Startseite

 

Ist eine Inflation für Vollbeschäftigung notwendig?

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Schädliche Sekundärwirkungen der derzeitigen Geldpolitik

3. Der empirische Befund

4. Aussagen der dynamischen Theorie

5. Parallelen zur keynesianischen Verschuldungspolitik

6. Die Gewinnformel

7. Empirische Überprüfung dieser Hypothesen

8. Schlussfolgerungen

 

 

1. Das Problem

 

Die Politik der Europäischen Notenbank verfolgt das Ziel, über eine jährliche Preissteigerung von 2%, also über eine leichte Inflation, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, um auf diese Weise Vollbeschäftigung zu erreichen.

 

Die Europäische Notenbank ist jedoch durch ihre Satzung zu Geldwertstabilität verpflichtet und sollte eben gerade deshalb jede Inflation – soweit wie immer nur möglich – vermeiden. Ihre Aufgabe besteht eben gerade nicht darin, Beschäftigungsziele zu verfolgen.

 

Wir haben eine Arbeitsteilung zwischen staatlicher Konjunkturpolitik und Geldpolitik der Notenbank. Beschäftigungspolitik als Teil der Konjunkturpolitik ist Aufgabe der Parlamente und Regierungen, welche im Gegensatz zu der Führungsspitze der Europäischen Notenbank vom Volk gewählt werden und deshalb auch in den allgemeinen Wahlen zum Parlament für ihre Entscheidungen zur Verantwortung gezogen werden.

 

Zwar ist die  Notenbank satzungsgemäß auch dazu verpflichtet, die Regierungen in Verfolgung ihrer Ziele zu unterstützen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Notenbank auch berechtigt ist, beschäftigungspolitische Ziele vorzugeben, dies ist alleinige Aufgabe der Regierungen und Parlamente, vielmehr hat die Notenbank im Zusammenhang mit beschäftigungspolitischen Zielen lediglich dafür Sorge zu tragen, dass die Beschäftigungspolitik der Regierung und der Parlamente durch die geldpolitischen Maßnahmen nicht behindert wird.

 

Die derzeitige Politik der Notenbank hat nämlich nicht nur – vermeintlich einen positiven – Einfluss auf die Beschäftigung, sie trägt im wesentlichen dazu bei, dass beachtliche negative Nebenwirkungen auf andere wirtschafts- und sozialpolitische Ziele ausgehen.

 

So trägt die Nullzinspolitik der Notenbank unter anderem dazu bei, dass die Absicherung der nicht mehr erwerbswirtschaftlichen älteren Personen durch zusätzliche Lebensversicherungen äußerst erschwert wird.

 

Aus dieser Sicht ist es auch völlig unverständlich, dass der Europäische Gerichtshof entschieden hat, die Europäische Notenbank habe mit ihrer Inflationspolitik die ihr vorgegebene Satzung nicht verletzt. Neuerdings wird sogar in der öffentlichen Diskussion der Begriff Geldwertstabilität einfach umdefiniert, so heißt es, das Ziel der Geldwertstabilität setze eben gerade voraus, dass das allgemeine Güterpreisniveau jährlich um 2% steige.

 

 

2. Schädliche Sekundärwirkungen der derzeitigen Geldpolitik

 

Ganz generell können wir davon ausgehen, dass jede Veränderung in den Preisverhältnissen in einer sonst funktionierenden Marktwirtschaft weg von einer optimalen Allokation führt. Zwar soll mit der inflationären Politik der Notenbank nicht das Preisverhältnis, sondern das allgemeine Preisniveau beeinflusst werden. Da jedoch die Preissteigerungen bei den einzelnen Gütern in unterschiedlichem Umfang sowie in einem unterschiedlichem Zeitpunkt stattfinden, wird bei inflationären Prozessen stets auch das Verhältnis der Preise zueinander negativ beeinflusst.

 

Aufgrund eines Zinssatzes, der kein Gleichgewicht mehr auf den Kapitalmärkten ermöglicht, wird die Aufteilung der knappen Ressourcen auf die Produktion der einzelnen Güter so verändert, dass vorwiegend kapitalintensive Produktionen angesteuert werden und dass gerade auf diesem Wege – ganz im Gegensatz zu den Zielsetzungen dieser Politik – wegen eines dann arbeitssparenden technischen Fortschritt nicht alle Arbeitskräfte eine Beschäftigung finden.    

 

Neben dieser allgemeinen Verzerrung der Produktionslenkung hat die expansive Geldpolitik der Notenbank aber vor allem bewirkt, dass in einzelnen Wirtschaftszweigen besonders große Schwierigkeiten eingetreten sind. Es ist dies einmal der Wohnungsmarkt, weiterhin der Markt für Lebensversicherungen sowie der Teil des Kapitalmarktes, der sich auf die Spareinlagen der privaten Haushalte bei den Privatbanken bezieht. Auch die Versorgung der Rentner wird auf diese Weise erschwert.

 

Wenden wir uns als erstes den durch eine verfehlte Geldpolitik ausgelösten Verwerfungen auf dem Wohnungsmarkt zu. Für Spareinlagen bei den Banken sowie für festverzinsliche Wertpapiere werden nahezu keine Zinseinnahmen mehr erwirtschaftet, der Habenzins hat in der Zwischenzeit eine so niedrige Höhe erreicht, dass der Sparer noch nicht einmal im Zins den Wertverlust ersetzt bekommt, der aufgrund jährlicher inflationärer Geldentwertung entstanden ist. Und dieser Umstand hat dazu geführt, dass die privaten Haushalte nach anderen Verwendungsarten ihrer Ersparnisse suchen, bei denen immer noch zumindest eine Verzinsung in Höhe der jährlichen Inflationsrate garantiert wird.

 

Zu diesen immer noch profitablen Kapitalanlagen zählen neben dem Goldmarkt vor allem auch die Vermögensanlage in Immobilien und hier wiederum in Wohnungen. Während in der Vergangenheit Geldanlagen im Wohnungssektor eine Rendite abwarfen, die eher unter dem üblichen Zinssatz lagen, stieg im Zusammenhang mit der expansiven Geldpolitik die Rentabilität von Wohnungen. Auch dann, wenn der Mietertrag – absolut gesehen – wie bisher gering ist, da das Wohnrecht mögliche Mieterhöhungen aus sozialen Gründen in starkem Maße begrenzt, müssen diese Anlagen derzeit als besonders attraktiv gelten, da die Grundstückpreise der Wohnungsanlagen im Zuge dieses Prozesses stark angestiegen sind.

 

Im Grunde handelt es sich hierbei um einen sich selbst bestätigenden Prozess. Weil der Wohnungsmarkt zu den ganz wenigen Märkten gehört, in denen für relativ sichere Kapitalanlagen eine überdurchschnittliche Rendite erzielt werden kann, haben in den letzten Jahren immer mehr Personen ihr Kapital in diesem Wirtschaftssektor angelegt. Dieser Umstand hat dazu geführt, dass die Nachfrage nach Wohnobjekten sprunghaft angestiegen ist. Mit den Preisen stieg automatisch auch die effektive Rendite an, da zu den Mieterträgen nun noch zusätzlich die Kursgewinne aufgrund der gestiegenen Grundstückpreise hinzukommen.

 

Dieser Anstieg in den Grundstückpreisen und damit in der effektiven Rendite beflügelte jedoch seinerseits die Nachfrage nach Immobilien und mit dem anhaltenden Anstieg in der Rendite wurde der Wohnungsmarkt zu einer immer lohnenderen Kapitalanlage. Die volkswirtschaftlich unerwünschte Nachfrage nach Wohnungen, die bei weitem die effektive Nachfrage nach Wohnungen um ein Vielfaches überstieg, löste somit einen sich selbst erhaltenden Prozess aus. Weil der Wohnungsmarkt als besonders attraktiv galt, wurden Marktprozesse ausgelöst, aufgrund derer Wohnungen auch in naher Zukunft als besonders rentabel gelten können.

 

Der Umstand, dass die Europäische Notenbank angekündigt hat, die außerordentliche Vermehrung der Geldmenge für anderthalb Jahre fortzusetzen, hat die weitere Folge, dass dieser sich selbst ernährende Prozess auf lange Zeit anhalten wird, dass es sich deshalb auch um risikoarme Kapitalanlagen im Wohnungsmarkt handelt.

 

An und für sich ist eine Politik, bei der sich die Notenbank auf langfristige Strategien festlegt, zu begrüßen, da einer der Gründe dafür, dass die keynesianische Politik des ‚go and stop‘ versagt hat, eben gerade darin lag, dass sie die Unsicherheit bei langfristigen Kapitalanlagen vergrößert und damit die Bereitschaft zur Investition eher verringert hat. Aber diese Vorzüge gelten natürlich nur für den Fall, dass sich die Politik auf Maßnahmen beschränkt, von denen vorwiegend positive Effekte ausgehen. Eine fehlerhafte Politik ist immer schlecht, vor allem dann, wenn sie auf lange Sicht beibehalten wird und es wäre besser, diese Politik so schnell wie möglich aufzugeben.

 

Die unerwünschte Kehrseite dieser Nachfragesteigerung auf dem Wohnungsmarkt liegt darin, dass mit der Nachfrage – wie auf allen Märkten – auch der Preis nicht nur der Grundstückpreise, sondern auch der Wohnungen ansteigt.

 

Gerade deshalb, weil das Wohnen in einer Wohnung zu den existenziellen Bedürfnissen aller Menschen gehört, versucht der Staat diese Entwicklung dadurch abzustoppen, dass er auf der einen Seite den Mietern einen weitgehenden Kündigungsschutz gewährt, auf der anderen Seite festlegt, dass sich die Mieten an gewissen ortsüblichen Preisen auszurichten haben und dass Mieterhöhungen pro Periode nur bis zu einer bestimmten kritischen Höhe überhaupt erlaubt sind.

 

Diese Maßnahmen sind jedoch nicht geeignet, eine befriedigende Lösung der Wohnungsknappheit herbeizuführen. Sie stellen ein Kurieren am Symptom dar, da sie in keinster Weise geeignet sind, die Knappheit zu überwinden. Eine echte Lösung wäre nur dann gegeben, wenn man sich zunächst nach den eigentlichen Ursachen dieser unerwünschten Ereignisse fragen würde und wenn man den Versuch unternehmen würde, diese Ursachen zu beseitigen.

 

Knappheit lässt sich jedoch nicht dadurch überwinden, dass man die eigentlichen Kräfte des Marktes, welche im Allgemeinen einen schnellstmöglichen Abbau der Knappheit bewirken, behindert oder sogar aufhebt. Die Preissteigerung, mit der ein freier Markt auf Nachfrageüberhänge und damit letztendlich auf Knappheit reagiert, hat den Sinn, diese Knappheit baldmöglichst zu überwinden. Eine Preissteigerung hat im Allgemeinen zur Folge, dass sowohl das Angebot steigt als auch die Nachfrage sinkt. So wird der Nachfrageüberhang von zwei Seiten aus bekämpft. Verhindert man diese zwar lästigen, aber notwendigen Preissteigerungen, trägt man nur zur Verewigung der Knappheit bei.

 

Eine echte Lösung liegt jedoch niemals vor, solange Knappheit vorherrscht. Wenn zu wenig Wohnungen vorhanden sind und die Politik vorwiegend allein damit antwortet, dass sie Preissteigerungen unterbindet, wird der Umstand, dass das Wohnungsangebot nicht ausreicht und dass deshalb auf jeden Fall Wohnungssuchende leer ausgehen, in keinster Weise beendet. Eine schnellstmögliche Überwindung dieser Knappheit käme allen am Wohnungsmarkt Beteiligten zugute.

 

Die eigentliche Ursache dieser unerwünschten Mietsteigerungen liegt – wie wir gesehen haben – darin, dass unter anderem durch eine verfehlte Geldpolitik der Notenbank und Konjunkturpolitik des Staates die Rentabilität der Investitionen im eigentlichen Produktionsbereich durch einen anhaltend zu geringen Zinssatz gedrosselt wurde und so die Kapitalanlage im Wohnungssektor zu den wenigen, noch rentablen Möglichkeiten geworden ist. Hier wäre anzusetzen, um die eigentliche Ursache der unerwünschten Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt zu beheben.

 

Natürlich kann und muss der Staat auf die Tatsache, dass auf diese Weise gerade für die Empfänger geringer Einkommen der Mietpreis über die Grenze angestiegen ist, welche für diese Bevölkerungsgruppe überhaupt tragbar ist, auch mit sozialpolitischen Maßnahmen reagieren, indem er z. B. den Einkommensgruppen, bei denen die Miete das tragbare Maß überstiegen hat, die schon bestehenden Mietzuschüsse angemessen erhöht und darüber hinaus, alle politisch verursachten Behinderungen einer baldmöglichsten Ausweitung des Wohnungsmarktes abbaut.

 

Eine solche Sozialpolitik würde darin bestehen, die Gleichgewichtskräfte des Marktes zu stärken und wäre deshalb auch marktkonform. Sie würde die augenblickliche Notlage der Mietsuchenden mildern, gleichzeitig aber schwergewichtig dafür Sorge tragen, dass das Ungleichgewicht und mit ihm die hierdurch verursachten Ungerechtigkeiten in Zukunft schneller als bisher abgebaut würden.

 

Ein weiterer Markt, welcher aufgrund der verfehlten expansiven Geldpolitik der Notenbank in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist der Markt für Lebensversicherungen. Die Leistungen gerade dieses Marktes sind jedoch für eine ausreichende Versorgung der älteren Menschen, welche nicht mehr erwerbsfähig sind und deshalb auch nicht erwerbstätig sein können, unerlässlich.

 

Vor allem die demographischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte haben dazu beigetragen, dass es äußerst schwierig ist, allein im Rahmen der gesetzlichen Rentenversicherung eine befriedigende, ausreichende Versorgung der Rentner zu gewährleisten. Die Bevölkerung stagniert weitgehend mit der Folge, dass sich unsere Volkswirtschaft ohne drastische Veränderungen in dieser Frage etwa in den 30er Jahren einem Zustand nähert, in dem jeder Erwerbstätige über seine Beiträge zur Sozialversicherung die Rente fast eines Rentners mitfinanzieren muss.

 

Diese Entwicklung würde es jedoch notwendig machen, dass entweder die Beiträge zur Sozialversicherung ein kaum zu ertragbares Niveau erreichen müssten oder dass die Rente ein Niveau erreicht, das unterhalb dem Existenzminimum liegt. Dass die Politik in der jüngsten Vergangenheit dazu beigetragen hat, dass fast die einzige einigermaßen befriedigende Lösung aus diesem Renten-Dilemma, nämlich die Anhebung der Erwerbszeit, dadurch verhindert wurde, dass sogar eine frühere Verrentung als bisher möglich wurde, hat diese Situation weiterhin verschärft.

 

Angesichts dieser fatalen Entwicklung hat es bisher zur Entschärfung der Problematik dazu beigetragen, dass zumindest ein großer Teil der Bürger entweder eine privatwirtschaftlich finanzierte Betriebsrente erhält oder von sich aus einen Lebensversicherungsvertrag abschließt und auf diese Weise eine zusätzliche Rente im Alter zur Verfügung hat.

 

Diese Möglichkeiten werden jedoch aufgrund der expansiven Geldpolitik der Notenbank stark behindert. Die Unternehmungen im Lebensversicherungsbereich haben in der Vergangenheit die Finanzierung dieser Renten insbesondere dadurch sichergestellt, dass sie die vereinnahmten Beitragssummen weitgehend in festverzinslichen, risikoarmen Wertpapieren angelegt haben. Wir haben jedoch gesehen, dass eine der Folgen der expansiven Geldpolitik darin besteht, dass das Zinsniveau bei diesen Anlagen fast auf null (auf ein Niveau deutlich unter einem Prozentsatz) abgesunken ist.

 

Dies bedeutet, dass die Lebensversicherungsunternehmungen nicht mehr in der Lage sind, die Auszahlung der Renten mit den Erträgen aus den festverzinslichen Wertpapiern zu finanzieren. Die Zinserträge sind gering, gleichzeitig müssen jedoch auch Kursverluste hingenommen werden, da eben die Reduzierung der Zinsen die Nachfrage nach diesen Wertpapieren verringert hat, was auf einem freien Markt notwendiger Weise zu Kursverlusten führt.

 

Die Situation der Lebensversicherer wird dadurch noch erschwert, dass der Gesetzgeber festgelegt hat, dass die Lebensversicherungen bei der Auszahlung der Renten einen bestimmten Mindestbetrag nicht unterschreiten dürfen, auch dann nicht, wenn die Zinserträge aus den festverzinslichen Wertpapieren nicht ausreichen, um diesen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.

 

Die Lebensversicherungsunternehmungen sind auch nicht in der Lage, die Gelder aus den vereinnahmten Beiträgen in risikoreichen Aktien anzulegen. Sie benötigen zur Auszahlung der monatlich anfallenden Renten eine sichere Geldanlage, nur so kann sichergestellt werden, dass bei einem Kurseinbruch der Aktien die laufenden Zahlungsverpflichtungen der Lebensversicherer auch erfüllt werden können.

 

Somit droht der Markt für Lebensversicherungen zusammenzubrechen. Die Renditen in Form von Renten, welche die Lebensversicherungsunternehmungen derzeit noch anbieten können, liegen kaum noch über den Geldbeträgen, die jemand monatlich abheben könnte, wenn er die zur Verfügung stehenden Spargelder nicht in Lebensversicherungspolicen anlegen würde, sondern einfach jeden Monat einen bestimmten Geldbetrag abheben und zum Verbrauch verwenden würde.

 

In der Vergangenheit war das Geschäft für den Abschluss von Lebensversicherungen rentabel für Versicherungsnehmer wie Versicherungsgeber. Da der einzelne Versicherte dann, wenn er seinen Lebensunterhalt im Alter durch Abheben der Sparsummen zu bestreiten versuchten würde, mit einem recht langen Leben rechnen muss, um bis zu seinem Tode abgesichert zu sein, kann eine Versicherung, welche eine Vielzahl von Lebensversicherungsgeschäften abschließt, von der durchschnittlichen Lebenserwartung ausgehen, welche naturgemäß wesentlich geringer ausfällt als die maximal mögliche Lebensdauer.

 

Diese Spanne ermöglichte es in der Vergangenheit den Versicherungsgebern eine im Durchschnitt höhere Rendite in Aussicht zu stellen als bei einer Eigenvorsorge erzielt würde und trotzdem noch Gewinne zu erzielen. Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Notenbank verhindert jedoch eine solche Finanzierung weitgehend.

 

 

3. Der empirische Befund

 

Die These, dass nur bei einem Anstieg im Güterpreisniveau von etwa 2% mit einem Abbau der Arbeitslosigkeit gerechnet werden kann, geht zumeist darauf zurück, dass in empirischen Untersuchungen eine Korrelation zwischen Beschäftigungsrückgang und Preissteigerungen nachgewiesen wurde. In der Tat kann man davon ausgehen, dass in Zeiten der Depression und Rezession hohe Arbeitslosigkeit mit geringen Preissteigerungen, bisweilen sogar Preissenkungen einhergeht, während in Zeiten der Hochkonjunktur die geringste Arbeitslosigkeit mit gleichzeitig steigenden Preisen und Gütermengen verbunden ist.

 

Es ist jedoch falsch, allein aus der gleichzeitigen und gleichgerichteten Entwicklung von Preis- und Beschäftigungszahlen den Schluss zu ziehen, dass die Steigerung in der einen Größe (hier also im Preisniveau) die Reduzierung in der anderen Größe (in der Arbeitslosigkeit) verursacht habe. Denkbar ist immer auch der umgekehrte Zusammenhang, in unserem Fall also dass zunächst aus irgendwelchen Gründen die Beschäftigung steigt und dass deshalb, weil die Ausweitung der Produktion Zeit benötigt, vorübergehend (bis zur Erweiterung der Produktionskapazität) die Güterpreise steigen.

 

Eine solche andersgerichtete Beziehung zwischen Preis und Gütermenge wird ja auch im Rahmen der Mikroökonomie behauptet. So sind beide Aussagen, obwohl sie sich rein äußerlich widersprechen, richtig. Erste Feststellung: Eine Preissteigerung eines Konsumgutes veranlasst die Konsumenten, von diesem Gut weniger nachzufragen, die Unternehmer passen sich dieser Entwicklung an und reduzieren ihr Angebot. Zweite Aussage: Eine Steigerung der Nachfrage führt zu Preissteigerungen und diese Entwicklung führt zu einer Ausweitung der Produktion dieses Gutes.

 

Dass beide Aussagen trotz des scheinbaren, aber eben nicht wirklichen Widerspruches richtig sind, lässt sich anhand eines Angebots- Nachfragediagramms zeigen. Wir tragen auf der Abszisse die nachgefragte und angebotene Gütermenge ab, auf der Ordinate lesen wir den jeweiligen Preis ab.

 

Wir zeichnen in dieses Diagramm eine (positiv geneigte) Angebotskurve sowie eine (negativ geneigte) Nachfragekurve ein. Beide Linien unterrichten darüber, wie groß das Angebot und die Nachfrage bei alternativen Preisen ausfällt. Der Schnittpunkt beider Kurven markiert das Gleichgewicht, also bestimmt die Preishöhe und Gütermenge, bei welcher der Markt geräumt wird. Unter normalen Bedingungen können wir davon ausgehen, dass die Marktkräfte von sich aus dahin tendieren, Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage abzubauen.

 

 

 

Wir gehen nun davon aus, dass auf diesem Markt zunächst ein Gleichgewicht bei dem Preis p1 und x1 besteht und dass nun aufgrund einer Änderung in der Bedarfsstruktur die (grüne) Nachfragekurve nach rechts oben verschoben wird. Das neue Gleichgewicht liegt nun bei der Gütermenge x2 und dem Preis p2. Hier gilt also der Satz: Eine Nachfragesteigerung führt zu einer Preissteigerung.

 

Gleichzeitig zeigt diese Graphik aber auch, dass die Preissteigerung zu einem Rückgang in der Nachfrage führt, bei dem alten Preis p1 wurde die Menge x1, bei dem neuen Preis p2 hingegen wird nun die Menge x3 nachgefragt. Und dies bedeutet, dass der Preisanstieg zu einer Reduzierung der Nachfrage geführt hat.

 

Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn wir berücksichtigen, dass im ersten Fall eine Verschiebung der Nachfragekurve angesprochen wird, während im zweiten Fall eine Bewegung auf der bestehenden Nachfragekurve zur Diskussion steht.

 

Ganz generell gilt: Die Bedeutung empirischer Untersuchungen wird oftmals überschätzt. Die eigentliche Aufgabe empirischer Untersuchungen besteht darin, den Wahrheitsgehalt gewisser Theorien zu überprüfen. Am Anfang hat also eine Hypothese zu stehen, welche einen ursächlichen Zusammenhang zwischen zwei oder mehreren Variablen behauptet. Es ist jedoch nicht erfolgsprechend, empirisch alle möglichen Korrelationen zwischen Variablen in einem ersten Schritt zu testen und dann, wenn eine Korrelation in einer empirischen Untersuchung nachgewiesen wurde, daraus eine neue Hypothese abzuleiten, die auf diese Weise als empirisch bestätigt zu gelten habe.

 

Wie abwegig eine solche Vorgehensweise (in einem ersten Schritt empirische Korrelationen aufzuzeigen und daraus in einem zweiten Schritt neue Hypothesen abzuleiten) ist, zeigt die Erfahrung. Empirisch gesehen wurden bereits alle möglichen Korrelationen nachgewiesen. So z. B. auch der Nachweis einer Korrelation zwischen dem Vorkommen von Störchen und der Geburt von Babys.

 

Kein vernünftiger Mensch wird deshalb das Ammenmärchen, dass Storche die Geburt von Kindern herbeiführen, als empirisch bestätigt ansehen. Diese Korrelation war nur möglich, weil während des Beobachtungszeitraumes rein zufällig ein bestimmtes Ereignis stattfand, welches sowohl den Umfang der Storchenpopulation als auch der Menschen positiv beeinflusst hat. Irgendein direkter Zusammenhang zwischen dem Vorkommen von Störchen und der Geburtenrate von Kindern besteht selbstverständlich nicht.

 

Machen wir uns die Absurdität einer solchen Schlussfolgerung an folgendem Beispiel klar. Vater und Sohn setzen sich zusammen und betrinken sich, in dem sie zehn Gläser eines hochprozentigen Schnapses zu sich nehmen. Beide Individuen sind in Folge heillos betrunken. Rein äußerlich sind also hier Vater und Sohn zur gleichen Zeit und auch in gleichem Umfang betrunken. Aber es ist klar, dass damit keineswegs auch bewiesen ist, dass immer dann, wenn der Vater sich betrinkt, auch der Sohn betrunken ist. Betrunken wird der Sohn vielmehr nur dann, wenn er sich selbst betrinkt, unabhängig davon, ob sich sein Vater ebenfalls betrinkt. Und das Betrunkensein beider Personen konnte nur beobachtet werden, weil  beide Individuen den Beschluss fassten, sich zu betrinken.

 

 

4. Aussagen der dynamischen Theorie

 

Wenden wir uns einer weiteren Begründung zu, dass Preissenkungen einen Konjunkturrückschlag verursachen. Natürlich ist es vordergründig richtig, dass die Erwartung einer baldigen Preissenkung dazu führt, dass diejenigen Individuen, welche dieses Gut konsumieren möchten – falls überhaupt möglich – die Preisentwicklung abwarten und ihre Nachfrage erst in der nächsten oder vielleicht sogar übernächsten Periode ausüben, wenn dann die Preise tatsächlich gefallen sind. Da sie in diesem Falle die gleiche Gütermenge für weniger Geld erhalten, können sie durch diese zeitliche Verschiebung der Nachfrage einen Nutzenzuwachs erzielen und es wundert deshalb nicht, dass in der Realität die Nachfrage angesichts der Erwartung, dass die Preise in der nächsten Periode sinken werden, zunächst reduziert wird.

 

Hierbei handelt es sich jedoch um ein einmaliges Ereignis und um ein Verhalten auf der Ebene eines einzelnen Marktes. Aus dieser Beobachtung folgt keineswegs, dass diese Gesetzmäßigkeit auch dann noch gilt, wenn langfristig, also Periode für Periode und zusätzlich nicht nur für einen einzelnen Markt, sondern für die gesamte Volkswirtschaft Preissenkungen erwartet werden.

 

So einleuchtend es ist, dass bei einmaliger Erwartung einer Preissenkung und einer Beschränkung dieser Erwartung auf einen oder auch einige wenige Märkte mit einer vorübergehenden Einschränkung in der Nachfrage nach Gütern zu rechnen ist, diese Überlegungen verlieren ihre Begründung, wenn man diese Erwartungen als dauerhaftes und gesamtwirtschaftliches Phänomen begreift.

 

Als erstes muss darauf hingewiesen werden, dass die Erwartung einer Preissenkung nur zu einer kurfristigen Verschiebung und keineswegs zu einer langfristig anhaltenden Verminderung der Nachfrage führt. Auf lange Sicht sinkt die Nachfrage gerade nicht aufgrund der erwarteten Preissenkung. In diesem Falle würden sich die Unternehmer jedoch ausgesprochen irrational verhalten, wenn sie aufgrund des einmaligen Rückgangs in der Nachfrage die Produktion drosseln würden.

 

Man wird zwar erwarten können, dass ein Unternehmer dann, wenn er zum ersten Mal mit diesem Phänomen (erwartete Preissenkungen führen zu einem Rückgang in der Nachfrage dieser Güter) konfrontiert wurde, mit einem Rückgang in der Produktion antworten würde.

 

Wenn aber dann die Nachfrage in der nächsten Periode nachgeholt wird, muss derselbe Unternehmer feststellen, dass er wegen Drosselung der Produktion in der Vorperiode gar nicht in der Lage ist, die in der nächsten Periode nachgeholte Nachfrage befriedigen zu können. Er wird also – wenn technisch irgendwie möglich – die Produktion nicht einschränken, sondern auf Lager nehmen, um den zusätzlichen Bedarf in der nächsten Periode auch befriedigen zu können.

 

Zweitens würde sich ja der Rückgang in der Nachfrage aufgrund der Erwartung von Preissenkungen lediglich auf die erste Periode beziehen. In der zweiten und jeder folgenden Periode, würde ja zusätzlich zu der laufenden Nachfrage die unterlassene Nachfrage der Vorperiode nachgeholt werden müssen. Würde nun auch der heute anfallende Konsum wiederum verschoben, würde trotzdem per Saldo die Nachfrage – ceteris paribus natürlich – ihr bisheriges Niveau erreichen.

 

Würden drittens die Konsumenten jedoch ihre Nachfrage immer weiter in die Zukunft verschieben wollen, würden sie schlichtweg umkommen. Der Konsum einzelner lebenswichtiger Güter kann zwar für eine kurze Zeit, aber eben nicht auf Dauer verschoben werden.

 

Wenn man nun einwenden wollte, dass dieses beschriebene Verhalten der Unternehmer (die augenblicklich nicht abzusetzenden Waren auf Lager zu nehmen) ja nicht bei allen Gütern möglich ist, da bestimmte Waren gar nicht lagerfähig sind, gilt dies gleichermaßen für die Konsumenten: Gerade weil diese viertens gar nicht in der Lage sind, über eine längere Zeit hin auf lebenswichtige Güter zu verzichten, können sie eine zeitliche Verschiebung der Nachfrage nur bei denjenigen Waren überhaupt praktizieren, die in irgendeiner Weise lagerfähig sind oder den Charakter eines Investitionsgutes aufweisen.

 

Fünftens schließlich gelten diese Gefahren ja nur dann, wenn die Preise sinken. Die Satzung der Notenbank verlangt ja nicht, dass die Güterpreise abgesenkt werden sollen, es wird lediglich gefordert, keine allgemeine Steigerung in den Güterpreisen zu verfolgen. Wenn die Preise konstant bleiben, gibt es auch keinen Grund dafür, dass die Konsumenten ihre Nachfrage verschieben. Sie gewinnen nichts dadurch, dass sie ihren Konsum in die nächste Periode verschieben, sie erleiden jedoch auf jeden Fall einen Nutzenverlust, wenn sie ohne nähere Gründe auf den heutigen Konsum verzichten würden.

 

Machen wir uns diese Zusammenhänge anhand eines Beispieles klar. Ein Haushalt konsumiere von einem bestimmten Gut pro Periode 100 Gütereinheiten. Da er nun erwarte, dass der Preis dieses Gutes in der nächsten Periode fällt, beschließt er, seine heutigen Einkäufe auf die nächste Periode zu verschieben, sagen wir um 20 Einheiten, sodass er in der heutigen Periode statt normal 100 nur 80 Einheiten nachfragt. Er tut dies aber nicht deshalb, weil er seine Konsumgewohnheiten verändert hat und nun stets von diesem Gut weniger konsumieren will, er will langfristig weiterhin 100 Einheiten konsumieren, er will nur seinen Konsum teilweise in die Zukunft verschieben.

 

In der nächsten Periode hat dieser Konsument den in der Vorperiode unterlassenen Einkauf von 20 Gütereinheiten nachzuholen, also entfaltet er in dieser Periode eine Nachfrage von insgesamt 120 Einheiten. Würde er nun auch wiederum für die nächste 3. Periode eine (gleich große) Preissenkung erwarten, würde er wiederum den Einkauf von 20 Gütereinheiten auf die nächste 3. Periode verschieben, sodass er per Saldo nun in der 2. Periode 100 (120 - 20) Gütereinheiten nachfragt.

 

Dies gilt auch ceteris paribus, das heißt wenn keine zusätzlichen Datenänderungen eintreten, für jede weitere Periode. Auf lange Sicht hat sich also die Konsumnachfrage aufgrund der Erwartung fallender Preise nicht verringert, auch dann nicht, wenn für jede weitere Periode eine Preissenkung erwartet wird.

 

Mutatis mutandis gelten diese Schlussfolgerungen sinngemäß auch für den entgegengesetzten Fall, dass die Konsumenten demnächst eine Preissteigerung erwarten. Kurzfristig und beschränkt auf einen einzelnen Markt führt die Erwartung eines baldigen Preisanstieges in der Tat zu einer Mehrnachfrage. Es lohnt sich für den Konsumenten bei Erwartung steigender Preise auch heute schon den Konsum der nächsten Periode durch zusätzlichen Einkauf abzudecken.

 

Aber auch hier gilt wiederum, dass diese (kurzfristig und auf einen einzelnen Markt beschränkten) richtigen Schlussfolgerungen nicht ohne Weiteres auf gesamtwirtschaftliche Phänomene und auf in jeder Periode zu erwartende Preissteigerungen übertragen werden können. Hier gilt, dass in den zukünftigen Perioden per Saldo eine Kompensation und damit auch keine Nachfragesteigerung stattfindet. In der Periode 2 wird zwar wiederum der Konsum der Periode drei wegen der Erwartung weiterer Preissteigerungen vorweggenommen, gleichzeitig ist jedoch der Bedarf an Einkäufen in Periode 2 auch geringer, da ja der Einkauf für den heutigen Bedarf bereits in der Vorperiode vorweggenommen wurde.

 

Wollte hingegen der Haushalt auf diese Kompensation verzichten und stets zusätzliche Waren aufkaufen, fände dieser Prozess sehr bald sowohl wegen seinem begrenzten Einkommen als auch in den zumeist begrenzten Lagermöglichkeiten zwangsweise ein Ende. Wir können also bei einer langfristigen und gesamtwirtschaftlichen Betrachtung nicht davon ausgehen, dass zumindest aufgrund dieser Zusammenhänge über einen inflatorischen Prozess eine nachhaltige Konjunkturbelegung erwartet werden kann.

 

Machen wir uns auch diese Gedankengänge anhand eines Beispieles klar. Die Tatsache, dass (aufgrund der Nullzinspolitik der Notenbank) Preissteigerungen erwartet werden, wird nun dazuführen, dass in der ersten Periode zu den üblichen Einkäufen von 100 Gütereinheiten zusätzlich sagen wir 20 Einheiten nachgefragt werden. Aber gerade aus diesen Gründen müssen in der 2. Periode 20 Gütereinheiten weniger nachgefragt werden, der Haushalt hat ja diese 20 Einheiten bereits in der Periode 1 vorweg gekauft.

 

Und wenn nun wiederum auch für Periode 3 Preissteigerungen erwartet werden (Herr Draghi will ja seine Nullzinspolitik fortsetzen, sein Ziel besteht darin, für jedes Jahr eine Preissteigerung von 2% anzusteuern), wird dieser Konsument auch dieses Mal wiederum 20 Einheiten schon in der 2. Periode zusätzlich nachfragen, welche er in Wirklichkeit aber erst in der 3. Periode benötigt. Also wird er ab Periode 2 per Saldo 80 + 20 = 100 Gütereinheiten nachfragen. Auch hier gilt also das für erwartete Preissenkungen Gesagte, nur eben mit umgekehrten Vorzeichen. Die Nachfrage vergrößert sich auf lange Sicht eben gerade nicht.

 

 

5. Parallelen zur keynesianischen Verschuldungspolitik

 

In der Öffentlichkeit wird zumeist davon ausgegangen, dass sich die Forderung, die Vollbeschäftigung durch eine inflatorische Geldpolitik zu erreichen, auf Keynes zurückführen lässt. Dies muss jedoch bezweifelt werden. Zumindest Keynes selbst hat sich gerade nicht für eine expansive Geldpolitik ausgesprochen.

 

Ganz im Gegenteil war Keynes davon überzeugt, dass die klassische Geldpolitik, welche durch Zinssenkungen die Investitionsnachfrage anzureizen versuchte, versage, da die Unternehmer in Zeiten des Konjunkturrückgangs auch bei noch so großen Zinssenkungen nicht bereit seien, ihre Investitionsausgaben auszuweiten, und zwar deshalb nicht, weil sie in dieser Konjunkturphase ohnehin wegen zurückgehender Konsumnachfrage überschüssige Produktionskapazitäten aufweisen würden, sodass es nicht sinnvoll wäre, über eine Zunahme des Investitionsvolumens die Produktionskapazitäten um ein Weiteres zu erweitern.

 

Gerade aus dieser Erkenntnis heraus erwuchs ja der Grundgedanke der Keynesianischen Revolution, die Konjunktur nicht mehr wie bisher durch eine expansive Geldpolitik, sondern dadurch anzuregen, dass der Staat über ein Defizit im Staatsbudget die Nachfrage nach Gütern unmittelbar anhebt.

 

Güterpreissteigerungen waren für Keynes nicht geeignete Mittel, um die Nachfrage anzukurbeln, er ging allenfalls davon aus, dass Preissteigerungen als Folge eines Konjunkturaufschwungs zu erwarten seien.

 

Sehr wohl hatte sich Keynes gegen die bewusste Deflationspolitik (Brünings in Deutschland und Hoovers in den USA) anfangs der Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts ausgesprochen. Er wies daraufhin, dass allgemeine Preissenkungen nicht in der Lage seien, die Nachfrage und damit die Konjunktur zu beleben.

 

Man müsse nämlich berücksichtigen, dass eine Preissenkung nur dann einen nachfragesteigernden Effekt zur Folge habe, wenn das Einkommen konstant bleibe. Eine generelle Deflation führt aber notwendiger Weise über einen Rückgang in den Erlösen zu einer Reduzierung der Einkommen und diese bewirke ebenfalls einen Rückgang in der Nachfrage. Es ist also damit zu rechnen, dass die durch Preissenkungen hervorgerufenen partiellen Nachfragesteigerungen dadurch wiederum kompensiert und damit aufgehoben werden, dass auch die Einkommen zurückgehen.

 

Im Grunde ergibt sich der nachfragesteigernde Effekt einer Preissenkung aus einer mikroökonomischen Betrachtung eines Einzelmarktes, während sich die Frage nach dem Einfluss auf die Konjunktur auf ein gesamtwirtschaftliches Phänomen bezieht, bei dem die Kreislaufzusammenhänge nicht vernachlässigt werden dürfen. Prinzipiell wirkt eine Preissenkung natürlich auch auf einem Einzelmarkt auf die Einkommenshöhe, diese Wirkung ist jedoch in aller Regel bei einer Beschränkung auf einen Einzelmarkt so gering, dass sie vernachlässigt werden kann, ohne das Gesamtergebnis zu verfälschen.

 

Gesamtwirtschaftlich gesehen können Änderungen in den wirtschaftlichen Variablen immer nur dann überhaupt Einfluss auf die wirtschaftliche Aktivität nehmen, wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve (Investitions- wie Ersparniskurve) verändert werden. Nur dann ergibt sich ein neuer Gleichgewichtspunkt bei einer veränderten Inlandsprodukt. Werden diese beiden Kurven hingegen nicht verschoben, wird der Marktprozess über kurz oder lang zu dem bisherigen Ungleichgewichtspunkt zurückkehren.

 

Soweit Keynes. Es gibt jedoch keinen Grund dafür, dass diese an und für sich richtigen Schlussfolgerungen nicht mehr gelten, wenn man nach den gesamtwirtschaftlichen Wirkungen von Preissteigerungen fragt. An keiner Stelle bezog sich die keynesianische Argumentation auf ein Phänomen, das nur in  der einen Richtung (Preissenkungen) Wirkung zeigt. Die keynesianische Argumentation hebt darauf ab, dass Veränderungen im Preisniveau (gleichgültig in welche Richtung) die Lage der relevanten Nachfragefunktionen unberührt lassen. Somit lassen sich die Schlussfolgerungen von Keynes auch auf die Wirkung inflatorischer Prozesse übertragen.

 

 

6. Die Gewinnformel

 

Befassen wir uns nun etwas ausführlicher mit der Frage,  inwieweit Preissteigerungen in der Lage sind, die wirtschaftliche Aktivität und damit auch die Konjunktur anzukurbeln. Wir wollen wissen, ob Preissteigerungen notwendig sind, um Arbeitslosigkeit zu beseitigen und ob weiterhin Preissteigerungen ausreichen, um ein Ansteigen der Konjunktur auszulösen.

 

Zunächst gilt es festzustellen, dass die Güterpreise nicht in direkter Weise die wirtschaftliche Aktivität der Unternehmer beeinflussen. Zwischen Preisniveau und Produktionsmenge besteht nur ein indirekter Zusammenhang.

 

Dieser Zusammenhang ergibt sich daraus, dass die Gewinnsumme einer Unternehmung unter anderem auch von der Preishöhe abhängt. Entscheidend ist aber, dass auch andere Faktoren die Gewinnhöhe bestimmen und dies bedeutet zweierlei. Erstens ist eine Preissteigerung keine notwendige Voraussetzung für einen Konjunkturaufschwung, die Konjunktur kann auch auf auf anderem Wege als über Preissteigerungen angekurbelt werden. Und diese Erkenntnis gewinnt immer dann an Bedeutung, wenn Preissteigerungen unabhängig von ihrer Wirkung auf die Konjunkturlage andere wirtschaftspolitische Ziele negativ beeinflusst. Dies ist in der Tat wie gezeigt der Fall. Jede inflationäre Bewegung führt zu unerwünschten Veränderungen in der Allokation sowie in der Einkommensverteilung.

 

Zweitens kann eine Preissteigerung nur dann einen Zuwachs in der wirtschaftlichen Aktivität bewirken, wenn die anderen Größen, welche in die Gewinnsumme eingehen und somit die wirtschaftliche Aktivität beeinflussen, nicht gerade durch die ausgelöste Preissteigerung so verändert werden, dass von diesen anderen Faktoren partiell negative Einflüsse auf die wirtschaftliche Aktivität ausgehen, welche ihrerseits die anfänglich positiven Effekte der Preissteigerung wiederum aufheben. Wir werden unten zeigen, dass genau mit dieser Gefahr gerechnet werden muss.

 

Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist also die These, dass die wirtschaftliche Aktivität der Unternehmer von der jeweiligen Gewinnerwartung abhängt. Das wichtigste Motiv einer Unternehmung, die Produktion eines Gutes aufzunehmen, liegt eben gerade darin, Gewinne zu erzielen. Auch dann, wenn ein Unternehmer seine wirtschaftliche Aktivität aus anderen Motiven heraus begonnen hätte, der harte Konkurrenzkampf der Unternehmer untereinander zwingt die Unternehmer, alle möglichen Gewinnsteigerungen auszunutzen, da er sonst sehr schnell die Gefahr läuft, wegen anhaltender Verluste Konkurs zu gehen.

 

Nur ein Monopolist kann sich im Markt halten, wenn er seine Produktion nicht an den Gewinnmöglichkeiten ausrichtet und die Produktion einzelner Güter auch dann aufrecht erhält, wenn die Produktion dieser Güter keinen Gewinn abwirft. Monopole müssen jedoch auf jeden Fall soweit wie immer möglich vermieden und bekämpft werden, weil nur unter Konkurrenzbedingungen die Produktion am  Bedarf optimal ausgerichtet wird.

 

Die Gewinnsumme (G) wird nun definiert als Differenz zwischen den Erlösen der Unternehmungen (e) und den jeweils anfallenden Kosten. Die Erlössumme versteht sich hierbei als Produkt zwischen Güterpreis (p) und abgesetzter Gütermenge (x). Da vor allem bei einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung, die uns hier allein interessiert, damit gerechnet werden muss, dass nicht nur ein einziges Produkt, sondern eine Vielzahl von Gütermengen von den Unternehmungen angeboten wird, müssen wir für jede einzelne Güterart das Produkt aus Preis mal Menge berechnen und diese partiellen Produkte (p * x) zu einer einzigen Größe addieren. Die gesamtwirtschaftliche Erlössumme (E) lässt sich hier vereinfachend als Produkt aus durchschnittlichem Preisniveau (P) und Inlandsprodukt (X) ausdrücken.

 

Wenden wir uns nun der Kostenseite zu. Auch hier müssen wir bei einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung von einer Vielzahl von Kostenelementen ausgehen, so haben Unternehmungen z. B. Rohstoffe und Halbfabrikate einzukaufen, sie stellen weiterhin zahlreiche Arbeitnehmer ein und haben diesen einen Lohn zu zahlen, weiterhin müssen Zinsen für geliehenes Kapital sowie Mieten für eingesetzte Grundstücke gezahlt werden, schließlich gilt es Abschreibungen für die bei der Produktion benötigten Anlagen in Rechnung zu stellen.

 

Wiederum gilt auch für die Kostenseite, dass die gesamtwirtschaftliche Kostensumme als eine Summe der bei den einzelnen Unternehmungen anfallenden Kosten verstanden wird. Es ist nun zweckmäßig, diese recht komplexe Größe etwas zu vereinfachen, um die zugrundeliegenden Zusammenhänge besser zu erkennen.

 

Wir können als erstes von den Einkäufen für Rohstoffe und Halbfabrikate absehen, da ja jedem Kauf seitens einer Unternehmung ein Verkauf in der gleichen Wertsumme einer anderen Unternehmung entspricht, sodass sich bei einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung die Wertsummen für Käufe und Verkäufe dieser Güter gerade kompensieren und somit in der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung den Wert null ergeben.

 

Des Weiteren wollen wir der Einfachheit halber die anfallenden Zinsen und Mieten den Unternehmungsgewinnen zurechnen. In der Tat fällt der größte Teil der Zins- und Mieteinnahmen den Selbstständigen zu. Wenn wir der Einfachheit halber die den Arbeitnehmern zufallenden Zins- und Mieteinnahmen unberücksichtigt lassen, wird das Ergebnis nicht wesentlich verfälscht, lässt aber sehr viel besser als bei einer exakten Berechnung die wesentlichen Zusammenhänge zwischen den Güterpreisen und der Gewinnsumme erkennen. Auch die Abschreibungen zählen zu den Ausgaben im Zusammenhang mit dem Kapitaleinsatz.

 

Als gesamtwirtschaftliche Kostensumme (K) bleibt somit nur noch die den Arbeitnehmern ausgezahlten Lohnsumme (L) übrig. Die gesamte Lohnsumme (L) ergibt sich hierbei aus dem Produkt von Lohnsatz (l) und Arbeitsmenge pro Zeiteinheit (a). Auch gilt es wie auf der Erlösseite dieses Produkt (l * a) für jeden einzelnen beschäftigten Arbeitnehmer zu ermitteln und diese partiellen Produkte dann zu einer Gesamtzahl (L) zu addieren.

 

Wir können also für die gesamtwirtschaftliche Gewinnsumme (G) folgende Formel feststellen:

 

G = P * X - l * A

 

 

Bereits aus dieser einfachen Definitionsgleichung ergibt sich, dass die Gewinnsumme zwar von der Höhe der Güterpreise abhängt, dass aber neben dem Preis auch noch andere Faktoren den Gewinn bestimmen. Wenn wir also nach der Entwicklung in den Gewinnen fragen, reicht es nicht aus, lediglich die Entwicklung in den Güterpreisen zu verfolgen, wir müssen zusätzlich auch nach den Veränderungen in den anderen relevanten Variablen (Gütermenge, Lohnsatz sowie Anzahl der Arbeitsstunden pro Zeiteinheit) fragen, wir haben  vor allem zu klären, welche Beziehungen zwischen diesen den Gewinn bestimmenden Variablen bestehen, um uns ein Urteil zu bilden, wie sich eine politisch ausgelöste Preissteigerung auf den Gewinn und damit letzten Endes auf die wirtschaftliche Aktivität der Unternehmer auswirkt.

 

Um die tatsächlichen Zusammenhänge besser zu erkennen, wollen wir unsere Formel etwas umstrukturieren. Wir fragen danach, unter welchen Bedingungen der Gewinn konstant bleibt oder sich verändert. Aus der Definitionsgleichung ergibt sich die Feststellung, dass der Gewinn gerade dann gleich bleibt, wenn sich Erlös und Kosten entsprechen:

 P * X = l * A

 

Wir dividieren in diesem Ausdruck (P * X - l * A) beide Glieder durch l (den Lohnsatz):

p/l * x = 1 * A

 

Weiterhin dividieren wir beide Glieder durch A (Arbeitsmenge) und erhalten:

p/l * X/A = 1  bzw.     

 

 

Wir erhalten also zwei Variablen, welche die Höhe des Gewinnes letztendlich bestimmen: das Preis/Lohn-Verhältnis (p/l) sowie das Einsatzverhältnis X/A). Das Preis/Lohn-Verhältnis stellt den reziproken Wert des Reallohnes (l/p = lr) dar, während das Einsatzverhältnis (X/A) die Arbeitsproduktivität (pi) bestimmt, also Auskunft darüber gibt, welche Produktmenge (X) im Durchschnitt mit einer Arbeitseinheit (A) erreicht wird.

 

Wir kommen also zu folgendem Ergebnis: Die Gewinnsumme bleibt genau dann konstant, wenn der Reallohn der Arbeitsproduktivität, bzw. die Steigerungsrate des Lohnsatzes dem Zuwachs der Arbeitsproduktivität entspricht. Und eine Gewinnsteigerung (Gewinnminderung) ist immer dann zu erwarten, wenn der Reallohn in geringerem (größerem) Maße ansteigt als die Arbeitsproduktivität.

 

Für die Frage, wie sich eine Preissteigerung auf die Gewinnsumme und damit auf die wirtschaftliche Aktivität auswirkt, bedeutet dies folgendes:

 

Eine Preissteigerung wird sich nur dann gewinnsteigernd (und damit konjunkturbelebend) auswirken, wenn (bei konstanter Arbeitsproduktivität) die Lohnsätze im Durchschnitt in geringerem Maße als die Preise angehoben werden, wenn also mit anderen Worten der Reallohn sinkt.

 

Eine solche Annahme ist jedoch auf lange Sicht äußerst unwahrscheinlich. Im Allgemeinen ist vielmehr damit zu rechnen, dass die Gewerkschaften eine solche Entwicklung auf lange Sicht nicht hinnehmen werden, da eine Verringerung der Reallöhne auf der einen Seite bedeutet, dass die Arbeitnehmer mit ihrem gleichbleibendem Nominallohneinkommen weniger Konsumgüter erwerben können, also absolute Wohlfahrtsverluste erleiden und da auf der anderen Seite auch der Anteil der Lohneinkommen am Inlandsprodukt, die sogenannte Lohnquote, sinkt und damit auch die relative Position der Arbeitnehmer verschlechtert würde.

 

Die Gewerkschaften werden also über kurz oder lang in den anschließenden Tarifverträgen eine Anpassung der Nominallohnsätze an die Preissteigerungen fordern und im Allgemeinen können wir durchaus damit rechnen, dass die Gewerkschaften diese Anpassung der nominellen Lohnsätze auch erzwingen können, notfalls durch einen Streikaufruf.

 

Dies bedeutet aber, dass eine Preiserhöhung in aller Regel zumindest langfristig nicht zu einer Zunahme in der Gewinnsumme und damit auch nicht zu einem konjunkturellen Aufschwung führen wird. Sie ist also dann auch in der Regel höchst ineffizient. Und dies bedeutet, eine Preiserhöhung allein reicht nicht aus, um die erwünschte Wirtschaftsbelebung zu erzielen, es bedarf zusätzlich der Bereitschaft der Gewerkschaften, sich mit einer Reduzierung des Reallohnes zufrieden zu geben.

 

Ganz davon abgesehen, dass es in Wirklichkeit sehr unwahrscheinlich ist, dass die Gewerkschaften diese Wohlfahrtsverluste ihrer Mitglieder hinnehmen werden, auch aus Gerechtigkeitsgründen dürften erhebliche Bedenken bestehen, ob eine Belebung der Konjunktur tatsächlich damit erkauft werden sollte, dass das Reallohneinkommen und die Lohnquote herabgesetzt werden.

 

Und diese Bedenken gelten vor allem dann, wenn es auch andere Wege gibt, die erwünschte Konjunkturbelebung zu erreichen und wenn zusätzlich wie bereits gezeigt erhebliche negative Sekundärwirkungen bei anderen wirtschafts- und sozialpolitischen Zielen erwartet werden müssen. In der Tat zeigt unsere Formel nämlich auch, dass eine bewusst herbeigeführte leichte Inflation (von jährlich 2%) nicht nur eine nicht ausreichende Voraussetzung für eine Konjunkturbelebung, sondern auch eine nicht notwendige Voraussetzung für eine Belebung der Wirtschaft darstellt.

 

Unsere Formel zeigt ja, dass eine Reduzierung der Gewinnsumme auch dadurch vermieden werden kann, dass bei konstanten Preisen der Reallohn konstant bleibt und dass darüber hinaus die alljährlichen Lohnsteigerungen auf den Zuwachs der Arbeitsproduktivität beschränkt werden. Genau diese Bedingung entspricht jedoch der Forderung nach einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik, so wie sie schon lange von wissenschaftlicher Seite gefordert wird.

 

Eine solche Lohnpolitik ist auch gerechtfertigt, da immer dann, wenn sich die Gewerkschaften zu einer solchen Beschränkung bereitfinden, sowohl das Reallohneinkommen als auch die Lohnquote auf keinen Fall sinkt, also die Arbeitnehmer voll am wirtschaftlichen Wachstum gemessen am Zuwachs der Arbeitsproduktivität beteiligt werden. Es wird hier lediglich verlangt, dass die Gewerkschaften auf eine expansive Lohnpolitik verzichten, bei der die Lohnsatzsteigerungen den Zuwachs der Arbeitsproduktivität übersteigen und der Anteil der Lohneinkommen erhöht wird.

 

Ein solcher Verzicht auf eine expansive Lohnpolitik ist vor allem auch deshalb gerechtfertigt, weil die Forderungen nach einer expansiven Politik in der Vergangenheit damit begründet wurden, dass auf diese Weise die Beschäftigung gesteigert werden könnte. Man berief sich hierbei auf Keynes, der die Massenarbeitslosigkeit auf eine zu geringe Güternachfrage zurückführte. Man war also der Meinung, dass über eine Anhebung der Löhne die Güternachfrage und damit letzten Endes auch die Beschäftigung angehoben werden könnte.

 

Die Forderung nach expansiver Lohnpolitik beruft sich allerdings zu Unrecht auf Keynes. Maynard Keynes hatte nämlich festgestellt, dass Nachfragesteigerungen nur dann beschäftigungssteigernd wirken, wenn die Güternachfrage im Verhältnis zum Einkommen, also die Konsumquote, ansteigt. Ein Anstieg der Güternachfrage allein aufgrund eines vorhergehenden Anstieges der Einkommen hat keinen positiven Einfluss auf die Beschäftigung, da hier nur eine Bewegung auf der gleichbleibenden Konsumfunktion stattfindet, aber  nur dann ein neues Gleichgewicht auf den Gütermärkten erzielt würde, wenn sich die Nachfragefunktionen verschieben würden.

 

Es entfällt somit der wichtigste Grund für die Berechtigung einer expansiven Lohnpolitik. Natürlich ist es richtig, dass sich die Gewerkschaften auch deshalb  oftmals für eine expansive Lohnpolitik aussprechen, weil sie der Auffassung sind, dass die vorherrschende Lohnquote zu gering ist und dass die Lohnquote nur dann auf das erwünschte Niveau angehoben werden kann, wenn die Lohnsätze stärker als die Arbeitsproduktivität angehoben werden.

 

Auch diese Rechtfertigung ist nicht überzeugend. Auf der einen Seite wissen wir aus vergangenen Meinungsumfragen, dass die Arbeitnehmer die Arbeitsplatzsicherheit zumeist höher einschätzen als das Ziel einer Einkommenssteigerung. Man kann deshalb den Verzicht auf eine expansive Lohnpolitik als den notwendigen und von den Arbeitnehmern akzeptierten Preis für mehr Arbeitsplatzsicherheit ansehen.

 

Gleichzeitig stellt die expansive Lohnpolitik nicht die einzige Möglichkeit dar, den Anteil der Arbeitnehmer am Inlandsprodukt nachhaltig zu vergrößern. Wie die Verteilungstheorie von Kaldor gezeigt hat, lässt sich durch einen Investivlohn die Quote der Arbeitnehmer am Inlandsprodukt nachhaltig vergrößern.

 

Auch die Einführung einer investiven Gewinnbeteiligung ist ein geeignetes Mittel, den Arbeitnehmeranteil am Inlandsprodukt zu steigern. Auch hier gilt wiederum, dass die beiden letzten Politiken (Investivlohn und investive Gewinnbeteiligung) einer expansiven Lohnpolitik vorzuziehen sind, sie sind im Hinblick auf das Verteilungsziel effektiver und führen zu geringeren negativen Sekundärwirkungen auf andere Ziele der Wirtschafts- und Sozialpolitik.

 

 

7. Empirische Überprüfung dieser Hypothesen

 

Hypothesen über den Wahrheitsgehalt empirischer Sachverhalte bedürfen stets der empirischen Überprüfung. Wie steht es deshalb um den Wahrheitsgehalt der These, dass zur Belebung der Konjunktur und damit zur Erreichung von Vollbeschäftigung eine leichte Inflationsrate von circa 2% notwendig sei?

 

Nun muss man sich darüber im Klaren sein, dass die langfristigen Wirkungen politischer Maßnahmen erst nach einer gewissen Zeit sichtbar werden. Wie sich politische Maßnahmen auswirken, hängt nämlich entscheidend davon ab, wie vor allem diejenigen reagieren, welche von diesen Maßnahmen negativ betroffen sind. Reaktionen brauchen aber immer Zeit. Es vergeht Zeit, bis die Betroffenen überhaupt erst festgestellt haben, in welchem Umfang sie von diesen Maßnahmen negativ betroffen sind, es vergeht weiterhin Zeit, bis die Betroffenen für sie geeignete Reaktionsmuster gefunden haben, um die eingetretenen Verluste zu kompensieren und es vergeht nochmals Zeit, bis sie diese Änderungen in die Tat umgesetzt haben.

 

Aus dieser Sicht ist es augenblicklich einfach noch zu früh, um die Frage zu beantworten, wie sich die Nullzinspolitik der Europäischen Notenbank auf lange Sicht auswirkt, wie effizient diese Politik ist und mit welchen negativen Sekundärwirkungen auf andere Ziele der Wirtschafts- und Sozialpolitik auf lange Sicht zu rechnen ist.

 

Wir haben aber sehr wohl Kenntnis darüber wie sich die Keynesianische Beschäftigungspolitik auf lange Sicht ausgewirkt hat. Zwar war Keynes der Auffassung, dass geldpolitische Maßnahmen (Zinssenkungen) nicht in  der Lage seien, die Konjunktur zu beleben und damit die Beschäftigung zu steigern und gerade deshalb entwickelte Keynes die Konzeption, über eine Verschuldung des Staates die Güternachfrage und damit auch indirekt die Beschäftigung anzuregen.

 

Trotzdem bestehen entscheidende Parallelen zu der heutigen Zinspolitik der Europäischen Notenbank unter Draghi. Beide Konzeptionen versuchen über eine Zunahme der Güternachfrage die Konjunktur anzukurbeln und in beiden Fällen wird davon ausgegangen, dass eine Mehrnachfrage nach Gütern zu Preissteigerungen und damit auch zu Gewinnsteigerungen führt und dass aufgrund der verbesserten Gewinnaussichten die Unternehmer zur Ausweitung der Produktion und damit auch der Beschäftigung bereit sind.

 

Lediglich der Weg, der beschritten wird, um die Güternachfrage anzureizen, ist unterschiedlich. Bei der Geldpolitik ist es die Ausweitung der Geldmenge, welche die Wirtschaft ankurbeln soll, bei der keynesianischen Beschäftigungspolitik ist es die Zunahme in der Verschuldung des Staates, welche diesen expansiven Effekt auslösen soll.

 

In der Tat gingen auch wir bei unseren Überlegungen von der Annahme aus, dass die wirtschaftliche Aktivität der Unternehmer entscheidend von den Gewinnerwartungen abhängt und dass eine nachhaltige Belebung der Konjunktur nur dann zu erwarten ist, wenn sich die Gewinnlage der Unternehmungen verbessert oder zumindest nicht verschlechtert.

 

Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen auch, dass diese Rechnung in kurzfristiger Sicht aufging. In der Tat hatte die New Deal-Politik von Roosevelt in USA Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Beschäftigung gesteigert und genauso gelang es Karl Schiller in seiner Eigenschaft als Wirtschafts- und Finanzminister während der großen Koalition Anfang der 60er Jahre die damalige Rezession in der BRD zu überwinden.

 

Auf lange Sicht gesehen führte die Keynesianische Revolution dennoch nicht zum Erfolg. Das erklärte Ziel dieser Politik bestand in der Überwindung der Massenarbeitslosigkeit. Heute, etwas mehr als 80 Jahre hat sich jedoch die Arbeitslosigkeit gegenüber den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts nicht wesentlich verringert. Da damals noch keine exakten Statistiken über den Umfang der Arbeitslosigkeit bestanden, lässt sich auch nicht exakt angeben, wie sich die Massenarbeitslosigkeit seit dieser Zeit verändert hat. Es ist jedoch sicher, dass es nicht gelungen ist, die Massenarbeitslosigkeit zu überwinden, vermutlich ist sie sogar angestiegen. Dies bedeutet, dass die Keynesianische Revolution trotz beachtlicher Erfolge in den ersten Jahren seit der Einführung der keynesianischen Verschuldungspolitik auf lange Sicht gescheitert ist.

 

Und dieses vernichtende Urteil gilt nicht nur deshalb, weil etwa die Politiker in den führenden Industrienationen die Ratschläge der Keynesianer missachtet haben. Ganz im Gegenteil wurden die keynesianischen Rezepte nahezu von allen Regierungen der hochentwickelten Staaten – selbst der sonst zumeist neoliberalen Bundesrepublik – nahezu eins zu eins umgesetzt, es wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. 

 

Wenn auch nahezu alle europäischen Industrienationen den keynesianischen Empfehlungen gefolgt sind, so bestehen doch beachtliche Unterschiede im Umfang dieser Politik. Der größte Teil der Südstaaten (Griechenland voran, Spanien und Portugal) verschuldeten sich in der Vergangenheit in einem solchen Umfang, dass es zu einem Zusammenbruch der gesamten Volkswirtschaft gekommen wäre, hätten diese Länder keine finanzielle Unterstützung seitens der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds erfahren.

 

Die Arbeitslosigkeit ist in den Ländern, welche sich getreu der Keynesianischen Empfehlung in besonders starkem Maße verschuldet hatten, extrem hoch, während umgekehrt in der BRD, die sich zwar auch wiederholt stärker verschuldet hatte, als es die Spielregeln der Europäischen Währungsunion eigentlich zugelassen haben, aber eben doch in wesentlich geringerem Umfang als die anderen Länder, die geringste Arbeitslosigkeit zu verzeichnen ist.

 

Wir können heutzutage auch erklären, wieso die keynesianische Verschuldungspolitik trotz anfänglicher Teilerfolge, langfristig trotzdem in dem Versuch versagte, die Massenarbeitslosigkeit zu verhindern.

 

Kurzfristig war diese Politik erfolgreich, weil die von diesen Maßnahmen negativ betroffenen Individuen noch nicht auf diese Politik reagiert hatten. Diese Politik war anfangs im Hinblick auf das Ziel der Beschäftigungssteigerung erfolgreich, weil mit den Preisen auch die Gewinne der Unternehmungen stark anstiegen, was – wie wir gesehen haben – die wichtigste Voraussetzung für einen konjunkturellen Aufschwung darstellt. Wenn jedoch die Preise und Gewinne steigen, bedeutet dies gleichzeitig, dass die realen Lohneinkommen und die Lohnquote sinken. Das Ziel der Beschäftigungssteigerung wurde also auf Kosten einer gerechten Einkommensverteilung erreicht.

 

Wir haben gesehen, dass sich die Gewerkschaften diese Verschlechterungen in der Einkommenslage ihrer Mitglieder auf lange Sicht nicht gefallen lassen und dass deshalb bei den nächsten Tarifverhandlungen höhere Lohnsätze gefordert und  notfalls unter Androhung von Streiks auch durchgesetzt wurden.

 

Dies bedeutet aber, dass in dem Augenblick, von dem ab die Arbeitnehmer auf die Beschäftigungspolitik mit Lohnforderungen reagieren, die Gewinnsumme wiederum zurückgeht und dass gerade aufgrund dieses Umstandes der beschäftigungspolitische Erfolg fraglich wird.

 

Aber auch die Unternehmer reagieren – wiederum mit einer gewissen Zeitverzögerung  auf diese Veränderungen in der Gewerkschaftspolitik und die hieraus erfolgten Minderungen in der Gewinnsumme. Zwar könnte man hoffen, dass die Unternehmer gerade wegen der verzögerten Reaktion der Gewerkschaften immerhin in der Zwischenzeit, bis diese Maßnahmen greifen, noch Gewinne erzielen und deshalb bereit sind, zumindest vorübergehend  Produktion und Beschäftigung auszuweiten.

 

Und wenn man dann noch unterstellt, dass diese auf die Anfangsperiode beschränkte Gewinnsteigerung wie eine Art Pump Priming wirkt und zusätzliche Investitionen auslöst, könnte man darauf hoffen, dass sich aufgrund des Akzelerationsprinzips für mehrere Perioden der Konjunkturaufschwung fortsetzt.

 

Aber gerade diese Annahme ist fragwürdig, da wir in vielen Staaten einen rigorose Kündigungsschutz haben, aufgrund dessen die Unternehmer Arbeitnehmer kurzfristig auch dann nicht entlassen können, wenn aufgrund eines Absatzrückganges diese Arbeitnehmer gar nicht mehr für die Produktion benötigt werden.

 

Tritt jedoch diese Situation ein, so entstehen weitere Kosten und damit Gewinnschmälerungen. Die Unternehmer werden auf diese Situation wiederum reagieren und auch in der Anfangsphase, in welcher die Nachfrage gestiegen ist und deshalb eine Mehrproduktion an und für sich gewinnbringend wäre, trotzdem nicht die Beschäftigung ausweiten, sondern über Überstunden der bereits beschäftigten Arbeitnehmer oder über eine teilweise Verlagerung der Produktion in Länder mit günstigeren Bedingungen die Mehrnachfrage befriedigen. In diesem Falle kommt es dann noch nicht einmal in den Anfangsperioden dieser Politik zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit.

 

 

8. Schlussfolgerungen

 

Fassen wir unsere Ergebnisse zusammen. Die expansive Geldpolitik der Europäischen Notenbank ist höchstens auf kurzfristige Sicht in der Lage, über Preisniveausteigerungen die Konjunktur anzukurbeln und auf diese Weise die Arbeitslosigkeit zu verringern. Eine Konjunkturbelebung kann nur erwartet werden, wenn die gesamtwirtschaftliche Gewinnsumme ansteigt. Preissteigerungen führen zwar partiell zu einer Zunahme der Gewinnsumme, allerdings nur wenn diese partiellen Effekte nicht wiederum dadurch aufgehoben werden, dass gleichzeitig und aufgrund der Preissteigerung die anderen Bestimmungsfaktoren der Gewinnsumme reduziert werden.

 

Aber gerade damit muss gerechnet werden. Bei gleichbleibender Arbeitsproduktivität und steigenden Preisen steigen nämlich die Gewinne nur dann, wenn das Lohn-Preis-Verhältnis zurückgeht. Preissteigerungen, welche nicht von gleichgroßen Lohnsteigerungen begleitet sind, bedeuten nämlich zweierlei. Auf der einen Seite sinkt die Kaufkraft der Lohneinkommen, die Arbeitnehmer können also mit ihrer gleichbleibenden nominellen Lohnsumme aufgrund der Preissteigerungen weniger Konsumgüter erwerben, ihr Realeinkommen sinkt. Eine Steigerung der Gewinnsumme, der nicht eine gleichgroße Zunahme der Lohneinkommen entspricht, bedeutet gleichzeitig auf der anderen Seite, dass die Lohnquote sinkt.

 

Diese Verschlechterung in der wirtschaftlichen Lage der Arbeitnehmer werden die Gewerkschaften nicht hinnehmen, sondern in den nächsten Tarifverhandlungen einen Ausgleich in den tariflichen Lohnsätzen fordern und aufgrund ihrer Streikmacht sind die Gewerkschaften auch in der Lage, diese Forderungen durchzusetzen. Somit führen die jährlichen Preissteigerungen allenfalls kurzfristig zu einer Wirtschaftsbelebung, bis nämlich die Gewerkschaften eine Lohnanpassung durchgesetzt haben.

 

Gleichzeitig führt die Nullzinspolitik der Europäischen Notenbank zu erheblichen negativen Sekundärwirkungen auf die anderen Ziele der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Erstens wird die Knappheitssituation auf den Wohnungsmärkten verschärft, da aufgrund der äußerst geringen Zinsen bei festverzinslichen Wertpapieren Kapital vorwiegend auf dem Wohnungsmarkt angelegt wird.

 

Auch die Situation des Lebensversicherungszweiges wird durch diese Geldpolitik äußerst prekär, da die Lebensversicherungsgesellschaften ihren Verpflichtungen nur nachkommen können, wenn sie die vereinnahmten Beiträge in absolut sicheren Wertpapieren anlegen können. Diese bringen jedoch bei einer Nullzinspolitik keinen nennenswerten Ertrag.

 

Weiterhin verschärft die Nullzinspolitik auch die Lage bei der gesetzlichen Altersversicherung. Da aufgrund der demographischen Entwicklung ohne drastische Änderungen (vor allem einer Erhöhung des Erwerbsaustrittsalters)  die Gefahr besteht, dass in den nächsten Jahrzehnten ein Großteil der Rentner verarmen wird, ist es dringend notwendig, dass die gesetzlichen Renten durch private Renten ergänzt werden. Aufgrund der äußerst geringen Zinssätze ist auch diese Ergänzung äußerst erschwert.

 

Schließlich führt die Nullzinspolitik dazu, dass die privaten Haushalte vermehrt konsumieren, also weniger sparen. Dies mag zwar kurzfristig zu einer geringfügigen Verbesserung der Lage im Konsumgütersektor führen, hat jedoch langfristig wegen fehlender Investitionen einen Rückgang der zukünftigen Wachstumsraten zur Folge.

 

Gerade weil es auch andere Möglichkeiten gibt, die Konjunktur zu beleben und die Arbeitslosigkeit zu verringern, stellt die derzeitige Geldpolitik der Europäischen Notenbank keine empfehlenswerte Maßnahme dar. Auch bei gleichbleibendem allgemeinen Preisniveau kann eine Volkswirtschaft auf hohem Wachstumsniveau und hoher Beschäftigung gehalten werden, wenn sichergestellt wird, dass das Lohn-Preis-Verhältnis nicht über die Arbeitsproduktivität ansteigt.