Startseite

 

 

 

Gliederung der Vorlesung:

 

01. Einführung

02. Leitbilder

03. Tarifverhandlungen  

04. Gesamtwirtschaftliche Verteilungstheorie

05. Institutionelle Unterschiede

06. Finanzpolitik

07. Geschichte der Sozialversicherung

08. Rentenversicherung

09. Krankenversicherung

10. Arbeitslosenversicherung

11. Vermögenspolitik

12. Bildungspolitik

 

 

 

Kapitel 4: Gesamtwirtschaftliche Verteilungstheorie

 

Gliederung:

 

01. Zur Problemstellung

02. Die Verteilungstheorie von N. Kaldor

03. Ein modifiziertes Verteilungsmodell

 

 

 

 01. Zur Problemstellung

 

Tariflohnerhöhungen stellen nur ein MITTEL zur Veränderung der Einkommensverteilung zugunsten der Arbeitnehmer dar. Letztliche Ziele der Gewerkschaften sind:

 

·        eine Reallohnsatzsteigerung,

·        eine Steigerung des Reallohneinkommens,

·        eine Erhaltung der Stellung innerhalb der Lohnhierarchie,

·        eine Verbesserung der Lohnquote.

 

Es stellen sich zwei Fragen:

 

·        Stellen Tariflohnerhöhungen ein effizientes Mittel dar, um diese letztlichen Ziele zu erreichen?

 

·        Welche negativen Sekundärwirkungen gehen von Lohnerhöhungen auf die allgemeinen Ziele der Wirtschaftspolitik aus?

 

Zunächst wollen wir auf die Frage der Effizienz einer Tariflohnpolitik eingehen.

 

·        Der Tariflohn fällt nicht mit dem Effektivlohn zusammen (es gibt auch übertarifliche Lohnzuschläge).

 

·        Nominallohnsteigerungen führen nicht immer zu Reallohnsteigerungen, da u. U. aufgrund der Lohnsteigerungen die Güterpreise ebenfalls ansteigen.

 

·        Reallohnsteigerungen bedeuten nicht immer Reallohneinkommenssteigerungen, sofern die Arbeitszeit effektiv verkürzt wird oder der Beschäftigungsgrad zurückgeht.

 

·        Die Lohnquote steigt nur dann, wenn der Reallohn stärker steigt als die Arbeitsproduktivität.

 

·        Die Stellung innerhalb der Lohnhierarchie kann sich trotz Lohnsteigerung verschlechtern, wenn der eigene Lohnsatz weniger ansteigt als der Lohnsatz anderer Arbeitnehmergruppen.

 

Wenden wir uns nun der Frage nach den negativen Sekundärwirkungen zu:

 

·        Wenn eine Reallohnsteigerung ausbleibt, weil nicht nur die Lohnsätze, sondern auch die Güterpreise steigen, wird aufgrund desselben Zusammenhanges auch das Ziel der Preisniveaustabilität verletzt.

 

·        Wenn keine reale Lohneinkommenssteigerung stattfindet und der Rückgang in der effektiven Arbeitszeit nicht freiwillig erfolgt, wird das Ziel der Vollbeschäftigung verletzt: Die Arbeitslosigkeit nimmt zu oder es wird Kurzarbeit geleistet oder die Arbeitnehmer können nicht mehr so viele Überstunden machen, wie sie es wünschen.

 

Ob eine Lohnsatzsteigerung zu Güterpreissteigerungen oder zu einer Verringerung der Arbeitsnachfrage führt, hängt entscheidend vom Verhalten der Notenbank ab.

 

Ist die Notenbank nicht bereit, die zur Finanzierung der zusätzlichen Lohnsumme notwendige Geldmenge zur Verfügung zu stellen, kommt es zu Zinssteigerungen und diese lösen Rückgänge im Investitions- und damit auch im Beschäftigungsvolumen aus.

 

Wenn aufgrund der Lohnsatzsteigerung das Investitionsvolumen sinkt, treten zusätzlich Wachstumsverluste auf.

 

Entspricht die Lohnstruktur nicht der Produktivitätsstruktur, so besteht die Gefahr der Fehlallokation. Die Güterproduktion wird nicht mehr optimal am Bedarf der privaten Haushalte ausgerichtet. Gleichzeitig steigt die Arbeitslosigkeit besonders stark bei den Niedriglohngruppen an.

 

Es besteht somit ein enger Zusammenhang zwischen der Verteilungseffizienz und den negativen Sekundärwirkungen einer Lohnerhöhung. Fast immer dann, wenn das Verteilungsziel nicht erreicht wird, treten auch negative Sekundärwirkungen auf. Zur Beurteilung dieser Wirkungen, vor allem der Auswirkungen auf die Einkommensverteilung ist die Kenntnis der gesamtwirtschaftlichen Verteilungstheorie notwendig.

 

 

02. Die Verteilungstheorie von N. Kaldor

 

Ausgangspunkt ist eine keynesianische Theorie. Die Theorie von J. M. Keynes kann nämlich alternativ zur Erklärung des Volkseinkommens oder der gesamtwirtschaftlichen Verteilung herangezogen werden. Als Theorie des Volkseinkommens wird eine gegebene Verteilung der Einkommen unterstellt, als Verteilungstheorie wird von einem gegebenen Realeinkommen ausgegangen.

 

Wir gehen von folgenden Annahmen aus:

 

·        Die Investitionsquote ist weitgehend durch die Konjunkturlage bestimmt und hängt nicht von der Einkommensverteilung ab.

 

·        Die partielle Sparquote der Arbeitnehmer ist geringer als die der Gewinnempfänger, beide sind kurzfristig konstant.

 

·        Das Realeinkommen ist wegen Überbeschäftigung, welche in diesen Modellen stillschweigend unterstellt wird, konstant.

 

·        Rückgänge in der Gesamtnachfrage wirken sich nur preismindernd aus. Nachfragezuwächse hingegen wirken nur preissteigernd.

 

Es bestehen folgende definitorische Beziehungen:

 

Formular

 

 

s:       gesamtwirtschaftliche Sparquote

sl:     Sparquote der Lohnempfänger

sg:     Sparquote der Gewinnempfänger

L/Y:  Lohnquote

G/Y: Gewinnquote

 

 

Die gesamtwirtschaftliche Sparquote (s) ergibt sich also aus der Summe der Sparquote der Lohnempfänger (sl) und der Gewinnempfänger (sg),  wobei die partiellen Sparquoten jeweils mit der Einkommensquote der betreffenden Einkommensbezieher gewichtet werden.

 

Wir berücksichtigen, dass die Lohnquote und Gewinnquote zusammen 1 (eins) ergeben, dass also die Lohnquote auch als ‚1 minus Gewinnquote‘ geschrieben werden kann. 

 

 Formular

 

 

Da in beiden Termen auf der rechten Seite die Gewinnquote als Bestimmungsfaktor eingeht, können wir diese ausklammern und erhalten:

Formular

 

 

Die Lohnquote ist definiert als Lohnsumme (L) bezogen auf das Inlandsprodukt (Y), die Lohnsumme selbst wiederum entspricht dem Produkt aus Lohnsatz (l) und Arbeitsstundenzahl (A).

 

Durch Umformulierung erhalten wir die Abhängigkeit der Lohnquote von dem Reallohnsatz und der Arbeitsproduktivität:

Formular

 

 

Ausgangspunkt sei ein Diagramm auf dessen Abszisse die Einkommensquoten  und auf dessen Ordinate die gesamtwirtschaftliche Sparquote (s) sowie die Investitionsquote (I/Y) abgetragen wird. Wir zeichnen zunächst die Investitionsquote ein, die parallel zur Abszisse verläuft, da annahmegemäß die Investitionsquote nicht von der Einkommensverteilung abhängt. Die gesamtwirtschaftliche Sparquote ergibt sich aus der oben genannten Definitionsgleichung.

 

Der Schnittpunkt beider Kurven unterrichtet über die Einkommensverteilung, bei der ein Gleichgewicht auf den Gütermärkten besteht. Die Graphik lässt sowohl die Höhe der gleichgewichtigen Gewinnquote sowie der Lohnquote ablesen.

 

 

 

Diese Graphik lässt auch erkennen, wie die Einkommensverteilung von der Höhe der Investitionsquote abhängt. Steigt die Investitionsquote, so erhöht sich ceteris paribus auch die Gewinnquote. Da Vollbeschäftigung unterstellt wird, führt der Zuwachs in der Investitionsnachfrage zu Preissteigerungen, die sich in einer Erhöhung der Gewinnsumme und auch der Gewinnquote niederschlagen.

 

 

 

Wir gelangen zu folgenden Ergebnissen:

 

·        Der Schnittpunkt zwischen der Investitionskurve und der Sparkurve bestimmt die gleichgewichtige Einkommensverteilung.

 

·        Nur Veränderungen in mindestens einer dieser beiden Reaktionskurven führen zu einer Umverteilung der Einkommen.

 

·        Investitionssteigerungen verbessern tendenziell die Gewinnquote,

 

·        Erhöhungen in den partiellen Sparquoten vergrößern hingegen die Lohnquote.

 

·        Ein Anstieg der Sparquote der Lohnempfänger wirkt sich also lohnquotensteigernd aus.

 

 

 

 

Es besteht eine Tendenz zu diesem Gleichgewicht. Ist z. B. die tatsächliche Gewinnquote größer als diejenige, die Gleichgewicht garantiert, so besteht ein Sparüberhang. Dieser führt zu Preissenkungen und damit zu einer Reduzierung in der tatsächlichen Gewinnquote. Ein Überhang in der Investitionsquote tritt jedoch ein, wenn die tatsächliche Gewinnquote kleiner ist als die gleichgewichtige Gewinnquote. Der Nachfrageüberhang führt über Preissteigerungen zu einer Erhöhung der Gewinnquote, was einer Verminderung der Lohnquote und des Reallohnes entspricht.

 

 

 

Für die Lohnpolitik der Gewerkschaften ergeben sich folgende Folgerungen: Nominallohnsteigerungen, die nicht von Produktivitätssteigerungen begleitet sind, führen zu keiner Erhöhung der Lohnquote und des Reallohnes, sondern allein zu Preissteigerungen. Der Grund hierfür liegt darin, dass der Nachfrageüberhang bei Lohnsatzsteigerungen nicht abgebaut wird und dass deshalb die Unternehmungen die Möglichkeit haben, die Lohnsteigerungen voll auf den Güterpreis abzuwälzen.

 

Eine Lohnquotensteigerung wäre zwar durch Senkung der Investitionsquote möglich, aber wegen der damit verbundenen Verminderung des Produktivitätswachstums würden in Zukunft Wachstumsverluste auftreten, aufgrund derer auch das absolute Reallohneinkommen geringer ansteigen würde. Wir können also nicht damit rechnen, dass eine Verringerung der Investitionsquote auch auf lange Sicht das Reallohneinkommen steigert. Nur auf kurze Sicht führt eine Verminderung der Investitionsquote zu einem gesteigerten Reallohneinkommen.

 

Um diese Zusammenhänge besser zu durchleuchten, wollen wir in einem ersten Fall  unterstellen, dass die Investitionsquote und mit ihr die Gewinnquote relativ gering sei. Wir tragen in einem Diagramm auf der Abszisse die Zeit ab und auf der Ordinate die Höhe des Lohneinkommens. Aufgrund der geringen Gewinnquote ist das absolute Lohneinkommen zu Beginn der Entwicklung relativ hoch. Da aber die Investitionsquote gering ist, ist auch die Wachstumsrate des Lohneinkommens relativ gering.

 

In einem zweiten Fall unterstellen wir eine hohe Investitions- und Gewinnquote. Zu Beginn der Entwicklung ist das Lohneinkommen relativ niedrig, wegen der höheren Investitionsquote steigt jedoch das Lohneinkommen im Zeitablauf stärker an. Von einem bestimmten Zeitpunkt ab übersteigt das Einkommen im zweiten Fall das des ersten Falls.

 

 

 

Allein eine Erhöhung der Sparquote (der Arbeitnehmer) führt zu einer Erhöhung der Lohnquote, ohne  langfristige gesamtwirtschaftliche Negativwirkungen. Der Investivlohn stellt hierbei ein geeignetes Instrument der Gewerkschaften zur Realisierung ihrer verteilungspolitischen Ziele dar. Beim Investivlohn wird zwangsweise ein Teil des Lohnes für investive Zwecke reserviert und damit gespart. Die Sparquote der Arbeitnehmer steigt und es ist eben diese Steigerung in der Sparquote der Arbeitnehmer, welche zu einer anhaltenden Steigerung auch im Reallohneinkommen führt.

 

Wir wollen uns nun der Kritik am Kaldor-Modell zuwenden. Die Investitionsquote nimmt in Wirklichkeit – entgegen der Annahmen des Kaldor-Modells – mit wachsender Gewinnquote zu; solange allerdings die Steigung der Investitionsfunktion geringer ist als die der Sparfunktion, gibt es immer noch ein stabiles Gleichgewicht; andernfalls ist das Gleichgewicht instabil.

 

 

 

 

Die Annahmen über die partiellen Sparquoten können als weitgehend empirisch bestätigt angesehen werden. Das Realeinkommen ist allerdings nur in Zeiten der Überbeschäftigung konstant; bei variablem Realeinkommen ist jedoch die Einkommensverteilung im Kaldor-Modell unbestimmt.

 

Ausgangspunkt sei eine Sparfunktion, welche von der Einkommenshöhe (Y) und zusätzlich von der Gewinnquote (g) abhängt. Wir erhalten auf diese Weise eine ganze Schar von Sparfunktionen  S = f(Y, g), wobei die Sparfunktion umso höher ist, je höher ceteris paribus die Gewinnquote ist. Einer höheren Gewinnquote entspricht ein geringeres Inlandsprodukt im Gleichgewicht.

 

Das keynesianische Grundmodell kann nun in zwei Varianten betrachtet werden: Keynes selbst ging davon aus, dass die Einkommensverteilung kurzfristig konstant ist, so dass sich die Schar der Sparfunktionen zu einer einzigen Sparfunktion reduziert. Wir erhalten einen Schnittpunkt, der die Höhe des Gleichgewichtseinkommens markiert.

 

Oder aber man kann mit Kaldor von einem gegebenen realen Inlandsprodukt ausgehen. In diesem Falle schneidet nur eine einzige Sparfunktion die Investitionsgerade bei Vollbeschäftigung und damit wird die Einkommensverteilung, die dieser Sparfunktion entspricht, bestimmt.

 

 

 

Betrachten wir das Kaldor-Modell etwas genauer:

 

 

 

 

In einem neuen Diagramm, auf dessen Abszisse das Inlandsprodukt (Y)  und auf dessen Ordinate die Gewinnquote abgetragen wird, zeichnen wir nun diese Beziehung zwischen Inlandsprodukt und Gewinnquote ein. Wir erhalten auf diese Weise eine negativ geneigte Nachfragekurve der Einkommensverteilung. Eine Abnahme des Einkommens führt zunächst zu einer Abnahme der Ersparnis. Bei gleichbleibender Investition entsteht ein Nachfrageüberhang, der eine Zunahme des Preisniveaus und damit auch der Gewinnquote auslöst.

 

Da die Nachfragefaktoren die Einkommensverteilung nun nicht mehr eindeutig determinieren, bedarf es zur Klärung der Verteilung zusätzlich der Kenntnis der Angebotsfaktoren.

 

 

 

 

Zusammenfassung:

 

01. Nur mit Hilfe einer gesamtwirtschaftlichen Verteilungstheorie ist man in der Lage zu überprüfen, inwieweit die Tariflohnpolitik der Gewerkschaften effizient ist und mit welchen negativen Sekundärwirkungen gerechnet werden muss. Die Tariflohnerhöhung ist nur ein Mittel der Gewerkschaften, um die eigentlichen Ziele der Tariflohnpolitik zu realisieren.

 

02. Zu den Zielen der Gewerkschaften zählt die Erhöhung der Effektivverdienste, der Anstieg der Reallohnsätze, eine Ausweitung des realen Lohneinkommens, eine Verbesserung der Lohnquote und schließlich die Erhaltung der eigenen Position innerhalb der Lohnhierarchie.

 

03. Die Effizienz von Tariflohnsteigerungen kann erstens dadurch beeinträchtigt werden, dass die Unternehmungen übertarifliche Lohnzuschläge abbauen, sodass die Effektivverdienste in geringerem Maße ansteigen als die Tariflöhne.

 

04. Zweitens muss befürchtet werden, dass die Unternehmungen einen Teil der Lohnkostensteigerungen auf den Güterpreis abwälzen, sodass die Reallöhne weniger ansteigen als die Tariflöhne.

 

05. Drittens führt eine Erhöhung der Reallöhne unter gewissen Bedingungen zu einer Beschäftigungsminderung; in diesem Fall steigt das reale Lohneinkommen in geringerem Maße an als die Reallohnsätze. Steigen nämlich die Reallöhne, so lohnt es sich für die Unternehmungen, zu kapitalintensiveren Produktionstechniken überzugehen. Die gleiche Produktionsmenge kann in diesem Falle mit weniger Arbeit erzielt werden.

 

06. Viertens kann trotz Reallohnsteigerung die Lohnquote sinken, wenn die Lohnsteigerung geringer ausfällt als die Produktivitätssteigerung, bzw. kann die Position innerhalb der Lohnhierarchie fallen, wenn es anderen Gewerkschaften gelungen ist, höhere Lohnzuwächse als die eigenen Gewerkschaften zu vereinbaren.

 

07. Immer dann, wenn die Tariflohnpolitik ihre distributiven Ziele nicht erreicht, entstehen im Allgemeinen auch negative Sekundärwirkungen auf andere Ziele der Wirtschaftspolitik. Überwälzen die Unternehmer die Lohnkosten auf den Güterpreis, so entsteht Inflation. Auch mit Fehlallokationen ist zu rechnen, wenn die Lohnstruktur von der Struktur der Produktivitätsentwicklung abweicht. Geht die Beschäftigungsnachfrage aufgrund von Lohnsatzsteigerungen zurück, wird das Ziel der Vollbeschäftigung verletzt.

 

08. Die von N. Kaldor entwickelte Verteilungstheorie übernimmt die wichtigsten Annahmen der keynesianischen Theorie: Die Marktergebnisse werden nur von Nachfragefaktoren bestimmt und hierzu zählt insbesondere die Konsumgüternachfrage, bzw. ihr Pendant: die Sparquote sowie die Investitionsneigung der Unternehmer.

 

09. In einem einfachen graphischen Denkmodell lässt sich zeigen, dass mit Hilfe von Investitions- und Sparfunktionen allein die Höhe des Volkseinkommens bzw. des Beschäftigungsgrades bei Konstanz der Einkommensverteilung erklärt werden kann ( J. M. Keynes ); oder dass bei Unterstellung eines konstanten realen Inlandsproduktes die Einkommensverteilung determiniert ist (N. Kaldor).

 

10. Zu den wichtigsten Annahmen der Kaldorianischen Verteilungstheorie zählt die Annahme einer konstanten Investitionsquote, die weitere Annahme, dass die partielle Sparquote der Lohnempfänger geringer ist als die partielle Sparquote der Gewinnempfänger und schließlich die Annahme einer Vollbeschäftigung und einer vollen Auslastung der Produktionskapazität, die eine Konstanz im realen Inlandsprodukt bei wachsender Nachfrage zur Folge hat.

 

11. Die gesamtwirtschaftliche Sparquote wird von drei Faktoren bestimmt: von der Höhe der Sparquote der Arbeitnehmer, von der jeweiligen Gewinnquote und schließlich von der Differenz zwischen den beiden partiellen Sparquoten. Weiterhin besteht eine definitorische Beziehung zwischen Lohnquote und Reallohn: Die Lohnquote ist stets gleich dem Reallohnsatz, dividiert durch die Arbeitsproduktivität.

 

12. Der Schnittpunkt zwischen der Linie der Investitionsquote und der gesamtwirtschaftlichen Sparquote markiert die Einkommensverteilung, bei der die Kapitalmärkte und damit auch die Konsumgütermärkte ins Gleichgewicht kommen.

 

13. Unter den von Kaldor gemachten Annahmen kann davon ausgegangen werden, dass der Marktprozess eine Tendenz zu diesem Gleichgewicht aufweist. Ist die aktuelle Gewinnquote geringer als die gleichgewichtige, dann besteht auf den Märkten ein Nachfrageüberhang, der Preissteigerungen auslöst, die sich in Gewinnsteigerungen niederschlagen. Die aktuelle Gewinnquote nähert sich der gleichgewichtigen an.

 

14. Analog dazu gilt, dass dann, wenn die aktuelle Gewinnquote die gleichgewichtige übersteigt, aufgrund der Angebotsüberhänge auf den Märkten Preissenkungen eintreten, die sich in Gewinnminderungen niederschlagen. Wiederum nähert sich die aktuelle Gewinnquote der gleichgewichtigen.

 

15. Die wichtigste Schlussfolgerung, die aus dieser Theorie gezogen werden kann, besteht darin, dass eine bloße Lohnsatzsteigerung nicht ausreicht, um die Einkommensverteilung langfristig zugunsten der Arbeitnehmer zu verändern. Die Höhe des Lohnsatzes geht nämlich nicht in die Bestimmungsgründe der Einkommensverteilung ein. Eine Veränderung im Lohnsatz führt weder zu einer Verschiebung der Investitionsfunktion noch der Sparfunktion; aber nur dann, wenn sich mindestens eine dieser beiden Kurven verschieben würde, würde sich die Lohnquote, bei der Gleichgewicht herrscht, verändern.

 

16. Kurzfristige Erhöhungen im Lohneinkommen werden somit durch anschließende Gleichgewichtsprozesse wieder abgebaut. Erklären lässt sich dieses Ergebnis damit, dass eine Lohnerhöhung automatisch zu einer Steigerung der Konsumgüternachfrage führt, aufgrund derer die Unternehmer in die Lage versetzt werden, die Lohnkostensteigerungen voll auf den Güterpreis abzuwälzen, ohne dass sie mit Absatzverlusten rechnen müssen. Eine Reduzierung der Investitionsquote würde zwar zu einer Erhöhung der Lohnquote führen. Trotzdem liegt eine Politik der Investitionsreduzierung nicht im langfristigen Interesse der Arbeitnehmer.

 

17. Aufgrund der verminderten Investitionsquote würde die Wachstumsrate der Lohneinkommen verringert, mit der Folge, dass von einem bestimmten Zeitpunkt an das absolute Lohneinkommen trotz Lohnquotensteigerung geringer ausfallen würde als ohne diese Investitionskürzung.

 

18. Bei einer Erhöhung der Sparquote verschiebt sich die Sparfunktion so, dass der neue Gleichgewichtspunkt bei einer geringeren Gewinnquote (höheren Lohnquote) liegt. Erklären lässt sich dieser positive Einfluss dadurch, dass die gesparten Einkommensteile nicht mehr zu Nachfrage werden und dass deshalb der Versuch der Unternehmungen, die Lohnkostensteigerungen auf den Güterpreis abzuwälzen, zu Absatzrückgängen führen müsste.

 

19. Eine Erhöhung  der Sparquote der Arbeitnehmer wird z. B. beim Investivlohn eingeschlagen. Rein formal gesehen könnte die Lohnquote auch dadurch erhöht werden, dass die partielle Sparquote der Gewinnempfänger erhöht wird. Es ist jedoch unklar, wie es den Gewerkschaften gelingen könnte, die Sparquote der Selbstständigen zu beeinflussen.

 

20. Die Annahme, die Investitionsquote sei konstant und verändere sich vor allem nicht mit der Gewinnquote, entspricht nicht der Wirklichkeit. De facto muss man davon ausgehen, dass mit zunehmenden Gewinnen auch die Investitionsquote ansteigt. Auch dann, wenn die Investitionsquote mit steigendem Gewinn zunimmt, bleiben die Ergebnisse der Kaldorianischen Theorie grundsätzlich erhalten, solange die Steigung der Investitionsgeraden kleiner ist als die der Spargeraden.

 

21. Die Steigung der Investitionsfunktion misst hierbei die Abhängigkeit der Investitionsquote von der Höhe der Gewinnquote, während die Steigung der Sparfunktion umso höher ausfällt, je größer die Differenz zwischen den partiellen Sparquoten der Selbstständigen und der Arbeitnehmer ist. Ist allerdings die Steigung der Investitionsfunktion größer als die der Sparfunktion, ist das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht instabil, es besteht also keine Tendenz mehr, dieses Gleichgewicht von selbst zu erreichen. Die These, dass die partielle Sparquote der Selbstständigen größer ist als die der Unselbstständigen, entspricht allerdings empirischen Ergebnissen.

 

22. Allerdings muss diese Tatsache vor allem darauf zurückgeführt werden, dass die Sparquote mit der Höhe des Einkommens ansteigt und dass die Selbstständigen im Durchschnitt über ein höheres Pro-Kopf-Einkommen verfügen als die Arbeitnehmer. Trotzdem entspricht dieser Tatbestand nicht den Annahmen der Kaldorianischen Verteilungstheorie, da hier unterstellt wird, dass die partiellen Sparquoten zumindest kurzfristig konstant sind.

 

23. Allerdings gibt es zwei weitere Gründe dafür, dass die Sparquote der Selbstständigen auch bei gleicher Einkommenshöhe höher ausfällt als die der Arbeitnehmer. Zumindest in der Vergangenheit waren die Selbstständigen nicht Mitglieder der gesetzlichen Altersversicherung, sodass sie durch eigene Anstrengungen eine Alterssicherung bilden mussten.

 

24. Gleichzeitig hängt der berufliche Erfolg der Selbstständigen im Gegensatz zu den Arbeitnehmern in der Regel davon ab, ob ausreichend Risikokapital vorhanden ist.

 

 

Fragen zu Kapitel 4a:

 

01. Gehören die Tariflohnerhöhungen zu den letztlichen Zielen der Gewerkschaften?

 

02. Welche Ziele werden letztlich von den Gewerkschaften im Rahmen der Tariflohnpolitik verfolgt?

 

03. Welche beiden Fragen sind im Zusammenhang mit einer Tariflohnerhöhung zu untersuchen?

 

04. Mit welchen fünf Gründen für einen Misserfolg der gewerkschaftlichen Lohnpolitik ist zu rechnen?

 

05. Welches sind die beiden wichtigsten negativen Sekundärwirkungen einer Tariflohnerhöhung?

 

06. Wovon hängt es ab, ob eine expansive Lohnsteigerung inflationär oder beschäftigungsmindernd wirkt?

 

07. Inwiefern kann man die keynesianische Theorie auch zur Erklärung der Einkommensverteilung heranziehen?

 

08. Von welchen Faktoren hängt die gesamtwirtschaftliche Sparquote ab?

 

09. Wovon wird die Lohnquote im Rahmen der gesamtwirtschaftlichen Verteilungstheorie bestimmt?

 

10. Wie wirkt sich eine Erhöhung der Sparquote der Arbeitnehmer auf die Lohnquote aus?

 

11. Welchen Einfluss hat eine Steigerung der Investitionsquote auf die Lohnquote?

 

12. Was ist die Voraussetzung dafür, dass die Einkommensverteilung stabil ist?

 

 

 

Antworten zu Kapitel 4a:

 

01. Die Tariflohnerhöhungen gehören nicht zu den letztlichen Zielen der Gewerkschaften, sie dienen lediglich als Mittel zur Realisierung anderer Ziele (z. B. Reallohnsatzsteigerung).

 

02. Die Gewerkschaften verfolgen das Ziel  einer Reallohneinkommenssteigerung, einer Erhaltung der Stellung innerhalb der Lohnhierarchie sowie einer Verbesserung der Lohnquote.

 

03. Im Zusammenhang mit Tariflohnsteigerungen ist einmal zu überprüfen, inwieweit diese Mittel geeignet sind, die letztlichen Ziele der Gewerkschaften zu erreichen, zum andern gilt es nach den negativen Sekundärwirkungen zu fragen.

 

04. Die gewerkschaftliche Lohnpolitik kann scheitern, da tarifliche Lohnsteigerungen durch Kürzung der Effektivzuschläge, durch anschließende Preissteigerungen, durch Verringerung der Arbeitszeit kompensiert werden können. Auch ist es denkbar, dass die Lohnquote sinkt, da die Löhne weniger steigen als die Produktivität oder die Stellung innerhalb der Lohnhierarchie kann sich verschlechtern, wenn die Lohnsätze in anderen Tarifbezirken stärker steigen als die eigenen.    

 

05. Die beiden wichtigsten negativen Sekundärwirkungen einer Lohnsteigerung sind Inflation und Arbeitslosigkeit.

 

06. Ob Lohnsteigerungen, welche größer sind als die Produktivitätszuwächse, inflationär oder beschäftigungsmindernd wirken, hängt insbesondere vom Verhalten der Notenbank ab. Wird die Geldmenge entsprechend erhöht, steigen die Preise, im anderen Falle verringert sich die Beschäftigung.

 

07. Die keynesianische Theorie kann zur Erklärung der Einkommensverteilung herangezogen werden, wenn man auf der einen Seite davon ausgeht, dass die Sparquote der Arbeitnehmer geringer ist als die der Selbstständigen und auf der anderen Seite Vollbeschäftigung unterstellt.

 

08. Die gesamtwirtschaftliche Sparquote hängt von der partiellen Sparquote der Arbeitnehmer und der Selbstständigen, sowie von der Lohn- und Gewinnquote ab.

 

09.  Die Lohnquote wird bestimmt von dem Quotienten aus Reallohn und Produktivität.

 

10. Eine Erhöhung der Sparquote der Arbeitnehmer führt zu einem Anstieg in der Lohnquote.

 

11. Ein Anstieg in der Investitionsquote wirkt sich lohnquotenmindernd aus.

 

12. Die Einkommensverteilung ist nur dann stabil, wenn die Steigung der Sparquote geringer ist als die der Investitionsquote.

 

Fortsetzung folgt!