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Widersprüche in der Bibel?

 

 

Gliederung:

 

 1. Inspiration des Hl. Geistes und Widersprüche in der Bibel

 2. Schöpfungsbericht

 3. Erbsünde, Voraussetzung für Schuld ist das Können

 4. Rächender Gott bis ins Dritte Glied - barmherziger Gott

 5. Freiheit des Menschen - Vorherbestimmung

 6. Holocaust und Allmacht Gottes

 7. Feindesliebe - Vernichtung der Feinde durch Gott

 8. Tod Jesu notwendig zur Erlösung der Menschen?

                    9. Ein Gott - drei Personen

                  10. Bindung Gottes an Entscheidungen der Kirchenbehörde

                  11. Gleichheit vor Gott und Patriarchalismus

                  12. Am Sabbat heilen trotz Sabbatruhe

                  13. Von Gott kein Bildnis machen - Jesusbilder

                  14. Alle Sünden werden vergeben, nicht die Sünde gegen den heiligen Geist

 

 

Kapitel 1: Inspiration des Hl. Geistes

und Widersprüche in der Bibel

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Beispiel Papstwahl

3. Alternative Interpretation

4. Beispiel: Die Opferung Isaaks

5. Keinerlei Brandopfer erwünscht

6. Unwissenheit als Erklärung scheinbarer Widersprüche

7. Mängel dieser Interpretation

8. Mögliche Ursachen für Widersprüche

9. Unvollkommenheit des Menschen als Ursache der Widersprüche

              10. Mögliche Wege der Aufklärung

 

 

 

1. Einführung

 

Wir wollen uns in dieser Vorlesung mit den Widersprüchen befassen, denen wir bei einer ersten oberflächlichen Betrachtung in der Bibel (im Alten wie im Neuen Testament) begegnen. Ich spreche bewusst von anscheinenden Widersprüchen, ohne dass von vornherein feststeht, ob diese Widersprüche nur scheinbar bestehen, also sich nach einer eingehenden Befassung mit den betreffenden Bibeltexten wieder auflösen oder ob sich bestimmte Texte der Heiligen Schrift auch nach eingehendem Studium als widersprüchlich erweisen. Es wird also zunächst gerade nicht von der Behauptung eines Widerspruches ausgegangen, sondern lediglich festgestellt, dass bestimmte Texte der Bibel auf den ersten Blick als widersprüchlich erscheinen bzw. dass in der Literatur bisweilen davon ausgegangen wird, dass solche Widersprüche bestehen.

 

Allerdings begegnen wir bei diesem Versuch, widersprüchliche Aussagen der Bibel aufzuklären, selbst einem Widerspruch. Ist es denn überhaupt denkbar, dass die in der Heiligen Schrift aufgenommenen Texte in einem Widerspruch zueinander stehen? Gehen die christlichen Religionen nicht davon aus, dass der Heilige Geist darüber wacht, dass die in der Bibel zusammengefassten Glaubensüberzeugungen der Wahrheit entsprechen und auch für alle Zeiten als wahre Aussagen erhalten bleiben? Hierbei wird der Heilige Geist als eine Erscheinungsform des einzigen Gottes der Christen verstanden. Gott aber kann nicht irren. Der Begriff ‚Gott‘ bezieht sich – zumindest in den monotheistischen Religionen – stets auf ein durch und durch vollkommenes Wesen, mit einem solchen monotheistischen Gottesbegriff wäre es nicht vereinbar, dass der Heilige Geist als göttliches Wesen insoweit unvollkommen ist, als er auch widersprüchliche Aussagen offenbart.

 

Diese Bedenken wären sicherlich berechtigt, wenn wir die Inspiration der Heiligen Texte durch den Heiligen Geist so verstehen würden, dass sozusagen jede einzelne in der Heiligen Schrift formulierte Aussage durch den Heiligen Geist auf seinen Wahrheitsgehalt überprüft wird. Bei einer solchen Interpretation müsste in der Tat jede einzelne Textstelle als wahr eingestuft werden und immer dann, wenn anscheinend ein Widerspruch offensichtlich würde, müsste davon gesprochen werden, dass es sich hierbei nur um einen scheinbaren, also in Wirklichkeit gar nicht vorhandenen Widerspruch handeln könnte, sollte der Glaube nicht als solcher in Frage gestellt werden.

 

 

2. Beispiel Papstwahl

 

Mögliche Aufklärung bringt vielleicht eine andere These über das Wachen des Heiligen Geistes. Nach der Überzeugung der katholischen Kirche wacht der Heilige Geist z. B. auch darüber, dass bei der Wahl eines Papstes der für dieses Amt geeignetste Kandidat zum ersten Oberhirten gewählt wird. Wollte man diese Überzeugung so interpretieren, dass jede einzelne Wahlhandlung aller an der Wahl beteiligten Kardinäle die Absicht des Heiligen Geistes widerspiegeln würde, wäre es kaum zu erklären, wieso denn in aller Regel mehrere Wahlgänge zur Wahl eines Papstes notwendig werden. Wir können ja wohl kaum unterstellen, dass deshalb zumeist mehrere Wahlgänge notwendig wurden, weil der Heilige Geist bei den ersten erfolglosen Wahlgängen sich selbst noch nicht darüber klar geworden sei, welcher Kandidat die besten Voraussetzungen zur Wahl mitbringt.

 

In Wirklichkeit kann die Aussage, dass der Heilige Geist über die Wahl eines Papstes wache, sinnvoller Weise nur so interpretiert werden, dass sich letztendlich, also im letzen Wahlgang, der zur Wahl eines Papstes führt, der Wille des Heiligen Geistes durchsetzt. Und selbst hier müssen wir wohl hinzufügen, dass sich der Wille des Heiligen Geistes nur im Allgemeinen bei den Wahlen zum Papste durchsetzt; es ist ja nur schwer zu verstehen, dass z. B. die Wahl eines Borgia, welcher durch Betrug und Bestechung  zum Papst als Alexander VI. gewählt wurde, dem Willen des Heiligen Geistes entsprach.

 

Man kann den Umstand, dass im Verlaufe der Geschichte Päpste gewählt wurden, welche ganz eindeutig nicht die dem Stellvertreter Jesu auf Erden aufgetragenen Aufgaben erfüllt haben, nur so deuten, dass der Heilige Geist zwar sehr wohl die Kardinäle bei der Wahl inspiriert hat, dass aber auch Kardinäle wie alle Menschen die Freiheit haben, den Inspirationen Gottes zu folgen oder auch nicht und deshalb auch bisweilen sich sehr wohl gegen diese Inspirationen wenden können. Auch müssen wir stets mit der Möglichkeit rechnen, dass Menschen gerade wegen ihrer Unvollkommenheit die Inspiration des Heiligen Geistes missinterpretieren.

 

 

3. Alternative Interpretation

 

Aber die oben skizzierte Feststellung, dass der Heilige Geist die Gültigkeit eines jeden in die Heilige Schrift aufgenommenen Satzes garantiert, ist sicherlich nicht die einzig mögliche, schon gar nicht allseits befriedigende Interpretation. Die Überzeugung, der Heilige Geist wache selbst darüber, dass sich die in der Heiligen Schrift geäußerten und von Gott geoffenbarten Worte durchsetzen, kann auch in dem Sinne verstanden werden, dass Gott dafür Sorge trägt, dass sich letzten Endes die göttlichen Wahrheiten durchsetzen und dass keine der von Gott geäußerten Wahrheiten verloren gehe, dass aber keinesfalls alle Äußerungen und Formulierungen, welche Eingang in die Heilige Schrift gefunden haben, auch tatsächlich Gottes Offenbarung darstellen.

 

Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen und unterstellen, dass die Offenbarungen Gottes nicht in einem Zug den Menschen kund werden, dass sie oftmals in kleinen Schritten geoffenbart werden, sodass sich der gesamte Sinn einer Offenbarung eigentlich erst sehr viel später, vielleicht sogar erst am Ende der Zeiten ergibt.

 

 

4. Beispiel: Die Opferung Isaaks

 

Nehmen wir das Beispiel der Opferung Isaaks durch Abraham. In der Genesis erfahren wir, dass Abraham von dem Glauben ausging, Gott verlange von ihm, dass er seinen einzigen Sohn als Brandopfer Gott darbringe und dass Gott erst im letzten Augenblick, als er sah, dass Abraham ihm vollkommen ergeben sei, die Forderung, den einzigen Sohn zur Ehre Gottes zu opfern, in die Forderung, ein Tier zu opfern, umwandelte.

 

In dem ersten Buch Moses, in Genesis  Kapitel 22,1-19 lesen wir:

 

1  ‚Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.

2  Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.

3  Frühmorgens stand Abraham auf, sattelte seinen Esel, holte seine beiden Jungknechte und seinen Sohn Isaak, spaltete Holz zum Opfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott genannt hatte.

4  Als Abraham am dritten Tag aufblickte, sah er den Ort von weitem.

5  Da sagte Abraham zu seinen Jungknechten: Bleibt mit dem Esel hier! Ich will mit dem Knaben hingehen und anbeten; dann kommen wir zu euch zurück.

6  Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen beide miteinander.

7  Nach einer Weile sagte Isaak zu seinem Vater Abraham: Vater! Er antwortete: Ja, mein Sohn! Dann sagte Isaak: Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer?

8  Abraham entgegnete: Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn. Und beide gingen miteinander weiter.

9  Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz.

10  Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.

11  Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.

12  Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten.

13  Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar.

14  Abraham nannte jenen Ort Jahwe-Jire (Der Herr sieht), wie man noch heute sagt: Auf dem Berg lässt sich der Herr sehen.

15  Der Engel des Herrn rief Abraham zum zweiten Mal vom Himmel her zu

16  und sprach: Ich habe bei mir geschworen – Spruch des Herrn: Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast,

17  will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen sollen das Tor ihrer Feinde einnehmen.

18  Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast.‘

 

In Wirklichkeit will uns diese Erzählung gerade verdeutlichen, dass Jahwe - der Gott Abrahams - im Gegensatz zu den in der damaligen Zeit verehrten Götter rings um Abraham gerade nicht verlangt, dass die Menschen Gott auch Menschen opfern. Mit dieser Begebenheit war ein eindeutiger Einschnitt in den Beziehungen der Menschen zu Gott eingeleitet. Diese Erzählung will uns klar machen, dass Jahwe gerade keine Menschenopfer wünscht und dass die bewusste Tötung eines Menschen gerade nicht gewollt ist, mag das Ziel, das hinter einem Opfer steht, noch so sehr der Verehrung Gottes dienen.

 

Menschen vorsätzlich zu töten, ohne dass man angegriffen wird, ist in keinem Falle erwünscht, auch nicht zur Verherrlichung Gottes. Es ist auch nicht Gott, der solche Opfer wünscht, sondern es waren die Menschen, welche zur Zeit Abrahams das Bedürfnis hatten, sich die Götter dadurch gefällig zu machen, dass man ihnen das Teuerste opfert, über das man verfügt, und das Teuerste eines Menschen ist nun einmal das eigene Kind.

 

In diese Botschaft, dass Gott keine Menschenopfer wünscht, fügt sich dann auch das Gespräch ein, das Abraham vor diesem Ereignis mit Gott hatte, in welchem es um die Vernichtung von Sodom und Gomorra ging. Hier hatte Abraham Gott, der ihm seine Absicht, Sodom und Gomorra zu vernichten, kund tat, vorgeworfen, dass sich auch er an die Gebote zu halten habe, die er den Menschen auferlegt habe. Wenn es für Menschen nicht erlaubt sei, Mitmenschen zu töten, dann müsse sich auch Gott an dieses Gebot halten und dürfe nicht unschuldige Menschen nur deshalb töten, weil andere Menschen – die Mehrheit der Bewohner von Sodom und Gomorra – schwer gesündigt hatten. 

 

In Genesis Kapitel 18,20-33 erfahren wir:

 

20  ‚Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer.

21  Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen.

22  Die Männer wandten sich von dort ab und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn.

23  Er trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen?

24  Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort?

25  Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?

 

26  Da sprach der Herr: Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben.

27  Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin.

28  Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde.

 

29  Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun.

30  Und weiter sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde.

31  Darauf sagte er: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten.

32  Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten.

33  Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg und Abraham kehrte heim.‘

 

Dieses Zwiegespräch war sicherlich für die religiösen Überzeugungen der damaligen Zeit rings um Abraham eine unerhörte Haltung gegenüber Gott. Die religiösen Weltbilder rings um Abraham verlangten vielmehr, dass sich die Menschen jeder Kritik an den Göttern enthielten und demutsvoll und widerspruchslos die Weisungen der Götter befolgen.

 

 

5. Keinerlei Brandopfer erwünscht

 

Der Bericht über die Opferung Isaaks enthält jedoch noch nicht die ganze Wahrheit über die Frage, inwieweit Menschen Leben willkürlich vernichten dürfen. In der biblischen Erzählung über diesen Vorgang opfert Abraham einen Widder, es hat hier den Anschein, als ob es nicht jedes Leben, sondern eben nur das menschliche Leben zu schützen gilt, als ob es sehr wohl erwünscht sei, dass die Menschen Tiere Gott zum Opfer bringen.

 

Später erfahren wir dann z. B. in der Schrift des Propheten Amos, dass Gott auch Tieropfer für unerwünscht hält, dass es offensichtlich um den Schutz jedes Lebens geht, schließlich hat Gott nicht nur den Menschen, sondern auch die tierischen Lebewesen erschaffen, auch deren Leben sollte nicht willkürlich ausgelöscht werden, auch nicht zur Ehre Gottes. Bei Amos, Kapitel 5, 20-25 heißt es z. B.:

 

21  ‚Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen.

22  Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen.

23  Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören,

24  sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

25  Habt ihr mir etwa Schlachtopfer und Gaben dargebracht während der vierzig Jahre in der Wüste, ihr vom Haus Israel? ‚

 

Und im Neuen Testament erfahren wir dann, als Jesus von einem Schriftgelehrten nach dem höchsten Gebot gefragt wird, dass die aufopfernde Nächstenliebe an unseren Mitmenschen weit mehr gilt als ein Gott geweihtes Brandopfer (siehe Markus Kapitel 12,28-33)

 

28 ‚Ein Schriftgelehrter hatte ihrem Streit zugehört; und da er bemerkt hatte, wie treffend Jesus ihnen antwortete, ging er zu ihm hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?

29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.

30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.

31 Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.

 

32 Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm,

33 und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.

 

 

6. Unwissenheit als Erklärung scheinbarer Widersprüche

 

Der Widerspruch zwischen der Feststellung, dass sich anscheinend Aussagen der Heiligen Schrift widersprechen und der Überzeugung der christlichen Kirchen, der Heilige Geist wache darüber, dass die Heilige Schrift Gottes Offenbarungen an die Menschen richtig wiedergebe, lässt sich allerdings auch auf eine zweite Art auflösen: Man erkennt zwar an, dass sich bestimmte Äußerungen der Heiligen Schrift zu widersprechen scheinen, dieser scheinbare Widerspruch sei jedoch nur deshalb möglich, da der Mensch eben nicht in der Lage sei, Gottes Willen voll zu erfassen. Nach dieser Auffassung sind Gottes Wege unergründlich. Der menschliche Geist und die menschlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten sind danach unvollkommen, in Wirklichkeit bestehe gar kein Widerspruch zwischen einzelnen Aussagen der Bibel, nur der menschliche Verstand sei nicht in der Lage, zu erkennen, dass diese Aussagen nur für den Menschen als widersprüchlich empfunden werden.

 

Für eine solche Deutung spricht der Umstand, dass in der Tat die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen unvollkommen und auf die Erklärung weltlicher, mit unseren Sinnen erkennbaren Zusammenhänge beschränkt ist. Jede menschliche Erkenntnis über die Zusammenhänge auf dieser Welt erwächst aus Beobachtungen, welche die Menschen mit ihren Sinnen erfahren und aus den Schlussfolgerungen, welche wir aufgrund dieser Beobachtungen mit Hilfe unseres Verstandes ziehen können.

 

Die menschlichen Wahrnehmungsorgane und vor allem die Sprache, mit deren Hilfe wir unsere Erkenntnisse unseren Mitmenschen kund tun, sind nicht dazu geeignet, metaphysische Fragen eindeutig zu klären, es gibt z. B. keine Möglichkeit, die Frage, ob Gott mit dem Urknall zu Beginn der Zeiten die Welt erschaffen hat oder ob sich der Urknall rein zufällig ereignet hat, mit unseren menschlichen Wahrnehmungsfähigkeiten eindeutig zu beantworten.

 

In gleicher Weise reichen unsere Sinne und Fähigkeiten nicht aus, um die Frage zu klären, ob es für die menschliche Seele nach dem irdischen Tod ein irgendwie geartetes Weiterbestehen gibt oder ob der Tod jegliches Leben als Einzelwesen auslöscht und damit beendet. Wir können über diese Fragen mit Hilfe unserer Sinne keine Beobachtungen machen und können deshalb auch nicht mit Hilfe unseres Verstandes im Hinblick auf diese übersinnlichen Fragen zu eindeutigen Schlussfolgerungen gelangen.

 

In diese Erkenntnis über die Begrenztheit menschlichen Denkens fügt sich ohne Weiteres die Feststellung ein, dass bestimmte Aussagen der Bibel uns Menschen nur scheinbar widersprüchlich erscheinen, diese scheinbaren Widersprüche könnten sich ja in der Tat einfach daraus ergeben, dass wir aufgrund der Unvollkommenheit menschlicher Wahrnehmung und vor allem der menschlichen Sprache nicht alle Wahrheiten, vor allem nicht alle metaphysische Wahrheiten, erkennen können.

 

Als Beispiel für diese Begrenztheit menschlichen Denkens wird gerne folgendes Beispiel angeführt. Jemand habe sich auf einen wohlverdienten Urlaub gefreut, den er in Übersee verbringen wollte, wobei er beabsichtigt hatte, sein Urlaubsziel in einem Flugzeug zu erreichen. Er habe aber deshalb, weil er während der Fahrt zum Flughafen in einen Stau geraten sei, das Flugzeug verpasst und ärgert sich nun maßlos darüber, dass all seine Urlaubspläne, die er sich ersehnt hatte, mit einem Schlag zunichte gemacht wurden. Wir wollen unterstellen, dass ein späterer Flug nicht mehr in Frage komme. Später dann habe er erfahren, dass gerade dieses Flugzeug, das er selbst benutzen wollte, aber versäumt hatte, über dem Meer abgestürzt ist und dass es keine Überlebenden gegeben habe.

 

Hier scheint in der Tat das Verpassen des Flugzeuges für die betreffende Person ein wahres Glück gewesen zu sein, obwohl unmittelbar nach Ankunft auf dem Flugplatz das Verpassen des Flugzeuges als größtes individuelles Unglück erfahren wurde. Dieser scheinbare Widerspruch zwischen anfänglichem Unglücklichsein und der letztlichen Bewertung dieses Ereignisses als Glücksfall löst sich hier im Nachhinein auf, weil der Mensch eben über kein vollkommenes Wissen verfügt hat. Und genauso – so wird oftmals geschlossen – erwiesen sich die heute noch als widersprüchlich formulierten Textstellen der Bibel im Nachhinein als Aussagen, welche in Wirklichkeit gar nicht widersprüchlich seien, eben nur dem Menschen aufgrund seiner Unvollkommenheit als widersprüchlich erscheinen würden.

 

 

7. Mängel dieser Interpretation

 

Wenn also auch eine solche Interpretation als durchaus korrekt bezeichnet werden muss, kann sie doch nicht voll befriedigen. Zunächst bleibt festzuhalten, dass eine solche Interpretation zwar durchaus möglich sein kann, aber nicht zwangsweise als tatsächlich richtig bezeichnet werden muss.

 

Weiterhin lassen sich auf diese Weise sicherlich nicht alle widersprüchlich erscheinenden Ereignisse auf diese Weise erklären. So ist es z. B. kaum erklärbar, warum Gott den Holocaust, die millionenfache Ermordung der Juden durch den Nationalsozialismus zugelassen hat. Schließlich handelt es sich bei den Juden um das von Gott auserwählte Volk, das Gott nach Auskunft des Alten Testamentes immer dann wieder befreite, wenn es von Feinden zu Unrecht angegriffen wurde.

 

Zwar hat – wiederum nach der Auskunft des Alten Testamentes – Gott sehr wohl wiederholt zugelassen, das die Juden besiegt und versklavt wurden, hier wird in der Bibel sogar davon gesprochen, dass Gott selbst diese Strafen über das jüdische Volk verhängt hat, wir erfahren aber auch, dass diese Niederlagen als gerechte Strafe dafür angesehen wurden, dass sich das jüdische Volk immer wieder von Gott abgewandt hatte. Man kann nun mit dem besten Willen nicht behaupten, dass auch der Holocaust eine solche Art Bestrafung Gottes darstelle, es muss andere Erklärungsgründe dafür geben, dass Gott, der als allmächtig gilt und nach Auskunft der Heiligen Schrift wiederholt in die Geschichte der Menschen eingegriffen hat, den Holocaust nicht verhindert hat.

 

Natürlich kann man auch hier die Beantwortung dieser Frage aussetzen mit dem Hinweis bewenden lassen, dass Gottes Wille unergründlich sei, dass es zwar einen Grund für diese Ereignisse geben müsse, dass aber die Menschen diese Gründe nicht erkennen könnten und deshalb auch darauf verzichten sollten, nach den Gründen für diese Ereignisse zu forschen.

 

Trotzdem bleibt eine solche Haltung unbefriedigend. Der Auftrag der Kirchen besteht ja nicht allein darin, die göttlichen Offenbarungen zu bewahren, sondern sie auch so den Menschen zu verkünden, dass diese auch in der Lage sind, bei gutem Willen, diese Offenbarungen zu erkennen und entsprechend den göttlichen Weisungen zu handeln.

 

Es kann aber nun kein Zweifel darüber bestehen, dass eine Vielzahl von Menschen sehr wohl willens ist, Gott als Schöpfer der Welt anzuerkennen und auch durchaus bereit ist, göttlichen Weisungen zu folgen, die aber einfach deshalb nicht zu dem rechten Glauben finden, da ihnen die offensichtlichen Ungerechtigkeiten dieser Welt zu schaffen machen und da sie nicht verstehen, dass ein Gott, der einerseits als allmächtig andererseits als gerecht und barmherzig gilt, diese zahlreichen Untaten geschehen zulässt.

 

Hier besteht die Aufgabe, diesen scheinbaren Widersprüchen nachzugehen und Argumente zu finden, wie diese Geschehnisse erklärt werden könnten, auch wenn von vornherein klar ist, dass eine endgültige Klärung hier auf Erden aufgrund der Begrenztheit unseres Wissens nicht möglich ist. Offensichtlich gibt es gute Gründe dafür, das Postulat von Wittgenstein, dass man darüber, worüber man nicht reden könne, schweigen solle, doch nicht in jedem Falle erwünscht ist. Auch dann, wenn wir die Frage nach den Widersprüchen in der Bibel niemals restlos klären können, kann es doch zweckmäßig sein, sich um eine teilweise Aufklärung dieser Widersprüche zu bemühen, da auf diesem Wege die Zweifel vieler williger, aber doch ungläubiger Menschen zum Teil ausgeräumt werden könnten.

 

 

8. Mögliche Ursachen für Widersprüche

 

Trotz unserer begrenzten Denkmöglichkeiten wollen wir uns also bemühen, die eingangs aufgezeigten Widersprüche so weit wie möglich aufzulösen. Als erstes gilt es hierbei festzustellen, dass die Heilige Schrift in erster Linie über die von Gott geoffenbarten Glaubenswahrheiten berichten möchte und dass sich nach Überzeugung der meisten Theologen der Wahrheitsanspruch der Bibel allein auf diese Glaubenssätze (einschließlich der verkündeten Weisungen Gottes) bezieht.

 

Die Bibel enthält darüber hinaus auch zahlreiche Schilderungen über historische Ereignisse. Es kann nicht mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass auch diese Schilderungen den tatsächlichen Vorgängen entsprechen, oftmals sollen diese Erzählungen dazu dienen, bestimmte Glaubenswahrheiten zu erläutern, es sind beispielhafte Erzählungen, die nicht den Anspruch erheben, dass sie sich genauso auch ereignet haben.

 

Auch enthält die Bibel zahlreiche naturwissenschaftliche Äußerungen über das Wirken in dieser Welt. Sie stellen den augenblicklichen Wissensstand der Zeit, in der diese Schriften entstanden sind, dar und können selbstverständlich auch Fehler enthalten, die dann später von der Wissenschaft korrigiert wurden. Dies gilt z. B. für das geozentrische Weltbild der damaligen Zeit. Es ist klar, dass es auch keine andere Möglichkeit gibt, in einer Bibel auf die naturwissenschaftlichen Zusammenhänge einzugehen als dadurch, dass man den damaligen Wissensstand übernimmt.

 

Man stelle sich einmal vor, Jesus hätte in seinen Erläuterungen das damals noch unbekannte kopernikanische Weltbild übernommen, nach dem sich die Erde um die Sonne und nicht die Sonne um die Erde drehe. Eine solche Lehre hätte der damaligen wissenschaftlichen Auffassung eindeutig widersprochen und würde auch gar nicht akzeptiert werden, da doch nach Meinung der damaligen Menschen an jedem wolkenlosen Tag sichtbar für jeden die Sonne im Osten aufgeht, über das Himmelsgewölbe zieht und am Abend im Westen untergeht, also die Sonne sich um die Erde dreht.

 

Hätte Jesus dieses heliozentrische Weltbild vertreten, wäre er auch in seiner eigentlichen Aufgabe, die Offenbarungen Gottes zu verkünden, gescheitert, da natürlich nur Personen als glaubwürdig angesehen wurden, welche im Einklang mit dem damals als selbstverständlich geltenden geozentrischen Weltbild standen. Gerade um die Glaubwürdigkeit der Glaubenswahrheiten zu unterstreichen, war es notwendig, immer dann, wenn man auf weltliche Zusammenhänge Bezug nahm, die damals vorherrschenden Weltvorstellungen zu übernehmen, auch dann, wenn wir aus heutiger Sicht diese Auffassungen als eindeutig falsch bezeichnen müssen.

 

Dass die Bibel nur über die Glaubenswahrheiten unterrichten will, welche nicht mit Hilfe unserer menschlichen Wahrnehmungsorgane endgültig geklärt werden können, geht bereits daraus hervor, dass Gott mit seiner Weisung, machet euch die Erde untertan, den Menschen auch den Auftrag gegeben hat, die Naturgesetze mit Hilfe unserer Sinne und unserem Verstand zu erforschen. Gott hat dem Menschen in seiner Schöpfung einen Verstand gegeben, um in Ausführung der Weisung, die Erde sich untertan zu machen, diesen Verstand auch zu gebrauchen und nicht an ihm irre zu werden.

 

Wenn also Wissenschaftler wie Kopernikus oder Galileo aufgrund der Anwendung der Sinne und des Verstandes zu Ergebnissen kommen, welche dem Wortlaut einiger Passagen der Heiligen Schrift zu widersprechen scheinen, so heißt dies nicht, dass die wissenschaftlichen Aussagen falsch sein müssen; da in wissenschaftlich erforschbaren Fragen die Bibel immer nur das augenblickliche Wissen der Naturwissenschaft übernehmen kann, hat die Kirche die Verpflichtung, die bisher irrigen Vorstellungen über weltliches Wissen zu korrigieren. Wissenschaftler handeln hierbei sehr wohl im Auftrage Gottes (machet euch die Erde untertan) und haben deshalb auch nicht gegen Gottes Gebote verstoßen.

 

Aber auch im Hinblick auf die Glaubenswahrheiten muss durchaus zur Kenntnis genommen werden, dass einzelne Stellen der Bibeltexte auch einmal falsch sein können und mit anderen Stellen in Widerspruch geraten können. Wir dürfen uns das Wirken des Heiligen Geistes und der Gottesoffenbarungen nicht so einfach vorstellen, dass Gott dann, wenn er uns offenbart und durch die Propheten gesprochen hat, der Mensch während der Verkündung zu einem willenlosen Wesen degradiert wird und dass sich Gott nur der Stimme des Menschen bediene, aber dass es gar nicht mehr der Mensch, sondern Gott sei, der hier unmittelbar zu den Menschen spreche.

 

Natürlich ist alles, was von Gott kommt, also auch seine Offenbarungen, vollkommen. Mit dem Begriff Gottes ist – zumindest im Rahmen der monotheistischen Religionen – immer ein durch und durch vollkommenes Wesen angesprochen. Es ist aber immer der einzelne Mensch, der die Botschaft Gottes im Rahmen einer Vision erhält und der Mensch ist in jeder Hinsicht unvollkommen.

 

Dies gilt nicht nur für die Masse einfacher Menschen, sondern gerade auch für die von Gott ausgewählten Personen. David, der von Gott gesalbte König, beging Ehebruch mit der Frau des Hethiter, einem General Davids. Als sich herausstellte, dass die Frau von David schwanger wurde und als der Hethiter den Vorschlag Davids ablehnte, er solle bei seiner Frau die Nacht verbringen und als deshalb der Ehebruch nicht mehr vertuscht werden konnte, gab David den Befehl, den Hethiter an die vorderste Front zu stellen, an einen Platz, wo er mit Sicherheit getötet werden musste. Dies waren eindeutig gravierende Verletzungen der Weisungen Gottes.

 

Oder nehmen wir das Beispiel von Petrus. Ausgerechnet Petrus, den Jesus zu seinem Stellvertreter hier auf Erden ausersehen hatte, verriet nach der Verhaftung von Jesus diesen im Vorhof des Hohepriesters. Wohlbemerkt, Petrus verleugnete Jesus nicht vor der Anklagebehörde, wo ein Bekenntnis zu Jesus sicherlich ebenfalls zu einer Hinrichtung geführt hätte, sondern er beging diesen Verrat gegenüber einer bedeutungslosen Magd und hier hätte das Bekenntnis zu Jesus sicherlich keine strafrechtlichen Folgen gehabt.

 

Er verriet hier Jesus auch nicht nur einmal, sondern dreimal hintereinander. Ein einmaliges Ableugnen hätte noch damit entschuldigt werden können, dass Petrus durch die Behauptung der Magd, auch Petrus zähle zu den Jüngern Jesu, völlig überrascht worden sei und dass er instinktiv und unüberlegt geantwortet habe. Diese Ausrede gilt sicherlich nicht mehr dafür, dass Petrus unmittelbar danach Jesus ein zweites und ein drittes Mal verleugnet hatte.

 

 

9. Unvollkommenheit des Menschen als Ursache der Widersprüche

 

Diese Unvollkommenheit der Menschen gilt nun nicht nur für das moralische Verhalten, sondern für alle Lebensbereiche. Auch in der Frage der Fähigkeit, Gottes Offenbarung richtig aufzunehmen, ist der Mensch unvollkommen. Er ist schon deshalb unvollkommen, da ja – wie bereits erwähnt – der Mensch gar nicht in der Lage ist, metaphysische Fragen eindeutig zu verstehen, die Sprache, deren sich der Mensch bedient, um mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren, dient vor allem der Beschreibung der irdischen Zusammenhänge. Soll nun ein Mensch Gottes Offenbarung mit seinem Verstand aufnehmen und an Mitmenschen weitergeben, fehlen ihm oftmals die Worte, um den wahren Sinn der Offenbarung zu verlautbaren. Die Propheten und auch Jesus  bemühten sich deshalb in aller Regel, die Botschaft Gottes vorwiegend in Gleichnissen den Zuhörern näher zubringen, wobei stets klar ist, dass ein Gleichnis niemals den vollen Sinn einer Botschaft wiedergeben kann.

 

Wegen der Unvollkommenheiten eben gerade der Menschen, Gottes Botschaften voll zu erkennen und sie auch sinngemäß weiterzugeben, gibt es eine Vielzahl von Gefahren, dass die Botschaft in Einzelfällen nicht korrekt wiedergegeben wird und dass deshalb auch einige Aussagen im Verhältnis anderer Aussagen Widersprüche aufweisen. Derjenige, der eine Vision hatte, kann wegen Unvollkommenheit der Sprache die Botschaft falsch verstehen. Vielleicht ist er sogar boshaft und gibt deshalb die Botschaft bewusst falsch weiter, z. B. dadurch, dass er alle Momente, die sein eigenes Verhalten betreffen, weglässt oder schönt.

 

Weiterhin wissen wir ja, dass die in der Bibel verkündeten Offenbarungen zunächst über mehrere Generationen hinweg mündlich weitererzählt wurden und erst sehr viel später niedergeschrieben wurden. Es ist klar, dass bei wiederholter mündlicher Weitergabe von Botschaften der Inhalt der Botschaft leicht verändert und entstellt werden kann. Jeder neue Überbringer legt die Betonung der Botschaft beispielsweise unter Umständen auf ein anderes Merkmal.

 

Schließlich ist die Gefahr groß, dass immer dann, wenn diese Texte in eine andere Sprache übersetzt werden, Fehler entstehen. Der Grund hierfür liegt einfach daran, dass die Sprachen der einzelnen Völker unabhängig voneinander entstanden sind und dass die Begriffe je nach unterschiedlicher Problemlage auch unterschiedlich gebildet wurden. Die Folge ist, dass die Begriffe der einzelnen Sprachen sich nicht wie zwei sich deckende, sondern vielmehr wie zwei sich überschneidende Kreise verhalten. Dies bedeutet, dass unter Umständen mit dem Begriff in der einen (ursprünglichen) Sprache mehrere Begriffe der Sprache verbunden sind, in welche die Heilige Schrift übersetzt werden soll.

 

Nun unterscheiden sich die modernen Sprachen (z. B. Deutsch und Englisch) in starkem Maße von der hebräischen Sprache. Dies bedeutet, dass eine Übersetzung des Alten Testamentes, das mit wenigen Ausnahmen in hebräischer Sprache verfasst wurde, in die modernen Sprachen mit besonders starken Unterschieden zu rechnen hat. Das Neue Testament wurde zwar in der griechischen Sprache verfasst und die altgriechische Sprache weist mit den modernen Sprachen sehr viel mehr Gemeinsamkeiten auf als die hebräische Sprache. Trotzdem bleibt die angesprochene Übersetzungsproblematik bestehen, da sich Jesus mit Sicherheit nicht der griechischen, sondern der hebräischen und aramäischen Sprache bedient hat, sodass auch hier die Äußerungen Jesu aus dem Hebräischen übersetzt werden mussten.

 

 

10. Mögliche Wege der Aufklärung

 

Treten nun Widersprüche zwischen verschiedenen Texten der Heiligen Schrift auf, so kann eine Überprüfung zur Auflösung einiger Widersprüche beitragen. Man hat zu überprüfen, ob die Übersetzung korrekt erfolgt ist oder ob die Widersprüche nur deshalb bestehen, da der hebräische Text unkorrekt übersetzt wurde. Sofern der hebräische Begriff oftmals mehrere Deutungen in einer der zu übersetzenden Sprachen aufweist, kann überprüft werden, wie derselbe Ausdruck an anderen Stellen der Bibel verwandt wurde. Auch kann bisweilen Klarheit dadurch entstehen, dass man sich bewusst wird, in welche historische Situation die Bibelworte gesprochen wurden.

 

Ein Verständnis der Bibelworte erreicht nur derjenige, der sich bewusst ist, dass fast alle Äußerungen Jesu und der Propheten in eine ganz bestimmte Situation hinein gesprochen wurden und dass der wahre Sinn dieser Worte nur im Kontext mit der jeweiligen historischen Situation erkannt werden kann. Vor allem dann, wenn man die Bibeltexte dazu verwenden möchte, um heutige Probleme anzusprechen, gilt es in einem ersten Schritt den Kern einer Aussage zu erfassen und diesen Grundsatz dann auf die heute veränderte Situation anzupassen. Die Grundmaximen stellen die immer gültigen Weisungen dar. Die Anwendung dieser Maximen ändern sich jedoch je nach Ausgangslage.

 

Also kann nur bei Kenntnis sowohl der Situation bei Abfassung der Texte als auch der heutigen Situation eine überzeugende Antwort darauf gegeben werden, was die Worte der Bibel uns in der heutigen Situation zu sagen haben. Es geht hier nicht darum, letztliche Grundsätze aufzugeben und damit dem Zeitgeist zu opfern, sondern sie so anzuwenden, dass sie auch unter vollkommen veränderten Umweltbedingungen ihrem Sinn entsprechen. Wer sich darum bemüht, den Wortlaut bestimmter Aussagen so zu verändern, dass er auch auf die heutige Situation angewandt werden kann, verrät nicht die immer gültigen, zeitlos geltenden Grundmaximen.

 

Ganz im Gegenteil: Wer sich gegen diese Anpassung an die veränderten Situationen stemmt und diese Anpassung dadurch zu verhindern versucht, dass er jede Umformulierung der ursprünglichen Aussagen ablehnt, trägt gerade durch dieses Verhalten dazu bei, dass die Bereitschaft der Menschen, den Weisungen Gottes auch zu folgen, nachlässt. Leicht führt dann eine heute nicht mehr der augenblicklichen Situation angepasste Anwendung zur völligen Aufgabe auch der hinter dieser Anwendung stehenden immer gültigen Grundmaxime. Und in diesem Falle wird gerade nicht dem Auftrag entsprochen, die göttlichen Offenbarungen zu wahren.

 

Wenn wir dieser Deutung über das Wirken des Heiligen Geistes folgen, bedeutet die kritische Auseinandersetzung mit den Bibeltexten und das Auffinden anscheinend widersprüchlicher Aussagen auch weder eine Leugnung der Überzeugung, dass der Heilige Geist über die Wahrheit der biblischen Glaubensaussagen wacht noch dass man dem Willen Gottes durch in Frage stellen bestimmter Texte entgegen zu wirken sucht. Ganz im Gegenteil haben wir sogar davon auszugehen, dass gerade einerseits die wissenschaftlichen Diskussionen (Bibelexegesen) zwischen einzelnen Theologen andererseits die Erörterungen und Beschlüsse auf den einzelnen Konzilen der Kirche gerade den Weg beschreiben, auf dem das Wirken des Heiligen Geistes zum Tragen kommt.

 

Auch hier können wir nicht erwarten, dass das Ergebnis jeder theologischen Auseinandersetzung oder jeder einzelne Konzilbeschluss als die endgültige Offenbarung des Heilgen Geistes angesehen werden kann. Auch hier gilt es stets zu berücksichtigen, dass das Wirken des Heiligen Geistes darin besteht, dass er uns Menschen inspiriert, das Richtige zu tun, dass es aber immer auf den Willen und den Fähigkeiten der einzelnen Handelnden ankommt, wieweit diesen Offenbarungen auch gefolgt wird. Nicht die Inspirationen des Heilgen Geistes, wohl aber die Handlungen der einzelnen Menschen sind in diesem Falle unvollkommen.

 

Der Glaube geht nur dahin, dass das Wirken des Heilgen Geistes letztendlich zur Offenbarung der gesamten Wahrheit führt. Gott mag zwar einzelne Schlachten verlieren, vor allem dadurch, dass er zulässt, dass sich die Menschen aus freien Stücken zu ihm bekennen und das bedeutet immer auch, dass einzelne Menschen sich gegen Gott entscheiden können. Wir können aber davon ausgehen, dass Gott den Krieg gegen das Böse letztendlich gewinnen wird. Insofern setzt sich die Wahrheit letztendlich immer durch.