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Übungen WS 2011/2012

 

 

 

Kapitel 7: Stabilitätsziel

 

 

 Gliederung:

 

Konkretisierung

Zielbegründung: optimale Allokation

Zielbegründung: Wachstumsverluste bei Inflation

Zielbegründung:  unerwünschte Verteilungseffekte

Zielbegründung: Staatverschuldung zukunftbelastend?

 

Konkretisierung

 

Wir befassen uns heute mit dem Ziel der Geldwertstabilität. Es handelt sich hierbei um eine Zielanalyse aus dem Bereich der Konjunktur- und Wachstumspolitik. Die Erhaltung der Geldwertstabilität gilt sowohl innerhalb der Bundesrepublik wie auch innerhalb der Europäischen Union als einer der wichtigsten wirtschaftspolittischen Ziele.

 

Die Geldwertstabilität wird normalerweise am Güterpreisniveau gemessen, wobei als Güterbündel entweder das Inlandsprodukt, das alle Umsätze umfassenden Handelsvolumen oder schließlich an den Lebenshaltungskosten herangezogen wird. Das Inlandsprodukt bzw. das Handelsvolumen werden üblicherweise herangezogen, wenn konjunktur- oder wachstumspolitische Ziele zur Diskussion stehen, während mit dem Lebenshaltungskosten­index gerechnet wird, wenn verteilungspolitische Ziele diskutiert werden. Der Geldwert ist hierbei jeweils der Kehrwert des Preisniveaus, er sinkt, wenn das Preisniveau steigt, also mit der Inflationsrate. Die Geldwert­stabilität ist erreicht, wenn das Preisniveau im  Zeitablauf (z. B. während eines Jahres) konstant bleibt. Da dieses Ziel im Allgemeinen wohl kaum erreicht werden kann, spricht man allerdings oftmals bereits dann von Geldwertstabilität, wenn des Preisniveau innerhalb eines Jahres nicht stärker steigt als ein Prozent.

 

Wenn es auch üblich ist, das Preisniveau auf ein Jahr oder sogar auf einen geringeren Zeitraum zu beziehen, wäre es eigentlich sinnvoller, den Begriff der Geldwertstabilität auf einen Konjunkturzyklus im Sinne von Juglar zu beziehen. Vor allem J. A. Schumpeter hat darauf aufmerksam gemacht, dass Preissteigerungen in der Hochkonjunktur eine positive Funktion erfüllen, Unternehmungen und Produktionen zu mehr Produktion anzuregen genauso wie Preissenkungen in der Rezession und Deflation die Funktion erfüllen, diejenigen Unternehmungen auszuscheiden, welche unter normalen Zeiten unrentabel arbeiten und sich in Zeiten der Hochkonjunktur nur aufgrund der generellen Preissteigerungen über Wasser halten konnten.

 

Bei der Bestimmung des Preisniveaus multipliziert man für alle Produkte, welche in den Preisindex eingehen, die produzierte (gehandelte) Menge mit dem erzielten Preis, addiert diese Preissummen und bezieht diese Preissumme zu einem Bezugsjahr der Vergangenheit.

 

Das Ziel der Geldwertstabilität wird im Allgemeinen als ein instrumentales Ziel verstanden. Dies bedeutet, dass dieses Ziel nicht um seiner selbst willen angestrebt wird, sondern um die Erhaltung anderer, übergeordneter Ziele zu garantieren. Dass man trotzdem bei der Geldwertstabilität nicht von einem Mittel, sondern von einem Ziel spricht, liegt daran, dass die einzelnen Güterpreise und damit natürlich auch das Güterpreisniveau in einer Marktwirtschaft nicht auf direktem Wege politisch festgelegt werden, sondern sich aus dem Marktprozess automatisch ergeben. Um also Geldwertstabilität zu erreichen, bedarf es anderer Mittel, z. B. das Knapphalten der umlaufenden Geldmenge, um schließlich auf diesem Umwege Inflation zu vermeiden.

 

 

Zielbegründung: optimale Allokation

 

Welches sind nun die wichtigsten Ziele, um derentwillen man eine Geldwertstabilität garantieren will? Im Allgemeinen werden in diesem Zusammenhange vor allem drei Ziele genannt: man will erstens eine optimale Allokation (Anpassung der Produktion an die Konsumentenwünsche) erreichen, man will zweitens das wirtschaftliche Wachstum fördern und man will schließlich drittens unberechtigte Veränderungen in der Einkommensverteilung (also eine Benachteiligung einer Bevölkerungsgruppen) verhindern.

 

Beginnen wir mit dem allokationspolitischen Ziel. Wir haben davon auszugehen, dass die Ressourcen, welche zur Produktion der Güter und Dienstleistungen benötigt werden auf der einen Seite knapp sind, dass aber mit dem gleichen Vorrat an Ressourcen ein recht unterschiedlicher Produktionsmix erzeugt werden kann, wobei sich die einzelnen Zusammensetzungen der Güterbündel darin unterscheiden, dass sie den Bedürfnissen der Konsumenten recht unterschiedlich entsprechen.

 

Die eigentliche Aufgabe der Allokation besteht dann darin, das Güterbündel zu bestimmen, das unter gegebenem Bestand an Ressourcen die höchstmögliche Wohlfahrt garantiert. In einer Marktwirtschaft wird diese Aufgabe dem Preisbildungsprozess übertragen. Der Markt tendiert dahin, dass sich die Preisverhältnisse im Gleichgewicht den Knappheitsrelationen anpassen.

 

Nun hängt die Aufteilung der Ressourcen auf die einzelnen Verwendungsarten zunächst einmal lediglich von den Preisverhältnissen, aber nicht vom Preisniveau ab. Veränderungen des Preisniveaus erfolgen jedoch im Allgemeinen nicht dadurch, dass alle Einzelpreise zum gleichen Zeitpunkt und in der gleichen Stärke verändert werden. Eine Geldvermehrung –  die wohl wichtigste Ursache für Veränderungen im Preisniveau – führt zunächst einmal beim den Investitionsgütern zu Preissteigerungen, die sich dann allmählich – abhängig von der jeweiligen Elastizität des Angebotes und der Nachfrage – bei komplementären und substitutiven Gütern weiterpflanzen.

 

Zwar wird man davon ausgehen können, dass eine einmalige Erhöhung der umlaufenden Geldmenge auf sehr lange Sicht wiederum zu einer Zurückführung der Preisstrukturen führen wird, vorübergehend weichen jedoch die Preisverhältnisse von den Knappheitsrelationen ab und stören auf diese Weise die Allokation. Und wenn dann ein permanenter Inflationsprozess einsetzt, werden auch diese Störungen zu permanenten Erscheinungen. Auch gilt es zu bedenken, dass vorübergehende Preisstrukturänderungen zu einer Veränderung in der Einkommensverteilung und damit auch zu einer Veränderung in der Nachfrage­struktur führen mit dem Ergebnis, dass sich die bisherige Preisstruktur auch bei Erreichen eines neuen Gleichgewichts nicht mehr einstellt.

 

Charles L. Schultze hat allerdings im Gegensatz hierzu die Meinung vertreten, dass es sogar einer gewissen Inflation bedürfe, um auf diese Weise eine optimale Allokation herbeizuführen. Schultze geht im Rahmen seiner Demand-Shift-Theorie davon aus, dass aufgrund von Vermachtungs­erscheinungen einzelne Preise überhöht sind. Auf diese Weise werden die Preisrelationen und mit ihnen die Allokation verzerrt. Diese Verzerrungen könnten nur dann verhindert werden, wenn im Zuge einer leichten Inflation auch die übrigen Preise angehoben werden.

 

Wenn es z. B. den Gewerkschaften gelingt, den Lohnsatz über das Grenzniveauprodukt der Arbeit anzuheben, so steigt der Reallohn und mit im die Gefahr der Arbeitslosigkeit. Diese Gefahr könne verhindert werden, wenn gleichzeitig auch das allgemeine Güterpreisniveau im Zuge einer leichten Inflation angehoben werde. Trotz gestiegenem Nominallohn sinke in diesem Falle der Reallohnsatz auf das Grenzprodukt der Arbeit.

 

Allerdings kann gegen diese Überlegung eingewandt werden, dass die Gewerkschaften in diesem Falle den erneuten Rückgang des Reallohnsatzes nicht hinnehmen werden. Wenn sie die Macht besitzen, die Nominallöhne über das Grenzprodukt der Arbeit anzuheben, so verfügen sie zumeist auch über die Macht, Reallohnkürzungen im Zuge der Inflationierung zu verhindern. Sie werden dann durchsetzen, dass gleitende Indexlöhne vereinbart werden, dass also die Löhne bei allgemeinen Preissteigerungen automatisch an die Inflationsrate angepasst werden.

 

Eine Inflation gefährdet auch noch auf eine etwas andere allgemeine Art die Allokation, indem sie die Funktionen, welche das Geld in unserer Verkehrswirtschaft erfüllt, schwächt. Bekanntlich obliegt dem Geld eine dreifache Funktion: Es dient erstens als Tauschmittel, zweitens als Recheneinheit und drittens als Mittel der Wertaufbewahrung. Es ist ganz klar, dass ohne diese drei Funktionen unsere Volkswirtschaft nicht reibungslos funktionieren würde und dass ohne Geld enorme Wohlfahrts­verluste zu verzeichnen wären.

 

Die Tatsache, dass wir unsere Tauschakte mittels des Geldes vollziehen, macht es überhaupt erst möglich, sich zu spezialisieren und auf die Produktion einzelner weniger Güter zu beschränken. Es wäre äußerst mühsam und kostenreich, wenn wir auf einen direkten Tausch angewiesen wären, wenn wir z. B. das Gut A gegen Gut B tauschen müssten. Es reicht in diesem Falle nicht, dass wir potentielle Käufer unseres Gutes A finden, sie müssen auch gleichzeitig noch gerade das von uns gesuchte Gut B anbieten. Mit Hilfe des Geldes verkaufen wir unsere Produkte an die Konsumenten, welche das von uns produzierte Gut nachfragen gegen Geld, mit dem wir dann das von uns benötigte Gut kaufen können.

 

Auch der Umstand, dass wir im Geld eine allgemeine Recheneinheit besitzen, macht es überhaupt erst möglich, wirtschaftlich zu handeln, diejenige Einkommensverwendung zu suchen, welche uns die höchstmögliche Wohlfahrt ermöglicht. Ohne allgemeine Recheneinheit müssten wir die erworbenen Güter mit allen anderen Gütern vergleichen und könnten niemals angeben, ob wir gerade in der gewählten Güterkombination ein Wohlfahrtsoptimum erzielt hätten.

 

Schließlich trägt auch der Umstand, dass wir im Geld ein Gut besitzen, das unbegrenzt ohne Wertverluste gelagert werden kann, dazu bei, unsere Wohlfahrt zu mehren. Wir können den Konsum der von uns erworbenen Güter auf den Zeitpunkt verschieben, in dem dieses Gut gerade am meisten benötigt wird. Ohne dieses Wertaufbewahrungsmittel wären wir gezwungen, die meisten erworbenen Güter unmittelbar nach dem Kauf zu konsumieren, da sich in aller Regel Güter nicht unbegrenzt lagern lassen.

 

Diese sehr wertvollen Funktionen kann das Geld jedoch nur erfüllen, wenn der Geldwert im Zeitablauf weitgehend konstant bleibt. Sinkt der Geldwert mit der Zeit, so vermindert sich unser Geldvermögen, sodass wir umso mehr Wertverluste erleiden, je länger wir das Geld nicht schnell genug gegen andere Güter umgetauscht haben. Ist der Wertverlust besonders hoch, dann schwindet immer mehr die Bereitschaft, die wertbeständigen Güter gegen Geld zu tauschen.

 

Darüber hinaus wird die Rentabilitätsrechnung immer mehr erschwert, da sich der Wertmaßstab, mit dessen Hilfe wir den Wert der zu erwerbenden und zu veräußernden Güter messen, permanent ändert. Schließlich ist es auch nicht mehr möglich, das Vermögen langfristig in Geld anzulegen, da es ja permanent an Wert verliert. Man ist dann gezwungen, Warenlager zu halten, wobei die Lagerungskosten zumeist weit höher sind als bei Geld.

 

 Eine rationale Wirtschaftsführung ist somit nur solange möglich, als das Geld die oben genannten drei Funktionen erfüllt. Mit wachsender Inflation verliert das Geld immer mehr seine Funktionen und verursacht auf diese Weise hohe Allokationsverluste.

 

 

Zielbegründung: Wachstumsverluste bei Inflation

 

Eine Geldwertstabilität wird zweitens nach Auffassung der Neoliberalen auch deshalb angestrebt, da eine Inflation das wirtschaftliche Wachstum gefährde. Wirtschaftliches Wachstum setzt voraus, dass die Unternehmungen Innovationen einleiten und die hiermit notwendigen Investitionen durchführen. Eine Unternehmung wird jedoch nur zu Investitionen bereit sein, wenn das damit eingegangene Risiko sich in Grenzen hält. Jede Innovation ist ohnehin mit Risiken verbunden. Besteht dann noch die Gefahr, dass der Zinssatz in naher Zukunft steigt, werden immer mehr Unternehmungen von diesen Investitionen Abstand nehmen.

 

Normalerweise werden jedoch die Notenbanken die Leitzinsen anheben, wenn die Inflationsrate eine bestimmte kritische Grenze überschreitet. Diese Zinssteigerung kann zwar dazu beitragen, dass auf lange Sicht wiederum Geldwertstabilität erreicht wird und mit ihr wiederum ein wirtschaftliches Wachstum, zunächst einmal bremst jedoch die Zinssteigerung das wirtschaftliche Wachstum. Es wird von den Anhängern der liberalen Theorie befürchtet, dass eine aktive Konjunkturpolitik des „go and stop“ das allgemeine Risiko so stark anhebt, dass im Endergebnis weniger Wachstum erreicht wird als wenn sich der Staat einer aktiven Konjunkturpolitik enthalten würde.

 

Die Keynesianer nehmen in dieser Frage eine kontroverse Haltung ein. Sie gehen sogar davon aus, dass ein bestimmtes Maß an Inflation (eine schleichende Inflation) notwendig sei, um das Investitionsvolumen der Unternehmungen auf dem Niveau zu halten, das Vollbeschäftigung garantiert. Bekanntlich unterstellte Keynes, der Konjunktur­einbruch und die damit verbundene Arbeitslosigkeit seien durch eine zu geringe Nachfrage nach Gütern verursacht. Es komme deshalb darauf an, staatlicherseits Anreize zu gewähren, um die Investitionsnachfrage und mit ihr die Beschäftigung zu erhöhen. Die durch staatliche Anreize verursachte Mehrnachfrage nach Investitionsgütern führe zu Preissteigerungen, diese schlagen sich in vermehrten Gewinnen nieder und gerade diese Aussicht, auf Gewinnsteigerung sei der Garant dafür, dass die Unternehmer die Produktion und mit ihr die Beschäftigung steigerten.

 

Nun  hat jedoch Milton Friedman darauf aufmerksam gemacht, dass diese Politik allenfalls zu kurzfristigen Erfolgen führt. Spätestens in der nächsten Tarifrunde werden nämlich die Arbeitnehmer in ihren Lohnforderungen einen Ausgleich für die Preissteigerungen und damit für die Verringerung im Reallohn fordern und auch in aller Regel durchsetzen. Damit sinkt jedoch der Gewinn der Unternehmungen auf sein altes Niveau und die Unternehmer haben keinen Anreiz die Mehrproduktion und die vermehrte Nachfrage nach Arbeitskräften aufrechtzuerhalten.

 

Man wird sogar erwarten müssen, dass sich die Unternehmer darüber klar werden, dass die Gewinn­steigerung aufgrund der staatlichen Anreize von kurzer Dauer sein werden und werden deshalb die Nachfrage und die Produktion gar nicht ausweiten. Der Erfolg einer keynesianischen Politik bleibt dann auf die wenigen Fälle beschränkt, in denen die staatliche Nachfragesteigerung unerwartet kommt. Sobald sich die Unternehmer und Gewerkschaften an die veränderte Situation (an die Preissteigerungen) angepasst haben, verpufft der Erfolg der keynesianischen Nachfragepolitik.

 

 

Zielbegründung:  unerwünschte Verteilungseffekte

 

Geldwertstabilität wird drittens auch aus verteilungspolitischen Gründen angestrebt, da eine Inflation zu unerwünschten Verschiebungen in der Einkommensverteilung führt. So benachteiligt eine Inflation vor allem die Empfänger fixer Einkommen gegenüber den Beziehern variabler Einkommen. Mann kann unterstellen, dass Preissteigerungen dazu führen,  sowohl die Unternehmer­einkommen als auch die Lohneinkommen relativ schnell anzupassen. Die Empfänger von Fixeinkommen hingegen erhalten ex definitione keinen Ausgleich für die Preissteigerungen, ihr Realeinkommen sinkt somit im Umfang der Inflation.

 

Vor den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zählten vor allem die Rentner zu den wichtigsten Empfängern von Fixeinkommen. Im Prinzip wurde diese Benachteiligung durch die Rentenreform von 1957 beseitigt. Seit dieser Zeit werden die Renten teilweise automatisch (die Zugangsrenten) oder durch politischen Beschluss an die allgemeine Preis- und Einkommens­entwicklung angepasst, sodass die Rentner nur noch in geringem Maße bei allgemeinen Preis­steigerungen Realeinkommensverluste erleiden.

 

Entsprechend der wage-lag-Hypothese zählen auch die Arbeitnehmer zu den Verlierern einer Inflation, da die Lohnsätze immer erst nachträglich nach Auslaufen des bisherigen Tarifvertrages an die Preisentwicklung angepasst werden. Entsprechend dieser These kommt somit eine allgemeine Preissteigerung solange den Unternehmungen zugute, solange keine Anpassung der Lohnsätze an die Inflation erfolgt ist.

 

Wenn diese These richtig wäre, müsste der Anteil der Arbeitnehmer am Inlandsprodukt in den Ländern geringer ausfallen, in denen eine überdurchschnittlich hohe Inflation stattgefunden hat. Ein solcher Zusammenhang konnte allerdings bisher in empirischen Untersuchungen nicht nachgewiesen werden. Man hat diesen fehlenden Zusammenhang damit erklärt, dass es den Gewerkschaften mit der Zeit gelungen sei, bereits die für die zukünftige Periode erwarteten Preissteigerungen in den Tarifverhandlungen zu berücksichtigen.

 

In diesem Falle tritt an die Stelle eines wage lag ein wage lead, zunächst profitieren die Arbeitnehmer, da ihre Lohneinkommen bereits die für die Zukunft erwarteten, aber in der heutigen Periode noch nicht eingetretenen Preissteigerungen angehoben werden. In der Folge vermindern sich zunächst die Gewinne, bis es den Unternehmungen gelungen ist, die durch Lohnerhöhungen verursachten Kostensteigerungen wiederum auf die Preise zu überwälzen. Auf jeden Fall dürfte sowohl ein wage lag als auch ein wage lead zu Verschiebungen in der Einkommensverteilung führen, welche verteilungspolitisch unerwünscht ist.


Eine Inflation benachteiligt nach weitgehender Überzeugung drittens auch die Besitzer von Kapital. Wer sein Vermögen in Geld (Wertpapieren) angelegt hat sowie derjenige, welcher an andere Kredite gewährt hat, erleidet bei Inflation einen realen Verlust, da der reale Wert des Geldvermögens in dem Maße zurückgeht, in dem die allgemeinen Güterpreise steigen. Für die Geldsumme, die ein Gläubiger einem Schuldner vor einigen Jahren geliehen hat, kann der Gläubiger nach Rückzahlung des Kredites aufgrund der in der Zwischenzeit gestiegenen Preise weniger Güter kaufen.

 

Nun gelten diese Zusammenhänge nur unter ganz bestimmten Bedingungen. Ein Gläubiger kann sich nämlich gegenüber der Inflationsgefahr prinzipiell dadurch absichern, dass er in den Kreditvertrag, den er mit dem Schuldner abschließt, eine Wertsicherungsklausel vereinbart, wonach sich die geschuldete Geldsumme im Ausmaß der Inflation automatisch erhöht. Allerdings waren solche Wertsicherungsklauseln in der BRD lange Zeit von Seiten der Notenbank genehmigungspflichtig und die Deutsche Notenbank hatte in den ersten Jahrzehnten der BRD nur sehr spärlich solche Genehmigungen erteilt.

 

Auf funktionierenden Kapitalmärkten gibt es jedoch noch eine weitere Kompensation für die inflationsbedingten Wertminderungen. In den Zinssatz fließt auf einem funktionierenden Kapital­markt neben der Höhe des Risikos auch die Inflationsrate ein. Somit erhält der Gläubiger unter normalen Bedingungen eine volle Entschädigung für die inflationsbedingten Wertverluste. So entspricht dem langfristigen Zinssatz festverzinslicher Wertpapiere in etwa die Inflationsrate, da das Risiko bei diesen Wertpapieren denkbar gering ist. Auf diese Weise erhält der einzelne Kapitalgeber bei festverzinslichen Wertpapieren keine Nettorendite. Da er aber nahezu keine Kosten aufzubringen hat und da er auch kein Risiko eingeht und damit einem Bedarf seitens der Unternehmungen abdeckt, hat er auch keinen Nettopreis für sein Angebot zu erwarten.

 

Zielbegründung: Staatverschuldung zukunftbelastend?

 

 

Im Zusammenhang mit der Staatsverschuldung wird seit einiger Zeit die These vertreten, dass eine durch Staatsverschuldung verursachte Inflation auch deshalb aus verteilungspolitischen Gründen unerwünscht ist, da durch die Staatsverschuldung die zukünftige Generation belastet werde. Der Staat müsse, wenn er heute Schulden aufnehme, diese in Zukunft zurückzahlen und auch vor der Zurückzahlung Zinsen gewähren. Diese Amortisationen und Zinszahlungen müssten mit Steuern beglichen werden, welche von der zukünftigen Generation aufzubringen seien.

 

Diese These ist in dieser vereinfachten Form sicherlich nicht korrekt. Wenn der Staat in zukünftigen Perioden Steuern erheben muss, um den Schuldendienst zu begleichen, so entzieht er zwar den Bürgern der zukünftigen Generation Einkommen; da er aber diese Steuerbeträge an die Eigentümer der Wertpapiere zahlt, fließen diese Steuergelder in ihrer Gesamtheit wiederum voll an die Bevölkerung zurück. Per Saldo hat also die zukünftige Bevölkerung aufgrund der Staatsver­schuldung als solche keine zusätzliche Last zu tragen.

 

Der eigentliche Fehler bei dieser Betrachtungsweise liegt darin, dass man die Probleme, welche die Verschuldung eines Privathaushaltes mit sich bringt, unmittelbar auf die Verschuldung der öffentlichen Haushalte überträgt. In der Tat findet immer dann, wenn sich ein privater Haushalt bei irgendeiner anderen Wirtschaftseinheit verschuldet, eine zukünftige Belastung dieses Haushaltes statt. Irgendwann in der Zukunft müssen die Kredite zurückgezahlt werden und dies führt in den zukünftigen Perioden zu einer Verminderung der materiellen Wohlfahrt.

 

Diese Schlussfolgerungen gelten nun durchaus auch für Staatshaushalte, wenn Regierungen Schulden im Ausland aufnehmen. Denn auch hier gilt, dass dann, wenn in der Zukunft diese Kredite an das Ausland zurückgezahlt werden müssen, das Vermögen und das Inlandsprodukt notwendiger Weise zurückgeht.

 

Andere Überlegungen gelten jedoch dann, wenn der Staat bei seinen eigenen Bürgern Kredite aufnimmt. Hier verschuldet sich die Volksgemeinschaft, vertreten durch den Staat bei sich selbst. Wenn diese Kredite in Zukunft zurückgezahlt werden, dann erleidet die Volksgemeinschaft insgesamt keinen Wohlfahrtsverlust, da in diesem Falle lediglich ein Teil der Bürger in ihrer Eigenschaft als Steuerzahler Gelder an andere Bürger in deren Eigenschaft als Gläubiger transferiert.

 

Man könnte einwenden, dass dieser Transfer zu einer sozial unerwünschten Umverteilung in der Zukunft führe, da die Steuern nahezu von der gesamten Bevölkerung zu tragen seien, während die Zinserträge aus den Staatspapieren vorwiegend den Reichen zugute komme. Damit führe eine Staatsverschuldung zu einer sozial unerwünschten Umverteilung von arm zu reich.

 

Aber auch diese Betrachtung ist zu einfach gedacht. Erstens zahlt etwa ein Drittel der ärmeren Bevölkerung überhaupt keine (direkten) Steuern; gleichzeitig werden etwa zwei Drittel des gesamten Steueraufkommens von dem oberen Drittel der Einkommensgruppen gezahlt.

 

Zweitens erwerben seit einigen Jahrzehnten immer mehr Arbeitnehmer  Wertpapiere, wobei die Mittelschicht in erster Linie festverzinsliche Wertpapiere und damit die staatlichen Schuldver­schreibungen erwirbt, während die Reicheren die riskanteren Aktien bevorzugt. Also fließen die Zinsen aus Staatsanleihen eben gerade nicht mehrheitlich an die ganz Reichen.

 

Drittens schließlich ist zu bedenken, dass die Käufer staatlicher Wertpapiere ja nicht deshalb diese Wertpapiere kauft, weil sie vom Staat angeboten werden; es ist viel mehr damit zu rechnen, dass die Käufer dieser Wertpapiere ihre Nachfrage nach festverzinslichen Wertpapieren unabhängig davon ausüben, ob der Staat sich verschuldet oder nicht; hätte der Staat sich nicht verschuldet, so hätte diese Käuferschicht eben andere festverzinsliche Wertpapiere erworben. Die Nachfrage nach Wertpapieren ist weitgehend unabhängig von der Frage, ob auch der Staat Wertpapiere anbietet.

 

Diese Überlegungen bedeuten jedoch nicht, dass eine Verschuldung des Staates die zukünftige Generation in keinem Falle belasten kann. Ob aber im Zusammenhang mit einer Staatsverschuldung die zukünftige Generation belastet oder vielleicht sogar entlastet werden kann, hängt entscheidend davon ab, wie die durch Angebot von staatlichen Wertpapieren verausgabt werden. Von der Verwendung dieser Gelder hängt es schließlich ab, wie die Wachstumsrate des Inlandsproduktes beeinflusst wird und von der Veränderung in der heutigen Wachstumsrate hängt es wiederum ab, ob die zukünftige Generation über ein geringeres oder höheres Inlandsprodukt verfügt. Und nur dann, wenn aufgrund der heutigen Staatsverschuldung die Wachstumsrate des Inlandsproduktes sinkt, kann man davon sprechen, dass die Staatsverschuldung die zukünftige Generation belastet.

 

Ich möchte drei verschiedene Verwendungsarten der durch Verkauf von staatlichen Wertpapieren verein­nahmten Gelder unterscheiden. Erstens werden diese Gelder zu einem großen Teil für konsumtive Zwecke ausgegeben; sie dienen damit nicht der Erhaltung des Produktionsapparates und vermindern somit die Produktivität immer dann, wenn diese Gelder für sonst produktive (investive) Verwendung eingesetzt worden wären. Hätte also der Staat keine Wertpapiere angeboten und sich deshalb heute nicht verschuldet, so hätten diejenigen, welche nun diese Staatsanleihen erwerben, festverzinsliche Anleihen von Unternehmungen gekauft mit dem Ergebnis, dass diese Gelder für investive und damit in der Regel für produktivitätssteigernde Investitionen verwandt worden wären.

 

Zweitens können die vom Staat beim Verkauf von Staatsanleihen erhaltenen Gelder auch dazu verwandt werden, Infrastrukturinvestitionen durchzuführen. Ein Teil der anstehenden Infrastrukturinvestitionen ist notwendig, um gerade die privaten Investitionen zum Erfolg zu führen. In diesem Falle wirken sich sogar die staatlichen Gelder produktivitätssteigernd aus, sie kommen der zukünftigen Generation zu Gute.

 

Oftmals setzt jedoch der Staat die durch Anleihen vereinnahmten Gelder zur Förderung privater Investitionen ein, die ohne diese Subventionen wegen mangelnder Produktivität und Rentabilität nicht durchgeführt worden wären. Hier ist eine Verminderung der Produktivität zu erwarten, da knappe Ressourcen von mehr rentablen und mehr produktiven Verwendungen abgezogen werden. In diesem Falle wird die zukünftige Generation belastet, da mit sinkender Produktivität auch das wirtschaftliche Wachstum sinkt.

 

Die nächste Übung (Kapitel 8) wird voraussichtlich am 18.01.2012 ins Internet gestellt und behandelt das Thema: „Geldpolitik versus Fiskalpolitik“