott: Das Land bringe alle Arten von lebendigen Wesen hervor, von Vieh, von Kriechtieren und von Tieren des Feldes. So geschah es.

25  Gott machte alle Arten von Tieren des Feldes, alle Arten von Vieh und alle Arten von Kriechtieren auf dem Erdboden. Gott sah, dass es gut war.

26  Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.

27  Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.

28  Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.

29  Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.

30  Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es.

31  Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag.

 

 

2,1  So wurden Himmel und Erde vollendet und ihr ganzes Gefüge.

2  Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte.

3  Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.‘

 

 

2. Der Schöpfungsbericht in Genesis Kapitel 2 und 3

 

In Kapitel 2, 4b - 25 lesen wir weiter:

 

4b  ‚Zur Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte,

5  gab es auf der Erde noch keine Feldsträucher und wuchsen noch keine Feldpflanzen; denn Gott, der Herr, hatte es auf die Erde noch nicht regnen lassen und es gab noch keinen Menschen, der den Ackerboden bestellte;

6  aber Feuchtigkeit stieg aus der Erde auf und tränkte die ganze Fläche des Ackerbodens.

7  Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.

8  Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte.

9  Gott, der Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

10  Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert; dort teilt er sich und wird zu vier Hauptflüssen….

 

15  Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte.

16  Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen,

17  doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben.

18  Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.

19  Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen.

20  Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht.

21  Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch.

22  Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu.

23  Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heißen, denn vom Mann ist sie genommen.

24  Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch.

25  Beide, Adam und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.‘

 

Und in Kapitel 3, 1- 24 erfahren wir dann über den Sündenfall der ersten Menschen:

 

1  ‚Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? 

2  Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; 

 

3  nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.

 

4  Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben.

5  Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.

6  Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.

7  Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz.

8  Als sie Gott, den Herrn, im Garten gegen den Tagwind einherschreiten hörten, versteckten sich Adam und seine Frau vor Gott, dem Herrn, unter den Bäumen des Gartens.

9  Gott, der Herr, rief Adam zu und sprach: Wo bist du?

10  Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.

11  Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?

12  Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen.

13  Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen.

14  Da sprach Gott, der Herr, zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.

15  Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.

16  Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.

17  Zu Adam sprach er: Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens.

18  Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes musst du essen.

19  Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück.

20  Adam nannte seine Frau Eva (Leben), denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen.

21  Gott, der Herr, machte Adam und seiner Frau Röcke aus Fellen und bekleidete sie damit.

22  Dann sprach Gott, der Herr: Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse. Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt!

23  Gott, der Herr, schickte ihn aus dem Garten von Eden weg, damit er den Ackerboden bestellte, von dem er genommen war.

24  Er vertrieb den Menschen und stellte östlich des Gartens von Eden die Kerubim auf und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.‘

 

 

3. Die Unterschiede zwischen beiden Schöpfungsberichten

 

Die beiden unterstrichenen Textstellen beziehen sich auf den erwähnten, offensichtlichen Widerspruch. In Kapitel 1 gibt Gott den Menschen die Weisung: Seid fruchtbar und vermehrt euch, während in Kapitel 3 dem Menschen verboten wird, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Größer könnte der Unterschied zwischen diesen beiden Texten kaum sein. Eine Vermehrung des Menschen findet nur dadurch statt, dass eine weibliche Eizelle durch den männlichen Samen befruchtet wird und diese Befruchtung wird nun einmal dadurch ausgelöst, dass Mann und Frau geschlechtlich miteinander verkehren.

 

Nach weitverbreiteter Auffassung besagt jedoch im Hebräischen das Verbot, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, nichts anderes als eben, dass sich Mann und Frau als in geschlechtlicher Hinsicht unterschiedliche Wesen erkennen und sich geschlechtlich vereinen. So heißt es z. B. in Kapitel 4,1 der Genesis: ‚Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain‘ oder in dem gleichen Kapitel 4,17: ‚Kain erkannte seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Henoch‘. In Kapitel 3 der Genesis wird also genau das untersagt, zu dem in Kapitel 1 die ersten Menschen aufgefordert werden. Wie ist dieser offensichtliche Widerspruch zu erklären?

 

Im Allgemeinen wird der Umstand, dass das erste Buch Moses mit zwei Schöpfungsberichten beginnt, damit erklärt, dass das Alte Testament mehreren unterschiedlichen Quellen entstammt und dass sich der zweite Bericht vor allem darin vom ersten unterscheidet, dass er im Hinblick auf die Erschaffung des Menschen und der ihnen übertragenen Weisungen sehr viel stärker ins Detail geht. Im ersten Bericht erfahren wir nur, dass Gott Adam und Eva erschuf und ihnen zwei Weisungen (Vermehrung und Verwaltung der Erde) mit auf den Weg gab, im zweiten Bericht hingegen erfahren wir auch etwas über das Verhältnis von Mann und Frau, über die paradiesischen Verhältnisse, in denen die ersten Menschen lebten sowie die Umstände, die schließlich dazu führten, dass Adam und Eva das ihnen übertragene Verbot missachteten.

 

 

4. Ist von der Kindheitsphase der Menschheit die Rede?

 

Diese beiden Hinweise können jedoch den aufgezeigten Widerspruch (Vermehret euch bzw. verkehrt nicht geschlechtlich miteinander) nicht auflösen. In der Bibelexegese gibt es nun Versuche, diese unterschiedlichen Formulierungen zu erklären. So wird darauf hingewiesen, dass die Menschheit insgesamt eine ähnliche Entwicklung mitgemacht habe wie auch jeder einzelne Mensch. Der einzelne Mensch durchläuft zunächst eine Kindheitsphase, in welcher er von der geschlechtlichen Unterschiedlichkeit von Mann und Frau noch keine Kenntnis nimmt, um dann bei Auslösung der Pubertät diese Unterschiede zu erkennen und auch zu erforschen und schließlich einen Geschlechtstrieb zu entwickeln, der auf die geschlechtliche Vereinigung drängt.

 

In ähnlicher Weise verhalte es sich auch mit der Menschheit insgesamt, auch für die Menschheit insgesamt gelte, dass die ersten Menschen noch nicht dieselben Triebe aufwiesen wie die danach lebenden Menschen, dass auch für sie gelte, dass sich die geschlechtlichen Triebe und andere Eigenschaften erst mit der Zeit entwickelt haben.

 

In der Tat stimmt diese Betrachtungsweise mit der modernen Evolutionstheorie insoweit überein, als in der Tat davon auszugehen ist, dass sich alle Lebewesen in ihren genetischen Merkmalen verändert haben, dass also auch der Mensch sich allmählich in mehreren Schritten zu dem heute bekannten Lebewesen entwickelt hat. Vor allem lehrt uns die Frühgeschichte, dass lange Zeit verging, bis überhaupt die frühen Menschen die Geburt eines Kindes mit der geschlechtlichen Vereinigung von Mann und Frau in Verbindung gebracht haben.

 

Trotzdem scheint mir diese erste Interpretation über die beiden widersprüchlichen Aussagen des Schöpfungsberichtes nicht überzeugend. Warum sollte den ersten Menschen, welche in geschlechtlicher Hinsicht Kindern glichen, als einziges verboten worden sein, sich geschlechtlich nicht zu vereinen? Kinder zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass sie vor ihrer Pubertät die geschlechtlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau gar nicht erkennen und deshalb auch keine geschlechtlichen Gelüste haben. Es bedarf deshalb auch für Kinder, welche die Pubertät noch nicht erreicht haben, keines Verbotes eines geschlechtlichen Verkehrs. Bekanntlich haben Kinder, denen vor Erreichen der Pubertät die Gesamtheit der zehn Gebote gelehrt wird, mit dem sechsten Gebot auch besondere Schwierigkeiten, sie haben keine Vorstellung darüber, was überhaupt mit fleischlichen Gelüsten, die man vermeiden soll, gemeint ist.

 

Wenn man also den Bericht über das Paradies im Alten Testament so deuten würde, dass hier einfach darauf hingewiesen werden sollte, auch die Menschheit insgesamt habe ähnlich wie jeder einzelne Mensch eine geschlechtslose Kindheitsphase durchschritten, bleibt es unverständlich, dass Gott den ersten Menschen gerade dieses Verbot (eines geschlechtlichen Umgangs) gegeben hatte. Wenn sie noch gar nicht so reif waren, die geschlechtlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau zu erkennen, bedurfte es in dieser Zeit auch gar nicht dieses Verbotes.

 

 

5. Knappheit als wichtigste Ursache von Sünden

 

Überhaupt wundert es etwas, warum Gott den ersten Menschen während ihres Aufenthaltes im Paradies nur dieses einzige Verbot gegeben hat. Moses brachte es schließlich auf zehn Gebote, warum soll das Verbot zu töten, zu stehlen, die Unwahrheit zu sagen und das Begehren des Hab und Gut des Nächsten nicht genauso auch bereits für die ersten Menschen gegolten haben?

 

Die Antwort liegt natürlich darin, dass in aller Regel die wichtigste Ursache für diese Sünden in der Knappheit der Güter und Ressourcen zu suchen ist. Menschen töten Mitmenschen oder berauben sie gerade, weil Knappheit herrscht und weil Gefahr besteht, dass ihnen ein Mitmensch die Güter, welche sie für ihren eigenen Bedarf begehren, wegnehmen. Knappheit heißt, dass der Vorrat an Gütern nicht ausreicht, alle Bedürfnisse zu befriedigen und dies hinwiederum bedeutet, dass das, was der andere verzehrt, ihm selbst entgeht. Der Mensch begeht den größten Teil der Sünden einfach deshalb, da er vermeint, nur auf diese Weise seine eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können.

 

Das Paradies zeichnete sich nun dadurch aus, dass die Früchte, welche die ersten Menschen zur Lebenserhaltung benötigten, in Hülle und Fülle vorhanden waren. Sie waren auch in einem Zustand, der keine aufwendigen Maßnahmen bedurfte, um diese Früchte in einen Zustand zu versetzen, in dem sie konsumiert werden konnten. Es bedurfte also keinerlei mühsamer Produktionsaufwendung, man konnte die Früchte einfach und mühelos pflücken und in diesem Zustand auch unmittelbar verzehren. Aufgrund dieser paradiesischen Zustände entfielen auch die meisten Gründe, welche normalerweise zu den Sünden gegenüber den Mitmenschen führen. Nur deshalb war es auch nicht notwendig, den Dekalog, so wie ihn Moses vom Berge Sinai gebracht hatte, bereits für die ersten Menschen vor dem Sündenfall aufzustellen.

 

 

6. Deterministischer versus offener Entwicklungsprozess

 

Damit ist aber gerade noch nicht geklärt, warum im Paradies das Verbot eines geschlechtlichen Verkehrs gegolten hatte. Wir wollen nun eine etwas andere Interpretation der beiden Schöpfungsberichte versuchen. Vielleicht wollen uns diese beiden unterschiedlichen Berichte über die Schöpfung Gottes andeuten, dass der in den Naturgesetzen angelegte Entwicklungsprozess des Menschen nicht geradlinig und deterministisch verläuft, sondern Gabelungen aufweist, wobei es dann von Zufälligkeiten, aber auch von der Entscheidung der frühen Menschen abhängt, welche dieser Verzweigungen dann tatsächlich gewählt wird.

 

In diesem Sinne könnte man davon sprechen, dass der Menschheit zwei alternative Entwicklungsmöglichkeiten offen standen. Eine erste Alternative bestand darin, dass die Menschheit darauf verzichtet, sich durch geschlechtlichen Verkehr in starkem Maße zu vermehren. In diesem Falle hätte der paradiesische Zustand, den die Menschen entsprechend dem Bibeltext zunächst vorgefunden haben, auch auf Dauer aufrechterhalten werden können. Das natürliche Angebot an Früchten war so reichlich, dass die wenigen im Paradies lebenden Menschen ihr Auskommen hatten, die Früchte waren auch schon in einem Zustand, der keinerlei produktive Tätigkeit verlangte, es herrschte somit auch keine Knappheit.

 

Gerade aus diesen Gründen starben diese Menschen nicht und konnten somit ewig leben. Das Paradies enthielt ja nach dem Bericht der Bibel auch einen Baum des Lebens und dieses Bild sollte versinnbildlichen, dass die Menschen nicht sterben müssten. Dass der Baum des Lebens ewiges Leben beschert, geht eindeutig daraus hervor, dass Gott nach dem ersten Sündenfall Adam und Eva aus dem Paradies hinausjagte mit den Worten: ‚dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt!‘

 

Ein ewiges Leben war hier möglich, da der natürliche Vorrat an Früchten so reichlich vorhanden war, dass die wenigen lebenden Menschen sich auf immer ernähren konnten, auch wenn sie nicht eines Tages sterben müssen. Gleichzeitig wurde der menschliche Körper auch nicht durch den Zwang dadurch verschlissen, dass er im Schweiße seines Angesichts die notwendige Nahrung dem kargen Boden abringen musste.

 

So bestand also die notwendige Voraussetzung dafür, dass der Nahrungsspielraum ausreichte, um ein ewiges Leben zu ermöglichen, gerade darin, dass sich der Mensch nicht in starkem Maße vermehrte. Würde sich nämlich der Mensch in starkem Maße vermehren und trotzdem ewig weiterleben, so stießen die Menschen sehr bald an die Grenze des Machbaren, die natürlichen Früchte würden eines Tages nicht mehr ausreichen, um alle zu ernähren, vielmehr würden die Nahrungsmittel und auch die anderen für das Leben notwendigen Güter eines Tages so knapp, dass nicht mehr alle Menschen ernährt werden können und dass wegen eben dieser Knappheit Menschen sterben müssten.

 

 

7. Folgen einer Bevölkerungsvermehrung für den Knappheitsgrad

 

Wenn also Gott im Schöpfungsbericht den ersten Menschen dringend davor abrät, von den Früchten des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, kann diese Aussage zunächst einmal als eine Feststellung angesehen werden, dass die Menschen eben nur dadurch ihr ewiges Leben erhalten könnten, dass sie sich des geschlechtlichen Verkehrs weitgehend enthalten. Die Aussage, ihr dürft von allen Bäumen des Gartens essen, nur nicht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, ist dann zuallererst eine Feststellung eines Sachverhaltes und Wirkungszusammenhangs und noch nicht einmal unbedingt ein Verbot.

 

Natürlich geht aus der Formulierung dieses Schöpfungsberichtes auch hervor, das Gott sehr wohl diese erste mögliche Alternative der menschlichen Entwicklung für die richtige hielt, dass nach seinem Plan eben das Paradies so eingerichtet wurde, dass die Menschen – und zwar eine sehr geringe Zahl von Menschen  – ewig leben können. Deshalb ist der Hinweis, dass das Genießen der Früchte des Baums der Erkenntnis von Gut und Böse verboten ist, in Wirklichkeit nicht (nur) als Tatsachenfeststellung, sondern auch als ein Verbot zu verstehen.

 

Da nun aber die Menschen durch ihre Handlung (vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen) diese erste Alternative ausgeschlagen haben, kam nun der zweitmögliche Entwicklungsstrang zum Zuge. Mann und Frau verkehren geschlechtlich miteinander, die Bevölkerung vermehrt sich und infolgedessen reicht das im Paradies vorhandene Angebot an fertigen Früchten (eines Tages) nicht mehr aus, um alle Menschen zu ernähren. Es ist nun notwendig, die für das Fortleben notwendigen Güter  zu entwickeln und zu bearbeiten, um schließlich ausreichend Güter hervorzubringen, um die gewachsene Bevölkerung zu ernähren.

 

Ein entscheidender Unterschied zu dem ersten Entwicklungspfad besteht nun darin, dass sich die Menschen in ihrer Arbeit verzehren, dass sich der menschliche Körper verbraucht und dass deshalb alle Menschen sterben müssen. Damit ist natürlich ein ganz wesentlicher Teil des ursprünglichen göttlichen Planes, nämlich den Menschen ein ewiges Leben zu gewähren, zunächst aufgegeben. Aber auch für diesen alternativen Entwicklungsstrang hat Gott die wesentliche Bestimmung eines ewigen Lebens aufrechterhalten, nur dass die Menschen eben zunächst sterben, also ihr irdisches Leben beenden, dann aber nach dem Tod wieder in verklärtem Leibe auferstehen und so auf nichtirdische Weise doch das ewige Leben erreichen können.

 

 

8. Die beiden Weisungen im ersten Schöpfungsbericht

 

Aufgrund der veränderten Situation gelten nun auf Erden auch ganz andere Gebote Gottes. Es gelten nun die zwei Weisungen, welche bereits im ersten Schöpfungsbericht erwähnt wurden und dann nach der Errettung Noahs aus der Sintflut nochmals wiederholt wurden: Machet euch die Erde untertan und wachset und vermehret euch.

 

Der Wortlaut dieser beiden Weisungen gibt allerdings auf den ersten Blick den letzten Sinn und die Tragweite dieser Gebote nicht klar wieder. Natürlich ist die Weisung: ‚machet euch die Erde untertan‘, nicht so zu verstehen, dass wir Tiere und Menschen versklaven und die begrenzten natürlichen Ressourcen so ausschöpfen dürfen, dass sie nicht auch noch den nachfolgenden Generationen zur Verfügung stehen. Eine Formulierung, wonach die Menschen mit dieser Weisung beauftragt werden, die Erde unter Beachtung der natürlichen Begrenzungen zu verwalten, trifft den Sinn dieses ersten Befehls sehr viel deutlicher wieder.

 

Diese Weisung verlangt, dass wir die im Urknall von Gott in den Kosmos gelegten Naturgesetze erforschen sollen, damit wir auf der Grundlage dieses Wissens die für unser Leben benötigten Güter möglichst so produzieren, dass auf der einen Seite der menschliche Aufwand so gering wie möglich gehalten wird und dass auf der anderen Seite die natürlichen Ressourcen nachhaltig erhalten bleiben und somit auch von den nachfolgenden Generationen genutzt werden können.

 

Auch die weitere Aufforderung: ‚wachset und vermehret euch‘, darf nicht so verstanden werden, dass die Menschen aufgefordert werden sich wie die ‚Karnickel zu vermehren‘, dass möglichst viele Kinder geboren werden und dass diejenige Mutter, welche die größere Kinderzahl geboten hat, eindeutig diesem Befehl am besten entsprochen habe.

 

Um den wahren Sinn dieser zweiten Weisung zu verstehen, müssen wir uns darüber klar werden, dass dieser Befehl zu Beginn der Erde und dann nochmals nach Vernichtung fast der gesamten Bevölkerung durch die Sintflut erteilt wurde, also zu einer Zeit, in der die Erde noch weitgehend menschenleer war.

 

Richtig verstanden verlangt diese Weisung, ein vernünftiges Verhältnis zwischen den vorhandenen natürlichen Rohstoffen und der Anzahl der Menschen, welche mit diesen natürlichen Ressourcen ernährt werden sollen, einzuhalten. Es kann hierbei ein Zuviel und ein Zuwenig geben. Wenn die Wachstumsrate der Bevölkerung so stark ansteigt, dass ein Teil der Bevölkerung vor Hunger sterben muss, da die natürlichen Ressourcen nicht ausreichen, alle lebenden Menschen befriedigend zu ernähren, dann ist eindeutig diesem Befehl zuwidergehandelt worden, ein Wachstum der Bevölkerung ist nur solange erwünscht, als die natürlichen Ressourcen auch die Ernährung weiterer Menschen garantieren können. In einer solchen Situation wäre es also angebracht, sich mit der Vermehrung der Menschen zurückzuhalten. (Damit ist noch in keiner Weise festgelegt, auf welche Weise diese Enthaltung  zu erfolgen hat.)

 

Andererseits ist es aber auch schädlich, wenn die Bevölkerung stagniert oder sogar in relativ kurzer Zeit schrumpft. Die Versorgung aller Bevölkerungsgruppen kann nämlich nur garantiert werden, wenn in dem Maße, in dem alte Menschen aus dem Erwerbsprozess ausscheiden, gleichzeitig junge Erwerbstätige nachrücken. Die älteren Menschen, welche altersbedingt nicht mehr selbst tätig sein können, müssen letztendlich von den jungen, noch arbeitenden Erwerbspersonen ernährt werden. In unserer modernen Gesellschaft vollzieht sich dieser Prozess dadurch, dass die Erwerbstätigen einen Teil ihres Bruttoeinkommens in Form von Beiträgen in die Rentenversicherung einzahlen, aus denen dann die Renten finanziert werden, welche an die bereits aus dem Erwerbsprozess Ausgeschiedenen ausgezahlt werden.

 

In unserer globalen Gesellschaft reicht es nicht aus, dass jeder einzelne selbst Vorsorge trifft. Es ist nicht möglich, in der Erwerbszeit Vorräte an Nahrungsmittel und andere lebenswichtige Güter anzulegen, die dann später, wenn der einzelne aus dem Erwerbsleben ausgeschieden ist, konsumiert werden können. Ein Großteil der Güter wäre in der Zwischenzeit verdorben. Aber auch dann, wenn mit modernen Konservierungsmethoden einige Konsumgüter einfach durch Lagerung in die Zukunft transferiert werden könnten, es wäre auf jeden Fall eine sehr unwirtschaftliche Art, auf diese Weise für das Alter Vorsorge zu treffen. De facto wird in den modernen Volkswirtschaften das Problem der Vorsorge für das Alter so gelöst, dass die jeweils jungen arbeitenden Erwerbstätigen die Rentner über ihre Beiträge zur Rentenversicherung miternähern. Dadurch, dass sie die älteren Jahrgänge mitfinanzieren, erhalten sie gleichzeitig einen Anspruch darauf, dann, wenn sie eines Tages aus dem Erwerbsleben ausscheiden, ebenfalls von der nachrückenden Generation erhalten zu werden.

 

Bei einer solchen Lösung des Problems der Versorgung der Rentner, entstehen für die Rentenversicherung kaum lösbare Schwierigkeiten, wenn die Zahl der nachrückenden Generationen im Vergleich zu den aus Alters Gründen ausscheidenden Generationen immer geringer wird. Entweder muss der Beitrag zur Sozialversicherung immer mehr erhöht werden oder aber die Rentenhöhe muss immer mehr gekürzt werden. In dem Versuch, die Sozialversicherungsbeiträge zu erhöhen bzw, die Rentenbezüge zu kürzen, stößt man sehr schnell an politisch kaum zu überwindende Grenzen. In diesem Sinne gibt es für das Bevölkerungswachstum immer auch ein zu wenig.

 

Das Gebot: Wachset und vermehret euch verlangt somit im Grunde genommen ein tragbares Verhältnis zwischen Bevölkerungswachstum und Wachstum des Inlandsproduktes einzuhalten; dass diese Gebot so formuliert wurde, dass es auf eine Vermehrung der Bevölkerung abhob, lag nur daran, dass zu der Zeit, in der diese Weisung ausgegeben wurde, die Bevölkerungszahl im Vergleich zu den zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen extrem gering war.

 

Wir erwähnten bereits, dass im Gegensatz zum Paradies die Situation seit der Vertreibung aus dem Paradies wesentlich dadurch gekennzeichnet war, dass die natürlichen Ressourcen im Vergleich zum Bedarf der Menschen knapp sind. In einer Gesellschaft, in der Knappheit herrscht, besteht aber stets die Gefahr, dass sich die Menschen im Kampf um das Überleben gegenseitig umbringen, bestehlen und durch Unwahrheiten Vorteile zu erlangen versuchen. Nun reicht es für die Erhaltung der Gesellschaft nicht mehr aus, Ordnung und Frieden durch ein oder zwei Verbote aufrechtzuerhalten, jetzt bedarf es eines sehr ausgebauten Systems von Geboten und Verboten, so wie sie dann z. B. bei Moses im Dekalog formuliert wurden.

 

 

9. Geht es um die Erkenntnis von Gut und Böse?

 

Wir wollen zum Abschluss noch untersuchen, warum denn im Schöpfungsbericht der Baum des Anstoßes gerade Baum der Erkenntnis von Gut und Böse bezeichnet wird. Zunächst erscheint diese Bezeichnung als widersprüchlich in sich selbst. Mit der Erwähnung dieses Baumes wird ein Verbot formuliert, eben von den Früchten dieses Baumes nichts zu essen. Der Erlass eines Verbotes setzt jedoch eigentlich voraus, dass derjenige, an den sich dieses Verbot richtet, zwischen Gut und Böse unterscheiden kann.

 

Im Sinne dieses Verbotes verhält sich der einzelne im moralischen Sinne gut, wenn er das Verbot einhält, er erweist sich jedoch als böse, wenn er das Verbot missachtet. Es ist zwar hier ein denkbar einfacher Sachverhalt, der darüber entscheidet, ob eine Handlung als Gut oder Böse einzuordnen ist, nichtsdestotrotz gibt derjenige, der sich an die Weisung hält, damit kund, dass er bereits sehr wohl unterscheiden kann zwischen dem Guten, das er tun soll, in diesem Falle diese Früchte nicht zu essen und zwischen dem Bösen, das er vermeiden soll, in diesem Falle also trotz Verbotes von dieser Frucht zu essen. Er gelangt also mit anderen Worten nicht erst dann und dadurch zur Erkenntnis über Gut und Böse, dass er von dieser Frucht isst, sondern die grundsätzliche Fähigkeit, das Gute vom Bösen zu unterscheiden, muss vorausgesetzt werden, damit er überhaupt durch das Übertreten dieses Verbotes sündig werden kann.

 

Ein Tier, dem wir im Allgemeinen die Fähigkeit absprechen, in moralischer Weise sich für das Gute zu entscheiden, wird – wenn überhaupt – das Pflücken und Essen von der Frucht rein instinktiv vornehmen oder auch unterlassen. Gerade deshalb, weil diese Handlung instinktiv erfolgt, kann dem Tier ein solches Verhalten auch nicht vorgeworfen werden. Es kann eben nicht anders handeln, als das, zu dem ihn seine Instinkte treiben. Ein Mensch hingegen wird zwar ebenfalls von Trieben gedrängt, er wird sich jedoch auch diesen Trieben entgegenstellen können, wenn er durch sein Bewusstsein zu dem Ergebnis kommt, dass das Nachgeben eines Triebes im konkreten Einzelfall unerwünscht ist.

 

Halten wir also fest, dass das Essen von den Früchten des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse sicherlich nicht dazu führt, dass der Mensch erst durch diese Handlung überhaupt die Fähigkeit erlangt, Gutes vom Bösen zu unterscheiden. Das Erkennen des Guten und Bösen ist vielmehr Voraussetzung dafür, dass das Essen oder Vermeiden dieser Frucht überhaupt erst dann eine moralische Qualität erlangt, wenn der Mensch bereits zwischen Gut und Böse unterscheiden kann.

 

Warum erhält jedoch dann dieser Baum gerade diesen Namen? Wir hatten weiter oben bereits darauf hingewiesen, dass das Wort Erkennen in der Bibel durchaus vor allem im Sinne des geschlechtlichen Verkehrs gebraucht wird. In der Pubertät lernt der heranwachsende junge Mensch, die geschlechtlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau zu erkennen, der Geschlechtstrieb führt dann den Mann zu dem Verlangen, in die Frau einzudringen und damit überhaupt erst die Frau richtig zu erkennen.

 

Aber warum gerade Erkennen von Gut und Böse? Vielleicht lässt sich die Bezeichnung besser verstehen, wenn wir uns nochmals den Text der Bibelstelle vor Augen führen. Es ist hier die Schlange als Sinnbild für den Bösen (Teufel) bzw. für das Böse in uns Menschen, welche der Eva sagt, dass sie beim Essen dieser Frucht nicht sterben werden, dass Gott auf diese Weise nur verhindern möchte, dass sie beim Essen dieser Frucht so wie Gott würden und dann das Gute und das Böse erkennen könnten.

 

Diese Antwort der Schlange war natürlich in mehrerer Hinsicht falsch. Gott hatte dieses Gebot nicht etwa deshalb erlassen, da er befürchtete, dass die Menschen Gott gleich würden, sondern vermutlich einfach deshalb, weil die paradiesischen Verhältnisse nicht aufrechterhalten werden können, wenn sich die Menschen stark vermehren. Auch besteht der Unterschied zwischen Gott und den Menschen nicht darin, dass die Menschen nicht zwischen Gut und Böse erkennen können. Wenn Gott den Menschen im Paradies den Befehl gab, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse keine Früchte zu essen, ist bereits vorausgesetzt, dass die Menschen sehr wohl zwischen Gut und Böse unterscheiden können.

 

In unserer komplizierten Welt mag es zwar oftmals vorkommen, dass wir nur durch eine sehr intensive Beschäftigung damit, was im Einzelfall das richtige ist, überhaupt zur Wahrheit vordringen, so z. B. dann, wenn wir einer Bevölkerung, welche überfallen wird, zu Hilfe kommen, aber hierbei auch in Kauf nehmen müssen, dass gerade hierdurch auch wiederum unschuldige Menschen ebenfalls getötet werden. Aber im Gegensatz hierzu, in der es in der Tat sehr schwierig ist, überhaupt zu erkennen, was Gut und Böse ist, war für Adam und Eva klar und ohne Umschweife zu erkennen, was als Gut und was als Böse bezeichnet werden muss.

 

Nach dem Essen der Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse wurden die Menschen keineswegs wie Gott. Nach dem Schöpfungsbericht erkannten sie nur, dass sie nackt waren und sich somit in ihrem Geschlecht unterschieden. Ganz im Gegenteil: Die Lage der Menschen wurde nach dem Sündenfall wesentlich schlechter als bisher. Im Paradies hatten sie keine Not zu erleiden, für ihr leibliches und seelisches Wohl war bestens gesorgt. Nun aber, da sie von dieser Frucht gegessen hatten, wurden sie aus dem Paradies vertrieben und mussten nun als Frauen unter Schmerzen ihre Kinder gebären und als Mann im Schweiße ihres Angesichts den Acker bestellen und ihr Brot essen.

 

Der Name dieses Baumes weist somit weniger darauf hin, was das Essen der Früchte dieses Baumes tatsächlich bewirkt, sondern welche Wirkungen sich die Menschen – verführt durch das Böse – in ihnen erhofft hatten. Es ging also bei diesem Verbot auch nicht darum, das Gute vom Bösen unterscheiden zu können. Die Schlange redete vielmehr Eva ein, dass sie dann, wenn sie diese Frucht essen, wie Gott würden und damit selbst darüber entscheiden könnten, was als Gut und als Böse zu gelten habe. Hier wird das Essen dieser Früchte dann auch zu einer Sünde des Hochmuts, des Auflehnens gegen Gott und gegen seine Weisungen. Und die Sünde der ersten Menschen bestand dann auch weniger darin, dass sie Geschlechtsverkehr hatten, als vielmehr darin, dass sie wie Gott werden wollten und damit selbst mehr oder weniger willkürlich darüber entscheiden könnten, was für sie gut sei.