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Übungen WS 2011/2012

 

 

 

 

Kapitel 10:   Entwicklungshilfe

 

 

 

 Gliederung:

 

Konkretisierung

Zielbegründung: Verantwortung der ehemaligen Kolonialmächte

Zielbegründung: Nivellierung des Welteinkommens

Zielbegründung: eigene Vorteile der gebenden Länder

 

 

Konkretisierung

 

Wir wollen uns zum Abschluss mit der Problematik der Entwicklungshilfe befassen. Es handelt sich hierbei um ein wirtschaftspolitisches Ziel aus dem Bereich der Außenwirtschaftspolitik.

 

Als erstes gilt es abzugrenzen, was man unter Entwicklungshilfe versteht. Im Allgemeinen fasst man unter diesem Begriff alle Maßnahmen der hochentwickelten Staaten zugunsten der sogenannten Entwicklungsländer zusammen.

 

Zunächst gilt es hierbei den Begriff des Entwicklungslandes abzugrenzen. Dieser Begriff „Entwicklung“ bezieht sich nicht auf die kulturelle, sondern allein auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Auch sogenannte Entwicklungsländer können sehr wohl eine hochentwickelte auf lange Traditionen aufgebaute Kultur aufweisen, die sogar den Kulturen der wirtschaftlich gesehen hoch entwickelten modernen Staaten überlegen ist. Denn auch der Begriff der hochentwickelten Staaten bezieht sich allein auf wirtschaftliche Zustände.

 

Die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes lässt sich nun zunächst am bisher erreichten wirtschaftlichen Wohlstand messen, wobei als Maßstab das Inlandsprodukt pro Kopf gewählt werden kann. Dieser Maßstab ist allerdings problematisch, da ein Land – z. B. aufgrund hoher Rohstoffbestände – im Augenblick über ein sehr hohes Inlandsprodukt pro Kopf verfügt, ohne dass diese Volkswirtschaft die allgemeinen Merkmale aufweist, die notwendig sind, dass dieses hohe Wohlfahrtsniveau auf Dauer erhalten werden kann. So besteht hier die Gefahr, dass dieses Land in Zukunft wiederum auf das wirtschaftliche Niveau der Entwicklungsländer abfällt, wenn nicht rechtzeitig Maßnahmen durchgeführt werden, welche die Nachhaltigkeit des Wohlstandes garantieren.

 

Gerade aus diesen Gründen bezieht man in der Regel den Begriff Entwicklungsland auf die strukturellen Merkmale, welche für einen anhaltenden (nachhaltigen) Wohlstand unerlässlich sind. Da Rohstoff­bestände im Allgemeinen stets begrenzt sind und somit eines Tages erschöpft sein werden, reicht es nicht aus, ein Land nur wegen seiner augenblicklichen Rohstoffbestände und der daraus abgeleiteten Wohlfahrt als hoch entwickeltes Land zu bezeichnen. Umgekehrt ist es also zumindest nicht nur der Umstand, dass ein Land und seine Bürger in unserem Sinne arm sind, also noch nicht einmal ein Einkommen beziehen, das nach unserem Verständnis zum Existenzminimum notwendig ist, der ein Land zum Entwicklungsland macht.

 

Im Allgemeinen geht man davon aus, dass wirtschaftliche Wohlfahrt in der Vergangenheit der heute wirtschaftlich gesehen hochentwickelten Staaten dadurch ausgelöst wurde, dass in der Vergangenheit von einer mehr naturbetonten landwirtschaftlichen und einer handwerklichen Herstellung von Gütern zu einer maschinellen auf Arbeitsteilung beruhenden industriellen Produktionsweise im großen Stil übergegangen wurde. Industrielle Produktionsweise ist also ein unabdingbares Merkmal eines hoch entwickelten Landes und umgekehrt ist es in erster Linie das Fehlen einer industriellen Produktionsweise, welches die heutigen Entwicklungsländer prägt.

 

Neben der Industriealisierung wird eine hoch entwickelte Volkswirtschaft auch dadurch bestimmt, dass sich die Bürger auf bestimmte Fertigkeiten spezialisieren und dass auf der Grundlage dieser Speziali­sierung eine arbeitsteilige Produktion stattfindet, die selbst wiederum den Übergang zu einer Geldwirtschaft vorausgesetzt hat.

 

Ein Entwicklungsland zeichnet sich somit dadurch aus, dass die Produktion vorwiegend in der Landwirtschaft oder in kleinen Handwerksbetrieben stattfindet, dass weiterhin die einzelnen Wirtschafts­­einheiten den größten Teil ihres Bedarfes selbst produzieren und deshalb nur ganz wenige Güter, welche sie nicht selbst produzieren können, im direkten Austausch gegen selbst hergestellte Produkte erwerben.

 

Man könnte nun alle wirtschaftlichen Hilfen, welche den so definierten Entwicklungsländern von Seiten der hochentwickelten Staaten gewährt werden, dem Bereich der Entwicklungshilfe zuordnen. Aber genauso wie es zweckmäßig ist, den Status eines Entwicklungslandes primär nicht an seinem augenblicklichen materiellen Wohlstand zu messen, genauso dürfte es zweckmäßig sein, nicht alle materiellen Hilfen zugunsten eines Entwicklungslandes der Entwicklungshilfe zuzurechnen und unter Entwicklungshilfe nur jene Maßnahmen zusammenfassen, welche den Zweck verfolgen, die wirtschaft­liche Entwicklung dieser Länder zu fördern.

 

Dies bedeutet, dass zur Entwicklungshilfe im engeren Sinne nicht all die Akuthilfen gezählt werden, die Ländern gewährt werden, welche von Naturkatastrophen heimgesucht werden und selbst nicht in der Lage sind, sich aus dieser Not zu befreien. Solche Akuthilfen sind nicht nur für Entwicklungsländer notwendig. Die heutigen Naturkatastrophen erreichen teilweise einen Umfang, der auch die Möglichkeiten der reichsten Länder überschreitet, denken wir nun an den Supergau in Fukushima, der durch ein Erdbeben und einem Tsunami  ausgelöst wurde und dessen Bekämpfung auch die  reiche Volkswirtschaft Japans überforderte oder an die durch Orkane hervorgerufenen Verwüstungen, welchen die USA eine der reichsten Nationen dieser Welt Jahr für Jahr ausgesetzt sind.

 

Natürlich ist es richtig, dass die Entwicklungsländer sehr viel häufiger von diesen Naturkatastrophen betroffen sind, da eine Missernte wegen Trockenheit ausreicht, um dieses Land in schwere Nöte zu bringen, da aufgrund häufig anzutreffenden Monokulturen mit einer Missernte fast die gesamte Produktion dieses Landes vernichtet wurde. Auf jeden Fall haben es diese Länder eben wegen ihrer allgemeinen Armut sehr viel schwieriger, mit Naturkatastrophen fertig zu werden als die hochent­wickelten Volkswirtschaften.

 

Alle Länder können somit in eine Situation geraten, in der sie solche Akuthilfen benötigen. Die Notwendigkeit einer solchen Hilfe ergibt sich aus der weltweiten Verpflichtung aller Nationen aus einem Solidaritäts­bewusstsein heraus. Sie dienen auch nicht vorrangig dem Zweck, die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes zu fördern. Ganz im Gegenteil muss befürchtet werden, dass Akuthilfen in Form von unentgeltlichen Geschenken auf lange Sicht sogar für die wirtschaftliche Entwicklung in den Entwicklungsländern schädlich sein können, dann nämlich, wenn sie weite Bevölkerungskreise davon abhalten, sich selbst um die Weiterentwicklung zu kümmern. Wirtschaftliche Entwicklung setzt aber ein gewisses Maß an Erwerbssinn voraus.

 

Auf der anderen Seite wäre es unzweckmäßig, wollte man nur dann von Entwicklungshilfe sprechen, wenn ein Transfer in Form einer weltweiten Umverteilung von den reichen zu den ärmeren Nationen stattfindet. Es mag zwar richtig sein, dass in der Mehrzahl der Fälle tatsächlich Entwicklungshilfe bedeutet, dass die Staaten welche Entwicklungshilfe gewähren, verlorene Zuschüsse gewähren. Es wäre jedoch falsch, wenn man aus dieser Tatsache den Schluss ziehen würde, nur dann von Entwicklungshilfe zu sprechen, wenn tatsächlich ein solcher Transfer stattfindet, wenn also das gebende Land auf ein Teil seiner Wohlfahrt zugunsten eines Entwicklungslandes verzichten würde. Maßgeblich sollte vielmehr sein, dass durch die Maßnahmen der reicheren Länder die wirtschaftliche Entwicklung der Entwicklungs­länder vorangetrieben wird, bzw. dass diese Maßnahmen zu diesem Zwecke erfolgen.

 

Zur Zeit des Merkantilismus herrschte die Meinung vor, dass der Vorteil des einen Landes immer der Nachteil eines anderen Landes sein müsse. In diesem Sinne könnte also ein Entwicklungsland aus der Entwicklungshilfe nur dann profitieren, wenn auf diesem Wege das Inlandsprodukt des gebenden Landes verringert wird. Der Liberalismus hat dieser Ansicht widersprochen und aufgezeigt, dass es sehr wohl harmonische Beziehungen zwischen den Nationen gibt, wonach Aktionen allen Volkswirtschaften zugutekommen. Dies würde für das Problem der Entwicklungshilfe bedeuten, dass es durchaus Maßnahmen der Entwicklungshilfe gibt, welche die Entwicklungsländer in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung voranbringen, die aber trotzdem denn gebenden Ländern keinen Schaden verursachen, sondern sogar Nutzen bringen.

 

Entsprechend dem weitverbreiteten Subsidiaritätsprinzip soll sich Hilfe (also auch Entwicklungshilfe) vorwiegend darin äußern, dass sich die Hilfen darauf beschränken, eine Selbsthilfe der Betroffenen hervorzubringen. Zwar kann diese Hilfe zur Selbsthilfe durchaus auch aus verlorenen Zuschüssen an die empfangende Nation bestehen; entscheidend ist jedoch, dass diese materiellen Hilfen nur einen Anstoß geben sollen, dass die Betroffenen ihre Probleme selbst zu lösen versuchen. Eine solche Hilfe entspricht auch im Allgemeinen dem Selbstbewusstsein der Entwicklungsländer.

 

 

 

Zielbegründung: Verantwortung der ehemaligen Kolonialmächte

 

Oftmals wird die Forderung nach Entwicklungshilfe von Seiten der wirtschaftlich hochentwickelten Staaten damit begründet, dass die meisten europäischen Industrieländer im 19. und 20. Jahrhundert Kolonialmächte waren. Dies gilt in erster Linie für Großbritannien und Frankreich, aber auch für Spanien, Portugal und die Niederlande sowie für das deutsche Kaiserreich vor dem ersten  Weltkrieg.

 

Es werden in diesem Zusammenhang vor allem zwei Begründungsarten angeführt. Es bestehe erstens eine Verpflichtung der ehemaligen Kolonialmächte als Wiedergutmachung für frühere Ausbeutung. Die Kolonial­mächte hätten jahrhundertlang die heutigen Entwicklungsländer vor allem in Afrika und Südamerika, aber auch in Fernost ausgebeutet, in dem sie sich wichtige, in diesen Ländern gewonnene Rohstoffe aneigneten. Die heutigen europäischen Industrienationen hätten also die Verpflichtung, das den heutigen Entwicklungsländern in Form einer Entwicklungshilfe zurückzugeben, was sie früher einmal nach heutigem Verständnis unrechtmäßig genommen haben.

 

Nun wäre diese Art Begründung verständlich, wenn man auf der einen Seite davon ausgehen könnte, dass die Entwick­lungs­länder heute vor allem deshalb auf einem so niedrigen wirtschaft­lichen Entwicklungs­stand stehen, weil sie damals von den Kolonialmächten ausgebeutet wurden, weil also der damalige Rohstoffreichtum dieser Länder nicht zum Aufbau einer hochentwickelten Volkswirtschaft eingesetzt werden konnte. Allerdings hätten auch diese Startnachteile zu Beginn der Entstehung der heutigen Entwicklungsländer durch einen zielbewussten Aufbau dieser Volkswirtschaften sehr wohl überwunden werden können.

 

Auf der anderen Seite müsste dann folgerichtig der heutige Wohlstand der europäischen Industrieländer maßgeblich darauf zurückgeführt werden können, dass diese Staaten die Kolonialländer ausgebeutet hatten. Gewissermaßen gibt eine Nation den in der Vergangenheit nach heutigem Verständnis zu Unrecht erworbenen Reichtum wiederum zurück. Weder hat die heutige Armut in den Entwicklungsländern noch die Ausbeutung durch die Kolonialmächte vor vielen Generationen zwingend mit der damaligen Ausbeutung zu tun.

 

Nun mag der heute immer noch sehr niedrige Wohlstand der heutigen Entwicklungsländer neben anderen Ursachen auch darauf zurückgeführt werden, dass in der Vergangenheit die Ressourcen dieser Länder nicht für den eigenen Aufbau einer modernen Industriegesellschaft eingesetzt werden konnten. Es wird jedoch wohl kaum davon gesprochen werden können, dass die heutige Bevölkerung in den europäischen Industrienationen ihren Reichtum vorwiegend dem Umstand zu verdanken hat, dass die Urahnen vor vielen Generationen die Kolonialländer ausgebeutet hatten.

 

Der heutige Reichtum in den europäischen Industrienationen hängt damit zusammen, dass seit dem 19. Jahrhundert diese Länder zu sehr effizienten Volkswirtschaften ausgebaut wurden, es ist einer Vielzahl von Erfindungen und einem ständigen produktivitätssteigernden Wettbewerb der einzelnen Unternehmungen zu verdanken, dass das durchschnittliche Einkommen in den Industrienationen heutzutage so viel höher ist als in den Entwick­lungs­ländern. Auch die USA, welche nie zu den Kolonialmächten zählten, sogar am Anfang ihrer Geschichte zu den von England ausgebeuteten Ländern zählten, stehen heute an der Spitze der erfolgreichen wirtschaftlichen Nationen.

 

Zweitens lässt sich die Verpflichtung der heutigen europäischen Industrienationen aus der Verantwortung ableiten, welche die ehemaligen Kolonialländer gegenüber den heutigen Entwicklungsländern auf sich genommen haben. Dadurch, dass die Kolonialmächte damals die Regierung der Kolonialländer übernommen haben, haben sie auch die Verantwortung für die allgemeine Entwicklung dieser Länder übernommen. Als dann nach dem zweiten Weltkrieg die einzelnen Kolonien in die Selbständigkeit entlassen wurden, hatten die ehemaligen Kolonialmächte auch die Verpflichtung dafür Sorge zu tragen, dass sich diese Länder auch zu selbständigen Volkswirtschaften entwickeln, die in der Lage sind, sich selbst zu ernähren. Da diese Verpflichtungen zu einem großen Teil nicht erfüllt wurden, erwuchs den ehemaligen Kolonialmächten zumindest die Aufgabe, durch eine großzügige Entwicklungshilfe diese Möglichkeiten nachträglich zu  eröffnen.

 

 

 

Zielbegründung: Nivellierung des Welteinkommens

 

Die Entwicklungshilfe ist auch Ausfluss des allgemeinen Zieles der Nivellierung angewandt auf internationale Beziehungen. Dieses Nivellierungsziel wird vor allem von Sozialdemokraten und Linken nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch weltweit angestrebt.

 

Im Hintergrund steht das Egalitätsprinzip, wonach alle Menschen gleich seien und wonach deshalb auch im Idealfalle alle Menschen ein gleichhohes Realeinkommen erhalten sollten. Nun habe ich bereits in anderen Artikeln darauf hingewiesen, dass dieses Ziel in dieser Schärfe nur von einem Teil der utopischen Urkommunisten während der Französischen Revolution vertreten wurde und dass vor allem innerhalb des realen Kommunismus in der Sowjetunion sehr wohl Einkommensdifferenzierungen als notwendig und erwünscht angesehen wurden. Das Gleichheitsprinzip besagt eben nur, dass gleiches gleich behandelt werden solle, im Hinblick auf die Bedürfnisse und den  Leistungswillen unterscheiden sich jedoch die Menschen sehr wohl.

 

Für Anhänger des Nivellierungszieles spielt jedoch das Egalitätsprinzip insoweit doch noch eine Rolle, als die Meinung vertreten wird, dass die realen Einkommensunterschiede zu groß sind und keinesfalls Ergebnis unterschiedlicher Bedürfnisse und unterschiedlichem Leistungswillen sein könne. Im Grunde werden zumeist nur solche Einkommensunterschiede toleriert, welche sich aus unterschiedlicher Arbeits­leistung ergeben, während gleichzeitig die Auffassung vertreten wird, dass jegliches Einkommen aus Kapital unerwünscht sei, dass einem Kapitalangebot keine Leistung entspreche, welche honoriert werden sollte. Wenn es also schon nicht möglich und vielleicht auch nicht erwünscht sei, dass die Einkommens­unterschiede vollständig abgebaut werden, so sei es zumindest erforderlich, das in der Realität anzutreffende große Ausmaß an Ungleichheit zu reduzieren.

 

In einer gewissen anderen Form gelten jedoch nicht nur bei den Sozialisten, sondern ganz allgemein alle Menschen als gleich, nämlich in dem Sinne, dass es zu den ganz allgemein geltenden Menschenrechten zählt, dass jeder Mensch einen Anspruch auf ein Mindesteinkommen in Höhe des Existenzminimums habe. Sofern dieses Ziel nicht verwirklicht sei, habe der Staat die Aufgabe zur Durchsetzung dieses Sozialprinzips. Dieses Ziel gelte es nun nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auf der ganzen Welt durchzusetzen.

 

Ansonsten herrscht die Meinung vor, dass unterschiedlicher Leistungswille und unterschiedlicher Bedarf sehr wohl Einkommensunterschiede rechtfertigen, wobei natürlich unterschiedlicher Bedarf aus realen Zusammen­hängen (z. B. bei familiärer Verpflichtung oder auch aus Krankheitsgründen) erwachsen muss. Es gilt natürlich nicht, dass jeder ohne eigene Leistung einen Anspruch auf ein Einkommen beliebiger Höhe erheben kann. Genauso muss auch bei der Realisierung des Leistungsprinzips gewährleistet sein, dass Unterschiede in der Leistung nicht etwa nur deshalb bestehen, weil unterschiedliche Personen unterschiedliches Vermögen geerbt haben und nur aus diesen Gründen mehr Leistung erbringen können.

 

Ich habe bereits an anderer Stelle darauf aufmerksam gemacht, dass John Rawls aus dem Gleichheits­postulat eine etwas andere Forderung abgeleitet hat. Aus Gerechtigkeitsgründen komme es weniger darauf an, dass Einkommens­unterschiede abgebaut werden, dass also Einkommensunterschiede per se unerwünscht sind, sondern es komme allein darauf an, dass das reale Einkommen der einkommens­schwächsten Bevölkerungsgruppe erhöht wird. Politische Maßnahmen, die letzten Endes sogar das Einkommen der Reichen erhöht, vielleicht sogar stärker erhöht, als das Einkommen der ärmeren Bevöl­kerungs­schichten sind solange erwünscht, als es gelingt, durch diese Maßnahmen das Einkommen der Ärmsten zu erhöhen. Dies ist das im Rahmen der Verteilungspolitik anzustrebende Ziel, nicht jedoch das Ziel, die Einkommensunterschiede als solche zu reduzieren.

 

 

Bei unseren bisherigen Überlegungen ging es im Grunde genommen um eine altruistische Haltung. Die Entwicklungshilfe wird gefordert nicht etwa um unseren eigenen Bedürfnissen zu entsprechen, sondern aus Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen, nicht nur im eigenen Land, sondern auf der ganzen Welt. Allerdings wird die Forderung nach einem Abbau von Ungleichheiten nicht nur aus altruistischen Motiven heraus erhoben. Bisweilen geht es bei dieser Forderung auch darum, das eigene Wohl zu fördern. So wird oftmals davon ausgegangen, dass eine zu große Differenzierung in den Einkommen die Gefahr von sozialen Revolutionen auslöst. Diese Überlegung gilt zunächst für den Bereich einer Volkswirtschaft. So hängt die Stabilität der gegenwärtigen politischen Ordnung eben auch davon ab, ob sich auch alle Bevölkerungs­gruppen als gerecht behandelt empfinden, Bevölkerungsgruppen, die sich als ausgebeutet empfinden, neigen sehr leicht dazu, sich revolutionären Ideen zuzuwenden. 

 

Diese Überlegung lässt sich jedoch auch auf die gesamte Weltwirtschaft anwenden. Wenn die Einkommens­unterschiede zwischen den hochentwickelten und den noch nicht wirtschaftlich entwickelten Volkswirt­schaften enorm groß sind, vor allem wenn diese Unterschiede noch zunehmen, steigt die Gefahr, dass sich die benachteiligten Nationen eines Tages in Form von Kriegen gegen die heute hochentwickelten Nationen wenden und ähnlich wie bei den Völkerwanderungen im Altertum und Mittealter die industria­lisierten Staaten überren­nen.

 

 

Zielbegründung: eigene Vorteile der gebenden Länder

 

Im letzten Abschnitt hatten wir bereits gesehen, dass auch das Ziel einer Nivellierung bisweilen damit erklärt wird, dass auf diese Weise die eigenen Interessen gewahrt werden, indem drohende Revolutionen und Kriege verhindert werden. Ganz generell gilt, dass die hochentwickelten Staaten zum Teil auch einfach deshalb Entwicklungshilfe leisten, weil sie glauben, auf diese Weise auf lange Sicht eigene Vorteile zu erlangen. Die Entwicklungshilfe wird hier als eine Art Investition aufgefasst. Man bringt in den gegenwärtigen Perioden Kosten auf, um in den zukünftigen Perioden materielle Gewinne zu erzielen, welche die aufgebrachten Kosten in der Vergangenheit kompensieren und überkompensieren.

 

Wir hatten bereits weiter oben davon gesprochen, dass der Liberalismus die merkantilistische Sichtweise überwunden hatte. Nach merkantilistischer Sicht kommt der Nachteil eines anderen Landes immer dem eigenen Land zugute. Das Defizit in der Devisenbilanz des Nachbarn schlägt sich in einem Überschuss der eigenen Devisenbilanz nieder. Der Liberalismus geht demgegenüber davon aus, dass sich die Beziehungen der einzelnen Volkswirtschaften im Prinzip harmonisch in dem Sinne entwickeln, dass der Vorteil des einen Landes auch den anderen Ländern zugute kommt, vorausgesetzt, es existieren freie Märkte und diese sorgen dafür, dass sich ein Freihandel auf alle beteiligten Länder positiv wohlfahrtssteigernd auswirken.

 

Es sind vor allem drei Argumente, welche in diesem Zusammenhang vorgetragen wurden. Zur Zeit des kalten Krieges leisteten vor allem die USA, aber auch die anderen drei Großmächte (Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich) Entwicklungshilfe, um auf diese Weise Verbündete im ideologischen Kampf zu gewinnen. Man gewährte den Entwicklungsländern materielle Hilfe, damit diese sich auf die Seite der Geberländer schlagen. Allerdings kommt hier doch wiederum ein gewisses merkantilistisches Moment zum Zuge, da ja dem Vorteil des Entwicklungshilfe zahlenden Landes ein Nachtteil des jeweils ideologischen Feindes entsprach.

 

Es sollen weiterhin eigene Vorteile aus einem hohen Entwicklungsstand der heutigen Entwicklungsländer vor allem dadurch erzielt werden, als auf diesem Wege ein Kapitalexport in die Entwicklungsländer ermöglicht wird. Man geht hier vom Gesetz des abnehmenden Grenzertrages des Kapitals aus. Danach führt zwar jede Zunahme des Kapitalkoeffizienten (eingesetztes Kapital pro Inlandsprodukt) zu einer Produktivitätssteigerung. Der Zuwachs der Produktivität (der Grenzertrag) geht jedoch mit jeder inländischen Investition zurück.

 

Da der Entwicklungsstand und damit auch die in den Entwicklungs­ländern eingesetzte Kapitalsumme wesentlich geringer ist als in den wirtschaftlich gesehen hochentwickelten Staaten trägt ein Kapitalexport zu einem höheren Ertrag aus den Investitionen bei und dies ist solange der Fall, als der Grenzertrag in den Entwicklungsländern noch höher ausfällt als in den hochentwickelten Volkswirtschaften. Eine Entwick­lungs­hilfe in Form von Kapitalexport trägt also zu einem materiellen Gewinn der Unternehmungen aus den industrialisierten Ländern bei.

 

Allerdings ist zu berücksichtigen, dass dieser höhere Ertrag aus einem Kapitalexport nur dann erzielt werden kann, wenn die Investoren auch sicher sein können, dass die marktwirtschaftliche Ordnung in den Entwicklungsländern erhalten bleibt und dass sie deshalb diese höheren Erträge auch kapitalisieren können. Genau dies ist jedoch in einer Reihe von Entwicklungsländern nicht der Fall. Es muss stets damit gerechnet werden, dass die bestehenden Regierungen in einem Entwicklungsland im Rahmen einer Revolution gestürzt werden und dass in diesem Zusammenhange das fremde Erwerbsvermögen sozialisiert wird.

 

Entscheidend ist nun, dass diese Gefahr auch nicht dadurch abgewendet werden kann, dass die hochentwickelten Staaten mit den Regierungen der Entwicklungsländer Verträge abschließen, in denen zugesagt wird, das fremdländische Kapital nicht zu sozialisieren. Im Falle einer Revolution wird ja gerade die bisherige Regierung gestürzt und die neue aus einer Revolution hervorgehende Regierung wird sich sicherlich nicht an diese Abmachungen halten. Gerade weil die ausländischen Investoren mit der bisherigen verhassten Regierung liiert waren, verstärkt sich die Gefahr, dass dieses ausländische Vermögen beschlag­nahmt wird.

 

Einen gewissen Schutz vor Vermögensverlust aufgrund von Nationalisierungen können die ausländischen Investoren nur dadurch erzielen, dass die Regierungen der hochentwickelten Staaten Bürgschaften übernehmen und durch gezielte Entwicklungshilfe dazu beitragen, dass die Gefahr einer Revolution aus sozialen Gründen verringert wird.

 

Entwicklungshilfe kann drittens auch dadurch der hilfeleistenden Volkswirtschaft materielle Vorteile bringen, da mit der wirtschaftlichen Weiterentwicklung in den Entwicklungsländern Märkte entstehen und damit die Möglichkeit eröffnet wird, durch neue Absatzmärkte die eigene Produktion steigern zu können. Wichtig ist in diesem Zusammenhang vor allem, dass Produktivitätssteigerungen vor allem dadurch erzielt werden können, dass die Unternehmungen zu Massenproduktion übergehen. Die an und für sich hohen Entwicklungskosten stellen fixe Kosten dar, ihre Höhe hängt nicht von der Produktionsmenge ab, sie sind in ihrer absoluten Summe gleich hoch, ob viel oder wenig produziert wird. Je höher jedoch die produzierte Menge ausfällt, um so geringer sind die Stückkosten, da auf der einen Seite die fixen Kosten auf immer größere Mengen umgelegt werden können und da auf der anderen Seite die variablen Stückkosten dieser Produkte zumeist gering sind.

 

Die Unternehmungen in den hochentwickelten Staaten stehen nun oftmals vor dem Dilemma, dass der Übergang zu einer Massenproduktion daran scheitert, dass eine Massenproduktion nur gewinnbringend wäre, wenn eine bestimmte Mindestmenge produziert würde und diese Mindestmenge den inländischen Absatz übersteigt. Hier würden neue Absatzmöglichkeiten in den Entwicklungsländern die Voraus­setzungen für eine gewinnbringende Massenproduktion herbeiführen.

 

Nun wird diese Betrachtungsweise bisweilen damit kritisiert, dass bei einer Industrialisierung in den heutigen Entwicklungsländern auch das Angebot der Entwicklungsländer ansteige und mit ihm der Import dieser Güter in die hochindustrialisierten Volkswirtschaften.

 

Der Kritik, dass mit dem Entwicklungsstand der heutigen Entwicklungsländer auch die Konkurrenz in den hochentwickelten Volkswirtschaften zunehme, wird dadurch begegnet, dass gerade auch Außenhandel zwischen hochentwickelten Volkswirtschaften möglich sei und dass stärkerer Wettbewerb zu stärkerem Produktivitäts­wachstum führe, sodass per Saldo die Nachfrage nach den Produkten der hochentwickelten Volkswirtschaften stärker steige als das zusätzliche Angebot aus den Entwicklungsländern.

 

Als Beweis hierfür lässt sich auf die Erfahrungen hinweisen, welche mit der Liberalisierung innerhalb Europas in den letzten Jahrzehnten gemacht wurden. Auch damals wurde von Gegnern einer Liberali­sierung die Befürchtung geäußert, diese werde der inländischen Industrie schaden. De facto nahm jedoch gerade aufgrund der Liberalisierung (durch Abschaffung der Zölle) und der damit verbundenen Zunahme der Produktivität das Inlandsprodukt der europäischen Staaten in so starkem Maße zu, dass inländische wie ausländische Unternehmungen ihren Absatz und damit auch ihren Gewinn vergrößern konnten.