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Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

 

 

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Die Arche Noah

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Verkauf des Erstgeburtsrechts an Jakob

  9. Josef und seine Brüder

10. David gegen Goliath

11. David und die Frau des Hethiters

12. Esthers Rettung der Juden

13. Josef in Ägypten

14. Moses vor dem Pharao

15. Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Der Text

3. Die Interpretation des Textes

4. Die drei Hauptfiguren dieser Handlung

5. Der schlechte Sohn

6. Der gute Sohn

7. Die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes

 

 

1. Das Problem

 

Auch in diesem Kapitel wollen wir das übliche Vorgehen dieser Vorlesung verlassen und nicht über eine bestimmte biblische Gestalt berichten, sondern ein Gleichnis heranziehen, in welchen von einem fiktiven bösen Menschen und seinem gütigen Vater erzählt wird. Wir hatten bereits im 18. Kapitel gezeigt, dass in der Heiligen Schrift die Unterschiede zwischen Erzählungen über historische Personen und Darstellungen in Form eines Gleichnisses gar nicht so groß sind, sondern ineinander übergehen, da bei keinem Bericht auch über historische Vorgänge eine historisch verbürgte Berichterstattung erfolgen soll, sondern immer bestimmte Vorgänge zum Anlass genommen werden, um tiefere Glaubenswahrheiten dem Leser der Bibel näherzubringen.

 

Das hier zu behandelnde Gleichnis vom verlorenen Sohn steht in einem Gesamtzusammenhang dreier Gleichnisse, welche sich alle damit befassen, dass jemand einen wertvollen Schatz verloren hat, ihn sucht und schließlich wiederfindet und sich darüber außerordentlich freut. Zur Diskussion steht neben dem Gleichnis vom verlorenen Sohn das Gleichnis vom verlorenen Groschen sowie vom verlorenen Schaf.

 

Es handelt sich hierbei um Gleichnisse, welche vor allem bei Lukas und fast nur bei Lukas zu finden sind, lediglich das Gleichnis vom verlorenen Schaf wird auch bei Matthäus erzählt. Im Gleichnis vom verlorenen Groschen handelt es sich um eine Drachme, welche verloren ging.

 

Eine Drachme war in der Antike eine Gewichts- und Geldeinheit von wechselndem Wert, zumeist aus Silber, hierbei bildeten 100 Drachmen 1 Mine und 60 Minen schließlich 1 Talent. Bezogen auf die Kaufkraft dieser Geldeinheiten konnte man mit Hilfe eines Talentes im Altertum immerhin eine größere Anschaffung tätigen, z. B. etwa ein Segelschiff erwerben. Diese Frau, von der das Gleichnis handelt, besaß insgesamt 10 Drachmen, also für heutige Verhältnisse besaß diese Frau – für eine einfache Frau aus dem Volk – einen durchaus beachtlichen Schatz und auch die verlorene Drachme stellte sowohl in absoluten wie auch relativen Größen gerechnet eine gewissen Wert dar.

 

Bei Lukas Kapitel 15,8-10 lesen wir:

 

8 ‚Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das ganze Haus und sucht unermüdlich, bis sie das Geldstück findet?

9 Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir; ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte.

10 Ich sage euch: Ebenso herrscht auch bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.‘ 

 

Im Gleichnis vom verlorenen Schaf wird von einem Schäfer berichtet, welcher über 100 Schafe verfügte und ein einzelnes Schaf verloren hatte. Bei dieser Schafherde handelte es sich sicherlich ebenfalls um einen nennenswerten Wert, der das wichtigste Kapital darstellte, das ein Schäfer zur Ausübung seines Berufes benötigt. Aber auch hier verliert er nur ein Schaf, also im Grunde eine recht geringe Menge, welche bei 100 Schafen sicherlich keinen sehr großen Verlust darstellt. Bei Lukas Kapitel 15,3-7 heißt es (ähnlich bei Matthäus 18,10-14):

 

3 ‚Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte:

4 Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?

5 Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern,

6 und wenn er nach Hause kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war.

7 Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.‘

 

Bei beiden Gleichnissen beschränkt sich der Evangelist auf eine knappe Darstellung, nur das dritte hier zu untersuchende Gleichnis vom verlorenen Sohn wird sehr ausführlich behandelt, es zählt zu den längsten Gleichnissen des Neuen Testamentes und gibt auch sehr viel deutlicher die Tatbestände wieder, welche in diesen drei Gleichnissen verhandelt werden, es wird klar gestellt, worin denn der Verlust dieses ‚Schatzes‘ besteht – wobei in allen drei Gleichnissen eigentlich immer von einem sündigen Menschen gesprochen wird –, was weiterhin gemeint ist, wenn davon die Rede ist, dass dieser Schatz wieder gefunden wurde und es wird auch sichtbar, welche Rolle das Auffinden des Schatzes letztendlich für den christlichen Glauben einnimmt.

 

 

2. Der Text

 

Wir wollen uns deshalb etwas genauer mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn bei Lukas Kapitel 15,11-32 befassen:

 

11 ‚Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne.

12 Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf.

13 Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.

14 Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land und es ging ihm sehr schlecht.

15 Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.

16 Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.

 

17 Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen und ich komme hier vor Hunger um.

18 Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.

19 Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.

 

20 Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

21 Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.

 

22 Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand und zieht ihm Schuhe an.

23 Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.

24 Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.

 

25 Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz.

26 Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle.

27 Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat.

 

28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.

29 Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.

30 Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.

31 Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.

32 Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.‘ 

 

 

3. Die Interpretation des Textes

 

Das Gleichnis handelt von den zwei ungleichen Brüdern. Der eine Sohn entspricht den Erwartungen des Vaters, der andere Sohn ist nicht bereit, die Alltagspflichten zu erfüllen und lässt sich auszahlen, verlässt den Hof und verprasst draußen in der Welt sein Vermögen.

 

Als seine finanziellen Reserven zu Ende gingen und als er wegen einer Hungersnot auch keine Beschäftigung finden konnte, die ihm ein menschenwürdiges Leben ermöglicht hätte, entschließt er sich, nach Hause zurückzukehren. Wie in den beiden anderen Gleichnissen herrscht auch hier bei seinem Vater große Freude darüber, dass der (bzw. das) Verlorene wiedergefunden wurde.

 

Der Vater ist wegen der Rückkehr seines verloren geglaubten Sohnes von überwältigender Freude, hat Mitleid mit ihm, lauft ihm entgegen und empfängt ihn herzlich. Sofort lässt der Vater seinen Sohn so einkleiden, wie es für einen Sohn dieses Gutbesitzers gehört und veranstaltet ein Freudenfest, in dem das einzige Mastkalb – es wird nicht von einem Mastkalb unter vielen, sondern von dem, also wohl einzigen Mastkalb gesprochen  – geschlachtet wird.

 

Wir erfahren von dem schlechten Sohn, dass er offensichtlich sein bisheriges Handeln bereut und auch zur Umkehr bereit ist. Er hält sich nicht mehr für wert, als Sohn sein des Vaters angesehen zu werden.

 

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn befasst sich auch mit der Reaktion des guten Sohnes, der zuhause geblieben war und die ihm anvertrauten Aufgaben stets zur Zufriedenheit seines Vaters erfüllt hatte. Er findet es als äußerst ungerecht, dass der Vater seinen reuigen Sohn mit offenen Armen empfängt, für ihn sogar ein Festmahl veranstaltet und eigens hierfür das Mastkalb schlachtet. Der gute Sohn fühlt sich benachteiligt, weil der Vater für ihn nie einen solchen Aufwand getrieben hatte, weil also scheinbar der schlechte Sohn trotz seiner Verfehlungen besser behandelt wird als der gute Sohn, der doch zu keinem Zeitpunkt seine Pflichten verletzt hatte.

 

Schließlich erzählt uns dieses Gleichnis auch davon, wie der Vater seine außerordentliche Barmherzigkeit gegenüber seinem schlechten Sohn verteidigt: ‚Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.‘

 

 

4. Die drei Hauptfiguren dieser Handlung

 

Immer dann, wenn wir ein Gleichnis zu interpretieren haben, müssen wir uns darüber klar sein, dass die Bühne, auf welcher die Erzählung handelt, nicht der eigentliche Gegenstand dieses Gleichnisses ist, dass die Erzählung, also die Personen, Orte und Handlungen als solche nur auf das Thema hinlenken sollen, das den tieferen Sinn dieses Gleichnisses ausmacht.

 

Wenn also im Gleichnis vom verlorenen Sohn von einem Mann – wohl einem vermögenden Mann – und von zwei Söhnen die Rede ist, so will uns dieses Gleichnis nicht in erster Linie darüber etwas aussagen, wie sich die realen Menschen vor allem in den Beziehungen zwischen einem Vater und seinen Kindern verhalten oder zu verhalten haben, nein, diese Texte sollen auf etwas anderes, zu nicht so klar auf der Hand liegenden Glaubenswahrheiten hinführen.

 

Die meisten Gleichnisse des Neuen Testamentes beginnen entweder wortwörtlich oder doch zumindest dem Sinn nach mit dem Einleitungssatz: ‚Mit dem Himmelreich verhält es sich wie….‘. Es wird also stets eine menschliche, alltägliche und den Zuhörern bekannte Begebenheit dazu benutzt, die Verhältnisse zwischen Gott und den Menschen, die dem Zuhörer eben gerade nicht so bekannt sind und zumindest auch noch nicht verinnerlicht wurden, zu verdeutlichen.

 

So betrachtet befasst sich dieses Gleichnis zunächst mit den drei Hauptfiguren, Gott, einem guten und einem schlechten Sohn. Gott ist hierbei als Vater aller Menschen anzusehen, wobei die Eigenschaft Gottes als Vaterfigur nicht zum Ausdruck bringen will, dass das Verhältnis der Menschen zu Gott eins zu eins dem Verhältnis eines irdischen Vaters zu seinen Söhnen oder Kindern gleichzusetzen ist. Dieses Verhältnis von Vater und Sohn kommt dem Verhältnis der Menschen nur nahe. In Wirklichkeit ist Gott der Unnahbare, der niemals voll von den Menschen erfasst wird und auch nicht erfasst werden kann. Der Mensch erwirbt sich seine Kenntnisse aufgrund seiner Wahrnehmungsorgane und zwar aufgrund seiner Sinne, mit denen er Beobachtungen macht und seinem Verstand, der ihn dazu befähigt, aus diesen Beobachtungen Schlussfolgerungen zu ziehen. Unsere Sinne sage uns jedoch nichts darüber aus, ob es einen Gott gibt, der die Welt erschaffen hat. Aus diesen Gründen bedarf es zur Beantwortung der Fragen, welche nicht mit unseren Sinnen erkannt werden können, des Glaubens.

 

Gott wird als Vater angesprochen, da er mit der Welt auch den Menschen erschaffen hat. Insofern können wir Menschen in einem übertragenen Sinne als Kinder Gottes bezeichnet werden und Gott selbst kann so als Vater der Menschen bezeichnet werden. Dieses Vater-Sohn-Verhältnis bezieht sich also auf den Glaubensakt, dass Gott die Menschen erschaffen hat. Damit wird jedoch ein ganz anderer Zusammenhang angesprochen als dann, wenn man die Beziehungen eines Mannes und einer Frau zu ihren Kindern betrachtet. Vater wurde hier der Mann dadurch, dass er sich mit seiner Frau geschlechtlich vereinte und dass aus der Befruchtung der weiblichen Eizelle durch den männlichen Samen ein neues Leben, eben ein Kind hervorging.

 

Wenn also zu Beginn dieses Gleichnisses von einem Mann gesprochen wird, der zwei Söhne hatte, so steht der Mann oder Vater gleichnishaft für Gott, den Schöpfer und damit sinnbildlich den Vater der Menschen.

 

Die Söhne hingegen waren zunächst einmal sicherlich die Juden, das auserwählte Volk. Ein Teil dieser Juden hielt sich an Gottes Weisungen, sie entsprachen also im Gleichnis dem guten Sohn, der stets seine Aufgaben zu Hause erfüllte. Ein weiterer großer Teil der Juden jedoch handelte immer wieder entgegen der Gebote Gottes, sie entsprechen hiermit dem bösen Sohn des Gleichnisses, der sich auszahlen ließ und dieses Vermögen hierauf verprasste. Damit hat er jedoch die Gebote Gottes verletzt, schließlich erhält der Mensch Vermögen und auch seine Fähigkeiten nicht in erster Linie dafür, dass er es zu seinem Nutzen einsetzt und es verprasst, sondern dass er seine Aufgaben erfüllt.

 

In einem weiteren Sinne  kann jedoch dieses Gleichnis auch darauf hinweisen, dass Gott ja nicht nur die Juden erschaffen hat – vor Gott sind alle Menschen gleich  – und in diesem Sinne gleichen alle Menschen letzten Endes diesen beiden Brüdern.

 

Schließlich lässt sich dieses Gleichnis in einem übertragenen Sinne auch als eine Aufforderung an alle Menschen verstehen, reumütigen Sündern zu vergeben, sie wiederum in die Gemeinschaft der Gläubigen aufzunehmen. In diesem Sinne schlüpft jeder Mensch in die Rolle des Mannes, der seinen Mitmenschen, seinen Brüdern verzeihen soll, wenn diese sich versündigt haben und der stets aufgefordert ist, seinen Mitmenschen, die in Not geraten sind, zu helfen.

 

 

5. Der schlechte Sohn

 

Befassen wir uns nun etwas ausführlicher mit dem schlechten Sohn. Am Anfang der Erzählung steht der Wille dieses Sohnes, nicht weiterhin seine Aufgaben innerhalb seiner Familie und des Familienbetriebes zu erfüllen, er will seiner Familie den Rücken kehren und nicht weiterhin die Aufgaben erfüllen, die ihm sein Vater im Gleichnis – in Wirklichkeit Gott  – gestellt hat. Er lässt sich auszahlen.

 

Was macht er mit diesem ihm nun zur Verfügung stehenden Vermögen? Er setzt es keinesfalls für eine neue Aufgabe ein, die ihm vielleicht besser liegt als die Aufgabe, welche ihm sein Vater zugewiesen hat, sondern er geht hinaus in die Welt, verprasst sein Vermögen, in dem er nur seinen Gelüsten nachgeht und er verausgabt somit sein gesamtes Vermögen.

 

Als er nun aus diesen Gründen ohne Mittel dasteht, sieht er sich gezwungen, nach einer Arbeit Ausschau zu halten. Da aber gleichzeitig Hungersnot herrschte, ließ er sich bei einem Bauern als Knecht anstellen, der die Schweine zu hüten hatte. Sein Lohn war so gering, dass er noch nicht einmal über das für das Überleben Notwendigste verfügen konnte, jetzt in der Not wäre er froh gewesen, wenn er sich mit den Futterschoten hätte ernähren können, welche den Schweinen zur Nahrung gegeben wurden.

 

Jetzt erst in der Not, als er Gefahr lief, vor Hunger umzukommen, kam er zur Einsicht, dass selbst die Tagelöhner seines Vaters mehr zu essen hatten als er selbst und er beschloss, nach Hause zu kehren.

 

Er nahm sich vor, vor seinen Vater zu treten und seine Schuld zu bekennen und sich bereit zu finden, fortan als Tagelöhner und nicht als Erbe seines Vaters zu leben.

 

Da er diesen Entschluss ja nicht jemand anderem gegenüber äußerte und dieses Bekenntnis nicht aussprach, um seinen Vater zu täuschen, können wir davon ausgehen, dass dieses Bekenntnis ehrlich gemeint war, dass er also tatsächlich in sich ging, Reue zeigte und bereit war, umzukehren. Im Gegensatz zu den beiden vorhergehenden Gleichnissen vom verlorenen Groschen und vom verlorenen Schaf wird hier deutlich, dass der sündige Mensch selbst etwas tun muss, um zurückkehren zu können.

 

Auch hier ist der Familienvater bereit, den zurückkehrenden Sohn aufzunehmen, aber Voraussetzung dafür, dass diese Wiederaufnahme auch stattfinden kann, ist also – folgt man diesem Gleichnis  – ein bestimmtes Verhalten des Sohnes (des sündigen Menschen also).

 

Der Sohn gibt also seinem Vater gegenüber nicht nur vor, seine Handlungen zu bereuen (dies könnte ja auch nur vorgetäuscht sein), wir erfahren vielmehr vor der Rückkehr, dass der Sohn tatsächlich seinen Vater darum bitten will, ihn nicht als Sohn in seine bisherigen Rechte einzusetzen, sondern ihn nur noch als Taglöhner einzustellen.

 

Wie in den beiden anderen Gleichnissen herrscht auch hier große Freude darüber, dass das (bzw. der) Verlorene wiedergefunden wurde. Hier wird deutlich, dass Gott nicht nur gerecht ist, also den einzelnen Menschen nach seinen guten oder bösen Taten letztendlich beim Anbruch der Endzeit bestraft, sondern dass er auch barmherzig ist, also durchaus bereit ist, einen sündigen Menschen wieder aufzunehmen, vorausgesetzt, er bereut die bisherige Tat und ist bereit, sich ernsthaft darum zu bemühen, in Zukunft den Weisungen Gottes zu folgen. Wenn man so will, ist ehrliche Reue und Umkehr auch eine Handlung, welche von Gott belohnt wird.

 

 

6. Der gute Sohn

 

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn befasst sich auch mit der Reaktion des guten Sohnes, der zuhause geblieben war und die ihm anvertrauten Aufgaben stets zur Zufriedenheit seines Vaters erfüllt hatte. Er findet es als äußerst ungerecht, dass der Vater seinen reuigen Sohn mit offenen Armen empfängt, für ihn sogar ein Festmahl veranstaltet und eigens hierfür das Mastkalb schlachtet. Der gute Sohn fühlt sich benachteiligt, weil der Vater für ihn nie einen solchen Aufwand getrieben hatte, weil also scheinbar der schlechte Sohn trotz seiner Verfehlungen besser behandelt wird als der gute Sohn, der doch zu keinem Zeitpunkt seine Pflichten verletzt hatte.

 

Der Vater antwortete ihm jedoch: ‚Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.‘

 

Nun ist es natürlich nicht ganz richtig, dass alles, was dem Vater gehört, auch dem guten Sohn gehört. Gerade dadurch, dass der verlorene Sohn mit vollen Rechten wieder in die Familiengemeinschaft aufgenommen wurde, haben sich nun Vater und Sohn wiederum in das gemeinsame Vermögen zu teilen, der verbleibende Anteil des guten Sohnes wird somit geringer. Nach dem Tode fällt nun das Gesamtvermögen beiden Söhnen zu, während dann, wenn der verlorene Sohn nicht mehr zurückgekehrt wäre, das Gesamtvermögen dem guten Sohn allein zugefallen wäre.

 

Was ist nun eigentlich dem guten Sohn vorzuwerfen? Er hat schließlich bisher stets den Weisungen seines Vaters gefolgt, ist es nicht mehr als recht, dass er deshalb auch den Anspruch erhebt, besser als sein Bruder, der ja gefehlt hatte, behandelt zu werden? Ist es nicht tatsächlich ungerecht, dass er jetzt sogar schlechter behandelt wird als sein Bruder, schließlich hat sein Vater noch nie ein Freudenfest für den guten Sohn veranstaltet und das Mastkalb hierfür geschlachtet?

 

Eine solche Frage macht deutlich, dass hier der gute Sohn offensichtlich das Gebot der Nächstenliebe nicht richtig verstanden hat. Wenn man will kann man davon sprechen, dass sich der böse Sohn ja nicht nur gegen den Vater, sondern auch gegen den guten Sohn versündigt hatte. Schließlich hatte der gute Sohn nach dem Weggang die Arbeit seines Bruders mit zu übernehmen und auch das nun an den Bruder ausgezahlte Vermögen hat ja sicherlich die Möglichkeiten im bäuerlichen Betrieb zu Hause verringert.

 

Zu den wesentlichen Aussagen des christlichen Glaubens zählt eben nicht nur, dass Gott uns unsere Sünden verzeiht, mögen sie noch so groß sein, sondern dass wir auch aufgefordert werden, diesem Beispiel Gottes zu folgen und auch unseren Schuldigern zu verzeihen. Wenn wir aber tatsächlich unseren Schuldigern verzeihen, bedeutet dies immer, dass wir nicht das als Sühne zurückfordern, das uns der andere genommen hat und dann, wenn wir nur auf Gerechtigkeit bauen würden, eigentlich zurückfordern könnten.

 

Dieses Gleichnis fordert uns Menschen somit nicht allein dazu auf dann, wenn wir gesündigt haben, die Tat zu bereuen und umzukehren, sondern darüber hinaus auch Milde und Barmherzigkeit gegenüber denjenigen zu üben, die sich gegen uns versündigt haben. Und es kann kein Zweifel bestehen: In der rauen Wirklichkeit müssen wir nicht nur feststellen, dass die Menschen ganz allgemein immer wieder die Weisungen Gottes missachten, sondern auch dann, wenn ihnen Unrecht verübt wurde, nicht eigentlich bereit sind, ihren Schuldigern genauso großzügig und barmherzig zu verzeihen, wie es Gott uns gegenüber immer wieder tut.

 

Ganz im Gegensatz zu diesem geforderten Verhalten, schreien wir Menschen nach Sühne und nach harter Bestrafung der Verbrecher. Eine solche Handlung ist sicherlich in gewissem Sinne auch berechtigt. Fast jeder, welcher Unrecht erfahren hat, ist zunächst zornig und verlangt im Zorn, dass dem Verbrecher Gleiches mit Gleichem vergolten wird. Genau so richtig ist es jedoch auch, dass Gott ganz im Gegensatz zu einem solchen Verhalten uns aufgefordert hat, Milde zu walten und dem reuigen Sünder zu vergeben.

 

 

7. Die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes

 

Aber vielleicht wirft dieses Gleichnis doch etwas Licht darauf, dass sich Gottes Gerechtigkeit und Güte entscheidend von der Gerechtigkeit hier auf Erden unterscheidet. Der gute Sohn ist neidisch gegenüber dem schlechten Sohn, da dieser nicht nur genauso viel, sondern sogar noch mehr erhält als er selbst. In dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg hat Jesus dieser Verhaltensweise eine klare Absage erteilt: Im Matthäusevangelium Kapitel 20,1–16 heißt es hierzu:

 

1  ‚Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.

2  Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg.

3  Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten.

4  Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist.

5  Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder auf den Markt und machte es ebenso.

6  Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging, traf er wieder einige, die dort herumstanden. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?

7  Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg!

8  Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter, und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den letzten, bis hin zu den ersten.

9  Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar.

10  Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar.

11  Da begannen sie, über den Gutsherrn zu murren,

12  und sagten: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen.

13  Da erwiderte er einem von ihnen: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?

14  Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebenso viel geben wie dir.

15  Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich (zu anderen) gütig bin?

16  So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.‘

 

Auch im Hinblick dieses Gleichnisses müssen wir als erstes – ähnlich wie bei fast allen Gleichnissen  darauf hinweisen: Dieses Gleichnis will keinerlei Auskunft darüber geben, was als gerechter Lohn zur Bezahlung der Arbeit der Winzer oder sogar allgemein in Unternehmungen hier auf Erden anzusehen ist. Auch dieses Gleichnis wird wie die meisten anderen Gleichnisse mit dem Satz eingeleitet: ‚Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit ….‘ Es soll also mit diesem Bild vom Gutsbesitzer auf eine Wahrheit aufmerksam gemacht werden, die sich auf das jenseitige Reich Gottes und eben gerade nicht auf die irdischen Geschehnisse bezieht. Die Schilderung über die Bezahlung der Winzer wird hier nur herangezogen, um den Zuhörern anhand eines Beispieles, das ihnen bekannt und geläufig ist, einen Zusammenhang näher zu bringen, der jenseits aller menschlichen Erfahrung liegt.

 

Wortwörtlich genommen, also als Grundsätze einer gerechten Entlohnung der Arbeitnehmer für ihre irdische Arbeit betrachtet, stehen diese Auskünfte in krassem Gegensatz zu allen heute allgemein gültigen Gerechtigkeitsvorstellungen über eine gerechtfertigte Entlohnung der Arbeitnehmer. Danach ist bei der Zumessung des Lohneinkommens in aller erster Linie auf die individuell erbrachte Leistung des einzelnen Arbeitnehmers zu achten. Natürlich kann zusätzlich auch der zusätzliche Bedarf, den z. B. ein Familienvater gegenüber einem Ledigen hat, Berücksichtigung finden. Es würde aber auf jeden Fall als äußerst ungerecht empfunden, wenn die Arbeit eines ganzen Tages nicht besser entlohnt würde als die Arbeit einer einzelnen Stunde. Nach heutigen Gerechtigkeitsvorstellungen ist der Umfang der erbrachten Arbeitsanstrengungen auf jeden Fall bei der Festsetzung des Lohnsatzes zu berücksichtigen.

 

Natürlich wird ein Arbeitsgericht bei einer anhängenden Klage eines Arbeitnehmers auch danach entscheiden, welcher Lohnsatz tatsächlich vereinbart wurde. Aber gerade zu verhindern, dass ungerechte Lohnsätze vereinbart werden, hat das Grundgesetz den Gewerkschaften bei der Aushandlung der tariflichen Lohnsätze besondere Rechte zugestanden, damit beim Abschluss der Lohnverträge auch die allgemeinen Gerechtigkeitsvorstellungen zum Zuge kommen können.

 

Auf jeden Fall würde man – wollte man das Gleichnis tatsächlich als Auskunft über eine gerechte Entlohnung hier auf Erden ansehen – nicht erwarten, dass sich Jesus auf einen Rechtsstandpunkt zurückzieht, vielmehr würde man davon ausgehen, dass Jesus etwas zu der Frage aussagt, welcher Lohn als gerecht anzusehen ist und er würde ein Verhalten eines Gutbesitzers, der nach solchen ungerechten Grundsätzen handeln würde, sicherlich verwerfen. Aber wie gesagt, dieses Gleichnis will auch gar nicht auf die erwünschte Lösung irdischer Probleme eingehen.

 

Was will uns aber dieses Gleichnis sagen? Der Gutsbesitzer, welcher Arbeiter anheuern lässt, ist in Wirklichkeit Gott, der den Menschen einen Bund anbietet. Genauso wie die Winzer, welche Arbeit im Weinberg des Gutbesitzers leisten, für getane Arbeit am Abend einen Denar als Lohn erhalten, genauso gehen die Menschen, welche dem von Gott angebotenen Bund beigetreten sind und entsprechend den Geboten Gottes gelebt haben, am Ende ihres Lebens als Entlohnung ins Himmelreich ein. Genauso wie im Gleichnis nicht alle beschäftigten Arbeitnehmer in der ersten Stunde angeworben wurden, genau sowenig erreichte die Botschaft Gottes nicht alle Menschen von Kindheit an. Viele wurden erst später zum Glauben geführt, aus Gründen, die sie oftmals gar nicht zu vertreten hatten. Auch diesen Menschen macht Gott sein Angebot; selbst denjenigen, welche erst kurz vor ihrem Tode zum Glauben finden, wird der Eintritt ins Himmelreich nach ihrem Tode nicht verwehrt.

 

Es ist weiterhin nicht ungerecht, dass auch die Arbeiter entlohnt werden, welche erst sehr viel später angeheuert wurden und deshalb auch weniger Arbeit verrichtet hatten, es war ja nicht unbedingt ihre Schuld, dass sie erst später angeheuert wurden. Die Entlohnung, welche die Arbeiter bzw. die Menschen, welche zum Glauben gefunden haben, erhalten ist stets ein Denar, will heißen: Jeder dieser Gläubigen erhält nach seinem Tode Eintritt ins ewige Leben.

 

Es geht in diesem Gleichnis nur um diese eine Art der Entlohnung: Einzug ins Himmelreich, und nicht um die Frage, wie unterschiedlich im Himmel letztendlich die Taten der einzelnen belohnt bzw. bestraft werden. Dass die Menschen im Himmelreich nach ihren Taten entlohnt werden, können wir – wie wir gesehen haben – anderen Stellen der Heiligen Schrift entnehmen, diese Frage ist jedoch nicht Gegenstand des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg.

 

Wir können sogar davon ausgehen, dass selbst Menschen, welche schon früh zum Glauben gefunden haben, jedoch die Gebote Gottes wiederholt übertreten haben, Eingang ins Himmelreich erlangen können, wenn sie ihre Taten bereuen und ernsthaft bestrebt sind, umzukehren und fortan die Gebote Gottes zu befolgen. Aber auch dieses Thema ist nicht Gegenstand des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg.

 

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn ((Mt 20,15)) lässt Jesus den Vater zweier Söhne sagen:

 

 

‚Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich (zu anderen) gütig bin?

 

Neid wird zu den sieben Hauptsünden gezählt und stellt sicherlich keine Grundlage für die Entwicklung von Gerechtigkeitskriterien dar. In dem Gleichnis vom verlorenen Sohn wird der gute Sohn danach beurteilt, wie er sich selbst verhalten hat. Hätte sich der schlechte Sohn nicht von der Familie abgewandt, hätte der gute Sohn das Gesamtvermögen genauso teilen müssen wie er jetzt nach der Rückkehr des reuigen Sohnes es teilen muss. Er wäre in beiden Fällen gleich und entsprechend seinen Leistungen behandelt worden. Die Kritik erwächst nur daraus, dass er seinen Lohn mit dem Lohn vergleicht, den nun der schlechte Sohn erhält.

 

Für das Erreichen des ewigen Lebens ist jedoch nicht entscheidend, ob der einzelne mehr oder weniger als andere bekommt und ob vergangene Sünden, welche bereut wurden, hierbei berücksichtigt werden. Hier in diesem Gleichnis geht es gar nicht darum, die einzelnen Menschen entsprechend ihrer Taten zu belohnen oder zu bestrafen. Wir können durchaus davon ausgehen, dass im jenseitigen Leben der Einzelne sehr wohl nach seinen Taten belohnt oder bestraft wird. Hier in diesem Gleichnis geht es zunächst einmal nur um die Frage, ob auch die Menschen, welche einmal gefehlt haben, aber nun ihre Tat bereuen und zur Umkehr bereit sind, eine erneute Chance erhalten, nach ihrem Tode am Reich Gottes teilzunehmen. Und hier ist die Antwort von Jesus eindeutig: Mag jemand noch so stark und noch so oft gefehlt haben, wenn er bereut und umkehrt, wird Gott ihm verzeihen; und die Menschen sind ebenso aufgefordert, ihren Schuldigern immer wieder zu verzeihen.

 

Auch hier ist die Ungleichbehandlung nur scheinbar, Gott behandelt nämlich in dieser Frage (am ewigen Leben teilnehmen zu dürfen) alle Menschen insofern gleich, als jeder Mensch der Versuchung zu sündigen, verfallen kann und deshalb nahezu alle Menschen gerade dieses Gnadenaktes (nicht endgültig verworfen zu werden, wenn man einmal gesündigt hat) bedürfen.

 

Ob einem Menschen von Gott verziehen wird, hängt dann allein von dem Verhalten des sündigen Menschen ab und nicht davon, wie schwer er im Vergleich zu andern gesündigt oder nicht gesündigt hat. Darin unterscheidet sich der christliche Glaube gegenüber dem Versuch, im irdischen Bereich Gerechtigkeit ausschließlich an der relativen Position des einzelnen festzumachen.

 

Welche Belohnung oder Bestrafung die Menschen letzten Endes erhalten, wird erst am Ende der Zeiten entschieden. Im Kapitel 25 des Matthäusevangeliums, in welchem über das Weltgericht am Ende der Zeiten berichtet wird, sagt Jesus:

 

31 ‚Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.

32 Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.

33 Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken.

34 Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist.

35 Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen;

36 ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben?

38 Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben?

39 Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

40 Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

41 Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!

42 Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;

43 ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.

44 Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?

45 Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.

46 Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.‘

 

Hier wird ganz deutlich jeder einzelne Mensch nach seinen Taten gerichtet. Wer den Notleidenden geholfen hat, wird entsprechend seiner Taten reichlich belohnt, wer hingegen anderen geschadet und die Not der Mitmenschen nicht beachtet hat, wird wiederum entsprechend dem Umfang seiner Untaten bestraft werden.

 

Dies bedeutet aber, dass der Umstand, dass dem Schuldigen verziehen wird, nicht bedeutet, dass er auch im Jenseits keine Strafen für seine Handlungen zu erwarten hat, sondern allein, dass ihm die Möglichkeit eröffnet wird, durch Umkehr in Zukunft gute Taten zu vollbringen und damit ein Gegengewicht zu seinen Untaten zu schaffen. Er hat dann im Endgericht eine geringere Bestrafung nicht deshalb zu erwarten, weil seine Untaten vergessen sind, sondern deshalb, weil er aufgrund seiner Umkehr auch eine ganze Reihe guter Taten aufzuweisen hat, die mit seinen Untaten – entsprechend den Gerechtigkeitsvorstellungen – aufgerechnet werden können.