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Die Ringparabel

 

Gliederung:

 

0. Das Problem

1. Der Wortlaut der Parabel

2.  Die Einbindung in das Drama: Nathan der Weise

3. Der Anlass für das Drama

4. Die Vorlage: Das Dekameron von Giovanni Boccaccio.

5. Die Schlussfolgerungen bei Lessing

6. Die Forderung nach Toleranz

7. Die fehlende Beweisbarkeit

8. Gleichwertigkeit der drei Religionen?

9. Das Wesentliche: Glaube oder Liebe?

 

 

0. Das Problem

 

Wir wollen uns in diesem Artikel mit der Ringparabel aus dem von Lessing veröffentlichten Drama: ‚Nathan der Weise‘ befassen. Wie kaum eine andere Schrift der Aufklärung gilt gerade diese Ringfabel als ein Dokument, das sich gegen den Alleinanspruch der drei wichtigsten Weltreligionen: Judentum, Christenheit und Islam richtet. Jede dieser drei Religionen nimmt für sich in Anspruch, die einzig wahre Religion zu sein und verdammt – bzw. verdammte zumindest zur Zeit Lessings – die jeweils anderen Religionen, wobei sich diese Religionen auch sehr oft – allerdings nicht zu allen Zeiten    bis aufs Messer bekämpft haben.

 

Mit dieser Ringfabel will Lessing für eine andere Haltung im Hinblick auf die einzelnen Religionen werben. Keine dieser drei Religionen sei in der Lage, die Wahrheit ihrer Glaubensüberzeugungen zu beweisen und gerade deshalb sei es auch falsch, gegen die jeweils anderen Religionen zu Felde zu ziehen, alle drei Religionen seien im Hinblick auf die Glaubensfragen gleichberechtigt, jede nehme zwar für sich Anspruch, die wahre Religion zu sein, da aber gerade dieser Anspruch nicht bewiesen werden könne, könne keine dieser Religionen für sich in Anspruch nehmen, bereits die letzte Wahrheit gefunden zu haben. Und gerade deshalb sei es auch geboten, dass die einzelnen Religionen gegenüber den anderen zwei Religionen eine tolerante Haltung einnehmen.

 

Die Ringfabel ist allerdings keine Erfindung Gotthold Ephraims Lessings. Der Inhalt der Ringfabel begegnet uns bereits etwa vier Jahrhunderte vor dem Erscheinen des Nathan des Weisen im Dekameron von Giovanni Boccaccio. Auch bei Boccaccio wird ein angesehener Jude – hier allerdings nicht mit Namen Nathan, sondern Melchisedek zu dem Sultan Saladin geladen, der vorgibt, von dem weisen Juden darüber Auskunft zu erfahren, welche der drei Religionen die einzig wahre sei.

 

Während jedoch Lessing mit der Erzählung dieser Ringparabel die Gleichberechtigung aller drei Religionen beweisen will, dient bei Boccaccio dieses Gleichnis eher dazu, aufzuzeigen, wie man sich durch Weisheit aus der Schlinge ziehen kann.

 

In diesem Artikel geht es mir in erster Linie darum, aufzuzeigen, wie diese Parabel aus der Sicht der christlichen Religion zu beurteilen ist. Während auf der einen Seite sicherlich der Vorwurf der Intoleranz der drei monotheistischen Religionen zu der Zeit Lessings zu Recht bestand und das Werben um Toleranz in religiösen Fragen heutzutage auch aus christlicher Sicht begrüßt werden kann, scheint mir jedoch der Versuch misslungen, darüber hinaus nachzuweisen, dass der Wahrheitsanspruch dieser Religionen nicht gelten könne.

 

 

1. Der Wortlaut der Parabel

 

Beginnen wir mit dem Wortlaut der Ringparabel in Lessings Nathan der Weise:

 

Nathan:

Vor grauen Jahren lebt’ ein Mann in Osten,

Der einen Ring von unschätzbarem Wert

Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein

Opal, der hundert schöne Farben spielte,

Und hatte die geheime Kraft, vor Gott

Und Menschen angenehm zu machen, wer

In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,

Daß ihn der Mann in Osten darum nie

Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,

Auf ewig ihn bei seinem Hause zu

Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring

Von seinen Söhnen dem geliebtesten;

Und setzte fest, daß dieser wiederum

Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,

Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,

OhnAnsehn der Geburt, in Kraft allein

Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. –

Versteh mich, Sultan.

 

Saladin: Ich versteh dich. Weiter!

 

Nathan:

So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,

Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;

Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,

Die alle drei er folglich gleich zu lieben

Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit

Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald

Der dritte, – sowie jeder sich mit ihm

Allein befand, und sein ergießend Herz

Die andern zwei nicht teilten, – würdiger

Des Ringes; den er denn auch einem jeden

Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.

Das ging nun so, solang es ging. – Allein

Es kam zum Sterben, und der gute Vater

Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei

Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort

Verlassen, so zu kränken. – Was zu tun? –

Er sendet in geheim zu einem Künstler,

Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,

Zwei andere bestellt, und weder Kosten

Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,

Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt

Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,

Kann selbst der Vater seinen Musterring

Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft

Er seine Söhne, jeden insbesondre;

Gibt jedem insbesondre seinen Segen, –

Und seinen Ring, – und stirbt. – Du hörst doch,

Sultan?

 

Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt):

Ich hör, ich höre! – Komm mit deinem Märchen

Nur bald zu Ende. – Wird’s?

 

Nathan:

Ich bin zu Ende.

Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. –

Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder

Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst

Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,

Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht

Erweislich; – (nach einer Pause, in welcher er des

Sultans Antwort erwartet)

Fast so unerweislich, als

Uns itzt – der rechte Glaube.

 

 

2.  Die Einbindung in das Drama: Nathan der Weise

 

Das Drama spielt in Jerusalem des späten Mittelalters.

 

Im ersten Akt kommt Nathan, ein reicher jüdischer Kaufmann, von einer Geschäftsreise nach Jerusalem, das sowohl Christen, Juden und Moslems beheimatet, zurück. Er erfährt, dass seine Pflegetochter Recha bei einem Brand fast zu Tode gekommen wäre, wenn sie nicht durch das mutige Eingreifen eines Tempelherrn gerettet worden wäre. Dieser Tempelherr war während des letzten Kreuzzugs in moslemische Gefangenschaft geraten, aber vom Sultan Saladin wegen dessen Ähnlichkeit mit seinem verstorbenen Bruder begnadigt worden.

 

Im zweiten Akt ist der Sultan Saladin darum bemüht, Frieden zwischen den Christen und Muslimen zu schaffen. Seine Kassen sind jedoch leer und er benötigt neue Gelder, um seine Gegner dazu zu bewegen, in den Frieden einzuwilligen. Er erfährt von Nathan, einem sehr reichen Juden und lässt nach ihm rufen.

 

Er schickt also nach Nathan, der nicht nur wegen seines Reichtums, sondern auch wegen seiner Weisheit berühmt ist, um ihn gemäß dem Rat seiner Schwester Sittah auf die Probe zu stellen. Da er nämlich nicht sicher sein kann, dass Nathan auch bereit sein wird, ihm freiwillig die notwendige Geldsumme zu leihen, greift er zu einer List. Würde nämlich Nathan seine eigene jüdische Religion als die einzig wahre Religion hinstellen, hätte er den Zorn des moslemischen Fürsten zu befürchten. Würde er jedoch den Islam als die einzig richtige Religion benennen, käme er in Schwierigkeiten zu erklären, warum er dann immer noch am jüdischen Glauben festhalte.

 

Im dritten Akt vertraut Nathans Dienerin Daja dem Tempelritter, der sich  in Recha verliebt hatte, an, dass Recha gar nicht die leibliche Tochter Nathans sei, sondern vielmehr von christlichen Eltern abstamme und Recha zu sich genommen hatte, nachdem dieser kurz davor seine Frau und sieben Söhne bei einem Pogrom verloren hatte. Nathan beantwortet Saladins Frage, welche Religion seiner Meinung nach die einzig wahre sei, mit der berühmten Ringparabel.

 

Im vierten Akt erfahren wir, dass Nathan zunächst nicht bereit war, seine Tochter mit dem Tempelherr vermählen zu lassen. Aus Enttäuschung und Wut lässt der Tempelherr den Patriarchen von Jerusalem wissen, dass ein Jude die Christin Recha im jüdischen Glauben aufgezogen habe, bereut diesen Schritt jedoch, als der Patriarch diesen Juden deshalb verbrennen lassen will.

 

Im fünften letzten Akt begegnen sich im Palast des Sultans der Tempelherr und Nathan erneut. Hierbei wird offenbar, dass der Ordensritter und Recha in Wirklichkeit Bruder und Schwester sind und den in der Zwischenzeit verschollenen Bruder des Sultans, Assad zum Vater haben. Somit gehören alle drei Akteure trotz unterschiedlichen Glaubens ein und derselben Familie an. Das Drama endet damit, dass sich Nathan, der Sultan und der Tempelherr umarmen und so  der Toleranz über die Probleme und Verwirrungen, die durch die drei Religionen entstanden waren, zum Siege verhelfen.

 

 

3. Der Anlass für das Drama

 

Das Drama »Nathan der Weise« von Gotthold Ephraim Lessing wurde 1783 in Berlin uraufgeführt. Es spielt zur Zeit des Dritten Kreuzzuges (1189 – 1192) während eines Waffenstillstandes in Jerusalem. Einige Zeit später versuchte der Kaiser Friedrich II. die Kaisergewalt in Oberitalien wiederherzustellen, scheiterte jedoch in diesem Bemühen, sodass der auch bereits seit längerer Zeit schwelende Konflikt mit dem Papsttum erneut offen ausbrach.

 

Äußerer Anlass dieses Konfliktes war der Umstand, dass Friedrich II. den Kreuzzug, den er bei seiner Aachener Königskrönung zugesagt hatte, immer wieder verschoben hatte. Papst Gregor IX. hatte deshalb den Kirchenbann über Friedrich verhängt. Im Jahre 1228-29 löste Friedrich schließlich sein Gelübde ein und führte den fünften Kreuzzug an. Es gelang ihm  allein durch Verhandlungen mit Sultan Al-Kamil in Kairo –, dass den Christen die heiligen Stätten kampflos überlassen wurden. Trotzdem war der Papst erst sehr viel später – im Jahre 1231 – bereit, den Kirchenbann über Friedrich zu lösen.

 

Lessing wandte sich der Niederschrift des Nathan des Weisen 1778 zu, nachdem

ihm sein Fürst, der Herzog von Braunschweig, untersagt hatte, seine theologische Dispute mit Pastor Goeze fortzusetzen. Nun versuchte Lessing somit die unversöhnliche, intolerante Haltung der Kirche gegenüber Ungläubigen nicht mehr im philosophisch-wissenschaftlichen Disput, sondern auf der literarischen Bühne fortzusetzen und ein Plädoyer zugunsten aufgeklärter, vernunftgeleiteter und human handelnder Menschen zu formulieren.

 

Folgt man der Quintessenz der Ringparabel des »Nathan«, dann stellen alle drei Religionen des Judentums, der Christenheit und des Islam nur unterschiedliche historische Formen dar, welche ein gemeinsames menschliches Streben nach Vollkommenheit zum Ausdruck  bringen sollen.

 

 

4. Die Vorlage: Das Dekameron von Giovanni Boccaccio.

 

Die Ringparabel ist keine Erfindung Lessings, sie wurde vielmehr dem Il Decamerone fast wörtlich entnommen, einer Streitschrift, welche Giovanni Boccaccio bereits 1470 veröffentlicht hatte. Diese Schrift handelt davon, dass 1348 die Pest in Florenz ausgebrochen war und dass sich eines Dienstags sieben junge, adlige Damen zwischen 18 und 28 Jahren zufällig trafen und zusammen mit drei weiteren jungen Adligen auf Vorschlag der ältesten Dame Pampinea den Beschluss fassten, der dem Tode geweihten Stadt zu entfliehen und sich gemeinsam auf einem in der Nähe von Florenz befindlichen Schloss niederzulassen. Sie beschließen dort, dass jeden Tag einer der Anwesenden zum König ernannt wird.

 

Am ersten Tag wurde so Paminea zur Königin gewählt. Sie verfügte, dass am Nachmittag dieses Tages jeder der Teilnehmer eine Geschichte erzählen sollte, die ein Thema zum Gegenstand habe, das dem Erzähler am meisten am Herzen liege. Philomena erzählt hierbei am ersten Tag als dritte Novelle die Ringerzählung.

 

Sie beginnt ihre Erzählung damit, dass die vorhergehende von Neifile erzählte Geschichte sie an die gefährliche Lage erinnere, in der sich einst ein Jude befand. So wolle sie mit ihrer Erzählung ihnen zeigen, dass man vorsichtig sein solle, wenn man auf vorgelegte Fragen Antworten formuliert. Genauso wie die Torheit gar manchen aus seiner glücklichen Lage reißt und in tiefes Elend stürzt,  genauso wird den Weisen seine Klugheit aus großer Gefahr erretten und ihm vollkommene Ruhe und Sicherheit gewähren. Es sei sicherlich nicht notwendig eigens nachzuweisen, wie der Unverstand oft vom Glück zum Elend führt. Wie aber die Klugheit helfen kann, werde ich euch, meinem Versprechen gemäß, in der folgenden kurzen Geschichte lehren.

 

Saladin, der Sultan von Babylon hatte durch eine Vielzahl von zahlreichen Kriegen sein gesamtes Vermögen verloren und sah sich nach neuen Geldquellen um. Er erfuhr von einem Juden namens Melchisedek, der allerdings als so geizig gehalten wurde, dass er ihm vermutlich nicht freiwillig Geld leihen würde. Da er nicht gewaltsam vorgehen wollte, überlegte er sich eine List, ließ ihn zu sich rufen und forderte eine Antwort auf die Frage, welche Religion denn nach Meinung Melchisedek die einzig wahre sei.

 

Melchisedek erkannte sofort die Falle und versuchte jedoch durch Scharfsinn dieser Falle zu entgehen und erzählte die Geschichte mit den drei Ringen. Und er schloss seine Erzählung mit den Worten: So sage ich Euch denn, mein Gebieter, auch von den drei Gesetzen, die Gottvater den drei Völkern gegeben und über die Ihr mich befraget. Jedes der Völker glaubt seine Erbschaft, sein wahres Gesetz und seine Gebote zu haben, damit es sie befolge. Wer es aber wirklich hat, darüber ist, wie über die Ringe, die Frage noch unentschieden.«

 

Da der Sultan die geschickte Antwort des Juden bewunderte, offenbarte er seine wahre Absicht und letztlich wurden beide Freunde und der Jude lieh Saladin großzügig das gewünschte Geld.

 

 

5. Die Schlussfolgerungen bei Lessing

 

Fragen wir uns nun, welche Schlussfolgerungen Lessing aus der Ringparabel gezogen hat. Lessing hat diese Erzählung wie auch Boccaccio vor ihm als eine Parabel vorgestellt und eine Parabel will niemals wortwörtlich genommen werden. Es geht letztendlich nicht darum, dass ein Vater vor grauer Urzeit seinem Sohn und dieser auch seinem Sohn wiederum einen kostbaren Ring geschenkt hat. Diese für jeden Zuhörer verständliche Erzählung dient vielmehr dazu, eine noch nicht allgemein anerkannte Idee verständlich zu machen und für sie zu werben.

 

Folgt man der Vorlage von Boccaccio, so nimmt der Vater die Rolle Gottes selbst ein. Allerdings geht Lessing selbst auf diese Frage im Gegensatz zu Boccaccio  nicht näher ein, er spricht nur von einem Vater. Dies könnte durchaus auch ein besonders gläubiger Mensch sein, etwa Abraham, der zwar seinem Sohn Isaak keinen Ring, aber einen göttlichen Segen gab, ein Brauch, der dann auch von den folgenden Nachkommen eingehalten wurde und der den gesegneten Sohn dazu verpflichtete, den mit Gott selbst geschlossenen Bund fortzusetzen. Auch zwischen Jakob und seinem Bruder Esau kam es ja über den väterlichen Segen zum Streit.

 

Diese letzte Deutung entspräche dann auch dem Umstand, dass ja auch die Aufklärung schließlich zu einem Atheismus führte, der leugnete, dass ein göttliches vernunftbegabtes Wesen die Welt erschaffen hatte. Allerdings hatten die ersten Aufklärer zur Zeit Lessings diese Wendung zum erklärten Atheismus noch nicht vollzogen, sie huldigten eher einem Deismus, der zwar anerkannte, dass die Welt von Gott erschaffen wurde, eine Religion, die aber im Gegensatz zu den monotheistischen Religionen von der Vorstellung ausging, dass sich dieser Gott nach Erschaffung der Welt zurückgezogen habe und nicht – wie der Theismus lehrt – nach wie vor die Geschicke der Menschen verfolgt und auch wiederholt in die Geschehnisse hier auf Erden eingreift.

 

Allerdings lässt Lessing am Schluss dieser Erzählung den Richter, der zur Klärung des Streits, welcher Sohn den echten Ring besitze, die Vermutung äußern, dass keiner der Ringe der echte sei und dass deshalb alle drei Religionen als betrügerisch zu gelten haben, eine Schlussfolgerung, die dann am Ende doch wiederum der atheistischen Überzeugung recht nahe kommt:

 

Saladin.

‚Und nun, der Richter? – Mich verlangt zu hören,

Was du den Richter sagen läßest. Sprich!

 

Nathan.

Der Richter sprach: … Vor Gott und Menschen angenehm. Das muss

Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden

Doch das nicht können! – Nun; wen lieben zwei

Von euch am meisten? – Macht, sagt an! Ihr schweigt?

Die Ringe wirken nur zurück? und nicht

Nach außen? Jeder liebt sich selber nur

Am meisten? – O so seid ihr alle drei

Betrogene Betrüger! Eure Ringe

Sind alle drei nicht echt.‘

 

Allerdings endet dieser Richterspruch mit der dann doch wiederum versöhnlich stimmenden Vermutung:

 

‚Der echte Ring vermutlich ging verloren. Den Verlust

Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater

Die drei für einen machen.‘…

Möglich; dass der Vater nun

Die Tyrannei des Einen Rings nicht länger

In seinem Hause dulden wollen! – Und gewiss;

Dass er euch alle drei geliebt, und gleich

Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,

Um einen zu begünstigen. – Wohlan!

Es eifre jeder seiner unbestochenen

Von Vorurteilen freien Liebe nach!

Es strebe von euch jeder um die Wette,

Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag

Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,

Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,

Mit innigster Ergebenheit in Gott,

Zu Hilfe!‘

 

 

6. Die Forderung nach Toleranz

 

Es kann kein Zweifel bestehen, dass die drei Religionen im Mittelalter, auch noch zu den Zeiten Lessings – ausgesprochen intolerant waren und jeden, der nicht das eigene Glaubensbekenntnis übernahm, bis aufs Messer bekämpfte.

 

In der heutigen Zeit ist diese Periode der Intoleranz für die christlichen Religionen überwunden, die offiziellen Kirchen treten für eine Glaubensfreiheit ein und auch im zweiten vatikanischen Konzil wurde festgehalten, dass die Annahme oder Ablehnung des christlichen Glaubensbekenntnisses letztendlich durch das Gewissen jedes Einzelnen zu entscheiden ist. So heißt es in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche (Lumen gentium), welche in der dritten Session des 2. Vatikanischen Konzils verabschiedet wurde, unter anderem:

 

‚Wer nämlich das Evangelium Christi und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott aber aus ehrlichem Herzen sucht, seinen im Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluss der Gnade in der Tat zu erfüllen trachtet, kann das ewige Heil erlangen (33). Die göttliche Vorsehung verweigert auch denen das zum Heil Notwendige nicht, die ohne Schuld noch nicht zur ausdrücklichen Anerkennung Gottes gekommen sind, jedoch, nicht ohne die göttliche Gnade, ein rechtes Leben zu führen sich bemühen. Was sich nämlich an Gutem und Wahrem bei ihnen findet, wird von der Kirche als Vorbereitung für die Frohbotschaft (34) und als Gabe dessen geschätzt, der jeden Menschen erleuchtet, damit er schließlich das Leben habe.‘

 

Die Heilige Schrift, sowohl das Alte wie auch das Neue Testament enthält mehrere Passagen, welche diese durch Toleranz geprägte Grundhaltung belegen. Bereits im Schöpfungsbericht erfahren wir, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild erschaffen hat und dies bedeutet vor allem, dass der Mensch einen freien Willen besitzt. Gott will nicht, dass die Menschen mit Waffengewalt zum Glauben gezwungen werden, sondern dass sie sich aus freien Stücken zu dem richtigen Glauben bekennen.

 

Im Deuteronomium, im 5. Buch Moses Kapitel 32,35 lesen wir in der Bibel nach Martin Luther: ‚Die Rache ist mein, ich will vergelten zur Zeit, da ihr Fuß gleitet; denn die Zeit ihres Unglücks ist nahe, und was über sie kommen soll, eilt herzu.‘

 

Und im Römerbrief Kapitel 12,19 von Paulus erfahren wir, dass dieser Ausspruch so zu interpretieren ist, dass es in erster Linie nicht Sache der Menschen ist, die Vergehen gegen Gott zu ahnden, sondern dass diese Aufgabe Gott selbst überlasen bleiben soll: ‚Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben : „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“

 

Es gibt auch gute Gründe für diese Interpretation: Für die meisten Verbrechen gilt, dass die Schuld einer Tat zumeist nicht nur beim Täter selbst liegt, sondern dass auch die Mitmenschen zu dieser Handlungen mehr oder weniger beigetragen haben, wobei es dem Menschen kaum möglich ist, den Anteil der Schuld jedes Einzelnen exakt zu bestimmen. Nur Gott kann in die Seelen der Menschen schauen und deshalb ist auch er nur in der Lage, ein gerechtes Urteil zu fällen.

 

Dieses Urteil erfolgt am Ende der Zeiten im Weltgericht. Dass es auch nicht unbedingt notwendig ist, die sündhaften Handlungen unmittelbar hier auf Erden zu bestrafen, wird im Gleichnis  vom Unkraut unter dem Weizen: Matthäus Kapitel 13,24–30 dargetan. Dort heißt es:

 

24  Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.

25  Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg.

26  Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.

27  Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?

28  Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?

29  Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus.

30 Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.

 

Und Jesus hat genau nach dieser Maxime gehandelt, als ihm die Schriftgelehrten eine auf frischer Tat ertappte Ehebrecherin brachten und ihn frugen, was mit dieser Ehebrecherin zu tun sei. Im Johannesevangelium Kapitel 8,3 erfahren wir:

 

3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte

4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.

5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?

6 Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.

8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

9 Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.

10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?

11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!‘

 

Wohlbemerkt: Jesus hat nicht davon gesprochen, dass der Ehebruch keine größere Sünde darstelle. Er hat an anderer Stelle klar gestellt, dass die von Moses verkündeten Zehn Gebote Gottes auch für ihn gelten, er sei nicht gekommen, um den alten Bund aufzugeben, jeder Buchstabe des alttestamentarischen Gesetzes gelte für alle Zeiten. In der Bergpredigt hat er sogar das Verbot gegen den Ehebruch noch verschärft, indem er sagte (Matthäus 5,27-28):

 

27 ‚Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen.

28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.‘  

 

Trotzdem verurteilte er die Ehebrecherin nicht. Hier wird wiederum deutlich, dass im Christentum nicht der Sühnegedanke, sondern die Forderung nach Umkehr im Vordergrund steht. Die Sühne erfolgt im Weltgericht. Wie sollte die Ehebrecherin umkehren können, wenn sie unmittelbar nach der Tat gesteinigt wird, wie es das mosaische Gesetzbuch vorschreibt?

 

Aber warum hat dann Moses eine sofortige Steinigung einer auf frischer Tat ertappter Ehebrecherin verlangt. Vielleicht gibt auf diese Frage die Antwort Jesu Auskunft, welcher er – allerdings in einem etwas anderen Zusammenhang – den Pharisäern gegeben hatte. Bei Matthäus Kapitel 19,7-8 heißt es:

 

7  ‚Da sagten sie zu ihm: Wozu hat dann Mose vorgeschrieben, dass man (der Frau) eine Scheidungsurkunde geben muss, wenn man sich trennen will? 

8  Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so.‘

 

Vielleicht gilt diese Antwort auch generell darauf, dass die Bereitschaft der Menschen, auf eine persönliche Rache zu verzichten, nur dadurch erkauft werden konnte, dass für sündige Taten auch eine unmittelbare irdische Sühne verhängt wurde, obwohl im Christentum eigentlich die Umkehr im Vordergrund stehen sollte und die Sühne erst beim Weltgericht von Gott selbst vollzogen wird.

 

 

7. Die fehlende Beweisbarkeit

 

Einer der wichtigsten Gründe dafür, dass von keiner der drei Religionen behauptet werden kann, dass sie die einzig wahre sei, ist in der Ringparabel die Tatsache, dass keine der Religionen in der Lage sei, ihre Echtheit eindeutig mit wissenschaftlichen Mitteln zu beweisen. So entgegnet Saladin auf Nathans Erzählung:

 

‚Die Ringe! – Spiele nicht mit mir! – Ich dächte,
Daß die Religionen, die ich dir
Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
Bis auf die Kleidung, bis auf Speis’ und Trank! ‚

 

Nathan hingegen antwortet auf diesen Vorwurf, dass jede Religion nur auf Geschichte gründe und Geschichte müsse doch wohl allein auf Treu und Glauben angenommen werden. Es sei  nur natürlich, dass jeder das, was ihn seine Eltern gesagt haben, am wenigsten in Zweifel ziehe. ‚Wie kann ich meinen Vätern weniger als du den deinen glauben?‘


Bemerkenswerter Weise fährt der Richter nach Auskunft Nathans fort, dass der Beweis der Echtheit einer Religion dadurch erfolgen könne, dass der Ring die Wunderkraft besitze, beliebt zu machen. Das müsse entscheiden, denn die falschen Ringe hätten eben nicht diese Wunderkraft. Da aber alle drei Söhne ihre Brüder hassten und verfolgten, seien alle drei betrogene Betrüger, vermutlich seien alle drei Ringe Fälschungen, der wahre Ring sei vermutlich verloren gegangen.

 

Nun wird man natürlich zustimmen können, dass religiöse Fragen niemals eindeutig mit wissenschaftlichen Mitteln bewiesen werden können. Unser empirisches Wissen beruht auf Beobachtungen und auf Schlussfolgerungen aus diesen Beobachtungen. Wir beobachten mit Hilfe unserer Sinne und wir ziehen aus diesen Beobachtungen mit Hilfe unseres Verstandes Schlussfolgerungen.

 

Die Fragen um die Echtheit und den Inhalt religiöser Fragen lassen sich aber nicht beobachten, wir haben keine Möglichkeit, mit unserer Sinnen metaphysische Fragen wie die Frage, ob es einen Gott gibt, ob dieser Gott die Welt erschaffen hat und ob Jesus tatsächlich göttlichen Ursprungs ist, zu beobachten, sie entziehen sich unsere Beobachtungen. Gerade aus diesen Gründen lassen sich metaphysische Fragen nicht mit den Mitteln der empirischen Wissenschaft eindeutig beantworten.

 

Da aber die Antworten auf diese metaphysischen Fragen darüber entscheiden, wie wir unser Leben gestalten und deshalb existenziell notwendig sind, bleibt gar nichts anderes übrig, als diese Fragen durch Glaubensakte zu beantworten. Und dies bedeutet, dass wir tatsächlich nicht in der Lage sind, welche der drei monotheistischen Religionen (Judentum, Christenheit oder Islam) die einzig wahre Religion darstellen, eindeutig im Sinne der wissenschaftlichen Wahrheit zu beantworten.

 

Aber aus dieser Tatsache folgt keinesfalls der Schluss, dass deshalb alle Religionen betrügerisch seien, wie der Richter in dem Drama Nathan der Weise schlussfolgert. Genauso wenig, wie wir Glaubenswahrheiten niemals wissenschaftlich beweisen können, sind wir nämlich auch nicht in der Lage, diese Aussagen wissenschaftlich zu widerlegen. Aus dem Umstand, dass wir metaphysische Gegebenheiten nicht mit unseren Sinnen erfassen können, folgt der Schluss, dass wir über diese Fragen keinerlei eindeutige Antworten geben können, weder bestätigende, noch widerlegende. Die Antwort der Atheisten ist genauso ein Glaubensakt und wissenschaftlich nicht beweisbar wie die Antwort der Religionen. Theoretisch möglich sind beide Antworten, die Antwort der Religionen wie die Antwort der Atheisten.

 

Ganz davon abgesehen kommt ja auch die exakte Wissenschaft keineswegs ohne Glaubensakte aus. Die Befähigung eines einzelnen Wissenschaftlers, exaktes Wissen durch Beobachtungen zu erwerben, ist äußerst begrenzt. Die enorme Kumulation unseres Wissens beruht eben darauf, dass der einzelne Wissenschaftler die Erkenntnisse der jeweils anderen Wissenschaftler übernimmt, ohne diese Aussagen durch eigene empirische Untersuchungen zu überprüfen. Nur dadurch, dass er einfach darauf vertraut, dass die Erkenntnisse der anderen Wissenschaftler auf korrektem Wege erfolgt sind, ist der Einzelne überhaupt in der Lage, auf diesen Erkenntnissen aufbauend neues Wissen zu kreieren.

 

Darüber hinaus ist exaktes, empirisches Wissen darauf beschränkt, die vorhandenen Hypothesen über die empirischen Zusammenhänge zu falsifizieren.  Wenn ich von der Hypothese ausgehe, dass alle Unternehmer in einer Marktwirtschaft ihren Gewinn zu maximieren versuchen, ist diese These bereits falsifiziert, wenn ich nur einen einzigen Unternehmer benennen kann, der dieser Maxime nicht folgt. In diesem Falle gilt eben nicht für restlos alle Unternehmer die These der Gewinnmaximierung. Diese Hypothese muss dann dadurch modifiziert werden, dass ein gewinnmaximierendes Verhalten nur unter ganz bestimmten zusätzlichen Annahmen zu erwarten ist.

 

Es gibt aber keine Möglichkeit, eine All-Aussage wissenschaftlich eindeutig zu verifizieren. Hierzu müssten wir ja alle Unternehmer auf dieses Verhalten hin  überprüfen. In aller Regel, haben wir gar nicht umfassende Aufzeichnungen über das Verhalten in der Vergangenheit, weiterhin scheitert im Allgemeinen auch der  Versuch, das Verhalten aller zur Zeit lebender Unternehmer zu überprüfen, an den hierbei anfallenden Kosten, ganz davon abgesehen, dass viele Unternehmer sich nicht in die Karten schauen lassen. Vor allem aber gibt es keine Möglichkeit, das Verhalten der Unternehmer für die zukünftigen Perioden zu überprüfen.

 

Die Tatsache, dass jede Religion auf bloßes Vertrauen beruht, bedeutet also keinesfalls, dass bereits deshalb alle Religionen als Betrüger entlarvt sind, noch ist damit bereits der Alleinanspruch jeder einzelnen Religion widerlegt.

 

 

8. Gleichwertigkeit der drei Religionen?

 

Eine der Grundaussagen der Ringparabel besteht darin, dass alle drei monotheistischen Religionen gleichwertig seien. Und wir haben bereits gesehen, dass man diese Aussage sicherlich insoweit akzeptieren muss, als von keiner Religion behauptet werden kann, dass ihre Gültigkeit mit wissenschaftlich exakten Methoden als einzig wahre Religion bewiesen werden kann. Insoweit gehen diese drei Religionen in der Tat von der gleichen Voraussetzung der Nichtbeweisbarkeit ihrer Echtheit aus.

 

Aus dieser Erkenntnis folgt jedoch keineswegs die weitere Schlussfolgerung, dass auch jeder Gläubige dieser drei Religionen davon ausgehen müsse, dass keine dieser Religionen, auch nicht seine eigene als die allein seligmachende Religion gehalten werden kann. Auch dann, wenn sich mit wissenschaftlichen Mitteln der Anspruch der allein selig machenden Religion nicht beweisen lässt, ist es trotzdem durchaus möglich oder sogar wahrscheinlich, dass nur eine dieser drei Religionen in Wahrheit die wahre Religion darstellt. Diese Frage kann eben nur nicht mit wissenschaftlichen Mitteln beantwortet werden, es bedarf vielmehr eines Glaubensaktes.

 

Dass eigentlich damit gerechnet werden muss oder zumindest werden kann, dass nur eine dieser drei Religionen als wahr zu gelten hat, ergibt sich bereits aus folgenden Überlegungen. Jede dieser Religionen nimmt für sich in Anspruch, die wahre Religion zu sein, trotzdem widersprechen sich die grundlegenden Aussagen dieser drei Religionen. Aus logischen Gründen können aber eindeutig widersprechende Aussagen nicht zur gleichen Zeit richtig sein. Sofern man nun davon ausgeht, dass eine dieser drei Religionen die richtige ist, müssen wegen dieses Widerspruches notwendiger Weise die beiden anderen falsch sein.

 

Zwar wird man mit wissenschaftlichen Mitteln niemals klären können, ob überhaupt eine dieser drei Religionen richtig ist, denkbar wäre es sehr wohl auch, dass alle drei Religionen fälschlicher Weise als wahre Religionen angenommen werden. Dass dem so ist, kann aber eben ebenfalls nicht wissenschaftlich geklärt werden. Insofern ist jede Religion prinzipiell ein Kandidat auf die wahre Religion und es ist nur natürlich, dass jeder Gläubige fest davon überzeugt ist, an die einzig wahre Religion zu glauben. Der Glaube besteht darin, dass jeder Gläubige davon ausgeht, dass die Überbringer der eigenen Glaubenswahrheiten unmittelbar von Gott inspiriert wurden und eben gerade deshalb für ihn selbst als glaubwürdig anzusehen ist. Wie kann man ernsthaft eine Religion akzeptieren und nach ihren Regeln leben, wenn man selbst davon überzeugt ist, dass auch die beiden anderen Religionen genauso wahr oder auch unwahr sind wie seine eigene, obwohl sich die Grundaussagen jeder dieser drei Religionen widersprechen?

 

 

9. Das Wesentliche: Glaube oder Liebe?

 

Zu den wesentlichen Eigenschaften des wahren Ringes – also der wahren Religion – gehört, dass er - wie der Richter feststellt – die Wunderkraft besitzt, beliebt zu machen, also vor Gott und den Menschen angenehm zu sein. Und derjenige, der den wahren Ring besitzt, liebt somit die anderen auch am meisten.

 

Nun gehört die Forderung nach Nächstenliebe in der Tat zu den wichtigsten Geboten dieser drei Religionen. Auf die Frage eines Schriftgelehrten, welches denn das wichtigste Gebot sei, antwortete Jesus bekanntlich:

 

‚Du sollst deinen Gott achten und ehren und den Nächsten lieben, denn er ist wie du.‘ 

 

Und als Jesus von Judas verraten wurde und von den Schergen der Hohepriester abgeführt wurde, sagte er nach dem Johannesevangelium Kapitel 13, 34-35 zu seinen Jüngern:

 

‚Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.‘

 

Trotzdem wird dieser Deutung über das Wesentliche des wahren Ringes von christlichen Theologen oftmals widersprochen. So hat vor allem Martin Luther die Auffassung vertreten, dass ‚die Rechtfertigung des Menschen vor Gott nicht durch seine eigene Leistung bewirkt werden könne, sondern ein Geschenk (Gnade) Gottes sei, und dass der Mensch nichts anderes zu tun habe, als dieses Geschenk in Demut anzunehmen.‘

 

Diese Luther’sche These von der allein selig machenden Gnade Gottes geht insbesondere auf einige Stellen in den Briefen des Apostels Paulus zurück. So erfahren wir im Römerbrief Kapitel 3,20:

 

‚Denn durch Werke des Gesetzes wird niemand vor ihm gerecht werden; durch das Gesetz kommt es vielmehr zur Erkenntnis der Sünde.‘

 

Und im 3. Kapitel des Römerbriefes Vers 24-28 fährt Paulus fort:

 

‚Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus…. Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes.‘

 

Im Römerbrief Kapitel 4,5 erfahren wir sogar:

 

‚Dem aber, der keine Werke tut, sondern an den glaubt, der den Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet.‘

 

Diese Einschätzung begegnet uns auch im Galaterbrief Kapitel 2,16 und 5,4:

 

‚Weil wir aber erkannt haben, dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir dazu gekommen, an Christus Jesus zu glauben, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird niemand gerecht.‘

 

‚Wenn ihr also durch das Gesetz gerecht werden wollt, dann habt ihr mit Christus nichts mehr zu tun; ihr seid aus der Gnade herausgefallen.‘

 

Trotzdem entspricht die Lehre von der allein seligmachenden Gnade sicherlich nicht dem Gesamtwerk des Neuen Testamentes. So lesen wir bei bei Jakobus, Kapitel 2,14-24:

 

14  ‚Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?

15  Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot

16  und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das?

17  So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat……

 

20  Willst du also einsehen, du unvernünftiger Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?

21  Wurde unser Vater Abraham nicht aufgrund seiner Werke als gerecht anerkannt?...

22  Du siehst, dass bei ihm der Glaube und die Werke zusammenwirkten und dass erst durch die Werke der Glaube vollendet wurde…..

 

24  Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein.‘

 

Und Jakobus war nicht nur einer der 12 Apostel zu Lebzeiten Jesu, er gehörte neben Petrus und Johannes zu den drei wichtigsten Vertrauten Jesu, welche die Lehren Jesu deshalb auch sehr genau kannten. Selbst dann, wenn – wie bisweilen unterstellt  wird – der Jakobusbrief nicht von Jakobus selbst aufgezeichnet wurde, können wir doch davon ausgehen, dass er u. U. von Schülern des Jakobus verfasst wurden, welche die Grundgedanken des Apostels übernahmen.

 

Noch präziser, dass sich die Gottesliebe am besten in der Hilfe gegenüber den Armen und Notleidenden äußert, wird bei Matthäus, Kapitel 25,34-45 deutlich, als Jesus über das Weltgericht am Ende der Zeiten spricht. Dort erfahren wir:

 

34  ‚Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist.

35  Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen;

36  ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen….

 

41  Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!

42  Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;

43  ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.‘

 

Hier wird deutlich, dass alles, was wir Gutes oder auch Schlechtes unseren Mitmenschen antun, betrachtet Gott als gegen sich gerichtet. Wir dienen Gott am besten dadurch, dass wir uns den Armen und Notleidenden zuwenden und die Gebote der zwischenmenschlichen Beziehungen so wie sie im 5. bis 10. Gebot stehen, befolgen. Es sind hier neben dem rechten Glauben gerade auch die Taten, welche darüber entscheiden, ob die einzelnen Menschen nach ihrem Tode ins Himmelreich eingehen werden. Insofern weist die Ringparabel mit dem Hinweis auf die Kraft der Liebe, die von dem Ring ausgeht, in der Tat, wenn auch nicht allein, auf eines der wichtigsten essentiellen Merkmale der drei Religionen.

 

Verweise: 

 

Das Dekameron von Giovanni Boccaccio

Nathan der Weise von Lessing

Lessings Ringparabel