Startseite

Das Rentendilemma

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Die Grundformel

3. Die einzelnen Bestimmungsfaktoren

4. Umverteilung Ausweg aus dem Dilemma?

5. Individualisierung der Rentenversicherung

 

 

 

1. Das Problem

 

Dieser Tage stellte der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil das neue Rentenkonzept der Bundesregierung vor. Danach sollen sowohl das Renten-Niveau wie auch die Beiträge zur Rentenversicherung bei einer Höhe der augenblicklichen Rente von 48 Prozent der durchschnittlichen Brutto-Tarifeinkommen bis zum Jahre 2025 stabil bleiben. Die Beiträge sollen danach nicht über 20 Prozent des Bruttolohns steigen.

 

Um diese Ziele sicher zu stellen, soll ein mit Steuergeldern gespeister "Demografiefonds" in Höhe von acht Milliarden Euro geschaffen werden, aus dem dann Zuschüsse an die Rentenversicherung immer dann gezahlt werden, wenn eine der beiden Haltelinien verletzt werde.

 

Das neue Rentenkonzept sieht weiterhin eine Ausweitung der Mütterrente sowie Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente vor. Auch sollen Geringverdiener dadurch entlastet werden, dass die Einkommensgrenze, ab der volle Sozialbeiträge gezahlt werden müssen, von derzeit 850 auf 1.300 Euro angehoben wird.

 

Die gesetzliche Rentenversicherung ist allerdings schon seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in eine Finanzkrise geraten. Ohne drastische Reduzierungen der Ausgaben und Erhöhungen der Einnahmen in der Vergangenheit hätte ein hohes Defizit gedroht. Ursache hierfür war in der Vergangenheit vor allem eine geringe Geburtenrate während des zweiten Weltkrieges und danach.

 

Die Finanzkrise der 90er Jahre äußerte sich hingegen zunächst im Wegschmelzen der finanziellen Reserve der Gesetzlichen Rentenversicherung. Ursache hierfür waren die zeitweise hohe Arbeitslosigkeit sowie die Fremdleistungen durch Rentenanspruch von Aussiedlern und DDR-Rentnern.

 

Im Jahre 1970 betrugen die Ausgaben in der Gesetzlichen Rentenversicherung 52 Mrd. €, das Arbeitsentgelt der versicherungspflichtigen Arbeitnehmer 307 Mrd. €, das Verhältnis Ausgaben/Einkommen erreichte somit einen Wert von circa 17%.

 

Im Jahre 2014 hingegen waren dann die Ausgaben in der Gesetzlichen Rentenversicherung auf 270 Mrd. €, das Arbeitsentgelt der versicherungspflichtigen Arbeitnehmer auf 1213 Mrd. € angewachsen, das Verhältnis Ausgaben zu Einkommen erreichte nun also 22%.

 

Für die Zukunft (etwa für das Jahr 2030) würde – worauf Demographen bereits seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts  warnend hingewiesen haben – ohne grundlegende Reformmaßnahmen eine weitere Finanzkrise viel größeren Ausmaßes drohen. Ursache ist der Pillenknick der 60er Jahre sowie eine höhere Lebenserwartung (circa fast 10 Jahre) seit der Nachkriegszeit. Damit hat sich die Zeit, welche ein durchschnittlicher Rentner gelebt und Rente bezogen hat, seit dem zweiten Weltkrieg fast verdoppelt und diese Steigerung wird vermutlich weiter anhalten.

 

Die Ursache für diese heutige Krise besteht somit in erster Linie in der Verschlechterung der Altersstruktur, die in den 70er Jahren noch durch Kriegsfolgewirkungen bedingt war, seit dem Jahre 2000 hingegen mit dem Geburtenrückgang in den 60er Jahren und in der Zukunft mit dem rapiden Anstieg in der Lebenserwartung zusammenhängt.

 

Die Belastungsquote: Anzahl der Rentner bezogen auf einen erwerbstätigen Arbeitnehmer (R/A) betrug 1958 noch 34,7%, stieg 1975 auf 55,3% an und würde für das Jahr 2030 ohne Korrekturmaßnahmen auf 70% geschätzt.

 

Für die Belastungsquote (Zahl der Beitrag zahlenden Arbeitnehmer zu Zahl der Rentner) ist allerdings nicht nur die Stärke der einzelnen Jahrgänge von Bedeutung, sondern darüber hinaus auch die Frage, ab welchem Jahr die Arbeitnehmer im Durchschnitt aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Die Belastungsquote wird umso ungünstiger, je mehr Arbeitnehmer von der flexiblen Altersgrenze Gebrauch machen und vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden.

 

Diese Veränderung in der Bevölkerungsstruktur führt nun bei Beibehaltung des bisherigen Austrittsalters notwendiger Weise dazu, dass entweder die Beiträge zur Altersversicherung unzumutbar angehoben werden müssen oder die auszuzahlenden Renten unzumutbar gekürzt werden müssen. Aus diesem Dilemma kann im Grunde genommen nur herausgefunden werden, wenn das Austrittsalter aus dem Erwerbsleben drastisch angehoben wird.

 

Die vergangenen Regierungen hatten zunächst einmal die drastischen Warnungen der Wissenschaftler lange Zeit negiert und sich nur unter starkem Widerstand in der Öffentlichkeit dazu durchgerungen, die Erwerbszeit zu erhöhen, wobei sie wegen dieses Widerstandes in der Öffentlichkeit eine Anpassung an eine längere Erwerbszeit nur in kleinsten Schritten vorgesehen haben.

 

Die Große Koalition von 2007 hatte eine stufenweise Heraufsetzung des Alters der Verrentung auf 67 Jahre beschlossen, wobei erstmals diejenigen Rentenversicherungspflichtigen erst ab 67 Jahren im Normalfall eine Rente beziehen können, welche nach dem 1. 1. 1964 geboren sind. Hiermit wurde der oben als letzter aufgeführte Lösungsweg zwar zögerlich, aber immerhin beschritten.

 

Für Versicherungspflichtige, welche vor dem 1. 1. 1947 geboren sind, blieb es bei der bisherigen Altersgrenze. Für die übrigen Versicherungspflichtigen erhöhte sich je nach Geburtsjahr die Altersgrenze stufenweise um ein bzw. zwei Monate pro Jahr. Wer allerdings bereits 45 Versicherungsjahre zurückgelegt hatte, fiel nicht unter diese Regelung. Diese Maßnahme einer Verlängerung der Erwerbszeit kann im Grundsatz vor allem deshalb im Grundsatz als effizient angesehen werden, da hier – wie oben gezeigt  – nicht nur ein einnahmesteigernder, sondern gleichzeitig ein Ausgaben reduzierender Effekt zu erwarten ist.

 

Anstatt dass aber die Parteien zufrieden sind, diese zwar durchaus unpopuläre, aber unbedingt notwendige Maßnahme bereits vollzogen zu haben, wurden in der Folgezeit diese Beschlüsse nun dadurch wiederum teilweise zurückgenommen und verwässert, dass ein großer Teil der Arbeitnehmer nun doch wesentlich früher als vorgesehen in den Ruhestand treten kann.

 

Ich möchte mich in diesem Artikel erneut mit der Frage befassen, auf welchem Wege wir uns aus dieser Krise befreien können. In der Öffentlichkeit wird oft davon gesprochen, dass das Regelwerk unserer gesetzlichen Rentenversicherung äußerst kompliziert sei und deshalb von kaum jemand – auch nicht von den einzelnen Mitgliedern im Bundestag – verstanden werden könne.

 

Das mag zwar richtig sein, wenn man den Versuch unternimmt, für ein konkretes Mitglied der gesetzlichen Rentenversicherung die Höhe der zu erwartenden Rente zu berechnen. Das Konzept der dynamischen Rente, so wie es bereits im Jahre 1957 eingeführt wurde, beruht jedoch auf sehr einfachen Zusammenhängen und nur der Versuch der Politiker, immer wieder einzelnen Gruppen der Versicherten Geschenke auf Kosten der jeweils Anderen zu machen, hat schließlich zu einem komplizierten, kaum verständlichen Regelwerk geführt.

 

Mir geht es in den folgenden Abschnitten darum, die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge der Rentenversicherung zu beleuchten und aufzuzeigen, mit welchen Maßnahmen die zu befürchtende Katastrophe abgewendet werden kann. Ich werde hierbei in zwei Schritten vorgehen. In den ersten, weiteren Abschnitten werde ich das Problem im Rahmen der gegebenen Versicherung beleuchten und die Belastungen für die gesamte Gesellschaft aufzeigen, um dann in einem weiteren Abschnitt die Frage zu untersuchen, ob durch grundlegende Änderung des gesamten Sicherungssystems eine bessere Lösung gefunden werden kann und wie die Belastungen die einzelnen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich treffen.

 

Das bestehende System der gesetzlichen Rentenversicherung ist erstens dadurch geprägt, dass die gesetzliche Rentenversicherung eine Solidargemeinschaft allein derjenigen Erwerbstätigen darstellt, denen der Gesetzgeber nicht zumutet, dass sie durch eigene Anstrengungen (Abschluss von Privatversicherungsverträgen) eine angemessene Altersversicherung erreichen können. 

 

Zweitens basiert die gesetzliche Altersversicherung in der BRD auf dem Prinzip eines Umlageverfahrens, nach dem die heutigen erwerbstätigen Mitglieder mit ihren Beiträgen die Finanzierung der heute auszuzahlenden Renten übernehmen, wobei die heutigen erwerbstätigen Mitglieder aufgrund dieser Zahlungen das Recht erwerben, dann, wenn sie in Zukunft selbst aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind, aus den Beiträgen der dann lebenden Erwerbstätigen ihre Rente zu beziehen.

 

Drittens werden die Beitragssätze im Grundsatz (allerdings zeitweise mit gewissen Korrekturen) zur Hälfte sowohl von den Arbeitgebern als auch von den Arbeitnehmern erhoben, wobei die Höhe des Beitrages einen bestimmten Prozentsatz des individuellen Einkommens ausmacht.

 

Da allerdings die Arbeitgeberbeiträge nahezu immer abgewälzt werden können, ist es richtiger davon zu sprechen, dass letzten Endes das gesamte Beitragsaufkommen von den Versicherten zu tragen ist, entweder dadurch, dass in den Tarifverhandlungen die Löhne nicht so stark angehoben werden können als dann, wenn es keinen Arbeitgeberbeitrag gäbe, oder dadurch, dass die Versicherten als Konsumenten im Preis der einzelnen Güter einen Teil dieser Arbeitgeberbeiträge mit zu tragen haben. Wir machen also keinen großen Fehler, wenn wir der Einfachheit halber davon ausgehen, dass es die versicherungspflichtigen Arbeitnehmer sind, welche das gesamte Beitragsaufkommen letztendlich aufbringen müssen.

 

Viertens schließlich ist die Höhe der Rente wiederum mit gewissen Ausnahmen danach gestaffelt, welches Einkommen der einzelne Rentner in seinen Erwerbsjahren erworben hatte und wie viel Jahre er als Erwerbstätiger Beiträge entrichtet hatte.

 

Wenn an eine grundsätzliche Reform des Sicherungssystems gedacht wird, stehen vor allem zwei Reformmaßnahmen im Vordergrund. Auf der einen Seite vermeinen einige Reformer eine Lösung dadurch erreichen zu können, dass sie das Umlageverfahren wiederum zugunsten eines Kapitaldeckungsverfahrens abschaffen. Das Kapitaldeckungsverfahren sieht vor, dass aus den Beiträgen der einzelnen Versicherten fiktiv ähnlich wie in der Privatversicherung ein Kapitalstock gebildet wird, aus dem dann später nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben die individuelle Rente finanziert werden kann.

 

Ein ganz anderer Reformvorschlag sieht vor, die gesetzliche Versicherung in ein staatliches Versorgungswerk umzuwandeln, welchem restlos alle Bürger angehören und welches sich aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert. Da da Steuersystem im Rahmen der Einkommensbesteuerung im Grundsatz eine Steuerprogression vorsieht, bei welcher mit wachsendem Einkommen der Steuersatz ansteigt, tragen in diesem System die jeweils reicheren Bürger stärker zur Finanzierung der Renten bei. So erhoffen sich die Anhänger dieses Vorschlages eine Lösung des oben aufgezeigten Dilemmas, da nun auch die Reicheren zur Finanzierung der Altersrenten herangezogen werden und da diesen Reicheren auch ein höherer Steuersatz abverlangt wird.

 

 

2. Die Grundformel

 

Beginnen wir also unsere Analyse im Rahmen des bestehenden Rentensystems. Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist die Grundformel jeder Rentenversicherung, nach der die Summe der Beitragseinnahmen (B) stets zumindest der Summe der Rentenausgaben (R) eines Jahres entsprechen muss:

B >= R bzw. B/R  >= 1

 

mit:

B: Beitragseinnahmen

R: Rentensumme

 

Da bei der heutigen Krisensituation der Rentenversicherungen ohnehin nicht damit gerechnet werden kann, dass die Beitragseinnahmen für längere Zeit die Rentenausgaben übersteigen, wollen wir im weiteren Verlauf der Analyse von der Möglichkeit absehen, dass der Quotienten B/R größer eins sein könnte. Es gilt also der Einfachheit halber als wichtigste Bedingung die stets zu realisierende Formel:

 

B/R = 1

 

Immer dann, wenn die Rentensumme – aus welchen Gründen auch immer – ansteigt und dieser Anstieg nicht verhindert werden kann oder soll, müssen auch die Beitragseinnahmen um den gleichen Betrag erhöht werden und umgekehrt gilt auch, dass immer dann, wenn die Beitragseinnahmen – wiederum aus welchen Gründen auch immer – zurückgehen und dieser Rückgang nicht verhindert werden kann oder soll, die gesamte Rentensumme um den gleichen Betrag vermindert werden muss.

 

Wir wollen ganz kurz auf zwei mögliche Einwendungen eingehen. Ein erster möglicher Einwand könnte darin bestehen, dass doch eine mögliche Differenz zwischen höherer Rentensumme und Beitragssumme dadurch ausgeglichen werden könnte, dass dieser fehlende Betrag durch einen Staatszuschuss, also über Steuergelder, ausgeglichen werden könnte, sehe doch die gesetzliche Rentenversicherung ohnehin seit Einführung der dynamischen Rente im Jahre 1957 einen beachtlichen Staatszuschuss vor.

 

Dieser Einwand übersieht die eigentliche Problematik, die darin besteht, dass beide Seiten dieser Gleichung gesamtwirtschaftlich gesehen immer ausgeglichen werden müssen. Gesamtwirtschaftlich gilt nämlich ohne Ausnahme, dass die materiellen Güter, welche die Rentner mit ihren Renten in jedem Jahr ausgeben, stets nicht noch einmal von der Bevölkerungsgruppe der Erwerbstätigen einschließlich der Jugendlichen in Anspruch genommen werden können. Das bestehende Volkseinkommen, von dem die Ausgaben für Kollektivgüter abgezogen werden, entspricht ex definitione stets der Summe aus Renteneinkommen und Einkommen der sonstigen Bevölkerung, sodass immer dann und in gleichem Umfang, in dem der eine Bevölkerungsteil einen höheren Anteil erhält, notwendiger Weise dem jeweils anderen Teil ein gleichhoher geringerer Anteil verbleibt.

 

Auf welchem Wege das Einkommen der Erwerbstätigen vermindert wird, wenn die Rentensumme ansteigt, ist in einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung ohne Bedeutung. Das verbleibende verfügbare Einkommen der Erwerbstätigen wird bei einem Anstieg der Rentensumme in gleichem Umfange bei einer Erhöhung der Renten vermindert unabhängig davon, ob diese Verminderung dadurch eintritt, dass die Beiträge zur Sozialversicherung erhöht oder aber die Steuereinnahmen angehoben werden. Wenn wir in unserer Analyse der Einfachheit halber von Beitragserhöhungen sprechen, sind in Wirklichkeit die gesamten Abgaben gemeint, welche von den Einkommen der Erwerbstätigen zur Finanzierung der Rentenausgaben abgezogen werden, für den Erwerbstätigen ist es gleichgültig, ob sein privat verfügbares Einkommen wegen einer Erhöhung der Steuern oder wegen eines Anstiegs der Beiträge zur Altersversicherung vermindert wird.

 

Und was gilt für den Fall, dass der Staat den Staatszuschuss nicht über Steuererhöhungen finanziert, sondern entweder dadurch, dass andere Staatsausgaben reduziert werden oder die Staatszuschüsse defizitär finanziert werden?

 

Nun es ist klar, dass bei einer Verminderung der Staatsausgaben an anderer Stelle die materielle Wohlfahrt der Erwerbstätigen wiederum hierdurch nicht beeinflusst wird, da eben die materielle Wohlfahrt durch die Kürzung anderer Staatsausgaben ebenso verringert wird als dann, wenn das verfügbare Einkommen über eine Steuererhöhung reduziert würde.

 

Bei einer defizitären Finanzierung des Staatszuschusses zur Rentenversicherung bleibt zwar das verfügbare nominelle Einkommen unberührt, das Realeinkommen geht jedoch trotzdem zurück, da eine Zunahme der Staatsverschuldung im Allgemeinen zu einer generellen Preissteigerung führt und nun die Erwerbstätigen dadurch belastet werden, dass sie eben für die einzelnen Konsumgüter einen höheren Preis entrichten müssen.

 

Hier mögen strenge Keynesianer einwenden, dass das Preisniveau bei einer Erhöhung der defizitär finanzierten Staatszuschüsse gar nicht ansteigen müsse, da eine Erhöhung des Defizites im Staatsbudget zu einer Erweiterung des realen Volkseinkommens führe.

 

Kritisch ist hier anzumerken, dass diese Wirkung nur bei starker konjunkturellen Unterbeschäftigung zu erwarten ist, dass selbst bei Unterbeschäftigung stets ein Teil der Mehrnachfrage einfach deshalb in Preissteigerungen verpufft, weil die konjunkturelle Aufwärtsbewegung in den einzelnen Wirtschaftszweigen in unterschiedlichem Tempo erfolgt und einzelne Branchen bereits ihre Kapazitätsgrenze erreichen und damit Preissteigerungen eintreten, wenn in den anderen Branchen immer noch größere Arbeitslosigkeit besteht.

 

Das wichtigste Argument gegen diese Betrachtungsweise (ein Defizit im Budget der Rentenversicherung lasse sich auch ohne Verminderung der materiellen Wohlfahrt der Erwerbstätigen durch defizitäre Staatszuschüsse finanzieren) liegt jedoch darin, dass selbst dann, wenn auf diesem Wege in beachtlichem Umfang das reale Einkommen erhöht werden könnte und die Finanzierung der Renten auf diese Weise erfolgen könnte, es nach wie vor möglich gewesen wäre, diese durch keynesianische Politik verursachte Erhöhung des realen Volkseinkommens jederzeit auch dadurch zu erzielen, dass die private Nachfrage der Erwerbstätigen gesteigert worden wäre.

 

In allen Fällen bleibt die Aussage bestehen, dass Erhöhungen der Rentensumme stets auf die eine oder andere Weise von den Erwerbstätigen bezahlt werden müssen.

 

Wenden wir uns nun einem zweiten möglichen Einwand zu: der Meinung, man könnte das drohende Defizit im Budget der Rentenversicherung dadurch vermeiden, dass man auf der einen Seite auch diejenigen Erwerbstätigen ins Boot holt, welche bisher von der Versicherungspflicht ausgenommen waren und/oder dass man die Reicheren stärker belastet.

 

Wenn man diesen Weg beschreitet, gibt man allerdings die bestehende Ordnung der derzeit gültigen Alterssicherung auf. Diese Fragen wollen wir jedoch erst in einem weiteren Abschnitt analysieren. Überhaupt soll in diesem ersten Abschnitt allein die durchschnittliche Belastung der Erwerbstätigen untersucht werden. Die weitere Frage nach der möglichen Aufteilung der Lasten innerhalb der Gruppe der Erwerbstätigen soll ausführlich erst in einem weiteren Abschnitt geklärt werden.

 

Wer trotzdem Schwierigkeiten mit dieser Betrachtungsweise hat, kann ja durchaus in der obigen Grundformel anstelle der Versicherungspflichtigen alle Erwerbstätigen berücksichtigen und anstelle der Beitragseinnahmen die Gesamtheit der Abgaben für Erwerbstätige einsetzen. An den Grundaussagen dieses Abschnittes ändert sich nichts. In gleicher Weise gilt ja die Aussage, dass stets die Gesamtheit der Erwerbstätigen die gesamte Rentensumme übernehmen muss.

 

 

3. Die einzelnen Bestimmungsfaktoren

 

Gehen wir nun in der Betrachtung einen Schritt tiefer, indem wir uns fragen, von welchen Bestimmungsfaktoren denn die beiden Variablen (Beitragssumme und Rentensumme) selbst wiederum abhängen. Die Beitragssumme kann selbst wiederum als Produkt aus Anzahl der Erwerbstätigen (Er) mal durchschnittlichem Beitragssatz pro Jahr (B) und die Rentensumme als Produkt aus Anzahl der Rentner (Rn) mal durchschnittlicher jährlicher Rente (R) verstanden werden. Es gilt dann folgende zweite Formel:

B/R =(Er*b)/(Rn*r) bzw. (Er/Rn)*(b/r)

 

Mit  Er: Anzahl der Versicherungspflichtigen

        Rn: Anzahl der Rentner

        B: durchschnittlicher Beitragssatz

        R: durchschnittliche Rentenhöhe pro Jahr

 

Betrachten wir zunächst den Quotienten (b/r) etwas näher. Die Bedeutung dieses Quotienten erkennen wir etwas besser, wenn wir bedenken, dass mit der Beitragshöhe zugleich die Höhe des verbleibenden verfügbaren Durchschnittseinkommen bestimmt wird. Wenn wir nämlich von dem Bruttoeinkommen der Erwerbstätigen ausgehen und davon den Beitrag zur Rentenversicherung abziehen, erhalten wir das Einkommen, das den Versicherungspflichtigen nach Abzug des Rentenversicherungsbetrages verbleibt.

 

Dies bedeutet, dass mit dem Quotienten (b/r) letztlich festgelegt wird, in welchem Verhältnis die Einkommen der Erwerbstätigen zu dem Einkommen der Rentner stehen sollten. Bei der Bestimmung dieses Quotienten geht man im Allgemeinen davon aus, dass der materielle Wohlstand, den sich die Einzelnen leisten können, bei den Erwerbstätigen wie den Rentnern in etwa übereinstimmen sollte. Man will damit verhindern, dass die Versicherungspflichtigen beim Ausscheiden aus dem Erwerbsleben einen größeren Wohlfahrtsverlust erleiden, also in Armut fallen.

 

Allerdings geht man zumeist weiterhin davon aus, dass dieses Ziel auch dann erreicht werden kann, wenn die nominelle Rente geringer ausfällt als das nominelle Erwerbseinkommen. Begründet wird diese Annahme damit, dass in der dritten Lebensphase (im Rentnerdasein) bestimmte Ausgaben, welche während der Erwerbstätigkeit anfallen, wegfallen, so vor allem die Beiträge zur Rentenversicherung, alle Ausgaben, welche zur Sicherstellung der Erwerbstätigkeit notwendig sind und auch größere Anschaffungen zur Wohnungsausstattung etc.

 

Aus diesem Grunde wurde 1957 bei der Einführung der dynamischen Rente festgelegt, dass die durchschnittliche Rente 60% des Erwerbseinkommens betragen sollte. Allerdings muss man auch berücksichtigen, dass bestimmte Ausgaben gerade erst im Alter anfallen, so steigen z. B. Ausgaben zur Erhaltung der Gesundheit mit dem Alter stark an. Es ist deshalb durchaus berechtigt, in Zweifel zu ziehen, dass gerade bei einem 60 prozentigen Anteil das Wohlfahrtsniveau bei der Verrentung erhalten bleiben kann.

 

Aber wenn man von diesen möglichen Korrekturen absieht, bleibt wenig Platz, um ein drohendes Ungleichgewicht durch eine Anhebung des Quotienten (b/r) zu beseitigen. Es ist nicht erwünscht, eine Lösung des vorliegenden Problems dadurch zu erreichen, dass entweder der Beitragssatz stark erhöht oder das Rentenniveau stark abgesenkt wird.

 

Es bleibt also die Frage, inwieweit ein drohendes Ungleichgewicht in der Finanzierung der Rentenversicherung über eine Änderung des Quotienten (Er/Rn) erreicht werden kann. Es sind drei Bestimmungsgründe, welche diesen Quotienten beeinflussen: die Geburtenrate, welche die Anzahl der Erwerbstätigen bestimmt, weiterhin die durchschnittliche Lebenserwartung, welche ceteris paribus die Anzahl der Rentner festlegt sowie drittens schließlich die durchschnittliche Dauer der Erwerbszeit.

 

Letztere Größe wird sowohl durch das Eintrittsalter in als auch das Austrittsalter aus dem Erwerbsleben bestimmt. Allerdings muss man davon ausgehen, dass eine Lösung unseres Problems wohl kaum über eine Vorverlegung des Eintrittsalters erzielt werden kann. Die rasante Entwicklung des technischen Fortschrittes hat es notwendig gemacht, dass für die Erlernung des für die Ausübung des Berufs erforderlichen Wissens eine immer längere Zeit benötigt wird, sodass es nicht möglich sein wird, die Zeit des Lernens zu verkürzen, zumal bereits der Versuch, durch Intensivierung und Ausweitung des Hochschulstudiums die wirtschaftliche Lage gerade derjenigen Arbeitnehmer, dessen Einkommen im unteren Bereich liegt, zu verbessern, es verbieten würde, die Lösung des vorliegenden Problems durch eine Vorverlegung des Eintrittsalters zu suchen.

 

Dies bedeutet aber, dass das drohende finanzielle Ungleichgewicht in der Rentenversicherung in erster Linie nur dadurch beseitigt werden kann, dass ein späteres Austrittsalter aus dem Erwerbsleben vorgesehen wird. Hierbei bringt jede Verschiebung um ein Jahr einen zweifachen Gewinn. Auf der einen Seite steigt die Zahl der Erwerbstätigen an, da ein ganzer Jahrgang, der bisher bereits Rente bezogen hatte, nun erwerbstätig bleibt und aus den gleichen Gründen sinkt die Anzahl der Rentner, sodass also der Zähler dieses Quotienten erhöht und gleichzeitig der Nenner des fraglichen Quotienten verringert wird.

 

Am Ende des 2. Weltkrieges gingen die meisten Arbeitnehmer mit 65 Jahren in Rente bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von etwa 75 Jahren, sodass der einzelne Rentner im Durschnitt etwa 10 Jahre lang eine Rente bezog. Gegenüber den ersten Jahren der BRD  ist die Lebenserwartung drastisch angestiegen, sowohl bei den Männern wie auch bei den Frauen, wobei die Frauen schon immer eine um mehrere Jahre längere Lebenserwartung als die Männer hatten, aber trotzdem ebenfalls in den letzten Jahrzehnten eine Verlängerung ihres Lebens erfahren haben.

 

Da sich nun zusätzlich zu diesem Anstieg in den letzten Jahrzehnten im Zusammenhang mit der Emanzipation der Frauen der Anteil der Frauen an den Erwerbspersonen stark angestiegen ist, erhöhte sich auch dementsprechend die Anzahl der Jahre aller Rentner. Heute leben die Menschen in Deutschland im Durchschnitt fast 10 Jahre länger und dies bedeutet nahezu eine Verdopplung der Zeit, in der eine Rente bezogen wird. Und dies hat zur Folge, dass bei sonst gleichen Kriterien entweder der Beitragssatz fast verdoppelt oder die Rentenhöhe fast halbiert werden müsste und es leuchtet ohne weiteres ein, dass in einer solchen Situation die einzige realisierbare Lösung darin liegen muss, dass zumindest der größte Teil dieses zusätzlichen Bedarfes dadurch finanziert wird, dass sich auch die Anzahl der Jahre, in denen der Einzelne erwerbstätig ist, spürbar erhöht.

 

Und diese Schlussfolgerung wird auch dadurch nicht fragwürdig, wenn es vereinzelt Menschen gibt, welche aus gesundheitlichen Gründen kaum in der Lage sind, länger als bis zum 65 Lebensalter ihre bisherigen Tätigkeiten auszufüllen. Fast jedes Gesetz kennt Ausnahmen, man kann die Erwünschtheit eines politischen Vorschlages nicht an den Bedürfnissen einzelner weniger Gruppen orientieren.

 

Es ist klar, dass dann, wenn einzelne Personen aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden müssen, die Versicherungsgemeinschaft Hilfestellungen zu gewähren hat. Im Allgemeinen erfolgt diese Hilfe dadurch, dass jeder Rentner einen Anspruch auf eine Mindestrente hat, sodass er automatisch die Höhe der Mindestrente erreicht, wenn seine bisherigen Beiträge nicht ausreichen, um die Höhe der Mindestrente auf normalem Wege zu erreichen.

 

Wenn der größte Teil der Erwerbstätigen erst sehr viel später aus dem Erwerbsleben ausscheiden sollte, bedeutet dies ja keinesfalls, dass auch von den älteren Jahrgängen die gleichen Arbeiten wie in den jüngeren Jahren zu verrichten sind. Im Allgemeinen zeichnen sich gerade die älteren Jahrgänge dadurch aus, dass zwar ihre physische Leistungskraft mit dem Alter zurückgeht, dass aber der Erfahrungsschatz ansteigt, sodass diese Arbeitskräfte sehr wohl noch in der Lage sind, für das Wohl der Unternehmung und der gesamten Gesellschaft tätig zu sein.

 

Hierbei bedarf es sicherlich eines Umdenkens auch bei den Unternehmungen. Natürlich kann diese Anpassung nicht allein von den hier betroffenen Arbeitnehmern geleistet werden. Auch die Unternehmungen sind angehalten, älteren Beschäftigten solche Arbeiten anzubieten, die sie auch erfüllen können. Jahr für Jahr werden Erfindungen gemacht, welche das Leben als Konsumenten erleichtern hilft. Technischer Fortschritt ist aber nicht auf Verbesserungen im privaten Haushalt und auf eine Erhöhung der Produktivität beschränkt. Es ist durchaus möglich, durch technische Erneuerungen auch das Arbeitsleben zu vereinfachen. Hierbei kann technischer Fortschritt nicht nur zur Folge haben, die Kosten zu senken, sondern auch das bei der Produktion erforderliche Arbeitsleid zu verringern.

 

Auch können wir nicht davon ausgehen, dass es bei den für 2030 angekündigten Schwierigkeiten um eine nur kurzfristig anhaltende Erscheinung handelt. Zwar ist es richtig, dass sich in den jüngsten Jahren eine Trendwende in der Geburtenrate abzeichnet. Wenn jedoch heute mehr Kinder geboren werden, so tritt auf dem Arbeitsmarkt erst nach etwa 20 Jahren eine Entlastung ein und zwar dadurch, dass dann die Zahl der neueingestellten Erwerbstätigen ansteigt. Solche Veränderungen sind jedoch nicht Gegenstand politischer Maßnahmen. Politiker sind im Allgemeinen nur bereit, Maßnahmen einzuleiten, welche sich spätestens in der nächsten Wahlperiode positiv auswirken. Auch die Wähler lassen sich im Allgemeinen nur von den Versprechungen beeindrucken, welche in den jeweils kommenden Jahren zu erwarten sind.

 

Vor allem aber kann davon ausgegangen werden, dass sich der Trend der Verlängerung der Lebenserwartung in den nächsten Jahren fortsetzt. Auf der einen Seite tragen technische Verbesserungen dazu bei, dass weniger Unfälle im Verkehr, in den Unternehmungen sowie in den privaten Haushalten stattfinden, auf der anderen Seite gelingt es der medizinischen Wissenschaft in immer stärkerem Maße die Volkskrankheiten, welche in der Vergangenheit zu einem vorzeitigen Tod geführt haben, zumindest soweit zu bekämpfen, dass auch die von diesen Krankheiten betroffenen Personen eine längere Zeit zu leben haben. Insgesamt muss also davon ausgegangen werden, dass die Belastungen der Alterssicherungssysteme durch Ausweitung der Lebenserwartung auch in den nächsten Jahrzehnten anhalten werden.

 

Fortsetzung folgt!