Startseite

 

 

Steuerzahler - Steuerträger

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Der Überwälzungsprozess

    a) Fall 1: Angebotselastizität 0

    b) Fall 2: normales Angebot > 0 < ∞

    c) Fall 3: Angebotselastizität ∞

    d) Fall 4: anomales Angebot  < 0

    e) Fall 5: Nachfrageelastizität 0

    f) Fall 6: normale Nachfrage  < 0 > - ∞

    g) Fall 7: Nachfrageelastizität ∞

    h) Fall 8: anomale Nachfrage  > 0

    i)  Verallgemeinerungen

3. Gleiche Ausgangslage

4. Die Rolle der Marktform

5. Gewinnsteuern nicht überwälzbar?

6.  Arbeitgeberbeitrag 50% ein Erfolg?

   

 

1. Das Problem

 

Im Rahmen der Finanzwissenschaft wird zwischen dem Steuerzahler und dem Steuerträger unterschieden. Steuerzahler ist danach derjenige, welcher die Steuern an das Finanzamt abführt, Steuerträger hingegen, welcher aufgrund der Besteuerung eine Reduzierung seines Einkommens bzw. seines Vermögens erfährt. Obwohl zunächst davon ausgegangen wird, dass derjenige Steuern zu entrichten hat, der auch die Steuern tragen soll, kann nicht damit gerechnet werden, dass beide Begriffe zusammenfallen, dass also der Steuerzahler immer auch der Steuerträger ist.

 

Diese Einschränkung gilt bereits für die Frage, welchen Zweck der Staat mit der Erhebung von Steuern verbindet. Nehmen wir das Beispiel der Umsatzsteuer. Die Umsatzsteuer ist von den Unternehmungen abzuführen und zwar als Prozentsatz des erzielten Umsatzes. Trotzdem geht der Staat davon aus, dass die Unternehmungen die Umsatzsteuer auf den Preis aufschlagen, dass die zahlenden Unternehmungen also die Steuer nicht selbst tragen sollen und dass somit die Steuerlast von den Käufern dieser Produkte zu tragen ist.

 

Als zweites Beispiel wählen wir die Einkommensteuer. Bekanntlich steigt der Prozentsatz der zu entrichtenden Steuer mit dem Einkommen an. Man spricht hierbei von Steuerprogression. Und dass der Staat von höheren Einkommen auch höhere Steuern verlangt, hängt natürlich damit zusammen, dass die Reicheren höhere Steuern als die Ärmeren auch tragen sollten.

 

Die Absicht des Staates bei der Einkommensteuer besteht also in der Zielsetzung, dass derjenige, der die Einkommensteuer zahlt, auch diese Steuer tragen soll. Hier soll also mit anderen Worten nach dem Willen des Staates der Steuerzahler mit dem Steuerträger zusammenfallen.

 

Hiermit nicht zu verwechseln ist der Umstand, dass die Lohnsteuer, die Einkommensteuer für Lohneinkommen, vom Arbeitgeber an das Finanzamt abzuführen ist. Obwohl hier der Arbeitgeber die Lohnsteuer an das Finanzamt abführt, ist trotzdem der Steuerzahler der Lohnempfänger.

 

Die Lohnsteuer wird vom Bruttolohneinkommen des Arbeitnehmers berechnet und abgezogen, nur aus Vereinfachungsgründen wird dem Arbeitnehmer nicht sein gesamtes Bruttoeinkommen ausgezahlt, ihm wird vielmehr nur das um die Lohnsteuer (und um die Sozialversicherungsbeiträge) verringerte Nettoeinkommen ausgezahlt, der Arbeitnehmer ist aber trotzdem nach dem Willen des Gesetzgebers derjenige, welcher die Lohnsteuer zahlen und auch tragen soll.

 

Obwohl also der Gesetzgeber von klaren Vorstellungen ausgeht, welche Steuern auch vom Steuerzahler zu tragen sind, können wir nicht davon ausgehen, dass der anonyme Markt auch genau nach diesen Absichten vorgeht, also zwar vorsieht, dass die Umsatzsteuer auf die Käufer der Waren überwälzt werden kann, während die Einkommenssteuer auch von denjenigen zu tragen ist, welche die Steuer an das Finanzamt abzuführen haben.

 

Der Markt ist ein sehr kompliziertes Geflecht von tausenden und abertausenden Beziehungen, seine Ergebnisse entsprechen keinesfalls immer oder auch nur in der Mehrzahl der Fälle den Absichten, welche auf der einen Seite die Teilnehmer des Marktes, also Anbieter und Nachfrager, hegen oder welche auf der anderen Seite der Staat im Rahmen der Wettbewerbsordnung vorgegeben hat.

 

So war es das Anliegen der klassischen Wirtschaftstheorie aufzuzeigen, dass auch dann, wenn die Unternehmer allein den Zweck verfolgen, ihren Gewinn zu mehren, trotzdem – natürlich nur dann, wenn bestimmte Bedingungen, wie z. B. Wettbewerb gegeben sind – die Güterproduktion an den Konsumentenwünschen ausgerichtet wird.

 

Obwohl wir also davon ausgehen müssen, dass in der Realität Steuerzahler keinesfalls immer mit den Steuerträgern zusammenfallen, müssen wir doch feststellen, dass Steuerzahler und Steuerträger keineswegs dann und nur dann auseinanderfallen, wenn es der Staat so will.

 

Es gibt Fälle, bei denen eigentlich aus der Sicht des Staates der Steuerzahler auch Steuerträger sein sollte, dieser aber trotzdem die Möglichkeit hat, die Steuern ganz oder überwiegend auf andere zu überwälzen, während gleichzeitig in anderen Fällen der Staat sehr wohl eine Überwälzung für berechtigt, ja sogar erwünscht ansieht, der Markt aber trotzdem keine Überwälzung der Lasten zulässt.

 

In diesem Falle steht jedoch die Politik im Allgemeinen und insbesondere die Verteilungspolitik vor einem ernsthaften Problem. Gerade im Rahmen der Verteilungspolitik versucht der Staat immer wieder die Einkommensverteilung dadurch zu korrigieren, dass er den Reicheren Steuern auferlegt und damit den Versuch unternimmt, das Einkommensgefälle zu reduzieren.

 

Wenn nämlich Steuern auch dann auf andere überwälzt werden können, wenn der Staat die Steuern eigens dazu einführt, damit der Steuerzahler auch die Steuern tragen muss, dann hat die Politik der Umverteilung ihr Ziel verfehlt, es kommt dann gar nicht zu der erwünschten Umverteilung, der Staat hat dann nur scheinbar die Einkommensverteilung und damit die unterstellte Ungerechtigkeit korrigiert.

 

Da aber nahezu alle politischen Maßnahmen auf andere Ziele der Politik unerwünschte Nebenwirkungen haben, also z. B. Beschäftigung oder Wachstum gefährden, wäre es besser gewesen, auf diese Maßnahmen ganz zu verzichten, da ja in diesem Falle der Saldo der Gesamtwohlfahrt sogar negativ ausfällt.

 

Wenn aber auf der anderen Seite bestimmte Steuern, welche nach dem Willen des Gesetzgebers gar nicht vom Steuerzahler getragen werden sollen, aber trotzdem de facto getragen werden, so muss auch hier davon gesprochen werden, dass es besser gewesen wäre, man hätte auf diese Maßnahmen verzichtet.

 

Denn annahmegemäß werden einzelne Steuerzahler ungerecht besteuert und eine solche Wirkung trägt dann langfristig dazu bei, dass die Geschädigten sich immer mehr darum bemühen, Wege zu finden, um Steuern in Zukunft zu umgehen. Langfristig mindert ungerechte Behandlung die Moral der Geschädigten und gefährdet auf diese Weise die allgemeine Wohlfahrt.

 

 

2. Der Überwälzungsprozess

 

Befassen wir uns nun mit dem Überwälzungsprozess, also mit der Frage, wie es denn möglich wird, dass Steuerzahler ihre Steuerlast auf andere abwälzen können, etwas näher.

 

Die Überwälzung der Steuern erfolgt über den Markt, also derjenige, welcher Steuern überwälzt, tut dies dadurch, dass er seine Marktpartner belastet, der Anbieter den Nachfrager oder auch der Nachfrager den Anbieter.

 

Wenn es einem Steuerzahler als Anbieter gelingt, die Steuerlast auf Nachfragende zu überwälzen, spricht man von Weiterwälzung, ist es jedoch der Nachfragende, dem es gelingt, die Steuerlast dem Anbieter aufzubürden, dann liegt eine Rücküberwälzung vor.

 

Gehen wir nun auf eine Weiterwälzung der Steuerlasten auf die Nachfragenden etwas ausführlicher ein. Wir haben davon auszugehen, dass die Unternehmer als Anbieter von Waren und Dienstleistungen erwerbstätig werden, um Gewinne zu erzielen.

 

Wichtigste Voraussetzung dafür ist jedoch, dass es dem Unternehmer gelingt, sämtliche bei der Produktion der Güter entstehenden Kosten auf den Preis abzuwälzen. Wir können also davon ausgehen, dass die Unternehmer ganz allgemein bestrebt sein werden, Steuern genauso wie alle anderen Kosten auf den Preis abzuwälzen. Erhöht der Staat die Umsatzsteuer, so sind also die Unternehmer bemüht, die Nachfrager nach ihrem Produkt diese Kostenerhöhung zahlen zu lassen.

 

Aber der Wunsch der Unternehmer, Steuererhöhungen auf den Preis abzuwälzen, reicht natürlich nicht aus, dass tatsächlich auch immer eine Kostenüberwälzung der Steuern stattfindet. Damit eine solche Überwälzung möglich wird, müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein. Fragen wir uns nun nach diesen Voraussetzungen.

 

Die einzelnen Märkte unterscheiden sich darin, über welche Macht die Marktpartner verfügen, es gibt Anbieter- und Nachfragemärkte. Die Macht eines Anbieters liegt hierbei darin, den Preis zu erhöhen. Da ja in einer freien Marktwirtschaft der einzelne Konsument nicht gezwungen werden kann, bestimmte Güter zu kaufen, ist Voraussetzung für eine Überwälzbarkeit von Steuern, dass die Käufer auch bereit sind, diese Preissteigerung zu akzeptieren. Wir müssen damit rechnen, dass die Nachfrage vom Preis abhängt und dies bedeutet, dass bei einer Preissteigerung die Nachfrage zurückgeht.

 

Und dies wiederum bedeutet, dass es nun nicht mehr sicher ist, dass jede Preiserhöhung auch eine Gewinnsteigerung zur Folge hat. Der Umsatz einer Unternehmung, das Produkt aus Preis (p) und Menge (x)), erhöht sich zwar um (dp), gleichzeitig geht aber die Absatzmenge um dx zurück.

 

Darüber hinaus muss der Unternehmer berücksichtigen, dass bei einem Rückgang des Absatzes auch etwas geringere Produktionskosten anfallen. Die Differenz zwischen Umsatzsteigerung und Kostenänderung macht schließlich deutlich, um wie viel der Gewinn aufgrund der Preisüberwälzung letztendlich gestiegen ist.

 

Inwieweit es also einem Unternehmer auch gelingt, Steuererhöhungen auf den Preis weiterzuwälzen, wie groß also seine Marktmacht ist, hängt somit von den Reaktionen der Marktteilnehmer ab, wobei diese Reaktionen in den Preiselastizitäten von Angebot und Nachfrage gemessen werden und somit die Marktposition anhand des Verhältnisses dieser Preiselastizitäten von Angebot und Nachfrage gemessen werden kann.

 

Die Nachfrageelastizität gibt hierbei an, um wie viel die Nachfrage zurückgeht, wenn der Preis um einen Prozentpunkt ansteigt. Die Angebotselastizität gibt demgegenüber an, um wie viel das Angebot ausgeweitet wird, wenn der Preis um einen Prozentpunkt ansteigt.

 

Die Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage lässt sich hierbei anhand der Nachfrage- und Angebotskurven aufzeigen, wobei im Allgemeinen davon ausgegangen werden kann, dass Preissteigerungen eine Vergrößerung der Angebotsmenge sowie eine Verringerung der Nachfragemenge zur Folge haben, sodass also der Verlauf der Angebotskurve in der Regel eine positive, der Verlauf der Nachfragekurve hingegen eine negative Neigung aufweist.

 

Trotzdem muss davon ausgegangen werden, dass beide Reaktionskurven (die Angebots- wie die Nachfragekurve) recht unterschiedliche Neigungen aufweisen, sodass also dementsprechend auch die Überwälzungsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Märkten unterschiedlich ausfallen. Betrachten wir hierzu zunächst die Angebotsseite und beginnen wir mit einer vollkommen unelastischen Angebotskurve.

 

a) Fall 1: Angebotselastizität 0

 

Überprüfen wir diese These im Einzelnen. Als erstes unterstellen wir eine Angebotselastizität von null. Die Angebotskurve verläuft somit parallel zur y-Achse. Und dies bedeutet, dass das Angebot vorgegeben ist und noch in dieser Periode abgesetzt werden muss.

 

Eine solche Situation liegt z. B. bei einem Gemüsehändler vor, dessen Gemüse nur noch heute frisch bleibt, also am  nächsten Tag unverkäuflich wäre. Die Ware muss verkauft werden, gleichgültig zu welchem Preis. Eine verderbliche Ware, welche in dieser Periode nicht verkauft werden konnte, bedeutet nicht nur, dass kein Erlös erzielt wurde und dass Verluste eingefahren wurden, da ja zuvor durch den Ankauf dieser Ware Kosten aufgewandt wurden. Im Allgemeinen entstehen in diesem Falle sogar zusätzliche Kosten bei der Entsorgung der nun verdorbenen Waren.

 

Der Verlauf der Nachfragekurve sei – so sei unterstellt –normal, d. h. sie sei negativ geneigt. Wird nun der Steuersatz erhöht, ergibt sich keine Veränderung in der Angebotskurve. Es findet damit auch keine Überwälzung statt, für den Unternehmer bedeutet dies, dass sein Gewinn um den Betrag der Steuersumme zurückgeht, bzw. dass sein Verlust um diesen Betrag ansteigt.

 

Eine Vorwärtsüberwälzung würde nämlich voraussetzen, dass der Güterpreis steigt, dieser verändert sich aber nur dann, wenn sich zumindest eine der Reaktionskurven (Angebots- oder Nachfragekurven) verändern würde. Der den Gleichgewichtspreis bestimmende Schnittpunkt der Angebots- mit der Nachfragekurve verändert sich aufgrund der Besteuerung nicht und deshalb findet in diesem Falle (vollkommen unelastisches Güterangebot) auch keine Vorwärtsüberwälzung statt.

 

 

 

b) Fall 2: normales Angebot > 0 < ∞

 

Als zweites unterstellen wir einen normalen Verlauf der Angebotskurve, d. h. wir nehmen an, dass die Angebotselastizität zwischen null und unendlich liegt. Wie viel Waren eine Unternehmung anbietet, hängt vom zu erzielenden Preis ab, steigt der Preis, kann der Unternehmer durch Ausweitung seiner Produktion weitere Gewinne erzielen.

 

Dieser Zusammenhang ergibt sich daraus, dass mit wachsender Produktion im Allgemeinen die Kosten überproportional steigen. Solange die Kosten geringer ausfallen als die Erlöse, lohnt sich eine Produktion. Eine Unternehmung erzielt den höchst möglichen Gewinn genau dann, wenn sich zusätzliche Kosten und zusätzliche Erlöse aufgrund einer Ausweitung der Produktion gerade entsprechen.

 

Wäre bei einer Produktionsausweitung der Erlöszuwachs höher als der Kostenzuwachs, würde der Unternehmer ex definitione einen Gewinnzuwachs erzielen, diese Mehrproduktion würde sich also lohnen, das Gewinnmaximum wäre also noch nicht erreicht.

 

Umgekehrt gilt, dass dann, wenn bei einer Produktionsausweitung die Kostenzuwächse höher ausfielen als die Erlöszuwächse, der Unternehmer wiederum ex definitione eine Gewinnminderung erfahren würde, eine solche Produktionsausweitung hätte sich also nicht gelohnt. Das Gewinnmaximum wäre bereits vor der Produktionsausweitung erreicht. 

 

Wiederum wollen wir von einem normalen Verlauf der Nachfragekurve ausgehen. In diesem Falle führt die Steuererhöhung zu einer Verschiebung der Angebotskurve um den Steuerbetrag nach oben, da die Angebotskurve identisch ist mit der Grenzkostenkurve. Es gelingt eine teilweise Steuerüberwälzung in Abhängigkeit der Elastizität von Angebot und Nachfrage.

 

 

 

 

c) Fall 3: Angebotselastizität ∞

 

Als dritten Fall unterstellen wir eine unendlich große Angebotselastizität, d. h. die Angebotskurve verläuft parallel zur Abszisse. Dieser Verlauf der Angebotskurve zeigt an, dass einerseits die Produktion ausgeweitet werden kann und dass andererseits die Durchschnittskosten konstant bleiben. Für die Produktion einer zusätzlichen Wareneinheit werden wie bei der Produktion der bisher produzierten Waren ganz bestimmte Kosten wie eine bestimmte Menge an Rohstoffen und Halbfabrikaten sowie eine bestimmte Anzahl an Arbeitsstunden benötigt.

 

Wie die Graphik zeigt, gelingt hier die Überwälzung einer Steuer vollständig. Die Angebotskurve wird um den Betrag der Steuererhöhung nach oben verschoben. Aufgrund der negativen Neigung der Nachfragekurve kommt es bei einer Preissteigerung zu einem Rückgang in der Nachfrage. Der neue Angebotspreis liegt genau um den Betrag der Steuererhöhung über dem bisher gültigen Preis und dies bedeutet, dass die Steuerlast vollkommen auf die Nachfrager überwälzt werden konnte.

 

Die Überwälzung war in diesem Falle möglich, da die Unternehmung das Angebot einschränkte, also verknappte und da die Nachfrager bei einem geringeren Angebot auch einen höheren Preis akzeptierten.

 

 

 

 

    d) Fall 4: anomales Angebot  < 0

 

Als vierten Fall wollen wir von einem anomalen Verlauf der Angebotskurve ausgehen. Dies bedeutet, dass bei einem Rückgang des zu erzielenden Preises das Angebot nicht wie üblich ansteigt, sondern sogar zurückgeht. Die Angebotskurve hat einen negativen Verlauf.

 

Wie ist ein solches anomale Verhalten zu erklären? Wir gehen hier von der Annahme aus, dass eine Unternehmung nur dann Bestand hat, wenn sie eine bestimmte Gewinnsumme und damit bei gegebenen Verhältnissen auch einen bestimmten Umsatz erzielt.

 

Wenn nun die Preise generell sinken, würde bei einer normalen Angebotsreaktion (das Angebot geht zurück) die Gewinnsumme unter diese Mindesthöhe absinken, der Bestand der Unternehmung wäre gefährdet.

 

Um diese Gefahr abzuwenden, vergrößert die Unternehmung die Produktion und hofft darauf, dass der Gesamtumsatz und damit auch der Gewinn auf diese Weise ansteigt, bzw. nicht unter das Minimum absinkt. Da bei einer Ausweitung der Produktion im Allgemeinen auch die Kosten ansteigen, ist bei einer Ausweitung der Produktion nur dann mit einer Verhinderung eines Gewinnabfalls zu rechnen, wenn die Grenzkosten extrem gering sind.

 

Dies ist z. B. dann der Fall, wenn der Anteil der Fixkosten hoch ist. Fixkosten zeichnen sich ja dadurch aus, dass die gesamte Kostensumme ex definitione nicht von der Produktionsmenge abhängt und dies hinwiederum bedeutet, dass bei wachsender Produktion die Stückkosten für diesen Teil der Kosten zurückgehen. Und wenn nun der Anteil der variablen Kosten gering ist, wird es möglich, dass die gesamten Stückkosten bei wachsender Produktion konstant bleiben oder sogar leicht zurückgehen.

 

Eine solche Situation (Gewinnsumme sinkt unter ein Minimum, eine Ausweitung der Produktion ist bei einem Rückgang der Preise notwendig) wurde nun empirisch für Kleinschiffer nachgewiesen, welche lediglich über ein einziges Schiff verfügen und nahe am Existenzminimum wirtschaften. Es leuchtet jedoch ein, dass eine solche Strategie (Ausweitung der Produktion bei sinkenden Preisen) im Allgemeinen zu keinem Dauererfolg führen kann.

 

Eine Ausweitung der Produktion führt ja ceteris paribus zu einer weiteren Verringerung der Preise und die Möglichkeiten der Produktionsausweitung sind begrenzt. Der eine zur Verfügung stehende Kahn limitiert die Ausweitung der Produktion, für die Anschaffung weiterer Kähne fehlt zumeist das Geld.

 

Allerdings treten anomale Angebotsreaktionen nicht nur bei Kleinstunternehmungen auf. Gerade große Konzerne produzieren oftmals bei Mengen, bei denen sich die Durchschnitts- und Grenzkostenkosten im abfallenden Verlauf befinden.

 

Wir haben uns hierzu daran zu erinnern, dass die Angebotskurve mit der Grenzkostenkurve zusammenfällt. Die Unternehmer erreichen ihr Ziel: den maximalen Gewinn genau dann, wenn Grenzkosten und Preis zusammenfallen. Solange der Preis über den Grenzkosten liegt, erzielt ein Unternehmer durch Ausweitung der Produktion einen Gewinnzuwachs. Da aber die Grenzkostenkurve die Höhe der Ausbringungsmenge in Abhängigkeit der Grenzkosten und die Angebotskurve die Höhe der Ausbringungsmenge in Abhängigkeit der Preise errechnet, fallen beide Kurven zusammen.

 

Im Hinblick auf den Verlauf einer Grenzkostenkurve gehen wir seit der Neoklassik davon aus, dass die Grenzkosten zunächst zurückgehen, dann bei einer bestimmten kritischen Menge ihr Minimum erreichen und von dann ab bei steigender Produktion ebenfalls ansteigen.

 

Zunächst kann man davon ausgehen, dass bei gegebener Technik die Stück- und Grenzkosten zu einem großen Teil konstant sind. Man spricht hier von variablen Kosten, deren Gesamthöhe mit der Produktion variiert. Zur Produktion einer Gutseinheit bedarf es einer ganz bestimmten Menge an Rohstoffen, Halbfabrikaten und Arbeitsstunden.

 

Steigt die Produktion an und nähert sie sich der Kapazitätsgrenze steigen jedoch diese Kosten aus einer Vielzahl von Gründen an: es mangelt an einzelnen Hilfsstoffen, es müssen deshalb weniger produktive Verfahren angewandt werden, stressbedingt kommt es immer mehr zu Fehlverhalten und krankheitsbedingten Ausfällen.

 

Neben den variablen Kosten gibt es jedoch auch fixe Kosten, wie etwa Maschinen, Werkshallen etc. Sie heißen fix, weil eine bestimmte Kostenhöhe anfällt, gleichgültig wie viel produziert wird. Dies bedeutet, dass die fixen Stückkosten mit wachsender Produktion fallen. Würde nur eine Produkteinheit produziert, so müssten die gesamten Fixkosten diesem einen Stück zugerechnet werden, werden jedoch z. B. 100 Stück produziert, sinken die fixen Stückkosten auf ein Hundertstel der gesamten Fixkosten.

 

Für die gesamten (variablen und fixen) Stückkosten können wir deshalb unterstellen, dass zunächst einmal die Stückkosten und mit ihnen auch die Grenzkosten sinken, dass aber von einer bestimmten Ausbringungsmenge an der Einfluss der Fixkosten unbedeutend wird und dass von da an die variablen Kosten den Verlauf der gesamten Stückkosten bestimmen.

 

Wie lange also die gesamten Stückkosten bei einer Ausweitung der Produktion sinken, hängt entscheidend davon ab, welchen Anteil die Fixkosten an den Gesamtkosten einnehmen. Dieser Anteil hängt jedoch selbst wiederum davon ab, wie kapitalintensiv die Produktion gestaltet wird.

 

Der technische Fortschritt der letzten Jahrzehnte hat nun dazu geführt, dass nicht nur die Kapitalintensität anstieg, sondern dass immer größer Anlagen eingesetzt wurden, die sich erst bei immer steigenden Produktionsmengen lohnen. Somit stieg nicht nur die durchschnittliche Kapitalintensität, sondern gleichzeitig auch die durchschnittliche Unternehmungsgröße.

 

An und für sich beginnt eine rentable Produktion erst diesseits des Kostenminimums. Man könnte deshalb erwarten, dass auch die Großunternehmungen eine Gütermenge ausbringen, bei der die Stückkosten bereits ansteigen. Da jedoch die Unternehmungen von der Erwartung eines stetigen wirtschaftlichen Wachstums ausgehen, planen sie Investitionsanlagen, welche erst in einigen Jahren voll ausgelastet werden können.

 

Sie produzieren deshalb in den ersten Jahren bei einer Ausbringungsmenge, welche noch im fallenden Stückkostenverlauf liegt. Wenn nun der technische Fortschritt sehr schnell voranschreitet, ist damit zu rechnen, dass in dem Zeitpunkt, in dem eigentlich die Produktion im aufsteigenden Kostenast beginnen müsste, diese Anlage bereits wegen Veralterung durch eine neue ersetzt wurde und dass deshalb Unternehmungen auch auf längere Sicht ihre Produktionsmenge im Bereich fallender Stückkosten durchführen.

 

Und dies bedeutet, dass wir auch gerade bei Konzernen damit rechnen müssen, dass die relevanten Kostenverläufe oftmals fallend sind und dass deshalb deren Angebotskurve bisweilen einen anomalen Verlauf aufweisen.

 

Inwieweit ist es nun in einer solchen Situation überhaupt möglich, Steuererhöhungen auf die Nachfrager abzuwälzen. Betrachten wir hierzu untenstehende Graphik.

 

 

 

Unsere Graphik zeigt, dass aufgrund der Steuererhöhung die Angebotskurve um den zusätzlichen Steuerbetrag nach oben verschoben wird und dies bedeutet, falls wir eine normale Nachfragereaktion unterstellen, dass der Preis auf p2 fällt, sodass es also nicht gelungen ist, die zusätzliche Steuerlast auf die Nachfrager abzuwälzen.

 

 

e) Fall 5: Nachfrageelastizität 0

 

Als fünften Fall wollen wir von einer vollkommen unelastischen Nachfrage ausgehen. Dies bedeutet, dass von dem fraglichen Gut eine ganz bestimmte Menge nachgefragt wird, dass diese Menge unbedingt benötigt wird und also auch nicht durch andere Waren ersetzt werden kann, dass aber auch nicht eine größere Menge einen Nutzenzuwachs bewirken würde. Der Nachfrager wird deshalb seine Nachfrage auch nicht bei Preisänderungen ändern, weder bei Preissenkungen noch bei Preiserhöhungen.

 

Ein solcher Fall liegt z. B. annähernd bei der Nachfrage nach Salz vor. Eine bestimmte Menge an Salz ist zum Überleben notwendig. Also wird die Nachfrage auch bei starken Preissteigerungen nicht spürbar zurückgehen. Aber sehr viel mehr Salz bringt keinen Nutzenzuwachs, sodass auch bei Preissenkungen mit keiner nennenswerten Mehrnachfrage nach Salz gerechnet werden kann.

 

Die Nachfragekurve entspricht somit einer Parallelen zur Ordinate. Der Verlauf der Angebotskurve sei normal. Die Erhöhung der Steuer führt zu einer Verschiebung der Angebotskurve nach oben im Umfang des Zuwachses der Steuer. Die Graphik lässt erkennen, dass auch hier eine vollständige Überwälzung der Steuerlast möglich wird.

 

 

 

 

    f) Fall 6: normale Nachfrage  < 0 > - ∞

 

Im sechsten Fall unterstellen wir sowohl für Angebot wie Nachfrage einen normalen Verlauf,  d. h. sowohl die Angebots- wie auch die Nachfrageelastizität liegt zwischen null und unendlich. Die Angebotskurve hat also einen positiven, die Nachfragekurve einen negativen Verlauf.

 

Wie die Graphik zeigt, kann eine Steuererhöhung in diesem Falle nur teilweise auf den Güterpreis abgewälzt werden, wobei der Umfang der Überwälzung um so größer ausfällt, je geringer die Steigung der Nachfrage und je höher die Steigung des Angebotes ist.

 

 

 

 

g) Fall 7: Nachfrageelastizität ∞

 

Als vorletzten Fall unterstellen wir, dass die Nachfrageelastizität unendlich groß ist, der Verlauf der Angebotskurve sei wiederum normal. Mit anderen Worten: Die Nachfragekurve verläuft hier parallel zur Abszisse.

 

Wir unterstellen hier, dass die Nachfrager jeder Zeit die Möglichkeit hätten, ihre Bedürfnisse mit anderen Gütern zu befriedigen, sodass Preiserhöhungen sofort dazu führen würden, dass die Nachfrager zu anderen Gütern ausweichen würden. Einer Preissenkung würde es auch nicht bedürfen, weil die Nachfrager bei dem bestehenden Preis bereits jede verfügbare Menge aufkaufen.

 

Wie die Graphik zeigt, kann hier die Steuer überhaupt nicht überwälzt werden, da die Nachfrager keine Preissteigerungen akzeptieren.

 

 

 

 

    h) Fall 8: anomale Nachfrage  > 0

 

Als letzten Fall wollen wir einen anomalen Verlauf der Nachfragekurve unterstellen, auch hier wird von einer normalen Angebotsreaktion ausgegangen. Ein anomaler Verlauf der Nachfragekurve bedeutet, dass die Nachfrager ihre Nachfrage erhöhen, wenn die Preise steigen. Ein solches Verhalten erscheint zunächst irrational, da es den Anschein hat, dass ein solches Verhalten zu Nutzeneinbußen führt.

 

Es sind jedoch sehr wohl Ausnahmesituationen denkbar, in denen ein solches anomale Verhalten als nutzensteigernd und deshalb sehr wohl als rational eingestuft werden kann. Nehmen wir beispielsweise einen Haushalt mit geringem Einkommen, wobei der Fettbedarf bisher weitgehend mit hochwertigen Fetten befriedigt wurde.

 

Nun steige der Fettpreis. Wenn nun nicht gleichzeitig auch das Einkommen steigt, können Haushalte mit geringem Einkommen in eine Situation geraten, in der sich diese Verbraucher gezwungen sehen, ihren Fettbedarf nun in stärkerem Maße mit niederwertigen Fetten zu befriedigen. Zwar ist der Preis pro Fetteinheit gestiegen, durch den Umstieg zu weniger qualifizierten Fetten kann jedoch insgesamt trotz Preissteigerungen der Fettbedarf mit der gleichen oder sogar einer geringeren Geldmenge befriedigt werden.

 

Anomales Nachfrageverhalten findet aber bisweilen auch bei  Haushalten mit höherem Einkommen statt. Nehmen wir an, dass die Mitgliedschaft in einem Club bisher aufgrund geringer Eintrittsgebühren auch Bürgern mit mittlerem Einkommen offen stand, dass aber nun dieser Verein die Eintrittsgebühr massiv erhöht hätte.

 

Gerade diese Preissteigerung kann besonders reiche Bürger veranlassen, diesem Club beizutreten. Die erhoffte Nutzensteigerung liegt hier weniger in den tatsächlichen Leistungen dieses Clubs, sondern darin, dass die Mitgliedschaft in diesem Club nun nur noch Empfängern hoher Einkommen offensteht, dass aber nun eine Mitgliedschaft als solche gerade deshalb ein sehr hohes Prestige verleiht. Man gehört nun zu den erhabenen Kreisen.

 

Unsere Graphik zeigt, dass in diesem Falle eine Steuererhöhung zu einer Preissteigerung führt, welche sogar größer ausfällt als der Umfang der Steuererhöhung. Somit ist es in diesem Falle dem Anbieter nicht nur gelungen, die zusätzliche Steuerlast vollkommen auf die Nachfrager abzuwälzen, es konnte vielmehr aufgrund dieser Steuererhöhung der Preis zusätzlich erhöht werden, ein Ereignis, das im Allgemeinen als besonders ungerecht eingestuft werden wird.

 

 

Fortsetzung folgt!