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Sind wir auf dem Weg zu einer Share Economy?

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Lehrgeschichtliche Konzepte

3. Das Beispiel des Car Sharing

4. Share Economy im Bereich des Computers

 

 

1. Einführung

 

Anlässlich der Eröffnung der Cebit-Messe teilten uns die Nachrichtensprecher des Fernsehens mit, dass unsere Volkswirtschaft auf dem Wege zu einer ‚Share Economy‘ sei und da dies offensichtlich ein nicht geläufiges Fremdwort darstellt, wurde den Zuschauern erklärt, dass nun an die Stelle eines Strebens nach Besitz und Eigentum das gegenseitige Teilen trete.

 

Der Durchschnittsbürger erwerbe nun nicht mehr ein privates Auto, das nur ihm selbst und seinen Angehörigen die Teilnahme am Verkehr erlaube, anstelle des privaten Besitzes von PKW‘s würden nun an öffentlichen Plätzen Personenkraftfahrzeuge für individuelle Fahrten der einzelnen Bürger abgestellt.  Der einzelne sei nun nicht mehr Eigentümer dieses Fahrzeuges, sondern benutze einen PKW nur noch bei Bedarf, sodass in den übrigen Zeiten dasselbe Fahrzeug anderen Benutzern zur Verfügung stehe.

 

In gleicher Weise würden nun aufgrund der neuesten technischen Entwicklungen im Computerbereich die einzelnen Computerprogramme nicht mehr von den einzelnen Benutzern in Form einer CD oder auch DVD erworben, sondern der einzelne Konsument benutze stattdessen Programme, welche ins Internet gestellt werden, gemeinsam mit einer Vielzahl anderer Benutzer des Computers.

 

Ich bezweifle, dass eine solche Entwicklung tatsächlich erwartet werden kann. Ich möchte in diesem Artikel zeigen, dass sich im Hinblick auf die wirtschaftlichen Motive unseres wirtschaftlichen Handelns sehr wenig geändert hat, dass die Entwicklungen, welche hier großspurig als Share Economy bezeichnet werden, auch schon länger sichtbar waren, ja dass ihr Beginn eigentlich bereits mit der Entwicklung zur industriellen Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts zu beobachten ist. Es kann auch keine Rede davon sein, dass nun aufgrund der aufgezeigten jüngsten Entwicklungen die Menschen weniger egoistisch handeln oder dass sie stärker als bisher bereit wären, ihr Vermögen mit andern in echtem Sinne zu teilen. Ganz im Gegenteil scheinen sich mir durch einige neuere technische Verfahren vor allem im Bereich des Internets immer schon bestehende Fehlentwicklungen unserer modernen Marktwirtschaften sogar noch zu verstärken.

 

Ich möchte in der folgenden kritischen Analyse dieser Entwicklung in drei Schritten vorgehen. In einem ersten Schritt werde ich auf die Frage eingehen, inwieweit denn in der Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen Theorien entwickelt wurden, welche als Gegenentwurf einer individualistischen, vom Eigennutz getriebenen Marktwirtschaft verstanden werden können. Zum Verständnis dieser Gegenthesen wird es auch notwendig sein, auf die Grundideen des älteren Liberalismus etwas näher einzugehen.

 

In einem zweiten Schritt werde ich dann untersuchen, inwieweit denn tatsächlich durch diese erwähnten neuen Technologien anstelle des Eigentums das Teilen knapper Güter getreten ist und ob man tatsächlich davon sprechen kann, dass im Hinblick auf das Streben nach persönlichem Besitz ein grundlegender Wandel in dem Sinne eingetreten ist, dass immer weniger knappe Ressourcen in Privateigentum gehalten werden und dass nun das noch vorhandene Privateigentum tatsächlich breiter als bisher unter der Bevölkerung aufgeteilt werden wird.

 

In einem dritten Schritt möchte ich aufzeigen, dass gerade durch diese technischen Erneuerungen bestimmte Fehlentwicklungen unserer Marktwirtschaften (vor allem die Reduzierungen des Wettbewerbs) noch verstärkt werden. Eine Marktwirtschaft wird nur dann zu befriedigenden Ergebnissen führen, wenn zwischen den Unternehmungen ein intensiver Wettbewerb besteht, ohne Wettbewerb führt eine Marktwirtschaft weder zu einer effizienten Ausnutzung der knappen Ressourcen noch werden die gesamtwirtschaftlichen Erträge einigermaßen gerecht auf die einzelnen Marktteilnehmer aufgeteilt. Diese beiden letzten Schritte werden einmal anhand des Car Sharing, zum andern anhand des Computer Sharing behandelt.

 

 

2. Lehrgeschichtliche Konzepte

 

Die Idee eines Wirtschaftssystems, das im Gegensatz zum Frühliberalismus nicht primär vom Eigeninteresse, sondern vorm allem von altruistischen Zielsetzungen geleitet werde, reicht weit zurück. Um aber die Bedeutung dieser Ideen zu verstehen, ist es notwendig, kurz auf den Grundgedanken des Frühliberalismus einzugehen. Von den Gegnern des Liberalismus wird der marktwirtschaftlichen Ordnung oftmals vorgeworfen, dass sie moralisch verwerflich sei, da sie nur die Interessen des Einzelnen, nicht aber der Gemeinschaft anspreche.

 

An diesen Vorwürfen ist zwar richtig, dass einige der Frühliberalen im 18. Jahrhundert in der Tat das Streben nach Eigennutz in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung rückten. So entwickelte Jeremy Bentham und David Hume den Utilitarismus. Danach wurde nicht nur davon ausgegangen, dass die Individuen ihr Handeln tatsächlich fast ausschließlich daran ausrichten, dass sie nach Maximierung ihres eigenen Glücks und ihrer Lust strebten, sondern ein solches Verhalten wurde auch als ausgesprochen erwünscht angesehen. Aufgabe der Politiker sei es, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl ihrer Bürger zu ermöglichen. Bernard de Mandeville ging in seiner 1714 veröffentlichten Schrift: ‚The Fable of the Bees: Or private vices, public benefits‘, der berühmten Bienenfabel soweit, dass er behauptete, Laster wie Luxus, Neid etc. führten zu einer Steigerung der allgemeinen Wohlfahrt, in dem sie Unternehmungen Anreize zu Produktivitätssteigerungen verschafften.

 

Aber bereits Adam Smith, der Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre übernahm keineswegs diese extremen Positionen. Ihm ging es vielmehr darum aufzuzeigen, dass anstelle einer staatlichen Planwirtschaft, wie sie vom Merkantilismus betrieben wurde, die einzelnen Individuen selbstverantwortlich für ihre eigenen Interessen sorgen sollten und er bemühte sich aufzuzeigen, dass in einer marktwirtschaftlichen Rahmenordnung auch dann, wenn die einzelnen Marktteilnehmer nicht primär Ziele des Allgemeinwohls verfolgten, trotzdem wie von einer unsichtbaren Hand im Endergebnis Lösungen gefunden würden, welche dem Wohl der Allgemeinheit entsprächen. Selbstverständlich kann allerdings auch nach Meinung der Frühliberalen dieses Ergebnis nur dann erwartet werden, wenn bestimmte Rahmenbedingungen gegeben sind, wobei dem Wettbewerb der Unternehmer hierbei eine entscheidende Bedeutung zukommt.

 

Auch John Stuart Mill zeigte in seiner 1848 veröffentlichten Arbeit: ‚Principles of political economy‘ in dem Bemühen, die utilitaristische Lehre weiterzuentwickeln und von ihren anfänglich extremen Positionen abzurücken, dass es zur Erreichung einer befriedigenden Ordnung vielmehr bedürfe als der Befreiung der Wirtschaft von der staatlichen Bevormundung der Unternehmer und ein Zulassen eines Wettbewerbs zwischen den Unternehmungen. So enthalten seine Schriften unter anderem die Forderung nach öffentlichem Eigentum an natürlichen Ressourcen, nach Gleichstellung der Frauen, nach einer allgemeinen Schulpflicht sowie nach einer Geburtenkontrolle, um eine Überbevölkerung zu verhindern.

 

Es war dann vor allem Joseph Alois Schumpeter, welcher in seinen lehrgeschichtlichen Schriften – vor allem in seiner Arbeit über Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 1942 im 6. Kapitel über den plausiblen Kapitalismus – die Auffassung vertrat, dass zwar einzelne Frühliberale in der Tat utilitaristische Zielvorstellungen entwickelt hätten, dass aber zu keinem Zeitpunkt die Klassiker der Wirtschaftswissenschaft das eigentliche zentrale Problem einer Theorie der Marktwirtschaft an die utilitaristische Philosophie verraten hätten.

 

Das eigentliche Kernproblem jedes Wirtschaftssystems hat nichts mit der Frage zu tun, aus welchen Motiven heraus die Individuen wirtschaftlich handeln. Wirtschaftliche Probleme können zwar im Zusammenhang mit dem Bestreben nach größtmöglicher Lust angegangen werden, das eigentliche wirtschaftliche Problem hat aber nichts mit dieser Art wirtschaftlichen Strebens zu tun, es besteht vielmehr darin, das Problem der Knappheit materieller Güter zu bewältigen.

 

Die moralische Qualität einer Zielsetzung kann jedoch nicht daran gemessen werden, ob und in welchem Umfang materielle Güter zur Erreichung dieses Zieles benötigt werden. Es gibt moralisch gesehen sehr verwerfliche Ziele wie z. B. das Mobbing, die auch ohne jeglichen Einsatz materieller Güter befriedigt werden können. Umgekehrt gibt es moralisch gesehen sehr hochwertige Ziele, wie z. B. die Unterstützung der von Naturkatastrophen heimgesuchten Menschen, die einen sehr hohen Einsatz materieller Mittel erfordern.

 

Knappheit bedeutet, dass der Vorrat an materiellen Ressourcen nicht ausreicht, alle Ziele zu befriedigen. Besteht also Knappheit, so muss man sich erstens darüber klar werden, welche Ziele als weniger wichtig hintangestellt werden können, es bedarf also einer Rangskala der Ziele. Darüber hinaus ist jedoch zweitens von Bedeutung, dass die Ziele auf unterschiedliche Weise, durch unterschiedliche Mischung der verschiedenen Ressourcen realisiert werden können und dass sich diese unterschiedlichen Techniken darin unterscheiden, in welchem Umfang sie in der Lage sind, die Ziele zu befriedigen. Das eigentliche wirtschaftliche Problem besteht also immer darin, die Technik und den Mix an benötigten Ressourcen zu finden, die den höchstmöglichen Zielerreichungsgrad garantieren. Es war das Anliegen der traditionellen Wohlfahrtstheorie, nachzuweisen, dass der Markt diese wirtschaftliche Aufgabe im Allgemeinen und dann, wenn bestimmte Voraussetzungen wie z. B. Wettbewerb zwischen den Unternehmungen erfüllt sind, weit besser realisieren kann als eine staatliche Planwirtschaft.

 

Da nun der Markt für die Realisierung der unterschiedlichsten Ziele eingesetzt werden kann, für moralisch hochstehende genauso wie für moralisch verwerfliche Ziele, ist der Markt im Hinblick auf seine moralische Qualität zunächst neutral. Er kann für moralisch gesehen sehr hochstehende Ziele (Unterstützung Notleidender) wie auch für verwerfliche Ziele z. B. der Mafia benutzt werden. Es mag auch zugegeben werden, dass de facto ein beachtlicher Teil des wirtschaftlichen Geschehens aus moralischer Sicht äußerst fragwürdig und unerwünscht ist. Es liegt aber in diesem Falle weniger ein Versagen des Marktes (des wirtschaftlichen Systems), sondern der kulturellen Systeme vor.

 

Wir leben nämlich in einer arbeitsteiligen Welt. Alleinige Aufgabe des Wirtschaftssystems ist es, das Problem der Knappheit materieller Güter so effizient wie möglich zu bewältigen. Es ist nicht Aufgabe des Marktes, dafür Sorge zu tragen, dass sich die Marktteilnehmer möglichst moralisch einwandfrei verhalten. Dies ist vielmehr die Aufgabe der kulturellen Systeme, welchen es obliegt, für die Bewahrung und die Verinnerlichung der kulturellen Werte zu sorgen.

 

Wir können von den Unternehmungen erwarten, dass ihr Streben nach Gewinn dort beschränkt wird, wo Gesetze und moralische Zielvorstellungen verletzt werden. Die These der Gewinnmaximierung bedeutet nicht, dass die Unternehmer bestrebt sind, ihre Gewinne auch auf Kosten der moralischen Ziele zu realisieren. Jeder Markt bedarf einer Ordnung, in welcher moralische Verfehlungen und Gesetzesübertretungen verboten und wirksam geahndet werden. Häufen sich solche Verfehlungen, bedeutet dies, dass der Staat versagt hat, dessen Aufgabe im Bereich der Wirtschaft gerade darin besteht, solche Verfehlungen wirksam zu bekämpfen.

 

In gleicher Weise bedeutet jedoch die Feststellung und auch Forderung nach einer Konsumentensouveränität nicht, dass den Konsumenten jedes Verhalten erlaubt ist. Auch für die privaten Haushalte gilt, dass das Streben nach Nutzenmaximierung stets von den allgemeinen moralischen Zielsetzungen begrenzt wird. Der Käufer einer Ware gibt nicht vor Betreten eines Geschäfts sein Gewissen sozusagen in der Garderobe ab. Auch für den Konsumenten gilt genauso wie für alle anderen Marktteilnehmer, dass wirtschaftliches Handeln im Markt immer im Rahmen einer begrenzenden Ordnung erfolgt. Wenn der Markt sich auch dadurch auszeichnet, dass der einzelne Konsument selbst im Rahmen seines Einkommens bestimmen kann, welche Güter seinen Bedürfnissen am besten entsprechen, bedeutet dies noch lange nicht, dass er beim Kauf der Konsumgüter seine sonstigen Werte vergessen sollte.

 

Es sollte eigentlich klar sein, dass ein Konsument nur solche Güter nachfragt, zu dessen Produktion keine Kinderarbeit oder kein unnötiges Quälen von Tieren notwendig wird. Würden die Konsumenten in ihrer Mehrheit nach diesen moralischen Vorstellungen handeln, hätten auch die Unternehmer kein Interesse an diesen moralisch verwerflichen Produktionsweisen. Nochmals: Es ist hier primär nicht der Markt, sondern das kulturelle System, dem ein Versagen vorgeworfen werden muss und dem es offensichtlich nicht gelungen ist, dass diese Werte von der Mehrheit der privaten Haushalte beachtet werden.

 

Wenn wir also auch zu dem Ergebnis kommen, dass amoralisches Verhalten in allererster Linie auf ein Versagen der kulturellen und eben nicht der wirtschaftlichen Subsysteme unserer Gesellschaft zurückzuführen ist, muss dennoch mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass von dem wirtschaftlichen System Wirkungen ausgehen können, welche die Aufgabe der kulturellen Systeme zumindest erschweren.

 

So hat vor allem Götz Briefs darauf aufmerksam gemacht, dass gerade von einem intensiven Wettbewerb der Unternehmungen untereinander in moralischer Hinsicht negative Effekte ausgehen können. Götz Briefs spricht in diesem Zusammenhang von der beherrschenden Rolle der Grenzmoral. Für die Frage, inwieweit sich bei den Handlungen der Unternehmer moralisch verwerfliche Verhaltensweisen durchsetzen, komme es weniger auf die moralischen Standards derjenigen Unternehmungen an, welche die höchsten Standards befolgen, auch nicht auf das durchschnittliche moralische Niveau aller Unternehmungen, sondern auf die Standards an, welche von den Unternehmungen mit den geringsten moralischen Vorstellungen eingehalten werden. Das Verhalten dieser Grenzmoralisten bestimme dann auch das Verhalten der übrigen Unternehmer, da sich diese nur dann im Markt behaupten können, wenn sie die Verhaltensweisen des Grenzmoralisten übernehmen.

 

Machen wir uns diese Zusammenhänge anhand der Forderung klar, bei der Entlohnung der Arbeitnehmer dürfe nicht nur deren Leistung an der Arbeitsstelle berücksichtigt werden, sondern es müsse auch der Bedarf der Arbeitnehmer, der sich aus der jeweiligen Familiengröße ergebe, Berücksichtigung erfahren. Ein Arbeitnehmer (beiderseitigen Geschlechts), welcher einige Kinder miternähren müsse, habe einen höheren Bedarf als der ledige Arbeitnehmer und deshalb müsse der Familienvater (die Familienmutter) auch bei gleicher Leistung mit einem höheren Einkommen honoriert werden.

 

Es ist klar, dass sich eine solche Forderung ohne gesetzlichen Zwang in einer freien Marktwirtschaft nicht durchsetzen lässt. Zunächst würden vielleicht einige Unternehmer mit hohem moralischem Niveau dieser Forderung entsprechen. Unternehmer mit einem geringeren moralischen Standard würden diese Forderung negieren, wiesen gerade deshalb geringere Stückkosten als die andern Unternehmer auf und wären deshalb in der Lage, durch Preissenkungen diese anderen Unternehmer aus dem Markt zu drängen.

 

Man könnte nun versuchen, das Problem einfach dadurch zu lösen, dass man per Gesetz die Unternehmer zwingt, bei der Entlohnung den Familienstand bzw. die zu ernährende Kinderzahl zu berücksichtigen. Damit wäre jedoch das Problem nicht gelöst. Die Unternehmer mit den geringsten moralischen Standards könnten in diesem Falle immer noch die Stückkosten dadurch gegenüber den anderen Unternehmungen senken, dass sie nun möglichst wenige Arbeitnehmer mit Kindern, also vorwiegend Ledige einstellen. Solange ein Arbeitnehmer mit Kindern einen Arbeitsplatz habe, werde zwar im Sinne des Gesetzes der Lohn familiengerecht festgelegt, aber immer dann, wenn sich dieser Arbeitnehmer um einen neuen Arbeitsplatz bemüht oder wenn in einer Unternehmung betriebsbedingt (wegen Absatzrückganges) Arbeitnehmer entlassen werden müssten, würden Arbeitnehmer mit Kindern benachteiligt.

 

Wie kann eine Lösung aus diesem Dilemma gefunden werden, ohne dass man gleich zu marktinkonformen Maßnahmen greift? Als erstes ist es hier Aufgabe der kulturellen Systeme, ihre Anstrengungen darauf zu richten, das Niveau der Grenzmoral anzuheben. Es sollte ganz allgemein von fast allen Marktteilnehmern akzeptiert werden, dass zu einem ordnungsgemäßen Einkommen auch die Berücksichtigung des Familienstandes zählt. Wichtiger ist jedoch zweitens die Erkenntnis, dass eben nicht alle wirtschaftlichen Probleme im Rahmen des Marktes befriedigend gelöst werden können. Es ist Aufgabe des Staates außerhalb des Marktes und damit auch außerhalb der regulären Entlohnung der Arbeit für ein angemessenes Kindergeld zu sorgen.

 

Dadurch, dass in den Familien Kinder ernährt und vor allem in den ersten Jahren erzogen werden, erbringen die Eltern eine gesellschaftliche Leistung. Ohne Kinder würde nicht nur unsere Bevölkerung schrumpfen, es würden vielmehr größte Schwierigkeiten bei der Finanzierung der Alterssysteme entstehen, da mit den Beiträgen zur Rentenversicherung einer immer kleiner werdenden Zahl von Beschäftigten die Renten für eine immer größer werdende Zahl von Rentnern finanziert werden müssten. Aus der Sicht der Gesellschaft stellt also die Kindererziehung der Familien eine notwendige Leistung dar, welche aber im Rahmen eines Marktsystems nicht honoriert werden kann, da ja diese Leistungen der gesamten Gesellschaft gegenüber und nicht denjenigen gegenüber, welche in Zukunft hieraus einen Nutzen ziehen, angeboten werden. Also ist es auch notwendig, diese Leistung nicht über den Markt, sondern unmittelbar durch Transfereinkommen des Staates an die Familien mit Kindern zu bezahlen.

 

Wir wollen also festhalten, dass von dem Zerrbild, das bisweilen von Gegnern marktwirtschaftlicher Systeme gezeichnet wird, bei einer eingehenden Analyse wenig übrig bleibt. So amoralisch wie bisweilen behauptet wird, ist der Markt gar nicht. Trotzdem muss anerkannt werden: Der Markt stellt in erster Linie ein System dar, welches auf dem ‚do ut des‘ Prinzip aufbaut, eine Leistung wird durch eine möglichst gleich große Gegenleistung belohnt. Die Institution des Marktes wurde nicht geschaffen, altruistischen Zielsetzungen zum Durchbruch zu verhelfen. Es bleibt deshalb die Frage, auf welche Weise altruistischen Zielsetzungen zum Durchbruch verholfen werden kann.

 

Einen ersten Schritt in Richtung einer echten Share Economy, bei welcher also die Leistung des einen nicht gleichzeitig durch eine Gegenleistung des Empfängers vergolten wird, findet sich im Rahmen der modernen paretianischen Wohlfahrtstheorie. Vilfredo Pareto selbst war zwar der Auffassung, dass interpersonelle Nutzenvergleiche wissenschaftlich einwandfrei gar nicht vorgenommen werden können und dass es deshalb auch nicht möglich ist, nachzuweisen, bei welcher Verteilung der Einkommen und Ressourcen der Forderung nach Gerechtigkeit und damit auch dem Allgemeinwohl entsprochen werden kann. Trotzdem wurden gerade in der Weiterentwicklung der paretianischen Wohlfahrtstheorie Ansätze für ein altruistisches Verhalten der privaten Haushalte gelegt.

 

Es wurde in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass nicht nur bei der Produktion, sondern auch bei der Konsumtion externe Effekte auftreten können. Externe Effekte in der Produktion schlagen sich darin nieder, dass nicht alle Kosten, welche ein Produzent bei der Erstellung der Güter der Volkswirtschaft verursacht, in die Rentabilitätsrechnungen der Unternehmungen und damit auch nicht in die Preise dieser Güter eingehen. Die privatwirtschaftlichen Kosten sind deshalb in diesem Falle geringer als die gesamtwirtschaftlichen Kosten, sie werden deshalb auch von Individuen getragen, welche nicht in den Genuss dieser Güter gelangen. In ähnlicher Weise kann damit gerechnet werden, dass auch dann, wenn Konsumenten darüber entscheiden, wie sie ihr Einkommen und ihre sonstigen materiellen Ressourcen am zweckmäßigsten verwenden, sie nicht nur bewirken, dass der materielle Eigennutzen erhöht wird, sondern dass bisweilen auch der Nutzen anderer vergrößert wird.

 

Den externen Kosten im Produktionsbereich entsprechen also externe Konsumeffekte im privaten Haushalt. Trotz dieser Übereinstimmungen besteht jedoch ein gewaltiger Unterschied in den externen Effekten zwischen Unternehmungen und Haushalten. Die von Unternehmungen verursachten externen Kosten stellen nämlich einen Störfaktor dar, sie sind verantwortlich dafür, dass der Markt nicht immer die jeweils effizienteste Aufteilung der materiellen Ressourcen auf die einzelnen Verwendungsarten (die optimale Allokation) herbeiführt. Im Rahmen der modernen Wohlfahrtstheorie wurde nachgewiesen, dass die bestmögliche Allokation unter anderem nur dann erreicht wird, wenn die Preisverhältnisse der einzelnen Güter den Verhältnissen der gesamtwirtschaftlichen Kosten (der Grenzrate der Transformation) entsprechen. Wenn also ein Teil der einer Volkswirtschaft entstehenden Kosten gar nicht in die Preise eingeht, welche der Konsument beim Kauf der Konsumgüter entrichten muss, dann wird der Käufer dazu verleitet, von den Gütern, bei denen externe Kosten auftreten, mehr nachzufragen, als es dem eigentlichen Interesse der Konsumenten und der gesamten Volkswirtschaft entspricht.

 

Ganz im Gegensatz hierzu ist zumindest ein großer Teil der externen Konsumeffekte gewollt. Dies gilt vor allem dann, wenn Individuen bewusst einen Teil ihres Einkommens für Spenden an Notbedürftige widmen. Hier kann der Umstand, dass von den Entscheidungen der Konsumenten auch andere Haushalte profitieren, nicht als Störfaktor charakterisiert werden, in unserem Beispiel ist diese Nutzenverteilung erwünscht und löst auch keine Fehlallokationen bei der Verwendung der Einkommen (materiellen Ressourcen) aus. Diese externen Konsumeffekte sind nun nicht das Ergebnis eines Strebens nach möglichst hohem Eigennutz, sondern Ausfluss eines altruistischen Verhaltens. Auch ist hier das sonst bei marktwirtschaftlichen Handlungsweisen übliche ‚do ut des‘ Prinzip aufgehoben und durch eine echte einseitige Leistung des einen gegenüber einem andern ersetzt. Hier findet also in der Tat ein echtes Teilen statt, hier finden wir Zustände, die wir mit Recht als Share Economy bezeichnen können.

 

Wir sprachen allerdings davon, dass diese positive Bewertung der externen Konsumeffekte nur für einen Teil der externen Auswirkungen im Rahmen der Haushalte zu gelten hat. So ist erstens nicht jeder externe Konsumeffekt von den Haushaltsmitgliedern, von denen diese Wirkungen ausgehen, gewollt. Zum Teil wird der Einzelne einfach auf dem Wege einer Besteuerung, deren Erträge dann für die Realisierung von Umverteilungszielen verwendet wird, zu diesen Abgaben gezwungen. Zum Teil treten auch positive Nebeneffekte bei anderen Personen auf, die als solche gar nicht für die agierenden Individuen erwünscht sind und einfach nur in Kauf genommen werden, da nur auf diese Weise die eigenen Vorteile erreicht werden können.

 

Nehmen wir den Fall, dass bestimmte Bürger durch Fluglärm in ihrem Wohlbefinden enorm beeinträchtigt werden und dass diese Bürger nun wesentliche Kosten aufbringen, um diesem Fluglärm auszuweichen. Sie setzen z. B. einen Gerichtsbeschluss durch, aufgrund dessen den Luftfahrtgesellschaften verboten wird, über diese Gebiete zu fliegen. Oder aber sie setzen eine Bürgerinitiative mit dem Ziel in Gang, das Überfliegen dieser Gegend durch Gesetz zu verbieten. Hier bestand die Absicht des Initiators nur darin, durch den notwendigen Aufwand das eigene Wohl zu verbessern, erreicht wurde diese Verbesserung aber nur dadurch, dass diese Wohlfahrtssteigerungen allen Anrainern dieser Gegend zugute kommen.

 

Auch dann, wenn diese Zuwendungen an andere freiwillig erfolgen und das Ziel verfolgt wird, die Wohlfahrt anderer zu verbessern, kann nicht immer damit gerechnet werden, dass altruistische Zielsetzungen hinter diesen Handlungen stehen. Nehmen wir den Fall, dass sich ein Superreicher dadurch belästigt fühlt, dass sich in der unmittelbaren Umgebung seiner Wohnung Obdachlose aufhalten. Wir wollen unterstellen, dass auf seine Initiative hin und mit seiner finanziellen Unterstützung ein Obdachlosenheim eröffnet wird, in dem sich diese Obdachlosen zurückziehen können. Hier werden in der Tat die Lebensbedingungen der Obdachlosen verbessert, das eigentliche Motiv dieser Zuwendung an andere bestand aber darin, auf diesem Wege das Umfeld des Spenders für den Spender selbst angenehmer zu gestalten.

 

Ein gleicher Zusammenhang auf internationaler Ebene liegt vor, wenn Staaten Entwicklungshilfe leisten, um auf diese Weise die Gefahr von aggressiven Handlungsweisen der Entwicklungsländer gegenüber den reichen Nationen zu verhindern oder unter Umständen auch die Aussicht zu eröffnen, dass die heutigen Entwicklungsländer überhaupt erst über ein Einkommen verfügen, das ihnen gestattet, die in den hoch entwickelten Staaten produzierten Waren zu importieren.

 

Nicht alle externen Konsumeffekte verbessern die Wohlfahrt anderer Individuen. Die Entscheidungen der privaten Haushalte können bisweilen auch dazu beitragen, die Wohlfahrt Dritter zu beeinträchtigen. So etwa, wenn das eigene Wohngelände so verbaut wird, dass dem Nachbarn die Aussicht versperrt wird. Oder denken wir an den Umstand, dass ein Teil der Umweltbelastungen nicht von den Produktionsstätten, sondern von den privaten Haushalten ausgeht. Die Belastung der Luft mit giftigen Kohlendioxiden erfolgt ja nur zum Teil bei der Produktion einzelner Güter, sondern eben auch durch die Beheizung der Wohnungen sowie durch den privat genutzten Straßenverkehr.

 

Auf jeden Fall findet bei den positiven externen Konsumeffekten ein einseitiger Transfer vom Spenderhaushalt zum Empfängerhaushalt statt. Dieser einseitige Effekt unterscheidet sich von den auf Märkten sonst üblichen ‚do ut des‘ - Transaktionen: Beide Marktpartner tauschen im Prinzip als gleich eingestufte Leistungen aus. Die einseitigen Transfers bestehen hingegen stets darin, dass der Spender einen Teil seiner Ressourcen an andere vergibt. Üblicherweise erfolgt dieser Transfer in Form von Geldspenden, bisweilen übergeben jedoch die Spender Sachgüter an die Empfänger oder aber sie kaufen Dienstleistungen zugunsten der Empfänger ein. Es ist schließlich möglich, dass der Spender seine Arbeitskraft unmittelbar zur Verfügung stellt, indem er z. B. einen Notleidenden pflegt.

 

Von welchen Faktoren hängt es nun ab, welche Geldsumme als Spende zur Verfügung gestellt wird? Eine Antwort auf diese Frage erhalten wir dann, wenn wir das erste Gossen’sche Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen anwenden. Danach steigt zwar der Gesamtnutzen eines Individuums, wenn es eine Zunahme seines Einkommens erfährt und deshalb mehr Konsumgüter als bisher konsumieren kann. Wenn wir jedoch sukzessive das Einkommen um jeweils eine Geldeinheit vermehren, sinkt der Nutzenzuwachs, den die letzte Einkommenseinheit stiftet, mit der Größe des Einkommens. Ein Durstender erfährt bei Einnahme des ersten Glas Wassers eine große Befriedigung, diese zusätzliche Befriedigung wird aber bei jedem weiteren Glas Wasser immer geringer.

 

Dieses Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen können wir nun auch für die Bestimmung der aus der Sicht des Spenders erwünschten Spendensumme anwenden. Auch hier gilt, dass die Befriedigung, welche der Spender erfährt, partiell gesehen um so größer ist, je mehr er spendet, aber auch hier dürfte die zusätzliche Befriedigung mit jeder zusätzlichen Spendeneinheit zurückgehen.

 

Nun kann der Spender natürlich sein Einkommen immer nur für eine einzige Verwendungsart einsetzen. Wer eine Geldeinheit spendet, muss auf den Nutzen beim Konsum der Güter verzichten, welche der Spender erfahren hätte, wenn er diese Gelder nicht gespendet hätte und deshalb für einen zusätzlichen Kauf von Konsumgütern hätte verwenden können. Der Spender hat also stets die Nutzenveränderungen zu vergleichen, die dann eintreten, wenn er Einkommensteile, welche er bisher für den eigenen Konsum ausgegeben hat, nun spendet.

 

Bei welcher Aufteilung des Einkommens auf Konsumgüter für die eigenen Bedürfnisse sowie auf Spenden die einzelnen Individuen ihre höchstmögliche Befriedigung erfahren, können wir nun in Anwendung des ersten Gossen’schen Gesetzes in einem Zweiquadranten-Diagramm aufzeigen. Wir tragen hierzu im rechten Nord-Osten-Quadranten auf der Abszisse die Einkommenshöhe ab, welche ein privater Haushalt für den Ankauf von Konsumgütern verwendet und auf der Ordinate den jeder Höhe der eingesetzten Einkommenssumme entsprechenden Grenznutzen ab. In analoger Weise verfahren wir im linken Nordwest- Quadranten, wiederum tragen wir auf der Abszisse in Richtung Westen die Geldsumme ab, welche für Spenden aufgewandt wird, auf der Ordinate messen wir die bei den einzelnen alternativen Spendenhöhen erreichte Befriedigung beim Spender (den externen Nutzen).

 

Wir wollen in einem Gedankenexperiment unterstellen, dass der untersuchte Haushalt zunächst sein gesamtes Einkommen für die eigenen Bedürfnisse aufwendet. Die Höhe des dann erreichten internen und externen Grenznutzens zeigt uns die im NO-Quadranten eingezeichneten Grenznutzenkurven an:

 

 

 

 

 

Wenn der Haushalt nun eine Einkommenseinheit weniger für seine eigenen Bedürfnisse aufwendet, so erfährt er einen Nutzenverlust entsprechend dem Verlauf der eingezeichneten Kurve des internen Grenznutzens und wenn er diese Einkommenseinheit nun für eine Spende verwendet, steigt seine externe Befriedigung entsprechend dem Verlauf der Kurve des externen Grenznutzen. Unsere Graphik zeigt, dass die Verringerung im internen Nutzen relativ gering ist, da ja unser Haushalt bisher annahmegemäß sein gesamtes Einkommen für die eigenen Bedürfnisse verwendet hatte. Umgekehrt gilt, dass diese Spende einen relativ hohen externen Nutzenzuwachs verursacht, da ja bisher überhaupt nichts gespendet wurde. Wir können also davon ausgehen, dass vermutlich der interne Grenznutzenentgang bei der ersten Spendeneinheit geringer ausfällt als der Zuwachs im externen Nutzen und dies bedeutet, dass dieser Haushalt eine Zunahme seiner (internen wie externen Nutzen umfassenden) Wohlfahrt erfährt, wenn er einen größeren Teil seines Einkommens spendet:

 

 

 

 

 

Wie groß allerdings diese Differenz ist, hängt von der Lage der beiden Grenznutzenkurven ab, welche ja nichts anderes zum Ausdruck bringt als die Stärke der altruistischen Haltung des betrachteten Haushaltes. Je egoistischer das betreffende Individuum handelt, um so geringer ist die Höhe der Kurve des externen Nutzens im Vergleich zur Kurve des internen Nutzens. Würde unser Haushalt überhaupt keine altruistischen Regungen empfinden, würde ex definitione die Kurve des externen Grenznutzens mit der Abszissenachse im NW-Quadranten zusammenfallen. Wir wollen in unserem Gedankenexperiment unterstellen, dass unser betrachtetes Individuum sehr wohl ein bestimmtes Ausmaß an altruistischen Zielsetzungen aufweist und dass deshalb bei der ersten gespendeten Geldeinheit der Nutzenzuwachs im externen Nutzen größer ausfällt als die Nutzenminderung beim internen Nutzen.

 

Der Spender erfährt also eine Steigerung in seiner Befriedigung, wenn er weitere Geldeinheiten für Spenden verwendet. Wir reduzieren also sukzessive die Einkommensteile, welche für die eigenen Bedürfnisse eingesetzt werden und vergrößern in gleichem Umfang die Spendensumme. Da für beide Verwendungsarten des Einkommens das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen gilt, vergrößert sich der Nutzenentgang beim internen Nutzen immer stärker und ungekehrt verringert sich der Zuwachs beim externen Nutzen immer mehr.

 

 

 

 

In dem gezeigten Beispiel ist der Nutzenzuwachs beim externen Nutzen schließlich geringer als der Nutzenentgang beim internen Nutzen. Es wäre also aus der Sicht des Spenders vorteilhafter gewesen, er hätte etwas weniger gespendet. Eine Steigerung der gesamten Befriedigung ist also nur solange zu erwarten, als der interne Grenznutzen noch höher ausfällt als der externe Grenznutzen und dies bedeutet, dass ein Maximum an Gesamtbefriedigung genau dann erreicht ist, wenn externer und interner Grenznutzen die gleiche Größe aufweisen:

 

 

 

 

Die traditionelle Wohlfahrtstheorie hat sich auch mit der weiteren Frage befasst, ob Spenden dann einen größeren Nutzen versprechen, wenn sie als Geldspenden (in income) gewährt werden oder wenn den Empfängern ganz bestimmte Güter oder Dienste (in kind) unmittelbar  zur Verfügung gestellt werden.

 

Bei der Beantwortung dieser Frage müssen wir uns zunächst darüber klar werden, ob wir diese Frage aus der Sicht des Spenders oder des Empfängers zu beantworten versuchen. Betrachten wir zunächst den Fall, dass die Art der Spende aus der Sicht des Empfängers zu beurteilen sei. Wir gehen hierzu von einem Diagramm aus, auf dessen Abszisse die Spende in Form von Sachleistungen (z. B. die Zurverfügungstellung eines Kindergartenplatzes) und auf dessen Ordinate das frei verfügbare Einkommen des Empfängers abgetragen wird. Wir zeichnen nun in dieses Diagramm auf der einen Seite eine Schar von Indifferenzkurven des Empfängers ein. Jede Indifferenzkurve gibt an, bei welchen Kombinationen von primären Einkommen und Spendenhöhe der Empfänger einen gleichhohen Nutzen erfährt. Diese Indifferenzkurven weisen einen konvexen (zum Koordinatenursprung hingewandten) Verlauf auf.

 

Die Kombination von privatem Konsum und Sachspenden, welche die höchstmögliche Befriedigung des Empfängers aufzeigt, kann nun dadurch ermittelt werden, dass wir in dieses Diagramm zusätzlich eine sogenannte Bilanzgerade einzeichnen, welche aufzeigt, wie die gesamten dem Empfängerhaushalt zur Verfügung gestellten materiellen Ressourcen auf beide Verwendungsarten aufgeteilt werden können.

 

Wir gehen davon aus, dass sich unser Empfängerhaushalt bisher in einem inneren Gleichgewicht befand, was entsprechend dem zweiten Gossen’schen Gesetz bedeutet, dass der Grenznutzen bei beiden Verwendungsarten gerade ausgeglichen ist, also die gleiche Höhe aufweist. Aufgrund einer zusätzlichen Sachspende – so sei unterstellt – könne der Empfänger nun Sachspenden in größerem Umfang als bisher in Anspruch nehmen. Dies bedeutet, dass der Grenznutzen des gespendeten Gutes entsprechend dem ersten Gossen’schen Gesetzes vom abnehmenden Grenznutzen sinkt, während der Grenznutzen bei den anderen Gütern davon unberührt bleibt, da ja annahmegemäß von den übrigen Gütern nicht mehr und auch nicht weniger konsumiert wird. Dies hat zur Folge, dass nun der Grenznutzen der übrigen Güter höher liegt als beim Spendengut und dass deshalb der Haushalt sein Nutzenniveau vergrößern könnte, wenn er einen Teil der Sachspende gegen die übrigen Güter austauschen könnte. Anstelle des nachträglichen Umtausches hätte man den gleichen Effekt bewirkt, wenn man von vornherein dem Empfänger die Spende in Form einer Geldspende (mit gleichem Wert) gewährt hätte.

 

Versuchen wir diese beiden Alternativen (Geldspende, Sachspende) in unserem Diagramm zu berücksichtigen. In unserem Diagramm würde sich eine zusätzliche Sachspende so niederschlagen, dass vom bisherigen Tangentenpunkt der Bilanzgerade an eine Indifferenzkurve aus eine parallel zur Abszissenachse  verlaufende Gerade im Umfang der Zunahme der Sachspende eingezeichnet würde. Diese Gerade schneidet in ihrem rechten Endpunkt eine Indifferenzkurve, welche den Zuwachs an Nutzen gegenüber dem Ausgangszustand anzeigt.

 

Hätte man hingegen die Spende als Geldleistung gewährt, so hätte man die Bilanzgerade um den Wert der Geldspende parallel nach rechts verschieben müssen und der neue Tangentialpunkt mit einer Indifferenzkurve läge nun bei einer Indifferenzkurve, welche einen noch höheren Nutzen zum Ausdruck bringt. Dieses günstigere Ergebnis kann damit erklärt werden, dass immer dann, wenn ein Haushalt eine Erhöhung seiner materiellen Ressourcen (Einkommenssteigerung) erfährt, es zweckmäßig ist, diesen Zuwachs nicht einseitig nur für eine Verwendungsart zu verwenden, sondern ihn auf die konsumierten Güter möglichst gleichmäßig zu verteilen. Denn nur so kann ein Ausgleich der Grenznutzen  erzielt werden, was entsprechend dem zweiten Gossen’schen Gesetzes die Voraussetzung für eine optimale Verwendung des Einkommens darstellt.

 



Eine etwas andere Schlussfolgerung ergibt sich, wenn wir die Frage, ob Spenden in Form von Geld oder Gütern bzw. Dienstleistungen gewährt werden sollen, aus der Sicht des Spenders beurteilen. Nehmen wir einmal an, der Spender will mit seiner Spende dazu beitragen, dass der Empfänger eine Berufsausbildung erfährt und damit seine beruflichen Chancen verbessert, dass aber zu befürchten ist, dass der Empfänger dann, wenn er eine bestimmte Geldsumme zur freien Verwendung erhält, dieses Geld zum Erwerb von Alkohol und Drogen verwende. In diesem Fall ist es klar, dass der Spender sein Ziel nur bei einer Sachspende, nicht aber bei einer Geldspende erreicht.

 

Welche dieser beiden Betrachtungsweisen sollen nun berücksichtigt werden? In einer freien Demokratie gehen wir im Allgemeinen vom Selbstbestimmungskriterium aus. Jeder Bürger soll das Recht haben, selbst zu bestimmen, welche Verwendung seiner materiellen Ressourcen ihm den höchsten Nutzen  bringt. Der Einzelne – so wird unterstellt – sei im Allgemeinen sehr wohl in der Lage, diese Frage besser zu beantworten als ein wohlmeinender Diktator (Spender), der angibt, stets im Interesse des Beschenkten zu handeln. Dieses Selbstbestimmungskriterium wird bisweilen selbst dann noch verteidigt, wenn man zugeben muss, dass einzelne Individuen objektiv betrachtet bisweilen durchaus fehlerhafte Entscheidungen treffen.

 

Man hält trotzdem am Selbstbestimmungskriterium fest, weil man es auf jeden Fall für erwünscht hält, dass sich der einzelne um seine persönlichen Belange zuallererst selbst zu kümmern habe und weil man davon ausgeht, dass der Einzelne aus seinen Fehlern für die zukünftigen Probleme lernen kann, sodass auf lange Sicht gesehen die Selbstbestimmung auch dann dem Einzelnen zugute kommt, wenn sich in Einzelfällen die Individuen irrational verhalten und gegen ihre eigenen wohlverstandenen Interessen verstoßen.

 

Allerdings wird man zugeben müssen, dass in besonders krassen Einzelfällen durchaus auch einmal eine Fremdbestimmung bevorzugt werden muss. In dem oben aufgeführten Beispiel von der Alternative zwischen Berufsausbildung oder Drogenkonsum wird sicherlich jeder einräumen, dass in diesem Falle die anstehende Frage nach der Art der Zuwendung im Sinne des Spenders erfolgen sollte.

 

Kenneth E. Boulding und andere, in Deutschland unter anderen Martin und Anita Pfaff, haben diese Gedanken eines einseitigen Transfers zugunsten Dritter aufgegriffen und zu einer Grants Economics ausgebaut. So sei zwar der Gedanke des Tausches eine zentrale Idee der klassischen, liberalen Wirtschaftstheorie, er sei jedoch zur Erklärung wirtschaftlicher Vorgänge nicht ausreichend.

 

Der Tausch wirtschaftlicher Güter, bei dem eine Person A einer anderen Person B etwas gebe, um von dieser Person etwas gleichwertiges zu erhalten, sei zwar eine notwendige, aber nicht ausreichende Voraussetzung wirtschaftlichen Handelns. Neben dem Tausch gewönnen the grants (die Subventionen) eine zunehmende Bedeutung als Instrument der ökonomischen und politischen Organisation. Hier gebe Person A einer anderen Person B etwas austauschbares, ohne dass im Gegenzug diese begünstigte Person dem Spender etwas gleichwertiges zurückgebe. Subventionen dürften nicht als etwas exotisches, außerhalb des wirtschaftlichen Systems liegendes Faktum angesehen werden, sondern müssten sowohl in der Theorie wie auch in der empirischen Forschung integriert werden.

 

Dort, wo eines dieser elementaren Organisationsprinzipien vernachlässigt wurde, sei es zu einer fatalen Fehlentwicklung der Wirtschaftslehre gekommen. Dies gelte gleichermaßen für einen Laisser-faire-Liberalismus, welcher nur Tauschbeziehungen untersucht und akzeptiert wie auch für solche radikalen Ideen, welche Tauschbeziehungen als solche verteufelt haben. Es bestehe hier die Gefahr, dass diese Lehren mit den klassisch liberalen Ideen auch ihre eigene Grundlage zerstören. Einseitige Transfers seien nur in dem Maße überhaupt möglich, als zuvor unter Einsatz der Kräfte des Marktes wirtschaftliche Güter erzeugt wurden.

 

 

Fortsetzung folgt!