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Quo Vadis Geldpolitik? Teil III

 

 

Gliederung:

 

1. Die Arbeitsteilung zwischen Geld- und Wirtschaftspolitik

2. Der Einfluss auf das Ziel der Währungsstabilität

3. Der Einfluss auf das Beschäftigungsziel

4. Der Einfluss auf das Wachstumsziel

5. Der Einfluss auf die Allokation

6. Der Einfluss auf die Verteilung und auf die sozialen Ziele

 

 

 

3. Der Einfluss auf das Beschäftigungsziel

 

Nachdem wir uns im letzten Abschnitt dieses Artikels mit der Frage beschäftigt haben, wie sich die derzeitige expansive Geldpolitik der Europäischen Notenbank auf die Ziele auswirkt, welche der Notenbank selbst aufgetragen sind, wollen wir nun im nächsten Abschnitt untersuchen, wie sich denn diese Politik auf die Ziele auswirkt, die in einer repräsentativen Demokratie der Regierung sowie dem Parlament aufgegeben sind.

 

Wir erwähnten bereits, dass es eigentlich nicht die Aufgabe einer Notenbank ist, Beschäftigungs- oder Wachstumspolitik zu betreiben und dass es vor allem schädlich ist, wenn die Notenbank im Zuge dieser Politik ihre eigentlichen Aufgaben: die Geldwertstabilität vernachlässigt. Anstatt dass die Notenbank zufrieden ist, dass die Inflationsrate augenblicklich auf fast null gesunken ist, verkündet sie nun das Ziel, über eine expansive Geldpolitik dafür Sorge zu tragen, dass das Preisniveau – wie in der Vergangenheit  üblich – um circa 1 bis 2% ansteigt.

 

Aber diese Frage, die bereits im 1. Abschnitt dieses Artikels zur Sprache kam, soll an dieser Stelle nicht weiter behandelt werden. Wir wollen uns hier darauf beschränken, die Frage zu untersuchen, wie sich denn eine expansive Geldpolitik der Notenbank auf das Beschäftigungsziel tatsächlich auswirkt. Führen die von der Europäischen Notenbank durchgeführten Maßnahmen tatsächlich – wie erhofft – über eine Beschäftigungszunahme zu einer Reduzierung der Arbeitslosigkeit?

 

Die Europäische Notenbank hat zur Rechtfertigung dieser – die eigentlichen Ziele dieser Institution vernachlässigenden – Maßnahmen angeführt, dass eine Deflation zu einem konjunkturellen Abschwung und damit auch zu einer Verringerung der Beschäftigung führe.

 

Diese Begründung zählt zu den immer wiederholten Teilwahrheiten über das Verhältnis zwischen der Entwicklung im Preisniveau und in der Beschäftigung. An dieser These ist zunächst nur richtig, dass in der Tat in der Vergangenheit zumeist ein konjunktureller Rückgang in den Beschäftigungszahlen mit einer Reduzierung der Inflationsrate, vielleicht sogar des absoluten Preisniveaus einherging.

 

Die bloße Tatsache einer Korrelation zwischen zwei ökonomischen Größen sagt jedoch noch nichts über den Ursachenzusammenhang aus. Die Feststellung einer Korrelation dieser beiden Variablen kann entweder bedeuten, dass ein konjunktureller Rückgang in der Güternachfrage auch zu einer Reduzierung der Güterpreise führt oder dass die Tatsache, dass die Güterpreise fallen, selbst wiederum einen Rückgang in der Nachfrage zur Folge hat.

 

In der Tat gehen wir in der allgemeinen Markttheorie davon aus, dass es die Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage sind, welche als Reaktion hierauf zu Preisänderungen führen. Preisänderungen gehören in einer Marktwirtschaft zu den wichtigsten Steuerungsgrößen, welche dafür sorgen, dass die Produktion an den Bedarf der privaten Haushalte bestmöglich angepasst wird.

 

So haben wir davon auszugehen, dass ein konjunkturell bedingter Rückgang in der Güternachfrage auf den Gütermärkten einen Angebotsüberhang auslöst und dass es eben dieser Angebotsüberhang ist, welcher seinerseits in Anpassung an dieses Ungleichgewicht eine Reduzierung der Preise hervorruft.

 

Diese Reduzierungen in den Preisen sind somit auch nichts Negatives, das es auf politischem Wege zu vermeiden gilt. Ganz im Gegenteil wird gerade über diese Preissenkungen sichergestellt, dass das Marktungleichgewicht baldmöglichst abgebaut wird und zwar dadurch, dass aufgrund der Preissenkungen die Nachfrage wiederum steigt und das Angebot reduziert wird.

 

In Wirklichkeit hängt die konjunkturelle Entwicklung letztendlich von den Gewinnerwartungen der Unternehmer ab. Wenn die Unternehmer davon ausgehen, dass sich die Gewinne in naher Zukunft positiv entwickeln, werden sie Produktion und Investition ausweiten, wenn sie aber von der Erwartung ausgehen, dass die Gewinne die Tendenz haben, in naher Zukunft zu sinken, werden sie auch ihre produktiven und investiven Aktivitäten einschränken.

 

Dies bedeutet, dass die These, es seien die sinkenden Preise, welche den konjunkturellen Abschwung auslösten, aus zweierlei Gründen falsch ist. Erstens gilt, dass nicht die tatsächlichen Entwicklungen, sondern die Erwartungen über diese Entwicklungen den Ausschlag darüber geben, wie die Unternehmer reagieren. Zweitens sind es nicht primär die Preisänderungen, welche zu einer Korrektur im Unternehmerverhalten führen, sondern allein die Entwicklungen in den Gewinnen der Unternehmer.

 

Gerade in der augenblicklichen Situation ist nicht damit zu rechnen, dass die Unternehmungen das leichte Absinken des Preisniveaus um weniger als 1 Prozent zum Anlass nehmen, mit einer generellen Senkung der Güterpreise zu rechnen. Der wahre Grund dafür nämlich, dass in der letzten Zeit das Güterpreisniveau leicht zurückgegangen ist, hat es vor allem damit zutun, dass aufgrund der noch schwächelnden Konjunktur die Nachfrage nach Öl und mit ihr die Benzinpreise stark zurückgegangen sind. Diese Tendenz wurde dadurch noch verstärkt, dass gleichzeitig in den USA der Versuch unternommen wurde, mit Hilfe des Trackung - Verfahrens das Ölvorkommen in den USA wesentlich zu steigern.

 

Bei den vergangenen Konjunktureinbrüchen hatten die Golfstaaten diesen Preiszerfall bei Rohöl dadurch zu verhindern versucht, dass sie ihrerseits die Förderung und damit auch das Angebot an Rohöl drosselten. Damit wurde der drohende Angebotsübergang vorwiegend dadurch verhindert, dass das Angebot an Rohöl verringert wurde.

 

Augenblicklich haben die Golfstaaten darauf verzichtet, durch Verknappung des Rohöls den Rückgang in den Preisen zu stoppen. Sie verzichteten darauf, weil sie auf diese Weise verhindern wollten, dass durch Anwendung des Tracking - Verfahrens das Angebot an Rohöl langfristig ansteigt und damit auch langfristig einen Rückgang in den Verkaufspreisen von Rohöl ausgelöst hätte. Man nahm also kurzfristig gewisse Preissenkungen in Kauf, um auf diese Weise auf lange Sicht eine drastische Reduzierung der Preise hinnehmen zu müssen.

 

Die Golfstaaten spekulieren darauf, dass durch bewusste Absenkung des Rohölpreises die Trackingverfahren unrentabel werden, da sich diese neue Technologie nur bis zu einer bestimmten Preishöhe überhaupt lohnt. Die Golfstaaten erhofften sich offensichtlich, mit dieser Taktik den Preis unter diese Mindesthöhe zu drücken.

 

Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass diese Tendenz fallender Ölpreise nicht lange anhalten wird, schließlich sind die Ölvorkommen stark begrenzt und da die weltweite Nachfrage nach Öl vermutlich langfristig ansteigen wird, muss auf jeden Fall damit gerechnet werden, dass sehr bald der Rohölpreis und mit ihm auch der generelle Preisindex ansteigen wird. Es gibt also keine plausiblen Gründe dafür, dass das augenblickliche Absinken des Preisniveaus anhält. Die Gefahren einer Deflation wären jedoch nur dann akut, wenn die Unternehmungen generell befürchten würden, dass auch in Zukunft die Preise generell sinken.

 

Auch hat die mit der expansiven Geldpolitik der Europäischen Notenbank verbundene Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar dieser deflatorischen Tendenz entgegengewirkt. Der Rohölpreis in Euro gerechnet stieg wieder, da auch bei gleichen Rohölpreisen in Dollar gerechnet der Europreis aufgrund der Abwertung ansteigt.

 

Wenden wir uns nun der Frage zu, inwieweit denn Preissenkungen stets eine Reduzierung der Gewinne zur Folge haben. Es gibt keine eindeutige feste Korrelation zwischen der Entwicklung in den Gewinnen und in den Güterpreisen. Zwar ist es möglich, dass Preissenkungen de facto zu einer Reduzierung der Gewinne geführt haben. Es muss aber auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass trotz Preissenkungen die Gewinne konstant bleiben oder sogar ansteigen.

 

Es sind nämlich nicht so sehr die Veränderungen im Verkaufspreis, welche die Gewinne der Unternehmer bestimmen, sondern für diese Entwicklung kommt es in erster Linie auf die Differenz zwischen Verkaufspreisen und Kosten einer Unternehmung an. Nur dann, wenn Preissenkungen bei konstanten oder sogar steigenden Kosten stattfinden, reduziert sich gleichzeitig auch der Gewinn. Wenn jedoch Preissenkungen vor allem deshalb stattfinden, weil es über Produktivitätssteigerungen gelungen ist, die Kosten zu senken und wenn diese Kostensenkungen dazu benutzt werden, die Verkaufspreise zu senken und damit die Konsumenten an den Produktivitätssteigerungen zu beteiligen, ist keine Reduzierung der Gewinne zu erwarten.

 

Selbst dann, wenn die Produktivitätssteigerungen nicht dazu benutzt werden, die Preise zu senken und damit die Wohlfahrtssteigerungen an die Konsumenten weiter zu geben, sondern Anlass für die Gewerkschaften sind, die Lohnsätze an die Steigerungen in der Arbeitsproduktivität anzupassen, würde kein Konjunktureinbruch befürchtet werden müssen, wenn sich die Preissenkungen auf die Steigerungen in der Produktivität des Kapitals beschränken würden und wenn die Gewerkschaften nicht im Sinne einer expansiven Lohnpolitik größere Lohnsatzsteigerungen durchsetzen würden als die Arbeitsproduktivität angestiegen ist.

 

Aus einem weiteren Punkte kann nicht allgemein damit gerechnet werden, dass eine expansive Geldpolitik auf lange Sicht zu der erwünschten Steigerung in der Beschäftigung führt. Zwar mag es richtig sein, dass bei sehr geringen Zinssätzen einige Unternehmer mehr als bisher bereit wären, zu investieren und die Produktion auszuweiten, als dann wenn die Zinssätze gerade der Produktivität des Kapitals entsprechen würden.

 

Es interessiert jedoch hier allein die Frage, ob auf diese Weise auf lange Sicht die Arbeitslosigkeit gedrosselt werden kann. Es ist nicht viel gewonnen, wenn dem anfänglichen Anstieg in den Beschäftigungszahlen eine immer größer werdende Entlassung von Arbeitskräften nach dem Erreichen des konjunkturellen Höchstpunktes befürchtet werden muss. Aber gerade diese Gefahr wird von der expansiven Geldpolitik der Notenbank ausgelöst.

 

Wenn nämlich die Notenbank den Zinssatz bewusst unter den Zinssatz drückt, der ohne Einflussnahme der Notenbank zustande käme und die Produktivität des Kapitals widerspiegeln würde, dann bedeutet dies auch, dass Produktionsstätten errichtet werden, welche sich unter normalen Bedingungen gar nicht im Markte halten könnten, da in Normalzeiten die Kosten höher ausfallen als die zu erzielenden Verkaufspreise.

 

Nur deshalb, weil im Zuge einer expansiven Geldpolitik die Preise generell ansteigen, können auch Unternehmer, welche keine Produktion zustande bringen, welche auch unter Wettbewerbsverhältnisse Stand hält, in den Markt eindringen. Aufgrund der Geldschwemme herrscht auf den Gütermärkten ein Nachfrageüberhang, die Unternehmer sind deshalb in der Lage, jeden Preis zu erzielen.

 

Sobald sich aber der Konjunkturaufschwung seinem Ende nähert, beliebige Preise auch nicht mehr durchgesetzt werden können und wiederum ein echter Wettbewerb zwischen den Unternehmungen stattfindet, werden diese Grenzunternehmer unrentabel, sie erleiden nun Verluste und sehen sich gezwungen,

deshalb auch wiederum Arbeitnehmer zu entlassen.

 

Wenn nun der Versuch gemacht wird, Kündigungen von Arbeitnehmern in größerem Umfang durch einen rigorosen Kündigungsschutz zu verhindern, wird die Situation eher noch schlimmer. Eine noch so rigide Kündigungsschutzgesetzgebung kann nicht verhindern, dass Arbeitskräfte spätestens dann entlassen werden, wenn der Betrieb in Konkurs geht. Eine rigide Kündigungsschutzgesetzgebung beschleunigt und verstärkt diesen Prozess vielmehr, da Unternehmungen daran gehindert werden, durch Rationalisierungen die Rentabilität wieder zu erlangen.

 

Wenn man will, ist gerade die expansive Geldpolitik der Notenbank der erste Sargnagel für den zukünftigen Konjunkturabschwung. Gerade weil sich zunächst auch an und für sich unrentable Unternehmungen im Markt halten können, sind die Unternehmer nicht mehr widerstandsfähig und brechen beim ersten Anzeichen eines Nachfragerückganges ein und ziehen, wenn die Zahl der unrentablen Unternehmungen groß ist, auch andere an und für sich durchaus produktive Unternehmungen mit sich, da es für das Weiterbestehen einer Unternehmung nicht nur auf die Rentabilität, sondern auch auf die Liquidität ankommt. Durchaus rentable Unternehmungen können dann trotzdem Konkurs gehen, da andere, nicht rentable Unternehmungen sich außer Stande sehen, ihre Rechnungen zu bezahlen.

 

Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen. Durch eine expansive Geldpolitik wird ja nur die Geldmenge, aber keinesfalls die reale Kapitalmenge vergrößert. Die für eine Ausweitung der Produktion notwendigen materiellen Ressourcen bleiben knapp und in dem Umfang, indem nicht rentable Unternehmungen diese Ressourcen in Anspruch nehmen, können die rentablen Unternehmungen nicht mehr über diese Ressourcen verfügen.

 

Dies bedeutet aber gleichzeitig, dass ein baldiger Konjunktureinbruch nicht nur deshalb befürchtet werden muss, weil es unrentable Unternehmungen gibt, welche bei den ersten Anzeichen eines Umkippens der Konjunktur zusammenbrechen. Es gilt vielmehr, dass es nun auch weniger Unternehmungen gibt, welche rentabel sind und durchaus in der Lage gewesen wären, geringe Preiseinbrüche durch Produktivitätssteigerungen wettzumachen.

 

Ein letzter Punkt ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Die expansive Geldpolitik wird nicht nur damit gerechtfertigt, dass ein gewisses Ausmaß an Inflation notwendig sei, um die Konjunktur in Fahrt zu bringen. Zu den Standardargumenten einer expansiven Konjunkturpolitik zählt weiterhin, dass es auch einer bestimmten Mindestwachstumsrate des Inlandsproduktes bedürfe, um überhaupt Vollbeschäftigung zu erreichen.

 

Diese These geht auf  M. Okun zurück. Das von Okun formulierte Gesetz besagt, dass die Arbeitslosenquote erst ab einer kritischen Wachstumsrate, der sogenannten Beschäftigungsschwelle abgebaut wird. Liegt die tatsächliche Wachstumsrate des Inlandsproduktes unterhalb dieser Schwelle, muss sogar damit gerechnet werden, dass die Arbeitslosenquote trotz Wachstum steigt.

 

Arthur M. Okun war amerikanischer Ökonom und Keynesianer, lebte von 1928 – 1980 und befasste sich unter anderem mit Ursachen der Armut und mit den Mechanismen, welche zwischen Inlandsprodukt und Beschäftigung bestehen.

 

Das nach ihm benannte Gesetz beruht auf empirischen Untersuchungen, welche Okun für den Zeitraum 1954 bis 1962 für die USA durchgeführt hat und welche die in dem Okun’schen Gesetz behauptete Beziehung zwischen Wachstumsrate des Inlandsproduktes und Arbeitslosenrate aufzeigte.

 

In der Zwischenzeit wurden die Beziehungen zwischen Wachstumsrate und Arbeitslosenrate auch in anderen Ländern empirisch überprüft, diese Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass zwar gewisse Beziehungen zwischen beiden Variablen festgestellt werden konnten, dass aber die kritische Schwelle für das Umkippen der Arbeitslosenrate in den untersuchten Ländern bei sehr unterschiedlichen Werten lag. Vor allem muss befürchtet werden, dass diese Beschäftigungsschwelle in dem Maße ansteigt, wie in der Vergangenheit der Versuch unternommen wurde, diese Mindestwachstumsrate einzuhalten.

 

Es ist dann wie bei zahlreichen Schmerzmitteln: Bei der ersten Anwendung wird eine gewisse Schmerzminderung erreicht, diese Wirkung wird jedoch bei permanenter Anwendung immer geringer, sodass eine immer größere Menge des Medikamentes benötigt wird, um überhaupt eine Schmerzminderung zu erzielen. Die Effizienz dieses Medikamentes geht mit der Zeit immer mehr zurück, gleichzeitig steigt jedoch der Umfang der negativen Sekundärwirkungen.

 

Auch dann, wenn das Okun’sche Gesetz in die Literatur einging, gibt es bei einer Reihe von Ökonomen wie z. B. bei Rudiger Dornbusch und Stanley Fischer erhebliche Zweifel, ob man hier wirklich bereits von einem Gesetz sprechen könne, schließlich wiesen die empirischen Zusammenhänge ein großes Maß an Unsicherheit auf. Die Werte der einzelnen Parameter würden im Verlauf der Jahre schwanken und die Relationen seien auch teilweise instabil. Auch wurde das Wachstum der Produktion nur durch Schätzungen bestimmt.

 

In Wirklichkeit hängt es von weiteren Voraussetzungen ab, wie sich das durch expansive Geldpolitik erhoffte gesteigerte Wachstum auf den Beschäftigungsgrad auswirkt. Es hängt vor allem von der Art des technischen Fortschrittes ab, ob das dadurch ausgelöste Wachstum im Inlandsprodukt tatsächlich zu einer Steigerung der Beschäftigung führt. Nur dann, wenn der technische Fortschritt darin besteht, dass Kapital eingespart wird und dass deshalb die gleiche Gütermenge mit weniger Kapital hergestellt werden kann, wird mit einem wirtschaftlichen Wachstum gerechnet werden können.

 

Technischer Fortschritt äußert sich jedoch oftmals darin, dass Arbeit eingespart wird, dass also eine gleichbleibende Gütermenge mit weniger Arbeitseinsatz hergestellt werden kann. In diesem Falle kann jedoch die Beschäftigung trotz Wachstum im Inlandsprodukt sogar sinken. In diesem Falle hat also die expansive Geldpolitik zwar vielleicht zu einem gesteigerten Wachstum des Inlandsproduktes geführt, aber das Ziel der Vollbeschäftigung trotzdem verfehlt.

 

Es hängt also mit andern Worten von der Art des verwirklichten, technischen Fortschrittes ab, ob ein gesteigertes Wachstum tatsächlich zu einer Verminderung der Arbeitslosigkeit führt. Wachstum ist somit keine ausreichende Bedingung dafür, dass über eine expansive Geldpolitik tatsächlich die Beschäftigung gesteigert werden kann. Es ist noch nicht einmal eine notwendige Voraussetzung für Vollbeschäftigung. Warum sollte bei konstantem Inlandsprodukt, also bei einer Wachstumsrate von Null die Beschäftigung nicht unverändert bleiben und dem Angebot an Arbeit entsprechen? Die Unternehmer erzielen hier bei der augenblicklichen Beschäftigung einen bestimmten Gewinn. Wenn die Preise konstant bleiben, werden – falls keine größeren Datenänderungen eintreten – die Nachfrage und mit ihr auch der Gewinn konstant bleiben, warum sollten dann die Unternehmer die Produktionsmenge und mit ihr die Beschäftigung reduzieren?

 

Die Art des technischen Fortschritts fällt jedoch nicht wie Manna vom Himmel und liegt deshalb auch nicht von vornherein fest. Es hängt vielmehr vom Verhältnis der Faktorpreise, dem Lohn-Zins-Verhältnis ab, welche Art des technischen Fortschritts den Unternehmungen Kosteneinsparungen bringt und deshalb auch angewandt wird. Ist der Zinssatz sehr hoch und sind mit ihm auch die Kosten der Kapitalbeschaffung hoch, sind die Unternehmungen mehrheitlich bestrebt, solche Verfahren anzuwenden, bei denen vor allem Kapital eingespart werden kann.

 

Umgekehrt ist damit zu rechnen, dass Unternehmer vor allem dann arbeitssparenden Fortschritt durchführen, wenn die Arbeitskraft besonders teuer ist. Es hängt somit vom Verhältnis des Lohnsatzes zum Zinssatz ab, welche Art von technischem Fortschritt von den Unternehmungen angewandt wird. Je höher der Lohnsatz und je geringer der Zinssatz ausfällt, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Unternehmungen insbesonders arbeitssparenden technischen Fortschritt wählen. Ganz generell können wir davon ausgehen, dass es stets ein Lohnsatz-Zins-Verhältnis gibt, bei dem Vollbeschäftigung erzielt werden könnte.

 

Wenn wir diesen Zusammenhang berücksichtigen, muss bezweifelt werden, ob eine expansive Geldpolitik tatsächlich ein geeignetes Mittel darstellt, Vollbeschäftigung zu garantieren. Der Zinssatz wird bei einer Vermehrung der umlaufenden Geldmenge sinken, damit steigt bei gleichbleibendem Lohnsatz auch das Lohn-Zins-Verhältnis und damit die Gefahr, dass im Endergebnis die Arbeitslosigkeit ansteigt statt zurückzugehen.

 

Diese Gefahr wird besonders groß, wenn zur gleichen Zeit auch die Gewerkschaften eine expansive Lohnpolitik durchsetzen. Von einer expansiven Lohnpolitik spricht man immer dann, wenn die Lohnsatzsteigerungen die Zuwächse in der Arbeitsproduktivität übersteigen. Eine solche expansive Lohnpolitik wurde früher einmal von dem Gewerkschaftsfunktionär Viktor Agartz propagiert, wobei sich Agartz – übrigens zu Unrecht –  auf Keynes stützte: Keynes habe gelehrt, dass Arbeitslosigkeit durch eine zu geringe Nachfrage verursacht sei, durch Lohnsatzsteigerungen, die über der Produktivitätssteigerung liegen, würde die Nachfrage nach Gütern und davon abgeleitet auch die Nachfrage nach Arbeitskräften gesteigert.

 

Agartz hatte sich zu Unecht auf Keynes berufen. Keynes sprach davon, dass eine Zunahme der effektiven Nachfrage beschäftigungssteigernd wirke. Von einer Steigerung der effektiven Nachfrage spricht Keynes jedoch nur dann, wenn die Nachfrage bei gleichem Einkommen, bzw. unabhängig von der Einkommenshöhe ansteigt, wenn also ein höherer Prozentsatz des Einkommens für Konsumgüter und damit ein geringerer Prozentsatz für Ersparnisse verwandt wird. Bei Lohnerhöhungen steigt jedoch die Güternachfrage einfach deshalb, weil das Einkommen gestiegen ist und nicht deshalb, weil ein höherer Prozentsatz des Einkommens konsumiert wird.

 

Wenn jedoch auch die Gewerkschaften bemüht sind, durch expansive Lohnsteigerungen die Nachfrage anzukurbeln, wird der Einfluss des arbeitssparenden technischen Fortschritts sogar noch verstärkt. Das entscheidende Lohn-Zins-Verhältnis wird nun von zwei Seiten aus angehoben: Der Zinssatz (der Nenner!) sinkt wegen einer expansiven Geldpolitik der Notenbank und der Lohnsatz (der Zähler!) steigt gleichzeitig an. Die hierdurch ausgelösten Beschäftigungsminderungen sind hier besonders stark ausgeprägt. Kein Wunder, dass diese Art von Beschäftigungspolitik in der Realität versagt hat, dass es in den letzten 80 Jahren Keynesianischer Beschäftigungspolitik nicht gelungen ist, die Arbeitslosenquote entscheidend und auf lange Sicht zu verringern. Und dies nicht etwa deshalb, weil die wichtigsten Regierungen die keynesianischen Ratschlägen missachtet haben, sondern weil vielmehr – trotz Bereitschaft der Politiker nahezu aller größerer Volkswirtschaften, dieser Empfehlung wie wohl keinem anderen wissenschaftlich fundierten Ratschlag zu folgen – die Erfolge ausblieben.

 

 

4. Der Einfluss auf das Wachstumsziel

 

Wenden wir uns nun der Frage zu, wie denn das wirtschaftliche Wachstum aufgrund der expansiven Geldpolitik der Notenbank beeinflusst wird. Können wir damit rechnen, dass – wie wohl von der Europäischen Notenbank beabsichtigt – von dieser Geldexpansion gleichzeitig auch Wachstumsimpulse ausgehen?

 

Zwischen dem Wachstum und der Beschäftigung bestehen über die Beschäftigungsfunktion enge direkte Beziehungen. Das Wachstumsniveau einer Volkswirtschaft messen wir hierbei am realen Inlandsprodukt (X). Die Beschäftigungsfunktion gibt hierbei an, wie die Beschäftigung von Arbeitnehmern (B) in der Anzahl der beschäftigten Arbeitnehmer gemessen von der Höhe der produzierten Gütermenge abhängt. Es gilt die Funktion:

B = f(X)

 

Wenn also die Beschäftigung gestiegen ist, so liegt sicherlich der wichtigste Grund für diese Zunahme darin, dass zuvor das Inlandsprodukt zugenommen hat. Allerdings bedeutet dies nicht, dass ein proportionaler Zusammenhang zwischen Beschäftigung besteht in dem Sinne, dass sich Inlandsprodukt und Beschäftigung proportional gleich entwickeln. Weder findet eine Beschäftigungssteigerung nur dann statt, wenn zuvor das Inlandsprodukt gestiegen ist, die Steigerung des Inlandsproduktes ist nur eine unter mehreren Ursachen für eine Beschäftigungszunahme. Noch kann davon ausgegangen werden, dass jede Steigerung im Inlandsprodukt automatisch zu einer Beschäftigungssteigerung führt.

 

Als erstes kann aufgrund empirischer Untersuchungen davon ausgegangen werden, dass das sogenannte Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag der Arbeit gilt. Danach führt eine permanente Erhöhung des Arbeitseinsatzes zwar ceteris paribus auch zu einer Zunahme im Inlandsprodukt, der Zuwachs des Inlandsproduktes geht jedoch bei einer kontinuierlich gesteigerten Beschäftigung immer mehr zurück.

 

Als zweites gilt, dass dieser in der Beschäftigungsfunktion umschriebene Zusammenhang zwischen Beschäftigung und Inlandsprodukt nur unter der ceteris paribus-Formel gilt, gemeint ist hiermit, dass der Verlauf der Beschäftigungsfunktion selbst wiederum von der angewandten Technik abhängt und dass gerade in dieser Technik aufgrund des technischen Fortschrittes immer wieder Änderungen eintreten, die zur Folge haben, dass die Beschäftigung in andere Weise als bisher von der Höhe des Inlandsproduktes abhängt.

 

Wir müssen deshalb stets damit rechnen, dass z. B. eine Beschäftigungsminderung mit einer Zunahme des Inlandsproduktes einhergeht und dies ist dann der Fall, wenn ein arbeitssparender technischer Fortschritt vorliegt. Aufgrund der Einführung neuer Techniken kann und wird zwar das Inlandsprodukt gesteigert, diese Steigerung im Inlandsprodukt kann jedoch mit weniger Arbeitskräften als bisher erreicht werden.

 

Drittens ist im Allgemeinen gerade dann, wenn wir von Wachstum sprechen, nicht an diesen in der Beschäftigungsfunktion umschriebenen Zusammenhang gedacht. Und dies aus zweierlei Gründen. Auf der einen Seite kommt bei einer Reduzierung der Arbeitslosigkeit (was gleichbedeutend ist mit einer Zunahme der Beschäftigung) ja nur zum Ausdruck, dass in der augenblicklichen Periode das Niveau des Inlandsproduktes erreicht wird, das mit dem bestehenden Bestand an wirtschaftlichen Ressourcen erreicht werden kann.

 

Es ist damit überhaupt nichts ausgesagt, ob auf diese Weise das Inlandsprodukt auch in den weiteren Perioden ansteigt, aber nur dann sprechen wir im Allgemeinen von wirtschaftlichem Wachstum. Zielgröße der Wachstumspolitik ist die jährliche Wachstumsrate und nicht das Wachstumsniveau der augenblicklichen Periode.

 

Auf der anderen Seite unterscheiden wir zwischen einem extensiven und einem intensiven Wachstum. Ein extensives Wachstum liegt immer dann vor, wenn das Inlandsprodukt gestiegen ist. In extensivem Sinne findet ein Wachstum auch schon dann statt, wenn z. B. das Inlandsprodukt deshalb angestiegen ist, weil auch zur gleichen Zeit (etwa aufgrund einer Nettoeinwanderung) die Anzahl der Beschäftigten angestiegen ist.

 

Wenn gemeinhin von wirtschaftlichem Wachstum gesprochen wird, denkt man hierbei jedoch noch gar nicht an diese Art von Zunahme des Inlandsproduktes. Von Wachstum wird nämlich in aller Regel erst dann gesprochen, wenn die einzelnen Konsumenten im Durchschnitt über ein höheres reales Einkommen verfügen und dies ist gerade nicht der Fall, wenn die Bevölkerung genauso stark angestiegen ist wie das Inlandsprodukt.

 

Die Zunahme des Inlandsproduktes bewirkt hier nur, dass mehrere Konsumenten als bisher über Einkommen verfügen und nicht, dass die einzelnen Haushalt im Durchschnitt eine höhere materielle Wohlfahrt erfahren. Im letzteren Falle spricht man von einem intensiven Wachstum. Die Wachstumsrate ist in diesem Falle ein Indikator für eine Zunahme in der Wohlfahrt der Bevölkerung. Wir wollen im Folgenden allein untersuchen, wie sich die expansive Geldpolitik der Europäischen Notenbank auf die Wachstumsrate (nicht auf das Wachstumsniveau) sowie auf das intensive (und nicht auf das extensive) Wachstum auswirkt.

 

Wenn wir nun davon ausgehen, dass – wie beabsichtigt  – die Zunahme der von der Notenbank zur Verfügung gestellten umlaufenden Geldmenge zu einer vermehrten Güternachfrage führt, dann – so geht die Vermutung – wird man auch damit rechnen können, dass auch Investitionsgüter vermehrt nachgefragt werden. Und sicherlich können wir davon ausgehen, dass eine Zunahme der (realen) Investitionsnachfrage der Unternehmer die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass eine positive Wachstumsrate im Inlandsprodukt erzielt wird.

 

Allerdings können wir nicht damit rechnen, dass die Investitionsnachfrage in gleichem Umfang wie die Geldmenge ansteigt. Wie wir bereits im vorhergehenden Abschnitt gesehen haben, müssen wir davon ausgehen, dass ein Teil des Geldes zunächst gehortet werden kann und somit zunächst weder zu einer Zunahme in der Investitionsnachfrage noch zu einem gestiegenen Inlandsprodukt führt.

 

Weiterhin haben wir gesehen, dass auch dann, wenn die expansive Geldpolitik dazu führen würde, dass die Nachfrage nach Gütern allgemein und damit natürlich auch die Nachfrage nach Investitionsgütern ansteigt, immer noch mit der Gefahr gerechnet werden muss, dass nicht die reale Produktion steigt, sondern dass die Nachfragezuwächse in einem beachtlichen Ausmaß in Preissteigerungen verpuffen. In dem Maße, in dem dies der Fall ist, hat die Zunahme der umlaufenden Geldmenge gerade nicht zu einem Anstieg in der Wachstumsrate geführt.

 

Aber selbst dann, wenn die expansive Geldpolitik dazu führt, dass auch in realer Hinsicht mehr Investitionsgüter gekauft werden, bedeutet dies nicht in jedem Falle, dass auch die Wachstumsrate ansteigt. Es gibt auch Fehlinvestitionen, bei denen also neue Produktionsanlagen angeschafft werden, trotzdem aber der Wohlstand nicht ansteigt, da z. B. nach den mit den neuen Produktionsanlagen herstellbaren Güter gar keine Nachfrage besteht.

 

Mit einer solchen Gefahr muss vor allem gerechnet werden, da – wie bereits im vorhergehenden Abschnitt festgestellt wurde – eine Zinssenkung im Zusammenhang mit einer Ausweitung der Geldmenge einer Gießkanne gleicht, welche auf alle Unternehmungen herunterregnet, gleichermaßen auf Unternehmer, welche rentabel und solche Unternehmer, welche nur unrentabel produzieren können. In diesem Falle steigt jedoch die Wohlfahrt nicht an, da auf der einen Seite aufgrund der Fehlinvestitionen knappe Ressourcen vergeudet wurden und auf der anderen Seite diese Ressourcen den Unternehmungen entzogen werden, welche aufgrund ihrer Rentabilität durchaus in der Lage gewesen wären, das Wachstum zu steigern.

 

Unabhängig von diesen Gefahren gilt es auch zur Kenntnis zu nehmen, dass die Wohlfahrt einer Bevölkerung keinesfalls dann optimiert wurde, wenn die technisch mögliche, maximale Wachstumsrate aufgrund der expansiven Geldpolitik erreicht worden wäre. Optimal ist keineswegs die maximale Wachstumsrate, sondern die Wachstumsrate, welche die Wohlfahrt einer Bevölkerung maximiert.

 

Es gibt aber insgesamt drei Gründe, weshalb die so definierte optimale Wachstumsrate des Inlandsproduktes wesentlich geringer ausfällt als die technisch gesehen mögliche und somit maximale Wachstumsrate des Inlandsproduktes.

 

So könnte erstens die Wachstumsrate des Inlandsproduktes dadurch steigen, dass die Arbeitnehmer im Durchschnitt mehr Arbeitsstunden pro Tag oder Jahr aufweisen. Steigt jedoch die Zahl der Arbeitsstunden, so ist das gleichbedeutend damit, dass weniger Freizeit in Anspruch genommen werden kann. Da aber nicht nur die Konsumgüter, welche mit dem Einkommen bezahlt werden, Nutzen hervorrufen, sondern auch die Freizeit Nutzen stiftet, entgeht also mit wachsender Arbeitszeit Nutzen und es gibt stets ein kritischer Umfang an Freizeit, von der ab eine weitere Einschränkung der Freizeit einen Nutzenverlust hervorruft, der größer ist als der durch die Mehrarbeit erzielte Zusatznutzen bei den Konsumgütern.

 

In gleicher Weise könnte zweitens das Inlandsprodukt auch dadurch gesteigert werden, dass vermehrt Einkommensteile gespart werden und zur Finanzierung von Investitionen zur Verfügung gestellt werden. Auch hier gilt wiederum, dass dem Nutzenzuwachs, der dadurch entsteht, dass die Produktionskapazität erweitert wird und deshalb in Zukunft vermehrt Konsumgüter nachgefragt werden können, eine Nutzenminderung entspricht, die damit zusammenhängt, dass in der Gegenwart aufgrund der gestiegenen Sparrate weniger Güter konsumiert werden können. Auch hier ist also in aller Regel die optimale Sparrate deutlich geringer als die maximale Sparrate, welche in der Gegenwart nur einen Konsum in Höhe des Existenzminimums ermöglicht.

 

Ein dritter Grund dafür, dass das optimale Wachstum des Inlandsproduktes im Allgemeinen geringer ist als das maximal mögliche, hängt damit zusammen, dass es in der realen Volkswirtschaft externe Kosten gibt. Von externen Kosten spricht man immer dann, wenn ein Teil der Kosten, die der gesamten Volkswirtschaft entstehen, den Unternehmungen, welche diese Kosten verursachen, nicht angerechnet werden und gerade aus diesen Gründen nicht in den Preis der einzelnen Güter eingehen.

 

Wenn aber der Preis einzelner Güter nicht alle Kosten umfasst, die einer Volkswirtschaft im Zusammenhang mit der Produktion dieser Güter entstehen, kann auch nicht mehr davon ausgegangen werden, dass die knappen Ressourcen jeweils in die Verwendungen gelenkt werden, welche von den Konsumenten gewünscht werden. Fällt der Preis niedriger aus als die Kosten, werden die Konsumenten von diesem Gut mehr nachfragen als eigentlich unter Berücksichtigung aller Kosten erwünscht wäre.

 

Diese Problematik entsteht vor allem im Zusammenhang mit der Umweltverschmutzung. Ein Teil der Produktionskosten verschlechtert die Umweltbedingungen, ohne dass aber diese Kosten den Unternehmungen und letzten Endes den Konsumenten in Rechnung gestellt werden.

 

Angewandt auf das Wachstum des Inlandsproduktes heißt dies: Es ist damit zu rechnen, dass eine Steigerung des Inlandsproduktes trotzdem keine Steigerung, sondern sogar eine Verringerung der Wohlfahrt mit sich bringt, da diese Steigerung der Produktion bei Gütern stattgefunden hat, welche gar keine optimale Wohlfahrt garantieren. Wären diese Investitionen nicht getätigt worden, so wäre die Steigerung der Wohlfahrt größer gewesen, da es dann möglich gewesen wäre, die knappen Ressourcen in die Verwendungen zu lenken, die eine Optimierung der Wohlfahrt ermöglichen.

 

Man hat in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung versucht, diesen Gefahren dadurch Rechnung zu tragen, dass man von einem nachhaltigen Wachstum spricht. Von dem tatsächlich realisierten Zuwachs des Inlandsproduktes werden dann die externen Kosten abgezogen, sodass dann die verbleibende Restgröße darüber unterrichtet, welche Steigerungen im Inlandsprodukt auch eine Steigerung in der Wohlfahrt einer Bevölkerung bewirken.

 

Fragen wir uns nun zum Abschluss, inwieweit denn bei einer expansiven Geldpolitik die Gefahr groß ist, dass eine dieser drei Ursachen für unerwünschte Zuwächse im Inlandsprodukt vorliegt.

 

Fragen wir uns zunächst danach, woran es denn liegt, wenn zu wenig Freizeit in Anspruch genommen wird. Die Entscheidung der einzelnen Arbeitnehmer, ihre Arbeitszeit über Überstunden oder auch einer zweiten oder dritten Beschäftigung auszuweiten, hängt vor allem von der Höhe des Lohnsatzes ab. Wir können davon ausgehen, dass mit der Steigerung des Lohnsatzes auch die Bereitschaft zu zusätzlichen Arbeitsstunden wächst.

 

Diese Feststellung bedeutet, dass es nicht primär eine verfehlte Geldpolitik ist, welche im Hinblick auf zu geringe Freizeit unter Umständen zu unerwünschtem Wirtschaftswachstum führt. Trotzdem besteht auch hier – wie wir im vorhergehenden Abschnitt zeigen konnten – ein enger Zusammenhang mit der expansiven Geldpolitik. Es ist das gleiche keynesianisch geprägte Leitbild, das auf der einen Seite zu einer Zinssatzsenkung, auf der anderen Seite zu einer Lohnsatzsteigerung geführt hat.

 

Fragen wir uns weiterhin, inwieweit eine expansive Geldpolitik zu unerwünschtem Wachstum im Zusammenhang mit einer unerwünschten Sparrate führt. Hier können wir in der Tat davon ausgehen, dass der enorme Zuwachs in der umlaufenden Geldmenge begleitet ist von einer weitgehenden Zinssenkung. Diese hinwiederum führt zu einem Rückgang in der Sparrate und damit indirekt auch zu einem Wirtschaftswachstum, das keine Wohlfahrtssteigerung herbeiführt. Der augenblickliche Zinssatz bei Spareinlagen sowie bei Kauf festverzinslicher Wertpapiere liegt bei einem Bruchteil eines Prozentpunktes und tendiert gegen null. Es ist nicht verwunderlich, dass die Bereitschaft, einen Teil der Einkommen zu sparen, deshalb zurückgeht.

 

Dieser Prozess einer Zunahme in der Konsumquote wird dadurch noch gesteigert, dass augenblicklich in der Öffentlichkeit darüber diskutiert wird, ob die Banken nicht für Bankguthaben Sollzinsen verlangen sollen, da auch die Notenbank für Sichtguthaben bereits Strafzinsen den Privatbanken abverlangt. Es besteht deshalb unter Konsumenten die Befürchtung, dass sie sogar für vergangenes Sparen bestraft werden. Diese Befürchtung führt dann dazu, dass schon heute die Ersparnis eingeschränkt wird, obwohl die Banken bisher darauf verzichtet haben, ihrerseits von ihren Kunden Sollzinsen für Guthaben zu verlangen. Die Befürchtung, dass dies in naher Zukunft geschehen kann, reicht hier aus, dass die privaten Haushalte weniger als bisher sparen.

 

Wird in einer Volkswirtschaft weniger gespart, so stehen auch der Volkswirtschaft weniger Mittel zur Finanzierung der Investitionen zur Verfügung, was sich automatisch in einer Verringerung des Wachstums niederschlägt.

 

Nun könnte man einwenden, dass gerade über die Preissteigerungen, welche aufgrund der expansiven Geldpolitik in Zukunft zu erwarten sind, eine Art Zwangssparen eintritt, sodass in diesem Falle die Investitionsrate trotz Rückganges in der Ersparnis konstant bleibt. Über Preis- und Gewinnsteigerungen würden nämlich den Unternehmungen die Geldmittel zur Finanzierung von Investitionen zur Verfügung gestellt, welche sie mangels Ersparnis nicht auf dem normalen Kapitalmarkt erhalten könnten.

 

Diese Schlussfolgerungen stellen nur eine Teilwahrheit dar. Ob ein optimales Wachstum erzielt wird, hängt ja – wie gezeigt – entscheidend davon ab, ob die Ersparnisse den Unternehmungen zufließen, welche die höchste Produktivität aufweisen. Wir haben gesehen, dass Preissteigerungen, welche in Folge einer expansiven Geldpolitik zu erwarten sind, nach dem Gießkannenprinzip den Unternehmungen zufließen, es ist also nicht garantiert, dass gerade die Unternehmungen, welche die höchste Produktivität aufweisen, die knappen Ressourcen erhalten. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass an und für sich unrentable Unternehmungen in den Markt eindringen können, da sie alle ihre Kosten durch Preisaufschläge an die Konsumenten weiterwälzen können und da auf diese Weise letzten Endes knappe Ressourcen verschleudert werden.

 

Und wie steht es mit der Frage, inwieweit eine expansive Geldpolitik zu einem Wachstum führt, das die Umweltschäden vergrößert und damit nicht nachhaltig ist? Wir haben bereits gesehen, dass diese Umweltschäden damit zusammenhängen, dass bestimmte der Volkswirtschaft im Zusammenhang mit der Produktion entstehende Kosten weder von den Unternehmungen, die diese Güter produzieren noch von den Konsumenten, welche diese Güter verbrauchen, übernommen werden. Diese Umweltbelastung kann nur vermieden werden, wenn den Unternehmungen diese externen Kosten angerechnet werden. Es müsste also sichergestellt werden, dass nur solche Unternehmungen diese zusätzlichen Kredite erhalten, welche auch diese externen Kosten zu bezahlen haben.

 

Durch die Schaffung von Verschmutzungsrechten, welche die Unternehmungen erwerben müssen, wenn sie Produktionen mit starker Umweltbelastung durchführen wollen, wird zwar der Tendenz nach dem Ziel entsprochen, die externen Kosten der Umweltverschmutzung zu internalisieren. Dieser Versuch wird jedoch dadurch wiederum unterlaufen, dass umweltbelastenden Unternehmungen mit der einen Hand in Form von zinsvergünstigten Krediten das wiederum gegeben wird, was ihnen zuvor mit der anderen Hand im Zusammenhang mit dem Ankauf von Verschmutzungsrechten genommen wurde. Wenn also die expansive Geldpolitik auch nicht auf direkte Weise die Vermeidung und Reduzierung von Umweltschäden verhindert, so erschwert sie trotzdem aufgrund dieser Einsparungseffekte die Durchsetzung einer sachgerechten Bekämpfung der Umweltschäden.

 

 

Fortsetzung folgt!