Startseite

 

Gedanken zum Vaterunser

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Übersetzungsprobleme

3. Zur Anzahl der Fürbitten

4. Die Fürbitte um das tägliche Brot

5. Die Fürbitte um Vergebung

6. Die Fürbitte um Beistand zur Überwindung der Versuchungen

7. Vom Sinn des Betens

 

 

1. Einführung

 

Das Vaterunser zählt unter den Christen zu den am häufigsten gesprochenen Gebeten. Es ist auch wohl das einzige vollständige Gebet, welches Christus, der Begründer des christlichen Glaubens, selbst formuliert hatte. Folgen wir den Texten des Matthäusevangeliums, so waren es die Jünger, welche Christus darum baten, wie sie denn ihr Gebet verrichten sollten.

 

In Matthäus 6, 7-15 erfahren  wir, dass Christus diese Bitte seitens der Jünger mit der Ermahnung begonnen hatte:

 

‚Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.‘

 

Christus fährt im 6. Matthäuskapitel fort:

 

‚So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde. Gib uns heute das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen. Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.‘ 

 

Es kommt also danach nicht darauf an, wie viel und wie oft wir zu Gott beten, nicht die Menge der gebeteten Worte noch auch die Zeit, welche wir im Gebet verbringen, ist entscheidend, noch nicht einmal kommt es auf den Wortlaut der Gebete an, es ist falsch, die Gebete wie Bezauberungsformeln gebetsmühlenartig herunter zu sprechen und es ist nicht einfach ein bestimmter Wortlaut, der im Sinne eines Codes die Bereitschaft Gottes, uns zuzuhören und vor allem unserer Bitte nachzugeben, das Tor zu Gott öffnen wird. Vielmehr sollen die Gebete wahr und nicht heuchlerisch sein, sie sollen vom Herzen kommen. Wenn wir also z. B. im Gebet davon sprechen, dass wir unseren Schuldigern vergeben haben, so wird das Gebet nur dann erhört werden, wenn wir diese Bereitschaft nicht nur nach außen im Gebet kundtun, sondern wenn wir tatsächlich in unserem tiefsten Herzen unseren Schuldigern vergeben haben.

 

Neben der Frage, wie wir unser Gebet vortragen sollen, gibt uns der Wortlaut des Vaterunsers auch darüber Auskunft, um was wir denn bitten sollen. Es sind im wesentlichen drei große Bereiche, welche im Mittelpunkt unserer Gebete stehen sollen: die Bitte um das, was wir für unser tägliches Leben dringend benötigen, die weitere Bitte um Vergebung dafür, dass wir immer wieder die Weisungen Gottes missachten und schließlich die Bitte um Beistand im Kampf um die Versuchungen, welchen wir einmal aufgrund unserer eigenen Triebe, zum andern aber auch aufgrund der Versuchung anderer, uns vom wahren Weg abzubringen, permanent ausgesetzt  sind.

 

Vielleicht gibt uns der Wortlaut des Vaterunsers aber auch darüber Auskunft, um was wir nicht bitten sollen. Natürlich können wir aus der bloßen Tatsache, dass bestimmte Themen im Vaterunser nicht angesprochen werden, nicht schließen, dass wir um diese Wünsche nicht bitten dürfen. Gerade wenn wir unterstellen, dass Gott nicht nur gerecht, sondern auch gütig ist, dann können wir durchaus darauf hoffen, dass Gott für alle unsere Nöte ein offenes Ohr hat.

 

Es fällt aber trotzdem auf, dass bestimmte Wünsche, welche in den tatsächlichen Wunschlisten der meisten Menschen an vorderer Stelle stehen, im Vaterunser überhaupt nicht angesprochen werden. Dies gilt erstens für den Wunsch vieler Menschen, glücklich zu werden, sich mindestens einmal in ihrem Leben einem Überschwang der Gefühle hingeben zu können. Auch widerspricht ein solches Verlangen den Lehren, welche uns Christus in der Vielzahl seiner Gleichnisse vorgeführt hat.

 

Ganz anders stellt der Utilitarismus, welcher von einigen Klassikern der Wirtschaftswissenschaft, vor allem von Jeremy Bentham und David Hume propagiert wurde, fest, dass alles menschliche Streben danach trachtet, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen zu erreichen und es wird dort auch betont, dass  dieses Streben auch erwünscht sei.

 

Zweitens bitten Menschen im Allgemeinen um einen beruflichen Erfolg, so etwa wenn ein Schüler oder Student einen erfolgreichen Abschluss im Examen erbittet, oder wenn es einem Politiker darum geht, aus den nächsten Wahlen als Sieger hervorzugehen. Christus hat wiederholt darauf hingewiesen, dass der Erfolg im beruflichen Leben nicht an erster Stelle stehen sollte, die Nachfolge Christi bestand gerade darin, dass die Jünger ihren Beruf aufgaben. Auch wies Christus darauf hin, dass es sehr schwer für einen Menschen ist, in Verfolgung seiner beruflichen Ziele sehr reich zu werden und sich trotzdem auf das nachirdische Leben vorzubereiten. In Matthäus Kapitel 19, Satz 23-30 lesen wir:

 

‚Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: Amen, das sage ich euch: Ein Reicher wird nur schwer in das Himmelreich kommen. Nochmals sage ich euch: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Als die Jünger das hörten, erschraken sie sehr und sagten: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich.‘

 

Diese Äußerungen sind nicht so zu verstehen, dass die Gläubigen überhaupt nicht nach beruflichem Erfolg oder Gewinn streben sollten, sondern eher in dem Sinne, dass das Streben nach beruflichem Erfolg nicht das einzige und auch nicht wichtigste Ziel in unserem Leben werden darf.

 

Drittens schließlich finden wir in der Heiligen Schrift auch niemals Beispiele dafür, dass wir um ein möglichst langes Leben bitten sollten, eine Bitte, welche bei einem sehr großen Teil der Menschheit an der Spitze der Wünsche steht. Zwar gilt das menschliche Leben als heilig. Jeder Versuch, Leben auszulöschen, gilt als schwere Sünde, auch gilt es als nicht erlaubt, seinem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Aber nirgends finden wir in der Heiligen Schrift Hinweise darauf, dass unser Mühen und Sinnen schwergewichtig darauf abzielen sollte, so weit wie immer nur möglich das Leben zu verlängern und Gott darum zu bitten, dass uns dieser Wunsch auch erfüllt wird.

 

 

2. Übersetzungsprobleme

 

Der Text des Vaterunsers ist der Heiligen Schrift und zwar dem Neuen Testament entnommen, er wird bei allen drei Synoptikern (Markus, Matthäus und Lukas) erwähnt, wobei bei Matthäus (6,7-15) die vollständige Form vorgestellt wird, bei Lukas (11,1-4) der Text des Vaterunsers nur in abgekürzter Form übernommen wird, bei Markus (11,25-26) schließlich nur eine einzelne Fürbitte aus dem Vaterunser und zwar die Bitte um Vergebung aufgeführt wird.

 

Wie bei allen Texten der Heiligen Schrift haben wir auch hier davon auszugehen, dass diese Texte in einer uns fremden Sprache verfasst sind, also übersetzt werden müssen. Bei jeder Übersetzung eines Textes aus einer fremden Sprache besteht die Gefahr, dass die Texte falsch, nicht ganz korrekt übersetzt wurden und deshalb in der eigenen Sprache nicht korrekt wiedergegeben werden.

 

Der Grund für diese Übersetzungsprobleme liegt darin, dass die einzelnen Worte in den einzelnen Sprachen recht unterschiedlichen Begriffen zugeordnet werden. Nur in den seltensten Fällen sind die entsprechenden Begriffsinhalte in zwei Sprachen deckungsgleich. Begriffe verschiedener Sprachen verhalten sich nicht wie zwei deckungsgleiche, sondern wie zwei sich überschneidende Kreise. Wir haben davon auszugehen, dass die verwandten Worte zweier Sprachen nur einen Kreisausschnitt gemeinsam haben, sehr oft kann das Wort in der einen Sprache mit dem Begriffsinhalt mehrerer Worte in der jeweils anderen Sprache entsprechen, es ist auch denkbar, dass es für einen Bestandteil eines Begriffes in der anderen Sprache überhaupt kein Pendant gibt.

 

Der Grund für diese fehlende Deckungsgleichheit der einzelnen Begriffe liegt darin, dass die einzelnen Sprachen isoliert voneinander entstanden sind, dass die einzelnen Völker in der Entstehung dieser Sprachen vor recht unterschiedlichen Problemen standen und dass deshalb die einzelnen Völker ihre Begriffe auch anders zusammengefasst und voneinander abgegrenzt haben.

 

Nun ist ein Teil der Heiligen Schrift, das Alte Testament in hebräischer, zum Teil auch in aramäischer Sprache geschrieben. Hier sind die Übersetzungsprobleme ins Deutsch oder Englisch besonders groß, da sich die erwähnten Begriffsinhalte der hebräischen Sprache gegenüber den modernen, heute gesprochenen Sprachen auf der einen Seite in besonders starkem Maße unterscheiden, auf der anderen Seite aber auch deshalb, da nur sehr wenige Exegeten, welche die Schriften ursprünglich übersetzt haben, die hebräische Sprache souverain beherrscht haben. So ist z. B. bekannt, dass Martin Luther, der die Bibel zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt hat, nur sehr unvollkommene Kenntnisse der hebräischen Sprache hatte und dem deshalb auch mehrere folgenreiche Übersetzungsfehler unterlaufen sind.

 

Das Vaterunser ist nun allerdings in griechischer Sprache abgefasst und die Unterschiede in der Begriffsbildung zwischen der altgriechischen und der deutschen Sprache sind insgesamt etwas geringer als die zwischen hebräischer und deutscher Sprache, auch wird man davon ausgehen können, dass die jeweiligen Theologen, welche das Neue Testament ins Deutsche übersetzt haben, sehr wohl über fundiertere Kenntnisse in der griechischen Sprache verfügt haben.

 

Trotzdem besteht auch mit den Texten des Neuen Testamentes ein schwerwiegendes Übersetzungsproblem. Christus hat nämlich mit großer Gewissheit zumeist hebräisch, bisweilen auch aramäisch und eben nicht griechisch gesprochen. Zwar mag es richtig sein, dass seit der Besetzung Judäas durch die Mazedonier die Bildungsbürger von Judäa der griechischen Sprache mächtig waren und sich auch in der Öffentlichkeit unter Umständen der griechischen Sprache bedient haben, dies bedeutet jedoch noch lange nicht, dass auch Christus sich in dieser Sprache ausgedrückt hat.

 

Ein Großteil der Reden Jesu bestand in einer Auseinandersetzung mit den Pharisäern, es ist davon auszugehen, dass sich die Pharisäer der Sprache ihrer Väter und der Texte des alten Testamentes schon aus Prinzip bedient haben und nicht in der Sprache ihrer Unterdrücker – welche in ihren Augen Heiden waren – ihre Dispute führten, vor allem gilt es zu berücksichtigen, dass die römischen Besatzer durchaus des Griechischen mächtig waren, sodass schon aus diesen Gründen die Gespräche der Pharisäer mit Christus und untereinander in hebräisch geführt wurden, welche nicht ohne Weiteres auch von den Römern verstanden wurden. Ein anderer Teil der Reden von Jesus richtete sich an das einfache Volk, das sicherlich mehrheitlich nicht über griechische Sprachkenntnisse verfügt hat.

 

Also entstanden auch für die Verfasser des Neuen Testamentes die gleichen Übersetzungsprobleme, welche bei der Übersetzung des Alten Testamentes bestanden. Es kommt noch hinzu, dass die Verfasser der vier Evangelien vermutlich keine Augenzeugen der Reden Jesu waren, Lukas selbst bezeugt dies zu Beginn des nach ihm benannten Evangeliums, von Markus und Johannes wird heutzutage  von einem großen Teil der Exegeten davon ausgegangen, dass die Verfasser dieser Evangelien nicht identisch mit den gleichnamigen Aposteln (Jüngern) sind und somit keine unmittelbaren Augenzeugen waren.

 

Es sind vor allem drei Stellen des Vaterunsers, bei denen die ursprüngliche Übersetzung ins Deutsche vermutlich falsch oder zumindest missverständlich war. In der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg beteten die deutschen Christen in der letzten 6. (oder 7.) Fürbitte des Vaterunsers darum, ‚führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel‘. Dieses letzte Wort gab sicherlich den Sinn dieser letzten Fürbitte nicht korrekt wieder. Von Übel sprechen wir in der deutschen Sprache in aller Regel, wenn wir zum Ausdruck bringen wollen, dass es einem Kranken oder auch Armen übel ergeht.

 

Dieses Thema kann jedoch in der letzten Fürbitte schon deshalb nicht angesprochen sein, weil es bereits in der Fürbitte um das tägliche Brot einbezogen ist. Es gibt keinen Sinn, in einem so kurzen Gebet die Bitte um Gewährung des für das Leben Unerlässliche gleich zweimal auszusprechen. Auch bringt das Bindewort ‚sondern‘ in diesem Satz zum Ausdruck, dass anstelle der im ersten Teil angesprochenen ‚Versuchung‘ ein Zustand treten soll, welcher der Versuchung entgegengesetzt ist. Dies gilt jedoch nicht für den üblichen Gebrauch des Wortes: ‚Übel‘. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass heutzutage in der letzten Fürbitte des Vaterunsers von dem Bösen gesprochen wird, von dem wir befreit werden sollen.

 

An zweiter Stelle scheint auch die Bitte um Vergebung nicht unbedingt dem Sinn zu entsprechen, den Christus dieser Fürbitte vermutlich beigemessen hat. Es handelt sich hierbei um den zweiten Teil dieser Fürbitte, welcher in der heutigen offiziellen Version mit ‚wie auch wir vergeben unseren Schuldigern‘ übersetzt wird. Diese Version knüpft an den Text des Lukasevangeliums Kapitel 11, Satz 4 an, wo es heißt: ‚Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist‘.

 

Bei Matthäus Kapitel 6 Satz 12 heißt es hingegen: ‚Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben.‘ Es wird hier also davon gesprochen, dass wir zunächst einmal unseren Schuldigern verzeihen müssen, damit wir überhaupt das Recht haben, Gott darum zu bitten auch uns unsere Sünden zu erlassen. Bei der Analyse dieser Fürbitte weiter unten werden wir sehen, dass diese Interpretation sehr viel besser den sonstigen Äußerungen Christi an anderen Stellen des Neuen Testamentes entspricht.

 

An dritter Stelle sorgt schließlich der erste Teil der letzten Fürbitte für Missverständnisse. Dort heißt es in der heute üblichen Version: ‚Führe uns nicht in Versuchung‘. Ganz davon abgesehen, dass es wohl kaum erklärt werden kann, warum ein gütiger und gerechter Gott uns Menschen in Versuchung führten sollte – wir werden bei der Analyse dieser letzten Fürbitte noch ausführlich auf diese Problematik eingehen –, diese Übersetzung widerspricht eindeutig einer Stelle im Jakobusbrief Kapitel 1, Satz 13-14, dort lesen wir:

 

„Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung. Jeder wird von seiner eigenen Begierde, die ihn lockt und fängt, in Versuchung geführt“.

 

Es wird hier eindeutig festgestellt, dass Gott niemals die Menschen in Versuchung führt, Böses zu tun, deshalb gibt es auch keinen Sinn, Gott darum zu bitten, uns nicht in Versuchung zu führen. Pinchas Lapide, ein jüdischer Gelehrter, hat aufgezeigt, dass eine Zurückübersetzung dieser Textstelle ins Hebräische die Lösung des Problems bringen könnte. Das entsprechende hebräische Wort kann nämlich nicht nur „bringen“ oder „führen“, sondern auch „kommen lassen“ heißen.

 

 

3. Zur Anzahl der Fürbitten

 

In den Kommentaren zum Vaterunser wird in aller Regel von sechs oder sogar sieben Fürbitten gesprochen. Im Wesentlichen werden jedoch nur drei Arten von Fürbitten angesprochen. Hierbei können wir grammatikalisch gesehen davon ausgehen, dass Aussagen indikativer Natur sein können und etwas darüber aussagen, was ist oder dass Aussagen einen normativen Charakter aufweisen, also darüber etwas aussagen, was sein soll. Die  normativen Aussagen lassen sich im Zusammenhang mit dem Vaterunser weiterhin danach unterscheiden, ob die betenden Menschen Gott um etwas bitten (Gott soll also etwas tun) oder ob Gott uns Weisungen gibt, welche wir befolgen sollen (wir Menschen sollen also etwas tun). Beginnen wir mit dem ersten Satz des Vaterunsers:

 

‚Vater unser, der du bist im Himmel.‘

 

Rein äußerlich ist dieser erste Satz nach seiner grammatikalischen Form als indikative Aussage formuliert. Der erste Teil dieses Satzes (Vater unser) stellt allerdings eine Anrede dar, man gibt aber gleichzeitig auch mit dieser Anrede kund, dass wir Gott als unseren Schöpfer (Vater) anerkennen. Der Hinweis im zweiten Teil macht deutlich, dass das Reich Gottes eben nicht primär hier auf Erden, sondern jenseits dieser Welt, eben im Himmel zu finden ist. Bei Johannes im Kapitel 19, Satz 35 - 36 entgegnet Jesus bei dem Verhör vor Pilatus auf die Frage:

 

‚Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan?‘:

 

‚Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.‘

 

Die hiesige Welt wurde nach der Schöpfung den Menschen übergeben (‚machet euch die Erde untertan‘) und Gott hat den Menschen weitgehend die Freiheit überlassen, selbst zu bestimmen, ob sie sich für oder gegen Gott entscheiden, ob sie die Gebote Gottes befolgen oder nicht.

 

Betrachten wir nun den zweiten Satz des Vaterunsers:

 

‚geheiligt werde dein Name‘.

 

Rein grammatikalisch betrachtet könnte hier eine indikative wie auch normative Aussage vermutet werden. Es ist aber sicherlich nicht sinnvoll, im Sinne einer indikativen Aussage hier einfach festzustellen, dass Gottes Name geheiligt werde. Vielmehr soll hier zum Ausdruck gebracht werden, dass derjenige, der das Vaterunser spricht, bereit ist, den Namen Gottes zu heiligen.

 

Der Betende entspricht damit den ersten Geboten Gottes, welche Moses vom Berg Sinai auf zwei Gesetzes-Tafeln dem israelischen Volk verkündet hatte und auf die sich auch Christus berufen hatte, als er nach dem wichtigsten Gottesgebot gefragt wurde (Matthäus Kapitel 22, Satz 34 - 40). Im 5. Buch Moses, Kapitel 5, Satz 6 -11 lesen wir:

 

‚Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Gottesbildnis machen… Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen … Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen…‘

 

Sicherlich kann dieser zweite Satz des Vaterunsers nicht als eine Fürbitte gedeutet werden. Nicht wir bitten, dass Gottes Name geheiligt werde, sondern es ist Gott, der uns die Weisung erteilt hat, seinen Namen zu heiligen.

 

Wenden wir uns dem 3. Satz des Vaterunsers zu:

 

‚Zu uns komme dein Reich‘.

 

Grammatikalisch liegt hier eindeutig eine normative Aussage vor. Man könnte nun diesen Satz sehr wohl so deuten, dass man mit diesem Satz Gott darum bitten möchte, dass sein Reich zu uns komme. Aber nach den Auskünften des Neuen Testamentes gehen wir eigentlich davon aus, dass das Reich Gottes allen Menschen offen steht, wir brauchen also gar nicht Gott eigens darum zu bitten, uns diese Bitte zu erfüllen. Sie ist schon und zwar für jeden Menschen ausgesprochen (‚Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er:

 

‚Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch.‘ Lk 17,20-21).

 

Es hängt nun von der Bereitschaft des einzelnen Menschen ab, ob er dieses Angebot annimmt oder ablehnt. Wenn für einen großen Teil der Menschheit das Reich Gottes noch nicht angebrochen ist, so liegt das am Verhalten des Menschen und nicht an der Bereitschaft Gottes. Der Mensch und nicht Gott muss nun etwas tun, damit dieser Wunsch auch in Erfüllung geht (Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Mk 10,15).

 

Der 4. Satz des Vaterunsers

 

‚dein Wille geschehe im Himmel, also auch auf Erden‘) 

 

kann als Weiterführung und Präzisierung des vorhergehenden Satzes angesehen werden. Das Reich Gottes äußert sich eben darin, dass hier Gottes Wille entsprochen wird, dies gilt für das Reich Gottes im Himmel, zu allen Zeiten, auch wenn einmal die Erde vergangen ist, aber auch bereits hier auf Erden, da ja – wie die Überlegungen zum vorhergehenden Satz gezeigt haben – das Reich Gottes für diejenigen Menschen, welche dem Willen Gottes entsprechen, bereits hier auf Erden begonnen hat (Matthäus 4, 1-11).

 

Auch hier gäbe es keinen Sinn von einer Fürbitte der Betenden an Gott in diesem Zusammenhang zu sprechen. Gott hat seinen Willen kundgetan, wir können und brauchen auch nicht darum bitten, dass Gott etwas will, es ist wiederum am Menschen, den von von Gott geäußerten Willen zu erfüllen.

 

Mit dem 5. Satz des Vaterunsers beginnen nun die wesentlichen in diesem Gebet angesprochenen Fürbitten:

 

 ‚Unser tägliches Brot gib uns heute‘.

 

Auch hier können wir natürlich davon ausgehen, dass Gott durch seine Schöpfung die Voraussetzungen dafür geschaffen hat, dass den Menschen das für das Überleben Notwendige zur Verfügung steht. Trotzdem können wir nicht damit rechnen, dass nun zu allen Zeiten alle Menschen über ausreichende Mittel verfügen, um das zu produzieren, was zum Überleben notwendig ist.

 

Erinnern wir uns an den Schöpfungsbericht im ersten Buch Moses. In Kapitel 2, 7-9 erfahren wir, dass Gott, der Herr,

 

‚den Menschen aus Erde vom Ackerboden formte und in seine Nase den Lebensatem blies…. Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte. Gott, der Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten.‘

 

 In Mitten des Gartens stand der Baum des Lebens, was besagen will, dass die ersten Menschen durchaus eine Veranlagung zur Unsterblichkeit hatten. Die ersten Menschen lebten also zunächst in einem Paradies, es gab genügend Früchte und die ersten Menschen waren auch nicht gezwungen, durch harte Arbeit sich das Lebensnotwendige zu erarbeiten. Dieser Überfluss war allerdings nur solange garantiert, als sich die Menschen nicht durch geschlechtlichen Verkehr vermehrten. Da sie dieses Gebot (nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen) nicht befolgt haben, stand ihnen danach auch nicht mehr die Segnungen des Paradieses zur Verfügung. Da der Vorrat der konsumreifen Früchte nicht mehr ausreichen konnte, musste der Mensch nun durch harte Arbeit aus den zur Verfügung stehenden Rohstoffen die Güter produzieren, welche er zum Überleben bedurfte.

 

Für diese Phase nach der Entsendung aus dem Paradies galten nun die beiden Gebote Gottes, welche bereits im ersten Buch Moses, Kapitel 1, Satz 27-28 formuliert sind:

 

‚Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch…‘

 

Nun lag die Verantwortung für ein ausreichendes Güterangebot in erster Linie bei Menschen selbst. ‚Unterwerft euch die Erde‘ will heißen, dass nun der Mensch durch Erforschung der natürlichen Gesetze zu erkennen hat, auf welchem Wege aus den zur Verfügung stehenden Rohstoffen Konsumgüter hergestellt werden können und dass er durch menschliche und mühsame Arbeit entsprechend diesem Wissen die Güter anfertigt. Es liegt am Menschen dafür zu sorgen, dass Bevölkerungswachstum und Wachstum des Nahrungsspielraumes so gestaltet werden, dass auch jeder einzelne Mensch zumindest über die lebensnotwendigen Güter verfügen kann.

 

Gerade weil der Mensch in der Realisierung dieser Aufgaben oftmals – schuldhaft oder aus Unvermögen – versagt, ist es nun nicht mehr selbstverständlich, dass der einzelne stets über das Lebensnotwendige verfügt und so ist es auch zu verstehen, dass der Mensch Gott darum bitten darf, durch geistigen Beistand und Erleuchtung mitzuhelfen, dass der einzelne auch über das tägliche Brot verfügt.

 

Der 6. Satz des Vaterunsers:

 

‚vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern‘

 

spricht einen zweiten, ebenfalls sehr unvollkommen gestalteten Lebensbereich an. Die Gebote Gottes bestehen eigentlich in wenigen, durchaus einsichtigen Weisungen. Moses hatte auf den beiden Gesetzestafeln vom Berge Sinai gerade 10 Weisungen (Zehn Gebote) übermittelt. Jesus hatte auf die Frage eines Pharisäers, welches denn das wichtigste Gebot sei, auf lediglich zwei Gebote hingewiesen: auf das Gebot Gott zu lieben und zu verehren sowie den Mitmenschen zu achten, denn er ist wie du und er hat darauf aufmerksam gemacht, dass mit diesen beiden Weisungen im Grunde die von Moses übergebenen zehn Gebote sowie auch die Ermahnungen der Propheten enthalten seien. So heißt es z. B. bei Matthäus Kapitel 22, Satz 34 - 40:

 

‚Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie (bei ihm) zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.‘ 

 

Obwohl also dem Gläubigen die Befolgung nur einer Handvoll Weisungen auferlegt ist und diese Weisungen für ein friedliches Zusammenleben der Menschen als notwendig erscheinen, müssen wir feststellen, dass die Menschen immer wieder erneut gegen diese Weisungen verstoßen, die Menschen morden, sie stehlen, sie sagen die Unwahrheit, um nur einige Verfehlungen aufzuzählen. Es ist nicht nur eine geringe Zahl von Menschen, welche diese Gebote übertreten, man muss vielmehr davon ausgehen, dass nahezu jeder diese Gebote übertritt, ein heiligmäßiges Leben findet sich nur bei ganz wenigen Menschen. Gleichzeitig muss auch festgestellt werden, dass die meisten Menschen nicht nur ein- oder zweimal die Gebote übertreten, sondern immer wieder von Neuem.

 

Nun zeichnet sich der christliche (wie auch der jüdische und islamitische Glauben) dadurch aus, dass Gott bereit ist, den Menschen zu verzeihen, sofern sie nur bereit sind, ihre Sünden ehrlich zu bereuen. Eine solche Reue findet sich nun in der zweiten Fürbitte des Vaterunsers: Wir bitten Gott, uns unsere Sünden zu verzeihen und um zu zeigen, dass wir auch wirklich zur Umkehr (eine wesentliche Voraussetzung für eine Vergebung) bereit sind, geben wir kund, dass auch wir bereit sind, denjenigen zu verzeihen, welche sich gegen uns versündigt haben.

 

Der 6. Satz des Vaterunsers bezieht sich auf die dritte wesentliche Fürbitte um den göttlichen Beistand bei unserem Bemühen, um uns gegen die Versuchungen unseres eigenen Körpers sowie unsere Mitmenschen zu erwehren. Wir hatten weiter oben bereits darauf aufmerksam gemacht, dass eine Bitte an Gott, uns nicht zum Bösen zu versuchen, wenig Sinn gibt und auch mit andern Stellen des Neuen Testamentes in eindeutigen Widerspruch gerät. Halten wir also mit Jakobus fest, dass Gott niemals uns anstiftet, Böses zu tun, auch nicht um uns zu prüfen und dass diese Bitte so verstanden werden muss, dass wir um göttlichen Beistand bei unseren Bemühungen, den Versuchungen zu widerstehen, bitten. Denn nur dann, wenn wir den zahlreichen Versuchungen widerstehen, haben  wird den Weisungen Gottes entsprochen.

 

 

4. Die Fürbitte um das tägliche Brot

 

Wir wollen uns nun im Folgenden den drei wesentlichen Fürbitten des Vaterunsers zuwenden. Beginnen wir mit der Bitte um das tägliche Brot. Als erstes gilt es zu umreißen, um was denn hier gebeten wird, was verstehen wir unter täglichem Brot genau? Jesus ging sicherlich nicht so vor, wie in einer wissenschaftlichen Abhandlung verfahren worden wäre, bei der man als erstes den Gegenstand der folgenden Ausführungen möglichst exakt und vollständig umrissen hätte. Es ist klar, dass mit dieser Bitte nicht nur um Brot im wörtlichen Sinne gebeten wird. Es entspricht der Lehrweise von Christus – und überhaupt orientalischem Denken – einzelne Momente des angesprochenen Problems pointiert hervorzuheben, das zu behandelnde Thema also anhand eines den Zuhörern vertrauten Gegenstandes im Sinne eines pars pro toto (ein Teil für das Ganze) zu erläutern.

 

Es geht natürlich bei der ersten wichtigen Fürbitte des Vaterunsers um die gesamte Ernährung und für die damalige Zeit, vor allem aber auch für die Masse der Zuhörer von Christus, welche ja vorwiegend der ärmeren Bevölkerungsschicht angehört hatten, gehörte Brot genauso wie Fische zu den Hauptnahrungsmitteln.

 

Zur alltäglichen Nahrung zählen aber alle festen und auch flüssigen Nahrungsmittel, welche für das menschliche Leben unerlässlich sind, nur Luxusgüter, welche sich ohnehin zu der damaligen Zeit nur eine kleine Schicht der Begüterten leisten konnten, sind von diesem Katalog ausgenommen. Wir bitten mit dieser Fürbitte darum, weder zu hungern noch zu dürsten, noch zu frieren. Alle materiellen Güter, welche zum Überleben notwendig sind, werden mit dieser Bitte angesprochen.

 

Den Sinn dieser ersten wichtigen Fürbitte erkennt man am besten dadurch, dass man diese Aussage mit weiteren Stellen der Heiligen Schrift, vor allem mit anderen Verlautbarungen von Jesus zur Frage der Sorge um das ‚tägliche‘ Brot vergleichen.

 

Als erstes seien Worte Jesu erwähnt, die er zu Beginn seiner Wanderpredigerschaft äußerte, als er sich für längere Zeit in der Wüste aufhielt. Wir lesen bei Matthäus im 4. Kapitel, Satz 1 - 4:

 

‚Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.‘

 

Wir erfahren hier, dass die Sorge um das tägliche Brot keinesfalls das einzige Ziel unseres Lebens sein kann, es gibt sehr wohl andere Ziele, um die wir uns kümmern sollten. Wir können sogar noch einen Schritt weiter gehen und betonen, dass der Sinn des Menschen gerade nicht darin besteht, sich nur um das leibliche Wohl zu kümmern, dass vielmehr unser Erdendasein als eine Art Bewährungszeit verstanden werden kann, in welcher wir uns für das jenseitige Leben vorzubereiten haben.

 

Die Sorge um das tägliche Brot steht nur deshalb an erster Stelle der drei wichtigen Fürbitten des Vaterunsers, weil wir uns natürlich nur dann unseren eigentlichen Aufgaben widmen können, wenn wir überhaupt die Möglichkeit haben, weiterzuleben. Die Sorge um das tägliche Brot ist also eine notwendige Voraussetzung dafür, dass wir uns für das kommende Leben nach dem Tod bewähren, es ist aber nicht das letztliche, uns aufgetragene Ziel.

 

Christus unterscheidet an dieser Stelle auch zwischen der für das irdische Leben notwendigen Nahrung, dem ‚täglichen Brot‘ und der geistigen Nahrung, welche uns das ewige Leben nach dem Tode ermöglicht.  Es ist dies ‚das Wort, das aus Gottes Mund kommt‘.

 

Es entspricht auch christlichem Glauben, dass das Wirken und auch das Leiden Jesu hier auf Erden die Voraussetzung dafür ist, dass wir Menschen trotz unserer zahlreichen Verfehlungen schließlich in das Reich Gottes eintreten können. In der Verwandlung von Brot und Wein und in der Kommunion vollziehen die Christen in jeder Messe die Aufnahme dieser geistigen Nahrung.

 

Eine zweite Stelle aus dem Neuen Testament erhellt und vertieft die Bedeutung der Fürbitte um das tägliche Brot im Vaterunser um ein Weiteres. Bei Matthäus im 6. Kapitel, Satz 25 - 34 lesen wir:

 

‚Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung?

 

Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!

 

Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben. Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.‘ 

 

Diese Worte Jesu scheinen auf den ersten Blick der Fürbitte um das tägliche Brot im Vaterunser zu widersprechen. Warum lehrt uns Jesu, um das tägliche Brot zu bitten und warum hat diese Fürbitte im Vaterunser eine so entscheidende Rolle (sie ist eine unter nur drei genannten Fürbitten!), wenn Jesus der Meinung ist, dass sich nur Kleingläubige um die tägliche Nahrung kümmern und wenn Christus seine Jünger und seine Zuhörer geradezu auffordert, sich um eine ausreichende Ernährung gar nicht zu kümmern?

 

In der Beantwortung dieser Frage dürfte wiederum wie bei der Interpretation aller Auskünfte aus der Heiligen Schrift, der Hinweis von Bedeutung sein, dass fast alle Reden der Bibel das, was sie sagen wollen, pointiert vorbringen, also gewissermaßen auf die Spitze treiben, um überhaupt die Zuhörer dazu zu bewegen, ihr Verhalten zu ändern. Auch ist daran zu erinnern, dass Christus mit seinen Lehren damals zu aktuellen Fragen Stellung bezog, sodass der eigentliche Sinn einer Aussage immer erst dann verstanden werden kann, wenn wir das historische Umfeld, in das bestimmte Lehren gesprochen wurden, genau kennen.

 

In diesem Sinne wenden sich diese Aussagen gegen eine damals übliche, übertriebene Sorge für die irdischen Belange. Es wird ein Verhalten gegeißelt, das sich ausschließlich in der Sorge um die täglichen Bedürfnisse erschöpft, das in diesem Verhalten vergisst, dass der eigentliche Sinn jedes menschlichen Lebens eben gerade nicht in einer möglichst hohen Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse besteht, dass diese Sorge zwar notwendig ist, aber eben nur – wie oben gezeigt – eine Voraussetzung dafür bildet, dass wir überhaupt in der Lage sind, uns dem eigentlichen Sinn des menschlichen Leben zu widmen.

 

Wir haben oben gesehen, dass die Sorge um die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse seit der Vertreibung aus dem Paradies in erster Linie in die Hände des Menschen gelegt wurde. Gott sprach: ‚Machet euch die Erde untertan‘. Und wenn die materielle Existenz vieler Menschen bedroht ist, Menschen vor Hunger und Durst umkommen, so ist dies in erster Linie Folge eines unbefriedigenden Verhaltens der Menschen. Nicht in dem Sinne, dass die Menschen die Vielzahl der Naturkatastrophen zu verantworten haben; obwohl wir heute wissen, dass selbst die Stärke der heute auftretenden Naturkatastrophen zum Teil auch auf menschliches Versagen (z. B. durch Zerstörung der Ozonschicht dadurch, dass bei Produktion und Konsum ungeheure Mengen an Kohlendioxid in die Luft entlassen werden und eine Erderwärmung auftritt) zurückgeführt werden muss.

 

Die Verfehlungen der Menschen im Zusammenhang mit Hungersnöten liegen aber in erster Linie darin, dass wir es an den an und für sich möglichen Vorkehrungen zur Vermeidung solcher Katastrophen vermissen ließen. Wir können z. B. zwar nicht damit rechnen, dass nicht immer wieder Missernten eintreten, wir können aber – wie das biblische Beispiel von Joseph in Ägypten zeigt – sehr wohl in den Jahren des Überflusses durch Lagerungen oder allgemein durch Ersparnis sehr wohl verhindern, dass es in Zeiten von Missernten zu Hungersnöten kommt. Oder aber wir können die individuelle Not einzelner, mit der wir immer wieder rechnen müssen, dadurch lindern, dass wir Akte der Nächstenliebe üben.

 

Welche Rolle fällt aber dann in der Sorge um das tägliche Brot Gott zu, warum sollen wir auch Gott um das tägliche Brot bitten? An erster Stelle war es Gott, welcher durch die Erschaffung der Welt, die materiellen Ressourcen zur Verfügung gestellt hat, welche zur Produktion der lebensnotwendigen Güter benötigt werden. Auch wenn wir davon ausgehen müssen, dass sich die irdischen Geschehnisse in allerersten Linie aus den bei der Schöpfung der Welt etablierten Naturgesetze ergeben, bedeutet dies noch lange nicht, dass sich Gott aus der Welt vollkommen heraushält, die Geschehnisse nur den Naturgesetzen überlässt.

 

Gott übt nach christlichem Verständnis auf jeden Fall auch dadurch Einfluss auf das irdische Geschehen aus, dass er die Menschen anhält, seinen Weisungen zu folgen, dass er sehr wohl das menschliche Verhalten beeinflussen kann, sofern die Menschen bereit sind, sich den göttlichen Eingebungen zu öffnen. Wir werden im letzten Abschnitt dieses Artikels auf diese Problematik, auf die Frage also, auf welchem Wege denn Gott bereit ist, unsren Bitten zu entsprechen, noch ausführlich eingehen.

 

 

5. Die Fürbitte um Vergebung

 

Wenden wir uns nun der zweiten zentralen Fürbitte des Vaterunsers zu, der Bitte um Vergebung. Wir hatten schon oben darauf hingewiesen, dass es der biblischen Lehre besser entspricht, wenn wir die Stelle im Matthäusevangelium zugrunde legen (wie auch wir vergeben haben..) und weniger den entsprechenden Text bei Lukas im Kapitel 11 (denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist). Es geht bei dieser Fürbitte nämlich nicht darum, dass wir eine Art Tauschhandel mit Gott abschließen, wir verzeihen unseren Schuldigern und erhoffen uns von Gott, dass er deshalb auch uns selbst als Gegenleistung unsere Sünden vergibt. Vielmehr haben wir davon auszugehen, dass Gott uns Vergebung unserer Sünden angeboten hat unter der Voraussetzung, dass auch wir uns in gleicher Weise unseren Schuldigern gegenüber verhalten haben. In ähnlicher Weise heißt es bei Matthäus 5,21–26:

 

‚Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.‘



 Mit dieser Fürbitte wird das zentrale Thema sowohl der jüdischen wie auch christlichen Religion angesprochen. Gott gab uns Weisungen, wie wir uns ihm gegenüber und gegenüber unseren Mitmenschen zu verhalten haben. Im Paradies galt für Adam und Eva das Verbot, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Nach der Errettung Noahs vor der Sündflut gebot Gott wie auch zu Beginn der Schöpfung den Menschen: ‚Wachset uns vermehret euch und macht euch die Erde untertan‘. Moses hatte den Israeliten vom Berge Sinai in den zwei Gesetzestafeln die zehn Gebote Gottes gebracht. Und Jesus schließlich hatte auf die Frage eines Pharisäers nach dem höchsten Gebot mit dem Hinweis auf die Gottesverehrung und die Nächstenliebe geantwortet, wobei er hinzufügte, dass auch die Menschenliebe dem ersten Gebot gleichkomme und dass beide Gebote den Inhalt der von Moses verkündeten zehn Gebote einschließlich der Lehren der Propheten zusammenfassen würden.

 

In der gesamten Bibel wird uns davon berichtet, dass die Menschen zu allen Zeiten diese Gebote immer wieder gebrochen haben und dass dies für Juden wie Heiden, für Geführte wie für die Propheten und Könige gegolten hat. Kennzeichnend für den christlichen wie auch bereits jüdischen Glauben ist nun die Bereitschaft Gottes, den Menschen zu vergeben, sofern sie nur zur Umkehr bereit sind. Diese Bereitschaft gilt restlos für alle Menschen, Gott hat diesen Willen ein für allemal kund getan. Allerdings bedarf es hier auch einer aktiven Haltung des sündigen Menschen, er kann nur dann Vergebung erwarten, wenn er zur Umkehr auch bereit ist und diese Bereitschaft gibt er z. B. in der zweiten Fürbitte des Vaterunsers kund: er folgt dem Gebot der Nächstenliebe und dieses Gebot besagt, füge dem Nächsten keinen Schaden zu, komme ihm zu Hilfe, wenn er Hilfe benötigt, behandle den Nächsten wie dich selbst, denn er ist wie du Gottesgeschöpf, vergib ihm, wenn er gegen dich gesündigt hat.

 

Die bereits im alten Judentum verankerte Rechtsauffassung hat auch für die Gerichtsbarkeit des modernen Rechtsstaates große Bedeutung erlangt. So findet sich ein Großteil der zehn Gebote auch in den modernen Strafgesetzbüchern, so vor allem das Verbot zu morden, zu stehlen, kein falsches Zeugnis gegen den Nächsten abzulegen und das Privateigentum des jeweils anderen zu achten. Vor allem hat der moderne Rechtsstaat den grundlegenden Gleichheitsgrundsatz von der jüdischen Gerichtsbarkeit übernommen. Dort heißt es im 3. Buch Moses, Kapitel 24, Satz 17 - 22:

 

 ‚Wer einen Menschen erschlägt, wird mit dem Tod bestraft.Wer ein Stück Vieh erschlägt, muss es ersetzen: Leben für Leben. Wenn jemand einen Stammesgenossen verletzt, soll man ihm antun, was er getan hat: Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Der Schaden, den er einem Menschen zugefügt hat, soll ihm zugefügt werden. Wer ein Stück Vieh erschlägt, muss es ersetzen; wer aber einen Menschen erschlägt, wird mit dem Tod bestraft. Gleiches Recht soll bei euch für den Fremden wie für den Einheimischen gelten; denn ich bin der Herr, euer Gott.‘

 

Dies bedeutet natürlich nicht, dass derjenige, dem ein Auge ausgeschlagen wurde, nun gegenüber dem Täter das Recht erhält, diesem ebenfalls das Auge auszuschlagen. Es geht bei diesem Grundsatz vielmehr einmal darum, dass gleiche Vergehen auch gleich geahndet werden und dass zum andern eine Entsprechung im Umfang der Strafe mit dem Umfang der Tat gewahrt werden muss.

 

Trotz dieser Nähe beider Rechtssysteme weist jedoch der christlich/jüdische Glaube in dieser Frage wesentliche Unterschiede zu den Grundprinzipien des modernen Rechtsstaates auf. Als erstes akzeptiert der gläubige Mensch, dass es mit menschlichen Mitteln gar nicht möglich ist, eine absolute Gerechtigkeit hier auf Erden herbeizuführen. Stets haben wir davon auszugehen, dass die eigentliche Ursache einer Straftat nicht nur beim Täter allein liegt, dass vielmehr sowohl die erbliche Veranlagung, weiterhin die Art der Erziehung des Täters, aber auch die Mitmenschen, einschließlich der Opfer einer Tat zum Zustandekommen der Straftat beigetragen haben. In der Zumessung des eigentlichen Anteils der Schuld des Täters gelingt es uns nur in den seltensten Fällen, den Umfang der Schuld des Täters eindeutig zu ermitteln.

 

Für den Gläubigen ist diese Unzulänglichkeit bei der Ermittlung der persönlichen Schuld vielleicht unbefriedigend, aber doch nicht entscheidend, er vertraut darauf, dass Gott – und nur er – in die Herzen der Menschen sehen kann und dass er allein auch das Ausmaß der persönlichen Schuld des Täters erkennen kann, er vertraut weiterhin darauf, dass am Ende der Zeiten im Jenseits allen Menschen Gerechtigkeit zuteil wird, den guten wie den schlechten Menschen entsprechend der Größe ihrer Schuld. Wer diesen Gottesglauben nicht hat, kann nur hoffen, dass es auch den irdischen Gerichten einigermaßen gelingt, möglichst alle Straftaten zu bestrafen und die Strafe nach dem Umfang der Schuld zu bemessen.

 

Als zweites verlangt der moderne Rechtsstaat, dass Schuld stets durch eine angemessene Strafe gesühnt wird, welche von einem ordentlichen Gericht verhängt wurde. Die christliche und jüdische Religion setzt demgegenüber in allererster Linie die Reue, welche die Schuld tilgt. Aus der Sicht des Opfers scheint in unserer heutigen Rechtsordnung die Sühne Voraussetzung dafür, dass die Ordnung wiederhergestellt ist. Der Täter wird erst dann wieder als normales Mitglied der Gemeinschaft akzeptiert, wenn er seine Strafe verbüßt hat. Die Forderung nach Sühne mag noch so sehr im Hinblick auf die Opfer und Angehörigen der Opfer verständlich erscheinen, der Sühnegedanke entspricht jedoch nicht dem eigentlichen Vorstellungen, welche Christus vorgetragen und vorgelebt hat. Bei Johannes Kapitel 8, Satz 3 - 11 lesen wir:

 

‚Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

 

Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!‘ 

 

In diesem Text wird deutlich, dass es nach christlichem Verständnis nicht auf die Strafe und damit Sühne ankommt, damit die Ordnung wiederhergestellt wird, sondern allein darauf, dass der Sünder seine Sünden aufrichtig bereut und zur Umkehr willens ist.

 

Drittens unterscheiden sich moderner Rechtsstaat und religiöse Überzeugung auch darin, wie denn zu verfahren ist, wenn eine Person immer wieder von neuem sündigt (Gesetze verletzt). Hier spricht die Rechtsprechung von Rückfall und verhängt über den Täter eine dementsprechend höhere Strafe.

 

Auch nach allgemeinem weltlichen Verständnis wird oft davon gesprochen, dass jeder eine zweite Chance verdiene, wie groß auch sein erstmaliges Vergehen war. Aber wohl kaum einer spricht davon, dass der einzelne Täter immer wieder auch bei fortgesetzten gesetzeswidrigem Handeln eine erneute Chance verdiene.

 

Ganz anders ist in diesem Zusammenhang die Antwort von Christus. Nach Matthäus Kapitel 18 Satz 21-22 lesen wir:

 

…‚trat Petrus zu ihm (zu Jesus) und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.‘

 

Es ist klar: Mit dieser Aussage ist nicht gemeint, dass beim achtundsiebzigsten mal keine Vergebung mehr erwartet werden darf, diese Aussage deutet vielmehr darauf hin, dass es für Vergebung keine Grenzen gibt, der einzelne mag sich gegen seine Mitmenschen noch so oft versündigt haben, er kann mit Vergebung seitens Gottes und er soll mit Vergebung seitens der Opfer und der übrigen Mitmenschen rechnen, sofern er nur ehrlich bereut. Eine ernst gemeinte Umkehr ist nach christlicher Überzeugung bis zur letzten Sekunde seines Lebens möglich.

 

 

6. Die Fürbitte um Beistand zur Überwindung der Versuchungen

 

Befassen wir uns schließlich mit der dritten wesentlichen Fürbitte des Vaterunsers, mit der Bitte, uns bei all unseren Versuchungen Beistand zu gewähren. Wir hatten bereits gesehen, dass eine Übersetzung dieser Bitte im Sinne: ‚Führe uns nicht in Versuchung‘ mit den Ausführungen im Jakobusbrief in Widerspruch gerät. Danach  wird Gott uns nie in Versuchung führen, Böses zu tun.

 

Eine solche Uminterpretation ergibt sich auch bereits aus dem Glauben, dass Gott den Menschen gegenüber nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig ist. Wir würden doch sicherlich einen Herrscher, welcher zur Überprüfung der Treue eines seiner Untergebenen ihn bewusst zu einer Straftat auffordern würde, als grausam und zynisch halten. Um so mehr gilt, dass uns ein barmherziger Gott niemals zum Bösen verleiten wird, zumal wir doch davon ausgehen, dass Gott einer solchen Überprüfung gar nicht bedarf, da er in unsere Herzen schauen kann und deshalb auch ohne diese Prüfung weiß, wieweit wir Gott die Treue halten und willens sind, seine Gebote zu befolgen.

 

Der Auffassung, dass Gott den Menschen versuche, begegnen wir allerdings auch schon im Alten Testament. Im ersten Buch Moses lesen wir, dass Gott Abraham aufgefordert habe, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern. In Genesis, Kapitel 22, Satz 1 - 2 heißt es:

 

‚Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.‘

 

In den Kommentaren zu dieser Bibelstelle liest man, dass diese Erzählung nicht bedeuten solle, dass Gott tatsächlich die Absicht hatte, Abraham solle seinen Sohn opfern, er wolle ihn nur auf die Probe stellen, also prüfen, wieweit denn der Gehorsam Abrahams Gott gegenüber gehe. Auch hier gelten die gerade geäußerten Bedenken gegen die Vorstellung, Gott habe tatsächlich Abraham überprüfen wollen und hierzu ihn aufgefordert, Isaak zu opfern. Auch hier müssen wir davon ausgehen, dass es Gott sehr wohl bekannt war, dass Abraham zu den ganz wenigen damals lebenden Menschen gehörte, welche sich aufrichtig und mit ganzem Herzen zu dem einzigen Gott Jahwe bekannten. Es bedurfte auch hier keiner Überprüfung Abrahams zur Feststellung seiner Treue zu Gott.

 

So ist es sicherlich irreführend, wenn dieser Abschnitt als Abrahams Opfer überschrieben wird. Dieser Abschnitt handelt nicht davon, dass Abraham Isaak im Auftrage Gottes geopfert hat oder auch nur opfern wollte, sondern er will uns ganz im Gegensatz hierzu verdeutlichen, dass Jahwe, der Gott Abrahams, eben gerade keine Menschenopfer wünscht.

 

Der Glaube, dass die Götter den Menschen zürnen, sie mit Naturkatastrophen überfallen, um sie für ihre Sünden zu bestrafen und dass dieser Zorn der Götter nur dadurch abgewendet werden könne, wenn man den Göttern das allerliebste und das teuerste opfert – und dies sind nun einmal die eigenen Kinder, vor allem der eigene Sohn – war zur Zeit Abrahams im Umfeld Abrahams ein weit verbreiterter Glaube. Und die Bibel will uns zeigen, dass sich der Glaube an den jüdischen Gott gerade dadurch vom Glauben all der anderen Völker in diesen Landstrichen unterschied, dass Menschenopfer kategorisch abgelehnt werden. Das Gebot, du sollst keinen Menschen absichtlich töten, gilt eben auch gegenüber einem Verhalten, bei dem Menschen als Brandopfer getötet werden.

 

Nun beginnt jedoch die obengenannte Bibelstelle in der Tat mit dem Satz, Gott habe Abraham auf die Probe stellen wollen. Es fragt sich jedoch, ob man das Verhalten Abrahams nicht auch anders deuten kann. Abraham hatte eine Vision, in der er glaubte, Gott habe von ihm dieses Opfer verlangt. Aber könnte es nicht auch sein, dass Abraham von diesem Glauben einfach deshalb ausging, weil ein den Göttern geweihtes Menschenopfer zu dieser Zeit ganz allgemein als notwendig angesehen wurde?Abraham ging somit dieser Erzählung entsprechend davon aus, dass auch der Gott Jahwe solche Menschenopfer fordere.

 

Bezeichnenderweise wird in Genesis Kapitel 22, Satz 1 nicht von Jahwe, sondern von Eli gesprochen. Bekanntlich werden für den Namen Gottes im Alten Testament mehrere Gottesbegriffe verwendet. Diese Tatsache wird darauf zurückgeführt, dass das Alte Testament auf mehrere Quellen basiert. Aber auch der Begriffsumfang der verschiedenen Bezeichnungen für Gott ist unterschiedlich. Der Name Jahwe wird nur verwandt, wenn auf den einen einzigen Gott der Israeliten Bezug genommen werden soll. Die Bezeichnung Eli wird hingegen auch als Gattungsbegriff verwandt, der auch dann gebraucht werden kann, wenn man von den Göttern der anderen Religionen sprechen will. In diesem Sinne könnte man die Aufforderung Elis eben unter Umständen auch so verstehen, dass Abraham von der damals allgemeinen Überzeugung ausging, dass die Götter ein Menschenopfer verlangen. Als dann ein Engel Gottes Abraham aufforderte, Isaak nicht zu opfern und Abraham stattdessen einen Widder schlachtete, nannte Abraham ‚jenen Ort Jahwe-Jire‘, was nichts anderes als der Herr sieht bedeutet (Kapitel 22, Satz 14). Hier wird also nicht mehr von Eli, sondern von Jahwe gesprochen.

 

Im Katechismus der Katholischen Kirche von 1997, Paragraph 2846 heißt es:

 

Diese Bitte (‚führe uns nicht in Versuchung‘) wurzelt in der vorhergehenden, denn unsere Sünden sind die Früchte unserer Zustimmung zur Versuchung. Wir bitten unseren Vater, uns nicht in Versuchung zu „führen". Es ist nicht einfach, den griechischen Ausdruck, der so viel bedeutet wie „lass uns nicht in Versuchung geraten" [Vgl. Mt 26,41] oder „lass uns ihr nicht erliegen" in einem Wort wiederzugeben. „Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung" (Jak 1,13); er will uns vielmehr davon befreien. Wir bitten ihn, uns nicht den Weg beschreiten zu lassen, der zur Sünde führt. Wir stehen im Kampf „zwischen dem Fleisch und dem Geist". So fleht diese Bitte des Vaterunsers um den Geist der Unterscheidung und der Kraft.

 

 

7. Vom Sinn des Betens

 

Unsere bisherigen Ausführungen bezogen sich allein auf die Frage, um was wir denn im Vaterunser oder vielleicht auch bei anderen Gebeten Gott bitten sollen. Wir wollen uns nun in einem abschließenden Abschnitt der Frage widmen, ob wir denn überhaupt damit rechnen können, dass unsere Bitten von Gott erhört werden bezw. mit welcher Art von Hilfe wir denn rechnen können.

 

Im Hinblick auf diese Frage können wir zwischen drei verschiedenen Verhaltensmustern je nach religiöser Überzeugung unterscheiden. An erster Stelle haben wir die Atheisten, welche die Existenz eines persönlichen Gottes leugnen und von dem Glauben ausgehen, dass die Welt mit dem Urknall vor vielen Milliarden Jahren von selbst entstanden ist und welche deshalb – wenn sie konsequent sind – auch gar nicht Gott im Gebet ansprechen können.

 

An zweiter Stelle sei die Religionsauffassung der sogenannten Deisten erwähnt, welche zwar durchaus daran glauben, dass die Welt von einem Gott erschaffen wurde, welche aber von der Überzeugung ausgehen, dass dieser Gott sich nach der Erschaffung der Welt zurückgezogen habe und deshalb auch nicht im Gebet angesprochen werden könne und dass es deshalb sinnlos sei, Gott im Gebet um bestimmte Ereignisse zu bitten.

 

An dritter Stelle zählen alle Gläubigen wie vor allem überzeugte Juden, die Christen sowie die Moslems, welche sehr wohl daran glauben, dass Gott  in diese Welt eingreift, dass er also unter Umständen auch außerhalb der Naturgesetze Veränderungen bewirken kann und dass dieser Gott auch bereit ist, wenn ihn gläubige Menschen darum bitten, diese Gebete zu erhören. Allerdings wird nicht erwartet, dass Gott in jedem Falle die Gebete der Menschen erhört, dass immer damit gerechnet werden muss, dass auch diejenigen, welche Gottes Gebote stets befolgt haben, trotzdem nicht erhört werden, da nicht jedes Gebet den Plänen Gottes entspricht und auch langfristig dem Betenden zugute käme. In aller Demut wird davon ausgegangen, dass der Wille Gottes dem Menschen nicht vollständig eröffnet wird.

 

So hat nach dem Matthäusevangelium in Kapitel 26, Satz 36-39 Jesus selbst zum Ausdruck gebracht, dass nicht jedes Gebet erhört werde:

 

‚Darauf kam Jesus mit den Jüngern zu einem Grundstück, das man Getsemani nennt, und sagte zu ihnen: Setzt euch und wartet hier, während ich dort bete. Und er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit sich. Da ergriff ihn Angst und Traurigkeit, und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir! Und er ging ein Stück weiter, warf sich zu Boden und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.‘

 

Trotzdem gehen die Gläubigen davon aus, dass Gebete im Allgemeinen sehr wohl erhört werden, dass also nicht erst ein Wunder geschehen  müsse, damit derjenige, welcher Gott um etwas bittet, auch tatsächlich das erhält, um das er gebetet hatte. So lesen wir bei Matthäus Kapitel 7, Satz 7-11:

 

‚Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet? Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten.‘ 

 

Wir wollen nun im folgenden zwei grundverschiedene Gebetshaltungen unterscheiden. Oftmals wendet sich ein Gläubiger erst dann an Gott, wenn das Unglück geschehen ist, also ex post. Solange es den Menschen gut geht und die wichtigsten Wünsche in Erfüllung gehen, halten viele Christen es auch nicht für notwendig, sich bittend im Gebet an Gott zu wenden. Ist jedoch ein unerwarteter Unglücksfall eingetreten, hat z. B. eine Mutter ihr Kind oder der eine Ehegatte den anderen Gatten verloren oder erfährt der einzelne körperliche Behinderungen, welche die normale Lebensführung äußerst erschweren, ist man versucht, sich sozusagen an Gott selbst zu wenden und ihn darum zu bitten, zu helfen.

 

Gerade weil hier das Unglücksereignis bereits geschehen ist, kann hier nur in seltenen Fällen  damit gerechnet werden, dass Gott dieses Ereignis ungeschehen macht. Zwar zeigt uns das Neue Testament, dass Christus vereinzelt durch ein Wunder auch bereits Tote zum Leben zurückgeholt hat. Ähnliches wird im alten Testament von Elias und Elischa erwähnt. So lesen wir z. B. bei Johannes Kapitel 11,17-44:

 

‘Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen…. Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen….. Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus. Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte! Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb? Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war.

 

Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, entgegnete ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag. Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast. Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!‘ 

 

Bezeichnender Weise erfahren wir hier, dass dieses Wunder vor allem deshalb erfolgte, damit die umstehende Menge an Jesus als Messias glaubt. In erster Linie handelt es bei solchen ex post Bitten auch weniger darum, das bereits eingetretene Ereignis ungeschehen zu machen, als vielmehr Trost und Kraft zum Erdulden dieser Unglücksfälle zu erfahren.

 

Zum Unterschied dazu wird bei einem Gebet ex ante Gott darum gebeten, ein bestimmtes befürchtetes Ereignis zu verhindern. Man steht vor einem Examen und bittet Gott darum, dass man das Examen mit Bravour besteht oder man plant eine Reise mit dem Flugzeug, hat einen großen Bammel vor dem Fliegen und bittet Gott, dass ja keine Bruchlandung erfolgt, u. s. w., u. s. f. .  Hier erwartet der Betende, dass Gott tatsächlich in Zukunft auf die Geschehnisse Einfluss nimmt.

 

Natürlich entstehen in diesem Zusammenhang wesentliche Probleme. Wir gehen davon aus, dass Gott dem Menschen die Freiheit belassen hat, selbst zu entscheiden, ob er bereit ist, die Gebote Gottes zu befolgen. Wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, dass der eine oder andere – auch eine sehr große Anzahl von Personen – bewusst die Gebote der Nächstenliebe außer Acht lässt und den Mitmenschen Schaden zufügt. Und trotzdem gehen wir davon aus, dass Gott diese Handlungen verhindern kann?

 

Aber heißt dies nicht, dass der Mensch dann doch nicht frei ist in seinen Entscheidungen? Sicherlich kann die These, dass der Mensch frei ist in der Befolgung der Gebote Gottes, nicht so interpretiert werden, dass z. B. ein potenzieller Mörder zwar vielleicht die Freiheit erhält, einen Mord zu planen und auch Vorbereitungen zur Ausführung dieses Mordes zu treffen, dass aber Gott dann in der letzten Minute diesen verbrecherischen Akt verhindert. Dann wären wir ja nur Marionetten, welchen zwar die Zügel etwas locker gehalten wären, sodass man sich also in verbrecherischen Spielen ergehen kann, dass aber diese Taten ohne ausdrückliche Billigung Gottes nicht hätten vollzogen werden können.

 

Wenn wir wirklich der Auffassung sind, dass Gott dem Menschen die Freiheit belassen hat, sich zu ihm zu bekennen oder nicht, dann muss das Erhören Gottes der Bitte, bestimmte Unglücksfälle zu verhindern in einem etwas anderen Sinne verstanden werden. So könnte Gott seinen Willen auch dadurch durchsetzen, dass er den einen Verbrechen planenden Menschen zur Umkehr erneut und eindringlich auffordert und wenn dieser Mensch dieser Einsicht folgt, der geplante Mord dann auch tatsächlich verhindert wird. Oder aber der Bittende selbst erhält die Einsicht, möglichen Gefahren auszuweichen.

 

Neben der Unterscheidung einer ex post und ex ante Bitthaltung lassen sich die Bitten an Gott weiterhin danach unterscheiden, ob der Bittende eine rein passive Rolle einnimmt, also ohne eigenes Zutun auf ein Wunder hofft oder aber, ob der Bittende durch seine Haltung aktiv dazu beiträgt, dass der Bitte schließlich entsprochen wird.

 

Zu den Verhaltensweisen, welche in einer aktiven Teilnahme am erhofften Geschehen bestehen, zählt vor allem der Glaube bzw. das Vertrauen des Betenden, dass er auch in seiner Fürbitte erhört wird. In Matthäus Kapitel 17, Satz 19-21 lesen wir:

 

‚Als die Jünger mit Jesus allein waren, wandten sie sich an ihn und fragten: Warum konnten denn wir den Dämon nicht austreiben? Er antwortete: Weil euer Glaube so klein ist. Amen, das sage ich euch: Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort!, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein.‘

 

Nun wird man diese Bibelstelle sicherlich nicht in dem Sinne wortwörtlich verstehen dürfen, dass Christus uns wirklich sagen wollte, dass wir Berge oder andere Erdteile allein aufgrund eines festen Glaubens versetzen könnten. Auch wird uns offensichtlich an keiner Stelle des Alten oder Neuen Testamentes von einem solchen Wunder berichtet. Man könnte allenfalls den Bericht darüber, dass Moses nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten das Rote Meer teilte und die Israeliten trockenen Fußes durch das Meer führte, als eine solche Änderung der natürlichen Gegebenheiten ansehen. Im 2. Buch Moses, Kapitel 14, Satz 13 - 23 lesen wir:

 

‚Mose aber sagte zum Volk: Fürchtet euch nicht! Bleibt stehen und schaut zu, wie der Herr euch heute rettet. Wie ihr die Ägypter heute seht, so seht ihr sie niemals wieder. Der Herr kämpft für euch, ihr aber könnt ruhig abwarten. Der Herr sprach zu Mose: Was schreist du zu mir? Sag den Israeliten, sie sollen aufbrechen. Und du heb deinen Stab hoch, streck deine Hand über das Meer und spalte es, damit die Israeliten auf trockenem Boden in das Meer hineinziehen können. Ich aber will das Herz der Ägypter verhärten, damit sie hinter ihnen hineinziehen. So will ich am Pharao und an seiner ganzen Streitmacht, an seinen Streitwagen und Reitern meine Herrlichkeit erweisen….

 

Mose streckte seine Hand über das Meer aus und der Herr trieb die ganze Nacht das Meer durch einen starken Ostwind fort. Er ließ das Meer austrocknen und das Wasser spaltete sich. Die Israeliten zogen auf trockenem Boden ins Meer hinein, während rechts und links von ihnen das Wasser wie eine Mauer stand. Die Ägypter setzten ihnen nach; alle Pferde des Pharao, seine Streitwagen und Reiter zogen hinter ihnen ins Meer hinein.‘

 

Aber auch hier verweisen Naturwissenschaftler, welche überprüft haben, inwieweit biblische Geschehnisse als möglich eingestuft werden können, darauf hin, dass dieser Zug durch das Meer durchaus auch mit naturwissenschaftlichen Methoden – eben vor allem aufgrund eines starken Windes – erklärt werden kann.

 

Vielmehr soll uns diese Bibelstelle eines Berge versetzenden Glaubens darauf hinweisen, dass man nicht sofort die Hoffnung aufgeben soll, wenn eine Situation auf den ersten Blick als unlösbar erscheint, dass auch dann, wenn z. B. die Haltung des Angesprochenen, von dem man etwas erbittet, zunächst abweisend und wie ein Berg unverrückbar erscheint, immer noch damit zu rechnen ist, dass man den andern davon überzeugen kann, nachzugeben.

 

Dieser Bibelstelle entspricht es nun auch, dass bei einem Teil besonders gläubiger Christen die Überzeugung vorherrscht, dass ihr Gebet erhört wird, sie erfahren Trost in ihren Gebeten zu Gott, während umgekehrt ein großer Teil von Christen, die an und für sich durchaus eigentlich an Gott und an Gottes Hilfe glauben möchten, trotzdem im Gebet keinen Trost empfangen und von der Überzeugung ausgehen, dass ihr Gebet nicht erhört wurde und dass dieses ‚nicht erhört werden‘ gleichermaßen für Menschen gelte, welche die Gebote Gottes erfüllen als für andere, welche diese Gebote nicht einhalten.

 

Wenn auch im Rahmen der medizinischen Wissenschaft die Möglichkeit echter Wunder abgelehnt wird, konnte trotzdem empirisch aufgezeigt werden, dass der Heilungserfolg in ganz entscheidendem Maße nicht nur von den objektiven Eigenschaften der verabreichten Medikamenten, sondern auch von der inneren Haltung der Patienten abhängt. In empirischen Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass es so etwas wie einen Placeboeffekt gibt. Ein Placebo liegt hierbei vor, wenn bestimmte Medikamente eine positive Wirkung zeigen, obwohl sie keinerlei spezifische Wirkstoffe enthalten. In diesen Untersuchungen wurden die Testpersonen in zwei Gruppen eingeteilt, die erste Gruppe erhielt das normale Medikament mit den entsprechenden Wirkstoffen, die zweite Gruppe hingegen ein Placebo. Obwohl eigentlich das Placebo keinerlei Heilungseffekt haben dürfte, traten bei einem Teil dieser zweiten Gruppe eindeutige Heilungserfolge ein.

 

Diese Untersuchungen wurde nun dadurch noch verbessert, dass die zweite Gruppe der Testpersonen, denen nur ein Placebo überreicht wurde, nochmals in zwei Untergruppen geteilt wurde, bei der ersten Untergruppe war der verschreibende Arzt darin eingeweiht, dass das verabreichte Medikament ein Placebo war, bei der zweiten Untergruppe hingegen ging der behandelnde Arzt selbst davon aus, dass ein wirksames Medikament eingenommen wurde. Es stellte sich heraus, dass in der zweiten Untergruppe der Heilungserfolg sehr viel größer war als in der ersten Untergruppe. Dieser Unterschied lässt sich damit erklären, dass der Heilungserfolg entscheidend davon abhängt, ob der Patient an den Erfolg glaubt und dass dieses Vertrauen dann sehr viel größer ist, wenn auch der behandelnde Arzt vom Erfolg der von ihm verabreichten Medikamente überzeugt ist.

 

Dass der Heilungserfolg bestimmter medizinischer Maßnahmen auch davon abhängt, inwieweit der Patient davon überzeugt ist, dass die eingeleitete Therapie auch zum Erfolg führt, wurde in weiteren empirischen Untersuchungen bewiesen. So wurden z. B. in einer Untersuchung das Hirn der Testpersonen einer Reizung mit Strom ausgesetzt, wobei der die Untersuchung durchführende Wissenschaftler der Testperson jeweils mitteilte, wie groß die Stromstärke sei und mit welchen Schmerzen gerechnet werden müsse. Der Trick dieser Untersuchung bestand nun darin, dass die Mitteilungen des Leiters dieser Untersuchung nicht mit den tatsächlich verabreichten Stromschlägen übereinstimmten.

 

Die Testpersonen reagierten nun, wie man eigentlich hätte erwarten müssen, nicht entsprechend der tatsächlichen, sondern der angekündigten Stromstärke. Offensichtlich gab für das Schmerzempfinden der Testpersonen wiederum die Erwartung und nicht primär die tatsächliche Ursache den entscheidenden Ausschlag.

 

Diese Ergebnisse lassen sich in einen größeren Zusammenhang einordnen. Offensichtlich hängt eben der medizinische Erfolg nicht nur allein von den eingeschlagenen therapeutischen Maßnahmen ab, sondern wird vielmehr auch in entscheidendem Maße von der aktiven Haltung des Patienten mitbestimmt. Der Patient muss die vorgeschriebenen Verhaltensweisen auch minutiös einhalten, er muss unter Umständen seine gesamte Lebensführung umstellen und auch innerlich bereit sein, den Erfolg zu wollen und an den Erfolg zu glauben.

 

Wir wollen also festhalten, dass ein- und dasselbe äußerliches Ereignis bei bestimmten Personen recht unterschiedlich aufgenommen wird und dass es immer auch von der inneren Haltung des Betroffenen abhängt, wie ein Unglücksfall den Einzelnen beeinflusst. Dies gilt auch für das Gebet an Gott. Als erstes hängt der empfundene Schmerz bzw. das erduldete Leid davon ab, wie der Einzelne diese Ereignisse bewertet. Schon der Umstand, dass jemand mit einem bestimmten Ereignis rechnet oder ob es als unerwartet gilt, weiterhin ob sich der Einzelne als ungerecht oder gerecht behandelt fühlt, mag mit darüber entscheiden, wie schmerzhaft ein und dasselbe Ereignis empfunden wird. Auch die vergangene Erziehung in der Frage, wie man Entbehrungen und Schmerzen zu ertragen hat, kann darauf Einfluss nehmen, wie das Ereignis schließlich bewertet wird. Positiv denken, heißt das Schlüsselwort.

 

Eine positive Denkweise mag zweitens darüber entscheiden, ob der von einem Unglücksfall Betroffene im Schmerz versinkt, oder sofort Anstrengungen unternimmt, um die persönliche Lage zu verbessern.

Drittens kann stets der Versuch unternommen werden, andere Personen, von deren Haltung die eigene Lage mitbestimmt wird oder zumindest beeinflusst werden kann, zur Hilfe zu bewegen.

 

Es entspricht schließlich christlicher Überzeugung, dass der heilige Geist den menschlichen Verstand inspiriert und auf diese Weise auch die menschlichen Geschicke beeinflusst. So spricht der Galaterbrief in Kapitel 5, Satz 22-23 davon, dass

 

‚Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.‘

 

Dies gilt gleichermaßen für denjenigen, welcher von einem Unglücksfall betroffen wurde, aber auch für diejenigen, welche durch ihre Handlungen dazu beitragen könnten, das Los der Betroffenen zu verbessern oder zu verschlechtern. Dieses Angebot Gottes gilt für alle Menschen, Voraussetzung für die Wirksamkeit ist jedoch die Bereitschaft der Menschen, dieses Angebot auch anzunehmen. Wenn sich die Menschen vom Heiligen Geist leiten lassen, werden sie auch sehr viel besser mit den alltäglichen Bedrängnissen und Notsituationen fertig werden und werden auch Wege finden, welche aus der Not herausführen.

 

In diesem Sinne kann davon ausgegangen werden, dass derjenige, welcher selbst dazu beiträgt, dass das Leid geringer empfunden wird, auch eher im Gebet Trost findet, er fühlt sich dann von Gott inspiriert und ist dann davon überzeugt, dass er im Gebet und durch das Gebet eine Verbesserung seiner Lage erhalten hat, selbst dann, wenn nicht jedes Gebet objektiv betrachtet erhört wurde und die Beeinträchtigungen, von denen der Bittende befreit werden möchte, anhalten. Es ist dann wie wenn ein Leidgeprüfter einen Freund aufsucht und in der aufrichtigen Teilnahme des Freundes bereits Trost und eine Erleichterung findet, obwohl im Allgemeinen dieser Freund das Leid als solches nicht beseitigen kann.

 

(Die angeführten Bibelstellen beziehen sich stets auf die Einheitsübersetzung Der Heiligen Schrift. Herausgegeben im Auftrag der Bischöfe Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, des Bischofs von Lüttich, des Bischofs von Bozen-Brixen, des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bibelgesellschaft.)