Sterbehilfe

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Verengung des Begriffes der Sterbehilfe

3. Die weltanschaulichen Grundlagen

4. Aktive Sterbehilfe als Mord

5. Passive Sterbehilfe als Verzicht auf Lebensverlängerung

6. Rechtliche Folgen aktiver Sterbehilfe sowie eines Selbstmordes

7. Einschränkung der individuellen Freiheit als Folge

 

 

1. Das Problem

 

Vier Fragen stehen im Zusammenhang mit der Sterbehilfe zur Diskussion:

 

1. Frage: Hat der einzelne Mensch das Recht, das Ende seines Lebens selbst zu bestimmen?

 

2. Frage: Hat ein einzelner Mensch das Recht, anderen bei dem Versuch, sich umzubringen, zu helfen?

 

3. Frage: Wieweit sind Übertretungen in diesem Zusammenhang zu bestrafen?

 

4. Frage: Welches sind die wichtigsten Nebenwirkungen bestimmter Entscheidungen?  

 

 

2. Verengung des Begriffes der Sterbehilfe

 

In der Öffentlichkeit wird vor allem ein einzelner Aspekt einer Sterbehilfe diskutiert, nämlich ob einzelne Menschen das Recht haben, aktiv anderen Menschen zu helfen, sich umzubringen. Der Begriff Sterbehilfe sollte jedoch möglichst weit gefasst werden. Dem Wortsinn nach zählt darunter jede Hilfe eines anderen Menschen, den Sterbeprozess helfend zu begleiten.

 

Warum aber ist ein Sterbender denn hilfebedürftig? Zunächst gilt für einen Gläubigen, dass mit dem Tod für ihn das ewige Leben beginnt. Und das sollte eigentlich ein freudiges Ereignis sein. Trotzdem fürchten sich die meisten Menschen im Allgemeinen vor dem Tode.

 

Diese Sichtweise gilt allerdings zunächst nur für die Gläubigen. Furcht vor dem Tod überfällt jedoch die meisten Nichtgläubige a fortiori, für sie bedeutet der Tod das Ende jeglichen Lebens. Aber auch für Gläubige, welche an das Fortbestehen nach dem Tode glauben, sind mit dem Tod Befürchtungen verbunden, da das Fortbestehen nach dem Tode nicht mit wissenschaftlichen Argumenten eindeutig belegt werden kann.

 

Weiterhin besteht mit dem Tode auch dann eine Unsicherheit, wenn ein Sterbender fest an das ewige Leben glaubt, so ist er unter Umständen unsicher, inwieweit er in seinem Leben gesündigt hat und deshalb eine Strafe zu befürchten hat, wobei er auch über die Art und den Umfang der Strafe völlig im Unklaren ist.

 

Weiterhin ist es oftmals weniger der Tod als solcher, welcher Befürchtungen auslöst, sondern es sind die Qualen und Schmerzen, welche mit dem Sterben oftmals verbunden sind.

 

 

3. Die weltanschaulichen Grundlagen

 

Die Antwort, inwieweit aktive Sterbehilfe erlaubt sein soll, ist abhängig von der zugrundeliegenden Weltanschauung. Ein Atheist, der den Menschen als Maß aller Dinge postuliert, sieht keinen Grund, dem Einzelnen das Recht abzusprechen, das Ende seines eigenen Lebens selbst zu bestimmen. Für Gläubige, vor allem für die Christen, aber auch für die Juden und Moslems, hängt die Beantwortung dieser Frage davon ab, inwieweit Gott selbst in den Heiligen Schriften diese Frage beantwortet hat.

 

Erste Antwort: Gott hat den Menschen erschaffen. In Analogie zu der Aussage Jesu (nach Markus Kapitel 10,7):

 

‚Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen‘.

 

gilt auch der Satz:

 

‚Was Gott geschaffen hat, darf der Mensch nicht willkürlich auslöschen.‘

 

Gott hat die Menschen erschaffen, damit sie mit Gott zusammen das ewige Leben verbringen. Gott gewährt zwar dem Menschen die Freiheit, sich freiwillig für oder gegen ihn zu entscheiden, es ist aber immer eine Freiheit, die das Ziel verfolgt, sich aus eigener Überzeugung für Gott zu entscheiden. 

 

Eine zweite, tiefergehende Antwort ergibt sich aus dem Bericht über die Tempelreinigung Jesu in Verbindung mit den Vorstellungen, welche Paulus in diesem Zusammenhang in seinem ersten Brief an die Korinther entwickelt hatte.

 

Zunächst zu dem Bericht über die Tempelreinigung:

 

‚Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen.

Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder;

das Geld der Wechsler schüttete er aus und ihre Tische stieß er um.

Zu den Taubenhändlern sagte er:

Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!

Da stellten ihn die Juden zur Rede:

Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst?

 

Jesus antwortete ihnen:

 

Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. Da sagten die Juden:  Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? Er aber meinte den Tempel seines Leibes‘.

 

Hier wird also von Jesus sein eigener Leib und damit auch sein Leben mit einem Tempel verglichen, der Gott geweiht ist. Die Juden wollten Jesus töten und haben damit letztlich das zu vernichten versucht, was letztlich als Tempel Gott geweiht war. Aber Gott hat es durch die Auferstehung Jesu gefügt, dass gilt:

 

‚Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden (Markus, 12,10). Johannesevangelium Kapitel 2,14-22

 

Nun zu der Interpretation von Paulus:

 

‚Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst.‘ (1. Brief an die Korinther Kapitel 6,19 )

 

Diese Bibelstelle bezieht sich zwar zunächst auf sexuelle Unzucht, lässt sich jedoch a fortiori auch auf den willkürlichen Selbstmord anwenden. Paulus überträgt hier also den Gedanken, dass Jesu Leib (Leben) als Tempel Gottes zu verstehen ist, auf alle gläubigen Christen, danach bildet die Gemeinschaft der Christen zusammen mit Jesus den Gott geweihten Tempel.

 

Und gerade deshalb gilt hier der Selbstmord als Versuch einer Zerstörung dieses göttlichen Tempels. Und die Menschen gehören sich deshalb auch nicht selbst und dürfen sich deshalb auch nicht selbst zerstören.

 

 

4. Aktive Sterbehilfe als Mord

 

Zunächst gilt es zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe zu unterscheiden. Von aktiver Sterbehilfe spricht man dann, wenn eine weitere Person aktiv dazu beiträgt, dass eine andere Person bewusst ihr Leben beenden kann.

 

Zwei Fälle sind denkbar: Die helfende Person vollzieht sozusagen im Auftrag des Selbst-mörders dessen Tötung, setzt also z. B. die tödliche Spritze. Oder aber die Hilfe besteht darin, dass die helfende Person die Mittel (Spritze oder Medikamente) dem Selbstmörder zur Verfügung stellt, damit dieser in die Lage versetzt wird, möglichst ohne große Schmerzen und mit einer hohen Erfolgswahrscheinlichkeit sich selbst zu töten.

 

Von passiver Sterbehilfe spricht man hingegen immer dann, wenn mögliche Maßnahmen zur Verlängerung des Lebens bewusst unterlassen werden. Hier sind vor allem die medizinischen Apparaturen angesprochen, mit deren Hilfe kranke Menschen in ein künstliches Komma versetzt werden können, um auf diese Weise ein Weiterleben im medizinischen Sinne überhaupt zu ermöglichen.

 

Auch hier ist ein gewisses aktives Handeln bisweilen notwendig, z. B. dadurch, dass diese Apparaturen abgeschaltet werden und dadurch der endgültige Tod des Betroffenen ausgelöst wird. Passiv werden diese Maßnahmen trotzdem bezeichnet, da ohne diese Apparaturen das Weiterleben nicht möglich gewesen wäre und somit das Anschließen an diese Apparate als künstlich, also als nicht natürlich bezeichnet werden kann.

 

Die in Abschnitt 3 für einen Christen dargelegten Grundwerte haben zur Folge, dass jeder bewusst herbeigeführte Selbstmord als unerwünscht angesehen werden muss und dass deshalb für einen Christen auch die bewusste Hilfe zu diesem Selbstmord grundsätzlich eine Missachtung dieser Grundwerte darstellt.

 

Trotzdem mag es Ausnahmen geben. Sowohl das Verbot, andere Menschen zu töten, wie auch das Verbot, sich selbst umzubringen, gehen auf den gleichen Grundsatz zurück, das von Gott geschaffene Leben darf nicht willkürlich zerstört werden, bzw. als Teil des Tempels Gottes darf menschliches Leben nicht durch Tötung entweiht werden.

 

Sicher ist die Tötung eines andern ein größeres Vergehen als der Selbstmord, da sich beim Fremdmord der Mörder zusätzlich über den Ermordeten setzt und damit den Grundsatz verletzt, dass Gott alle Menschen als gleiche Wesen erschaffen hat und dass deshalb auch kein Mensch einen anderen ohne Grund töten darf.

 

Aber auch im Hinblick auf das 5. Gebot Gottes, ‚du sollst nicht morden‘, werden Ausnahmen zugelassen. Wer angegriffen wird, darf in Notwehr den Angreifer töten, allerdings nur dann, wenn das eigene Leben bedroht wird und wenn die Bedrohung des eigenen Lebens nicht auf andere Weise abgewendet werden kann.

 

Dass Ausnahmen vom fünften Gebot (Du sollst nicht töten) überhaupt zugelassen werden, mag verwundern, da die zehn Gebote Gottes eine Art Magna Charta darstellen, welche die letztlichen, immer gültigen Grundwerte umfassen, die also immer – ohne Ausnahmen – zu gelten haben.

 

Wenn trotzdem Ausnahmen möglich sind, liegt das daran, dass die Zehn Gebote Gottes eine Einheit bilden und sich ergänzen. Bei ihrer Anwendung kann bisweilen ein bestimmtes Gebot nur dadurch sichergestellt werden, dass ein anderes oberflächlich verletzt wird. So hat Jesus auch am Sabbat geheilt, obwohl das 3. Gebot jede körperliche Tätigkeit am Sabbat verbietet. Das Heilen verstößt jedoch nicht gegen das 3. Gebot, da ohne diese Heilung menschliches Leben gefährdet gewesen wäre.

 

Angewandt auf das Recht zu Töten bei einer Gegenwehr gilt: Ohne Gegenwehr wäre das Leben des Angegriffenen bedroht. Somit ist in jedem Falle ein Leben in Gefahr. Bei der Abwägung, welches Leben geopfert werden darf, dürfte das Leben des Angegriffenen höher bewertet werden als das Leben des Angreifers.

 

Der Angreifer ist es, der sich als erster durch die versuchte Tötung des Angegriffenen gegen die Gebote Gottes stellt, während der Angegriffene nur aus Notwehr u. U. den Angreifer tötet und damit formal das Tötungsverbot verletzt. Wenn schon Ausnahmen vom Verbot der Ermordung eines anderen zugelassen werden, warum sollten nicht auch Ausnahmen gegen das Verbot des Selbstmordes und der aktiven Sterbehilfe erlaubt sein?

 

Welches sind solche möglichen Ausnahmen? Kranke Menschen können u. U. unsäglichen Schmerzen ausgesetzt sein, welche auf Dauer als kaum ertragbar angesehen werden. Christen glauben an einen besonders gütigen Gott. Kann man erwarten, dass Gott in seiner Güte wirklich wünscht, dass ein auf diese Weise geplagter Mensch auf Gedeih und Verderb am Leben bleibt?

 

Aber auch hier sind Ausnahmen nur diskutabel, wenn geklärt ist, dass nur auf dem Wege der Selbsttötung dieses außerordentliche Leid vermieden werden kann. Nach dem heutigen medizinischen Wissensstand ist es jedoch sehr oft möglich, außerordentliche Schmerzen zu verhindern, u.U. allerdings bei Vergrößerung der Sterbegefahr.

 

Ein weiteres Hauptmotiv von Selbstmördern ist die Ausweglosigkeit, welche Selbstmordgefährdete nach dem Verlust eines geliebten Menschen oder auch bei beruflicher Existenzbedrohung (Konkurs eines Selbstständigen, Langzeitarbeitslosigkeit eines Arbeitnehmers) empfinden.

 

Aber auch hier wird man in aller Regel fast jedem Gescheiterten neue Wege aus dieser Sackgasse aufzeigen können. Selbstverständlich bedarf es hierzu des sachverständigen Rates und dieser Rat dürfte im Endergebnis dem vom Selbstmord Bedrohten sehr viel mehr helfen als jede aktive Sterbehilfe.

 

 

5. Passive Sterbehilfe als Verzicht auf Lebensverlängerung

 

Gilt dieses grundsätzliche Verbot auch für eine passive Sterbehilfe? Es gibt unter einigen  Christen die Überzeugung, dass alles, was hier auf Erden geschieht, Gott gewollt ist. In diesem Sinne könnte man den Umstand, dass jemand ohne ärztliche Maßnahmen wie z. B. Anschluss an medizinische Apparaturen unweigerlich sterben müsste, ebenfalls als gottgewollt ansehen und gerade deshalb solche ärztlichen Eingriffe ablehnen.

 

In diesem Sinne handeln einige christliche Sekten, welche medizinische Eingriffe am menschlichen Körper aus diesen Gründen ablehnen. Die Mehrheit der christlichen Moraltheologen lehnt diese extreme Haltung ab.

 

Auch ist die Vorstellung, dass alles was geschieht, deshalb auch gottgewollt sei, fragwürdig. Es ist ein Unterschied, ob man etwas als gottgewollt, oder von Gott nur zugelassen ansieht. Es entsprach Gottes Wille, dass er den Menschen nach seinem Ebenbild erschuf, will heißen, dass der Mensch einen freien Willen erhalten hat und sich deshalb auch gegen Gott wenden kann.

 

Missachtet ein Mensch Gottes Gebote, dann ist es keinesfalls der Wille Gottes, dass dieser Mensch so handelt, er lässt es nur zu, da er von den Menschen will, dass sie sich aus freien Stücken für Gottes Weisungen entscheiden.

 

Die Mehrzahl der christlichen Moraltheologen spricht sich zwar sehr wohl für ärztliche Eingriffe am Menschen aus, sofern diese Eingriffe entweder ein sonst gefährdetes Weiterleben ermöglichen oder das Weiterleben menschenwürdiger machen.

 

Sie sind jedoch gleichzeitig der Auffassung, dass eine künstliche Lebensverlängerung durch Anschluss an medizinische Apparaturen auch nicht geboten ist, dass also niemand gegen die christliche Moral verstößt, wenn er eine künstliche Verlängerung des Lebens ablehnt, welche nur dazu führt, dass er im Komma verharrt oder nach einem Aufwachen aus dem künstlichen Koma nur unter nicht menschenwürdigen Verhältnissen (wie z. B. künstliche Ernährung) weiterleben könnte.

 

 

6. Rechtliche Folgen aktiver Sterbehilfe sowie eines Selbstmordes

 

Wir haben oben dargestellt, dass aus christlicher Überzeugung der Mensch grundsätzlich nicht das Recht hat, sich selbst zu töten und deshalb auch nicht einem anderen bei diesem Versuch helfen darf. Wir haben aber auch gesehen, dass Ungläubige sich für berechtigt ansehen, sich jederzeit selbst umzubringen. Welche rechtlichen Folgen ergeben sich hieraus vor allem im Hinblick einer Bestrafung derjenigen, welche gegen diese Gebote verstoßen?

 

Hierbei ist zu unterscheiden zwischen einer weltlichen und einer kirchlichen Gerichtsbarkeit. Wenden wir uns zunächst der Frage zu, inwieweit eventuell derjenige, der einen gescheiterten Selbstmord versucht hat und derjenige, der eine aktive Sterbehilfe gewährt hat, im Rahmen der weltlichen Gerichtsbarkeit zu bestrafen ist und gegebenenfalls, welchen Umfang diese Strafe haben sollte.

 

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, welche jedem die Ausübung seiner eigenen Religion garantiert. Diese Religionsfreiheit wird auch von den christlichen Kirchen bejaht, da die freie Ausübung der christlichen Religion in einer pluralistischen Gesellschaft eben nur auf diesem Wege erreicht werden kann.

 

Die Religionsfreiheit bringt es mit sich, dass nur Handlungen unter Strafe gestellt werden können, welche von allen vorherrschenden Weltanschauungen als Unrecht bewertet werden. Es entspricht - wie bereits angedeutet – atheistischen Vorstellungen, dass jeder einzelne ein Recht haben sollte, über die Beendigung seines Lebens selbst zu entscheiden.

 

Dies hat zur Folge, dass der (missglückte) Selbstmord als solcher nicht bestraft werden kann. Trotzdem wird das Leben des einzelnen wohl von allen vorherrschenden Weltanschauungen als ein besonders wertvolles Gut angesehen. Da gleichzeitig – wie noch im nächsten Abschnitt gezeigt wird – mit einer aktiven Sterbehilfe schwerwiegende negative Folgen verbunden sind, gibt es an und für sich gute Gründe, die aktive Sterbehilfe als Vergehen anzusehen und dementsprechend zu bestrafen. Dies entsprach auch der bis vor kurzem geltenden Rechtsprechung. Hierbei konnten durchaus mildernde Umstände anerkannt werden, wenn eine aktive Sterbehilfe aus Mitleid geschah, in diesem Falle eventuell sogar bis zur Straffreiheit.

 

Nun hat dieser Tage das Bundesverfassungsgericht festgestellt, dass die bisherige Ahndung jeglicher aktiver Sterbehilfe dem Grundgesetz widerspreche, wonach jeder Bürger gleichgültig aus welchen Gründen das Recht habe, sich das Leben zu nehmen und dass es deshalb auch möglich sein muss, dass sich der Einzelne bei dem Versuch, sich zu töten, auch der aktiven Hilfe eines anderen, z. B. eines Arztes bedienen darf. Allerdings wird betont, dass es Aufgabe des Staates ist, missbräuchliche Anwendung dieses Rechtes auf aktive Sterbehilfe so weit zu möglich zu unterbinden und zu bestrafen.

 

Was gilt nun für die kirchliche Gerichtsbarkeit? Früher wurde Selbstmördern ein Begräbnis auf dem Friedhof und vor allem eine kirchlich bekleidete Einsegnung verweigert.  Aus religiöser Sicht sollte jedoch der Grundsatz gelten, dass viel stärker als es bei der weltlichen Gerichtsbarkeit möglich ist, die persönliche Schuld und weniger die objektiven Folgen einer sündhaften Tat den Ausschlag für eine angemessene Strafe geben sollte.

 

Hierbei ist davon auszugehen, dass nur Gott selbst in unsere Seelen schauen kann und deshalb den Anteil der persönlichen Schuld einer Tat erkennen kann. Deshalb gilt hier der Grundsatz (Deuteronomium 32,28): ‚Mein ist die Rache‘, spricht der Herr, will heißen, dass es ausschließlich Sache Gottes ist, eine Strafe für begangene Sünden zu verhängen. 

 

Ein Selbstmord erfolgt in aller Regel in einem Zustand der Verzweiflung und der Verwirrung. Dies bedeutet, dass deshalb im Allgemeinen auch die persönliche Schuld des Selbstmörders dementsprechend gering ausfällt.

 

Auch ist davon auszugehen, dass Gott immer dem Sünder seine Schuld vergibt, sofern er nur seine Tat bereut. Wer will jedoch wissen, ob ein Selbstmörder, der von einer Brücke springt, nicht noch in den wenigen verbleibenden Sekunden diese Tat bereut und gerade deshalb von Gott nicht verdammt wird?

 

Forscher, welche die letzten Stunden von Scheintoten untersucht haben, berichten, dass in den letzten Sekunden nochmals das gesamte Leben vor ihnen abläuft, warum sollte hier keine Zeit zur Reue verblieben sein? Diese Sichtweise findet sich auch im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen.  

 

‚Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.

 

Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan.

 

Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.‘

 

Hier wollen die Knechte des Herrn das Unkraut sofort ausreißen, der Herr aber fordert sie auf, bis zur Ernte zu warten und dann erst Weizen und Spreu voneinander zu trennen.

Hier spricht sich Jesus deutlich dafür aus, dass die Vergeltung für die Sünden erst beim Weltgericht erfolgt. 

 

Auch als die Pharisäer zu Jesus eine auf frischer Tat ertappte Ehebrecherin bringen, verurteilt er nach Johannes 7,53-8,11 die Ehebrecherin nicht, obwohl das Mosaische Gesetz eine Steinigung des Ehebrechers vorsah: ‚Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!‘ Die Reue ist Jesus also wichtiger als die Verurteilung.

 

Derjenige hingegen, der aktive Sterbehilfe leistet, verstößt zunächst gegen das christliche Gebot. Dort aber, wo diese Hilfe wirklich aus reinem Mitleid und natürlich im Einverständnis mit demjenigen handelt, der fest entschlossen ist, einen Selbstmord anzustreben, können sehr wohl mildernde Gründe geltend gemacht werden.

 

Es ist hier jedoch auch stets zu überprüfen, inwieweit bei dieser aktiven Sterbehilfe das Mitleid wirklich den Ausschlag gab und inwieweit der Getötete tatsächlich aus freiem Willen aus dem Leben scheiden will.  

 

                                                    

7. Einschränkung der individuellen Freiheit als Folge

 

Nahezu alle politischen Handlungen haben nicht nur Einfluss auf die Größen, um derentwillen diese Maßnahmen durchgeführt werden, sie führen zumeist auch zu negativen Auswirkungen im Hinblick auf anderer politischer Ziele. Dies gilt auch für den Versuch, ein Recht des einzelnen auf Selbsttötung zu schaffen und es anderen freizustellen, bei dieser Selbsttötung aktiv mitzuwirken.

 

Es müssen vor allem zwei negative Auswirkungen befürchtet werden: Die Einschränkung der Freiheit, weiter leben zu wollen  und die Erleichterung, Menschen ohne dessen Willen zu töten.

 

Je mehr von dem Recht Gebrauch gemacht wird, das eigene Leben selbst zu beenden und aktive Sterbehilfe als legal bezeichnet wird, umso mehr wird der Druck auf den Einzelnen wachsen, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Dies gilt vor allem deshalb, weil die Kosten im Zusammenhang mit der Gesunderhaltung mit wachsendem Alter stark ansteigen.

 

Es geht hierbei weniger um die Gefahr, dass von Gesetzes wegen ein selbstgesetzter Tod als Ziel herausgestellt wird. Die meisten Verfassungen der freiheitlichen Rechtsstaaten garantieren das Recht eines jeden auf einen natürlichen Tod und verpflichten die Gemeinschaft, die im Alter entstehenden hohen Krankheitskosten solidarisch zu übernehmen. Die eigentliche Gefahr droht vielmehr von einer informellen Ordnung und deren Anreizen.

 

In jeder Gemeinschaft besteht neben der vom Staat eingeführten und garantierten formellen Ordnung immer auch eine informelle Ordnung, welche nicht eigens beschlossen wird, sondern sich einfach aus dem Miteinander und der Abhängigkeit der Einzelnen von ihren Mitbewohnern herausbildet.

 

Hierbei ist davon auszugehen, dass die informellen Anreize und Zwänge sehr oft stärkeren Einfluss auf das Verhalten der einzelnen Gruppenmitglieder nehmen als die offizielle Ordnung. Im Zusammenhang mit unserem Thema besteht die Gefahr, dass sich informelle Gruppenmeinungen darüber bilden, wie alt die einzelnen Menschen werden sollten und wann es Zeit ist, aus dem Leben auszuscheiden.

 

Gerade weil die Aufrechterhaltung der Gesundheit für die Allgemeinheit mit sehr hohen Kosten verbunden ist, welche mit wachsendem Alter überproportional ansteigen, bilden sich leicht Vorstellungen heraus, dass der einzelne Alte mit dazu beizutragen hat, diese Kosten der Gemeinschaft durch einen frühzeitigen Tod zu verringern und dass es egoistisch sei, an einem langen Leben festzuhalten, obwohl dieses lange Leben für die Gemeinschaft immense Kosten verursache.

 

Dieser Druck kann so stark werden, dass der Einzelne sich gezwungen sieht, sich selbst das Leben zu nehmen, obwohl er eigentlich gerne weiterleben wollte und auch ein durchaus erträgliches Leben noch möglich wäre.

 

Wie steht es nun mit der Gefahr, dass das Ermorden aufgrund dieser Straffreiheit der aktiven Sterbehilfe insgesamt erleichtert wird? Wenn jemand das Recht erhält, an der Selbsttötung eines Menschen aktiv mitzuwirken, wird es leichter, die Betroffenen zu überreden, einer Tötung zuzustimmen, auch dann, wenn der einzelne eigentlich weiterleben wollte.

 

Es ist im Einzelnen auch schwer überprüfbar, also eindeutig zu klären, ob die Tötung wirklich von dem Betroffenen gewollt war, ob er sich aus freien Stücken zu diesem Einverständnis bekannt hatte oder ob er hierzu überredet wurde und ob überhaupt das vielleicht schriftlich vorliegende Einverständnis sogar gefälscht wurde.

 

Diese Gefahr besteht vor allem deshalb, weil gerade ältere Kranke, welche oftmals von Schmerzen geplagt werden, in diesem Zustand sehr wohl eine Selbsttötung vorübergehend für erwünscht halten, aber nach Rückgang der Schmerzen dann sehr wohl an einem Weiterleben interessiert sind.