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Grundprinzipien wirtschaftlichen und sozialen Handelns

 

 

 

 Gliederung:

 

    1. Einführung

    2. Ökonomisches Prinzip

    3. Arbeitsteilung

    4. Produktionsumwege

    5. Tausch    

    6. Wettbewerb

    7. Countervailing power

    8. Drohung

    9. Das Prinzip freier Entscheidungen

  10. Haftungsprinzip und Kapitalgesellschaft

  11.Versicherungs- versus Versorgung

  12. Die Spekulation

  13. Verteilungsprinzipien

  14. Solidaritäts-  und Subsidiaritätsprinzip

 

 

 

 

Kapitel 7: Countervailing powers

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Die Bedeutung der Fixkosten

3. Gründe für ein geringes Ausmaß an natürlichen Monopolen

4.  Die Annahmen

5. Das Grundmodell

6. Schlussfolgerungen

 

 

 

1. Das Problem

 

Wir hatten in Kapitel 6 dieser Vorlesung auf die konstitutive Bedeutung des Wettbewerbes für das reibungslose Funktionieren einer Marktwirtschaft hingewiesen. Es ist dem Wettbewerb vor allem der Unternehmer zu verdanken, dass sie sich stets um eine Steigerung der Produktivität bemühen und es ist der gleiche Wettbewerb, der sicherstellt, dass zumindest ein Teil der hierdurch erzielten Wohlfahrtsgewinne in Form von Preissenkungen und Qualitätsverbesserungen an die Konsumenten weitergegeben wird.

 

Nun hatten wir im vorherigen Kapitel auch gesehen, dass auf den einzelnen Märkten keinesfalls immer Wettbewerbsverhältnisse vorliegen, ja dass es Situationen gibt, in denen es gar nicht möglich ist, Wettbewerbsverhältnisse herbeizuführen. Wir sprachen von der Möglichkeit eines natürlichen Monopols, aufgrund derer auch der Staat nicht in der Lage ist, Wettbewerb herbeizuführen. 

 

Ein solches natürliches Monopol liegt z. B. auf jenen Gütermärkten vor, bei denen die Nachfrage nach diesem Gut so gering ist, dass die Gesamtproduktion nur von einer einzigen Unternehmung durchgeführt werden kann, dass also der Versuch, die Gesamtproduktion von zwei oder mehreren Unternehmungen durchführen zu lassen, unweigerlich dazu führen würde, dass jede der bestehenden Unternehmungen nur unter Verlusten diese Güter überhaupt produzieren könnte.

 

Dass es in Wirklichkeit durchaus Güter gibt, bei denen die Produktion zu Verlusten führen kann, wenn die gesamte nachgefragte Gütermenge von mehreren Unternehmungen durchgeführt werden würde, liegt vor allem in der Tatsache begründet, dass bei der Produktion von Gütern in der Regel sogenannte Fixkosten anfallen. Man versteht hierunter jene Kosten, deren Größe unabhängig von der Produktionsmenge bestimmt wird. Fixe Kosten fallen sogar dann an, wenn zeitweise überhaupt keine Produktion stattfinden würde.

 

Das wichtigste Beispiel für Fixkosten sind die Gebäude und Maschinen, welche für die Produktion benötigt werden. Vor allem die industriellen Maschinen sind so konstruiert, dass mit ihnen eine Vielzahl von Gütern pro Zeiteinheit hergestellt werden kann. Wird nun nur eine Einheit oder eine geringe Menge produziert, muss trotzdem die gesamte Anlage vorhanden sein, eine Maschine lässt sich nicht stückeln.

 

Der Fixcharakter diese Kosten bringt es nun mit sich, dass die mit dieser Anlage zusammenhängenden Kosten, welche pro Stück anfallen, mit wachsender Produktion abnehmen. Würde eine Unternehmung nur eine Einheit eines Gutes produzieren, müsste sie diesem Produkt trotzdem die gesamten in dieser Periode anfallenden Kosten dieser Anlage zurechnen. Beispielsweise wollen wir annehmen, dass eine bestimmte Maschine 10000 € gekostet habe und dass sie für 10 Perioden (Jahre) ihre Dienste verrichten könnte. Würde nun in der fraglichen Periode mit dieser Maschine nur ein Einheit des Produktes hergestellt, so würden die durchschnittlichen Kosten dieser Anlage pro Periode gerade 1000 € betragen.

 

Würde hingegen das Unternehmer in einer Periode 1000 Stück Güter produzieren, so fielen die Stückkosten dieser Anlage auf gerade einen Euro. Dieses Beispiel zeigt zweierlei. Auf der einen Seite zeichnen sich die Fixkosten dadurch aus, dass das Niveau der Stückkosten mit wachsender Produktion zurückgeht.

 

Dies gilt natürlich nur bis zu einer gewissen Grenze, da mit einer Anlage nicht beliebig viele Produkte, sondern eben nur eine begrenzte Anzahl Güter pro Periode produziert werden kann und da wohl jede Maschine irgendwann einmal nicht mehr eingesetzt werden kann, da sich entweder diese Anlage technisch gesehen abnützt oder deshalb obsolet wird, da neue Maschinen entwickelt wurden, welche noch mehr Güter produzieren können oder welche eine bestehende Anzahl von Gütern mit geringeren Kosten erstellen können oder bei denen schließlich die Qualität der einzelnen Produkte verbessert wurde.

 

Rechnet nun eine Unternehmung mit einer Zunahme des Absatzes, lohnt es sich für diese Unternehmung, Maschinen mit einer größeren Kapazität anzuschaffen. Diese größere Anlage hätte zwar zur Folge, dass die Stückkosten bei einer geringen Produktionsmenge sehr viel höher als bisher anfallen würden, dass aber bei einer starken Zunahme der Produktionsmenge die Stückkosten und damit auch der Verkaufspreis sogar herabgesetzt werden könnten.

 

 

2. Die Bedeutung der Fixkosten

 

Auf der anderen Seite hat diese Entwicklung zu immer größer werdenden Anlagen aber auch zur Folge, dass mit der Zunahme der Produktionskapazität einer Industrieanlage die Mindestmenge ansteigt, die erreicht werden muss, damit dieses Produkt auch verlustfrei abgesetzt werden kann. Für die Konsumenten gibt es immer einen Preis, bei dem die Nachfrage verschwindet, da von diesem Preis ab ein anderes Gut gefunden werden kann, das den Verbrauchern einen höheren Nutzen stiftet, sodass die Nachfrage nach diesen überteuerten Güter zurückgeht.

 

Der Umstand, dass es also Fixkosten gibt, bringt es mit sich, dass sich die Aufnahme einer Produktion für eine einzelne Unternehmung erst ab einer bestimmten Stückmenge überhaupt lohnt. Und es ist nun denkbar, dass bei bestimmten Gütern diese Mindestmenge so groß wird, dass der Gesamtbedarf von einer einzigen Unternehmung erstellt werden kann und dass dann, wenn die Produktion auf zwei oder mehrere Unternehmungen aufgeteilt werden würde, keine Unternehmung diese Mindestmenge erreichen könnte. Hier liegt also die Situation eines natürlichen Monopols vor. Und da keine Unternehmung auf Dauer über ein so großes Vermögenspolster verfügt, das es in der Lage ist, in jeder Periode Verluste hinzunehmen, würde auf lange Sicht jegliche Produktion dieses Gutes eingestellt.

 

 

3. Gründe für ein geringes Ausmaß an natürlichen Monopolen

 

Nun fallen wohl bei fast allen Produktionen Fixkosten an. Es wäre jedoch falsch, hieraus den Schluss zu ziehen, die Situation eines natürlichen Monopols würde zur Regel. In Wirklichkeit bleiben die natürlichen Monopole aus mehreren Gründen die Ausnahme.

 

Erstens ist die anzuwendende Technik keinesfalls vorgegeben in dem Sinne, dass die Entwicklung zwangsläufig zu einem permanenten Wachstum in der Mindestkapazität führen muss. Es sind immer die freien Entscheidungen der Unternehmer, welche festlegen, welche Technik angewandt wird. In aller Regel gibt es stets eine Vielzahl alternativer Techniken, welche sich unter anderem auch darin unterscheiden, wie kapitalintensiv produziert wird. Für welche Technik sich die Unternehmer entscheiden, hängt immer wesentlich vom Lohnzinsverhältnis ab.

 

Die in der Vergangenheit festzustellende Tendenz zu immer größeren Industrieanlagen ist eine unmittelbare Folge des Anstiegs des Lohnzinssatzverhältnisses. Würden die Zinsen im Verhältnis zu den Lohnsätzen nicht immer weiter sinken, würden durchaus Techniken profitabel, bei denen die Kapitalintensität und damit auch die Mindestgröße der Produktionskapazität geringer als heute wäre.

 

Zweitens gilt es sich klar zu machen, dass mit dem wirtschaftlichen Wachstum notwendiger Weise nicht nur die Produktionsmengen, sondern auch der Bedarf nach diesen Gütern ansteigt. Die Gefahr, dass die Preise im Zuge des Wachstums so stark fallen, dass die Unternehmungen in eine Verlustzone geraten, wäre jedoch nur gegeben, wenn die Nachfrage der Angebotsausweitung nicht folgen würde. In der Tat hat der technische Fortschritt zwar dazugeführt, dass eine einzelne Unternehmung immer mehr Güter produzieren kann, trotzdem bleibt die Produktion für eine Vielzahl von Unternehmungen profitabel, weil eben auch die Konsumenten aufgrund wachsender Einkommen mehr Güter nachfragen.

 

Drittens stieg in der Vergangenheit mit dem Zuwachs des internationalen Handels auch die Arbeitsteilung weltweit. Selbst dann, wenn eine Unternehmung aufgrund des Anwachsens der Mindestkapazität der Produktion mehr Güter produzieren würde als die inländischen Konsumenten nachfragen, würden die meisten Unternehmungen trotzdem nicht pleite gehen, da in immer stärkeren Maße Waren auch ins Ausland exportiert werden können. Oftmals mag zwar eine einzelne Unternehmung allein in der Lage sein, den gesamten Inlandsbedarf zu befriedigen, es dürfte aber nur in den seltensten Fällen eine einzelne Unternehmung den Gesamtbedarf der Welt befriedigen können.

 

Leonhard Miksch, ein Schüler Walter Euckens, hat diese Gefahr durchaus gesehen und den Vorschlag unterbreitet, dass in den Fällen, in denen aus natürlichen Gründen gar kein Wettbewerb zwischen den einzelnen Produzenten bestehen kann, der Staat eine Situation herbeiführen müsse, in der sich die Unternehmer so verhalten, als ob Wettbewerb gegeben sei.

 

Interessanter Weise hatte auch Oskar Lange in einem ganz anderen Kontext eine Ordnungskonzeption entwickelt, in der die Leiter staatlicher Produktionsstätten verpflichtet werden, sich genau so zu verhalten, wie sich die Unternehmer in einer freien Marktwirtschaft unter Wettbewerbsbedingungen verhalten würden, nämlich die Produktionsmenge jeweils an den vorgegebenen Preisen anzupassen. Der Unterschied zu einer freien Marktwirtschaft besteht hier allein darin, dass der vorgegebene Preis nicht aus dem anonymen Markt genommen, sondern von der staatlichen Planungsbehörde vorgegeben wird und weiterhin darin, dass die Gewinne aus der Produktion an den Staat abzuführen sind. Es wurde deshalb in diesem Zusammenhang von Konkurrenzsozialismus gesprochen. Auch hier wird also von Seiten des Staates eine Art Wettbewerb als ob ex post herbeigeführt.

 

Diese Vorschläge einer Veranstaltung, bei der sich die Produzenten so verhalten, als ob Wettbewerb herrschen würde, war jedoch nicht der einzige in der Wirtschaftswissenschaft diskutierte Beitrag, natürliche Monopolen und ihre schädlichen Auswirkungen zu überwinden. So hat John Kenneth Galbraith darauf hingewiesen, dass die Funktionen, welche der Liberalismus dem Wettbewerb zugedacht habe, auch von den sogenannten countervailing powers erfüllt werden könnten.

 

Der Wettbewerb erreiche in erster Linie dadurch seine Funktionen, dass den Unternehmungen von Seiten ihrer Konkurrenten eine Begrenzung auferlegt werde und dass auf diesem Wege sichergestellt werde, dass die Unternehmungen nicht ihre Macht missbrauchen könnten. Würde sich nämlich ein einzelner Unternehmer bei Vorliegen von Wettbewerb auf die faule Haut legen und auf jegliche Bemühungen zu einer Produktivitätssteigerung verzichten und würde er den Versuch machen, durch Verknappung seines Angebotes, einen höheren Preis zu erzielen, würde er sehr schnell Konkurs gehen, da andere Unternehmungen zu einer besseren Qualität und/oder zu geringeren Preisen anbieten würden und da deshalb die bisherigen Kunden zu diesen Konkurrenten abwandern würden. Die Machtkontrolle gehe also unter Wettbewerbsbedingungen von der gleichen Marktseite aus. Es seien die Anbieter von Gütern, welche sich gegenseitig kontrollieren würden.

 

In ähnlicher Weise könnten jedoch die vom Liberalismus dem Wettbewerb zugedachten Funktionen auch von der jeweiligen Marktgegenseite, eben den sogenannten countervailing powers ausgeübt werden. Ein Anbieter, welcher als einziger ein bestimmtes Gut anbietet,  könne sehr wohl auch dann von einem Nachfrager erfolgreich kontrolliert und in seine Schranken verwiesen werden, wenn dieser Nachfrager als einziger das fragliche Gut nachfragt. Denn wenn dieser Nachfrager als einziger auftritt, muss der Anbieter stets befürchten, dass er vollkommen leer ausgeht, wenn dieser Nachfrager damit droht, seine Nachfrage zurückzuziehen. Der Anbieter ist hier ähnlich wie ein Anbieter unter Konkurrenzbedingungen in seinem Handlungsspielraum eingeschränkt.

 

Eine solche countervailing power ist immer dann zu erwarten, wenn auf beiden Marktseiten immer nur ein einziger Marktteilnehmer auftritt. Wir sprechen hierbei von einem bilateralen Monopol. Und folgen wir den Überlegungen Galbraith’s, so führt nicht nur die Marktform des vollständigen Wettbewerbs – auf beiden Marktseiten tritt eine Vielzahl von Teilnehmern auf  –, sondern eben auch die Marktform des bilateralen Monopols (ein einzelner Anbieter tritt einem einzigen Nachfrager gegenüber) zu den gleichen wohlfahrtsgarantierenden Wirkungen.

 

Dies bedeutet, dass immer dann, wenn in der Realität ein natürliches Monopol gegeben ist, durch Herbeiführung eines Monopols auch auf der Marktgegenseite die ursprünglich dem Wettbewerb zugedachten Funktionen erfüllt werden können. Und welche Wirkungen tatsächlich innerhalb der Marktform des bilateralen Monopols zu erwarten sind, wurde im Rahmen der Theorie des bilateralen Monopols eingehend untersucht. Wir wollen uns nun dieser Theorie des bilateralen Monopols zuwenden.

 

 

4.  Die Annahmen

 

Wenn man will, finden sich erste Ansätze zu einer Theorie des bilateralen Monopols bereits in den Anfängen der Neoklassik, da zumeist die Ausführungen zur Preisbildung mit einem isolierten Tausch zwischen zwei Personen beginnen. Die heute in den Lehrbüchern übliche Darstellung bezieht sich zumeist auf die Ausführungen Edgeworth im Zusammenhang mit der Entwicklung von Indifferenzkurven. Da die wohl häufigsten Beispiele für bilaterale Monopole in der Realität die Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverband sein dürften, wollen wir hier ein bilaterales Monopol auf dem Arbeitsmarkt besprechen, wobei es vor allem William J. Fellner zu verdanken ist, die zunächst für die Gütermärkte entwickelte Theorie des bilateralen Monopols auf den Arbeitsmarkt übertragen zu  haben.

 

Zu den wichtigsten Annahmen dieses Modells zählen: Die Unternehmer versuchen ihren Gewinn zu maximieren und die Arbeitnehmer sind bestrebt, ihren Nutzen ­zu maximieren. Das bilaterale Monopol zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass im Gegensatz zur vollständigen Konkurrenz, aber auch dem einseitigen Monopol oder dem Oligopol von der Marktstruktur (der Morphologie) her keinerlei Anreize zu ganz bestimmten Verhaltensweisen ausgehen.

 

Bei einer vollständigen Konkurrenz verzichten die Unternehmer von selbst darauf, durch Veränderungen im Verkaufspreis ihren Gewinn zu steigern. Ein solcher Versuch würde die Situation des einzelnen Unternehmers nicht verbessern. Würde er nämlich den Preis anheben, müsste er befürchten, dass ein Großteil seiner bisherigen Kunden zu den Konkurrenten abwandern, welche den Preis nicht heraufsetzen. Sein Gewinn würde in diesem Falle zurückgehen und nicht ansteigen. Würde er jedoch versuchen, über eine Reduzierung des Verkaufspreises seinen Gewinn zu steigern, könnte er sich zwar vor zusätzlichen Abnehmern nicht retten.

 

Dies würde jedoch seine Gewinnsituation trotzdem nicht verbessern, da die Grenzkosten mit wachsender Produktion über den Güterpreis anwachsen würden. Wenn nämlich der Unternehmer unter den Bedingungen der vollständigen Konkurrenz nicht mehr produziert, als er bisher produziert hat, so liegt dies nicht daran, dass er nicht mehr Güter absetzen könnte, sondern allein daran, dass er bereits die Grenze seiner Produktionskapazität erreicht hat. Von der Marktform der vollständigen Konkurrenz gehen also starke Anreize zu einer reinen Mengenanpassung an den vorgegebenen Preis aus.

 

In der Marktform des bilateralen Monopols hingegen können sich die Beteiligten wie Mengenanpasser oder wie Cournot’sche Monopolisten verhalten; sie können sich auch als Optionsfixierer orten. Von Optionsfixierung spricht man immer dann, wenn der eine Marktpartner den anderen vor die Wahl stellt, einen bestimmten Preis sowie eine bestimmte Menge zu akzeptieren oder ganz auf den Tausch zu verzichten.

 

Die in Tarifverhandlungen am häufigsten durchgesetzte Strategie liegt jedoch in der schrittweisen Verhandlungs­führung: In einem ersten Schritt einigen sich die Tarifpartner über die Fragen, in denen man sich im Grunde bereits einig ist. In den darauf folgenden Schritten wird nach Lösungen gesucht, welche gegenüber der ersten vorläufigen Einigung beiden Partnern noch Vorteile verschaffen. Die Tarifverhandlung findet dann ihr Ende, wenn keine Lösungen mehr gefunden werden können, die beiden Partnern eine Wohlfahrtssteigerung in Aussicht stellen, wenn mit anderen Worten jeder weitere Schritt zumindest einem der Partner einen Nachteil gegenüber den bisher gefundenen Lösungen bringen würde.

 

 

5. Das Grundmodell

 

Versuchen wir nun die wichtigsten Aussagen dieser Theorie an einem einfachen Modell aufzuzeigen. Wir entwickeln hierzu zunächst das Grundmodell: Wir gehen von einem Diagramm aus, auf dessen Abszisse die Arbeitsmenge (A) und auf dessen Ordinate der Lohnsatz (l) abgetragen wird. Wir zeichnen in dieses Diagramm eine Schar von Isogewinnkurven ein. Diese gehen von der durchschnittlichen Arbeitsproduktivitätskurve aus. Die Kurve der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität entspricht hier der Isogewinnkurve IG0, (mit einem Gewinn von gerade null) da genau dann, wenn die Unternehmer den Arbeitgebern jeweils einen Lohnsatz in Höhe der Arbeitsproduktivität gewähren, ex definitione kein Gewinn entsteht.

 

Ausgehend von dieser Isogewinnkurve IG0 können wir jeder möglichen Gewinnsumme eine weitere Isogewinn­kurve zuordnen, indem wir die Isogewinnkurven nach unten verschieben. Die Differenz zwischen Arbeitsproduktivität und Lohnsatz gibt dann den jeweiligen Stückgewinn der Unternehmer wieder (IG1, IG2, IG3 …. IGn ).

 

In analoger Weise können wir eine Schar von Isonutzenkurven der Arbeitnehmer (IN) konstruieren. Wir gehen von einer Isonutzenkurve IN0 aus, die gerade dem Existenzminimum der Arbeitnehmer entspricht. Von dieser Isonutzenkurve In0 ausgehend können wir wiederum eine ganze Schar weiterer Isonutzenkurven konstruieren, welche einen höheren Nutzen bringen, indem wir die Nutzenkurven nach oben verschieben (IN1, IN2, IN3INn).

 

 

 

 

Wir unterstellen nun, dass beide Tarifpartner mit einer Kombination von Lohnsatz und Arbeitsmengen beginnen, die beiden Gruppen (den Arbeitnehmern wie den Arbeitgebern) Nutzenvorteile bringen. Dies sei in der folgenden Graphik Punkt P1. Durch diesen Punkt geht sowohl eine Isogewinnkurve als auch eine Isonutzenkurve.

 

Beide Kurven umschließen eine Fläche, deren sämtliche Punkte beiden Partnern Nutzenzuwächse bringen. P1 zeichnet sich ja dadurch aus, dass alle Punkte innerhalb dieser Fläche sowohl den Arbeitgebern einen höheren Gewinn als auch gleichzeitig den Arbeitnehmern ein höheres Nutzenniveau garantiert.

 

Wir können somit unterstellen, dass die Tarifpartner sich auch auf einen weiteren Punkt P2 einigen, der innerhalb dieser Fläche liegt. Da auch durch diesen neuen Punkt wiederum genau eine Isogewinn- und Isonutzenkurve geht und beide Kurven wiederum eine Fläche umschließen, gibt es im Allgemeinen weitere Punkte (P2, P3, Pn), auf die sich beide Tarifpartner einigen können.

 

Dieser Prozess findet erst dann ein Ende, wenn sich die durch diesen Punkt gehenden Isokurven tangieren. Denn in diesem Falle führt jede Bewegung weg von diesem Punkt zu einem Zustand, indem mindestens ein Partner Nutzenverluste erleidet. In unserer Graphik wäre dies Punkt P3. Von diesem Punkt ausgehend führt jede Bewegung nach oben zu einer Verringerung des Gewinnes der Arbeitgeber und jede Bewegung nach unten zu einer Reduzierung des Nutzenniveaus der Arbeitnehmer. Also wird sich gegen jede weitere Änderung zumindest einer der Tarifpartner aussprechen.

 

 

 

 

 

Die Tarifpartner hätten sich allerdings auch mit einem ganz anderen Vorschlag in einem ersten Schritt einigen können. Unterstellen wir, dass an die Stelle des Einigungspunktes P1 (mit goldener Farbe) die erste Einigung bei einem Punkt P1´ (mit grüner Farbe) getreten wäre, der in unserem Diagramm unterhalb des Punktes P1 liegt.

 

Auch von diesem Anfangspunkt aus hätte es eine Folge von weiteren Einigungspunkten gegeben, die alle schließlich mit einer Kombination von l und A geendet hätten, bei der eine Isonutzenkurve eine Isogewinnkurve tangiert hätte. Dieser endgültige Einigungspunkt wäre in unserem Diagramm allerdings bei einem wesentlich niedrigeren Lohnsatz gelegen. Beide Einigungspunkte würden jedoch – wie sich mathematisch beweisen ließe – bei der gleichen Arbeitsmenge liegen. Allerdings muss hier stillschweigend unterstellt werden, dass sowohl den Isogewinn- wie auch Isonutzenkurven homolineare Nutzenfunktionen (bzw. homogene Produktionsfunktionen) zugrunde liegen.

 

Eine homogen-lineare Produktionsfunktion zeichnet sich dadurch aus, dass zwar die partielle Ausweitung eines Produktionsfaktors bei Konstanz der anderen Produktionsfaktoren zu einem Rückgang im Grenzertrag führt, dass aber dann, wenn alle Produktionsfaktoren um den gleichen Prozentsatz vermehrt in der Produktion eingesetzt werden, der Grenzertrag unverändert bleibt. Es gilt hier das Gesetz vom konstanten Grenzniveauprodukt.

 

Ähnliche Gesetzmäßigkeiten gelten mutatis mutandis bei homothetische Nutzenfunktionen für die Veränderung im Nutzenniveau, auch hier wird der Grenznutzen einzelner Güter bei vermehrten Verbrauch sinken, aber auch hier gilt, dass ein vermehrter Konsum aller bisher nachgefragten Güter den gesamten Grenznutzen bezogen auf das Einkommen konstant beließe.

 

Man könnte nun von einer weiteren Vielzahl von anfänglichen Einigungspunkten ausgehen, alle würden sich im Lohnsatz unterscheiden und alle würden jedoch bei der gleichen Arbeitsmenge liegen. Diese neuen möglichen Vertragspunkte liegen somit auf einer Parallelen zur Ordinate.

 

Diese Aussage ist nun identisch mit der Feststellung, dass alle endgültigen Einigungspunkte die gleiche Allokation herbeiführen. Auch die Einigung, die bei beiderseitiger Mengenanpassung (Konkurrenz) erzielt worden wäre, liegt auf dieser Einigungslinie. Da aber – wie im Rahmen der paretianischen Wohlfahrtstheorie nachgewiesen wurde  – bei vollständiger Konkurrenz das allokative Optimum erreicht wird, ist eine Verhandlungs­strategie somit allokationsneutral und führt deshalb auch zu einem optimalen Allokationsergebnis.

 

 

 

 

 

Folgende Schlussfolgerungen können aus diesen Überlegungen gezogen werden: Der Lohn kann nicht unter das Existenzminimum sinken und nicht über den Durchschnittsertrag ansteigen. Selbst dann, wenn die Arbeitgeber versuchen würden, den Lohn unter das Existenzminimum zu senken, würde eine Einigung am Widerstand der Arbeitnehmer scheitern. Andererseits würde der Versuch der Arbeitnehmer, einen Lohnsatz zu erzwingen, welcher oberhalb der Arbeitsproduktivität liegt, am Widerstand der Arbeitgeber scheitern, da diese nicht bereit wären, eine Lösung zu  akzeptieren, bei der sie Verluste erleiden.

 

 

 

 

6. Schlussfolgerungen

 

Bei welchem Punkt auf der Verhandlungslinie jedoch der Einigungsprozess schließlich endet, darüber kann die Theorie des bilateralen Monopols keine Antwort geben. Jeder dieser Punkte (der Verhandlungslinie) ist möglich, welcher Punkt tatsächlich angesteuert wird, hängt von dem Lohnsatz ab, auf den sich die Tarifpartner zu Beginn der Tarifverhandlungen einigen (vom sogenannten Anfangslohn). Die Theorie des bilateralen Monopols ist aber nicht in der Lage, anzugeben, wovon die Höhe dieses Anfangslohnes  abhängt. Die Marktstruktur lässt keine Antwort darauf geben, mit welchem Anfangslohn die Verhandlungen beginnen.

 

Halten wir also fest: Auf der Verhandlungslinie erfolgt keine Determination. Die Höhe des tatsächlichen Gleichgewichtslohnes wird von der Höhe des Anfangslohnes bestimmt, dieser bleibt jedoch innerhalb dieser Theorie unbestimmt und mit ihm das distributive Ergebnis. Der empirische Gehalt dieser Theorie ist somit äußerst gering, da es einer Binsenwahrheit entspricht, dass freie Tarifverhandlungen ein Ergebnis ausschließen, bei dem entweder der Lohnsatz unter dem Existenzminimum liegt oder die Arbeitgeber auf Dauer Verluste erzielen.

 

Immerhin kommt diese Theorie zu der – durchaus informativen – Schlussfolgerung, dass das Verhandlungsergebnis allokations­neutral und sogar optimal ist, da die Beschäftigung immer gleich hoch ist und der Beschäftigung bei vollständiger Konkurrenz entspricht. Dieses Ergebnis korrigiert die in der Wirtschaftstheorie bisher geltende These, dass jede Monopolisierung vom Optimum der Produktion abführt. Wenn auf beiden Marktseiten ein Monopol vorherrscht, gilt diese These nicht mehr für alle Fälle. Zwar kann diese Theorie nicht nachweisen, dass bei jedem Verhalten der Monopolisten ein allokationsneutrales Ergebnis erzielt wird, aber immerhin ist ein solches Ergebnis möglich. Voraussetzung dafür, dass diese günstige Situation eintritt, besteht darin, dass sich auf der einen Seite die Tarifpartner einer schrittweisen Verhandlungsstrategie bedienen und dass auf der anderen Seite die entsprechenden Nutzen- und Produktionsfunktionen homogen-linear (bzw. homothetisch) sind.

 

Wenden wir uns nochmals dem unerfreulichen distributiven Ergebnis zu. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob eine Determination des Lohnsatzes nicht doch durch Einführung einer Gerechtigkeitskurve erreicht werden könnte? Man geht hierbei von der Annahme aus, dass beide Tarifpartner gleiche Vorstellungen darüber haben, bei welcher Lohnhöhe und bei welcher Beschäftigungsmenge ein fairer Kompromiss, eben eine gerechte Lösung erreicht wird. So könnte man z. B. von der Annahme ausgehen, eine gleiche Aufteilung des Durchschnittsertrages in einen Arbeitnehmer- und in einen Unternehmeranteil gelte als gerecht. In diesem Falle kämen wir zu der Gerechtigkeitskurve dadurch, dass wir von der Durchschnittsertragskurve ausgehen und für jeden Abszissenwert 50% des Durchschnittsertrages wählen würden.

 

 

 

 

Sofern es nur bei diesem Vorschlag bleibt, kann noch nicht von einer befriedigenden Lösung gesprochen werden. Es bleibt ja unklar, von welchen Faktoren es denn abhängt, ob eine solche gemeinsame Vorstellung über Fairness zustande kommt und vor allem,  bei welcher Lohnhöhe diese Übereinstimmung erreicht wird. Vorerst kann man lediglich feststellen, dass die Tarifpartner deshalb, weil sie sich schließlich auf einen bestimmten Lohnsatz gemeinsam durchgerungen haben, offensichtlich diesen Einigungslohn als fair bezeichnen. Es bedarf also der Klärung der weiteren Frage, von welchen Bestimmungsgründen es denn abhängt, welcher Lohnsatz von beiden Partnern als fair bezeichnet wird.

 

Weiter stellt sich die Frage, ob Nutzen- und Produktionsfunktionen wirklich homogen linear verlaufen? Üblicherweise wird ein abnehmender Grenznutzen des Einkommens unterstellt, in diesem Falle ist die Nutzenfunktion nicht mehr homogen (homothetisch) linear! In diesem Falle verläuft aber auch die Kontraktkurve nicht mehr parallel zur Ordinate und dies bedeutet, dass das Ergebnis dann auch nicht mehr allokationsneutral  ist.

 

Es ist auch zu kritisieren, dass in dieser Theorie alle politischen Bestimmungsgründe vernachlässigt werden. Es wird nur festgestellt, dass der Lohnsatz, auf den sich die Tarifpartner im ersten Schritt einigen (Anfangslohn), letztendlich auch den Lohnsatz zum Abschluss der Verhandlungen bestimmt. Wovon jedoch der Anfangslohn bestimmt wird, bleibt unklar.

 

Es fragt sich weiterhin, ob eine einseitige Monopolisierung tatsächlich – wie in der Theorie vom Angebotsmonopol unterstellt wird – eine optimale Strategie darstellt. Der Cournot-Punkt (Gewinnmaximierung bei Angebotsmonopol) liegt in unserer Graphik diesseits (links von der Einigungslinie) der Verhandlungslinie. Dies bedeutet, dass durch den Cournot-Punkt eine Isogewinn- und eine Indifferenzkurve gehen, welche zusammen eine Fläche umschließen, wobei jeder Punkt innerhalb dieser Fläche für beide Partner  Wohlfahrtssteigerungen ermöglicht. Also gibt es für beide Gruppen, auch für den Angebotsmonopolisten, bessere Lösungen als den Cournot-Punkt.