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Theorie des sozialen Risikos Teil IV

 

 

 

Gliederung:

 

 1. Vorbemerkungen

 2. Zum Begriff: ‚soziales Risiko’

 3. Schutz gegenüber Risiken u. Absicherung gegenüber materielle Risikofolgen

 4. Einkommensersatzfunktion versus Ausgabenausgleichsfunktion

 5. Allokation versus Distribution

 6. Soziale Sicherheit und Vollbeschäftigung, Inflation und Wachstum

 7. Individuelle versus kollektive Vorsorge

 8. Versorgung versus Versicherung

 9. Umlageverfahren versus Kapitaldeckungsverfahren

10. Das Problem der Dynamisierung

11. Moral Hazard

12. Bilanzausgleich versus Bilanzdefizit

13. Das Problem der Versicherungsfähigkeit

14. Risikoausgleich und Rückversicherung

15. Selbstbeteiligung versus Wahltarife

 

 

 

 

9. Umlageverfahren versus Kapitaldeckungsverfahren

 

Die einzelnen Sicherungseinrichtungen unterscheiden sich weiterhin in der Frage, ob ein Umlage- oder ein Kapitaldeckungsverfahren angewandt wird. Zwar wird in der Öffentlichkeit diese Frage fast nur im Zusammenhang mit Versicherungssystemen und hier der Rentenversicherung diskutiert. Es ist jedoch ein allgemeines Problem, das vor allem auch im Rahmen der privaten Krankenversicherung diskutiert wird und – wie wir noch sehen werden – unabhängig von der Art des versichernden Risikos zur Diskussion steht. Traditionell wird in Privatversicherungen ein Kapitaldeckungsverfahren, in Versorgungseinrichtungen hingegen ein Umlageverfahren angewandt, während die Sozialversicherungssysteme in Deutschland (die gesetzlichen Rentenversicherungssysteme) bis einschließlich des zweiten Weltkrieges mit dem Kapitaldeckungsverfahren arbeiteten, dann aber bei der großen Rentenreform von 1957 auf das Umlageverfahren umgestellt wurden.

 

Von einem Umlageverfahren spricht man immer dann, wenn z. B. in der Rentenversicherung die heute bei den erwerbstätigen Arbeitnehmern erhobenen Beiträge dazu verwandt werden, die heute fälligen Renten an die Rentner auszuzahlen. Beim Kapitaldeckungsverfahren hingegen wird aus den Beiträgen für jeden einzelnen Versicherten gedanklich ein Kapitalstock gebildet, aus dem dann die Renten finanziert werden, welche dieser Versicherte dann, wenn dieser aus dem Erwerbsleben ausgeschieden ist, zu beanspruchen hat.

 

Nun hat Gerhard Mackenroth die These vertreten, dass diese Unterscheidung nur auf mikroökonomischer Sicht gelte, dass man also nur aus der Sicht des einzelnen Versicherten die Frage stellen könne, ob das vorliegende System nach dem Umlage- oder nach dem Kapitaldeckungsverfahren arbeite. Gesamtwirtschaftlich gesehen würde immer ein Umlagesystem vorliegen, die heute auszuzahlenden Renten müssten immer aus den heute erhobenen Beiträgen finanziert werden. Man könne nämlich in einer modernen Industriegesellschaft gar nicht in der einen Periode Einkommensteile sparen, um diese dann in einer zukünftigen Periode wiederum zu entsparen, dies sei nur aus der Sicht des einzelnen Haushaltes, nicht aber aus der Sicht der gesamten Gesellschaft möglich.

 

Mackenroth begründet seine These damit, dass Güter, nach denen in der heutigen Periode gar keine Nachfrage entstehe, gar nicht erst produziert würden. Würde in der heutigen Periode mehr als bisher gespart, so führe dies ceteris paribus zu einem Rückgang in der Produktion des Inlandsproduktes, sodass es nicht gelinge, gesamtwirtschaftlich Einkommensteile in die Zukunft zu transferieren.

 

Diese These ist in dieser allgemeinen Form sicherlich falsch, sie entstand aus einer keynesianischen Sicht und gilt deshalb auch nur unter ganz bestimmten Bedingungen. John Mainard Keynes hatte während der großen Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre die Befürchtung geäußert, dass in Zeiten des Konjunkturabschwungs die Gesamtnachfrage nach Gütern nicht ausreiche, um eine Vollbeschäftigung aller arbeitsfähigen und arbeitswilligen Arbeitnehmer zu erreichen.

 

Aufgrund des Konjunkturrückganges ginge die Konsumnachfrage zurück und mit ihr die Produktion und die Beschäftigung im Konsumgütersektor. Eigentlich müssten nun die gesparten Einkommensteile den Banken angeboten werden und dann als zusätzliche Investitionskredite eingesetzt werden, sodass dann die im Konsumgütersektor freigesetzten Arbeitskräfte im Investitionsgütersektor neue Beschäftigung finden könnten. Über Zinsvariationen sorge ein funktionierender Kapitalmarkt dafür, dass die Investition der Ersparnis angepasst werde.

 

Gerade dieser von der neoklassischen Theorie beschriebene Kapitalmarktmechanismus funktioniere jedoch – folgt man Keynes – aus zweierlei Gründen in Zeiten des Konjunkturabschwungs nicht. Auf der einen Seite würde ein Teil der gesparten Gelder gehortet werden, also gar nicht den Banken angeboten werden, auf der anderen Seite wären auch drastische Zinssenkungen in dieser Zeit nicht in der Lage, die Unternehmer zu einer Ausweitung der Investitionsnachfrage zu veranlassen.

 

Die Bereitschaft zum teilweisen Horten der Ersparnisse erklärt Keynes mit Hilfe der von ihm entwickelten Liquiditätstheorie des Geldes. Danach lohne es sich für Unternehmer und Haushalte Spargelder aus spekulativen Gründen dann zurückzuhalten, wenn der Zinssatz sehr niedrig sei und deshalb mit Zinssteigerungen in unmittelbarer Zukunft gerechnet werden müsse.

 

Zinssteigerungen führen nun bei den festverzinslichen Wertpapieren zu Kursverlusten. Wenn z. B. ein festverzinsliches Wertpapier einen Zinssatz von 3% garantiere und wenn nun auf den Kapitalmärkten der Zinssatz auf 5% steige, so würden wegen dieses Zinsgefälles festverzinsliche Wertpapiere abgestoßen und dafür Wertanlagen mit variablen Zinsen gekauft und diese Mindernachfrage führe bei den festverzinslichen Wertpapieren zu einem Kursverlust.

 

Dieser Kursverlust könne nun größer werden als der mögliche Zinsertrag, sodass es für den einzelnen Haushalt oder für die einzelne Unternehmung durchaus rational sein könne, vorübergehend Gelder in Kasse zu halten, man verzichtet zwar dann auf den ohnehin geringen Zinsertrag, hat jedoch auch keine Kursverluste zu befürchten.

 

Die geringe Investitionsbereitschaft der Unternehmer auch bei sinkenden Zinssätzen wird im Rahmen der keynesianischen Theorie damit erklärt, dass bei einem Rückgang in der Konsumgüternachfrage die Unternehmungen überschüssige Produktionskapazitäten hätten und dass es sich deshalb für die Unternehmungen nicht lohne, über eine Ausweitung der Investitionsnachfrage ihre ohnehin zu große Produktionskapazität auszuweiten. Es komme noch hinzu, dass in Zeiten der Absatzkrise die Konkurrenz unter den Unternehmungen so groß sei, dass sie gezwungen seien, jede Kostensenkung und damit auch jede Zinssenkung in den Güterpreisen weiterzugeben, sodass auch größere Zinssenkungen nicht in der Lage seien, die Rentabilität der Unternehmungen zu verbessern. Aber nur in diesem Falle seien die Unternehmer zu einer Mehrinvestition bereit.

 

Nun gelten diese Überlegungen natürlich nur für Erweiterungsinvestitionen. Neben Erweiterungsinvestitionen gibt es jedoch auch Rationalisierungsinvestitionen und die Notwendigkeit und deshalb Bereitschaft zu Rationalisierungsinvestitionen ist in Zeiten der Absatzkrise sehr hoch, da fast nur über Rationalisierungen die Chance besteht, die Absatzlage wiederum zu verbessern. Es ist also gar nicht immer damit zu rechnen, dass in Zeiten der Rezession oder Depression das gesamte Investitionsvolumen geringer ausfällt als die Sparsumme und dass deshalb auch die Produktion von Gütern zurückgeht.

 

Eine Mehrersparnis kann sehr wohl auch in Zeiten des Konjunkturabschwungs über Zinssenkungen zu einer Ausweitung des gesamten Investitionsvolumens führen, es gibt dann auch keinen Grund, weshalb die Güterproduktion bei Zunahme der Ersparnis stets – wie von Mackenroth behauptet – zurückgehe. Dies bedeutet natürlich nicht, dass das Problem der Massenarbeitslosigkeit in Zeiten des Konjunkturabschwungs gar nicht auftreten kann – wir haben ja Massenarbeitslosigkeit – sondern nur, dass andere Mängel – vor allem Mängel auf dem Arbeitsmarkt – Arbeitslosigkeit auslösen.

 

In unserem Zusammenhang interessiert allerdings nur die Frage, ob Ersparnisse in Form von Beiträgen in die Zukunft transferiert werden können und auch in gesamtwirtschaftlicher Sicht dazu verwandt werden können, einen Kapitalstock aufzubauen, aus dem dann die zukünftigen Renten finanziert werden können. Hier ist davon auszugehen, dass über Ersparnisse die Produktionskapazität durchaus zunächst ausgeweitet werden kann und dass es auch möglich ist, in Zukunft einmal, wenn diese Ersparnisse als Rentenauszahlungen wiederum aufgelöst werden sollen, die Produktionskapazität zurückzufahren.

 

Natürlich ist es im Allgemeinen nicht möglich, Investitionsgüter also solche dem Konsum zu widmen. Maschinen lassen sich bekanntlich nicht ‚aufessen‘. Dies ist aber auch gar nicht notwendig. Wir haben nämlich zwischen Nettoinvestitionen und Ersatzinvestitionen zu unterscheiden. Nur die Nettoinvestitionen dienen dazu, den Maschinenpark auszuweiten. Die Ersatzinvestitionen sollen hingegen den bei der Produktion entstandenen Verschleiß ausgleichen. Also auch dann, wenn keinerlei Ausweitungen der Produktionsanlagen geplant sind, müssten zur Aufrechterhaltung der bisherigen Kapazität Investitionen und zwar in Form von Ersatzinvestitionen getätigt werden.

 

Werden nun Ersparnisse per Saldo aufgelöst, so kann im Umfang der Ersatzinvestitionen die Produktionskapazität sehr wohl zurückgenommen werden. Es müssen dann keine Maschinen aufgegessen werden, sondern diejenigen Produktionskräfte, welche bisher im Investitionssektor zur Produktion von Ersatzinvestitionen eingesetzt wurden, werden nun frei, und können in der Konsumgüterindustrie eingesetzt werden. Somit steigt in diesem Falle die Produktion von Konsumgütern an.

 

Natürlich kann die Produktion allenfalls nur bis zur vollkommenen Aussetzung der Ersatzinvestitionen zurückgefahren werden; da aber der Umfang der Ersatzinvestitionen etwa bei einem Fünftel des Inlandsproduktes liegt, dürfte auch bei einem sehr starken Entsparen diese Produktionsverlagerung durchaus möglich sein.

 

Wir haben weiterhin zu berücksichtigen, dass auch dann, wenn die Altersversicherungssysteme auf dem Kapitaldeckungsverfahren beruhen, in jedem Jahr ja nicht nur Ersparnisse für die in den Ruhestand eintretenden Rentner aufgelöst werden, sondern dass zur gleichen Zeit für die heutigen Erwerbstätigen ein neuer Kapitalstock aufgebaut wird. Gesamtwirtschaftlich gesehen wirkt sich nur der Saldo von Ersparnisbildung und Entsparen auf die Gleichgewichtslage der Güter- und Arbeitsmärkte aus.

 

Dieser Saldo wird nun insbesondere von drei Determinanten bestimmt und zwar erstens von der Frage, wie viel Arbeitnehmer auf einen Rentner kommen, von der weiteren zweiten Frage nach der Wachstumsrate des Inlandsproduktes und drittens von der Frage, wie sich die durchschnittliche Sparrate im Zeitablauf verändert.

 

Das Verhältnis zwischen der Zahl der Erwerbstätigen und der Rentner hängt selbst wiederum von mehreren Faktoren ab. So sinkt z. B. die Zahl der Erwerbstätigen, wenn die durchschnittlichen Ausbildungszeiten verlängert werden und deshalb die Arbeitnehmer erst später ins Erwerbsleben einsteigen, wenn weiterhin das Jahr des Austritts aus dem Erwerbsleben durchschnittlich vorverlegt wird, wenn aufgrund sinkender Geburtenraten in der Vergangenheit die Jahrgangsstärke der Erwerbstätigen sinkt, wenn mehr Personen im erwerbstätigen Alter ins Ausland abwandern als gleichzeitig zuwandern und schließlich dann, wenn die Zahl der Arbeitslosen ansteigt.

 

In ähnlicher Weise kann die Zahl der Rentner ansteigen, wenn die durchschnittliche Lebenserwartung der Rentner ansteigt, wenn vorwiegend ältere Menschen per Saldo einwandern und wenn schließlich das Eintrittsalter in den Ruhestand verringert wird. De facto hat sich dieser Quotient (Zahl der Erwerbstätige zur Zahl der Rentner) in den letzten Jahrzehnten dramatisch verschlechtert. Während in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg etwa drei Erwerbstätige auf einen Rentner kamen, entsprechen etwa im Jahre 2030, wenn diese Entwicklung ihren Gipfelpunkt erreicht hat, einem Erwerbstätigen etwa 0,7 Rentner.

 

Der Saldo zwischen Sparen und Entsparen hängt zweitens von der Wachstumsrate des Volkseinkommens ab. Steigt das Inlandsprodukt im Vergleich zu früher, dann werden heute auch mehr Ersparnisse angelegt als früher, somit übersteigt die Ersparnis das Entsparen. Dies ist deshalb der Fall, weil wir unterstellen können, dass mit wachsendem Einkommen auch die absolute Summe der Ersparnisse ansteigt. Die Sparquote, also das Verhältnis von Ersparnis zu Einkommen mag zwar konstant bleiben, wegen eines gestiegenen Pro-Kopf-Einkommens steigt die Gesamtsumme der Ersparnis trotzdem an.

 

Drittens schließlich könnte aber auch die Sparquote und mit ihr auch bei gleichbleibendem Einkommen die Sparsumme ansteigen. Im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass ein immer größer werdender Prozentsatz des Einkommens gespart wird, wenn wir reicher werden.

 

Nachdem wir geklärt haben, dass sich auch in gesamtwirtschaftlicher Hinsicht das Umlageverfahren vom Kapitaldeckungsverfahren unterscheidet, wollen wir überprüfen, welches Verfahren die primären Aufgaben der Sicherungseinrichtungen effizienter erfüllen kann. Wir werden sehen, dass die Beantwortung dieser Frage von bestimmten Faktoren abhängt, sodass also bei Vorliegen bestimmter Faktoren das Umlage- und bei Vorliegen anderer Faktoren das Kapitaldeckungsverfahren vorteilhaft ist.

 

Die Effizienz eines Finanzierungsverfahrens lässt sich nun dadurch bestimmen, dass man überprüft, wie viel eine Geldeinheit in Form von Beiträgen an späteren Auszahlungen von Seiten der Sicherungseinrichtung im Durchschnitt erbringt, welches Verfahren also dem einzelnen eine größere Rendite bringt, das Umlageverfahren oder das Kapitaldeckungsverfahren.

 

Nun entstehen bei der Berechnung einer solchen Rendite einige Schwierigkeiten. Erst nach dem Tode eines einzelnen Sicherungsnehmers lässt sich exakt feststellen, wie viel diese betreffende Person in die Sicherungseinrichtung in Form von Beiträgen im Verlaufe ihres Erwerbslebens eingezahlt hat und wie viel Auszahlungen sie insgesamt erhalten hat. Ein solches Vorgehen wäre jedoch aus zweierlei Gründen unzweckmäßig. Was der einzelne ausgezahlt bekommt, ist von Individuum zu Individuum verschieden und hängt von den verschiedensten Faktoren ab, die nicht immer im Vorhinein bekannt sein können. Was interessiert, ist die durchschnittliche Rendite; weiterhin will man ja im Allgemeinen diese Renditeaussichten im Vorhinein wissen, nicht erst nach dem Tode der Betroffenen, um festzustellen, welches Verfahren zweckmäßiger ist.

 

Hierbei entstehen jedoch zweierlei Schwierigkeiten: Die erste Schwierigkeit besteht darin, dass sowohl die Beiträge als auch die Auszahlungen in verschiedenen Zeitpunkten erfolgen und dass ein und derselbe Geldbetrag zu unterschiedlichen Zeiten auch unterschiedliche Werte aufweist, denken wir z. B. daran, dass aufgrund genereller Preissteigerungen ein Dollar vor 50 Jahren wesentlich mehr Wert war als heute oder in zwanzig Jahren sein wird.

 

Wir können somit die Beitrags- und Auszahlungssummen nicht einfach addieren. Man hilft sich aus dieser Schwierigkeit dadurch heraus, dass man für einen bestimmten Zeitpunkt z. B. für den Eintritt ins Rentenalter Gegenwartswerte berechnet und die Gegenwartswerte der Auszahlungen auf den Gegenwartswert der Beitragsgelder bezieht. Der Gegenwartswert einer Zahlung wird dadurch bestimmt, dass man für die vergangenen Zahlungen die Zinserträge, die diese Zahlung bis zum Zeitpunkt der Berechnung erbracht hätte, hinzuzählt und dass man in gleicher Weise die noch zu erbringenden zukünftigen Zahlungen auf die Gegenwart abdiskontiert. Es gilt die Formel:

 

GWt = Rt + Rt+1 + ..... Rt+x  -   B0 + B1 + Bt  mit:

 

GWt:   Gegenwartswert im Zeitpunkt t (=Austritt aus dem Erwerbsleben)

Rt:       Rentenauszahlung im Zeitpunkt t (= erste Rentenzahlung)

Rt+x:    Rentenauszahlung im letzten Lebensjahr

B0, Bt: Beitragszahlungen während des Erwerbslebens 

 

 

Eine zweite Schwierigkeit bei der Feststellung einer Rendite eines Rentensystems ergibt sich daraus, dass nur die Vergangenheitswerte bekannt sind, aber im Berechnungszeitpunkt unklar ist, wie lange noch Beiträge zu zahlen sind, wie hoch diese im Einzelfall ausfallen und welche Auszahlungen noch erfolgen. Man hilft sich hierbei, in dem man von den durchschnittlich erwarteten Werten ausgeht. Fragen wir z. B. nach der Rendite innerhalb einer Rentenversicherung, so geht man einerseits von der durchschnittlichen Erwerbszeit, andererseits von der durchschnittlichen Lebenserwartung der Sicherungsnehmer aus.

 

Wir haben weiter oben bereits darauf hingewiesen, dass die durchschnittliche Rendite dieser beiden Finanzierungsverfahren von verschiedenen Faktoren abhängt und dass es von diesen Faktoren abhängt, ob ein Umlageverfahren oder ein Kapitaldeckungsverfahren eine größere Rendite erbringt.

 

Die Rendite eines Umlageverfahrens hängt offensichtlich einmal davon ab, in welchem Verhältnis die Zahl der Erwerbstätigen und der Rentner steht. Je mehr Erwerbstätige in die heutige Sozialversicherung einzahlen und auf je weniger Rentner diese Beitragssummen auszuzahlen sind, umso größer ist die Rendite, d.h., um so mehr Geldeinheiten erbringt eine Geldeinheit an Beiträgen. Dies bedeutet, dass immer dann, wenn die Bevölkerung ansteigt, die Beiträge sich sehr viel mehr rentieren als bei einer stagnierenden Bevölkerung, weiterhin gilt, dass in dem Maße in dem die Rentner im Durchschnitt länger leben oder die Erwerbspersonen früher aus dem Erwerbsleben ausscheiden, die Rendite bei einem Umlageverfahren ceteris paribus zurückgeht.

 

Darüber hinaus garantieren auch hohe Wachstumsraten des Inlandsproduktes eine hohe Rendite beim Umlageverfahren. Die Beiträge werden als fester Prozentsatz des Einkommens berechnet. Wenn die Arbeitnehmer in der Vergangenheit bei wirtschaftlichem Wachstum ein geringeres Einkommen als heute bezogen haben, waren auch die durchschnittlichen Beitragssummen (bei gleichbleibenden Beitragssätzen) geringer als die heute einzuzahlenden Gelder. Die Renten werden jedoch in der Regel wiederum als Prozentsatz des heutigen Pro-Kopf-Einkommens berechnet, sodass gerade wegen des wirtschaftlichen Wachstums auch die Renten gegenüber früheren Zeiten angestiegen sind. Die heute im Vergleich zu früher höheren Beitragssummen ermöglichen somit, die Renten mit dem allgemeinen Einkommen ansteigen zu lassen.

 

Wie hoch ist nun im Vergleich hierzu die durchschnittliche Rendite bei einem Kapitaldeckungsverfahren? Hier hängt die Rendite allein von den in den in den einzelnen Zeiten geltenden Zinssätzen ab, da ja aus den Beiträgen in der Vergangenheit ein Kapitalstock gebildet wird, aus dem dann sämtliche Rentenzahlungen finanziert werden müssen. Es sind also die Zinserträge, welche bestimmen, um wie viel der Kapitalstock ansteigt.

 

Rein vordergründig sind es also ganz unterschiedliche Faktoren, welche die Höhe der Rendite bestimmen, beim Umlageverfahren hängt die Rendite von der Wachstumsrate der Bevölkerung sowie des Pro-Kopf-Einkommens ab, beim Kapitaldeckungsverfahren allein von der Höhe des Zinssatzes.

 

Nun müssen wir natürlich davon ausgehen, dass auch Wechselbeziehungen zwischen diesen unterschiedlichen Faktoren bestehen. So geht man im Rahmen der Wachstumstheorie davon aus, dass sich der langfristige und gleichgewichtige Zinssatz auf die Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens einstellt, so dass höhere Wachstumsraten des Inlandsprodukts die Rendite sowohl beim Umlageverfahren wie beim Kapitaldeckungsverfahren erhöhen. Man wird deshalb zu dem Schluss kommen müssen, dass Unterschiede in der Rendite zwischen den beiden Finanzierungsverfahren vor allem durch die Wachstumsrate der Bevölkerung bestimmt wird, hohe Wachstumsraten der Bevölkerung ermöglichen dem Umlageverfahren Renditevorteile, während bei Bevölkerungsstagnation oder dann, wenn sich die Erwerbspersonen/Rentnerrelation verschlechtert, ein Kapitaldeckungsverfahren eine höhere Rendite als ein Umlageverfahren abwerfen würde.

 

Wir gehen hierbei stillschweigend von der Annahme aus, dass sich der Zinssatz unabhängig von der Bevölkerungsentwicklung einstellt. Nun hat Paul A. Samuelson vor längerer Zeit die These aufgestellt, dass der Zinssatz unter gewissen vereinfachten Bedingungen gerade der Wachstumsrate der Bevölkerung entspreche. Samuelson ging hierbei allerdings von einer stagnierenden Volkswirtschaft (Wachstumsrate des Inlandsproduktes gleich null) aus. Unterstellt man hingegen in diesem Modell auch eine positive Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens, müsste man davon ausgehen, dass die Zinshöhe im langfristigen Gleichgewicht von der Summe aus Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens sowie der Bevölkerung bestimmt wird. In diesem Falle fallen jedoch die Renditen beider Finanzierungssysteme langfristig in etwa zusammen, zumindest dann, wenn nicht beim Umlageverfahren weitergehende Umverteilungsziele (z. B. Nivellierungsziele) durchgeführt werden. Steigt die Lohnquote und wird die Rente auf das Lohneinkommen bezogen, so steigt die Rente stärker als es der Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens entspricht.

 

Wir haben uns allerdings nicht nur nach der unterschiedlichen Effizienz dieser beiden Finanzierungsverfahren zu fragen, sondern darüber hinaus die Frage zu stellen, ob es unter Umständen auch von diesen Verfahren abhängt, ob und in welchem Umfang unerwünschte Sekundärwirkungen zu befürchten sind. So hat Martin Feldstein zum Zeitpunkt des Übergangs zum Umlageverfahren in der sozialen Rentenversicherung der USA die Befürchtung geäußert, dass dieser Übergang notwendigerweise die Wachstumsrate des Inlandsproduktes beeinträchtige.

 

Martin Feldstein geht hierbei von der neoklassischen Annahme aus, dass die Höhe der wirtschaftlichen Wachstumsrate vor allem von der ex ante Sparrate bestimmt wird. Wird ein höherer Prozentsatz des Einkommens gespart, so führt dieses vermehrte Angebot auf den Kapitalmärkten über eine vorübergehende Senkung des Zinssatzes zu einer Ausweitung des Investitionsvolumens und diese hin wiederum zu einem Anstieg im wirtschaftlichen Wachstum.

 

Der Übergang zu einem Umlageverfahren im Rahmen der Rentenversicherung führe nun automatisch dazu, dass weniger gespart werde. Solange ein Kapitaldeckungsverfahren angewandt werde, werde auf das Alter hin gespart, es wird ein Kapitalstock angelegt, der selbst wiederum in der privaten Wirtschaft investiv angelegt werden könnte. Beim Umlageverfahren hingegen erübrige es sich, für das Alter zu sparen, da aus den heutigen Beiträgen die Renten unmittelbar finanziert würden. Stiege das heutige Einkommen an, so würden die gestiegenen Beitragseinzahlungen zu einer Erhöhung der Renten verwandt oder aber die Beitragssätze würden reduziert und damit die Konsumausgaben der Erwerbstätigen erhöht; in beiden Fällen stiegen die Konsumausgaben, nicht aber die Ersparnisse an.

 

Kritisch ist allerdings einzuwenden, dass diese Überlegungen zunächst eine mikroökonomische Betrachtung darstellen, dass aber zur Beurteilung der Wachstumschancen nach der gesamtwirtschaftlichen Sparsumme gefragt werden muss. In jedem Zeitpunkt werden bei Anwendung des Kapitaldeckungsverfahren für die Erwerbstätigen neue Ersparnisse gebildet und für die Rentner bisherige Ersparnisse aufgelöst. Nur dann, wenn mehr Ersparnisse neu gebildet werden als zur gleichen Zeit Ersparnisse aufgelöst werden, steigt die Sparsumme per Saldo in der Volkswirtschaft an. Gehen wir von einer Volkswirtschaft aus, in der die Bevölkerung konstant bleibt und in der das Pro-Kopf-Einkommen nicht steigt, werden überhaupt keine neuen Ersparnisse per Saldo gebildet, in jeder Periode ist die Summe der neu gesparten Sparbeträge gleich groß wie die Summe der aufgelösten Sparbeträge. Also können hier auch vom Kapitaldeckungsverfahren keine Wachstumsimpulse ausgehen.

 

Wenn allerdings die Bevölkerung steigt oder bereits eine positive Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens erreicht wird, unterscheiden sich beide Finanzierungsverfahren sehr wohl im Hinblick auf die Sekundärwirkungen. Während beim Kapitaldeckungsverfahren die bestehenden Wachstumsimpulse dazu eingesetzt werden, dass über vermehrte Investitionen weitere Anreize zum Wachstum ausgelöst werden, wird beim Umlageverfahren das bestehende Wachstum dafür eingesetzt, dass die kurzfristige Rendite und damit das Konsumniveau ansteigt.

 

 

    10. Das Problem der Dynamisierung

   

Ein weiteres Problem einer Sicherungseinrichtung besteht in der Frage, ob die Leistungen in Form von nominell fixen, vorgegebenen Geldeinheiten gewährt werden sollen oder ob die Leistungen automatisch an die Entwicklung der Volkswirtschaft angepasst und somit dynamisiert werden sollen.

 

Wir haben davon auszugehen, dass sich das Güterpreisniveau in der Regel jährlich erhöht mit der Folge, dass bei einer gleichbleibenden nominalen Höhe der Leistungen ihr Realwert permanent sinkt. Darüber hinaus steigt auch in der Regel das reale Pro-Kopf-Einkommen einer Volkswirtschaft. Blieben die nominellen Zahlungen konstant, so würde sich zusätzlich der Anteil der Empfänger dieser Leistungen am wachsenden Inlandsprodukt permanent verringern.

 

Diese Frage der Dynamisierung wurde in der Vergangenheit vor allem für die Altersrenten diskutiert. Aber auch hier gilt, dass sich das Dynamisierungsproblem auf alle Sicherungseinrichtungen bezieht, zumindest für die Einkommensersatzfunktion, es besteht ein Bedarf z. B. auch für Invaliditäts- oder Unfallrenten die Rentenhöhe an die wirtschaftliche Entwicklung anzupassen. Im Rahmen der Krankenversicherung stellte sich dieses Problem nur äußerlich weniger, da das Krankengeld als Prozentsatz des jeweiligen Einkommens gezahlt wurde. De facto erfolgte auch hier eine Dynamisierung, da die Lohneinkommen zu den Einkommensarten zählen, die regelmäßig über Tarifverhandlungen an die wirtschaftliche Entwicklung angepasst werden.

 

Die Forderung nach Dynamisierung der Renten wurde erstmals in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg erhoben und es wurde in der Rentenreform von 1957 eine dynamische Rente eingeführt. Zuvor wurden die Altersrenten als Fixeinkommen gewährt. Dies bedeutet nicht, dass die Rentenhöhe auch langfristig konstant blieb. Es gab immer wieder Perioden, in denen sich die Politiker – vor allem in Zeiten vor allgemeinen Wahlen – veranlasst sahen, die Rentenhöhe an die veränderte Situation anzupassen.

 

Es ging also bei der Forderung nach Dynamisierung vor allem um die Frage, auf welche Weise eine Anpassung der Renten an die wirtschaftliche Entwicklung zu erfolgen habe. Bisher waren die Anpassungen eher zufällig, sie hingen von der finanziellen Lage der Staatshaushalte ab und von dem Ziel der Politiker, bei der nächsten Wahl auch die Rentner für sich zu gewinnen. Es waren sozusagen Gnadenakte, die Rentner hatten keinen Rechtsanspruch auf eine angemessene Anpassung der Renten.

 

Bei der Forderung nach Dynamisierung ging es also vor allem darum, dass die Rentenanpassung der Willkür der Politiker entzogen wurde und dass die Rentner einen voraussehbaren Anspruch auf eine regelmäßige Anpassung erhielten und dass sie also genauso wie die arbeitende Bevölkerung behandelt werden, bei der ebenfalls über periodische Tarifverhandlungen eine regelmäßige Anpassung der Lohneinkommen an die wirtschaftliche Entwicklung stattfindet.

 

Eine Dynamisierung der Leistungen im Rahmen der sozialen Sicherheit lässt sich nun auf unterschiedliche Weise realisieren. Da eine Dynamisierung sowohl aufgrund eingetretener Güterpreissteigerungen als auch aufgrund eines Anstiegs im realen Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung gefordert wird, liegt es nahe, die Renten an die nominelle Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens zu koppeln. In diesem Falle steigen die Renten an, wenn die Güterpreise steigen, das Realeinkommen der Rentner bleibt also von der Inflationsrate unberührt, gleichzeitig steigt jedoch in diesem Falle das Renteneinkommen auch mit dem wirtschaftlichen Wachstum, sodass also auch der Anteil der Renten am Inlandsprodukt unverändert bleibt.

 

Bei der Rentenreform von 1957 wählte man einen etwas anderen Maßstab für die automatische Rentenanpassung. Man koppelte die Rentenhöhe an die Entwicklung der Lohneinkommen der in der gesetzlichen Rentenversicherung versicherten Arbeitnehmer. Man ging davon aus, dass es den Gewerkschaften in regelmäßig stattfindenden Tarifverhandlungen im Allgemeinen gelingt, die Lohneinkommen der Arbeitnehmer an die wirtschaftliche Entwicklung anzupassen, dass also die Arbeitnehmer sowohl einen Ausgleich für die eingetretenen Preissteigerungen erhalten als auch dass sie angemessen am wirtschaftlichem Wachstum der Volkswirtschaft beteiligt werden.

 

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, sinken also die Reallöhne nicht und bleibt auch die Lohnquote konstant, so gilt auch für die Renten, dass die reale Rentenhöhe bei Inflation nicht absinkt und dass auch der Anteil der Renten am Inlandsprodukt unverändert bleibt. Fragen wir uns noch kurz, wie sich die Renten entwickeln, wenn die Lohnsteigerungen nicht dem allgemeinen Trend in der Volkswirtschaft folgen.

 

Die Gewerkschaften verfolgen ja bisweilen auch das Ziel, den Anteil der Arbeitnehmer am Inlandsprodukt zu erhöhen. Gelingt ihnen dies, so steigt bei einer Kopplung der Renten an die Entwicklung der Lohneinkommen auch der Anteil der Rentner am Inlandsprodukt. Man kann darin einen Vorteil sehen, da nun eine für die erwerbstätigen Arbeitnehmer als notwendig erachtete Korrektur in der Einkommensverteilung auch für die Rentner vorgenommen wurde. Dies kann als erwünscht angesehen werden, da ja auch die Rentner (in der Regel) der Schicht der Arbeitnehmer entstammen.

 

Nehmen wir jedoch den Fall, dass es den Gewerkschaften nicht gelungen ist, die Löhne so stark anzuheben, dass sowohl ein Kaufkraftausgleich als auch eine angemessene Beteiligung am wirtschaftlichen Wachstum erfolgen konnte, so folgt hieraus wiederum, dass auch die Renten keine vollständige Anpassung an die wirtschaftliche Entwicklung erreicht haben. Aber auch hier könnte man diese zu geringe Anpassung der Renten damit verteidigen, dass zumindest die Position der Rentner im Vergleich zu der Stellung der Arbeitnehmer innerhalb der Einkommensverteilung erhalten bleibt.

 

Die Position der Arbeitnehmer insgesamt (also der erwerbstätigen Arbeitnehmer sowie der Arbeitnehmer im Ruhestand) hat sich gleichmäßig entwickelt. Verteilungspolitisch mag zwar diese Veränderung bedauert werden. Dies bedeutet allerdings nicht, dass diese Veränderung auch aus gesamtwirtschaftlicher Sicht in jedem Falle unerwünscht ist, immerhin ist eine Verringerung der Lohnquote in der Regel auch mit einer Verringerung der Konsumquote verbunden; also steigt der Anteil der Investitionen, was selbst wiederum das wirtschaftliche Wachstum erhöht. Bei einer höheren Wachstumsrate kann jedoch das reale Lohneinkommen trotz verminderter Lohnquote absolut stärker steigen als ohne diese Korrektur.

 

Dynamisierung der Renten bedeutet eigentlich eine automatische Anpassung der Renten an die wirtschaftliche Entwicklung, ohne dass diese Anpassung eigens durch Gesetze erfolgt. Bei der Rentenreform von 1957 war der Gesetzgeber entgegen den Zielvorstellungen Wilfrid Schreibers – dem geistigen Vater der Rentenreform – allerdings nicht bereit, diese Automatik für alle Renten vorzusehen.

 

Man beschloss vielmehr, lediglich die sogenannten Zugangsrenten automatisch an die Lohneinkommen zu koppeln. Für die restlichen Bestandsrenten sollte eine Anpassung zwar ebenfalls in der Regel erfolgen. Aber erst nach Anhörung eines sachverständigen Gremiums sollte dann die Anhebung auch der Bestandsrenten von der Regierung beschlossen werden, und zwar nur für den Fall, dass die wirtschaftliche Entwicklung diese allgemeine Rentenerhöhung zuließ.

 

Unter Zugangsrenten versteht man die Renten, welche einem Arbeitnehmer unmittelbar nach Übergang in den Ruhestand ausgezahlt wurden. Die Bestandsrenten hingegen stellen alle Rentenzahlungen dar, welche in den folgenden Jahren nach dem Eintritt ins Rentenalter gewährt werden. Da also die Zugangsrenten lediglich einen Jahrgang – den Jahrgang nach dem Eintritt in den Ruhestand – , die Bestandsrenten hingegen alle übrigen Rentnerjahrgänge umfassen, beziehen sich die Bestandsrenten auf eine wesentlich höhere Summe, auch dann, wenn man berücksichtigt, dass die Jahrgangsstärke mit dem Alter der Rentner natürlich zurückgeht.

 

Man kann in diesem Beschluss, für den größten Teil der Renten keine vollständige Automatik in der Anpassung durchzuführen den Vorteil sehen, dass auf diese Weise nur dann eine Rentenanpassung erfolgt, wenn sie aus der Sicht der Politiker volkswirtschaftlich verkraftet werden kann. Aus der Sicht der ursprünglichen Zielsetzung der Dynamisierung, den Rentnern eine sichere und von der Willkür der Politiker unabhängige Anpassung ihrer Renten zu garantieren, kommt diese Entscheidung allerdings fast einer Aufgabe der eigentlichen Zielsetzung gleich.

 

Eine weitere Variante einer Dynamisierung wurde 1957 bei der Einführung der dynamischen Rente in der BRD vorgesehen. Es ging um die Frage, ob die Anpassung der Renten an die wirtschaftliche Entwicklung unmittelbar oder verzögert erfolgen soll. Man entschied sich damals zunächst für eine verzögerte Anpassung. Die Renten eines Jahres x wurden also nicht an die Lohneinkommensänderungen des gleichen Jahres, sondern aus dem gleitenden Durchschnitt der drei Jahre gebildet, die dem Jahr der Verrentung vorausgingen.

 

Begründet wurde diese Verzögerung der Anpassung mit konjunkturpolitischen Argumenten. Man ging davon aus, dass die Konjunkturentwicklung insbesondere von der Nachfrageentwicklung abhänge. Wenn also nun die Renten unmittelbar der Lohnentwicklung folgen würden, müsste der Anstieg der Konsumnachfrage in Zeiten des Konjunkturaufschwungs bzw. ihr Rückgang in Zeiten des Konjunkturabschwungs verschärft werden. Dies wollte man vermeiden.

 

Entsprechend keynesianischer Vorstellungen habe der Staat sein Budget antizyklisch auszurichten. Wenn die private Nachfrage ansteige, habe der Staat seine Nachfrage zu drosseln, um inflationären Tendenzen entgegenzuwirken. Umgekehrt gelte, dass dann, wenn die private Nachfrage sinke und die Gefahr von Arbeitslosigkeit drohe, der Staat seine Nachfrage ausweiten müsse, um damit Vollbeschäftigung zu garantieren.

 

Dieses antizyklische Vorgehen des Staates gelte nun auch für die Einrichtungen der gesetzlichen Sozialversicherung. Immerhin machten die Rentenzahlungen einen beachtlichen Anteil der öffentlichen Ausgaben aus. So betrugen im Jahre 2005 die Sozialausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung etwa 240 Milliarden €, während sich die gesamten Staatsausgaben im gleichen Jahr auf circa 667 Milliarden € beliefen. Somit erreichten die Rentenausgaben in diesem Jahr immerhin circa 36% der Staatsausgaben. Auch die Rentenzahlungen sollten damit in Zeiten der Depression überproportional, in Zeiten der konjunkturellen Überhitzung hingegen unterproportional steigen.

 

Nun ging man davon aus, dass sich die Konjunktur in etwa 8-Jahresschritten bewegt. Im Allgemeinen unterscheidet man nach der Länge der Konjunkturzyklen zwischen drei verschiedenen Zyklenarten. Man kennt die sehr kurzfristigen Zyklen von etwa 2-3  Jahren, die auf die Lagerdispositionen des Handels zurückgeführt wurden und welche als Kitchin-Wellen (nach dem Forscher, der diese Zyklen als erster beschrieben hatte) bezeichnet werden, weiterhin die Juglar-Wellen, welche die eigentlichen Konjunkturzyklen im engeren Sinne darstellen und etwa 8 - 9 Jahre dauern und schließlich die langen Kondratief-Zyklen, welche über etwa 40 bis 50 Jahre dauern und welche vor allem auf die Zusammenhänge zurückgeführt werden können, welche von Joseph A. Schumpeter beschrieben wurden. Danach reicht eine Grundinnovation (Erfindung der Dampfkraft, des Elektromotors oder der Computertechnik) aus, um mehrere hintereinander folgende Konjunkturzyklen – allerdings in jeweils geschwächter Form – zu alimentieren.

 

Gehen wir nun von Juglar-Wellen, den Konjunkturzyklen im engeren Sinne aus, so entfallen auf die Aufschwungs- sowie Abschwungsphase gerade etwa 4 Jahre. Erfolgt nun die Rentenanpassung um vier Jahre verzögert, so steigen die Renten genau in den Abschwungsjahren überproportional stark an, während in den Aufschwungsphasen mit unterproportionalen Rentenzuwächsen zu rechnen ist. Das Budget der Sozialversicherung verhält sich somit – wie erwünscht – antizyklisch.

 

Diese positive Wirkung wäre allerdings nur dann zu erwarten, wenn die Konjunkturzyklen in der Realität tatsächlich immer gerade 8 Jahre betragen würden. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die 8 – 9 Jahre beziehen sich nur auf den Durchschnitt der Konjunkturzyklen, jeder einzelne Zyklus weicht mehr oder weniger von diesem Muster ab. Vor allem hatte Juglar diese Zyklen für eine Zeit nachgewiesen, in welcher der Staat noch einen geringen Anteil an der Gesamtnachfrage aufwies. Heutzutage in einer Zeit, in der über die Hälfte der Gesamtnachfrage direkt oder indirekt vom Staat mitbestimmt wird, kann nicht mehr damit gerechnet werden, dass die Konjunkturzyklen, die vorwiegend mit dem Verhalten der privaten Unternehmungen erklärt werden müssen, den bisherigen regelmäßigen Verlauf aufweisen.

 

Sind jedoch die Konjunkturzyklen unregelmäßig, was tatsächlich seit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg der Fall ist, so gehen von einer gleichbleibenden Verzögerung in der Rentenanpassung natürlich auch nicht die erwünschten konjunkturdämpfenden Effekte aus. Die tatsächlichen Auswirkungen sind teilweise antizyklisch, teilweise aber auch prozyklisch, verschärfen also bisweilen sogar noch die Konjunkturausschläge.

 

Es kommt noch hinzu, dass die tatsächliche Auswirkung der Einrichtungen der sozialen Sicherheit auf die Konjunkturlage auch noch von anderen Faktoren abhängt. So entscheidet die Frage, ob die Rentenzahlungen nur aus Beiträgen oder auch teilweise aus Staatszuschüssen finanziert werden, über den tatsächlichen Einfluss auf die Konjunkturlage. Werden Staatszuschüsse gewährt und werden diese defizitär finanziert, so wirkt die Rentenversicherung auf jeden Fall nachfragesteigernd. Weiterhin muss in dieser Frage berücksichtigt werden, dass auch die Lohneinkommen als solche in ihrem konjunkturellen Verlauf hinter der allgemeinen Konjunkturbewegung hinterherhinken.

 

Es ist somit nicht ratsam, aus konjunkturpolitischen Gründen heraus die Rentenanpassung zu verzögern. Zu ungewiss sind die Einflüsse einer solchen Verzögerung auf die tatsächliche Konjunkturlage. Nun wurde in der Tat in den 90er Jahren die Verzögerung in der Rentenanpassung aufgehoben und somit diesen allgemeinen Überlegungen entsprochen. Allerdings lag der eigentliche Grund für diese Korrektur darin, dass man auf diese Weise vorübergehend das drohende Defizit in der Rentenversicherung reduzieren konnte.

 

Man hat nämlich diese Verzögerung in der Anpassung zu einer Zeit des Konjunkturabschwungs aufgehoben, in der entsprechend der bisherigen Rentenformel die Renten eigentlich hätten überproportional angehoben werden sollen. Indem man die Verzögerung in dieser Zeit aufhob, brauchte man die Renten nur proportional dem Wachstum der Lohneinkommen anpassen und reduzierte damit die Rentenausgaben für diese aktuelle Konjunkturphase.

 

Es gibt noch einen weiteren Grund dafür, auf eine Verzögerung in der Rentenanpassung zu verzichten. Das Ziel der Dynamisierung der Renten bestand ja darin, den Rentnern genauso wie den erwerbstätigen Arbeitnehmern eine angemessene Beteiligung am wirtschaftlichen Wachstum zu ermöglichen. Es fragt sich, wie sich eine Verzögerung in der Rentenanpassung auf diese Zielsetzung auswirkt. Mittelfristig – das heißt über einen ganzen Konjunkturzyklus gesehen – bleibt der Anteil der Rentner am Inlandsprodukt von dieser Verzögerung unberührt.

 

In Zeiten des Konjunkturaufschwungs müssen sich zwar die Rentner mit unterproportionalen Rentenzuwächsen zufrieden geben, der Anteil der Renten am Inlandsprodukt sinkt also, dafür sind jedoch die Rentenzuwächse in Zeiten des Konjunkturabschwungs überproportional hoch, sodass in diesen Zeiten der Anteil der Renten am Inlandsprodukt ansteigt. Entsprächen sich die Zuschläge in der Abschwungsphase den Abschlägen in der Aufschwungsphase, so bliebe der Anteil der Renten am Inlandsprodukt über den gesamten Konjunkturzyklus hin konstant.

 

Nun haben wir allerdings gesehen, dass wir in der Realität nicht mit solchen symmetrisch verlaufenden Konjunkturzyklen rechnen können. Vor allem aber gehen wir davon aus, dass langfristig ein wirtschaftliches Wachstum stattfindet. Findet nun die Anpassung der Renten verzögert statt, so bedeutet dies, dass auf lange Sicht der Anteil der Renten am Inlandsprodukt sinkt. Es scheint also auch aus verteilungspolitischen Gründen zweckmäßig, auf eine Verzögerung in der Rentenanpassung zu verzichten.

 

 

Fortsetzung folgt!