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Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Noah im Rausch

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Der Segen für Jakob, dem Jüngeren

  9. Josef und seine Brüder

10. Moses vor dem Pharao

11. Ruth die moabitische Frau und Ahnfrau Davids

12. David gegen Goliath

13. David und die Frau des Hethiters

14. Esthers Rettung der Juden

15. Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas 

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

Kapitel 11. Ruth die moabitische Frau u. Ahnfrau Davids

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Der Text

3. Interpretation

4. Biblische Wahrheiten für alle Menschen gültig?

 

 

1. Das Problem

 

Die Erzählung, welche diesem Kapitel zugrunde liegt, handelt von Rut, einer moabitischen Frau. Sie unterscheidet sich in mehreren Punkten von den bisher behandelten Geschichten. Während nämlich bisher – zumindest ab dem 6. Kapitel dieser Vorlesung – ausschließlich jüdische Personen im Mittelpunkt der Erzählung standen, ist es hier eine nichtjüdische Frau, welche beschrieben wird. Während weiterhin in den bisherigen Erzählungen über viele Seiten hinweg ein bestimmtes Ereignis ausführlich besprochen wird, besteht die hier vorliegende Erzählung eigentlich nur aus einer einzigen Handlung: Rut folgt ihrer Mutter Noomi in ihre Heimat Betlehem.

 

Noomi war eine jüdische Frau. Sie und ihr Mann Elimelech waren wegen einer Hungersnot weg aus Bethlehem in Juda in das Land der Moabiter gezogen. Sie hatten zusammen zwei Söhne namens Machlon und Kiljon. Auch als ihr Mann gestorben war, blieb Noomi mit ihren beiden Söhnen in Moabit zurück.

 

Die beiden Söhne nahmen sich moabitische Frauen, Orpa und Rut. Rut war also die Frau eines der beiden Söhne Noomis. Und Noomi war somit die Schwiegermutter von Rut. Als schließlich auch ihre beiden Söhne gestorben waren und Noomi somit ohne ihren Mann und ihre Söhne in einem fremden Lande war, beschloss sie nach Bethlehem, ihrer Heimat, zu ziehen und forderte deshalb ihre beiden Schwiegertöchter auf, sie zu verlassen und zu ihren Familien zurückzukehren. Während Orpa dieser Aufforderung – nach anfänglichem Zögern – entsprach, weigerte sich Rut, diesem Ratschlag zu folgen, blieb also bei Noomi und folgte ihr in deren Heimat Bethlehem in Juda. 

 

Wir erfahren auch, wie Rut ihre Entscheidung, mit ihrer Schwiegermutter nach Juda und somit in ein für sie fremdes Land zu ziehen, begründet:

 

‚Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der Herr soll mir dies und das antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.‘

 

Sie, welche in den Augen der Israeliten eine Heidin war, bekennt sich trotzdem zu Jahwe, dem von Noomi verehrten Gott. Dies ist der eigentliche Sinn dieser kurzen Erzählung: Es wird eine Nichtjüdin beschrieben, welche sich zu dem Gott der Juden bekennt.

 

Obwohl eigentlich das Alte Testament die Geschichte des jüdischen Volkes beschreiben möchte und deshalb im Allgemeinen das Leben und das Schicksal nichtjüdischer Personen nur insofern Erwähnung finden, als sie die Israeliten bekämpfen, ist das Buch Rut, welches das Leben dieser moabitischen Frau schildert, fester Bestandteil sowohl der jüdischen als auch der christlichen Bibel. Im Kanon der jüdischen Bibel gehört das Buch Rut zu den fünf Festrollen, welche an gewissen Festtagen in der Synagoge vorgelesen wurden, während in der Heiligen Schrift der Christen das Buch Rut zu den Geschichtsbüchern gehört und nach dem Buch der Richter aufgeführt wird.

 

Dass trotzdem das Buch Rut im Rahmen der Heiligen Schrift eine solche zentrale Rolle spielt, wird nur verständlich, wenn wir uns auch die Nachgeschichte dieser Entscheidung einer nichtjüdischen Frau, mit ihrer Schwiegermutter nach Juda zu ziehen, vor Augen führen. In der weiteren Folge dieser Erzählung erfahren wir nämlich, dass Rut in Bethlehem den Gutsbesitzer Boa heiratet und dass beide einen Sohn namens Obed bekommen. Dieser hinwiederum wird der Vater Isais und somit der Großvater Davids.

 

Diese Abfolge ist jedoch nicht nur für die jüdische Bibel von zentraler Bedeutung – David ist schließlich der herausragende, von Gott auserwählte König der Israeliten –, sie rückt auch für die christliche Bibel in den Mittelpunkt der Betrachtung, da ja auch Jesus als Nachkomme Davids angesehen wird und somit Rut über David als eine Ahnfrau Jesus angesehen werden kann.

 

Bisweilen wird das Buch Rut auch als eine Art Protest gegen allzu strenge Heiratsvorschriften seit der Zeit Esra’s angesehen. Esra war zur Zeit der Herrschaft des Königs Artaxerxes ein Schriftgelehrter, kundig im Gesetz des Mose, das der Herr, der Gott Israels, gegeben hatte. Artaxerxes war König der Perser, welcher die Babylonier besiegt hatte und den Juden die Heimkehr aus der babylonischen Knechtschaft erlaubt hatte. Weil die Hand des Herrn, seines Gottes, über ihm war, gewährte der König Esra alles, was er wünschte.

 

Esra war von ganzem Herzen darauf aus, das Gesetz des Herrn zu erforschen und danach zu handeln und es als Satzung und Recht in Israel zu lehren. Als Esra vor dem Haus Gottes auf den Knien lag und weinend sein Gebet und sein Bekenntnis sprach, versammelte sich um ihn eine große Gemeinde von Männern, Frauen und Kindern aus Israel. Auch das Volk vergoss viele Tränen.

 

Schechanja, der Sohn Jehiëls, einer der Nachkommen Elams, nahm das Wort und sagte zu Esra: Ja, wir haben unserem Gott die Treue gebrochen; wir haben fremde Frauen aus der Bevölkerung des Landes geheiratet. Esra stand auf und sagte zu ihnen: Ihr habt dem Herrn die Treue gebrochen; ihr habt fremde Frauen genommen und so die Schuld Israels noch größer gemacht. Esra ließ hierauf die Obersten der Priester, der Leviten und ganz Israels schwören, nach diesem Vorschlag (das heißt keine fremden Frauen zu heiraten) zu handeln, und sie leisteten den Eid.

 

Wir wollen in diesem Kapitel die Erzählung über Rut zum Anlass nehmen, das Verhältnis der Juden zu den Heiden etwas näher zu untersuchen. Offensichtlich sind die Heiden nicht nur die Feinde der Israeliten, welche diese bekämpfen und ihnen ihr Land streitig machen. Vielmehr erfahren wir sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament immer wieder, dass sich auch Heiden dem einzigen Gott der Juden unterwerfen und dass die Erlösung der Menschen am Ende der Zeiten allen Menschen, auch den Heiden offensteht, sofern sie sich nur an die Weisungen Gottes halten.

 

Vor allem wird das Verhältnis zwischen Juden und Heiden im Neuen Testament sehr zwiespältig und mehrdeutig beschrieben. Auf der einen Seite lässt Matthäus in Kapitel 15, 24 seines Evangeliums Jesus zu einer eine kanaanäische Frau sagen: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt, es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“, seine Mission scheint also nur zur Rettung der Juden, des von Gott auserwählten Volkes, zu dienen.

 

Aber in der gleichen Erzählung wird am Ende doch eine ganz andere Sicht des Verhältnisses der Juden zu den Heiden entwickelt: “Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen.“

 

 

2. Der Text

 

Beginnen wir unsere Geschichte wiederum mit dem Text der Bibel. Im Buch Rut in Kapitel 1 lesen wir:

 

7 ‚Als sie (Noomi mit den Frauen ihrer beiden Söhne) nun auf dem Heimweg in das Land Juda waren,

8  sagte Noomi zu ihren Schwiegertöchtern: Kehrt doch beide heim zu euren Müttern! Der Herr erweise euch Liebe, wie ihr sie den Toten und mir erwiesen habt.

9  Der Herr lasse jede von euch Geborgenheit finden bei einem Gatten. Damit küsste sie beide zum Abschied; doch Orpa und Rut begannen laut zu weinen

10 und sagten zu ihr: Nein, wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen.

11 Noomi sagte: Kehrt doch um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir ziehen? Habe ich etwa in meinem Leib noch Söhne, die eure Männer werden könnten?

12 Kehrt um, meine Töchter, und geht; denn ich bin zu alt, noch einem Mann zu gehören. Selbst wenn ich dächte, ich habe noch Hoffnung, ja, wenn ich noch diese Nacht einem Mann gehörte und gar Söhne bekäme:

13 Wolltet ihr warten, bis sie erwachsen sind? Wolltet ihr euch so lange abschließen und ohne einen Mann leben? Nein, meine Töchter! Mir täte es bitter leid um euch; denn mich hat die Hand des Herrn getroffen.

14 Da weinten sie noch lauter. Doch dann gab Orpa ihrer Schwiegermutter den Abschiedskuss, während Rut nicht von ihr ließ.

15 Noomi sagte: Du siehst, deine Schwägerin kehrt heim zu ihrem Volk und zu ihrem Gott. Folge ihr doch!

16 Rut antwortete: Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.

17  Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der Herr soll mir dies und das antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.

18 Als sie sah, dass Rut darauf bestand, mit ihr zu gehen, redete sie nicht länger auf sie ein.

19 So zogen sie miteinander bis Betlehem. Als sie in Betlehem ankamen, geriet die ganze Stadt ihretwegen in Bewegung. Die Frauen sagten: Ist das nicht Noomi?

20 Doch sie erwiderte: Nennt mich nicht mehr Noomi (Liebliche), sondern Mara (Bittere); denn viel Bitteres hat der Allmächtige mir getan.

21 Reich bin ich ausgezogen, aber mit leeren Händen hat der Herr mich heimkehren lassen. Warum nennt ihr mich noch Noomi, da doch der Herr gegen mich gesprochen und der Allmächtige mir Schlimmes angetan hat?

22 So kehrte Noomi mit Rut, ihrer moabitischen Schwiegertochter, aus dem Grünland Moabs heim.‘

 

 

3. Interpretation

 

Zum besseren Verständnis dieser Erzählung wollen wir uns wiederum zunächst mit der Vorgeschichte befassen. Wer war Noomi, warum lebte sie in Moab, einem heidnischen Land? Kapitel 1 des Buches Rut beginnt mit folgenden Auskünften:

 

1 ‚Zu der Zeit, als die Richter regierten, kam eine Hungersnot über das Land. Da zog ein Mann mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen aus Betlehem in Juda fort, um sich als Fremder im Grünland Moabs niederzulassen.

2 Der Mann hieß Elimelech, seine Frau Noomi, und seine Söhne hießen Machlon und Kiljon; sie waren Efratiter aus Betlehem in Juda. Als sie im Grünland Moabs ankamen, blieben sie dort.

3 Elimelech, der Mann Noomis, starb und sie blieb mit ihren beiden Söhnen zurück.

4 Diese nahmen sich moabitische Frauen, Orpa und Rut, und so wohnten sie dort etwa zehn Jahre lang.

5 Dann starben auch Machlon und Kiljon und Noomi blieb allein, ohne ihren Mann und ohne ihre beiden Söhne.

 

6 Da brach sie mit ihren Schwiegertöchtern auf, um aus dem Grünland Moabs heimzukehren; denn sie hatte dort gehört, der Herr habe sich seines Volkes angenommen und ihm Brot gegeben.

7 Sie verließ zusammen mit ihren beiden Schwiegertöchtern den Ort, wo sie sich aufgehalten hatte.‘

 

Noomi war also eine jüdische Frau aus Bethlehem, welche wegen einer Hungersnot mit ihrer ganzen Familie (mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen) nach Moab, einer heidnischen Stadt ausgewandert war.

 

Nach einer gewissen Zeit verstarb ihr Mann, sie blieb mit ihren Söhnen in Moab und ihre beiden Söhne nahmen sich Frauen aus Moab.

 

Dann kam die Zeit, in der auch ihre beiden Söhne verstarben. Noomi war schon zu alt, um sich einen neuen Mann zu nehmen und da sie davon gehört hatte, dass in ihrer alten Heimat keine Hungersnot mehr herrschte, wollte sie allein nach Bethlehem zurückkehren, ihre beiden Schwiegertöchtern bat sie, in Moab zu bleiben und zu deren Familien zurückzukehren.

 

Der Grund dafür, dass sie nicht wollte, dass ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr zögen, lag offensichtlich darin, dass sie sich selbst nicht mehr in der Lage sah, für ihre Schwiegertöchter zu sorgen, ihnen also einen neuen Mann zu besorgen. Sie war alt und konnte deshalb keine weiteren Söhne gebären, die sie dann geheiratet hätten. Selbst dann, wenn sie noch weitere Söhne gebären würde, verginge, bis diese Söhne im heiratsfähigen Alter wären, soviel Zeit, dass ihre Schwiegertöchter zu lange Zeit ohne Versorgung blieben.

 

Zunächst widersprachen beide Schwiegertöchter ihrer Schwiegermutter, sie wollten zunächst mit Noomi zusammen nach Betlehem ziehen. Orpa, die eine Schwiegertochter ließ sich aber schließlich dazu überreden, in Moab zu bleiben und zu ihrer Elternfamilie zurückzukehren, um von ihnen unterstützt zu werden. Offensichtlich war sie immer noch mit der Religion ihrer Eltern verwurzelt.

 

Ganz anderes erfahren wir von Rut, der zweiten Schwiegertochter Noomi’s, sie möchte ganz entschieden mit ihrer Schwiegermutter in deren Heimat ziehen, da sie sich nicht nur mit dieser verbunden fühlte, sondern vor allem an dem neuen jüdischen Glauben festhalten wollte. Aus ihrer Gesinnung heraus war sie eine echte Israeliten geworden und fühlte sich verpflichtet, bis zum Tode bei der Mutter ihres Mannes zu bleiben.

 

Da sich Rut zu Noomi bekannte, fühlte sich Noomi selbst wiederum verpflichtet, für Rut zu sorgen, ihr einen Mann zu besorgen, wenn sie auch nicht selbst hierzu einen eigenen Sohn gebären konnte. Wie endlich Rut in Bethlehem einen Mann und damit eine Unterkunft finden konnte, erfahren wir dann im 3. Kapitel des Buches Rut:

 

1 ‚Ihre Schwiegermutter Noomi sagte zu ihr: Meine Tochter, ich möchte dir ein Heim verschaffen, in dem es dir gut geht.

2 Nun ist ja Boas, bei dessen Mägden du warst, ein Verwandter von uns. Heute Abend worfelt er die Gerste auf der Tenne.

3 Wasch dich, salbe dich und zieh dein Obergewand an, dann geh zur Tenne! Zeig dich aber dem Mann nicht, bis er fertig gegessen und getrunken hat.

4 Wenn er sich niederlegt, so merk dir den Ort, wo er sich hinlegt. Geh dann hin, deck den Platz zu seinen Füßen auf und leg dich dorthin! Er wird dir dann sagen, was du tun sollst.

5 Rut antwortete ihr: Alles, was du sagst, will ich tun.

 

6 Sie ging zur Tenne und tat genauso, wie ihre Schwiegermutter ihr aufgetragen hatte.

7 Als Boas gegessen und getrunken hatte und es ihm wohl zumute wurde, ging er hin, um sich neben dem Getreidehaufen schlafen zu legen. Nun trat sie leise heran, deckte den Platz zu seinen Füßen auf und legte sich nieder.

8 Um Mitternacht schrak der Mann auf, beugte sich vor und fand eine Frau zu seinen Füßen liegen.

9 Er fragte: Wer bist du? Sie antwortete: Ich bin Rut, deine Magd. Breite doch den Saum deines Gewandes über deine Magd, denn du bist Löser.

 

10 Da sagte er: Gesegnet bist du vom Herrn, meine Tochter. So zeigst du deine Zuneigung noch schöner als zuvor; denn du bist nicht den jungen Männern, ob arm oder reich, nachgelaufen.

11 Fürchte dich nicht, meine Tochter! Alles, was du sagst, will ich dir tun; denn jeder in diesen Mauern weiß, dass du eine tüchtige Frau bist.

12 Gewiss, ich bin Löser, aber es gibt noch einen Löser, der näher verwandt ist als ich.‘

 

Als Löser wurde im altisraelitischen Recht jemand genannt, der als nächster Angehöriger dafür verantwortlich war, die Rechte des Angehörigen wiederherzustellen und sein erlittenes Unrecht zu rächen. Die Aufgaben eines Lösers bestanden vor allem darin, Verwandte aus der Sklaverei zu erlösen, (siehe Leviticus 25,48-49), weiterhin das Eigentum von Verwandten zurückzukaufen, die es aufgrund von Armut verkaufen mussten und die Witwe des Bruders zu heiraten um einen Sohn zu zeugen, der den Namen des Bruders fortführt (Deuteronomium 25,5-6).

 

Auch wurde in Levitikus Kapitel 25 festgelegt, in welcher Reihenfolge die einzelnen Verwandten die Aufgabe eines Lösers übernehmen sollen:

 

47 ‚Wenn ein Fremder oder ein Halbbürger bei dir zu Vermögen kommt, aber dein Bruder von ihm wirtschaftlich abhängig wird und sich ihm oder einem Nachkommen aus der Familie eines Fremden verkauft,

48  dann soll es, wenn er sich verkauft hat, für ihn ein Loskaufrecht geben: Einer seiner Brüder soll ihn auslösen.

49  Auslösen sollen ihn sein Onkel, der Sohn seines Onkels oder sonst ein Verwandter aus seiner Sippe. Falls seine eigenen Mittel ausreichen, kann er sich selbst loskaufen.‘

 

Entsprechend dieser in Levitikus festgelegten Reihenfolge verweist nun der von Rut angesprochene Boa darauf hin, dass dem Gesetze nach ein anderer das Recht und die Pflicht habe, für Rut als Löser aufzutreten. Er fügt jedoch hinzu, dass er mit diesem anderen Verwandten darüber sprechen will, ob dieser tatsächlich bereit ist, als Löser zu fungieren (siehe hierzu das Buch Rut Kapitel 4):

 

1 ‚Indes war Boas zum Tor gegangen und hatte sich dort niedergelassen. Da ging gerade der Löser vorüber, von dem Boas gesprochen hatte. Er sagte zu ihm: Komm herüber und setz dich hierher! Der kam herüber und setzte sich.

2 Dann holte Boas zehn Männer von den Ältesten der Stadt und sagte: Setzt euch hierher! Sie taten es.

3 Darauf sagte er zu dem Löser: Das Grundstück, das unserem Verwandten Elimelech gehört, will Noomi, die aus dem Grünland Moabs zurückgekehrt ist, verkaufen.

4 Ich dachte, ich will dich davon unterrichten und dir sagen: Erwirb es in Gegenwart der hier Sitzenden und in Gegenwart der Ältesten meines Volkes! Wenn du lösen willst, so löse! Willst du aber nicht lösen, so sag es mir, damit ich es weiß; denn außer dir ist niemand zum Lösen da und ich bin nach dir an der Reihe. Jener antwortete: Ich werde lösen.

 

5 Boas fuhr fort: Wenn du den Acker aus der Hand der Noomi erwirbst, dann erwirbst du zugleich auch die Moabiterin Rut, die Frau des Verstorbenen, um den Namen des Toten auf seinem Erbe wieder erstehen zu lassen.

6 Der Löser sagte: Dann kann ich für mich nicht lösen, sonst schädige ich mein eigenes Erbe. Übernimm du mein Löserecht; denn ich kann nicht lösen.

7 Früher bestand in Israel folgender Brauch: Um ein Löse– oder Tauschgeschäft rechtskräftig zu machen, zog man den Schuh aus und gab ihn seinem Partner. Das galt in Israel als Bestätigung.

8 Der Löser sagte nun zu Boas: Erwirb es!, und er zog seinen Schuh aus.

9 Boas sagte zu den Ältesten und zu allem Volk: Ihr seid heute Zeugen, dass ich alles Eigentum Elimelechs sowie das Kiljons und Machlons aus der Hand der Noomi erworben habe.

 

10 Auch Rut, die Moabiterin, die Frau Machlons, habe ich mir zur Frau erworben, um den Namen des Verstorbenen auf seinem Erbe wieder erstehen zu lassen, damit sein Name unter seinen Verwandten und innerhalb der Mauern seiner Stadt nicht erlischt. Ihr seid heute Zeugen.

 

11 Da antwortete alles Volk im Tor samt den Ältesten: Wir sind Zeugen. Der Herr mache die Frau, die in dein Haus kommt, wie Rahel und Lea, die zwei, die das Haus Israel aufgebaut haben. Komm zu Reichtum in Efrata und zu Ansehen in Betlehem!

12 Dein Haus gleiche dem Haus des Perez, den Tamar dem Juda geboren hat, durch die Nachkommenschaft, die der Herr dir aus dieser jungen Frau geben möge.‘



So kam es also, dass schließlich vollkommen korrekt Boa zum Löser der Rut wurde und sie heiratete. Aus dieser Heirat entstand dann Obed, welcher Noomi in ihrem Alter mehr versorgen konnte als dann, wenn Noomi noch zahlreiche Söhne geboren hätte. Von größerer Bedeutung für die Heilige Schrift ist jedoch, dass mit Obed der Großvater Davids geboren wurde. In Kapitel 4 des Buches Rut heißt es:

 

13 ‚So nahm Boas Rut zur Frau und ging zu ihr. Der Herr ließ sie schwanger werden und sie gebar einen Sohn.

14 Da sagten die Frauen zu Noomi: Gepriesen sei der Herr, der es dir heute nicht an einem Löser hat fehlen lassen. Sein Name soll in Israel gerühmt werden.

15 Du wirst jemand haben, der dein Herz erfreut und dich im Alter versorgt; denn deine Schwiegertochter, die dich liebt, hat ihn geboren, sie, die mehr wert ist als sieben Söhne.

16 Noomi nahm das Kind, drückte es an ihre Brust und wurde seine Wärterin.

17 Die Nachbarinnen wollten ihm einen Namen geben und sagten: Der Noomi ist ein Sohn geboren. Und sie gaben ihm den Namen Obed. Er ist der Vater Isais, des Vaters Davids.

18 Das ist die Geschlechterfolge nach Perez: Perez zeugte Hezron,

19 Hezron zeugte Ram, Ram zeugte Amminadab,

20 Amminadab zeugte Nachschon, Nachschon zeugte Salmon,

21 Salmon zeugte Boas, Boas zeugte Obed,

22 Obed zeugte Isai und Isai zeugte David.‘

 

 

4. Biblische Wahrheiten für alle Menschen gültig?

 

Befassen wir uns nun zum Abschluss dieses Kapitels mit dem Verhältnis der Gläubigen zu den Heiden und inwieweit die in der Heiligen Schrift niedergelegten Glaubenswahrheiten nur für die Israeliten oder auch für die Heiden verkündet wurden.

 

Gehen wir zunächst einmal auf das Verhältnis von Israeliten und Heiden im Alten Testament ein. In den Schriften des Alten Testamentes wird dieses Verhältnis sehr zwiespältig beschrieben. Auf der einen Seite wird wie z. B. im 2. Buch der Makkabäer im 13. Kapitel von den ruchlosen Heiden gesprochen:

 

11 ‚Gerade erst habe das Volk ein wenig aufatmen können; Gott möge doch nicht zulassen, dass sie den ruchlosen Heiden in die Hände fielen.‘

 

Auf der anderen Seite sollen jedoch die Fremden wie Einheimische behandelt werden, da ja auch die Israeliten Fremde in Ägypten gewesen waren und als solche behandelt wurden.

 

Die Heiden begegnen uns im Alten Testament in erster Linie als die Bevölkerungsgruppen, welche Israel bekämpfen und sich gegen Jahwe, den Gott der Israeliten, wenden und die deshalb immer wieder von Gott selbst bestraft werden. Der Vorstellung, dass Gott die Heiden für ihre Sünden bestraft, begegnen wir wiederholt im Alten Testament. So heißt es z. B. im Buch Ezechiel im Kapitel 25 unter anderem:

 

‚So spricht Gott, der Herr: Weil Edom sich am Haus Juda gerächt hat, weil es Schuld auf sich geladen und Rache an ihm genommen hat, darum – so spricht Gott, der Herr: Ich strecke meine Hand gegen Edom aus, ich vernichte darin Mensch und Tier und mache es zur Wüste. Von Teman bis Dedan sollen sie unter dem Schwert fallen. Ich lege meine Rache an Edom in die Hand meines Volkes Israel. Sie werden an Edom meinem Zorn und Grimm entsprechend handeln. Dann wird Edom meine Rache kennen lernen – Spruch Gottes, des Herrn.

 

So spricht Gott, der Herr: Weil die Philister rachsüchtig waren und voll Verachtung Rache nahmen, um Juda aus uralter Feindschaft zu vernichten, darum – so spricht Gott, der Herr: Ich will jetzt meine Hand gegen die Philister ausstrecken, ich will die Kereter ausrotten und die übrigen Völker an der Küste vernichten. Ich nehme an ihnen gewaltige Rache mit grimmigen Strafen. Dann werden sie erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich mich an ihnen räche‘.

 

Auch wird im Alten Testament gezeigt, dass Gott nach errungenem Sieg über seine Feinde diese in die Hände der siegreichen Israeliten gibt. So heißt es beispielsweise im Buch Levitikus, Kapitel 25:

 

44 ‚Die Sklaven und Sklavinnen, die euch gehören sollen, kauft von den Völkern, die rings um euch wohnen; von ihnen könnt ihr Sklaven und Sklavinnen erwerben.

45 Auch von den Kindern der Halbbürger, die bei euch leben, aus ihren Sippen, die mit euch leben, von den Kindern, die sie in eurem Land gezeugt haben, könnt ihr Sklaven erwerben. Sie sollen euer Eigentum sein

46 und ihr dürft sie euren Söhnen vererben, damit diese sie als dauerndes Eigentum besitzen; ihr sollt sie als Sklaven haben. Aber was eure Brüder, die Israeliten, angeht, so soll keiner über den andern mit Gewalt herrschen.‘

 

Und im Deuteronomium in Kapitel 2 erfahren wir:

 

30 ‚Doch Sihon, der König von Heschbon, weigerte sich, uns bei sich durchziehen zu lassen. Denn der Herr, dein Gott, hatte seinen Kampfgeist gestärkt und ihm Mut gemacht, um ihn in deine Gewalt zu geben, wie es inzwischen geschehen ist.

31 Zu mir aber sagte der Herr: Hiermit fange ich an. Ich liefere dir Sihon und sein Land aus. Du fang an, in Besitz zu nehmen! Fang mit seinem Land an!

32 Sihon rückte mit seinem ganzen Volk gegen uns aus, um bei Jahaz zu kämpfen.

33 Der Herr, unser Gott, lieferte ihn uns aus. Wir schlugen ihn, seine Söhne und sein ganzes Volk.

34 Damals eroberten wir alle seine Städte. Wir weihten die ganze männliche Bevölkerung, die Frauen, die Kinder und die Greise der Vernichtung; keinen ließen wir überleben.

35 Als Beute behielten wir nur das Vieh und das, was wir in den eroberten Städten geplündert hatten.‘

 

Und im 20. Kapitel dieses Buches wird präzise vorgeschrieben, wie mit den besiegten Feinden umzugehen ist:

 

10 ‚Wenn du vor eine Stadt ziehst, um sie anzugreifen, dann sollst du ihr zunächst eine friedliche Einigung vorschlagen.

11 Nimmt sie die friedliche Einigung an und öffnet dir die Tore, dann soll die gesamte Bevölkerung, die du dort vorfindest, zum Frondienst verpflichtet und dir untertan sein.

12 Lehnt sie eine friedliche Einigung mit dir ab und will sich mit dir im Kampf messen, dann darfst du sie belagern.

13 Wenn der Herr, dein Gott, sie in deine Gewalt gibt, sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen.

14 Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen. Was du bei deinen Feinden geplündert hast, darfst du verzehren; denn der Herr, dein Gott, hat es dir geschenkt.

15 So sollst du mit allen Städten verfahren, die sehr weit von dir entfernt liegen und nicht zu den Städten dieser Völker hier gehören.

 

16 Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen.

17 Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat,

18 damit sie euch nicht lehren, alle Gräuel nachzuahmen, die sie begingen, wenn sie ihren Göttern dienten, und ihr nicht gegen den Herrn, euren Gott, sündigt.‘

 

Soviel zu den Textstellen im Alten Testament, in denen die Heiden als Menschen geschildert werden, die zu besiegen sind und nach dem Sieg bestenfalls als Sklaven angesehen werden, welche ihnen als Eigentum übergeben wurden und schlimmstenfalls auszurotten sind, sogar Kinder und Frauen, falls es sich bei den besiegten Städten um das Land handelt, das Gott den Israeliten als Erbbesitz versprochen hatte.

 

Allerdings finden sich bereits im Alten Testament viele Stellen, in denen Gott von einer Bestrafung absieht, sofern die Menschen Reue für ihre Straftaten zeigen. Bei Jeremias im Kapitel 18 lesen wir z. B.:

 

‚Kehrt aber das Volk, dem ich gedroht habe, um von seinem bösen Tun, so reut mich das Unheil, das ich ihm zugedacht hatte‘.

 

Auch wird den Israeliten wiederholt eingeschärft, Fremde im Grunde genommen genauso zu behandlen wie die Einheimischen. Im Buch Levitikus Kapitel 19 wird angemahnt:

 

33 ‚Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken.

34 Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.`

 

Jahwe weist daraufhin, dass ja auch die Israeliten während ihrer Knechtschaft in Ägypten als Fremde behandelt worden waren. Und im Deuteronomium in Kapitel 10 wird festgelegt:

 

17 ‚Denn der Herr, euer Gott, ist der Gott über den Göttern und der Herr über den Herren. Er ist der große Gott, der Held und der Furchterregende. Er lässt kein Ansehen gelten und nimmt keine Bestechung an.

18 Er verschafft Waisen und Witwen ihr Recht. Er liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung

19 auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen.



Schon im Buch Exodus in Kapitel 22 wird den Israeliten ans Herz gelegt:

 

20 ‚Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen.‘

 

Wenden wir uns nun den Textstellen des Neuen Testamentes zu, in denen das Verhältnis zwischen Juden und Heiden angesprochen wird. Im Kapitel 8 des Matthäusevangeliums heißt es z. B.:

 

5 ‚Als er (Jesus) nach Kafarnaum kam, trat ein Hauptmann an ihn heran und bat ihn: 

6 Herr, mein Diener liegt gelähmt zu Hause und hat große Schmerzen.

7 Jesus sagte zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.

8 Da antwortete der Hauptmann: Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund.

9 Auch ich muss Befehlen gehorchen und ich habe selber Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es.

 

10 Jesus war erstaunt, als er das hörte, und sagte zu denen, die ihm nachfolgten: Amen, das sage ich euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemand gefunden.

11 Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;

12 die aber, für die das Reich bestimmt war, werden hinausgeworfen in die äußerste Finsternis; dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.

13 Und zum Hauptmann sagte Jesus: Geh! Es soll geschehen, wie du geglaubt hast. Und in derselben Stunde wurde der Diener gesund.

 

Ob also ein Mensch schließlich am Ende der Zeiten in das Himmelreich eingehen kann, ist hier weniger davon abhängig, ob er Jude ist und damit zum Auserwählten Volk zählt oder ob er als Heide lebt. Ausschlaggebend ist allein die Frage, ob er sich in seinem Leben so verhalten hat, wie Gott es den Israeliten befohlen hatte.

 

Im 15. Kapitel des Matthäusevangeliums wird dieses Thema erneut angesprochen:

 

21 ‚Von dort zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück.

22 Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.

23 Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her.

24 Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.

25 Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!

26 Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.

27 Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.

28 Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.‘

 

An dieser Stelle hat es zunächst den Anschein, dass Gottes Güte und Barmherzigkeit nur für die Israeliten, nicht aber für die Heiden gilt. Aber als Jesus feststellen muss, dass diese Frau einen Glauben an Gott hat, den er nur selten bei den Israeliten vorfindet, wird ihr genauso geholfen wie den Israeliten.

 

Auf den ersten Blick mag diese Textstelle widersprüchlich erscheinen. Ist Jesus nun nur zum Heile der Israeliten, oder auch aller Menschen, auch der Heiden, hier auf dieser Welt erschienen? Aber wir erinnern uns daran, dass wir auch schon im Alten Testament bei der Erzählung über die Opferung Isaak’s erfahren haben, dass sich die einzelnen Berichte in der Heiligen Schrift gar nicht als historische Erzählungen verstehen wollen, in denen im Sinne eines mitstenografierten Protokolls die Einzelheiten der Ereignisse möglichst genauso festgehalten werden, so wie sie geschehen sind.

 

Vielmehr werden die Erzählungen dazu benutzt, eine tiefere Wahrheit anhand einer solchen Erzählung dem Zuhörer oder Leser näherzubringen. Die Frage, ob die geschilderten Einzelheiten der Erzählung so geschehen sind, wie sie dargestellt werden oder ob sie Erfindungen sind bzw. ausgeschmückt wurden, um auf diese Weise die zu vermittelnde tiefere Wahrheit um so klarer hervortreten zu lassen, tritt dann in den Hintergrund.

 

Angewandt auf das Verhältnis zwischen Juden und Heiden, heißt dies folgendes. Zunächst verstanden sich die Israeliten als das einzige Volk, das mit Jahwe einen Bund abgeschlossen hat und dass die Heiden als gottloses Volk anzusehen sind, welche vernichtet werden müssen. Die einzelnen aufgeführten Textstellen wollen nun aufzeigen, dass Jahwe als Schöpfer aller Menschen auch für die Heiden Gott bleibt und dass gerade deshalb, weil alle Menschen in diesem Sinne vor Gott gleich sind, jeder Mensch, auch ein Heide, zum ewigen Leben gelangen kann, sofern er nur die Weisungen Gottes beachtet.

 

Im Lukasevangelium im Kapitel 6 lässt der Evangelist Jesus u. a. sagen:

 

27 ‚Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen.

28 Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln.

29 Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd.

30 Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück.

31 Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.

32 Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden.

33 Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder.

34 Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen.

35 Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

36  Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!‘

 

Und dass Jesus sich hier nicht nur auf die persönlichen Feinde bezieht, die ja durchaus auch Juden sein können, erfahren wir dann im Kapitle 19 des Lukasevangeliums:

 

1 ‚Dann kam er (Jesus) nach Jericho und ging durch die Stadt.

2 Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich.

3 Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein.

4 Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste.

5 Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.

6 Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf.

7 Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt.

8 Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.

9 Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.‘

 

Hier wird also deutlich von Jesus ausgesprochen, dass auch der oberste Zollbeamte der verhassten Römer und damit ein Heide durchaus auch wie alle Juden, welche die Weisungen Gottes beachten, das ewige Leben erlangen kann.

 

Bringen wir zum Abschluss noch die Stelle im Johannesevangelium, Kapitel 10, als Jesus sich als guter Hirte bezeichnet:

 

11 ‚Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.

12 Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht,

13 weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt.

14 Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

15 wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.

16 Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten.‘

 

Hier wird deutlich ausgesprochen, dass Jesus nicht nur allein zum Heile der Juden auf die Welt kam, dass seine Botschaft auch den Nichtjuden, also den Heiden zu gelten hat. Dass zunächst nur Israel das auserwählte Volk Gottes war, bedeutet in unserem Zusammenhange nur, dass das wahre Verhältnis Gottes zu den Heiden in der Heiligen Schrift in mehreren Stufen entwickelt wird. Bei der Erzählung über die Opferung Isaak’s hatten wir gesehen, das in der allerersten Zeit der Glaube vorherrschte, Gott verlange genauso wie die Götter der Heiden Menschenopfer. Hier war es notwendig in einem ersten Schritt klar zu stellen, das sich Jahwe in der Frage der Menschenopfer entscheidend von den Göttern der Heiden unterscheidet: Jahwe wünscht keine Menschenopfer.

 

Wir hatten aber gesehen, dass diese Aussage noch nicht den vollen Inhalt darüber enthielt, welche Art von Opfer denn Gott eigentlich von uns fordert. Erst sehr viel später erfahren wir bei Amos und dann sehr viel deutlicher bei Jesus, dass das eigentliche Opfer, das Gott von uns Menschen verlangt, darin besteht, dass wir den Nächsten, welche in Not geraten sind, helfend zur Seite stehen und somit auch einen Teil der uns überlassenen Güter mit den notleidenden Menschen teilen.

 

In gleichem Sinne können wir bezogen auf das in diesem Kapitel zur Diskussion stehende Problem davon ausgehen, dass auch die Aussagen über das Verhältnis zwischen den Juden und den Heiden und die weitere Frage, ob auch Heiden das ewige Leben erlangen können, nicht sofort in ihrer Gesamtheit in den Texten der Heiligen Schrift niedergelegt wurden, sondern dass auch hier schrittweise vorgegangen wurde und dass deshalb nur die Zusammenschau all dieser einzelnen Stufen die volle Wahrheit über dieses Thema vermittelt.