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Grundprinzipien wirtschaftlichen und sozialen Handelns

 

 

 

    Gliederung:

 

    1. Einführung

    2. Ökonomisches Prinzip

    3. Arbeitsteilung

    4. Produktionsumwege

    5. Tausch    

    6. Wettbewerb

    7. Countervailing power

    8. Drohung

    9. Das Prinzip freier Entscheidungen

  10. Haftungsprinzip und Kapitalgesellschaft

  11.Versicherungs- versus Versorgungsprinzip

  12. Die Spekulation

  13. Verteilungsprinzipien

  14. Solidaritäts-  und Subsidiaritätsprinzip

 

     

 

  Kapitel 11:Versicherungs- versus Versorgungsprinzip

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Schutz gegenüber Risiken und materiellen Risikofolgen

3. Einkommensersatzfunktion versus Ausgabenausgleichsfunktion

4. Allokation versus Distribution

5. Individuelle versus kollektive Vorsorge

6. Versorgung versus Versicherung

 

 

 

1. Das Problem

 

Wir hatten im letzten Kapitel von der Unsicherheit wirtschaftlicher Entscheidungen gesprochen. Nun unterscheidet man im Allgemeinen zwischen Unsicherheiten, die trotz der Unregelmäßigkeit im Einzelnen für die gesamte Volkswirtschaft betrachtet nichts desto trotz Regelmäßigkeiten aufweisen und gerade deshalb in der Gemeinschaft reduziert werden können. Es handelt sich hierbei um versicherungsfähige Risiken. Die Unsicherheiten, welche im letzten Kapitel im Vordergrund standen und insbesondere die allgemeinen Unsicherheiten gerade der unternehmerischen Entscheidungen betrafen, sind in diesem Sinne versicherungsunfähig, sie weisen viel zu wenig allgemeine Regelmäßigkeiten auf, als dass sie im Rahmen einer Risikogemeinschaft erfolgreich angegangen werden können.

 

Im Rahmen der versicherungsfähigen Risiken wird nun darüber hinaus zwischen allgemeinen und sozialen Risiken unterschieden. Die sozialen Risiken beziehen sich hierbei auf Tatbestände, welche vor allem von Empfängern geringerer Einkommen nicht selbst befriedigend gelöst werden können und gerade deshalb durch öffentlich rechtliche Einrichtungen geregelt werden. Wir wollen uns in diesem Kapitel auf diese sozialen Risiken beschränken.

 

Zu den sozialen Risikotatbeständen zählen im allgemeinen Krankheit und Pflegebedürftigkeit, Alter und Frühinvalidität, Unfälle am Arbeitsplatz und schließlich Arbeitslosigkeit. Bisweilen werden jedoch auch die Probleme des Familienlastenausgleichs und vor allem die Einrichtungen der Sozialhilfe unter den Begriff der Sozialen Sicherheit subsumiert.

 

 

2. Schutz gegenüber Risiken und materielle Risikofolgen

 

Im Hinblick auf die verschiedenen Risikotatbestände haben wir zwischen der Bekämpfung der Risiken als solchen und dem Schutz gegenüber den materiellen Risikenfolgen zu unterscheiden. Da die Risiken im Allgemeinen als etwas Negatives angesehen werden, kommt es natürlich in erster Linie darauf an, dafür Sorge zu tragen, dass das Ausmaß der Risiken soweit wie immer möglich reduziert wird. Es gilt also in erster Linie das Auftreten dieser Risiken als solche zu bekämpfen.

 

Primäres Ziel der Einrichtungen der Sozialen Sicherheit war jedoch lange Zeit keineswegs die Bekämpfung der sozialen Risiken als solche. Man geht in diesen Einrichtungen vielmehr davon aus, dass die Risiken als solche weitgehend vorgegeben und deshalb auch in gewissem Umfang unvermeidbar sind und dass die Versuche, den Umfang der Risiken selbst zu reduzieren, immer nur zu Teilerfolgen führen, sodass wir stets mit dem Auftreten dieser Risiken rechnen müssen und dass es deshalb in erster Linie darauf ankommt, dem einzelnen Betroffenen einen Schutz vor den materiellen Folgen der einzelnen Risikotatbeständen zu gewähren.

 

Im Rahmen der Einrichtungen der Sozialen Sicherheit werden also zunächst nicht die Risiken als solche bekämpft, ihr Auftreten wird als gegeben und in gewissem Maße als unbeeinflussbar angesehen. Wenn man schon nicht in der Lage ist, die Risiken als solche zu beseitigen, so komme es darauf an, zumindest die materiellen Schäden, welche im Allgemeinen mit dem Auftreten der sozialen Risiken verbunden sind, für den Einzelnen so gering wie nur möglich zu halten.

 

Das Auftreten sozialer Risiken kann den hiervon Betroffenen hohen materiellen Schaden verursachen. Nehmen wir den Fall des Krankheitsrisikos. Auf der einen Seite kann der Schwerkranke unter Umständen längere Zeit keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, er verliert also während dieser Zeit seine normalen Erwerbseinkünfte. Auf der anderen Seite entstehen im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Krankheit zahlreiche Kosten der Aufklärung der eigentlichen Ursachen sowie der Heilung der Krankheit. Ärzte müssen konsultiert werden, unter Umständen ist ein Krankenhausaufenthalt notwendig, um die Art der Krankheit festzustellen sowie Operationen durchzuführen. Weiterhin müssen Medikamente und andere Arzneimittel eingenommen bzw angewandt werden.

 

Nehmen wir das Beispiel des Alterns. Auch dann, wenn wir durch bewusstes gesundheitsförderndes Verhalten in begrenztem Maße in der Lage sind, die Arbeitsfähigkeit zu verlängern, wird trotzdem immer davon auszugehen sein, dass die Arbeitsfähigkeit eines Tages – wenn auch etwas später als heutzutage – altersbedingt zu Ende geht.

 

Allerdings unterscheidet sich das Risiko des Alterns von allen anderen sozialen Risikotatbeständen. Während Krankheiten, Pflegebedürftigkeit, Unfälle am Arbeitsplatz, Arbeitslosigkeit und Frühinvalidität als ein ausgesprochen negatives und unerwünschtes Ereignis angesehen werden, muss festgestellt werden, dass das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben im Alter nicht nur als etwas Negatives angesehen wird, dass sich vielmehr der Einzelne unter Umständen auf einen erwerbsfreien Lebensabend freut und mitunter herbeisehnt. Nur der Umstand, dass der Eintritt ins Rentnerdasein gleichzeitig damit verbunden ist, dass keine regulären Arbeitseinkommen mehr bezogen werden, wird als negativ eingestuft.

 

Die Rechtfertigung dafür, dass man im Rahmen der Einrichtungen der Sozialen Sicherheit zunächst darauf verzichtete, das Risiko als solches zu bekämpfen und das Hauptaugenmerk allein auf die Bekämpfung der materiellen Risikofolgen richtete, mag zwei Gründe haben. Zunächst einmal ging man oftmals davon aus, dass das Risiko als solches nicht ernsthaft bekämpft werden kann, dass es also vorgegeben ist und den einzelnen als Schicksalsschlag trifft, den er nicht wesentlich abwenden kann.

 

Dies war sicherlich die vorwiegende Auffassung der Politiker bei der Einführung dieser Einrichtung Ende des 19. Jahrhunderts. Wir werden sofort sehen, dass diese Auffassung heute sicherlich in dieser Rigorosität nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Es gibt aber noch einen zweiten Grund, weshalb lange Zeit die Bekämpfung der Risikoursachen im Rahmen der Einrichtungen der Sozialen Sicherheit vernachlässigt wurde.

 

Auch dann, wenn man nämlich der Überzeugung ist, dass der Staat mit politischen Maßnahmen sehr wohl in der Lage ist, den Umfang der sozialen Risiken zu verringern, kann man der Auffassung sein, dass es sich bei der Bekämpfung der Risiken als solche und bei der Verminderung der materiellen Folgekosten der Risiken um zwei verschiedene Ziele handelt, die mit unterschiedlichen Mitteln und in unterschiedlichen Einrichtungen angegangen werden sollten. Andere Ursachen verlangen auch andere Methoden zur Verminderung des Schadens.

 

So ist es z. B. Aufgabe der medizinischen Wissenschaften, die Ursachen einer Krankheit zu erforschen und Möglichkeiten der Bekämpfung der Krankheiten wie z. B. die Entwicklung von Arzneimitteln sowie operativer Methoden zu eruieren. Die Aufgabe des Staates in diesem Zusammenhange besteht vor allem darin, Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um Hochschulen zu errichten, in denen angehende Ärzte ausgebildet werden und Forschungsstätten aufzubauen, in denen die Ursachen der verschiedenen Krankheiten untersucht werden können. Schließlich bedarf es zahlreicher Kontrolleinrichtungen, um sicherzustellen, dass die Bevölkerung möglichst wenig Gesundheitsgefährdungen ausgesetzt ist.

 

Trotz dieser Unterschiede in den Ursachen der Risiken als solche und der Bekämpfung der materiellen Folgen der einzelnen Risikotatbeständen, gibt es doch gute Gründe dafür, dass auch in den Einrichtungen der Sozialen Sicherheit die hier entstehenden Ausgaben in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Bekämpfung der Ursachen stehen und dass es deshalb zweckmäßig und notwendig sein kann, die Ausgaben der Einrichtungen der Sozialen Sicherheit auch dadurch in den Griff zu bekommen und zu vermindern, dass man die sozialen Risiken auch in diesen Einrichtungen bekämpft.

 

Nehmen wir nochmals das Beispiel des Krankheitsrisikos. Die Häufigkeit und Schwere bei einem Krankheitsausbruch hängt entscheidend vom Verhalten der einzelnen Versicherten ab. So kann z. B. durch Vorsorge- und Früherkennungsmaßnahmen oftmals der Ausbruch einer Krankheit entweder ganz verhindert werden oder aber es kann doch zumindest dazu beigetragen werden, dass der Verlauf der Krankheit schneller und mit wesentlich geringeren materiellen Kosten erfolgt und bekämpft werden kann.

 

Weiterhin hängen die Erfolgsaussichten bei der Bekämpfung bereits ausgebrochener Krankheiten wesentlich davon ab, wie schnell der Patient nach Ausbruch der Krankheit einen Arzt aufsucht, inwieweit er den Verhaltensvorschriften des Arztes Folge leistet und z. B. die Medikamente in richtiger Dosierung und Zeitabfolge einnimmt oder alle Verhaltensweisen, welche den Behandlungserfolg in Frage stellen, möglichst vermeidet.

 

Wie hoch die Ausgaben einer Krankenversicherung oder eines Versorgungswerkes im Einzelnen sind, hängt also ganz entscheidend vom Verhalten der Versicherten ab. Nun wird man zwar davon ausgehen können, dass es im wohl verstandenen Interesse des jeweiligen Kranken selbst liegt, sich so zu verhalten, dass der Gesundungsprozess unterstützt wird. Trotzdem müssen wir davon ausgehen, dass das Einhalten der ärztlichen Vorschriften (Empfehlungen) oftmals kurzfristig sehr lästig und auch bisweilen schmerzhaft sein kann und dass darüber hinaus aufgrund einer gewissen Sorglosigkeit und Ahnungslosigkeit sehr oft gegen diese ärztlichen Empfehlungen verstoßen wird, also ein Verhalten praktiziert wird, das den Gesundungsprozess hinauszögert und gerade auf diese Weise auch dazu beiträgt, die mit der Bekämpfung der Krankheit verbundenen Kosten zu erhöhen.

 

Es ist deshalb durchaus notwendig und erwünscht, dass durch die Einrichtungen der Sozialen Sicherheit zusätzliche, vor allem finanzielle Anreize gesetzt werden, um sicherzustellen, dass sich der Kranke stets so verhält, dass der Gesundungsprozess unterstützt wird. So könnte eine Krankenversicherung durch Gewährung von Prämien oder Beitragsreduzierung Wohlverhalten materiell belohnen. So haben z. B in der Vergangenheit einige private Krankenversicherungen Beitragsreduzierungen für den Fall gewährt, dass Versicherte auf das Rauchen, das nachweislich das Krebsrisiko erhöht, verzichten.

 

Allerdings ist es umstritten, ob starkes Rauchen einzelner Versicherten die Krankenkasse tatsächlich langfristig zusätzliche Kosten verursacht. Zwar entstehen den Krankenkassen sicherlich in diesem Zusammenhange zunächst zusätzliche Kosten, da die Wahrscheinlichkeit z. B. an Lungenkrebs zu erkranken ansteigt und auf diesem Wege auch kostenintensive Heilungsmethoden notwendig werden. Aufgrund starken Rauchens sinkt jedoch auch die Lebenserwartung. Da die für die einzelnen Mitglieder notwendigen Krankheitsausgaben jedoch mit zunehmendem Alter stark ansteigen, ist es fraglich, ob starkes Rauchen über den gesamten Lebenszyklus eines Rauchers hinweg die Krankenkasse per Saldo belastet. Trotzdem ist es natürlich immer erwünscht, alles zu tun, was Häufigkeit und Schwere einer Krankheit verringern hilft.

 

Oder aber in zahlreichen, auch gesetzlichen Krankenkassen werden Beitragskürzungen für den Fall vorgesehen, dass sich der Versicherte regelmäßigen periodischen Untersuchungen beim Zahnarzt unterzieht. Gerade beim Zahnersatz ist der Zusammenhang zwischen Vorsorgeuntersuchungen und Kosten für Zahnersatz evident.

 

Wenn es also erwünscht ist, durch Verhaltensanreize den Verlauf des Krankheitsrisikos zu beeinflussen, ist es auch notwendig, im Rahmen einer Theorie des sozialen Risikos die eigentlichen Ursachen der sozialen Risiken zu erforschen und aufzuzeigen, inwieweit der Umfang der Risiken und damit die Ausgabenhöhe der Sicherungseinrichtungen davon abhängt, wie sich die Versicherten verhalten.

 

 

3. Einkommensersatzfunktion versus Ausgabenausgleichsfunktion

 

Den Einrichtungen der Sozialen Sicherheit fallen primär zwei Aufgaben zu. Es geht einmal darum, den mit dem Auftreten sozialer Risiken oftmals verbundenen Ausfall an Einkommen zu ersetzen. Wir sprechen hier von der Einkommensersatzfunktion. Zum andern soll auf diese Weise zumindest ein Teil der Ausgaben übernommen werden, welche im Zusammenhang mit den sozialen Risiken entstehen. Wir sprechen von der Ausgabenausgleichsfunktion.

 

Obwohl in den meisten Einrichtungen der Sozialen Sicherheit beide Aufgaben anfallen, ist jedoch das Gewicht beider Funktionen in den einzelnen Zweigen der Sozialen Sicherheit recht unterschiedlich. Es gibt Versicherungszweige, in denen die Einkommensersatzfunktion nur eine untergeordnete Bedeutung besitzt und wiederum andere, in denen es vorwiegend nur um die Einkommensersatzfunktion geht und der Ausgabenausgleichsfunktion nur eine untergeordnete Rolle zufällt.

 

Nehmen wir das Beispiel der Krankensicherung. Im Vordergrund steht ganz eindeutig die Aufgabe, den von Krankheit betroffenen Personen einen Ausgleich für die Ausgaben zu schaffen, welche im Zusammenhang mit der Krankheit entstehen. Hierzu zählen vor allem die Kosten zur Behandlung bei Ärzten einschließlich eines Krankenhausaufenthaltes sowie die Kosten für Medikamente und andere Heilmittel.

 

Natürlich haben wir davon auszugehen, dass es auch im Zusammenhang mit Krankheiten zu einer vorübergehenden Unfähigkeit kommen kann, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und dass deshalb unter Umständen während der Dauer der Krankheit kein reguläres Erwerbseinkommen erzielt werden kann. Aus mehreren Gründen kommt jedoch dieser Einkommensersatzfunktion heutzutage eine relativ geringe Bedeutung zu.

 

Erstens ist das Gewicht derjenigen Krankheiten, welche während der Dauer der Krankheit zu vorübergehender Arbeitsunfähigkeit führen, ohnehin gering. Bei dem Großteil der auftretenden Krankheiten ist die Arbeitsfähigkeit überhaupt nicht oder nur teilweise eingeschränkt. Es bedarf also hier auch keiner Einkommensersatzfunktion.

 

Zweitens handelt es sich bei solchen Krankheiten, welche zu einer vorübergehenden Erwerbsunfähigkeit führen, oftmals um Krankheiten wie die Grippe, welche nur wenige Tage einen Arbeitsausfall verursachen. In diesem Falle ist die durch die Krankheit hervorgerufene Minderung im Erwerbseinkommen relativ gering und belastet auf keinen Fall die wirtschaftliche Existenz der von Krankheit Betroffenen.

 

Drittens tritt dieser durch Krankheit verursachte vorübergehende Einkommensverlust ohnehin nur – wenn überhaupt – bei Arbeitern im engeren Sinne auf. Angestellte und Beamte erhalten normalerweise Monatsgehälter, welche in ihrer vollen Höhe ausgezahlt werden, unabhängig davon, ob der einzelne Arbeitnehmer krankheitsbedingt einige Tage nicht seiner Arbeit nachgehen konnte. Also kommt für Angestellte und Beamte die Einkommensersatzfunktion nur bei länger anhaltender krankheitsbedingter Erwerbsunfähigkeit in Frage.

 

Viertens gilt in der BRD seit 1957 das Lohnfortzahlungsgesetz. Dieses schreibt vor, dass auch Lohnarbeiter, deren Lohn nach Stunden oder Tagen berechnet wird und welche vor 1957 keinen Lohnanspruch für die Tage und Stunden hatten, für die Dauer von maximal 6 Wochen einen Anspruch auf Lohnfortzahlung von Seiten ihres Arbeitgebers haben. Also ist seit dieser Zeit in der BRD die Gewährung eines Krankengeldes von Seiten der gesetzlichen Krankenversicherung nur noch für die Fälle von Bedeutung, bei denen eine Krankheit länger als 6 Wochen dauert und während dieser Zeit eine Arbeitsunfähigkeit eintritt.

 

Als zweites Beispiel für die unterschiedliche Gewichtung der beiden primären Funktionen einer Einrichtung für Soziale Sicherheit wollen wir das Beispiel der Alterssicherung anführen. Diese Einrichtungen zeichnen sich dadurch aus, dass fast nur die Einkommensersatzfunktion von Bedeutung ist. Das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben führt zunächst einmal nur zu dem Verlust des Erwerbseinkommens, sodass auch nur die Einkommensersatzfunktion zum Tragen kommt. Natürlich ist es richtig, dass auch die Umstellung auf den neuen Lebensabschnitt zu Veränderungen im Konsumverhalten führt und dass aus diesen Gründen altersbedingt ebenfalls zusätzliche Ausgaben entstehen können.

 

Trotzdem reicht es aus, dass sich die Rentensicherungseinrichtung im Wesentlichen auf die Auszahlung von Renten beschränkt. Erstens muss man davon ausgehen, dass im Alter nicht nur zusätzliche Ausgaben entstehen, sondern auch andere Ausgaben wegfallen, sodass also per Saldo nicht unbedingt damit zu rechnen ist, dass die Gesamtausgaben im Alter ansteigen. So fallen im Alter grundsätzlich alle Ausgaben weg, welche dazu dienen, das berufliche Fortkommen zu fördern oder eine Familie zu gründen, während andererseits Ausgaben für Krankheit insgesamt ansteigen dürften. Diesem Bedürfnis wird jedoch bereits im Rahmen der Krankenversicherung entsprochen, braucht also nicht mehr innerhalb der Alterssicherung berücksichtigt werden.

 

Wenn somit im Rahmen der Alterssicherung nur die Einkommensersatzfunktion von größerer Bedeutung ist, fragt es sich, warum trotzdem auch die Rentenversicherungs-Anstalten einen beachtlichen Anteil ihrer Einnahmen für andere Ausgaben als die Auszahlung von Renten und natürlich für Verwaltungskosten verwenden. Als wichtiger Ausgabenposten der Rentenversicherungsanstalten gelten z. B. die Ausgaben für Rehabilitation.

 

Diese Ausgaben werden jedoch notwendig, da diese Einrichtungen nicht nur die Aufgabe haben, den Altersrentnern eine Rente zu garantieren, sondern auch denjenigen Arbeitnehmern einen materiellen Schutz zu gewähren, welche vor dem Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters Frühinvalide werden. Der Schutz bei Frühinvalidität besteht jedoch nicht nur darin, dass ein Frühinvalider einen Anspruch auf eine Invalidenrente besitzt, sondern dass auch Maßnahmen zur Rehabilitation (also zur Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit) notwendig werden können.

 

Versuchen wir nun, auf die Einkommensersatzfunktion etwas näher einzugehen. Historisch gesehen wurde es zu Beginn der Industrialisierung vor allem für die Industriearbeiter für notwendig erachtet, den mit den einzelnen sozialen Risiken verbundenen Einkommensverlust zu ersetzen. Bei den Industriearbeitern zu Beginn der Industrialisierung kam zweierlei zusammen. Auf der einen Seite verfügten die Industriearbeiter nur über ihre eigene Arbeitskraft als einzige Einkommensquelle. Sie waren Proletarier und hatten nicht wie die Selbständigen Vermögen, das zum Einkommenserwerb eingesetzt werden konnte.

 

Auf der anderen Seite reichte das Lohneinkommen kaum aus, um die wichtigsten Konsumbedürfnisse zu befriedigen, ein Großteil der Arbeiter war arm, ihr Einkommen überstieg kaum das physische Existenzminimum, sodass auch keine Einkommensteile gespart und damit für Notfälle zurückgelegt werden konnten. Gerade wegen dieser Armut mussten die Kinder schon sehr früh in den Fabriken arbeiten, mit der Folge, dass keine Zeit für Ausbildung blieb und damit auch keine Chance bestand, dass die Kinder einmal als Erwachsene in höhere Einkommensgruppen aufrücken konnten. Die Elterngenerationen konnten somit auch nicht erwarten, dass sie von ihren Kindern miternährt werden, wenn sie einmal aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Es bestand also für viele Industriearbeiter in diesen Zeiten die Gefahr, bei Krankheit und im Alter in Armut zu versinken und der Fürsorge anheimzufallen.

 

Nun gibt es an und für sich mehrere Möglichkeiten, wie die Zeiten, in denen aufgrund sozialer Risikotatbeständen kein regulärer Einkommenserwerb möglich ist, überbrückt werden können. Wir wollen im Folgenden die grundsätzlichen Lösungswege benennen und aufzeigen, auf welch unterschiedlichen Wegen die Einkommensersatzfunktion wahrgenommen werden kann.

 

Der einzelne Erwerbstätige kann Einkommensteile sparen und individuelle Vorsorge betreiben, er lebt dann in den Zeiten der Erwerbslosigkeit von den Zinsen seines Vermögens und unter Umständen auch davon, dass Vermögensteile aufgelöst werden. Wie bereits vermerkt, setzt dieser Weg voraus, dass das reguläre Erwerbseinkommen das Existenzminimum übersteigt und steht deshalb gerade für die Empfänger geringer Einkommen nicht zur Verfügung.

 

Wir werden im nächsten Abschnitt sehen, dass auch dort, wo dieser Weg beschritten werden könnte, er anderen Lösungsmöglichkeiten unterlegen ist, dass also diese erste Alternative äußerst ineffizient ist und auch bei denjenigen Erwerbspersonen, welche sehr wohl Einkommensteile sparen können, zumindest nicht hauptgewichtig eingesetzt werden sollte.

 

Eine zweite Lösungsmöglichkeit, die Zeiten vorübergehender Erwerbslosigkeit zu überbrücken, besteht darin, dass sich die einzelnen im Rahmen privater Versicherungen gegen Einkommensausfälle während des Auftretens sozialer Risiken selbst schützen. Dieser Weg ist im Vergleich zur Eigenvorsorge über das Anlegen von Ersparnissen sehr viel effizienter. Sofern gewisse Mindestvoraussetzungen erfüllt sind, ist es nämlich – wie wir weiter unten noch sehen werden – durchaus möglich, durch Abschluss von privaten Versicherungsverträgen, also durch eine reine Marktlösung, sich gegen die materiellen Folgewirkungen der sozialen Risiken erfolgreich zu schützen. Allerdings wird man einräumen müssen, dass der Abschluss von privaten Versicherungsverträgen gewisse Kenntnisse voraussetzt und dass aus diesen Gründen nicht erwartet werden kann, dass diese zweite Alternative von der Masse der Arbeitnehmer gewählt wird.

 

Auch ist der Markt nicht in der Lage, alle Ziele, welche im Allgemeinen im Rahmen der Sozialen Sicherheit angestrebt werden, zu erfüllen. Der Beitrag innerhalb einer Privatversicherung wird immer der Höhe des eingegangenen Risikos entsprechen müssen. Eine Umverteilung zugunsten derjenigen, welche in besonderem Maße von den Risiken betroffen werden, ist nur insoweit möglich, als diese Risikofolgekosten ex post, das heißt nach Abschluss des Versicherungsvertrags auftreten. Da jedoch der einzelne zumeist gar nicht für einen unterschiedlich hohen Risikoumfang bei Abschluss des Versicherungsvertrages – also ex ante – verantwortlich gemacht werden kann, sollte er nach allgemeinen Zielvorstellungen auch nicht durch höhere Versicherungsbeiträge für überdurchschnittlich hohe Risiken ex ante selbst aufkommen müssen.

 

Solche weitergehenden Umverteilungsziele lassen sich nur im Rahmen bürokratischer Einrichtungen verfolgen. Aber auch hier bieten sich mehrere Lösungsmöglichkeiten für die Erfüllung der Einkommensersatzfunktion an. Es können Sozialversicherungen gebildet werden, welche den Versicherungsschutz nur einer ausgewählten Gruppe von Versicherten gewähren und welche sich vorwiegend durch Beiträge finanzieren, welche nur von den Versicherungsnehmern erhoben werden und welche auch nur für die spezifischen Aufgaben der Sozialversicherung verwandt werden dürfen.

 

Es können aber auch Versorgungswerke errichtet werden, welche grundsätzlich allen Bürgern zur Verfügung stehen und welche sich aus allgemeinen Steuermitteln finanzieren. Im Gegensatz zu Versicherungsbeiträgen sind Steuern nicht zweckgebunden. Diese Versorgungseinrichtungen als solche sind jedoch sehr wohl nach den einzelnen Risikotatbeständen gegliedert, es gibt – wird dieser Weg der Absicherung gewählt  – ein Versorgungswerk, welches für Krankheitsfälle, ein anderes, welches die Auszahlung von Arbeitslosengeldern übernimmt, ein weiteres, welchem die Gewährung von Renten zufällt.

 

Im Gegensatz zu diesen speziellen Einrichtungen könnte schließlich auch eine generelle, übergreifende Behörde geschaffen werden, welche überall dort Transfereinkommen an Haushalte gewährt, wo eine Umverteilung angezeigt erscheint, unabhängig davon, ob die Notwendigkeit einer finanziellen Begünstigung in dem Vorliegen ganz bestimmter sozialer Risiken liegt oder ob – wie in Fürsorgeeinrichtungen – die materielle Not als solche ausreicht, eine Unterstützung zu gewähren, unabhängig davon, aufgrund welcher Tatbestände diese materielle Not eingetreten ist.

 

Da in solchen Einrichtungen die persönlichen Freiheitsrechte im Allgemeinen stärker eingeschränkt werden müssen als in den sonstigen Sicherungseinrichtungen, in denen ja den einzelnen Versicherten oder Versorgten auch einklagbare Bezugsrechte eingeräumt werden, erlangen diese Einrichtungen sehr leicht einen diffamierenden Charakter und werden deshalb im Allgemeinen nur dort eingesetzt, wo die speziellen Sicherungseinrichtungen nicht greifen.

 

Neben den bürokratischen Regelungen könnte ein risikobedingter vorübergehender Ausfall an Erwerbseinkommen schließlich dadurch überbrückt werden, dass man die Arbeitgeber verpflichtet, die Erwerbseinkommen auch für die Zeiten auszuzahlen, in denen die von den Risiken betroffenen Arbeitnehmer vorübergehend arbeitsunfähig sind. Solche Lösungen finden z. B. für alle diejenigen Angestellten und Beamten statt, welche nicht nach Stunden oder Tagen, sondern für einen längeren Zeitraum in Form von Monats- oder sogar Jahresgehältern entlohnt werden. Auch haben wir bereits angedeutet, dass dieser Weg 1957 im sogenannten Lohnfortzahlungsgesetz beschritten wurde, als auch Arbeiter, welche nach Stunden und Tagen entlohnt werden, während der ersten 6 Wochen einer Krankheit mit Arbeitsunfähigkeit einen Anspruch auf Lohnfortzahlung besitzen.

 

In ähnlicher Weise können natürlich auch die mit den sozialen Risiken verbundenen zusätzlichen Ausgaben auf unterschiedlichen Wegen ausgeglichen werden. Wenn man einmal von der Möglichkeit der Lohnfortzahlung absieht, kann ein Ausgleich für zusätzliche Ausgaben in ähnlicher Weise wie der Ersatz der Erwerbseinkommen erfolgen. Allerdings gibt es Fälle, in denen die risikobedingten Ausgaben einen solchen Umfang annehmen, dass sich jeder Versuch, dieses Problem über eine individuelle Vorsorge allein zu lösen, von selbst ausschließt. So übersteigen komplizierte medizinische Operationen und Verfahren bisweilen die monatliche Einkommenshöhe eines Durchschnittsbürgers um ein Vielfaches.

 

 

4. Allokation versus Distribution

 

Bei der Lösung sozialer Risiken entstehen immer sowohl Allokations- als auch Distributionsprobleme. Mit Allokationsproblemen (also mit Problemen der Produktionslenkung) haben wir überall dort zu tun, wo knappe Güter eingesetzt werden. Auf der einen Seite reichen die materiellen Ressourcen nicht aus, um alle Bedürfnisse in ausreichendem Maße zu befriedigen, auf der anderen Seite gibt es fast immer mehrere Möglichkeiten, diese materiellen Ressourcen einzusetzen, wobei sich diese einzelnen Alternativen darin unterscheiden, in welchem Ausmaß die Bedürfnisse bei gegebenen Ressourcen befriedigt werden können. Man wird also im Allgemeinen dadurch, dass man nach der effizientesten Lösung sucht, die Wohlfahrt der Individuen vergrößern können.

 

Distributions- (Verteilungs-) Probleme entstehen im Zusammenhang mit den sozialen Risiken insoweit, als die einzelnen Mitglieder einer Sicherungseinrichtung in unterschiedlichem Maße von den sozialen Risiken betroffen sind. Aus diesen Gründen findet zumindest ex post gesehen im Rahmen der Sozialen Sicherung immer auch eine Umverteilung der Einkommen statt.

 

Wenn auch nahezu jedes soziale Risiko somit Allokations- sowie Distributionsprobleme berührt, gilt dennoch, dass Allokationsprobleme vorwiegend ein Problem bei der Realisierung der Ausgabenausgleichsfunktion darstellen, während Distributionsprobleme bei der Lösung der Einkommensersatzfunktion entstehen. So geht es z. B. im Rahmen der Krankensicherung vor allem um Allokationsprobleme, es geht hier vorrangig um die Frage, wie die knappen Ressourcen auf die einzelnen medizinischen Zwecke aufgeteilt werden. Im Rahmen der Rentenversicherung hingegen werden Geldmittel in Form von Beiträgen der Erwerbstätigen den Rentnern ausgezahlt. Es interessiert, welche Beitragssumme der einzelne Erwerbstätige entrichten muss und welche Rentenhöhe ein Rentner zu beanspruchen hat.

 

Indirekt wird natürlich über die Verteilung der Renten auch die Allokation beeinflusst. Rentner verwenden in der Regel ihre Einkünfte für andere Güter als Erwerbstätige, sodass also eine Umschichtung der Einkommen von den Erwerbstätigen zu den Rentnern gleichzeitig auch eine andere Aufteilung des Inlandsproduktes und somit eine Reallokation bewirkt. Die Entscheidung darüber, welche Konsumgüter letztlich gekauft werden, liegt jedoch bei den einzelnen Rentnern und mit der Gewährung der Renten wird von Seiten des Staates nicht primär angestrebt, eine ganz bestimmte Konsumstruktur zu erreichen.

 

Andererseits ist mit jeder Entscheidung über die Allokation indirekt auch eine Einflussnahme der realen Einkommensverteilung verbunden. Änderungen in der Produktionsstruktur beeinflussen die Preisverhältnisse, Änderungen in den Güterpreisen schlagen sich in den Knappheitsverhältnissen der Faktoren und deren Preise nieder, sodass letztlich nahezu jede Änderung in der Allokation auch eine Änderung in der Einkommensverteilung auslöst. In einer Marktwirtschaft werden eben Allokations- und Verteilungsentscheidungen uno actu gefällt. Aber auch hier gilt, dass die einzelnen Allokationsentscheidungen nicht primär aus verteilungspolitischen Gründen getroffen wurden.

 

Befassen wir uns etwas ausführlicher mit den Problemen, welche im Rahmen allokativer Entscheidungen entstehen. Im Grunde stehen in den Einrichtungen der sozialen Sicherheit im Zusammenhang mit Allokationsproblemen zwei unterschiedliche Entscheidungen an. Es geht entweder darum, zur Erstellung einer bestimmten Leistung die effizienteste Methode zu finden. Die Entscheidung für eine ganz bestimmte Zusammensetzung der Verwendungen ist bereits gefallen, es geht dann nur noch um die Frage, welche der möglichen Produktionsmethoden die geringsten Kosten verursacht.

 

Oder aber die Frage steht zur Diskussion, welche Leistung denn angeboten werden soll, welche Leistung den Sicherungsnehmern den größten Nutzen stiftet. Hierbei muss entschieden werden, wie viel Ressourcen für den Sicherungsbereich und damit auch für die anderen volkswirtschaftlichen Bereiche eingesetzt werden sollen und darüber hinaus ist zu klären, welche einzelnen Leistungen und in welchem Umfang innerhalb des jeweiligen Sicherungszweiges (Krankenversicherung, Unfallversicherung etc.) zu erbringen sind.

 

Hierbei muss man sich darüber im Klaren sein, dass stets über knappe Ressourcen entschieden wird, dass es nicht darum gehen kann, möglichst viele Ressourcen für die gerade zur Diskussion stehende Verwendung einzusetzen. Stets muss berücksichtigt werden, dass ein ‚Mehr’ an Ressourcen für die eigene Verwendung immer ein ‚Weniger’ bei den anderen Verwendungsarten bedeutet. Es muss stets mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass dieser Entzug der Ressourcen bei den sonstigen Verwendungsarten einen größeren Nutzenentgang verursacht, als an Nutzengewinn bei der in Frage stehenden Verwendungsart erzielt wird. Es geht nie darum, in einem einzelnen Bereich ein Maximum zu erzielen, sondern darum, für den Gesamtbereich der Sicherungseinrichtung, aber auch für die gesamte Volkswirtschaft ein Wohlfahrtsoptimum zu erreichen. Die oft gehörte Meinung, man könne für Gesundheit nie zu viel ausgeben, ist also falsch und gefährlich.

 

Worin bestehen nun diese einzelnen Allokationsentscheidungen? Im Rahmen der Allokationsentscheidungen muss erstens entschieden werden, ob die knappen Ressourcen für investive oder für konsumtive Zwecke eingesetzt werden sollen. Konsumtive Entscheidungen berühren das augenblickliche Wohl der Versicherten, während bei den investiven Entscheidungen das langfristige Wohl im Vordergrund steht. Nehmen wir ein Beispiel aus der Krankenversicherung. Die Maßnahmen des Staates und der Sicherungsverwaltungen können primär das Ziel verfolgen, die Zahl und den Umfang der tödlich wirkenden Krankheiten zu reduzieren und damit letzten Endes die durchschnittliche Lebenserwartung zu vergrößern.

 

Sie können aber auch vorrangig das Ziel verfolgen, die mit den augenblicklichen Krankheiten verbundenen Beschwerden zu reduzieren und ein Leben möglichst ohne Schmerzen zu ermöglichen. Da die Ressourcen knapp sind, können nicht immer beide Zielsetzungen gleichermaßen erreicht werden und die einzelnen Alternativen stehen bisweilen sehr wohl in einem Zielkonflikt zueinander. Wenn mehr Mittel für die Schmerzbekämpfung eingesetzt werden, stehen weniger Ressourcen für die langfristigen Ziele der Lebenserhaltung zur Verfügung.

 

Zweitens ist bei Investitionsentscheidungen davon auszugehen, dass bestimmte Alternativen eher der Kostensenkung, andere hingegen eher der Qualitätsverbesserung dienen. Hierbei ist davon auszugehen, dass nur ein Mix dieser beiden Arten ein Wohlfahrtsoptimum garantieren kann.  Zumindest in der Vergangenheit bildete sich im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung ein Bias zugunsten der qualitätsverbessernden und zuungunsten der kostensenkenden Maßnahmen heraus. Gleichzeitig haben die Investitionen im Gesundheitssektor vor allem dazu beigetragen, das Leben zu verlängern. So ist die durchschnittliche Lebenserwartung in den letzten 50 Jahren um circa 10 Jahre gestiegen. Allerdings ist es der Medizin nicht in gleichem Maße gelungen, den Umfang der Beschwerden, die vor allem in den älteren Jahren auftreten, in gleichem Umfang zu reduzieren.

 

Für viele Individuen ist jedoch der Zuwachs an Lebensjahren ein zweifelhafter Gewinn, wenn diese zusätzlichen Jahre mit besonders zahlreichen Krankheiten und Beschwerden verbunden sind. Schließlich lässt sich auch feststellen, dass sehr oft die diagnostischen Verfahren verbessert wurden ohne Rücksicht darauf, mit welchen Beschwerden für die jeweils untersuchten Patienten diese Verfahren verbunden sind. Es sind sicherlich oftmals zu wenig Anstrengungen vorgenommen wurden, um das augenblickliche Befinden der Erkrankten so angenehm wie möglich zu gestalten.

 

Im Hinblick auf die Verteilungsproblematik ist als erstes auf die Unterscheidung zwischen ex post und ex ante Verteilung hinzuweisen. Bei der ‚ex post’ Problematik fragt man sich, wie sich die auf das gesamte Leben verteilten Beiträge eines Versicherten und die Auszahlungen zugunsten dieses Versicherten zueinander verhalten. Eine ex post Umverteilung zugunsten eines Versicherten hat stattgefunden, wenn der Betroffene während seines Lebens insgesamt weniger eingezahlt hat als zu seinen Gunsten aufgewendet werden musste. Umgekehrt fand eine ex post Umverteilung zu Ungunsten eines Versicherten statt, wenn er mehr Beitragsgelder zeit seines Lebens zu entrichten hatte als zu seinen Gunsten Zahlungen von Seiten der Sicherungseinrichtung stattgefunden haben.

 

Bei der ex ante Betrachtung stellt man hingegen die Frage, wie sich Beiträge und voraussichtliche Auszahlungen bei Vertragsabschluss (bei Eintritt in die Versicherung) verhalten. Hier ist in diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt, wie oft und wie schwer der einzelne Sicherungsnehmer z. B. erkranken wird und wie viel Auszahlungen deshalb in Zukunft notwendig werden. Der Beitrag richtet sich dann am Risikoausmaß aus, also an der Frage, wie hoch denn die Wahrscheinlichkeit ist, dass der einzelne Sicherungsnehmer von den Risikotatbeständen betroffen sein wird. Ex ante gesehen findet keine Umverteilung statt, wenn der Beitragssatz – wie in etwa in der Privatversicherung – nach der Höhe des versicherten Risikos erhoben wird.

 

Die einzelnen oben aufgezeigten Lösungswege unterscheiden sich nun darin, wie sich ex post und ex ante Verteilung verändern. Nehmen wir den Fall, dass ein Individuum lediglich dadurch Vorsorge treffen würde, dass es Sparrücklagen aus seinem Einkommen bildet. In diesem Falle würde weder in einer ex ante noch in einer ex post Betrachtung eine Umverteilung zu seinen Gunsten oder auch zuungunsten stattfinden, alle Kosten, die im Zusammenhang mit den einzelnen Risikotatbeständen auftreten, sind hier von dem Betroffenen selbst aufzubringen. Der Wohlfahrtsgewinn, den dieses Individuum durch seine Vorsorge erfährt, besteht lediglich darin, dass die Sparrücklagen in Zeiten des Überflusses gebildet wurden und dass diese Gelder dann in Zeiten der Not zur Verfügung stehen und deshalb in Notzeiten einen größeren Nutzen stiften als in den Zeiten, in denen diese Rücklagen gebildet wurden.

 

Alle anderen zur Diskussion stehenden Lösungswege zeichnen sich darin aus, dass sie eine ex post Umverteilung zulassen, und zwar in dem Sinne, dass diejenigen, welche von den einzelnen Risikotatbeständen in überdurchschnittlichem Umfang betroffen sind, auch mehr aus der Sicherungseinrichtung erhalten als sie eingezahlt haben. Es findet also hier ex post gesehen immer eine Umverteilung zugunsten der von den Risiken stark Betroffenen, zuungunsten der weniger hiervon Betroffenen statt.

 

Dies gilt nicht nur für die bürokratischen Lösungen der sowohl zweckgebundenen als auch allgemeinen Versorgungseinrichtungen, sondern auch für eine private, erwerbswirtschaftlich ausgerichtete Versicherung. An und für sich hat man zwar davon auszugehen, dass eine marktwirtschaftliche Lösung – und die Privatversicherung ist eine reine marktwirtschaftliche Methode – keinerlei echte Umverteilung kennt. Dies gilt jedoch nur für eine ex ante Betrachtung. Gerade weil bei Vertragsabschluss nicht bekannt sein kann, in welchem Umfang der Betroffene von den Risiken tatsächlich heimgesucht werden wird und deshalb für den Einzelnen in Zukunft Auszahlungen notwendig werden, muss immer damit gerechnet werden, dass sich im Nachhinein die Beitragssummen und die Auszahlungssummen unterscheiden.

 

Ex ante gesehen unterscheiden sich jedoch die marktwirtschaftlichen und die bürokratischen Lösungen im Hinblick auf die realisierte Umverteilung beachtlich. Privatversicherungen in ihrer reinen Form kennen keine ex ante Umverteilung. Weist der einzelne Versicherungsnehmer bei Vertragsabschluss ein überdurchschnittlich hohes Risiko auf, so wird auch dementsprechend sein Beitragssatz überdurchschnittlich hoch ausfallen. Die Versorgungslösungen hingegen fragen bei der Festlegung der Beitragssätze nicht nach der Höhe der Risiken bei Eintritt in die Versicherung, sie stellen im Hinblick auf den Risikoumfang jeden Versicherten gleich. Man geht davon aus, dass im Großen und Ganzen der Einzelne den Umfang der Risiken nicht selbst verschuldet hat und dass es gerade aus diesem Grunde erwünscht ist, dass die Beiträge nicht nach der Höhe der eingegangenen Risiken gestaffelt werden, dass also niemand aufgrund von Ursachen, die er nicht selbst verschuldet hat, materiell belastet und damit quasi bestraft werden sollte.

 

Wollte man diese Zielsetzung (– dass nämlich der einzelne für nicht selbstverschuldete Risikokosten auch nicht aufzukommen habe –) auch an die Privatversicherungen herantragen, so wären die Privatversicherungen überfordert. Will man nämlich den einen (den vom Risiko besonders hart getroffenen Versicherungsnehmer) begünstigen, muss man notwendigerweise die anderen (also die von den Risiken weniger Betroffenen) stärker belasten als es ihrem eigenen Risiko entspräche.

 

Eine Privatversicherung, die sich in diesem Sinne verhalten würde, müsste langfristig Wettbewerbsnachteile in Kauf nehmen. Langfristig bestünde nämlich die Gefahr, dass Versicherungsnehmer mit besonders hohem Risiko gar nicht mehr angenommen würden. Eine Versicherung könnte sich ja dadurch einen Kostenvorsprung verschaffen, dass sie nur solche Versicherungsnehmer unter Vertrag nimmt, die einen unterdurchschnittlichen Umfang an Risiken aufweisen. Das Ende wäre die Versicherungslosigkeit all derjenigen potentiellen Versicherungsnehmer, welche überdurchschnittlich hohe Risiken aufweisen.

 

Natürlich könnte man die Situation dadurch verbessern, dass von Seiten des Staates vorgeschrieben würde, Versicherungsverträge seien für jeden potentiellen Versicherten bereits bei seiner Geburt abzuschließen. Es ist klar, dass sich für viele Risikoarten erst im Verlaufe des Lebens der Risikoumfang der einzelnen Individuen auseinanderentwickelt. Der häufigste Grund, weshalb ein Individuum ein überdurchschnittlich hohes Risiko aufweist, liegt nämlich vor allem darin, dass es von dieser speziellen Risikoart bereits in der Vergangenheit heimgesucht wurde und dass es deshalb wahrscheinlicher ist, an dieser Krankheit erneut zu erkranken.

 

Nun gibt es aber auch erbbedingte Risiken, dass also z. B. bestimmte Krankheiten aufgrund bestimmter Gene vermehrt auftreten. Solange die medizinischen Kenntnisse über Erbkrankheiten noch gering waren, konnte man davon ausgehen, dass in der Regel der Risikoumfang ex ante der gerade Geborenen als etwa gleich hoch angesehen werden konnte. Eine Vorschrift, dass eine Versicherung unmittelbar nach der Geburt zu erfolgen hat, führt dann im Großen und Ganzen auch zu einer Gleichstellung aller Individuen, die Forderung, unverschuldete Risiken nicht dem einzelnen Versicherungsnehmer anzulasten, wäre dann zwar nicht 100%ig, aber doch im Großen und Ganzen erfüllt.

 

In dem Maße jedoch, in dem die Medizin im Hinblick auf erbbedingte Krankheiten Fortschritte erzielt, lässt sich immer mehr bereits bei oder sogar vor der Geburt die Wahrscheinlichkeit bestimmen, mit der mit dem Auftreten bestimmter Risiken zu rechnen ist. Dies bedeutet, dass es keine Lösung gibt, den oben genannten Anspruch (unverschuldete Risiken bei der Beitragsfestlegung außer Acht zu lassen) im Rahmen einer marktwirtschaftlichen Lösung anzugehen.

 

Andererseits wäre es denkbar, dass man auch innerhalb der bürokratischen Systeme bei den Versicherten für bestimmte Arten des Risikos einen Zusatzbeitrag einführen will, so z. B., wenn jemand durch besonders riskante sportliche Betätigungen das Unfallrisiko oder durch übermäßiges Rauchen das Risiko der Erkrankung an Lungenkrebs erhöht. Hier kann man nicht davon ausgehen, dass der Einzelne unverschuldet ein überdurchschnittlich hohes Krankheits- oder Unfallrisiko aufweist.

 

Im Rahmen der bürokratischen Systeme werden in der Regel weitergehende Umverteilungsziele angestrebt, die mit den sozialen Risiken als solchen nichts zu tun haben. So wird in der Regel das Ziel verfolgt, die Empfänger geringerer Einkommen zu Lasten der Empfänger höherer Einkommen zu begünstigen, in dem die Beitragshöhe nach der Einkommenshöhe gestaffelt wird. Weiterhin wird im Allgemeinen im Rahmen der Sozialen Sicherungseinrichtungen der Versuch unternommen, kinderreiche Familien zu begünstigen, in dem die Kinder ohne kostendeckende Beitragssätze mitversichert werden. Schließlich kennen die meisten Sozialversicherungen die Vorkehrung, dass ein Teil der Versicherungsbeiträge (bei uns in der Vergangenheit in der Regel die Hälfte) von den Arbeitgebern zu entrichten ist.

 

Wir werden weiter unten feststellen müssen, dass es verschiedene Gründe gibt, diese weitergehenden Umverteilungsziele nicht im Rahmen der speziellen Sicherungseinrichtungen durchzuführen. Auf der einen Seite führen diese Maßnahmen in der Regel nicht zu dem erwünschten Erfolg, die Umverteilung findet gar nicht so statt wie sie eigentlich geplant ist. Der eigentliche Grund hierfür liegt darin, dass zahlreiche Überwälzungsprozesse dazu führen, dass nicht diejenigen diese Lasten zu tragen haben, welche vordergründig belastet werden.

 

Auf der anderen Seite führt diese Art von Umverteilungsmaßnahmen sowohl im Hinblick auf die gesamtwirtschaftlichen Ziele der Vollbeschäftigung, der Preisniveaustabilität als auch eines angemessenen wirtschaftlichen Wachstums zu unerwünschten Sekundärwirkungen. Soziale Umverteilungsziele lassen sich sehr viel effizienter mit anderen Maßnahmen erzielen.

 

Schließlich trägt der Arbeitgeberanteil auch dazu bei, dass die Allokationsaufgabe nicht sachgerecht gelöst werden kann. Indem die Versicherten nur etwa die Hälfte der Kosten zu tragen haben, wird ihnen ein zu geringer Preis vorgespielt, der sie veranlasst, wesentlich mehr von diesen Leistungen nachzufragen, als es in ihrem eigenen Interesse liegt. Nur dann, wenn im Preis alle Kosten widergespiegelt werden, ist sichergestellt, dass der Nachfrager nicht Einkommensteile für dieses Gut aufwenden will, die ihm in anderen Verwendungsarten einen höheren Nutzen gestiftet hätten.

 

 

Fortsetzung folgt!