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Soziale Marktwirtschaft

auf dem Prüfstand Forts. 1

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Voraussetzungen für eine befriedigende Allokation

3. Voraussetzungen für eine gerechte Verteilung

4. Voraussetzungen für eine effektive Absicherung

5. Voraussetzungen für eine ausreichende Beschäftigung

6. Voraussetzungen für eine anhaltende Geldwertstabilität

7. Schlussfolgerungen

 

 

 

2. Voraussetzungen für eine befriedigende Allokation

 

Wir wollen in den folgenden Abschnitten überprüfen, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit die oben genannten Ziele einer sozialen Marktwirtschaft einigermaßen befriedigend erfüllt werden können. Wir beginnen mit den wirtschaftlichen Zielen einer sozialen Marktwirtschaft.

 

Im Grunde gibt es in wirtschaftlicher Hinsicht nur ein einziges Ziel: die Bewältigung der Knappheit. Gleichgültig, welche Ziele letztendlich die einzelnen Menschen einer Bevölkerung anstreben, für nahezu alle menschlichen Bedürfnisse und Zielsetzungen werden materielle Ressourcen benötigt. Zu den materiellen Ressourcen zählen Rohstoffe, Arbeit und Kapital.

 

Hierbei hängt der Platz, den ein einzelnes Ziel im Rahmen der Zielhierarchie einnimmt, nicht davon ab, wie viel materielle Ressourcen zur Zielrealisierung benötigt werden. Es ist keinesfalls so, dass ein Ziel in moralischer Hinsicht um so höher eingeschätzt wird, je weniger materielle Ressourcen zur Zielrealisierung benötigt werden. Es gibt moralisch sehr hoch stehende Ziele, wie z. B. Hilfe für Notleidende, welche einen sehr hohen materiellen Einsatz voraussetzen und es gibt menschliche Ziele wie das Mobbing, welche moralisch als verwerflich zu gelten haben und auch ohne den Einsatz materieller Ressourcen realisiert werden können.

 

Eine marktwirtschaftliche Ordnung unterscheidet sich nun von allen anderen möglichen Wirtschaftssystemen vor allem darin, dass im Prinzip – natürlich mit gewissen Ausnahmen – die einzelnen Konsumenten selbst darüber befinden können, für welche Güter und damit auch Ziele sie ihre Einkünfte verwenden. Man spricht hier von der Konsumentensouveränität, die ein Ausfluss aus dem allgemeinen Freiheitsziel angesehen werden kann. Es wird also abgelehnt, dass ein wohlwollender Diktator die Bedürfnisse der einzelnen Menschen besser kenne als diese Menschen selbst und deshalb zu bestimmen habe, welche Güter die Individuen im Einzelnen konsumieren sollten.

 

Der Tatbestand der Knappheit bedeutet nun, dass die vorhandenen materiellen Ressourcen bei Weitem nicht ausreichen, alle Ziele und Bedürfnisse der einzelnen Bürger zu befriedigen. Damit man nun trotzdem ein Maximum an Zielrealisierung erreichen kann, bedarf es erstens einer Rangordnung der einzelnen Ziele und Bedürfnisse, denn nur auf diese Weise lassen sich die knappen Mittel für die Zwecke einsetzen, welche die höchstmögliche Zielrealisierung ermöglichen.

 

Diese Zielhierarchie selbst ist Ergebnis aus dem kulturellen Wertesystem, für das jeweilige Wirtschaftssystem ist diese Rangskala vorgegeben. In moralischer Hinsicht ist deshalb auch das jeweilige Wirtschaftssystem neutral, es ist genau so gut wie die Menschen gut sind, welche sich der wirtschaftlichen Institutionen bedienen.

 

Das wirtschaftliche Handeln selbst wird zum Problem allein deshalb, weil die vorgegebenen Ressourcen auf recht unterschiedliche Weise eingesetzt werden können, das will heißen, dass mit ein und derselben Ressource unterschiedliche Ziele angegangen werden können oder von einer anderen Seite aus betrachtet, dass ein und dasselbe Ziel mit einem unterschiedlichen Mix an Ressourcen verwirklicht werden kann. So gibt es z. B. arbeitsintensive sowie kapitalintensive Produktionstechniken.

 

Damit nun aus einem vorgegebenen Vorrat an Ressourcen ein Maximum an Zielbefriedigung erreicht werden kann, müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein. Die traditionelle Wohlfahrtstheorie, deren Aufgabe gerade darin besteht, diese Voraussetzungen zu eruieren, hat vor allem auf zwei essentielle Voraussetzungen für eine optimale (befriedigende) Zielrealisierung aufmerksam gemacht.

 

Voraussetzung dafür, dass diese Optimierung stattfindet, besteht erstens darin, dass auf allen Märkten und auf beiden Marktseiten (also auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite) ein wechselseitiger intensiver Wettbewerb besteht. Das wirtschaftliche Problem der Optimierung kann nicht befriedigend gelöst werden, wenn auf einzelnen Märkten Anbieter oder auch Nachfrager eine Monopolstellung erlangen und als einzige das Angebot bzw. die Nachfrage bestreiten. Ein Unternehmer, welcher als einziger ein bestimmtes Gut anbietet, hat die Möglichkeit, durch künstliche Verknappung des Angebotes den Preis und damit auch seinen Gewinn zu vergrößern. Dies ist jedoch das Gegenteil von einer Verminderung der Knappheit, dem Grundziel eines jeden Wirtschaftssystems.

 

Wettbewerb – vor allem zwischen den Unternehmungen – ist somit wichtigste Voraussetzung dafür, dass das wirtschaftliche Grundproblem der Bewältigung der Knappheit auch nur einigermaßen befriedigend gelöst werden kann. Es reicht aber nicht aus, dass auf allen Märkten mehrere Unternehmungen in Konkurrenz zueinander stehen und somit Wettbewerb vorliegt. Es kommt auch entscheidend auf die Art des verwirklichten Wettbewerbs an. Es gibt auch ruinöse Konkurrenz, welche die wirtschaftliche Situation sogar noch verschlechtert.

 

Nehmen wir den Fall, dass zwei (beziehungsweise einige wenige) Unternehmer sich in das Angebot teilen. Die Wirtschaftstheorie spricht in diesem Zusammenhang von einem Oligopol. Hier besteht nun folgende Gefahr. Der eine dieser Oligopolisten (nennen wir ihn Unternehmer A) setzt nun bewusst den Preis für dieses Gut unter die für die Produktion dieses Gutes anfallenden Stückkosten. Aufgrund des Wettbewerbes zwingt er damit seinen Konkurrenten ebenfalls den Preis unter die Kosten zu setzen.

 

Auf lange Sicht kann eine solche Strategie trotzdem für Unternehmer A gewinnbringend sein. Wenn nämlich Unternehmer A ein größeres Vermögenspolster oder auch eine größere Kreditfähigkeit als sein Konkurrent aufweist, wird sein Konkurrent zu einer Zeit Konkurs gehen, zu der Unternehmer A zwar Verluste gemacht hat, trotzdem noch die Produktion aufrechterhalten kann, da sein Vermögen bzw. seine Kreditfähigkeit noch nicht erschöpft sind.

 

Sobald sein Konkurrent sein Geschäft aufgeben musste, ist Unternehmer A in die Rolle eines Monopolisten aufgerückt. Als Monopolist kann er nun den Preis so stark anheben, dass auch seine vorübergehenden Verluste in der Vergangenheit mehr als kompensiert werden. Hier war zunächst der Anschein entstanden, als wären die Konsumenten dieses Gutes begünstigt worden und somit die Wohlfahrt der Bevölkerung gestiegen. Auf lange Sicht jedoch wäre gerade aufgrund der später erfolgten Verknappung die allgemeine Wohlfahrt gesunken, weil hier eine Art Wettbewerb vorherrschte, welche als ruinös eingestuft werden muss.

 

Wenn also schon nicht jede Art von Wettbewerb wohlfahrtssteigernd ist, welche Art von Wettbewerb ist denn dann notwendig, um das wirtschaftliche Grundproblem sachgerecht zu lösen? Die Wirtschaftstheorie hat diese Frage damit beantwortet, dass sie für die Unternehmungen gefordert hat, sie hätten sich als Mengenanpasser zu verhalten. Ein Unternehmer verhält sich als Mengenanpasser, wenn er weder durch eine künstliche Verknappung noch durch Werbung einen aktiven Einfluss auf die Höhe des Güterpreises nimmt. Er geht vielmehr von dem Preis aus, der sich durch das Spiel von Angebot und Nachfrage ergibt und passt seine Menge diesem Preis so an, dass er unter den gegebenen Bedingungen ein Maximum an Gewinn erzielt: Er passt also seine Angebotsmenge dem vorgegebenen Preis an.

 

Nun wurde oftmals darauf hingewiesen, dass es vollkommen unrealistisch sei, als erwünschte Preisstrategie die Verhaltensweise der Mengenanpassung zu unterstellen. Und in der Tat wird vermutlich der größte Teil der Unternehmer z. B. Werbung betreiben und damit den Versuch unternehmen, den zu erzielenden Preis zu erhöhen.

 

Trotzdem ist dieser Vorwurf unberechtigt. Es kommt nicht drauf an, ob sich in Wirklichkeit der größte Teil der Unternehmer als Mengenanpasser verhält, dies wird von der Wirtschaftstheorie auch nicht behauptet. Vielmehr wird in einem ersten Schritt die Frage untersucht, unter welchen Bedingungen denn ein wirtschaftliches Optimum erzielt würde, um dann in einem zweiten Schritt hieraus die Forderung abzuleiten, eine Lösung zu finden, bei der sich die Wirklichkeit soweit wie eben möglich an dieses Ideal annähert.

 

Wie alles Irdische ist natürlich auch das Verhalten der Unternehmer in ihrer Preiskalkulation recht unvollkommen und deshalb wird es in der Realität auch immer eine mehr oder weniger große Abweichung von diesem Idealtyp der Mengenanpassung geben. Mit einer solchen Lösung lässt sich durchaus leben. Es geht nur darum, dass wir uns soweit wie immer nur möglich diesem Ideal annähern. Es geht hier allein um einen Maßstab, der es gestattet, konkrete Maßnahmen der Politik daraufhin zu untersuchen, ob sie hin zu oder weg von dieser Zielgröße führen.

 

Im Grunde gleicht dieses Prinzip (die Unternehmer sollten soweit wie möglich auf eine Preiserhöhung aufgrund von Verknappung oder Einflussnahme auf die Konsumwünsche verzichten) dem Prinzip der Gewaltenteilung im politischen System. Auch hier müssen wir natürlich zugeben, dass in der Realität durchaus zahlreiche Verbindungen und Beziehungen zwischen den Angehörigen der Exekutive, der Legislative und der Jurisprudenz bestehen. Trotzdem kann allein  mit Hilfe dieses Prinzips das Ausmaß an Machtmissbrauch auf ein erträgliches Maß zurückgeführt werden.

 

In gleicher Weise trägt auch die Forderung, die Möglichkeiten einer aktiven Preispolitik soweit wie möglich einzudämmen, letztlich dazu bei, den wirtschaftlichen Missbrauch seitens der Unternehmer auf ein erträgliches Maß zurückzufahren.

 

Zur Verwirklichung dieser Zielsetzung hatte Walter Eucken eine staatliche Monopolkontrolle gefordert. Im Gegensatz zu den Altliberalen war Walter Eucken der Auffassung, dass es nicht ausreiche, in einem einzigen Akt die staatliche Kontrolle einer Planwirtschaft aufzuheben und Freihandel nach außen und freie Unternehmerentfaltung in der Binnenwirtschaft zuzulassen.

 

Der hierdurch hervorgerufene Wettbewerb müsse permanent verteidigt werden, da nicht nur der allmächtige Staat die Unternehmerfreiheit bedrohe, sondern auch die Unternehmer selbst den Wettbewerb zu beseitigen versuchten. Deshalb bedürfe es eines sehr starken Staates, der grundsätzlich die Entstehung von Monopolen über Bildung von Kartellen und Zusammenschluss von Unternehmungen unterbindet. So könnte z. B. jede Fusion abgelehnt werden, welche den Unternehmungen einen Anteil am Umsatz von mehr als etwa 10% oder 20% in Aussicht stellt.

 

Eine solche strikte Regelung ist natürlich nur dort möglich, wo keine natürlichen Monopole vorliegen. Von einem natürlichen Monopol spricht man immer dann, wenn die Nachfrage nach einem Gut so gering ist, sodass eine kostendeckende Produktion nur dann erreicht werden kann, wenn die Gesamtproduktion von einer einzigen Unternehmung erstellt wird. Diese Gefahr eines natürlichen Monopols ist jedoch vor allem dann äußerst gering, wenn ein weltweiter Freihandel zugelassen wird und deshalb eine Unternehmung auch ausländische Verbraucher beliefern kann.

 

Voraussetzung dafür, dass ein marktwirtschaftliches System zu befriedigenden wirtschaftlichen Ergebnissen führt, ist zweitens, dass alle einer Volkswirtschaft entstehenden Kosten auch in die Kostenrechnung der Unternehmer eingehen und damit gleichzeitig die Höhe des Güterpreises bestimmen. Immer dann, wenn die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Produktion und Konsumtion die den Unternehmungen entstehenden privatwirtschaftlichen Kosten übersteigen, spricht man von externen Kosten. Die heute in den Industrienationen auftretenden externen Kosten bestehen insbesondere in der Umweltverschmutzung.

 

So entlassen Unternehmungen über die Schornsteine vor allem giftige Gase wie z. B. das Kohlendioxid. Die in den letzten Jahrzehnten zunehmende Verbrennung fossiler Brennstoffe sowie die Abholzung großer Waldgebiete führten zu einer Erhöhung des Kohlendioxidgehalts der Atmosphäre. Weil Kohlendioxid die von der Erdoberfläche abgestrahlte Infrarotstrahlung absorbiert, erhöht sich mit steigendem Kohlendioxidgehalt die Temperatur in der Lufthülle, mit der Folge, dass die Gletscher abschmelzen und auf diese Weise den Wasserspiegel der Meere so stark erhöhen, dass ganze Landstriche vor allem in Ostasien im Meer versinken.

 

Obwohl somit diese Verbrennungsvorgänge der Weltgemeinschaft schaden und obwohl somit externe Kosten im Zusammenhang mit der Industrieproduktion und der Konsumtion entstehen, werden diese Prozesse für die Unternehmungen und privaten Haushalten wie freie Güter gehandelt, bei deren Gebrauch zunächst keinerlei privatwirtschaftliche Kosten entstehen.

 

Es gab in der Vergangenheit verschiedene Ansätze, diese Kluft zwischen gesamtwirtschaftlichen und privatwirtschaftlichen Kosten zu beseitigen bzw. zu verringern. So begannen die Regierungen im Rahmen ihrer Umweltpolitik damit, für die Schornsteine bestimmte Filteranlagen vorzuschreiben, damit auf diese Weise weniger Giftstoffe in die Luft entlassen werden. Dieser Ansatz ist unter den möglichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Umweltverschmutzung der denkbar schlechteste Ansatz, da auf diese Weise lediglich die Produktionskosten erhöht werden und bei einem Rückgang der Produktion dieser Güter gleichzeitig die Arbeitslosigkeit ansteigt.

 

Arthur Cecil Pigou hatte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen wesentlich überzeugenderen Plan vorgestellt, der als Pigousteuer in die Geschichte einging. Pigou schlug vor, dass die Regierungen eine Steuer einführen, welche in ihrer Höhe gerade dem Umfang der Differenz zwischen gesamtwirtschaftlichen und privatwirtschaftlichen Kosten entspricht.

 

Falls es gelänge, die Höhe dieser Pigousteuer entsprechend dieser Differenz festzusetzen, wäre das vorliegende Problem gelöst, es würden per saldo keine externen Kosten mehr entstehen. Da nun auch die privatwirtschaftlichen Kosten den gesamtwirtschaftlichen Kosten entsprechen, wäre sichergestellt, dass die materiellen Ressourcen auf genau die Produktionen gelenkt würden, bei denen sie den höchstmöglichen Nutzen stiften. Zwar würden hier immer noch Umweltschädigungen ausgelöst, es wäre aber sichergestellt, dass der volkswirtschaftliche Gewinn dieser Produktionen so groß wäre, dass per saldo die anfänglichen Schäden geringer ausfallen würden als die hierbei erzielten Nutzenzuwächse.

 

Dass die Pigousteuer trotzdem zu keiner befriedigenden Lösung geführt hat, liegt darin begründet, dass den Regierungen die Höhe der externen Kosten gar nicht bekannt sein kann. Im Normalfall (bei Abwesenheit externer Kosten) wird die jeweilige Höhe der Produktionskosten über den Markt und damit über eine Vielzahl von Einzelentscheidungen aller Wirtschaftssubjekte ermittelt.

 

Da es aber für die externen Kosten keinen Markt gibt, die materiellen Ressourcen werden hier ja wie freie Güter behandelt, gibt es auch keinen Maßstab für die exakte Höhe der externen Kosten. In diesem Falle kann der Staat jedoch auch keine Steuer in Höhe der jeweiligen externen Kosten erheben. Es besteht hier stets die Gefahr, dass der Staat diese Steuer entweder zu gering oder aber auch in Einzelfällen zu hoch ansetzt und damit die Produktion in eine unerwünschte Richtung beeinflusst.

 

Ein dritter Vorschlag wurde von den Vertretern der properyty-rights - Bewegung gemacht. Danach soll der Staat für die Güter, welche externe Kosten und damit eine Umweltverschmutzung verursachen, sogenannte Verschmutzungsrechte einführen. Der Umfang an Verschmutzungsrechten, welche eine Unternehmung kaufen muss, um die Produktion dieser die Umwelt belastenden Güter durchführen zu können, hat in diesem Falle dem Umfang der jeweiligen (geschätzten) Umweltbelastung  bei Einführung dieser Maßnahme zu entsprechen.

 

Wenn es jedoch einer Unternehmung gelingt, technische Verfahren einzuführen, welche zu einer geringeren Umweltbelastung führen, benötigt sie für die bisherige Produktionsmenge weniger Umweltrechtzertifikate und kann diese nicht benötigten Zertifikate an der Börse anderen Unternehmungen verkaufen.

 

Dieser Vorschlag bewirkt hiermit zweierlei. Er setzt erstens Anreize, damit die Unternehmungen nach neuen technischen Verfahren Ausschau halten, mit denen die bisherige Produktionsmenge mit weniger Umweltbelastung produziert werden kann. Während bisher ohne Umweltverschmutzungsrechte jede tatsächliche Verringerung der umweltbelastenden Produktion auch zu einer Reduzierung der Beschäftigung und damit zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führte, ist es nun aufgrund der verbesserten Technologie möglich, zweitens die Umweltbelastung zu reduzieren ohne damit die Arbeitslosigkeit zu reduzieren.

 

Natürlich muss man sehen, dass in diesem ersten Schritt noch keine effektive Reduzierung der Umweltbelastung eingetreten ist. Es ist ja aufgrund der neuen Technologie  nur möglich, die Umweltbelastung zu reduzieren ohne das Ziel der Vollbeschäftigung zu verletzen. Diese neuen Technologien könnten auch dazu eingesetzt werden, die Produktion zu erhöhen. Zwar würden dann pro produzierter Gütereinheit die Umweltbelastungen verringert, aufgrund der erhöhten Produktionsmenge würde trotzdem die Gesamtbelastung der Umwelt unverändert bleiben.

 

Um sicherzustellen, dass die Verbesserung in der Technologie dafür eingesetzt wird, die Umweltbelastung zu reduzieren, bedarf es eines weiteren politischen Schrittes. Der Staat muss dann, wenn die Technologien aufgrund dieser Anreize verbessert wurden, die vorher ausgegebenen Verschmutzungsrechte Schritt für Schritt zurückkaufen. Dann erst verringert sich automatisch der Umfang der tatsächlichen Umweltbelastung.

 

Damit der Staat aber auch über die finanziellen Mittel verfügt, diese Verschmutzungsrechte zurückzukaufen, sollte er auf jeden Fall bei seinem ersten Schritt der Kreierung der Umweltverschmutzungsrechte nicht kostenlos an die Unternehmungen abgeben.

 

Wenn der Staat hingegen die Verschmutzungsrechte zu einem bestimmten Anfangspreis verkauft, erhält er nicht nur die Finanzierungsmittel, um dann in einem zweiten Schritt diese schrittweise zurückzukaufen und damit die Umweltbelastung effektiv zu reduzieren, es ist darüber hinaus auch sichergestellt, dass die Finanzierung der Umweltverbesserung nicht einseitig vom Staat und damit letzten Endes vom Steuerzahler zu erfolgen hat, dass vielmehr die Unternehmungen, welche umweltbelastete Güter produzieren, für diese Kosten auch aufkommen müssen. Da Kostensteigerungen normaler Weise an die Verbraucher weitergewälzt werden können, ist zusätzlich sichergestellt, dass derjenige, welcher umweltbelastete Güter konsumiert, auch für die hierbei entstehenden Kosten aufkommen muss.

 

Wettbewerb und fehlende externe Kosten sind allerdings nicht die einzigen Voraussetzungen dafür, dass das wirtschaftliche Grundproblem in einer Marktwirtschaft befriedigend gelöst werden kann. Eine freie Marktwirtschaft erreicht ihr Ziel, die Knappheit zu bewältigen und ein Höchstmaß an Wohlfahrt zu erreichen nur dadurch, dass bei jeder Änderung der wirtschaftlichen Daten Ungleichgewichte ausgelöst werden und diese hinwiederum zu Preisänderungen führen, welche ihrerseits eine Anpassung der angebotenen und nachgefragten Gütermengen zur Folge haben.

 

Entscheiden sich z. B. die Konsumenten, ihr Einkommen für den Ankauf anderer Güter als bisher zu verwenden, so lösen sie auf den Märkten Ungleichgewichte aus. Bei den Gütern, die nun in geringerem Maße nachgefragt werden, entstehen Angebotsüberhänge, bei den Gütern, welche nun vermehrt nachgefragt werden, hingegen Nachfrageüberhänge.

 

Entscheidend ist nun, dass ein funktionierender Markt immer dann, wenn Marktungleichgewichte entstehen, von sich aus, ohne dass der Staat oder auch die Marktteilnehmer bewusst Maßnahmen zur Reduzierung dieser Gleichgewichte beschließen, Anreize setzt, aufgrund derer die Ungleichgewichte von selbst abgebaut werden. Machen wir uns dieses System anhand eines Beispiels klar.

 

Die Datenänderung bewirke auf Markt A einen Angebotsüberhang. Angebotsüberhänge führen in einer funktionierenden Marktwirtschaft zu Preissenkungen und diese Preissenkungen veranlassen auf der einen Seite die Anbieter weniger von diesem Gut anzubieten und auf der anderen Seite die Nachfrager von diesem Gut mehr nachzufragen. Beide Reaktionen helfen mit, den Angebotsüberhang zu reduzieren, ohne dass die Marktpartner eigens diesen Abbau des Marktungleichgewichtes zum Ziele haben. Es besteht also im Normalfall eine Tendenz zum Gleichgewicht.

 

Auf Markt B, auf dem das Gut gehandelt wird, dem sich annahmegemäß die Konsumenten zugewandt haben, erfolgen ähnliche Reaktionen mit umgekehrten Vorzeichen. Der Umstand, dass auf diesem Markt mehr Güter als bisher nachgefragt werden und dass ein Nachfrageüberhang entsteht, löst nun in einem ersten Schritt Preissteigerungen aus und diese Preissteigerungen führen dazu, dass die Anbieter mehr von diesem Gut anbieten und die Nachfrager gleichzeitig wiederum ihre Nachfrage etwas einschränken. Beide Reaktionen führen auch hier automatisch dazu, dass der Nachfrageüberhang automatisch abgebaut wird.

 

Wesentliche Voraussetzung dafür, dass der Markt von sich aus – ohne politische Eingriffe – zu einem neuen Gleichgewicht führt, ist also auf der einen Seite, dass auf Reaktion eines Marktungleichgewichtes Preisänderungen eintreten und zwar bei einem Angebotsüberhang Preissenkungen und bei einem Nachfrageüberhang Preissteigerungen und dass weiterhin auf der anderen Seite diese Preisänderungen Anpassungen sowohl im Angebot und in der Nachfrage auslösen; auch hier muss eine Preissenkung eine Abnahme im Angebot und eine Zunahme in der Nachfrage auslösen; umgekehrt wird eine Preiserhöhung die Nachfrage reduzieren und das Angebot ausweiten.

 

In den meisten Fällen können wir auf freien, vom Staat nicht beeinflussten Märkten davon ausgehen, dass diese normalen Reaktionen in den Preisen und Gütermengen von selbst eintreten. Nur in Ausnahmefällen muss mit anomalen Preisflexibilitäten und Elastizitäten des Angebots und der Nachfrage gerechnet werden. Und in den meisten Fällen werden diese normalen Marktreaktionen auch zu einem Abbau in den aufgrund von permanenten Datenänderungen ausgelösten Marktungleichgewichten führen.

 

Damit diese Prozesse aber auch in einer vertretbar kurzen Zeit auftreten, sind zwei weitere Voraussetzungen notwendig. Auf der einen Seite sollten die Datenänderungen nicht abrupt und auch nicht stets in die gleiche Richtung weisen. Denn auch dann, wenn der Markt in jeder Periode Kräfte entfaltet, um aufgetretene Marktungleichgewichte von selbst abzubauen, diese Ungleichgewichte könnten dann immer noch bestehen bleiben oder sogar zunehmen, wenn der Umfang der Datenänderungen enorm hoch wäre, wenn also aufgrund dieser häufig auftretenden Datenänderungen in jeder Periode mehr Ungleichgewichte neu geschaffen werden als in der gleichen Zeit Ungleichgewichte abgebaut werden.

 

Damit diese Gefahr gering ist, sollten Datenänderungen atomisiert auftreten und dies erfolgt in der Regel immer dann, wenn diese Datenänderungen in erster Linie von den einzelnen Wirtschaftssubjekten ausgehen. Denn in diesem Falle kann damit gerechnet werden, dass die Datenänderungen zeitlich verteilt auftreten und dass sich die Ungleichgewichte zum Teil in ihrer Wirkung auf das Marktgleichgewicht aufheben. Die von Person A ausgelöste Datenänderung führe z. B. zu einem Angebotsüberhang, eine weitere, von Person B ausgehende Datenänderung bewirke jedoch einen Nachfrageüberhang. Es bedarf hier keiner Preisänderung, die Atomisierung des Marktverhaltens sorgt hier automatisch für einen Ausgleich.

 

Diese Forderung ist jedoch nicht mehr erfüllt, wenn die Datenänderungen durch politische Maßnahmen ausgelöst werden. Ein staatliches Gesetz sieht zumeist vor, dass alle Wirtschaftssubjekte zum gleichen Zeitpunkt ihr Verhalten zu ändern haben und dass diese Reaktionen auch zumeist in die gleiche Richtung weisen. Hier besteht nun die Gefahr, dass der Umfang der Datenänderungen pro Periode so stark ansteigt, dass der Markt überfordert ist, in kurzer Zeit die so entstehenden Ungleichgewichte abzubauen.

 

Es ist dann mit einem Effekt zu rechnen, der einem Zustand gleicht, der bei einer Überlastung der Kanalisation herbeigeführt wird. Eine Kanalisation kann das Regenwasser im Allgemeinen aufnehmen, wenn der Regen zeitlich verteilt auftritt. Kommt es jedoch zum Wolkenbruch, ist die Kanalisation überfordert und das Regenwasser fließt in die Keller der Wohnungen. Die gleiche monatliche Regenmenge hätte ohne weiteres abgeführt werden können, wenn der Regen nicht in einem einzigen, kurzen Augenblick, sondern verteilt auf die einzelnen Tage aufgetreten wäre.

 

Neben der Atomisierung der Datenänderungen wird zweitens eine ausreichende Gleichgewichtstendenz auch nur dann zu erwarten sein, wenn die Marktreaktionen in kleinen Schritten erfolgen. Auch dann nämlich, wenn die Marktteilnehmer normal reagieren, besteht die Gefahr, dass sie mit ihren Reaktionen über ihr Ziel hinausschießen. So könnte z. B. ein Angebotsüberhang zu so starken Preis- und Mengenanpassungen führen, dass im Endergebnis nicht nur der Angebotsüberhang abgebaut wird, sondern ein Nachfrageüberhang entsteht, der in der nächsten Periode wiederum zu Gegenreaktionen führt, die selbst wiederum über ihr Ziel hinausschießen und damit erneut einen Angebotsüberhang auslösen.

 

Im Rahmen des Cobweb-Theorems wurden solche pendelnden Anpassungsprozesse untersucht und aufgezeigt, dass nur bei einem bestimmten gegenseitigen Verhältnis von Angebots- und Nachfrageelastizitäten damit gerechnet werden kann, dass die Schwingungen in den Reaktionen immer geringer werden, sodass trotzdem ein Abbau der Ungleichgewichte möglich wird.

 

Zu hohe Anpassungsschritte können vor allem auch an der Börse auftreten, wenn die Börsenteilnehmer Programme einsetzen, welche einen Verkauf bestimmter Wertpapiere automatisch auslösen, falls der Wertpapierkurs eine bestimmte kritische Grenze unterschreitet. Vor allem dann, wenn eine Vielzahl von Börsenteilnehmern das gleiche Programm einsetzt, besteht die Gefahr, dass mit sehr hohen Kursschwankungen bis hin zu einem Zusammenbruch der Börse zu rechnen ist.

 

Im Allgemeinen werden in diesem Falle die Börsen vorübergehend geschlossen, was jedoch in aller Regel keine Beruhigung herbeiführt, da ja diese Kursstürze  nicht aufgrund panikartiger Reaktionen erfolgt sind und da deshalb auch nach Widereröffnung der Börse mit keiner Änderung im Verhalten der Börsianer zu rechnen ist. Hier kann nur Abhilfe dadurch geschaffen werden, dass der Börsenleitung erlaubt wird, bei diesen Gefahren vorzuschreiben, dass pro Zeiteinheit immer nur ein kleiner Teil der Wertpapierbestände verkauft werden darf. Nur auf diesem Wege kann verhindert werden, dass die Schwankungen in den Kursen immer größer werden und dass die Anpassungen über ihr Ziel hinausschießen.

 

Kommen wir nun zu einem weiteren Punkt. Wir haben gesehen, dass dem Leitbild einer sozialen Marktwirtschaft die Überzeugung zugrunde liegt, dass eine vollkommen freie Marktwirtschaft zwar zu einem höchst effizienten Einsatz der knappen Ressourcen führt, dass aber gleichzeitig sozial unerwünschte Ergebnissen zu befürchten sind und dass durch politische Eingriffe die Erreichung dieser sozialen Ziele auf jeden Fall sichergestellt werden sollte.

 

Es wird also davon ausgegangen, dass zwischen den wirtschaftlichen und sozialen Zielen ein Konflikt besteht und dass dieser Konflikt nur dadurch gelöst werden kann, dass zur  Erreichung der sozialen Ziele Abstriche an den wirtschaftlichen Zielen vorgenommen werden müssen.

 

Eine solche Betrachtung stellt jedoch das hier vorliegende Konfliktproblem nicht ganz korrekt dar. Es ist ja nicht so, dass wir zwei Zielgruppen haben, das wirtschaftliche Ziel, die Knappheit zu bewältigen und die sozialen Ziele einer gerechten Verteilung und der ausreichenden Absicherung gegenüber den sozialen Risiken. Das wirtschaftliche System der Marktwirtschaft zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass nicht von vornherein ganz bestimmte Bedürfnisse und Ziele als wirtschaftlich charakterisiert werden können, dass vielmehr der Markt im Prinzip für jede denkbare Zielsetzung eingesetzt werden kann.

 

Das wirtschaftliche Grundziel besteht vielmehr darin, sicherzustellen, dass die materiellen Ressourcen effizient eingesetzt werden, dass deshalb, weil die materiellen Ressourcen nicht ausreichen, alle Ziele zu realisieren, ein  möglichst effizienter Einsatz auf jeden Fall geboten ist. Wollte man gegenüber dieser wirtschaftlichen Zielsetzung (der Bewältigung der Knappheit) Abstriche zugunsten sozialer Ziele vornehmen, würde damit gleichzeitig die Realisierung aller Ziele, eben gerade auch der sozialen Ziele behindert.

 

Wenn wir Sorge dafür tragen, dass wir ein möglichst hohes wirtschaftliches Wachstumsniveau erzielen, haben wir gerade dazu beigetragen, dass die sozialen Ziele der Gemeinschaft besser als in einer stagnierenden Volkswirtschaft realisiert werden können. Aus diesen Gründen kommt es also darauf an, die politisch erwünschten Korrekturen an den Ergebnissen einer Marktwirtschaft wo immer nur möglich mit Hilfe marktkonformer Maßnahmen zu erreichen.

 

Eine marktkonforme Maßnahme zeichnet sich dadurch aus, dass der Staat seine Ziele auf indirekte Weise anzusteuern versucht, in dem er die Daten der Wirtschaftssubjekte verändert, nicht aber dadurch, dass er die wirtschaftlichen Entscheidungen selbst durchführt. Der Staat kann z. B. dadurch, dass er Steuern erhebt und damit die Erlöse der Unternehmungen verringert, Einfluss auf die Handlungen nehmen, er sollte aber nach Möglichkeit niemals die Entscheidungen den Wirtschaftssubjekten abnehmen und die Preise und Gütermengen selbst festsetzen. Und er sollte dies deshalb nicht tun, weil er auf diese Weise mit der Verringerung der Effizienz gleichzeitig den Umfang der zu verwirklichenden sozialen Ziele verringern würde.

 

 

Fortsetzung folgt!