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Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

 

 

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Die Arche Noah

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Verkauf des Erstgeburtsrechts an Jakob

  9. Josef und seine Brüder

10. David gegen Goliath

11. David und die Frau des Hethiters

12. Esthers Rettung der Juden

13. Josef in Ägypten

14. Moses vor dem Pharao

15. Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

18. Der barmherzige Samariter

 

 

Gliederung:

 

0. Das Problem

1. Der Text

2. Auf welchen Begriff der Liebe bezieht sich dieses Gebot?

3. Handelt es sich um ein neues Gebot?

4. Wer gilt als Nächster?

5. Liebe den Nächsten wie dich selbst

6. Liebe den Nächsten, denn er ist wie du

7. Hilfe für den in Not geratenen.

8. Füge dem Mitmenschen keinen Schaden zu.

9. Behandle deinen Mitmenschen als freien Mitbürger.

              10. Das Gebot der Feindesliebe

              11. Halte auch die andere Wange hin

              12. Liebe versus ‚Do ut Des-Prinzip‘

 

 

 

0. Das Problem

 

Bei unseren bisherigen Erzählungen gingen wir stets von biblischen Gestalten aus. Es wird uns von einem Handeln dieser biblischen Gestalten berichtet. Zumindest dann, wenn wir vom Wortlaut dieser Erzählung ausgehen, hat es auf den ersten Blick den Anschein, als habe sich die geschilderte Begebenheit tatsächlich so ereignet, wie sie dargestellt wurde.

 

Bei der in diesem Kapitel behandelten Geschichte ist von vornherein klar, dass es sich hier um ein Gleichnis handelt, der hier geschilderte Samariter hat wohl so, wie er hier vor unseren Augen gezeichnet wird, niemals gelebt und um dies hervorzuheben, lernen wir ja auch nicht den Namen dieses Samariters kennen. Es handelt sich hierbei um ein Gleichnis, das anhand einer fingierten Erzählung auf eine tiefere Wahrheit aufmerksam machen will.

 

Die Gestalten, welche in diesem Gleichnis gezeichnet werden, könnten sehr wohl gelebt haben und und deren Verhalten sind wir in unserem Leben vermutlich wiederholt begegnet. Diese Begebenheit hätte also in der Realität tatsächlich so oder in ähnlicher Weise stattfinden können, sie ist sogar typisch für menschliche Wesen.

 

Genauso, wie in einem frei erfundenen Roman dadurch, dass eigens zu Beginn der Handlung darauf aufmerksam gemacht wird, die Personen dieser Handlung seien erfunden und hätten so nicht gelebt, der Wahrheitsgehalt sogar verstärkt wird, genau so will das Gleichnis zum Ausdruck bringen, dass das geschilderte Verhalten dieser fingierten Personen sogar typisch für die damalige, aber auch für unsere Zeit ist und in Wirklichkeit sehr oft vorkommt. Durch diese Verneinung wird sogar im Leser der Eindruck erweckt, dass diese Handlung in Wirklichkeit in ähnlicher Weise stattgefunden hatte, dass der Schreiber dieser Erzählung eben nur nicht aufgrund dieser Behauptungen wegen Verleumdung belangt werden wollte.

 

Damit verschwinden jedoch die Unterschiede zwischen einem Gleichnis und der Erzählung bestimmter Vorkommnisse im Leben biblischer Gestalten. Und diese Unterschiede verschwinden nahezu ganz, wenn wir uns – wie wiederholt in dieser Vorlesung  betont wurde – daran erinnern, dass die Heiligen Schriften keinesfalls beabsichtigen, wie in einem Protokoll tatsächliche Ereignisse aufzuschreiben. Die Heilige Schrift will niemals ein protokollarisch aufgezeichneter Tatsachenbericht sein, sondern benutzt die fingierte Erzählung nur, um dem Leser anhand dieses Berichtes eine tiefergehende Glaubenswahrheit näher zu bringen. Da dies jedoch gerade die Absicht eines jeden Gleichnisses darstellt, könnten wir auch davon sprechen, dass alle Abhandlungen der Heiligen Schrift und nicht nur die ex pressis verbis formulierten Gleichnisse eine Art Gleichnis darstellen.

 

Welche tiefere Wahrheit das Gleichnis vom barmherzigen Ritter entwickeln will, erfahren wir, wenn wir den Text lesen, der dem Gleichnis vorangeht. Im Lukasevangelium Kapitel 10 lesen wir:

 

25 ‚Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? 

26  Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort?

27  Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. 

28  Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben.

29  Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?‘

 

Es geht also bei diesem Gleichnis um nichts geringeres als um die Frage nach dem wichtigsten Gebot.

 

 

1. Der Text

 

Wenden wir uns zunächst dem Text dieses Gleichnisses zu. Bei Lukas, Kapitel 10 steht geschrieben:

 

30 ‚Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen.

31 Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter.

32 Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter.

33 Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid,

34 ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.

35 Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.

36 Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räu-bern überfallen wurde?

37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!‚

 

Der Ausgangspunkt dieser Erzählung besteht darin, dass Menschen einem Mitmenschen übel mitspielen, ihn überfallen, ausrauben und halb tot schlagen und ihn auch in einem Zustand, aus dem sich der Niedergeschlagene auch nicht aus sich selbst heraus befreien kann, liegen lassen. Er ist auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen, diese Hilfe ist für ihn existenziell, ohne sie kann er nicht überleben.

 

Entscheidend ist nun, dass zunächst vor dem Erscheinen des Samariters zwei Mitmenschen den Weg, an dem der Hilfsbedürftige liegt, entlang kommen und zwar ein Priester und ein Diakon. Es ist kein Zufall, dass gerade Personen den Weg entlang kommen, welche in der jüdischen Religion eine hervorgehobene Position einnehmen. Wenn es nämlich zu den Pflichten eines jeden Juden zählt, den in Notgeratenen zu Hilfe zu kommen, gilt – so sollte man eigentlich meinen – das Gebot der Nächstenliebe a fortiori für die Priester und Tempeldiener (Diakone) des jüdischen Volkes. Zwar richten sich die Gebote Gottes an alle Menschen, alle Bevölkerungsgruppen sind angewiesen je nach ihren Möglichkeiten, den Notleidenden zu helfen. Aber man hätte eigentlich erwarten können, dass die Führungskräfte im besonderem Maße ein Vorbild abgeben und darauf achten, dem Gebote Gottes stets zu entsprechen.

 

Wenn also nun ein Priester und ein Diakon an dem Notleidenden vorbeigehen, ohne den Geboten zu entsprechen, so steht hinter dieser Aussage der deutliche Verweis, dass gerade diejenigen, welche als erste gehalten sind, die Gebote der Nächstenliebe einzuhalten, in Wirklichkeit die Gebote verletzen. Sie geben nur vor, gottestreu zu sein, leben jedoch in Wirklichkeit an der Thora vorbei. Eigentlich hätte man erwarten müssen, dass gerade die Diener Gottes (die Priester genauso wie die Tempeldiener) ein gutes Beispiel abgeben und durch diese Taten dem einfachen Volk einen Anreiz geben, diesem Beispiel zu folgen und ebenfalls den in Not Geratenen zu helfen.

 

Was wird wohl den Priester und den Diakon veranlasst haben, den Notleidenden nicht zu beachten und eilig weiterzugehen? Wir können nicht davon ausgehen, dass das Gebot der Nächstenliebe erst von Jesus formuliert wurde, also für die Juden, welche nicht bereit waren, in Jesus den Messias anzuerkennen, noch gar nicht geboten war, nein die Forderung nach Nächstenliebe wurde auch schon – wie wir weiter unten noch sehen werden – bereits wiederholt in der Thora erhoben.

 

Was war aber dann der Grund, weshalb Priester und Diakon dieses Gebot missachteten? Der Text dieses Gleichnisses lässt uns im Unklaren, vielleicht liegt der Grund darin, dass sie bemüht sind, möglichst schnell zum Tempel und damit zur Verrichtung der geforderten rituellen Handlungen zu kommen, vielleicht waren sie sich auch einfach zu fein, um so niedrige Akte wie Versorgung von Kranken und Niedergeschlagenen selbst zu übernehmen.

 

Es ist darüber hinaus wiederum ganz bewusst so ausgewählt ein Samariter, also ein Mann aus Samaria, welcher dann dem Notleidenden wirksame Hilfe bringt und zwar nicht nur ein bischen, ein Minimum an Hilfe, ohne die der Betroffene umkommen würde. Nein, ganz im Gegenteil: Dieser Samariter versorgt den Überfallenen so sorgsam, wie es nicht besser erfolgen könnte. Um die hier gewählte Spitze gegen die Juden der damaligen Zeit besser zu verstehen, muss man sich darüber klar werden, dass Samaria zur Zeit Jesu nicht mehr zu dem Reich Judäa zählte.

 

Samaria war ursprünglich die Hauptstadt des israelitischen Nordreiches. Die Einwohner dieser Stadt und der Umgebung wurden jedoch nach der Niederlage gegen die Assyrer im Jahre 722 zu einem großen Teil in die assyrische Gefangenschaft verschleppt, gleichzeitig wurden Bewohner des assyrischen Reiches in das Gebiet um Samaria umgesiedelt. Mit der Zeit kam es auf dem Boden Samarias zu einer Vermischung dieser Siedler mit den zurückgebliebenen Einwohnern. Diese Bevölkerung übernahm zum Teil die israelitische Religion, behielt jedoch weite Teile des heidnischen Glaubens der Neusiedler bei.

 

Als die Einwohner Judäas aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrt waren, wollte der so neu entstandene Volksstamm Samaria’s am Wiederaufbau des durch die Babylonier zerstörten Tempels mitwirken, aber die Einwohner Judäas verweigerten ihnen diese Mitarbeit, da erstere nach wie vor an den heidnischen Göttern festhielten. Wir können also sehr wohl davon ausgehen, dass Jesus dadurch, dass ausgerechnet ein Angehöriger des von den Israeliten verhassten Volkes aus Samaria die von den Juden geforderten Akte der Nächstenliebe erbringt, eine verborgene Anklage gegen sein eigenes Volk erhebt.

 

 

2. Auf welchen Begriff der Liebe bezieht sich dieses Gebot?

 

Fragen wir uns als erstes, auf welchen Begriff der Liebe sich dieses Gebot bezieht, welche Art von Liebe denn mit diesem Gebot der Nächstenliebe angesprochen ist? Im Alltagsgebrauch verwenden wir ja den Begriff der Liebe mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen.

 

Gemeinsam ist fast allen Begriffen der Liebe, dass sie als eine Form der emotionalen Zuwendung erlebt wird, die in unterschiedlichen Epochen und Kulturen recht verschieden verstanden wurde.

 

Unter Liebe wird zunächst ein körperlich-sinnliches, von sexueller Anziehung ausgehendes Begehren verstanden, das eine sinnlich-erotische Beziehung zu dem gewählten Liebespartner anstrebt. Im Vordergrund steht hier die leidenschaftliche, auf sexueller Lust beruhende Bindung. Die griechische Philosophie spricht seit Aristoteles in diesem Zusammenhang von Eros.

 

Hierzu im Gegensatz steht eine Liebesäußerung, welche bei der Zuneigung zum geliebten Menschen auf die Sorge für einen anderen Menschen abhebt. Sie umfasst sowohl den sorgenden Umgang, den die Eltern mit ihren Kindern pflegen – also die zärtliche, Geborgenheit gewährende Bindung zwischen Eltern und Kind – ebenso wie die vielfältigen Formen der Freundschaft und der Sympathie bis hin zur Verantwortung für den Nächsten, für die eigene und auch für andere Gruppen.

 

Die griechische Philosophie spricht in diesem Zusammenhang von Agape, wobei sich das Wort ‚Agape‘ ursprünglich auf das Abendmahl bezieht, das vor allem die Frühchristen im Gedenken an das letzte Abendmahl abhielten, das Jesus vor Beginn seiner Passion mit seinen Jüngern abgehalten hatte.

 

Hiervon abgehoben findet sich in der religiös fundierten Literatur die Orientierung des Liebesbegriffs an Gott, der den Menschen liebt und die Forderung erhebt, dass die Menschen nicht nur Gott lieben, sondern sich auch gegenseitig lieben sollen, genauso wie Gott die Menschen liebt.

 

Es ist klar, dass sich das Gebot der Nächstenliebe nicht auf die Liebe in Form des Eros bezieht, sondern dass stets mit der Forderung nach Nächstenliebe eine Liebe im Sinn der Agape angesprochen ist und dass die geforderte Nächstenliebe letztlich ihren Grund in der Liebe Gottes zu den Menschen hat.

 

Nun hatten wir unter den Begriff der Agape auch Sympathiebekundungen subsumiert. Das Gebot der Nächstenliebe verlangt jedoch sicherlich nicht, dass wir uns darum bemühen, für alle Mitmenschen, denen wir begegnen und von denen wir erfahren, Sympathie zu entwickeln.

 

Sympathie – und ihr Gegenstück Antipathie – entsteht zumeist aufgrund körperlicher Zusammenhänge. Wenn zwei Menschen sich nicht mögen, sich nicht ausstehen können, spricht man oft davon, dass ihre ‚Chemie‘ nicht stimme, dass also die Art und Weise, wie sich der andere verhält, Antipathie auslösen kann, man kann eben bestimmte Menschen nicht ‚riechen‘.

 

Neben der körperlichen Konstitution dürfte vor allem auch die persönliche Lebensgeschichte des Einzelnen darüber mitbestimmen, ob man einzelne Menschen sympathisch findet oder ob sie abstoßend wirken. Oft reicht ein bestimmtes Erlebnis in der Vergangenheit (vor allem in der Kindheit), das mit Leid und Frustration auf der einen oder mit Freude auf der anderen Seite verbunden war, das – ohne dass der einzelne die Ursache dieser Empfindungen kennt – letztlich über Sympathie oder Antipathie entscheidet.

 

Nun ist es sicherlich Aufgabe einer jeden Erziehung, Antipathien zu überwinden, vor allem dann, wenn sie unberechtigt sind und nicht ihre Wurzel im Verhalten dessen hat, dem gegenüber man Antipathie empfindet. Aber viel entscheidender als die Überwindung dieser Empfindungen selbst ist die Forderung, dass man die Antipathie nicht den Mitmenschen spüren lässt, ihn also deshalb, weil man ihm gegenüber eine Antipathie hegt, ihn ungerecht behandelt und ihm unfreundlich begegnet. Es ist also in erster Linie die Achtung, welche mit dem Gebot der Nächstenliebe eingefordert wird.

 

Es ist bekannt, dass auch sehr fromme Menschen durchaus Antipathien gegenüber einzelnen Mitmenschen hegen, so sollen sich z. B. auch Petrus und Paulus ‚spinnefeind‘ gewesen sein. Aber das Gebot der Nächstenliebe richtet sich auch gar nicht in erster Linie an die Empfindungen, sondern an das Verhalten gegenüber den Mitmenschen. Man kann die im Gebot der Nächstenliebe geforderte Achtung auch sehr wohl Menschen gegenüber bringen, für die man keine Sympathie empfindet.

 

 

3. Handelt es sich um ein neues Gebot?

 

Fragen wir uns als zweites, ob es sich bei der Nächstenliebe um ein neues Gebot handelt? Bisweilen begegnet man in der Öffentlichkeit der Meinung, dass das Gebot der Nächstenliebe erst von Jesus formuliert worden sei und dass hier der wesentliche Unterschied zwischen dem Neuen und dem Alten Testament bestehe, dass also das Alte Testament die Forderung nach Nächstenliebe noch nicht gekannt habe.

 

Dies wäre jedoch ein falscher Eindruck. Jesus selbst bezog sich im Zusammenhang mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter ex pressis verbis auf die zehn Gebote Gottes:

 

‚An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten‘. (Matthäus, Kapitel 22,40)

 

In der Tat beziehen sich die zehn Gebote Gottes – das Kernstück des Alten Testamentes – einerseits auf die geforderte Gottesliebe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis oder Gleichnis machen und bete diese nicht an und diene ihnen nicht! Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest.

 

Andererseits beziehen sich die zehn Gebote Gottes auf die Achtung gegenüber den Mitmenschen: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

 

Jesus sah also in den beiden Geboten der Gottes- und der Nächstenliebe nichts anderes als eine Zusammenfassung der bereits im Alten Testament gültigen zehn Gebote Gottes. Er führte mit anderen Worten die einzelnen zehn Gebote auf die Gebote der Gottes- und Nächstenliebe zurück.

 

Wenn auch im 1. Buch Moses (Exodus 20, 1-17) bei der Verkündung der zehn Gebote auf dem Berg Sinai nicht ex pressis verbis von Nächstenliebe gesprochen wird, so kennt das Alte Testament doch sehr wohl auch bereits diesen Begriff. In der Schrift Levitikus 19,18 heißt es:

 

‚An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr‘. Die korrekte Übersetzung aus dem Hebräischen dürfte vermutlich nicht lauten: ‚wie dich selbst‘ sondern eher: ‚denn er ist wie du‘.

 

Allerdings wird hier der Begriff der Nächstenliebe ganz offensichtlich auf den Volksstamm der Israelis bezogen, während Jesus in seinem Gleichnis bewusst nicht einen Israeli, also einen aus dem Stamme Juda, sondern einen Mann aus Samaria ausgewählt hat, der sich gegenüber dem von Räubern überfallenen Mann als Nächster erwies.

 

Trotzdem gibt es sehr wohl einen Unterschied in der Bedeutung des Gebotes der Nächstenliebe im Alten und im Neuen Testament. Jesus spricht ganz bewusst von zwei Geboten, denen ein gleicher Rang zugesprochen wird. Ebenso wichtig wie das erste Gebot der Gottesliebe ist danach das zweite Gebot der Nächstenliebe. Man kann sogar davon sprechen, dass sich die wahre Gottesliebe nicht nur im Gottesdienst und in der Verrichtung ritueller Handlungen vollzieht, sondern eben vor allem darin, dass man den Mitmenschen genauso liebt, wie Gott den Menschen liebt.

 

In der Zeit, in der Jesus gelebt hatte, war ein gläubiger Jude in erster Linie darum bemüht, durch peinliche Beachtung der einzelnen rituellen Vorschriften (Brandopfer, Beschneidung, koscheres Essen etc.) dem Gebot der Gottesliebe zu entsprechen, das Gebot der Achtung der Mitmenschen galt zwar auch, aber es trat gegenüber dem Gebot der Gottesliebe oftmals in den Hintergrund.

 

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter wie in zahlreichen anderen Gleichnissen und Lehren Jesu wird das Verhalten der Priester und Pharisäer gegeißelt, dass all zu sehr nur darum bemüht war, dem Wortlaut der rituellen Vorschriften zu entsprechen, ohne dass die – durch die Einhaltung dieser Vorschriften – geforderte Gesinnung hinter diesen rituellen Handlungen zum Ausdruck komme.

 

Hier bringt Jesus in der Tat einen Wandel in der Auslegung und Befolgung der einzelnen Gebote Gottes. Es kommt nicht so sehr darauf an, dass der einzelne nach außen hin für die Mitwelt die Einhaltung der Vorschriften demonstriert, es kommt vielmehr allein auf die Gesinnung an, die den einzelnen Handlungen zugrunde liegt. Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte tut. (Matthäus Kapitel 6,3) Die wahre Bußfertigkeit bei Einhaltung des Fastengebotes liegt nicht im Verzicht auf Nahrung, sondern darin, dass man z. B. die Armen speist.

 

So heißt es bei Matthäus Kapitel 6 Vers 16-19:

 

‚Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber salbe dein Haar, wenn du fastest, und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.‘

 

Es gibt allerdings im Neuen Testament eine Stelle, in der ex pressis verbis mit der geforderten Liebe von einem neuen Gebot gesprochen wird. Im Johannisevangelium Kapitel 13,Vers 29 spricht Jesus bei seinem letzten Abendmahl, das er zusammen mit seinen Jüngern vor Beginn seiner Passion abgehalten hatte:

 

‚Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt‘.

 

Hier wird also in der Tat im Hinblick auf die geforderte Liebe von einem neuen Gebot gesprochen. Dieses ‚neue‘ liegt jedoch weniger darin, dass hier ein Gebot formuliert wird, wie es bisher im Alten Testament noch nicht gekannt wurde. Wir haben ja gesehen, dass auch im Alten Testament bereits ex pressis verbis von Nächstenliebe gesprochen wird und dass Jesus selbst im Zusammenhang mit der Formulierung der zwei wichtigsten Gebote lediglich eine Zusammenfassung der zehn Gebote Gottes sieht.

 

Das ‚neue‘ an dem Gebot der Nächstenliebe liegt vielmehr daran, dass ein Christ dieses Gebot in viel stärkerem Maße beherzigen soll als ein Jude, dass man eben gerade daran, wie Christen einander lieben und auch Nichtchristen Hilfe gewähren, erkennen kann, dass ihr ‚meine Jünger‘ seid.

 

 

4. Wer gilt als Nächster?

 

Und wer gilt als Nächster im Sinne dieses Gesetzes? Es mag zunächst verwundern, dass Jesus nicht die Beziehungen zwischen Familienangehörigen als Nächste angesprochen hat, obwohl kein Zweifel bestehen kann, dass gerade in der Beziehung zwischen Ehegatten oder zwischen Eltern und Kind viele Beispiele aufopfernder Tätigkeiten z. B. für pflegebedürftige Familienmitglieder bekannt sind.

 

Es ging jedoch in diesem Gleichnis auch nicht darum, Beispiele aufopfernder Nächstenliebe lobend hervorzuheben, sondern darauf aufmerksam zu machen, dass dem Gebot der Nächstenliebe eben oft nicht entsprochen wird und diese Ermahnungen können natürlich am besten mit Beispielen verbunden werden, die auf besonders schwere Fälle einer Übertretung hinweisen.

 

Es ist deshalb auch kein Wunder, wenn in diesem Beispiel gerade ein Priester und ein Levit für Menschen hervorgehoben werden, welche dieses Gebot vernachlässigen. Jesus hätte natürlich auch die an ihn gestellte Frage einfach damit beantworten können, dass er alle Menschen als mögliche Nächste bezeichnet hätte. Immerhin wird in der aramäischen Version dieser Bibelstelle dieses Gebot damit begründet, dass alle Menschen vor Gott gleich seien (‚denn er ist wie du‘). Also läge es nahe, dass man die Forderung nach Nächstenliebe auf alle Mitmenschen bezieht, welche in Not geraten sind.

 

In diesem Zusammenhang entsteht auch die Frage, inwieweit mit diesem Gebot auch die Aufforderung nach einer weltweiten Hilfe verbunden ist. Nun gilt es zunächst daran zu erinnern, dass es zu Zeiten Jesu noch keine modernen Medien wie Hörfunk, Fernsehen oder Internet gab, sodass die einzelnen Menschen damals auch nicht so schnell und intensiv über die Not in der Welt erfahren haben.

 

Immerhin war aber Israel nicht von der übrigen Welt isoliert, es war Teil des römischen Imperiums und sehr viel Not wurde den Juden und den benachbarten Völkern gerade von der römischen Besatzungsmacht zugefügt. Auch verbanden viele Juden in der damaligen Zeit die Hoffnung auf einen Messias mit der Erwartung, dass der Messias sie von der verhassten Römerherrschaft befreie.

 

Also hätte man auch erwarten können, dass gerade in der gegenseitigen Unterstützung der Juden und in der Hilfe denjenigen gegenüber, welche von den Römern in Not gestürzt worden waren, Beispiele einer vorrangig notwendig gewordenen Nächstenliebe zu sehen sei. Jesus hat sich in anderen Gleichnissen und Reden sehr wohl mit der jüdischen Besatzungsmacht auseinandergesetzt und somit die durch die Besatzungsmächte hervorgerufene Not durchaus zur Kenntnis genommen.

 

Offensichtlich verband Jesus jedoch mit dem Gebot der Nächstenliebe die Forderung, denjenigen vor allem als Nächsten anzusehen, der einem persönlich begegnet, dessen Not und Hilfsbedürftigkeit vor Augen geführt wird. In diesem Sinne hat fast jeder, der in Not gerät, einen Nächsten, der ihm helfen kann. Und es ist sicherlich eine sehr sinnvolle Arbeitsteilung, wenn man vorrangig denjenigen zur Hilfe auffordert, der dem Notleidenden persönlich begegnet.

 

Damit wird in keiner Weise bestritten, dass auch Fernstenliebe, also Hilfe gegenüber in Not geratenen Menschen auf der ganzen Welt berechtigt und auch notwendig ist. Während aber diese Fernstenliebe zumeist nur im Zusammenhang vieler Einzelspenden überhaupt zum Tragen kommt und deshalb einer Organisation von Seiten des Staates oder caritativer Einrichtungen bedarf, liegt die Betonung bei der Nächstenliebe auf dem persönlichen Einsatz jedes Einzelnen.

 

 

5. Liebe den Nächsten wie dich selbst

 

Wir kennen zwei Interpretationen des Gebotes der Nächstenliebe. Zumeist wird dieses Gebot in dem Sinne interpretiert, dass man den Nächsten so lieben solle, wie man sich selbst liebt. Eine zweite Interpretation des Gebotes der Nächstenliebe geht von dem aramäischen Wortlaut aus und Jesus hatte sicherlich in hebräisch oder auch aramäisch zu seinen Zuhörern gesprochen; danach begründet Jesus die Forderung nach Nächstenliebe damit, dass der andere dir gleiche: ‚Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du‘. Wenden wir uns zunächst der ersten Interpretation zu.

 

Man könnte die Aufforderung, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, zunächst in dem Sinne verstehen, dass jeder den andern genauso stark lieben sollte, wie sich selbst, dass also in dieser Interpretation gleichzeitig der Maßstab für den Umfang der Nächstenliebe angegeben sei.

 

Jeder wird zubilligen, dass dies aber eine sehr heroische Forderung darstellen würde, die sehr große Selbstüberwindung verlangen würde. Auf jeden Fall wird man feststellen müssen, dass die Masse der Christen, auch der gläubigen Christen, die sehr wohl willens sind, sich an die Gebote Gottes zu halten, für den anderen zumeist etwas weniger zu geben bereit sind als für sich selbst.

 

Im Mittelalter wurde eine Maxime entwickelt, dass von den Einkünften, die der einzelne durch gewerbliche Arbeit verdiene, etwa ein Drittel an den Staat, an die Kirche und für die Armen gegeben werden sollte, das heißt etwas mehr als zehn Prozent für den Staat, zehn weitere Prozente für die Kirche und schließlich zehn Prozente für die Armen verwandt werden sollten. Für den Eigenbedarf bliebe somit immerhin 2/3 der Einkünfte, also etwa 66% übrig.

 

In Wirklichkeit wird bei einer solchen Regelung noch mehr für die eigenen Bedürfnisse übrig bleiben, da ja ein Teil der Abgaben an den Staat und sicherlich auch an die Kirche nichts anderes darstellt als eine Gegenleistung für die von Staat und Kirche angebotenen Kollektivleistungen.

 

Nun wird man allerdings bedenken müssen, dass der orientale Menschenschlag gerne zu Übertreibungen neigt und dass seine Aussagen in der Regel pointiert zugespitzt werden. Der Sinn dieser Zuspitzung besteht dann darin, die Angesprochenen wachzurütteln, da die Gefahr besteht, dass ohne diese Übertreibung die Masse der Zuhörer die Ermahnungen gar nicht beachten würde. Wenn man also die Hälfte verlangt, kann man vielleicht erreichen, dass de facto etwa 30% für das Allgemeinwohl aufgewendet wird.

 

Man kann auch diese Formulierung des Gebotes der Nächstenliebe so verstehen, dass hier der Idealzustand umschrieben wird, auf den wir uns zu bewegen sollen, den man jedoch nie oder kaum je hundert prozentig erreichen wird. Es wird gezeigt, in welche Richtung man sich bewegen soll und dass man sich immer wiederum erneut darum bemühen sollte, sich diesem Idealzustand anzunähern, dass man also nie an das Ende der Bemühungen gelangen kann, von dem ab es nichts mehr Gutes zu tun gibt, da alles schon erreicht sei.

 

Bei unseren bisherigen Überlegungen haben wir die Forderung, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, in dem Sinne verstanden, dass Eigenliebe genauso groß sein müsse wie Nächstenliebe. Man kann jedoch das Gebot der Nächstenliebe auch weniger strikt auslegen. Die Betonung liegt dann nicht mehr auf dem Wörtchen ‚genauso‘, sondern es wird lediglich darauf hingewiesen, dass der Mensch bei seinem Handeln beide Aspekte, das eigene Wohl wie das Wohl der Gemeinschaft und der Mitmenschen zu beachten habe, ohne dass bereits eine Aussage darüber gemacht wird, in welchem quantitativen Verhältnis Eigenliebe und Nächstenliebe stehen sollten. Und sicherlich dürften in der Tat nahezu alle unsere Handlungen eben nicht nur unser Eigenwohl, sondern eben auch das Wohl anderer Menschen – positiv oder negativ – berühren.

 

Interessant bei der Betonung auf zwei Zielsetzungen (Eigenwohl und Wohl der anderen) ist offensichtlich die Feststellung, dass die Beachtung des Eigenwohls sehr wohl erwünscht oder erlaubt ist, dass also die Nachfolge Christi keinesfalls verlangt, dass man nur auf das Wohl der anderen achten solle und die eigenen Bedürfnisse soweit wie nur möglich zu unterdrücken habe.

 

Jesus selbst hat sehr wohl auch an Feierlichkeiten teilgenommen und damit sicherlich zum Ausdruck gebracht, dass der Mensch sehr wohl das Recht hat, fröhlich zu sein und zu feiern und dass in Fröhlichkeit allein noch nichts sündhaftes liegt, wie einzelne christliche Sekten im Verlauf der Geschichte immer wieder gepredigt haben.

 

Eine solche die Fröhlichkeit bejahende Moral hat auch durchaus Sinn. Auf der einen Seite wird im Allgemeinen nur derjenige dem andern helfen und Freude bereiten können, der am eigenen Leib bereits Freude erfahren hat. Das Gebot der Nächstenliebe dürfte auch sehr viel leichter zu vermitteln sein, wenn der einzelne durchaus auch das Recht hat, für sein eigenes materielles Wohl zu sorgen, als dann, wenn er nur an das Wohl der andern zu denken hat.

 

Es ist auf der anderen Seite einfach wirklichkeitsfremd, wollte man erwarten, dass die Mehrzahl der Bevölkerung bei ihrem Tun immer nur das Allgemeinwohl im Auge hätte. Ein solcher Anspruch führt zumeist dazu, dass der Einzelne nach außen heuchlerisch vorgibt, allein das Gemeinwohl im Auge zu haben, in Wirklichkeit aber sehr wohl fast nur an sein eigenes Wohl denkt. Wohltaten zeichnen sich dann in der Regel dadurch aus, dass sie zwar aus der Sicht des Spenders als wohltuend, aber aus der Sicht des Beschenkten als lästig, als eine die Freiheit beraubende Handlung angesehen werden.

 

Einem verwandten Begriff der Nächstenliebe begegnen wir bei Emanuel Kant im sogenannten kategorischen Imperativ. Kant versteht darunter ein unbedingt gültiges sittliches Gebot. Er stellt diesen Begriff in seiner ‚Grundlegung zur Metaphysik der Sitten‘ in Gegensatz zum hypothetischen Imperativ, einer Forderung, die nur unter gewissen Bedingungen postuliert wird. In der ‚Kritik der praktischen Vernunft‘ findet sich eine Definition des kategorischen Imperativs: ‚Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne‘.

 

Der einzelne hat sich also entsprechend diesem Prinzip bei all seinen Handlungen zu fragen, ob er sich gegenüber den anderen genauso verhält, wie er es selbst von anderen ihm gegenüber erwartet. Mit anderen Worten: Der Einzelne soll das Interesse seines Mitmenschen genauso bei seinen Aktivitäten berücksichtigen wie das eigene Interesse.

 

In ähnlichem Sinne lässt der Evangelist Lukas Jesus in Kapitel 6, Vers 27 – 36 im Zusammenhang mit der Feindesliebe sagen:

 

‚Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen‘.

 

 

6. Liebe den Nächsten, denn er ist wie du

 

Wir erwähnten bereits, dass der aramäische Bibeltext auch eine etwas andere Formulierung des Gebotes der Nächstenliebe zulässt: ‚Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du‘. Der andere ist genauso wie ich ein Mensch und keine Sache und sollte deshalb auch niemals wie eine Sache behandelt werden. Anders formuliert: Ein Mensch sollte niemals nur als Mittel irgendeiner Zielsetzung behandelt werden. Er ist immer auch Selbstzweck.

 

Während bei der zuerst behandelten Interpretation auf die Beziehungen zwischen der Eigen- und der Nächstenliebe abgehoben wird, findet sich hier in dieser zweiten möglichen Interpretation eine Begründung für die Nächstenliebe.

 

Warum soll ich meinen Nächsten lieben? Als Antwort und Rechtfertigung wird darauf hingewiesen, dass er – der andere Mensch – ja wie du ist. Es wird hier offensichtlich darauf abgehoben, dass alle Menschen von Gott erschaffen wurden und dass Gott alle Menschen – gleich welcher Rasse oder welchen Geschlechts – gleich zugetan ist. Deshalb sollen sich auch die Menschen unter einander wie seines gleichen behandeln.

 

In der christlichen Philosophie wird der Mensch als persönliches Wesen gekennzeichnet. Damit sind insbesondere zwei Wesensmerkmale verbunden. Der Mensch ist auf der einen Seite – im Gegensatz zum Tier – ein Wesen, das über seine Belange weitgehend frei entscheiden kann. Er soll nicht zum Glauben und zur Gottes- und Nächstenliebe gezwungen werden. Es steht ihm frei, sich für Gott und für das Gute oder gegen Gott und für das Schlechte zu entscheiden.

 

Gleichzeitig ist der Mensch aber auch ein soziales Wesen, das nicht isoliert neben den anderen Menschen vor sich hinlebt, sondern in die Gemeinschaft hineingeboren wurde. Nur durch eine liebevolle Pflege seitens seiner Eltern kann der neugeborene Mensch überhaupt überleben und nur durch sie und später durch den Besuch der Schule lernt er überhaupt erst all die Verhaltensweisen, die er für sein späteres Leben unbedingt benötigt.

 

Genauso, wie der Mensch vor allem in seiner Kindheit, aber auch später in Notzeiten des anderen Menschen bedarf, genauso soll auch er die empfangene Liebe und Achtung weitergeben, an seine Ehegatten und an seine Kinder, an Nachbarn und Freunde, an Berufskollegen und an Verunglückte sowie Überfallene.

 

Der Fortschritt der Menschheit vollzog sich vor allem in der Gemeinschaft. Durch Arbeitsteilung konnte der Mensch sich spezialisieren und seine Fähigkeiten steigern. Arbeitsteilung setzt jedoch voraus, dass ein Austausch der Güter und Handlungen stattfindet. Wer sich spezialisiert, kann nicht mehr für seinen Gesamtbedarf aufkommen, er beschränkt sein Handeln auf die Erstellung weniger Güter und Leistungen, er bedarf also Güter und Leistungen, welche von andern erzeugt wurden. Andererseits stellt er sehr viel mehr Güter und Leistungen her als er für seinen Eigenbedarf benötigt, er erhält damit auch die Möglichkeit, selbst erstellte Waren im Austausch gegen Waren, die er benötigt, anderen anzubieten.

 

Das soziale Umfeld des Menschen beschränkt sich jedoch nicht darauf, in der Gemeinschaft der Familie und in den schulischen Einrichtungen auf das spätere Leben vorbereitet zu werden und später im Beruf innerhalb einer Unternehmung die materiellen Voraussetzungen für das wirtschaftliche Leben zu produzieren. Der Mensch ist vielmehr auch in kultureller und religiöser Hinsicht sozial eingebunden. In der Gemeinschaft beim Abendmahl erfährt er die Nähe Gottes. Im Matthäusevangelium Kapitel 18, Vers 20 erfahren wir:

 

‚Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen‘.

 

Der Sinn des menschlichen Lebens besteht also nach Überzeugung der christlichen Religionen nicht etwa in einer Maximierung der materiellen Wohlfahrt, überhaupt nicht in irdischen Dingen, sondern in einer Vorbereitung auf das Leben nach dem Tode. Das irdische Leben ist also eine Art Bewährungszeit, wobei die Bewährung darin besteht, dass man in Befolgung der Gebote Gottes in der Gemeinschaft der Christen denjenigen eine Hilfe gewährt, die der Hilfe bedürfen.

 

Fortsetzung!