Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Noah im Rausch

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Der Segen für Jakob, dem Jüngeren

  9. Josef und seine Brüder

10. Moses vor dem Pharao

11. Ruth die moabitische Frau und Ahnfrau Davids

12. David gegen Goliath

13. David und die Frau des Hethiters

14. Esthers Rettung der Juden

15.  Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas 

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

 

 

Kapitel 2. Schöpfungsbericht

 

 

Gliederung:

 

1. Der Text

2. Zusammenfassung des Inhaltes

3. Wesentliche und unwesentliche Auskünfte

4. Unterschiede zwischen erstem und zweitem Schöpfungsbericht

5. Vergleich mit der griechischen Mythologie

 

 

 

1. Der Text

 

Wir wollen also diese Vorlesung mit dem Schöpfungsbericht des Alten Testamentes beginnen. Hierbei berichtet das erste Buch Moses, die Genesis über die Schöpfung der Welt. Gegenstand dieses Berichtes ist die Erschaffung der Welt durch Gott. Das Buch Genesis beginnt mit den Worten (Gen 1,1-2,4):

 

1  ‚Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; 

2  die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.

3  Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.

4  Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis

5  und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.

 

6  Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser.

7  Gott machte also das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes. So geschah es

8  und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend und es wurde Morgen: zweiter Tag.

 

9  Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde. So geschah es.

10  Das Trockene nannte Gott Land und das angesammelte Wasser nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war.

11  Dann sprach Gott: Das Land lasse junges Grün wachsen, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, und von Bäumen, die auf der Erde Früchte bringen mit ihrem Samen darin. So geschah es.

12  Das Land brachte junges Grün hervor, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, alle Arten von Bäumen, die Früchte bringen mit ihrem Samen darin. Gott sah, dass es gut war.

13  Es wurde Abend und es wurde Morgen: dritter Tag.

 

14  Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen; 

15  sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin leuchten. So geschah es.

16  Gott machte die beiden großen Lichter, das größere, das über den Tag herrscht, das kleinere, das über die Nacht herrscht, auch die Sterne.

17  Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde hin leuchten,

18  über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war.

19  Es wurde Abend und es wurde Morgen: vierter Tag.

 

20  Dann sprach Gott: Das Wasser wimmle von lebendigen Wesen und Vögel sollen über dem Land am Himmelsgewölbe dahinfliegen.

21  Gott schuf alle Arten von großen Seetieren und anderen Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt, und alle Arten von gefiederten Vögeln. Gott sah, dass es gut war.

22  Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und vermehrt euch und bevölkert das Wasser im Meer und die Vögel sollen sich auf dem Land vermehren.

23  Es wurde Abend und es wurde Morgen: fünfter Tag.

 

24  Dann sprach Gott: Das Land bringe alle Arten von lebendigen Wesen hervor, von Vieh, von Kriechtieren und von Tieren des Feldes. So geschah es.

25  Gott machte alle Arten von Tieren des Feldes, alle Arten von Vieh und alle Arten von Kriechtieren auf dem Erdboden. Gott sah, dass es gut war.

26  Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.

27  Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.

28  Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.

29  Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.

30  Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es.

31  Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag.

 

Kapitel 2

1  So wurden Himmel und Erde vollendet und ihr ganzes Gefüge.

2  Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte.

3  Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.

4a  Das ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurden.‘ 

 

Im Anschluss an diesen ersten Schöpfungsbericht folgt unmittelbar ein zweiter Bericht über die Entstehung der Welt, der einmal die wichtigsten im ersten Schöpfungsbericht aufgezählten Ereignisse zusammenfasst, sich aber in einigen wesentlichen Punkten vom ersten Schöpfungsbericht unterscheidet. Wir lesen in Kapitel 2 Vers 4b des ersten Buches Moses:

 

4b  ‚Zur Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte,

5  gab es auf der Erde noch keine Feldsträucher und wuchsen noch keine Feldpflanzen; denn Gott, der Herr, hatte es auf die Erde noch nicht regnen lassen und es gab noch keinen Menschen, der den Ackerboden bestellte;

6  aber Feuchtigkeit stieg aus der Erde auf und tränkte die ganze Fläche des Ackerbodens.

7  Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.

8  Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte.

9  Gott, der Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

10  Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert; dort teilt er sich und wird zu vier Hauptflüssen.

11  Der eine heißt Pischon; er ist es, der das ganze Land Hawila umfließt, wo es Gold gibt.

12  Das Gold jenes Landes ist gut; dort gibt es auch Bdelliumharz und Karneolsteine.

13  Der zweite Strom heißt Gihon; er ist es, der das ganze Land Kusch umfließt.

14  Der dritte Strom heißt Tigris; er ist es, der östlich an Assur vorbeifließt. Der vierte Strom ist der Eufrat.

15  Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte.

16  Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen,

17  doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben.

18  Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.

19  Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen.

20  Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht.

21  Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch.

22  Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu.

23  Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heißen, denn vom Mann ist sie genommen.

24  Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch.

25  Beide, Adam und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.‘

 

 

2. Zusammenfassung des Inhaltes

 

Der erste Schöpfungsbericht handelt also von der Erschaffung der Welt durch Gott. Unter Welt wird hier Himmel und Erde, also das gesamte Weltall verstanden. Gott hat diese Welt danach in mehreren Schritten erschaffen, wobei dieser gesamte Schöpfungsprozess bildlich ausgesprochen in sechs bzw. sieben Tagen vollzogen wird. In einem ersten Schritt spricht Gott: ‚es werde Licht‘ und das Licht wurde von der bisher allein vorliegenden Finsternis getrennt.

 

In einem zweiten Schritt werden Himmel und Erde von einander getrennt. In einem dritten Schritt schied Gott hier auf Erden die Wasser vom Festland. Der vierte Schritt besteht darin, dass Gott am Himmel Sonne und Mond (die beiden größeren Lichter) sowie zahlreiche Lichter (Sterne) erschuf, wobei die Sonne am Tage, die kleineren Lichter jedoch (Mond und Sterne) nachts die Erde beleuchteten. Der fünfte Schritt bestand in der Erschaffung der Lebewesen am Himmel (die Vögel) sowie im Wasser (die Fische). Am sechsten Tag schließlich wurden die Tiere hier auf dem Festland und zum krönenden Abschluss der Mensch als Ebenbild Gottes und als Mann und Frau erschaffen.

 

Gott gab sodann den Menschen den Auftrag, „Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen“. Es wird eigens erwähnt, dass Gott sowohl den Tieren wie auch dem Menschen alle Pflanzen und nicht etwa auch die Tiere dieser Erde als Nahrung übergeben hatte.  Der erste Schöpfungsbericht endet damit, dass Gott nach Abschluss der Schöpfung am siebten Tage ruhte.

 

Der zweite Schöpfungsbericht, der ummittelbar an den ersten anschließt, erwähnt, dass Gott vor der Erschaffung des Menschen, also in seinem fünften Schritt Regen auf die Erde fallen ließ und dadurch bewirkte, dass Pflanzen jeglicher Art hervorsprießen. Im Hinblick auf die Erschaffung des Menschen wird hier im zweiten Schöpfungsbericht im Gegensatz zum ersten nur von einem Menschen, einem Mann gesprochen. Gott formte danach den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.

 

Es folgt nun ein ausführlicher Bericht darüber, dass Gott einen Garten anlegte, in dem er aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen ließ, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Er setzte den Menschen in diesen Garten und übergab ihm dieses Paradies, damit er ihn bebaue und hüte. Dem Menschen gab er das Gebot: ‚Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben.‘

 

Erst jetzt kommt die Rede auf einen zweiten Menschen, die Frau. Gott habe nämlich festgestellt, dass es nicht gut sei, wenn der Mensch (der Mann) allein sei. Zunächst habe Gott die Tiere zu dem Menschen geführt, damit der Mensch den Tieren einen Namen gebe. Der Mensch gab zwar  den Tieren einen Namen, sie waren ihm jedoch keine echte Hilfe. Erst jetzt macht Gott aus einer Rippe (Seite) des Mannes ein neues zweites Wesen, die Frau und führt sie ihm zu. Und der Mensch akzeptierte die Frau als sein Lebensgefährte.

 

 

3. Wesentliche und unwesentliche Auskünfte

 

Wir wollen uns nun die Frage stellen, welche dieser aufgezeichneten Auskünfte wesentlich sind und welche als unwesentlich einzuordnen sind. Wir hatten bereits im ersten Kapitel dieser Vorlesung darauf hingewiesen, dass sich die Heilige Schrift keinesfalls als ein Tatsachenbericht versteht, der die Ereignisse so aufzeichnet, wie sie in Wirklichkeit eingetreten sind. Die Heilige Schrift soll vielmehr allein die Glaubenswahrheiten vermitteln.

 

Wir gehen davon aus, dass Gott den Menschen die Sinne sowie den Verstand gegeben hat, nicht um am Verstand irre zu werden, sondern die Dinge, welche sich auf Erden ereignen, selbst durch Beobachtung und Schlussfolgerungen zu erkennen, in diesem Sinne ist die Aufforderung, welche Gott den Menschen gleich am Anfang gegeben hat, zu verstehen, machet euch die Erde untertan.

 

Wenn auch diese Wahrnehmungsorgane im Allgemeinen ausreichen, um im Prinzip die irdischen Dinge zu erkennen, so stoßen sie dort auf ihre Grenzen, wo mit unseren Sinnen gar keine Beobachtungen gemacht werden können. Wir können zwar z. B. feststellen, dass ein Mensch stirbt, nicht jedoch, ob er in irgendeiner Form nach dem Tode weiterlebt. Wir können auch nicht – um ein zweites Beispiel zu bringen – überprüfen, ob das Weltall zu Anbeginn per Zufall, durch einen Urknall, wie die Wissenschaft heute behauptet, entstanden ist oder ob es Gott war, der durch seinen Willen und durch sein Wort die Welt und seine Naturgesetze erschaffen hat.

 

Da nun aber gerade die Frage nach dem Sinn des Lebens für unsere Lebensführung von entscheidender Bedeutung ist, bedürfen wir auch der Antworten über diese nicht sichtbaren, also metaphysischen Wahrheiten. Wir werden unser Leben anders einrichten je nachdem, ob wir der Überzeugung sind, dass der  Mensch das Maß aller Dinge ist und deshalb auch alles Tun darf, das er tun kann und tun will oder ob wir von der Überzeugung ausgehen, dass Gott den Menschen erschaffen hat und dem Menschen aufgefordert hat, sich entsprechend der von Gott gesetzten Gebote zu verhalten.

 

Legen wir diese Grundauffassung zugrunde, ergibt sich von selbst, welche Auskünfte in der Heiligen Schrift als wesentlich zu gelten haben und welche anderen Berichte als unwesentlich eingestuft werden müssen. Nur die metaphysischen Fragen, welche wir mit unseren Sinnen gar nicht beantworten können, deren Antwort wir aber genau so bedürfen wie auch der mit Hilfe unserer Wahrnehmungsorgane wahrgenommenen Fakten, werden deshalb als wesentliche Aussage einzustufen sein.

 

Alle anderen Fragen, welche wir im Prinzip mit unseren Sinnen im Zusammenhang mit unserem Verstand erkennen können, sind deshalb für den Bibeltext unwesentliche Aussagen, da sie eben nichts darüber aussagen, was als Glaubenswahrheit anzusehen ist. Die christlichen Kirchen gehen heute davon aus, dass Gott selbst in der Gestalt des Heiligen Geistes über die Erhaltung der Glaubenswahrheiten wacht, sodass sich im Hinblick auf die Auskünfte über die Glaubenswahrheiten die in der Heiligen Schrift aufgezeichneten Auskünfte als wahr zu gelten haben, nicht unbedingt in dem Sinne, dass jede einzelne Auskunft sofort die gesamte Wahrheit enthält, aber doch in dem Sinne, dass sich letztendlich die Wahrheit durchsetzt.

 

Für die mit Hilfe unserer Wahrnehmungsorgane feststellbaren Ereignisse können wir diesen absoluten Wahrheitsanspruch nicht unterstellen. Der Mensch hat von Gott mit seinen Sinnen und mit seinem Verstand die zur Erkenntnis der irdischen Dinge notwendigen Voraussetzungen erhalten, diese Wahrnehmungsorgane reichen aus, um die irdischen Dinge zu erkennen, es bedarf hier keiner maßregelnden Korrektur durch die Schriften der Bibel.

 

Natürlich müssen wir auch im Hinblick auf diese grundsätzlich zu erkennenden irdischen Fragen damit rechnen, dass wir uns im Einzelfall irren können und dass sich auch hier die Wahrheit erst allmählich herausstellt. Wenn also in der Bibel Feststellungen zu irdischen Fragen getroffen werden, so spiegeln diese Antworten die Meinung der Wissenschaft zu diesen Fragen in der damaligen Zeit wider. Sie können falsch sein und können in der Folgezeit korrigiert werden. Und wenn solche Aussagen in der Heiligen Schrift gemacht werden, haben sie auch keinen übergeordneten Wahrheitsanspruch. Sie spiegeln nur die allgemeine Meinung der damaligen Zeit wider und fehlerhafte Aussagen auf diesem (unwesentlichen) Bereich tun dem Anspruch der Bibel auf endgültige Wahrheiten deshalb auch keinen Abbruch.

 

Nun können auch die Glaubenswahrheiten den Menschen immer nur mit Hilfe unserer Sprache übermittelt werden. Die einzelnen Begriffe haben sich jedoch mit der Zeit dadurch herausgebildet, dass die Menschen mit der Sprache den Versuch unternahmen, die gerade anstehenden irdischen Probleme in den Griff zu bekommen. Es ist dann fast ein unmögliches Unterfangen, auch Glaubenswahrheiten mit eben diesem Begriffsapparat zu vermitteln. Deshalb können die Glaubenswahrheiten mit Hilfe von Begriffen, die eigentlich gar nicht für die Übermittlung von metaphysischen Fragen gebildet wurden, immer nur gleichnishaft beschrieben werden. Es entstehen dann Formulierungen der Art: ‚mit dem Himmelsreich verhält es sich wie mit einem Weinbergbesitzer, der …

 

Gerade aus dieser Unzugänglichkeit der metaphysischen Fragen mit Hilfe unserer Sprache ergibt sich, dass die Glaubenswahrheiten nicht immer bei ihrer ersten Übermittlung als vollkommen und eindeutig anzusehen sind. Gerade deshalb geht die Kirche davon aus, dass Gott selbst über die Wahrheit dieser Aussagen wacht und dafür Sorge trägt, dass sich vielleicht erst in einzelnen Schritten, bei denen im ersten Anlauf noch nicht die ganze Wahrheit ans Licht kam, aber letztendlich doch die ganze Wahrheit durchsetzt.

 

Gemessen an diesem Maßstab will der Schöpfungsbericht in allererster Linie besagen, dass es Gott war, durch den die Welt erschaffen wurde. Die Wissenschaft kann zwar aufgrund von Beobachtungen zu dem Ergebnis kommen, dass die Welt eines Tages entstanden sein muss. Man hatte nämlich beobachtet, dass sich der Abstand der Sterne zueinander mit der Zeit vergrößert, sodass sich also das Weltall offensichtlich immer mehr ausweitet. Und da trotz zahlreicher Untersuchungen kein Fall nachgewiesen werden konnte, bei dem sich das Weltall zusammenzog, leitete man aus dieser Erkenntnis die Schlussfolgerung ab, dass das Weltall einen Beginn haben musste, rückwärts betrachtet bedeutet ja Ausweitung des Weltalls auch, dass das Weltall  und die in ihr enthaltene Materie irgendwann einmal eine unendlich kleine Ausdehnung haben musste und von diesem Augenblick an überhaupt erst das Weltall existieren konnte. Die Wissenschaft spricht hierbei vom Urknall.

 

Wahrnehmungen und Schlussfolgerungen allein lassen jedoch keinerlei Aussagen darüber treffen, durch welche Kraft denn dieser Urknall ausgelöst wurde. Auskünfte darüber, ob also Zufallskräfte diesen Urknall ausgelöst haben, wie die Atheisten meinen oder doch – und dies ist die Überzeugung aller gläubigen Juden, Christen und Moslems – diese das Weltall erzeugende Kraft von einem göttlichen Wesen ausgegangen ist, können nicht mit Hilfe unserer Sinne und unserem Verstand abschließend geklärt werden, hierzu bedarf es eines Glaubensaktes.

 

Demgegenüber sind die Auskünfte der Bibel, wonach der Schöpfungsakt nicht in einem einzigen, sondern in mehreren (sechs) Schritten vollzogen wurde, im Hinblick auf die Glaubenswahrheiten von untergeordneter Bedeutung. Zwar wird man anerkennen können, dass die im Schöpfungsbericht erwähnten sechs Schritte erstaunlich mit den Kenntnissen der modernen Wissenschaft konform gehen. Auch die Wissenschaft lehrt uns, dass sich das Weltall erst über eine Vielzahl von Milliarden von Jahren zu dem Zustand entwickelt hat, den es heute einnimmt. Auch der Hinweis, dass sich zunächst die Gestirne gebildet haben, dass sich dann erst organische Gebilde herausentwickelt haben und dass erst dann Lebewesen, die Tiere im Wasser und am Himmel, sowie zuallerletzt – sozusagen in den allerletzten Sekunden, wenn man einen einzigen Tag als Bezugsgröße der Entstehung unseres heutigen Kosmos – der Mensch entstanden ist.

 

Alle diese Fragen können vom Ansatz her mit Hilfe der menschlichen Wahrnehmungsorgane grundsätzlich erkannt werden, deshalb können auch die im Schöpfungsbericht enthaltenen Aussagen über die Reihenfolge der Entwicklung des Weltalls als Auffassungen angesehen werden, welche die wissenschaftliche Auffassung zu der Zeit, in der der Schöpfungsbericht entstanden ist, dargestellt hatte. Es sind menschliche Schlussfolgerungen, sie können wie alle wissenschaftlichen Aussagen sehr wohl im Einzelfall falsch sein.

 

Diese Feststellung gilt vor allem für das im Schöpfungsbericht zugrunde gelegte geozentrische Weltbild, dass also die Erde den Mittelpunkt des Kosmos darstelle und dass Sonne, Mond und Sterne um diese Erde kreise. Diese Weltsicht entsprach weitgehend der wissenschaftlichen Auffassung der Zeit, in der die Heiligen Schriften niedergeschrieben wurden, auch dann, wenn auch schon sehr früh einzelne Forscher bereits von einem heliozentrischen Weltbild sprachen, wonach die Erde genauso wie die anderen Planeten um die Sonne kreise und die Vielzahl Sterne darauf hinweist, dass im Weltall unendlich viele solche Sonnensysteme bestehen. Welches Bild vom Zusammenhang der einzelnen Sonnen und Planeten wir uns machen müssen, kann sehr wohl aus menschlichen Beobachtungen erschlossen werden und ist gerade deshalb nicht wesentlicher Bestandteil der im Schöpfungsbericht vermittelten Glaubenswahrheiten.

 

Auch die weitere Frage, ob uns die Heilige Schrift darüber belehrt, dass der Mensch vollkommen unabhängig von den Tieren erschaffen wurde oder ob mit der Wissenschaft festgestellt werden muss, dass auch der Mensch letzten Endes als Weiterentwicklung alles Lebens hier auf Erden angesehen werden muss, kann durchaus mit Hilfe der menschlichen Wahrnehmungsorgane erforscht werden und ist gerade deshalb wiederum nicht primärer Gegenstand von Glaubenswahrheiten.

 

Die Bibel will uns mit dem Schöpfungsbericht lediglich sagen, dass es Gott war, der diesen Entstehungsprozess menschlichen Lebens in Gang gesetzt hat. Welchen Weg hierbei Gott gewählt hat, ist demgegenüber von geringerer Bedeutung. Die Vorstellung, dass Gott bei der Erschaffung der Welt die Naturgesetze geschaffen hat, nach denen auch die Entwicklung von Leben jeglicher Art vor sich geht und dass sich entsprechend dieser Naturgesetze schließlich der Mensch am Ende dieser Entwicklung herausgebildet hat, geht genauso konform mit dem Schöpfungsbericht, wie der anfängliche Glaube, dass der Mensch vollkommen unabhängig von der Entwicklung der Tiere erschaffen wurde. Die Bibel will uns nur darüber belehren, dass auch die Entstehung des Menschen letztendlich durch Gottes Wille bewirkt wurde, nicht aber, wie denn nun diese Entstehung des Menschen im Einzelnen vollzogen wurde.

 

In diesem Zusammenhange lässt sich auch die Streitfrage klären, inwieweit der Umstand, dass einzelne Tiere bisweilen auch über Eigenschaften verfügen, die im Allgemeinen nur dem Menschen zugesprochen werden, als Widerspruch zur Bibel anzusehen ist. Wenn wir schon akzeptieren, dass der Mensch keinesfalls vollkommen unabhängig von der Entwicklung der Tiere entstanden ist, sondern aus dem allgemeinen Entwicklungsprozess alles Leben hervorgegangen ist, verwundert es eigentlich nicht, dass dann kurz vor der Entstehung des Menschen einzelne Tiere, welche in diesem Entwicklungsprozess kurz vor dem Menschen stehen, bereits einzelne für den Menschen typische Merkmale aufweisen.

 

Die Darstellung des Entwicklungsprozesses bei der Erschaffung der Welt in der Bibel will somit weniger Auskunft darüber geben, wie die einzelnen Teile des Weltalls hintereinander entstanden sind, sondern aufzeigen, welche Bewertung dieses einzelnen Schritte im Handeln Gottes erfahren haben. Unabhängig davon, ob nun de facto die Sonne um die Erde oder vielmehr die Erde um die Sonne kreist, ist die ganz andere Frage, welchen Sinn hat Gott mit der Erschaffung der Welt verbunden und welche Rolle kommt hierbei dem Menschen zu. Dies ist eine Frage, welche mit den dem Menschen zur Verfügung stehenden Wahrnehmungsorganen nicht beantwortet werden kann, sie ist vielmehr Gegenstand einer Glaubenswahrheit. Und aus dem Schöpfungsbericht lässt sich ganz deutlich herauslesen, dass die Schöpfung auf den Menschen zielt, dass die natürlichen Ressourcen dieser Erde, die Pflanzen wie auch Tiere letztendlich zum Wohle des Menschen erschaffen wurden.

 

In diesem Sinne kommt den Pflanzen sowie den Tieren eine dienende Funktion zu. Im Schöpfungsbericht heißt es ex pressis verbis, dass die Pflanzen zur Ernährung der Tiere wie der Menschen dienen. Darüber hinaus wird den Menschen der Auftrag gegeben: ‚Machet euch die Erde untertan‚ bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen‘. Davon, dass die Tiere zur Nahrung des Menschen dienen sollten, steht allerdings im ersten wie auch im zweiten Schöpfungsbericht kein Wort. Tiere als Nahrung des Menschen vorzusehen, wird dann erst nach der Vernichtung der Menschen während der großen Sintflut als erlaubt angesehen.

 

Eine weitere als wesentlich einzustufende Aussage ist darin zu sehen, dass Gott den Menschen als sein Abbild geschaffen hatte; um diesen Satz zu unterstreichen wird er sogleich nochmals wiederholt. Nun ist dieser Satz sicherlich nicht so zu verstehen, dass der Mensch auf diese Weise Gott gleich geworden ist, das Gegenteil ist der Fall. Von Gott können wir nur als ein in jeder Hinsicht vollkommenes Wesen denken, der Mensch hingegen ist – wie gerade zahlreiche  Beispiele aus der Heiligen Schrift immer wieder betonen – nahezu in jeder Hinsicht unvollkommen. Und dies gilt nicht nur für die Masse der einfachen Menschen, gerade die Propheten und die von Gott gesalbten Könige erweisen sich als sündhafte Menschen, die immer wieder die Gebote Gottes übertreten.

 

In einer Hinsicht jedoch hat Gott nach der Auskunft der Bibel dem Menschen eine Eigenschaft verliehen, welche göttlicher Natur ist und welche außer Gott nach der Auskunft der Bibel nur den Menschen verliehen ist. Wenn der Schöpfungsbericht davon spricht, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat, dann wird hier zum Ausdruck gebracht, dass der Mensch als freies Wesen geschaffen wurde. Der Mensch hat durchaus die Freiheit sich zu Gott zu bekennen und seinen Geboten zu folgen oder aber auch sich von Gott abzuwenden und ihn nicht als Herr über den Menschen anzuerkennen. Und diese Eigenart hat Gott bei der Erschaffung der Welt ganz bewusst dem Menschen verliehen. Gott will, dass wir uns aus freien Stücken zu ihm bekennen und nicht etwa mit Waffengewalt zum Glauben an Gott und zum Einhalten seiner Gebote gezwungen werden.

 

Gerade diese Eigenschaft hat jedoch enorme Auswirkungen. Wenn der Mensch wirklich frei ist, so müssen wir stets damit rechnen, dass es Menschen gibt, welche die Gebote Gottes verletzen, in dem sie ihren Mitmenschen aus Streben nach Eigennutz Schaden zu fügen und die nicht ihren Mitmenschen helfen, wenn sie sehen, dass diese in Not sind. Diese vom Menschen an anderen Menschen zugefügten Schädigungen entsprechen keineswegs dem Willen Gottes und gehen auch nicht von Gott aus. Sie sind gegen den Willen Gottes von Menschenhand verübt und gerade deshalb können sie auch nicht als Gott gewollt angesehen werden.

 

Natürlich müssen wir davon ausgehen, dass Gott als allmächtiges Wesen in der Lage wäre, diese Straftaten zu verhindern. In diesem Falle wären wir jedoch nicht mehr frei. Wir könnten uns vielleicht Straftaten ausdenken, jeder Versuch, diese Gedanken in die Tat umzusetzen, würde jedoch von Gott verhindert. Es käme einem logischen Widerspruch gleich, wollten wir unterstellen, dass Gott auf der einen Seite dem Menschen die Freiheit lässt, sich für oder gegen ihn zu wenden, gleichzeitig aber trotzdem jede einzelne Straftat verhindern würde. Wir können uns aber Gott niemals als widersprüchlich denken. Gott gab uns bei der Erschaffung der Welt den Verstand, um zu erkennen, dass keine Widersprüche bestehen können nicht etwa um an diesem Verstand irre zu werden.

 

 

4. Unterschiede zwischen erstem und zweitem Schöpfungsbericht

 

Welche Bedeutung kommt nun dem zweiten Schöpfungsbericht zu? Dass überhaupt die Heilige Schrift zwei unterschiedliche Schöpfungsberichte enthält, mag zunächst verwundern. Im Allgemeinen wird dieser Umstand damit erklärt, dass die Heilige Schrift aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt wurde. So wird davon ausgegangen, dass das Alte Testament aus mehreren literarischen Schichten von Überlieferungen zusammengesetzt ist, welche bis auf Moses, also bis auf das 13. Jahrhundert v. Chr. zurückgehen.

 

So unterscheidet die Bibelexegese drei Hauptschichten, aus denen dann der Text des alten Testamentes hervorging und zwar erstens die jahwistische (J) Schicht, welche durch die Vorliebe für den Gottesnamen Jahwe gekennzeichnet ist; sie entstammt vermutlich einer Niederschrift um 900 v. Chr.  Eine zweite Schicht wird als elohistische Schicht (E) gekennzeichnet, so vor allem deshalb, weil hier der Gottesname Elohim gebraucht wird. Eine besondere Bedeutung erlangte eine dritte Schicht, welche als Priesterschrift (P) bezeichnet wird, welche im Babylonischen Exil um 550 v. Chr. von Priestern verfasst wurde.

 

Später wurden die früheren Überlieferungen erneut bearbeitet und neuere gesetzliche Regelungen in das Bundesgesetz eingearbeitet. Schließlich wurden nach der Rückkehr aus dem Babylonischen Exil (586–538 v.) durch einen letzten Bearbeiter (Redaktor, abgekürzt R) die mündlich und schriftlich vorliegenden Berichte zu der heute als Pentateuch bekannten Heiligen Schrift der Juden zusammengefasst.

 

Das Vorhandensein zweier Schöpfungsberichte wird jedoch auch so verstanden, dass der zweite Bericht nach einer kurzen Zusammenfassung des bereits bisher Gesagten etwas ausführlicher als der erste Bericht darüber berichtet, was Gott mit der Erschaffung des Menschen beabsichtigte und welche Möglichkeiten und Gebote Gott den ersten Menschen gegeben hatte.

 

Trotz der Tatsache, dass bestimmte Aussagen des zweiten Schöpfungsberichtes dem ersten Schöpfungsbericht entsprechen oder diesen nur ergänzen, müssen wir bei einer näheren Analyse zugeben, dass bestimmte Passagen des zweiten Schöpfungsberichtes so formuliert sind, dass sie zumindest auf den ersten Augenschein (also vielleicht nur scheinbar) als widersprüchlich zu den Aussagen im ersten Schöpfungsbericht stehen.

 

So lesen wir z. B. im ersten Schöpfungsbericht, dass Gott zunächst am fünften Schöpfungstag die Vögel und Fische und zu Beginn des sechsten Tages auch die Vielzahl der Tiere hier auf dem Festland erschaffen hat und dass er erst dann, als diese Taten vollbracht waren, den Menschen schuf. Im zweiten Schöpfungsbericht hingegen erfahren wir jedoch, dass Gott zunächst den Menschen erschaffen hatte, dass er dann das Paradies anlegte und zahlreiche Bäume und Pflanzen in diesem Paradies wachsen ließ und erst dann Tiere erschuf, welche dem Menschen zu Diensten sein sollten.

 

Wir hatten eingangs betont, dass der Schöpfungsbericht wie alle Auskünfte der Heiligen Schrift nicht als Tatsachenbericht verstanden werden darf. In welcher Reihenfolge sich nämlich die Erde und alles Irdische entwickelt hat, kann grundsätzlich mit Hilfe der den Menschen gegebenen Wahrnehmungsorganen (der Sinne und des Verstandes) erkannt werden, die Glaubenswahrheiten der Bibel wollen aber nur über das berichten, was sich den menschlichen Wahrnehmungsorganen entzieht. Also kommt es auch nicht wesentlich darauf an, in welcher Reihenfolge Gott Leben erschaffen hat. Wir hatten bereits darauf hingewiesen, dass die im ersten Schöpfungsbericht zeitliche Abfolge vielmehr etwas über die Rangordnung der Geschaffenen aussagen will und dass die Abfolge vom Unbelebten bis zum Menschen etwas darüber aussagen will, dass in den Augen Gottes die Krönung der Schöpfung der Mensch darstellt.

 

Wenn nun im zweiten Schöpfungsbericht eine andere Reihenfolge erwähnt wird, wird die überragende Bedeutung des Menschen in keinster Weise in Frage gestellt. Ganz im Gegenteil wird davon gesprochen, dass Pflanzen und Tiere dem Zweck dienen, das menschliche Dasein zu garantieren. Die überragende Bedeutung des Menschen im Rahmen der Schöpfung wird nur auf unterschiedliche Weise hervorgehoben. Im ersten Schöpfungsbericht wird die Wichtigkeit der einzelnen Schöpfungsakte dadurch hervorgehoben, dass von dem weniger Wichtigen zu dem Wichtigeren fortgeschritten wird. Im zweiten Schöpfungsbericht wird hingegen zunächst von dem zu verwirklichenden Ziel (dem Menschen) ausgegangen und dann in einem zweiten Schritt gefragt, welche anderen Schöpfungsakte zur Erreichung dieses Zieles notwendig waren.

 

Ganz anderes gilt für einen zweiten Unterschied zwischen beiden Schöpfungsberichten. Im ersten Schöpfungsbericht spricht Gott zu den Menschen:

 

‚Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.‘

 

Im zweiten Schöpfungsbericht erfahren wir hingegen, dass Gott, der Herr den Menschen nahm

 

‚und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte. Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben.‘

 

Größer könnte der Unterschied zwischen diesen beiden Weisungen nicht sein. Die Menschen können nur dadurch fruchtbar sein und sich vermehren, dass der männliche Samen mit dem weiblichen Ei verbindet und dies erfolgt nun einmal dadurch, dass sich Mann und Frau geschlechtlich vereinen. Dass der Mensch im zweiten Schöpfungsbericht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse nicht essen darf, stellt natürlich ein Bild dar. Im Rahmen der Bibelexegese besteht weitgehende Einigkeit darin, dass das Erkennen eben gerade darin besteht, dass sich Mann und Frau geschlechtlich vereinen. So heißt es z. B. in Genesis Kapitel 4,1: ‚Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain.‘

 

Dass vom Erkennen von Gut und Böse in dieser Erzählung gesprochen wird, dürfte damit zusammenhängen, dass später in der Erzählung des ersten Sündenfalls Adams und Evas die Schlange der Eva einzureden versucht, dass ihnen dann, wenn sie von dieser Frucht essen, die Augen aufgingen und sie Gut und Böse genauso wie Gott erkennen könnten.

 

Wenn aber der Mensch entsprechend der von Gott im Paradies ausgesprochenen Weisung sich geschlechtlich nicht vereinigen darf, dann steht diese Weisung der im ersten Bericht erwähnten Weisung, fruchtbar zu sein, im krassen Widerspruch. Wie kann dieser Widerspruch aufgelöst werden, wann gilt das Verbot, fruchtbar zu sein und wann das Gebot sich zu vermehren?

 

Im Allgemeinen wird das im Paradies von Gott ausgesprochene Verbot, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, so interpretiert, dass die Menschheit ähnlich wie auch der einzelne Mensch zunächst eine Phase durchlebt, in der er keine geschlechtlichen Regungen empfindet, um dann erst nach seiner Pubertät solche Regungen zu empfinden. Genauso wie der einzelne Mensch also eine vorpubertäre Phase durchlaufe, genauso soll auch der zweite Schöpfungsbericht darauf aufmerksam machen, dass die gesamte Menschheit ebenfalls eine solche vorpubertäre Phase durchlaufen habe.

 

Diese Erklärung kann jedoch nicht befriedigen. Denn wenn die ersten Menschen tatsächlich zunächst keine geschlechtlichen Regungen empfunden haben, warum bedurfte es dann überhaupt des Verbotes vom Baum der Erkenntnis zu essen? Das sechste Gebot gilt ja auch nicht für Kinder im vorpubertären Alter, sondern erst für die Phase, von der ab der einzelne Heranwachsende geschlechtliche Neigungen und Triebe entwickelt hat und nun gewisser Regeln bedarf, in welchen Fällen ein geschlechtlicher Verkehr erlaubt, vielleicht sogar geboten erscheint und in welchen anderen Fällen das Ausleben des Geschlechtstriebes zu unerwünschten Folgen führt und deshalb verboten ist.

 

Wenn überhaupt die Aussage Gottes, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen, als ein Verbot aufgefasst werden soll, dann gibt es nur einen Sinn, wenn überhaupt die Gefahr besteht, dass der Mensch dazu neigt, die Früchte des Baums der Erkenntnis auch zu pflücken und zu essen. Wer noch gar nicht die Fähigkeit besitzt, sich geschlechtlichen Trieben hinzugeben, braucht auch kein Verbot, sich geschlechtlich hinzugeben.

 

Wir werden in der nächsten Erzählung (im Bericht über den ersten Sündenfall von Adam und Eva) eine etwas andere Deutung dieses Verbotes kennen lernen. Wir werden dort sehen, dass das Vorhandensein dieser sehr unterschiedlichen Weisungen Gottes an die Menschen auch so gedeutet werden kann, dass entsprechend dem zweiten Schöpfungsbericht Gott zunächst die Absicht verfolgte, dass die Menschen bereits hier auf Erden ewig leben (weshalb es im Paradies auch den Baum des Lebens gibt), dass aber die Früchte des Paradieses keinesfalls ausreichen, dass sich die Menschen vermehren und gleichzeitig ewig leben. Notwendiger Weise wird bei kontinuierlichem Wachstum der Menschheit eines Tages eine Grenze erreicht, von der ab der materielle Reichtum des Paradieses nicht mehr ausreicht, alle Menschen zu ernähren mit der Folge, dass dann Menschen mangels ausreichender Ressourcen vor Hunger sterben müssen.

 

 

5. Vergleich mit der griechischen Mythologie

 

Die wesentlichen Aussagen des Schöpfungsberichtes der Heiligen Schrift lassen sich am besten dadurch erkennen, dass wir diesen Bericht mit heidnischen Mythologien vergleichen. Hier in dieser Vorlesung soll der Schöpfungsbericht der Bibel mit der griechischen Mythologie verglichen werden. Da für das antike Griechenland mehrere unterschiedliche Mythologien bekannt sind, wollen wir uns hier mit der auf Hesiod zurückgehenden Theogonie befassen.

 

Danach herrschte am Anfang der Welt ein Chaos, es gab zwar bereits Materie, welche jedoch vollkommen strukturlos, ohne jede Form und Ordnung war. Diesem Chaos entsprang Gaia (die Erde), Tartaros (die Unterwelt), Eros (die Liebe), Erebos (die Finsternis) sowie Nyx (die Nacht). Aus der Verbindung von Nyx und Erebos entstehen dann der Tag Hemera und die Luft Aither. Die meisten Götter der griechischen Mythologie hingegen entstammen Gaia, welche aus sich selbst das Meer (Pontos), die Berge (Ourea) und den Himmel (Uranos) zeugt.

 

Uranos wird dann von seinem eigenen Sohn, dem Titanen Kronos entmachtet, welcher die Macht ergreift, aber seinerseits von Zeus, dem Sohn des Kronos gestürzt wird. Nun beginnt die Herrschaft der olympischen Götter, wobei Zeus sich dadurch seine Herrschaft sichert, dass er seine Frau Metis verschlingt um zu verhindern, dass ihr Sohn schließlich auch Zeus wiederum stürzt.

 

Die nun auf dem Olymp herrschenden Götter sind neben Zeus seine fünf Geschwister: Hera, Hades, Hestia, Poseidon und Demeter sowie die zehn göttlichen Kinder des Zeus: Ares, Hephaistos, Hebe, Eileithyia Artemis, Apollon, Hermes, Athene, Persephone und Aphrodite. Hinzugezählt werden noch Herakles und Dionysos, welche aus einer Verbindung von Zeus mit sterblichen Frauen entstammen.

 

Als erstes fällt auf, dass in der griechischen Mythologie von mehreren Göttern die Rede ist, während die Heilige Schrift der Juden und Christen stets nur einen einzigen Gott kennt.

 

Der Gott der Juden und Christen war zweitens weiterhin schon von Ewigkeit vorhanden und wurde somit auch nicht erschaffen. In der griechischen Mythologie hingegen war zu Anbeginn nur ein Chaos, aus dem dann die erste Göttergeneration entstand, die selbst wiederum identisch war mit der Schöpfung, der aus dem Chaos hervorgehenden Welt. So ist z. B. die Göttin Gaia zugleich die aus dem Chaos hervorgehende Erde.

 

Für den Schöpfungsbericht der Bibel gilt drittens, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild erschaffen hat, der Mensch ist zwar damit noch kein göttliches Wesen, ein Abbild ist immer nur eine sehr unvollkommene Kopie des Originals, die Menschen unterscheiden sich ganz erheblich von Gott. Während Gott in jeder Hinsicht vollkommen ist, gilt der Mensch als ein recht unvollkommenes Wesen fast in jeder Hinsicht. Nur im Hinblick auf den grundsätzlich freien Willen gleicht der Mensch seinem Schöpfer.

 

Die Götter des griechischen Olymps werden hingegen mit recht menschlichen Zügen beschrieben. Die Gleichheit zwischen Gott und den Menschen ergibt sich in der griechischen Mythologie nicht so sehr darin, dass Gott bzw. die Götter den Menschen göttliche Züge verleihen. Vielmehr dichten die Erfinder der griechischen Schreiber den Göttern nachträglich menschliche Züge und hier wiederum gerade auch die Schwächen der menschlichen Wesen an.

 

Wie die Menschen bekriegen sich die Götter gegeneinander, sie sind keineswegs tugendhaft. Auch wenn einzelne Götter die Menschen beschützen sollen, so erfolgt dieser Schutz zumeist nur deshalb, weil die Götter auf diese Weise im olympischen Machtpoker punkten können.

 

Der biblische Schöpfungsbericht beginnt viertens damit, dass Gott arbeitet: ‚Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde‘. Im Gegensatz zu dieser etwas schaffenden Aktivität werden uns die olympischen Götter als eine Art Leisure-Gesellschaft beschrieben, in der sich die Götter der Muße hingeben und von Langeweile getrieben werden. Die Götterwelt wird als eine reine Konsumgesellschaft beschrieben.

 

Dass das sogenannte christliche Mittelalter zumindest in einem Punkt alles andere war, als das, was uns die Heilige Schrift lehrt, zeigt die Tatsache, dass die Klasse des Adels jede berufliche Arbeit als minderwertig angesehen hat, die den Untergebenen vorbehalten ist und wonach Arbeiten als unwürdig und dem Stande nicht entsprechende Tätigkeit angesehen wurde. Legt man jedoch die Heilige Schrift zugrunde, so hat zu gelten, dass dann, wenn sogar Gott sich nicht zu schade war, zu arbeiten, dass dann erst recht für alle Menschen, auch die Höhergestellten zu gelten hat, dass Arbeit ehrt und nicht etwa entehrt.

 

Entsprechend dem Schöpfungsbericht der Bibel hat sich die Erschaffung der Welt bildlich gesprochen in sieben Tagen vollzogen. Zwar waren am Ende des sechsten Tages alle Arbeiten Gottes getan. Wenn aber trotzdem der Schöpfungsbericht von sieben Tagen spricht, so deshalb, weil am Ende der Arbeit die Ruhe steht, sie schließt sie vollendete Arbeit ab, sie ist genauso wichtig, wie die produktiven Tätigkeiten davor und wenn diese Gesamtheit und Einheit von Arbeit und Ruhe schon für Gott gegolten hat, gilt sie erst recht auch für den Menschen.

 

Die Ruhe nach der Arbeit ist für alle Menschen genauso wichtig wie die vorhergehende Arbeit. Arbeit bedeutet Verschleiß der Kräfte und es bedarf deshalb immer wieder periodischer Ruhepausen, in denen die Arbeitskraft regeneriert werden kann. Dieses Recht auf Ruhe gilt hierbei für alle Bevölkerungsschichten, es widerspricht dem christlichen Verständnis, wenn Ruhe nur den gehobenen Schichten (dem, Adel des Mittelalters) zugestanden wird. Und die Berechtigung der Ruhe setzt eigentlich voraus, dass der nun Ruhende zuvor gearbeitet hat.

 

Wenn also auch die heidnischen Mythen genauso wie der biblische Schöpfungsbericht der Frage nachgehen, wie die Welt entstanden ist, ergeben sich also trotzdem beachtliche Unterschiede zwischen Bibel und den verschiedenen heidnischen Weltentstehungsmythen.