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Über den Wahrheitsanspruch der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

1. Vorbemerkung

2. Einführung

3. Über die Glaubwürdigkeit der Verbreitung von Lehren

4. Die Bedeutung empirischer Aussagen

5. Die Darstellungsart der Bibel

    5.a Mündliche Überlieferung

    5.b Unterschiedliche Quellen

    5.c Probleme der Übersetzung in andere Sprachen

    5.d Pointierte Hervorhebung

    5.e Die Bedeutung von Gleichnissen

6. Widersprüchliche Darstellungen

    6.a Die Opferung Isaaks durch Abraham

    6.b Davids Rachefeldzug

7. Lösungsansätze

 

 

1. Vorbemerkung

 

Die Frage nach dem Wahrheitsanspruch der Bibel ist selbstverständlich zuallererst eine Frage, welche von der theologischen Wissenschaft sowie von den kirchlichen Behörden zu beantworten ist. Es ist Aufgabe der theologischen Wissenschaft und hier vor allem der Exegese, Zweifelsfragen über Entstehen und Inhalt der Heiligen Schrift zu klären und es ist Aufgabe der kirchlichen Behörden, für die Bewahrung der christlichen Wahrheiten zu sorgen.

 

Trotzdem gibt es sicherlich auch Fragestellungen, welche von kirchlichen Laien aufgeworfen werden können. Es besteht stets die Gefahr, dass die von den kirchlichen Behörden vorgetragenen Glaubens­wahrheiten so formuliert werden, dass sie von den Laien nicht richtig verstanden werden, da sie offensichtlich mit den verstandesmäßig erfassten Wahrheiten in einen Widerspruch geraten oder einfach einem nicht theologisch vorgebildeten Laien unverständlich erscheinen.

 

Hier kann es notwendig oder zumindest erwünscht sein, dass auf diese Missverständnisse von nichttheologischer Seite hingewiesen wird und diese Aufgabe wird vor allem auch ein Wissenschaftler, der darin geschult ist, Widersprüche aufzudecken, erfüllen können und sollen. Es besteht immer die Gefahr, dass in speziellem Wissen ausgebildete Fachkräfte einfach deshalb, weil ihnen selbst bestimmte Texte verständlich erscheinen, automatisch unterstellen, dass diese Texte auch für nicht vorgebildete Laien ebenfalls verständlich erscheinen.

 

Die Aufgabe der kirchlichen Behörden besteht eben nicht nur darin, die Grundwahrheiten zu erhalten und weiterzutragen, sondern sie auch so den Laien vorzutragen, dass diese – ohne an ihrem Verstand irre zu werden – in der Lage sind, diese Wahrheiten zu übernehmen und an sie zu glauben.

 

Bringen wir ein Beispiel. Von Atheisten und Vertretern nichtchristlicher Religionen wird immer wieder der Lehre des Christentums vorgeworfen, dass das Christentum gar nicht – wie behauptet – nur an einen einzigen Gott glaube, sondern in Wirklichkeit an drei Götter, nämlich an Gott Vater, an Gottes Sohn: Christus und an den Heiligen Geist. In Wirklichkeit existiert auch für die christlichen Religionen immer nur ein einziger Gott, das Christentum ist also genauso wie der jüdische Glaube und der Islam eine monotheistische Lehre.

 

Das Missverständnis entsteht dadurch, dass die offizielle Kirche von drei göttlichen Personen spricht, dass sich also der eine Gott in drei verschiedenen Gestalten (Personen) den Menschen kundtut. Nun scheint mir der Begriff: Person deshalb missverständlich, da die Kritiker der christlichen Lehre, aber auch viele Laien offensichtlich von einem ganz anderen Begriff der Person ausgehen als die Verlautbarungen der christlichen Lehre.

 

Wenn heutzutage ganz allgemein von Personen gesprochen wird, so denkt man fast immer an unterschiedliche Menschen, drei Personen sind dann auch drei verschiedene Menschen bzw. Wesenheiten.

 

Wenn im Rahmen der christlichen Lehre von Personen zumindest im Zusammenhang mit dem Gottesbegriff gesprochen wird, denkt man an die ursprüngliche Definition der Person. Das Wort Person stammt aus dem Lateinischen ‚personare‘, also durchtönen; angewandt wurde dieser Begriff zuerst vor allem auf Schauspieler, die – wie im altgriechischen Theater – durch die Maske ihre jeweiligen Rollen spielten, wobei ein und derselbe Schauspieler sehr wohl – in unterschiedlichen Theaterstücken, aber bisweilen auch in ein und derselben Aufführung – unterschiedliche Rollen übernehmen kann.

 

 

2. Einführung

 

Die Bibel gilt für gläubige Christen – und soweit das Alte Testament zur Diskussion steht auch für gläubige Juden – als eine Heilige Schrift, in der sich Gott den Menschen offenbart hat und in der die Gläubigen das Wichtigste erfahren, was sie über Gott, über die Erschaffung der Welt einschließlich des Menschen, weiterhin über den Sinn menschlichen Lebens und schließlich über die Gebote Gottes erfahren. Gerade aus diesen Gründen ist es in besonderer Weise wichtig, dass das, was in der Bibel zu lesen ist, auch als wahr gilt.

 

Die Bibel ist für die christlichen Kirchen die letzte Autorität in der Beantwortung der Frage, wie sich der Mensch verhalten soll und was er zu glauben hat. In der Frage, ob sie auch die einzige Autorität darstellt, die über alle relevanten religiösen Fragen eine Antwort geben kann, scheiden sich die Geister. Während die evangelischen Christen und eine Reihe christlicher Sekten nur die Bibel, also das geschriebene Wort als letztliche Instanz in Glaubensfragen anerkennen, ging die katholische Kirche schon seit jeher davon aus, dass es neben den biblischen Texten auch eine mündliche Überlieferung gibt, welche in Zweifelsfragen neben den Texten der Heiligen Schrift zum Beleg herangezogen werden kann und muss. Schließlich sei ja auch die Bibel dadurch entstanden, dass deren Aussagen zunächst mündlich vorgetragen und an die Nachkommen weitergegeben wurden, bis schließlich die Texte sehr viel später – teilweise 100 Jahre später – schriftlich aufgeschrieben wurden.

 

Die Einschränkung „gläubige“ Christen ist notwendig, da es eine Vielzahl von Menschen gibt, die sich zwar Christen nennen, die sich aber nicht unbedingt an die Regeln halten, welche in einer christlichen Glaubensgemeinschaft eingehalten werden. Die religiösen, zum größten Teil metaphysischen Fragen lassen sich ja nicht durch Einsatz des Verstandes beantworten, welche dann auch jeder für sich allein erkennen kann, es gibt vielmehr eine offizielle Kirche, welche sich als Hüterin der von Gott offenbarten Wahrheiten auffasst und welche die Glaubenswahrheiten verkündet.

 

Da aber nur ein Teil der als Christen in den amtlichen Unterlagen registrierten Personen aktiv am kirchlichen Leben teilnimmt, gilt für die übrigen Menschen, dass sie auch nicht unbedingt alle Verlaut­barungen der offiziellen Kirche anerkennen und dass sie vielmehr nur die Glaubens­wahrheiten übernehmen, welche ihnen als richtig und wichtig erscheinen. Ein beachtlicher Teil der Christen beschränkt sich darauf, daran zu glauben, dass es einen Gott gibt und dass man auch aus religiösen Gründen Gottes Gebote einzuhalten hat. Sie meinen jedoch auf die Vermittlung der offiziellen Kirche verzichten zu können und beanspruchen somit eine unmittelbare Beziehung zu Gott.

 

Auch für Juden gelten ähnliche Überlegungen, vielleicht sogar noch in einem etwas erweiterten Sinne. Die Bezeichnung ‚Jude‘ wird ja oftmals gar nicht als eine Art Religionszugehörigkeit aufgefasst, sondern für alle Menschen gebraucht, welche in ethnischem Sinne voneinander abhängen und also eine Volksgemeinschaft darstellen. In diesem Falle wird jemand einfach deshalb als Jude bezeichnet, weil sein Stammbaum letztendlich auf die in Judäa geborenen Menschen zurückgeführt werden kann, unabhängig davon, ob er an die Thora glaubt oder ob er eine andere Religion angenommen hat oder sich sogar  zum Atheismus bekennt.

 

 

3. Über die Glaubwürdigkeit der Verbreitung von Lehren

 

Da nun die Heiligen Schriften nicht von Gott selbst niedergeschrieben wurden und somit nicht als schriftliche Zeugnisse den Menschen übergeben wurden, da vielmehr Gott sich in einzelnen Menschen (den sogenannten Propheten und den Patriarchen des Alten Testamentes) geoffenbart hat, setzt der Wahrheitsanspruch voraus, dass diejenigen, welche diese Offenbarung erhalten und diese Texte niedergeschrieben haben, als vertrauenswürdig angesehen werden.

 

Hier ergeben sich bereits einige Schwierigkeiten. Wir wissen keinesfalls immer, wem Gott bestimmte Verlautbarungen offenbart hatte. Zwar gehen wir z. B. davon aus, dass es Moses war, der von Gott die zehn Gebote unmittelbar erhalten hatte, aber wer als erster die im 1. Buch Moses, der Genesis berichteten Ereignisse über die ersten Menschen Adam und Eva, über Noah und die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob (Israel) erzählt hat, ist völlig unbekannt.

 

Weiterhin müssen wir davon ausgehen, dass in den meisten Fällen diese Offenbarung nicht unmittelbar von denjenigen, welche diese Botschaft erhalten haben, niedergeschrieben wurde, sondern zunächst mündlich von Generation zu Generation weitergetragen wurde. Oftmals ist sogar unbe­kannt, wer diese Botschaften schließlich niedergeschrieben hat, zwar werden diese Texte fast immer mit einem Namen verbunden, wir wissen jedoch, dass nicht alle diese Schriften von diesen Autoren tatsächlich niedergeschrieben wurden. So muss oftmals damit gerechnet werden, dass Schriften eines Schülers seinem Lehrer zugedacht werden, vielleicht einfach deshalb, weil man auf der einen Seite den Autor nicht eindeutig eruieren konnte und auf der anderen Seite diese Schriften in Thematik, Ausdrucksweise und Stil den Schriften des jeweiligen Lehrers entsprechen.

 

 

4. Die Bedeutung empirischer Aussagen

 

Im Altertum und Mittelalter bis weit in die Neuzeit ging die offizielle Kirche davon aus, dass restlos alle Feststellungen der Bibel der Wahrheit entsprechen. Wenn Wissenschaftler wie z. B. Galilei in ihren Untersuchungen zu Ergebnissen kamen, welche mit dem Wortlaut der Bibel in Widerspruch standen, so war klar, dass sich der Wissenschaftler irren musste, da man Feststellungen in der Bibel auf keinen Fall anzweifeln durfte.

 

So offenbart sich z. B. in der Bibel ein Bild von der Welt, in deren Mittelpunkt die Erde und damit auch die Menschen stehen, während Sonne, Mond und Gestirne um die Erde kreisen. Sehr früh machte die Wissenschaft der Astronomie darauf aufmerksam, dass viele in der Realität beobachteten Erscheinungen bei einem solchen Weltbild zu widersprüchlichen Ergebnissen führen. Kopernikus und Galilei entwickelten nun ein neues Weltbild, in dem nicht die Erde, sondern die Sonne im Mittelpunkt der Gestirne steht, die Erde also genauso wie andere Planeten um die Sonne kreist, ein Weltbild, in dem die meisten der bisherigen Widersprüche aufgehoben werden konnten.

 

Mit der Zeit erkannte man, dass in der Bibel Sätze zu finden sind, welche ohne Zweifel der Wirklichkeit nicht entsprechen. So werden z. B. Hasen im Alten Testament zu den Wiederkäuern gezählt, obwohl keine Zweifel darüber bestehen, dass dem nicht so ist. Auch finden sich über irdische Dinge zum Teil unterschiedliche Behauptungen an verschiedenen Stellen der Heiligen Schrift.

 

Wenn auch heute einige christlichen Sekten immer noch den Wahrheitsanspruch für restlos alle Behauptungen der Bibel aufrechterhalten, wurde ab der Neuzeit zunächst von theologischen Wissenschaftlern sowohl der Protestanten wie der Katholiken, später aber auch von den offiziellen Kirchenbehörden davon ausgegangen, dass sich der Wahrheitsanspruch der Heiligen Schrift nur auf Glaubenswahrheiten einschließlich der Gebote beziehen kann, während Feststellungen über irdische Zusammenhänge in der Bibel genauso wie jede andere wissenschaftliche Schrift durchaus fehlerhaft sein können.

 

Bei allen wissenschaftlichen Behauptungen über irdische Zusammenhänge ist davon auszugehen, dass es sich um einen zeitraubenden Prozess der Wahrheitsfindung handelt. Zunächst werden bestimmte Beobachtungen gemacht. Sofern ähnliche Zusammenhänge zwischen einzelnen Problemgrößen festgestellt werden, wird eine Hypothese aufgestellt, dass das Ereignis x ein anderes Ereignis y auslöse oder auch dass zwei verschiedene Ereignisse immer wieder zur gleichen Zeit zu beobachten sind. Dieser Zusammenhang wird aber in einem ersten Schritt noch nicht für eine feststehende Theorie aufgefasst. Vielmehr dienen diese Beobachtungen zunächst nur für eine erste Hypothese über diesen Zusammen­hang, die es nun systematisch auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen gilt.

 

Wiederholt haben anschließende empirische Untersuchungen ergeben, dass die anfänglichen Zusam­men­hänge nur aufgrund zufälliger Ereignisse beobachtet werden konnten, dass weitere Tatbestände hinzukommen müssen, um die anfänglich behauptete Kausalkette auszulösen. Wissenschaftlicher Fortschritt findet in viel stärkerem Maße eher dadurch statt, dass sich – anfangs für wahr gehaltene – Hypothesen aufgrund empirischer Untersuchungen als falsch, also als widerlegt erweisen als dass neue Zusammenhänge erkannt werden.

 

Auch nach christlicher Überzeugung hat Gott den Menschen einen Verstand gegeben, nicht um an ihm irre zu werden, sondern ihn einzusetzen und zu Erkenntnissen über die irdischen Dinge zu gelangen. Das Gebot Gottes ‚Machet euch die Erde untertan‘, kann nur dadurch befolgt werden, dass der Mensch den ihm von Gott gegebenen Verstand benutzt; denn nur mit Hilfe des Verstandes kann der Mensch die Zusammenhänge erkennen, welche notwendig sind, um sich die Erde untertan zu machen.

 

Ein Glauben ist nun überhaupt nur dort notwendig, wo der Verstand an seine Grenzen stößt und vom Ansatz her gar nicht in der Lage ist, Zusammenhänge eindeutig zu überprüfen. So liegt es an der Begrenzung unseres Verstandes, dass wir nur in der Lage sind, die Wahrheit über empirische Zusammenhänge zu erkennen. Als eindeutig wahr können wir mit Hilfe unseres Verstandes nur solche Sätze erkennen, bei welchen kein Widerspruch mit anderen Sätzen nachgewiesen werden konnte. Als falsch hingegen müssen Behauptungen gelten, welche sich entweder bereits aus logischen Gründen als falsch erweisen oder welche empirischen Beobachtungen widersprechen. Im Zusammen­hang mit meta­physischen Fragen hingegen gibt es keine Beobachtungen, an denen die einzelnen Aussagen überprüft werden können.

 

Man wird also erwarten können, dass in der Heiligen Schrift über irdische Zusammenhänge die Sichtweise dargestellt wird, die ganz allgemein zu der Zeit, in der diese Texte entstanden sind, vorgeherrscht hatte. Und da zu der damaligen Zeit sicherlich über eine Vielzahl von irdischen Zusammenhängen aus heutiger Sicht irrige Vorstellungen bestanden, ist es auch nicht verwunderlich, dass auch in der Bibel im Hinblick auf Tatsachenzusammenhänge irrige Meinungen übernommen wurden.

 

Im Hinblick auf die Akzeptanz der Heiligen Schrift kann auch nicht viel anderes erwartet werden. Für einen Augenblick wollen wir einmal unterstellen, dass die Heilige Schrift auch in diesen irdischen Fragen bereits die volle Wahrheit enthalten hätte, dass also z. B. in der Bibel stünde, dass sich die Erde um die Sonne drehe. Gerade weil zu der Zeit der Entstehung der Heiligen Schriften ein ganz anderes Weltbild gelehrt wurde, wären gerade diese Äußerungen als befremdlich und falsch angesehen worden. Gerade aus diesen Gründen wäre die Bibel auch im Hinblick auf ihre eigentliche Aufgabe: der Vermittlung der Glaubenswahrheiten wohl kaum allgemein akzeptiert worden. So ist es also gerade im Hinblick auf die Akzeptanz der eigentlichen Glaubenswahrheiten notwendig gewesen, dass die Verfasser der Bibeltexte im Hinblick auf Äußerungen über das Weltbild die damaligen Auffassungen übernommen haben.

 

 

5. Die Darstellungsart der Bibel

 

Wie steht es aber nun mit dem Wahrheitsanspruch der Bibel, soweit die Glaubensfragen selbst angesprochen werden? Auch hier sind sicherlich einige Einschränkungen notwendig, auch hier kann der Bibeltext nicht immer unmittelbar wortwörtlich genommen werden. Mehrere Sachverhalte sind dafür verantwortlich.

 

 

5.a Mündliche Überlieferung

 

Als erstes gilt es – wie bereits angedeutet – daran zu erinnern, dass die meisten Passagen der Heiligen Schrift zunächst mündlich überliefert wurden und erst sehr viel später schriftlich niedergelegt wurden. Hier mehren sich natürlich die Möglichkeiten, dass der eine oder andere Text abgeändert wurde und dass es denjenigen, welche die Texte weitergegeben haben, nicht darum ging, wie bei einem Stenogramm die Botschaften wortwörtlich weiter zu erzählen. Es ging dann nur noch darum, die Kernaussage, den Sinn einer Botschaft zu übermitteln.

 

 

5.b Unterschiedliche Quellen

 

Als zweites ist festzustellen, dass bestimmte Ereignisse mehrfach und an verschiedenen Stellen der Heiligen Schrift erwähnt werden, dass sich aber die geschilderten Tatbestände bisweilen unter­scheiden. Dies gilt sowohl für das Alte wie auch des Neue Testament. So erfolgt die Erzählung über die Erschaffung des Menschen in den ersten Kapiteln der Genesis (im ersten Buch Moses) an zwei verschiedenen Stellen, auch mit etwas unterschiedlichem Text.

 

In Genesis 1,27f, heißt es:

‚Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen‘.

 

Später, in Genesis 2,7ff. lesen wir hingegen nochmals:

‚Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte…

Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht….

Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu‘.

 

Vor allem berichten im Neuen Testament vier Evangelien über das Leben und Wirken Jesu, wobei auch hier wiederum die einzelnen Geschehnisse mitunter unterschiedlich dargestellt werden. So lässt z. B. der Matthäus-Text in dem berühmten Gleichnis vom Barmherzigen Samariter Jesus selbst den Hinweis auf die zwei wichtigsten Gottesgebote vortragen, während bei Lukas ein Pharisäer von Jesus nach dem wichtigsten Gebot gefragt wird und selbst die Antwort gibt.

 

Bei Matthäus 22,35ff. lesen wir:

‚Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten‘.

 

Hingegen lautet der entsprechende Text bei Lukas 10, 25ff.:

Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet‘.

 

Wir müssen uns also klar sein, dass es sich bei den Heiligen Schriften um eine Vielzahl von Texten unterschiedlichen Ursprungs handelt, die sich zum Teil überschneiden, zum Teil aber auch die Geschehnisse etwas anders darstellen, weil es auf  die Darstellung der Einzelheiten gar nicht ankommt, es geht immer allein um die Kernaussage.

 

 

5.c Probleme der Übersetzung in andere Sprachen

 

Der Umstand, dass die Texte der Bibel in einer fremden Sprache (hebräisch, aramäisch und griechisch) niedergeschrieben wurden und deshalb jeweils in die eigene Sprache übersetzt werden müssen, erhöht drittens die Schwierigkeiten. Wir müssen uns nämlich darüber klar sein, dass Texte niemals Wort für Wort exakt übersetzt werden können. Es gibt keine vollständige Entsprechung in allen Worten zweier Sprachen. Die einzelnen Sprachen entstanden in einem langen Entwicklungs­prozess bei unterschied­lichen Völkern, wobei die jeweiligen Probleme dieser Völker die Bildung der einzelnen Worte und Definitionen bestimmt haben. Es nimmt deshalb nicht wunder, dass ein und derselbe Bibeltext bisweilen unterschiedlich und sogar mit einem unterschiedlichen Sinne übersetzt wird. Das Gebot der Nächstenliebe, das ja auch schon im Alten Testament genannt wird, wurde z. B.  im Neuen Testament in dem Sinne ausgelegt, dass man den Nächsten lieben solle wie sich selbst, während der Urtext im Alten Testament die Achtung des andern verlangt, da der andere sei wie er selbst.

 

 

5.d Pointierte Hervorhebung

 

Viertens gilt es sich in Erinnerung zu rufen, dass die Heilige Schrift im orientalischen Raum entstanden ist, in dem ohnehin Äußerungen zumeist pointiert und übertrieben formuliert werden, um auf diese Weise stärkere Ansprache und Aufmerksamkeit beim Zuhörer zu finden. Der Ausspruch: ‚Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“ (Matthäus 19,24) ist sicherlich nicht wortwörtlich gemeint, denn dann könnte kein einziger Reicher ins Himmel eingehen, da ja nun wirklich jedes noch so kleine Kamel viel zu groß ist, um durch ein – noch so großes – Nadelöhr zu schlüpfen.

 

Aber in diesem Sinne ist dieser Ausspruch auch nicht gemeint. Es sollte offensichtlich nur betont werden, dass es für einen Reichen sehr schwer ist, die Gebote Gottes zu befolgen. Dass er heute so reich ist, liegt oftmals daran, dass er seine ganze Kraft der Mehrung des materiellen Wohlstandes gewidmet hat, dass aus diesen Gründen gar keine Zeit erübrigt wurde, sich entsprechend den Geboten der Nächstenliebe zu entfalten. Oftmals ist der Reiche auch einem so starken Wettbewerb ausgesetzt, dass er aus diesen Gründen seine ganze Kraft für materielle Dinge einsetzen muss. Er steht dann oftmals vor der Alternative, entweder ganz Reich aus diesem Konkurrenzkampf herauszukommen oder seinen gesamten Wohlstand zu verlieren. Hier ist die Gefahr, dass man die Gebote der Nächstenliebe vernachlässigt sehr groß.

 

 

5.e Die Bedeutung von Gleichnissen

 

Fünftens entwickelte Jesus seine Botschaften in Form von Gleichnissen: So beginnen viele Gleichnisse des Neuen Testamentes mit dem Satz: „Mit dem Himmelreich verhält es sich wie mit ….“. Eine Gleichung stellt – nicht nur in der Mathematik – ganz bestimmte Beziehungen her, die erst dann verstanden werden können, wenn wir die Gleichung gelöst haben. Die Größe x verhält sich zur Größe y wie a zu b. Hierbei entspricht in einem biblischen Gleichnis das ‚x‘ der Botschaft, die mit dem Gleichnis aus heutiger Sicht verkündet werden soll, wobei der Sinn dieser Botschaft genauso zuerst geklärt werden muss wie der Wert der Unbekannten ‚x‘ in einer mathematischen Gleichung.

 

Der Wert von ‚y‘ ist ebenfalls zunächst unbekannt und ändert sich mit der Zeit, in der diese Botschaft vorgetragen wird, während die Werte für ‚a‘ und ‚b‘ in der mathematischen Gleichung bekannte Größen darstellen und hier im Gleichnis einmal auf die ursprünglich vorgetragene Ausdrucksweise (a)   und zum andern auf die damals gültigen Begleitumstände (b) hinweist. Um also mit anderen Worten den eigentlichen Sinn der von Jesus vorgestellten Gleichnisse (Wert a) zu erfassen, gilt es sich zunächst der Begleitumstände (Wert b) klar zu werden, welche in der Zeit Jesu vorherrschten und es gilt sich darüber klar zu werden, wie die Botschaft äußerlich umformuliert werden muss, damit klar wird, wie diese Botschaft unter veränderten Bedingungen (Wert y) heute zu verstehen ist.

 

 

6. Widersprüchliche Darstellungen

 

Die bisher aufgezählten Einschränkungen beziehen sich nur auf die äußere Darstellungsform, der eigentliche Kern der Aussage wird hiervon nicht berührt. Wenn wir eine Gleichung richtig deuten, können wir sehr wohl erkennen, was Jesus den heutigen Menschen sagen wollte. Es bleibt aber die Frage, ob wir zumindest von den Kernaussagen der Heiligen Schrift davon ausgehen können, dass jede einzelne Behauptung – richtig verstanden – stets als wahr zu erkennen ist oder ob wir auch damit rechnen müssen, dass auch im Hinblick auf den eigentlichen Inhalt im Einzelfall durchaus die eine oder andere Aussage als falsch oder nur zum Teil richtig erkannt werden muss, weil entweder derjenige, welcher die Botschaft von Gott erhalten hat, diese Botschaft nicht richtig gedeutet und somit falsch ausgelegt hat oder weil einzelne Überbringer dieser Botschaft im Zuge der mündlichen Überlieferung den Inhalt nicht richtig weitergegeben haben.

 

Rein äußerlich spricht nun gegen eine solche Interpretation der Glaube, dass im Hinblick auf die in den Heiligen Schriften vermittelten eigentlichen Glaubenswahrheiten der Heilige Geist darüber wacht, dass diese Aussagen wahr, vollkommen und unverfälscht weitergegeben werden.

 

Trotz dieses äußeren Anscheins lassen einige Darstellungen in der Bibel Zweifel aufkommen, ob dieser Wahrheitsanspruch wirklich für restlos alle Darstellungen in der Bibel wortwörtlich  aufrechterhalten werden kann. Bringen wir zunächst Beispiele aus der Bibel, welche auf diese Schwierigkeiten hinweisen.

 

 

6.a die Opferung Isaaks durch Abraham

 

Nach dem Wortlaut des Alten Testamentes forderte Gott Abraham auf, seinen Sohn Isaak zu opfern. Es wird geschildert, wie Abraham im Gehorsam gegenüber Gott seinen Sohn als Brandopfer darbringen wollte und dass Gott erst im letzten Augenblick, als Abraham bereits das Messer an seinen Sohn angelegt hatte, diesen von der Tötung Isaaks abhielt und statt dessen Abraham die Möglichkeit gab, statt seines Sohnes einen Widder zu opfern.

 

In Genesis Kapitel 22 lesen wir:

‚…. versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. …

 

Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander… Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.

 

Da rief ihn der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt. …

 

Und der Engel des Herrn rief Abraham abermals vom Himmel her und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der Herr: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel‘.

 

Hier stellt sich die Frage, ob Gott, den wir als gerecht und gütig bezeichnen, tatsächlich Abraham auffordern konnte, seinen Sohn zu opfern. Würden wir nicht einen Fürsten, der ein solches Opfer von einem Untergebenen verlangen würde, als grausam und alles andere als gütig und gerecht bezeichnen? Und widerspricht dieser Befehl nicht der Absicht Gottes, durch Abraham ein großes Volk entstehen zu lassen? Trotz dieser Weissagung hatte ja Abraham erst in hohem Alter, in dem normaler Weise kein Mann und keine Frau noch Kinder zeugen bzw. gebären können, einen Sohn, Issak bekommen.

 

In der Kommentierung zu dieser Bibelstelle wird zumeist davon gesprochen, dass Gott zwar in Wirklichkeit keinesfalls die Absicht gehabt habe, ein solches Opfer von Abraham zu verlangen, dass er lediglich Abraham auf die Probe stellen wollte, ob er tatsächlich bereit sei, Gott in allem zu folgen.

 

Auch dann, wenn diese Interpretation den Äußerungen des Engels am Schluss dieser Geschichte zu ent­sprechen scheint, empfinde ich diese Deutung keinesfalls als überzeugend. Auch hier muss man sich die Frage stellen, ob ein gütiger und gerechter Gott tatsächlich willens sein kann, mit einer solchen Aufforderung die Treue Abrahams zu überprüfen. Erstens dürfte ein allwissender Gott sicherlich nicht dieser Probe bedürfen, um festzustellen, ob Abraham sich wirklich gottestreu verhält. Gott kann nach Überzeugung der Gläubigen in die Seele aller Menschen schauen, vor ihm bleibt nichts verborgen, somit auch nicht die Antwort auf die Frage nach der wirklichen Gesinnung Abrahams. Die biblischen Texte sind zweitens voll von Berichten einerseits der guten Taten Abrahams, andererseits der Verwerflichkeit fast aller anderen Bewohner der Gegend in der damaligen Zeit. Es konnte kein Zweifel über die Treue Abrahams gegenüber Gott bestehen.

 

Bringen wir nochmals den Vergleich mit einem Fürsten. Würden wir nicht einen Fürsten, der einen Untergebenen auf diese Weise (Opferung seines einzigen Sohnes) auf die Probe stellen würde, mit Recht als grausam und zynisch bezeichnen, auch dann, wenn er im letzten Augenblick das Opfer verhindern würde?

 

Gibt es nicht auch eine andere Deutung dieser Geschichte? Abraham könnte doch auch von der irrigen Auffassung ausgegangen sein, dass Gott dieses Opfer verlange. Diese Geschichte könnte doch einfach zum Ausdruck bringen wollen, dass Gott diesen falschen Glauben korrigieren wollte und zeigen wollte, dass die Liebe zu Gott sich in anderen Werken äußere als darin, seinen Sohn zu opfern.

 

Wir könnten somit die Bibel auch als eine Schrift verstehen, welche die Entwicklung der Menschheit und ihres Glaubens an Gott darstellen will, dass sich also der Glaube an einen einzigen Gott, der gütig und gerecht ist, nur allmählich in verschiedenen Etappen entwickelt hat. Auf einer gewissen Stufe beginnt der Mensch an einen einzigen Gott zu glauben, der ein Wesen mit freiem Willen darstellt und überwindet die Vorstellung, dass die irdischen Gewalten Sturm, Erdbeben Sonne selbst Götter darstellen.

 

Da immer noch an der Vorstellung festgehalten wird, diese Naturkatastrophen seien stets die unmittelbare Strafe Gottes für den Ungehorsam der Menschen, versuchten die Menschen zunächst Gott dadurch mild zu stimmen, dass sie das teuerste opferten und das sind nun einmal die eigenen Kinder. Hier bringt nun das Beispiel Abrahams einen Einschnitt in dem Sinne, dass die Menschen erkannten, dass Gott keine Menschenopfer verlangt.

 

In dieser Erzählung über Abraham wird nun immer noch davon ausgegangen, dass Gott Brandopfer von Tieren wünscht. In späteren Berichten, bei einigen Propheten, vor allem aber im Neuen Testament wird gesagt, dass sich die Gottesliebe eben nicht primär darin äußert, dass wir Gott Brandopfer von Tieren oder vielleicht auch Feldfrüchten darbringen, sondern dass wir unseren Nächsten, die sich in Not befinden, tatkräftig Hilfe bringen.

 

‚Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach‘. (Amos, 5,21f.)

 

Und bei Markus 12,32f. erfahren wir: ‚Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer‘.

 

So zeigt die Bibel die Entwicklung des Glaubens an Gott, die sich nur allmählich in mehreren Schritten kundtat, sodass nicht schon bei der ersten Erwähnung im Alten Testament der gesamte Inhalt der geschuldeten Gottesliebe kundgetan wurde, sondern zunächst einmal nur klar gestellt wurde, dass Gott keine Menschenopfer verlangt und dass erst sehr viel später diese Vorstellung dadurch vervollständigt wurde, dass wir Gott am meisten dadurch lieben, dass wir notleidenden Menschen helfen und keinem Nächsten Schaden zufügen, aber nicht unbedingt Gott Brandopfer darbringen.

 

Eine solche Interpretation scheint mir vor allem auch deshalb nahe zu liegen, weil in Genesis bei der Aufforderung Gottes, Isaak zu opfern von ‚Eli‘ als Gottesbegriff gesprochen wird, während dann nach Abwendung des Menschenopfers von Jahwe als persönlichem Gott gesprochen wird. Diese unterschiedlichen Begriffe für Gott im Alten Testament werden zumeist darauf zurückgeführt, dass das Alte Testament aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt ist und dass in den verschiedenen Quellen unterschiedliche Begriffe zur Um­schreibung Gottes verwandt werden. Nun wird jedoch mit dem Begriff ‚Eli‘ eher von Gott im Sinne einer Gattung gesprochen, während dann, wenn vom persönlichen Gott gesprochen wird, der Begriff: Jahwe benutzt wird.

 

Die Verwendung zweier Begriffe für Gott in der gleichen Darstellung scheint mir darauf hinzudeuten, dass es nicht unbedingt der persönliche Gott Jahwe ist, der Abraham auffordert, seinen Sohn zu schlachten, sondern dass Abraham eben – wie wohl die meisten Menschen zu dieser Zeit – von der wagen und unbestimmten Vorstellung ausging, dass Gott (oder die Götter?) dieses Opfer verlangen und dass sich Abraham im Zwiegespräch mit Gott darüber klar wurde, dass Gott ein solches Opfer nicht verlangen kann. Hatte Abraham nicht bei einem früheren Gespräch mit Jahwe, als es um die Zerstörung von Sodom und Gomorra ging, mit Gott gehadert und eine für die damalige Zeit sicher ungeheure Forderung erhoben, auch Gott müsse sich schließlich an die Gebote halten, die er den Menschen gegeben habe und dürfe keinesfalls auch nur wenige Unschuldige mit allen anderen sündigen Menschen zusammen vernichten?

 

 

6.b Josuas Rachefeldzug

 

Bringen wir ein zweites Beispiel. In Josua 6,17  dem Kapitel über den Fall Jericho heißt es unter anderem:

 

‚Darauf erhob das Volk das Kriegsgeschrei und die Widderhörner wurden geblasen. Als das Volk den Hörnerschall hörte, brach es in lautes Kriegsgeschrei aus. Die Stadtmauer stürzte in sich zusammen, und das Volk stieg in die Stadt hinein, jeder an der nächstbesten Stelle. So eroberten sie die Stadt. Mit scharfem Schwert weihten sie alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel‘.

 

In Josua 8, das über die Vernichtung von Ai berichtet, erfahren wir weiterhin:

 

‚Du sollst es mit Ai und seinem König ebenso machen, wie du es mit Jericho und seinem König gemacht hast... Die Israeliten schlugen sie so vernichtend, dass keiner von ihnen mehr übrig blieb, der hätte entkommen und sich in Sicherheit bringen können. Als die Israeliten sämtliche Bewohner von Ai, die ihnen nachgejagt waren, ohne Ausnahme auf freiem Feld und in der Wüste mit scharfem Schwert getötet hatten und alle gefallen waren, kehrte ganz Israel nach Ai zurück und machte auch dort alles mit scharfem Schwert nieder. Es gab an jenem Tag insgesamt zwölftausend Gefallene, Männer und Frauen, alle Einwohner von Ai.

 

Diese beiden Berichte scheinen durchaus den Befehlen entsprechen, welche Gott Mose gegeben hatte. In dem Buch Deuteronomium Kapitel 13,10ff. lesen wir:

 

‚Wenn du aus einer deiner Städte, die der Herr, dein Gott, dir als Wohnort gibt, erfährst: Niederträchtige Menschen sind aus deiner Mitte herausgetreten und haben ihre Mitbürger vom Herrn abgebracht, indem sie sagten: Gehen wir und dienen wir anderen Göttern, die ihr bisher nicht kanntet und wenn du dann durch Augenschein und Vernehmung genaue Ermittlungen angestellt hast und sich gezeigt hat: Ja, es ist wahr, der Tatbestand steht fest, dieser Gräuel ist in deiner Mitte geschehen, dann sollst du die Bürger dieser Stadt mit scharfem Schwert erschlagen, du sollst an der Stadt und an allem, was darin lebt, auch am Vieh, mit scharfem Schwert die Vernichtungsweihe vollstrecken.

 

Alles, was du in der Stadt erbeutet hast, sollst du auf dem Marktplatz aufhäufen, dann sollst du die Stadt und die gesamte Beute als Ganzopfer für den Herrn, deinen Gott, im Feuer verbrennen. Für immer soll sie ein Schutthügel bleiben und nie wieder aufgebaut werden. Von dem, was der Vernichtung geweiht war, soll nichts in deiner Hand zurückbleiben, damit der Herr von seinem glühenden Zorn ablässt und dir wieder sein Erbarmen schenkt, sich deiner annimmt und dich wieder zahlreich macht, wie er es deinen Vätern geschworen hat‘.

 

Des Weiteren heißt es in Deuteronomium Kapitel 20,13ff.:

 

‘Wenn der Herr, dein Gott, sie in deine Gewalt gibt, sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen. Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen. Was du bei deinen Feinden geplündert hast, darfst du verzehren; denn der Herr, dein Gott, hat es dir geschenkt.

So sollst du mit allen Städten verfahren, die sehr weit von dir entfernt liegen und nicht zu den Städten dieser Völker hier gehören.

 

Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen. Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat.

 

Wiederum scheint dieser Bibeltext mit dem Glauben an einen gerechten und barmherzigen Gott in Widerspruch zu geraten. Hier erscheint Gott nur als rächender Gott, welcher nur insoweit gerecht ist, als er diejenigen bestraft, welche sich gegen ihn versündigt haben, wobei er jedoch in der Bestrafung nicht mehr danach unterscheidet, wer im Einzelnen schuldig und wer unschuldig ist; selbst unschuldige Männer, Frauen und Kinder werden entweder ebenfalls getötet oder dürfen vom Sieger als Sklaven gehalten werden.

 

Auch hier ließe sich dieser Widerspruch zwischen der Vorstellung eines gerechten und barmherzigen Gottes und der von Gott ausdrücklich geduldeten, sogar befohlenen Strafen dadurch lösen, dass man unterstellt, Josua und andere israelische Führer seien von dem Glauben ausgegangen, dass Gott diesen Befehl gegeben habe, dass genau nach den von Gott selbst erlassenen Vorschriften gehandelt worden sei, dass aber dieser Glaube falsch war, dass nur jene Teile der Bestrafung ganzer Völker dem Willen Gottes entsprachen, welche sündige Menschen tatsächlich der Gerechtigkeit zuführten.

 

Dass diese Art der Bestrafung überhaupt nicht dem entspricht, was wir vor allem auch im Neuen Testament über Sünden und geforderten Strafen erfahren, geht auch schon von der Weisung Jesu an seine Jünger hervor, jedem, der gegen uns gesündigt hat, zu verzeihen, falls dieser bereut und nicht nur einmal oder siebenmal, sondern siebenmal siebzigmal. Bei Matthäus 18,21f. heißt es: ‚Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.

 

Wenn Gott diese Haltung schon gegenüber seinen Gläubigen verlangt, um wie viel mehr können wir davon ausgehen, dass auch Gott selbst gegenüber denjenigen Menschen verfährt, welche gegen ihn gesündigt haben, aber ihre Tat ernsthaft bereuen.

 

 

7. Lösungsansätze

 

Wie lassen sich aber diese Widersprüche mit dem Glaubenssatz vereinbaren, dass der Heilige Geist darüber wache, dass die Glaubenswahrheiten unverfälscht weitergegeben werden? Eine mögliche Lösung dieses Problems bestünde darin, dass man diesen Wahrheitsanspruch nicht auf jede einzelne Aussage über den Glauben in der Bibel bezieht, sondern lediglich darauf, dass sich langfristig die Wahrheit in Glaubensfragen durchsetzt, dass also der Wahrheit letztendlich zum Durchbruch verholfen wird und dass keine der von Gott übermittelten Lehren endgültig verloren geht.

 

Bei einer solchen Interpretation kann durchaus zugegeben werden, dass einzelnen Personen, welche eine Botschaft Gottes erhielten oder solche Botschaften weitergegeben haben oder schließlich für die Aufnahme bestimmter Texte in den Kanon der Heiligen Schriften verantwortlich waren, in einem konkreten Einzelfall Fehler unterlaufen sind. Auch könnte man davon ausgehen, dass die eigentliche Botschaft Gottes in einem größeren Kontext aufgeschrieben wurde, wobei nicht der gesamte Inhalt der Darstellung zu diesen unverbrüchlichen Botschaften Gottes zählen muss.

 

Nehmen wir nochmals das oben erwähnte Beispiel der Opferung Issaks durch Abraham. Die eigentliche Kernaussage der Botschaft Gottes in diesem Zusammenhang wäre der Hinweis, dass Gott keine Menschenopfer wünscht. Dass Gott zunächst die Forderung nach Opferung von Isaak an Abraham erhoben habe, würde in diesem Falle nicht mehr unbedingt zu dieser Kernaussage zählen, sie würde lediglich dem damaligen Glauben, dass Gott solche Opfer verlange und sich nur durch solche Opfer gnädig erweise, entsprechen. Der Kern der Aussage bestünde eben gerade darin, dass diese damalige Meinung nicht dem Willen Gottes entspricht und korrigiert werden sollte.